Wozu überhaupt noch Medienkritik?

21 Januar 2016 um 11:19 • 10 Kommentarepermalink

Mit der Medienkritik steht es nicht zum Besten. Sie arbeitet sich an Nebensächlichkeiten ab, neigt zu sarkastischer Nörgelei und zweifelt an ihrer Bedeutung. Das müsste nicht sein.

 

Nach den großen Medienaufwallungen des ersten Halbjahres 2015 (Charlie Hebdo und Germanwings) schrieb der wohl bekannteste deutsche Medienjournalist, Stefan Niggemeier, einen nachdenklichen und selbstkritischen Beitrag über das „folgenlose“ Schaulaufen der Medienkritiker in ihren Hamsterrädchen. Immer wieder, so Niggemeier, äußerten Medienkritiker die gleiche Kritik, ohne dass sich an den Medien etwas ändere. Und der Journalist Alan Posener schrieb sarkastisch: „Es ist schlimm genug, Journalist zu sein. Aber Medienjournalist! Von dem Kakao muss man nicht auch noch trinken.“

Offenbar wird die journalistische Spezialdisziplin Medienkritik von den Medien-Machern als belanglos, ja als weltfremd empfunden. Und da sie außer einigen Expertenkreisen und Filterbubbles niemanden erreicht, müssen die Medien ihre Kritiker auch nicht besonders ernst nehmen. Hinzu kommt, dass die Gesellschaftskritik, die gern das große Ganze im Blick hat, ihre kleine Schwester Medienkritik oft verächtlich „selbstreferentiell“ nennt, obwohl sie wissen müsste, dass die Kritik seit der Aufklärung nie etwas anderes war als das „Reden einer Gesellschaft über sich selbst“.

 

Anzeichen von Resignation

Die Ignoranz der Medienmacher und die Arroganz der Welterklärer wären für die Medienkritik vielleicht noch verkraftbar. Aber im vergangenen Jahr geriet sie auch in den eigenen Reihen in Erklärungsnot. Am 29. März 2015 schrieb der Fernsehkritiker Hans Hoff angesichts der medialen Ausbeutung der Germanwings-Katastrophe, man könne als Medienjournalist eigentlich nur noch hinschmeißen:

„Ich möchte mich verabschieden vom Journalismus. Er war mir jahrzehntelang ein treuer Weggefährte. Er gab mir Halt, er zimmerte mir Leitplanken, die dafür sorgten, dass ich nicht vom Weg abkam. Ich konnte mich geborgen fühlen als Journalist, aufgehoben in einem Ordnungssystem, das für Werte stand. Zu diesen Werten bekannte sich die Mehrheit meiner Kollegen, weshalb ich es als ehrenhaft empfand, mich als Journalist bezeichnen zu dürfen.

Das ist vorbei. Nicht erst seit den Ereignissen der vergangenen Woche. Es ist schon länger vorbei. Ich hätte das schon lange sehen können, aber ich wollte es nicht wahrhaben. Der Journalismus, so wie ich ihn kennen- und schätzen gelernt habe, existiert nicht mehr. Journalismus ist nurmehr ein hohles Gefäß, in das jeder füllt, was er mag oder was er meint, im Auftrag seiner Nutzer einfüllen zu müssen…“

Am gleichen Tag konstatierte Stefan Niggemeier, die Medienkritik sei zu einem leeren Ritual verkommen:

„Das Erste ist das zwischen Müdigkeit und Verzweiflung schwankende Gefühl eines Medienkritikers, wie sinnlos sein Tun ist. Mitansehen zu müssen, wie all das an der Berichterstattung, was schon nach der letzten Katastrophe und der vorletzten als problematisch erkannt worden ist, wieder passiert; wie alle Fehler und Grenzüberschreitungen immer wieder von Neuem gemacht werden müssen; wie jeder Appell zur Zurückhaltung, zur Vorsicht, scheinbar wirkungslos verhallt ist. Es ist anscheinend auch egal, ob sich gerade erst herausgestellt hat, dass man sich am Tag zuvor hoffnungslos verspekuliert hat – man rennt nun ohne Innehalten mit demselben Schwung in die neue Richtung…

…Hinzu kommt noch der Eindruck, selbst Teil eines Rituals zu sein: So wie zu jeder Katastrophe das Ausschlachten des Opferleids durch die „Bild“-Zeitung gehört, so gehört auch die Empörung darüber durch Medienkritiker dazu. Man ist Teil des ganzen Erregungs- und Empörungszyklus, spielt seine Rolle, berechenbar, erwartbar, womöglich entbehrlich…

„Die Entrüstung über journalistische Fehlleistungen wird Teil der Aufführung“, schreibt der Münchner Medienethik-Professor Alexander Filipović auf den Seiten des Netzwerkes Medienethik: „Medienkritik im Modus der Empörung oder Verachtung ist nicht hilfreich. Sie wird damit selbst zum Element einer von ihr kritisierten Medienwelt.“

Die Feststellung des Medienethik-Professors trifft freilich nicht nur auf den „Modus der Empörung“ zu, sie kennzeichnet das generelle Problem der Medienkritik: Diese kommt über das Stadium des Hofnarren nicht hinaus. Sie führt eine Nischenexistenz und hat sich in dieser Nische eingerichtet. Als nörgelnde Couch-Potatos leiden die Medienkritiker an der wachsenden Diskrepanz zwischen der rapide zunehmenden Bedeutung der Medien und der offensichtlichen Irrelevanz ihrer Kritik. Während die Medien den Alltag der Menschen heute rund um die Uhr begleiten und jegliche Erfahrung von „Welt“ und „Realität“ immer stärker medienvermittelt ist, konnte die Medienkritik mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten und ist zur Fußnote in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung geworden.

Es wäre also überfällig, die Medienkritik aus ihrer selbstverschuldeten Nischenexistenz zu befreien und endlich zur großen Gesellschaftskritik zu machen. Doch ohne bewusste Anknüpfung an die historische Tradition von Kritik und ohne selbstkritische Betrachtung der eigenen Profession wird das nicht gelingen.

 

Der Ast, auf dem die Medienkritiker sitzen

In der Geschichte der Medienkritik gab und gibt es immer wieder herausragende Figuren, von Karl Kraus bis Heinrich Böll, von Noam Chomsky bis Neil Postman, von Oliver Kalkofe bis Jan Böhmermann. Aber das sind singuläre Erscheinungen, während die Mehrzahl der heutigen Medienkritiker aus freien Journalisten besteht, die von jener Branche leben müssen, die sie tagtäglich kritisieren. Das macht sie zu pragmatischen und sehr geschickt taktierenden Überlebenskünstlern.

Zwar werden Medienkritiker von Kollegen hin und wieder als Ketzer und Nestbeschmutzer beschimpft oder – von ihren Fans – als Helden und Moralisten verehrt, doch im Grunde unterliegen sie ähnlichen Arbeitsbedingungen wie die von ihnen Kritisierten. Nur die moralische Sonderrolle (die selbst gewählte Wächter- und Richterfunktion) hebt sie von diesen ab. Das macht den Beruf des Medienkritikers anziehend und suspekt zugleich: Schnell ist dann in Kollegenkreisen von einem „übergroßen Ego“ die Rede, von Journalisten-Eitelkeit oder unstillbarem Geltungstrieb. Denn Medienkritiker finden sich in einer ähnlichen Doppelrolle wie Whistleblower: Sie ‚verraten’ ihre Kollegen und pochen zugleich auf hohe ethische Standards. Dieses Verhalten macht sie zu Außenseitern. Wehe, sie leisten sich einen Fehltritt!

Ihre moralische Exponiertheit verleitet die Medienkritiker zu einer klugen Balance – wie sie für Hofnarren charakteristisch ist. Zum einen arbeiten sie mit besonderer Sorgfalt, zum anderen erzwingt das Kritisieren von Kollegen (und potentiellen Arbeitgebern) individuelle Kosten-Nutzen-Rechnungen. Mit wem verdirbt man es sich besser nicht, wem möchte man gefallen oder einen Gefallen tun? Der Übergang von der journalistischen Sorgfalt zur Sorge um die eigene berufliche Existenz ist fließend und für Leser und Zuschauer schwer durchschaubar. So kritisieren Medienkritiker Medien, in denen sie selbst veröffentlichen (wollen), in der Regel nicht. Überdies gilt in der Branche das ungeschriebene Gesetz: „In der Zeitung nichts über die Zeitung“ (das ist einer der Gründe, warum die Medienseiten in den Zeitungen so fernsehlastig sind). Ein (skurriler) Ausweg aus diesem Dilemma könnte sein, Medienkritik an branchenferne Berufe zu delegieren, an Aussteiger und Outsider, an Verkäuferinnen oder Dachdecker. Doch selbst wenn die Medienkritik gänzlich unabhängig vom Gewerbe wäre, bliebe die Frage: Wo sollen Medienkritiker denn veröffentlichen?

Im Zeitalter der Aufklärung war das noch kein Problem. Das von der Kritik genutzte Medium war selbst ein Teil der Kritik, ja buchstäblich ihr Ausdruck: Denn Bücher, Übersetzungen, Druckereien, Flugblätter zählten zu jenem neumodischen Teufelswerk, das die Kirche, um ihre Macht zu sichern, unbedingt verhindern wollte. Kirchenkritiker nutzten für ihre Kritik also gerade nicht die Kirchenkanzel (während Medienkritiker ausgerechnet die kritisierten Medien als Plattform ihrer Kritik benutzen wollen) – sie nutzten etwas völlig Neues. Unabhängige Medienkritik bräuchte also ein Transportmittel, das sich von den herkömmlichen Medien radikal unterscheidet.

Bis vor wenigen Jahren glaubte man, dieses Gegen-Mittel sei das Internet. Und anfangs war die Euphorie der Medienkritiker auch berechtigt. Doch von der einstigen Hoffnung ist wenig geblieben. Unabhängige Projekte halten sich nur mühsam über Wasser. Die idealistischen Watchblogger der Frühzeit sind müde oder kehren reumütig und dankbar in den Schoß der traditionellen Medien zurück. Dazu kommt, dass die großen Internet-Konzerne zunehmend mit den Altmedien kooperieren und eines Tages mit ihnen verschmelzen werden. Die spektakuläre Übernahme der Washington Post durch Amazon-Gründer Jeff Bezos war nur ein Vorspiel. Wie und wo sich unabhängige Medienkritik wirksam äußern könnte, bleibt also eine offene Frage.

 

Der ewige Wettlauf zwischen Hase und Igel

Die traditionellen Medien beschäftigen und bezahlen ihre Medienkritiker aber nicht nur wie Hofnarren, sie bestimmen auch deren Agenda. Kaum ein Medienkritiker setzt eigene Themen – vielmehr hecheln sie den Themen nach, die von den Medien gesetzt werden. Das führt zu der absurden Situation, dass in dem Augenblick, in dem Medienkritiker mit ihren tiefergehenden Analysen beginnen, das Thema meist schon wieder durch ein neues abgelöst ist. Ist ein Thema aber erst einmal „durch“ (NSA, Griechenland, Landesverrat, Flüchtlinge, Köln), hören auch die Kritiker auf zu kritisieren. So geht es im Schweinsgalopp von Katastrophe zu Skandal, von Enthüllung zu Unglück, von Terroranschlag zu Minister-Fehlverhalten. Stets tauchen neue Ereignisse auf, die beliebig zu Katastrophen, Skandalen oder Enthüllungen aufgepumpt werden können. Medienkritik, die hier am Ball bleiben möchte, hat es schwer. Und so verfällt sie dem allgemeinen Herdentrieb und giert in gleicher Weise nach Aufmerksamkeit wie die Kritisierten, frei nach dem Diktum: Nichts ist so alt wie die Medienkritik von gestern.

Der immerwährende Wettlauf zwischen den Medien und der Medienkritik ist von letzterer nicht zu gewinnen. Die Frustration über diesen Zustand äußert sich dann in kleinlicher Nörgelei und Pedanterie, in moralischer Schelte und sarkastischer Schmähkritik – eher selten in „ausgeruhter“ Analyse. Die vom Dauer-Wettlauf erschöpften Kritiker konzentrieren sich in ihrer Not auf erregungs-sichere Nebensächlichkeiten: auf Geschmacklosigkeiten aller Art, auf falsches Benehmen oder tadelnswerte Vergleiche. Damit folgt die Medienkritik – wie hypnotisiert – jenen an- und abschwellenden Empörungszyklen, die sie eigentlich kritisieren müsste. Das macht auch die besten Medienkritiker irgendwann übellaunig – oder so verliebt in die eigenen Pointen, dass die Unterhaltung der Fans zum alleinigen Zweck der Medienkritik verkommt („Ich hol schon mal Popcorn“) .

 

Die Kraftlosigkeit des positiven Denkens

Weil ein Teil der Medienkritiker aber klug genug ist, die genannten Dilemmata zu erkennen, konzentrieren sie sich neuerdings auf die Frage eines funktionierenden Geschäftsmodells für Medienkritik. Das ist nicht nur logisch, sondern auch konsequent. Doch die fast schon gebetsmühlenhaft vorgebrachte Forderung nach „Paid Content“ führt nicht etwa zu der bitter nötigen Grundsatzdebatte über die Verteilung von Geld und Macht im Mediengeschäft, nein, die Dauerdiskussion über die leidige Refinanzierungsfrage ersetzt mittlerweile große Teile der Medienkritik. Bei den in der Branche so beliebten Debatten über die Zukunft des Journalismus kann man die erstaunliche Beobachtung machen, dass die Medienkritiker mehr über Geld reden als die Medienmacher. Und die Frage, ob der von ihnen präsentierte „Content“ auch „snackable“ genug sei, beschäftigt die Medienkritiker fast stärker als die Verlagsgeschäftsführer. Sie denken nicht nur in den Kategorien von Werbe- und Marketingfachleuten, sie benutzen auch deren Verkäufer-Vokabular und geraten dabei in die Falle des ‚constructive criticism’: Sie kritisieren die Produkte der Verlage nur noch mit dem Ziel, diese „etwas besser zu machen“.

“Nur der ist zur Kritik berechtigt, der eine Aufgabe besser lösen kann.”

Das ist ein Satz, der aus dem technikbesessenen Silicon Valley stammen könnte. Doch in Wahrheit hat ihn Adolf Hitler 1934 gesagt, als er sich anschickte, seine innerparteilichen Kritiker auszuschalten.

Die Vorliebe für „konstruktive Kritik“ (und die Angst vor dem Negativen) ist keineswegs Diktatoren-typisch. Auch christliche Denker wie Norman Vincent Peale, der über „die Kraft des positiven Denkens“ einen phänomenalen Bestseller schrieb, unterscheiden gern zwischen aufbauender und niederreißender Kritik: “Wir müssen immer zwei Arten von Kritik unterscheiden: die wohlwollende, aufbauende, taktvolle und die schroffe, ätzende, gehässige.”

Dass nun auch die Medienkritik immer häufiger das Positive in der Medienkritik vermisst, hängt möglicherweise mit dem Aufkommen des unternehmerischen Denkens zusammen, das seit einigen Jahren unter prekär lebenden „freien“ Autoren grassiert. Als Anhänger des „entrepreneurial journalism“ träumen sie davon, irgendwann ein eigenes kleines Medien-Geschäft zu haben. Doch ein eigener Betrieb – darauf verweist Giovanni di Lorenzo im Gespräch mit dem Medienunternehmer Stefan Niggemeier – ändert auch den Blick auf die Sachzwänge des Medienbetriebs: von der Notwendigkeit, immer genügend Aufmerksamkeit beim Zielpublikum zu erregen bis zu den Einzelheiten der Abo-Preisgestaltung für die erhoffte Zielgruppe. So entkommen die Medienkritiker zwar mit etwas Glück dem leidigen Hofnarrenstatus, kehren aber als freiwilliger oder unfreiwilliger Teil des Medien-Beratungsgeschäfts auf die Bühne zurück.

 

Medienkritik als neue Religionskritik?

Die Resignation der professionellen Medienkritik war wohl am deutlichsten im vergangenen Jahr in Sachsen zu spüren. Die dortige Protestbewegung Pegida hatte es verstanden, die von der Medienkritik hinterlassene Lücke mit billigen und platten „Lügenpresse“-Rufen zu füllen. Da eine rationale und unerschrockene Auseinandersetzung mit der eigenen Medienindustrie fehlt (von den verdienstvollen Bemühungen einiger Stiftungen einmal abgesehen), konnte eine kleine Gruppe von Empörten die Medienkritik auf ihr Stammtischniveau herunterziehen. Und siehe da: Während die herkömmliche Medienkritik aufgrund ihrer geringen Reichweite, ihrer Sprunghaftigkeit und ihrer Verzettelung in Nebensächlichkeiten höchstens noch ein Lächeln oder ein Gähnen bei den Medien-Machern auszulösen vermag, waren Verleger und führende Journalisten über die Dresdner Lügenpresse-Parolen tief erschrocken. Das ist ein Alarmzeichen, aber nicht nur für die Medien, sondern vor allem für den Zustand der Medienkritik – und darüber müsste eine Debatte einsetzen. Aber wo? Auf den Medienseiten der Zeitungen und Magazine, wo der eh schon reduzierte Platz dafür gebraucht wird, um den nächsten Tatort, die letzte Talkshow oder die neueste Netflix-Serie zu besprechen? In den erschöpften Watch-Blogs? In der heute-show? Es scheint fast so, als gebe es für Medienkritik, die über ein dumpfes (oder spitzes) Unwohlsein hinausgeht, keinen hinreichenden Grund mehr, keine Aufgabe und keine Perspektive. Oder müssen die Kritiker nur einen Schritt zurücktreten, um wieder einen größeren Zeitraum zu überblicken und Traditionen zu entdecken, an die man anknüpfen könnte?

Kritik als eine rationale Form der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit ist als Disziplin entstanden, als Wissenschaft und Religion, die über Jahrhunderte eine Einheit bildeten, Ende des 17. Jahrhunderts durch die beharrliche Arbeit der Aufklärer voneinander getrennt wurden. Die Herausbildung des Instruments Kritik als neuartiger Untersuchungs- und Beurteilungsmethode der Wirklichkeit war aber beileibe kein Selbstläufer, sondern das Resultat einer überaus hart geführten Auseinandersetzung mit der Kirche, welche das Denken und Fühlen der Gesellschaften bis dahin bestimmt hatte. Vielleicht kann sich eine ernst zu nehmende Medienkritik erst in einer ähnlich hart geführten Auseinandersetzung mit der Medienindustrie herausbilden.

Denn heute sind es die Medien (und die Wissenschaft), nicht mehr die Kirchen, die die ‚Glaubensbekenntnisse’ der säkularen Gesellschaften verbreiten, verhandeln und formen. Überspitzt gesagt: Leitartikel und Kolumnen sind die Kirchenkanzeln der Moderne. Und die permanente Unglücks-, Katastrophen- und Terror-Berichterstattung der Medien bietet einen veritablen Ersatz für die im Mittelalter von der Kirche erzeugte Höllenangst. Die Medien sind es, die uns Medien-Gläubige täglich daran erinnern, dass morgen alles zu Ende sein könnte, dass die Welt um uns herum aus den Fugen gerät. Hat das mediale Schüren solcher Ängste nicht die gleiche psychologische Wirkung (oder Funktion) wie die latente Strafandrohung durch eine strenge Religion? Und könnte dies nicht zu der Überlegung führen, dass die Medienkritik für das Zeitalter der Postmoderne das werden müsste, was die Kritik der Religion für das Zeitalter der Aufklärung war (Karl Marx: „Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik“)?

 

Hachmeisters Liste

Eine Medienkritik, die sich ihrer Herkunft bewusst wäre, müsste die heute dominante Medienindustrie als Charakteristikum postdemokratischer Herrschaft begreifen anstatt weiter naiv an die verklärende Erzählung zu glauben, die Medien seien dazu da, die Mächtigen zu kontrollieren. Das mag in den Anfängen ein Motiv gewesen sein und in einigen Redaktionszirkeln auch tatsächlich funktionieren, aber so wie die Kirche im Laufe der Jahrhunderte von einer verfolgten Außenseiter-Gemeinde (und trotz mancher Bettelorden und häretischen Abspaltungen) zu einem tragenden Pfeiler der „Allianz aus Thron und Altar“ wurde, so entwickeln sich die immer größer werdenden Medienkonglomerate zu tragenden Pfeilern der Postdemokratien. Sie geben zwar vor, die weltliche Macht zu kontrollieren, sind aber längst zu deren unverzichtbaren Stützen geworden – man muss nur die von Lutz Hachmeisters Institut für Medien- und Kommunikationspolitik jährlich herausgegebene Liste der 100 weltgrößten Medienunternehmen zur Kenntnis nehmen. Mit einem phänomenalen Jahresumsatz von 622 Milliarden Euro bilden diese Konzerne heute eine Markt- und Meinungsmacht, die derjenigen der Kirche im Mittelalter durchaus nahe kommt.

Eine Medienkritik, die über das Bekritteln falscher Bildunterschriften in der Gelben Post hinausgeht, müsste also zuallererst an dieser veränderten Realität ansetzen – einer Veränderung, die der Aktivist und Journalist Glenn Greenwald in seinem Buch „Die globale Überwachung“ so beschreibt:

„Früher galten echte Journalisten als die Außenseiter schlechthin. Viele, die diesen Beruf ergriffen, wollten sich eher den Mächtigen widersetzen als ihnen dienen, und nicht nur auf theoretischer Ebene, sondern auch mit ihrer ganzen Person. Die Wahl des Journalistenberufs war praktisch eine Garantie dafür, das Dasein eines Außenseiters zu führen: Reporter verdienten wenig, hatten kein hohes gesellschaftliches Ansehen und galten meist als zwielichtig.

Das ist heute ganz anders. Mit dem Aufkauf von Medienunternehmen durch die größten Konzerne der Welt wurden die meisten Medienstars zu hoch bezahlten Angestellten, die sich nicht von anderen Mitarbeitern gleichen Ranges unterscheiden. Sie offerieren der Öffentlichkeit Medienerzeugnisse im Namen ihres Unternehmens, als handelte es sich um Bankdienstleistungen oder Finanzprodukte. Ihre berufliche Laufbahn wird von den Parametern bestimmt, die nun einmal in einem solchen Umfeld zum Erfolg führen, also davon, inwiefern sie die Konzernchefs zufriedenstellen und den Interessen des Unternehmens dienen.“ (S.330)

Eine Medienkritik, die diese Veränderungen ausblendet, wird in der Hofnarren-Rolle gefangen bleiben oder bestenfalls nützliche Berater- und Korrekturdienste für Konzerne leisten.


Linkspopulismus für Fortgeschrittene

9 Dezember 2015 um 15:15 • 1 Kommentarpermalink

In Deutschland tut man sich schwer mit „Populisten“. Man klebt ihnen gern das Etikett „Volksverführer“ an. Dabei wäre eine differenziertere Auseinandersetzung mit dem Populismus durchaus sinnvoll.

 

Die Linke, vor allem die, die noch etwas erreichen will, ist ein bisschen neidisch. Sie kann nämlich nicht so populistisch reden und handeln wie die Rechte. Aber sie möchte es gern, weil sie täglich sieht, wie erfolgreich ein paar tausend rechte Populisten ein ganzes Volk (und eine komplette Medienlandschaft) unter Druck setzen können, so sehr, dass selbst die beliebteste Kanzlerin aller Zeiten politisch beidrehen muss, wenn sie ihr Amt nicht verlieren will.

Die Linke aber ist wie eh und je zerrissen. Ein Teil von ihr betrachtet den Populismus mit skeptischem Stirnrunzeln, andere strafen ihn mit Verachtung. Populismus, glauben sie, sei etwas für unterentwickelte, vormoderne Gesellschaften. Schon deshalb dürfte die Linke auch die zartesten Ansätze zu einem linken Populismus wieder zerreden. Das kann sie am besten. Die ganz Vernünftigen oder besser: die Linken, die sich für rational denkende Linke halten, rufen (mit erhobenem Zeigefinger): Passt bloß auf, der Populismus wird euch noch um die Ohren fliegen! Wer den Populismus zu sehr liebt, wird in ihm umkommen, denn er ist ein autoritäres, zutiefst anti-demokratisches und gefährliches Konzept. Jens Bisky z.B. (der älteste Sohn Lothar Biskys) schrieb das im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Denn Populismus – also die Wiederkehr des Freund-Feind-Denkens – habe in Deutschland immer etwas Carl Schmittiges an sich. Die Anlehnung an dieses Denken öffne dem Missbrauch durch politische Rattenfänger Tür und Tor. Biskys Warnung trug deshalb die ironische Überschrift: „Positives Pack“. Er wollte sagen: Linker Populismus ist ein Widerspruch in sich.

 

Laclau & Mouffe

Die Renaissance des Populismus fordert die Parteien der Mitte derzeit heraus. Während der Rechtspopulismus den verunsicherten Konservativen schwer zu schaffen macht, stellt der Linkspopulismus den Volkspartei-Status der ausgelaugten sozialdemokratischen Parteien in Frage – an der europäischen Peripherie etwas eher und stärker als im Zentrum. In Deutschland gibt es bislang erst vereinzelte Stimmen, die eine deutlichere populistische Note in der Politik für nötig halten, auf der Linken ist außer Oskar Lafontaine niemand bereit, diesen Weg einzuschlagen. Weder von der rot-rot-grünen Landespolitik in Thüringen noch vom Institut Solidarische Moderne geht ein populistisches Wetterleuchten aus – wie von Syriza oder Podemos oder von anderen ‚seltsamen’ Links-Bündnissen in Irland (Linkes Forum), Italien (5 Sterne), Frankreich (Parti de Gauche), den Niederlanden (Socialistische Partij), Portugal (Bloco de Esquerda) oder Litauen (Darbo Partija) – von den lateinamerikanischen Vorbildern in Venezuela, Bolivien und Ecuador ganz zu schweigen.

Aus Lateinamerika stammt auch das derzeit meistdiskutierte theoretische Konzept eines linken Populismus, denn das Intellektuellen-Paar, auf das sich große Teile der neuen Linken berufen, Ernesto Laclau & Chantal Mouffe, beriet vor Jahren die links-populistische Regierung Kirchner in Argentinien. Laclau und Moffe werden deshalb oft als „postmarxistische Linksperonisten“ bezeichnet, womit auch gleich ein gewisser Sicherheitsabstand zur radikalen westeuropäischen Linken markiert werden soll. Wo sich Michael Hardt & Antonio Negri noch zackig und revolutionär mit dem Kampf der „Multitude“ gegen das „Empire“ beschäftigten und für den Auszug der Linken aus den korrupten Institutionen des repräsentativen Systems plädierten („Exodus-Strategie“), verhalten sich Laclau & Mouffe mit ihrer Verteidigung der staatlichen Institutionen eher wie gemäßigte Sozialdemokraten. Dennoch ist ihr Einfluss auf die linken und linksradikalen Protestbewegungen enorm, da sie sich als treue Schüler und Exegeten des marxistischen italienischen Hegemonie-Theoretikers Antonio Gramsci verstehen (den SPD-Bundesgeschäftsführer Peter Glotz einst vergeblich in das Denken der deutschen Sozialdemokratie zu implantieren hoffte). Vor allem die in Belgien geborene Chantal Mouffe, die Überlebende des linken Vordenker-Ehepaars (Laclau starb im April 2014 in Spanien), reist heute als Interpretin des gemeinsamen Werks durch die Welt, um das Konzept des sozialdemokratischen Links-Populismus „zu popularisieren“.

Mouffe möchte eine intellektuelle Brücke schlagen zwischen den radikalen Bewegungen, die für einen Rückzug aus den bestehenden Institutionen plädieren (um „das System“ durch Verweigerung allmählich „auszutrocknen“) und jenen traditionellen Linksparteien, die mit beharrlicher Kärrnerarbeit und revolutionärem Abwarten „innerhalb des Systems“ die notwendigen Ministersessel zu ergattern hoffen. In Anlehnung an die Studentenbewegung der sechziger Jahre und aufgrund der positiven Erfahrungen in Argentinien plädiert Mouffe für einen „Marsch durch die Institutionen“, um einerseits blutige Aufstände und sinnlose Gewaltausbrüche, und andererseits Resignation und reformerische Ermüdung zu verhindern. Die bleierne Zeit der Alternativlosigkeit zum Neoliberalismus müsse endlich beendet werden und dies könne nur gelingen, wenn immer mehr Orte und Projekte geschaffen würden, an denen wieder ernsthaft um Alternativen gekämpft werden kann. Dieses Handlungskonzept nennen Mouffe und Laclau „agonistisch“, was die taz vor kurzem mit „agnostisch“ verwechselte, und in der Tat lädt das aus dem Griechischen stammende Wort „Agon“ (Kampf) zu allerlei komischen Verwechslungen ein. Man muss schon sehr aufpassen beim Lesen, damit der leidenschaftliche Wettstreit zwischen den Alternativen, den Chantal Mouffe mit ihrem agonistischen Modell vorschlägt, nicht in quälende Lese-Agonie umschlägt, weil das gedankliche Hin- und Herschalten zwischen „Agonist“ und „Antagonist“ an den Nerven zerrt.

 

Aufforderung zum Dialog

Doch oft genug ist der tiefere Grund, warum schlaue Theoretiker neue seltsame Vokabeln in altbekannte Debatten einführen, die erhoffte Erregung neuer Aufmerksamkeit für alte Sachverhalte. Und so unterscheidet sich Mouffes „agonistische“ Politisierungs-Theorie im Grunde wenig von den „Strategien der Demokratisierung“, die der Politikwissenschaftler Fritz Vilmar in den siebziger Jahren entwickelte, um Willy Brandts Motto „Mehr Demokratie wagen“ mit politischem Leben zu erfüllen. Vilmar, der die SPD nach 52 Jahren Mitgliedschaft 2003 wegen ihres eklatanten „Substanzverlustes“ verließ, wird die Wiederbelebung seiner Demokratisierungsvorstellungen im Gewande eines „linken Populismus“ mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen*.

Wirklich neu an Mouffes Wiederbelebungsversuch der Linken durch einen ‚gemäßigten’ sozialdemokratischen Populismus ist eigentlich nur ihre Vermittlerrolle. Sie will die schnelllebigen Protestbewegungen davon überzeugen, dass die Institutionen des kritisierten Systems als Plattformen für einen produktiven Streit um Alternativen ungemein nützlich sein können, und sie will umgekehrt die Repräsentanten des linken Mainstream dazu bewegen, mit den radikal anti-politisch gesinnten Protestbewegungen Kontakt aufzunehmen. Nur gemeinsam sei man in der Lage, die Gesellschaft zu verändern.

Anders auch als die an Jürgen Habermas’ Diskurstheorie geschulten Rationalisten, die an ihren runden Tischen nur an die Kraft des besseren Arguments glauben, plädiert Mouffe für mehr Rücksichtnahme auf die irrationalen Gefühle in der Bevölkerung. Da Politik stets durch die gegenseitige (auch gefühlsmäßige) Abgrenzung kollektiver Identitäten zustande komme, erfordere jede leidenschaftliche Politisierung ein „Wir“ gegen „die anderen“. Die Schaffung des „Wir“ sei nur durch die Formulierung eines „Sie“ denkbar. Mouffe plädiert deshalb nicht nur für mehr Rücksichtnahme der Linken auf die nationalen Widerstände im europäischen Einigungsprozess. Auch die Ablehnung massiver Einwanderung dürfe von der Linken nicht einfach ignoriert werden, sonst habe die Rechte leichtes Spiel. In diesem Zusammenhang wirft Mouffe der universalistisch gesinnten Linken Weltfremdheit und eine unpolitische, im Grunde vom staatsfeindlichen Neoliberalismus infizierte Haltung vor. Anders als die revolutionäre Linke, die als Endziel eine selbstorganisierte und konfliktfreie Welt-Kommune anstrebe, müsse der gemäßigte Linkspopulismus zur Kenntnis nehmen, dass gesellschaftliche Konflikte zu allen Zeiten existieren werden. Denn jede Ordnung, selbst die sozialistische, bedeute Hegemonie, und diese könne nicht konfliktfrei sein. Deutlicher hätte es der alte SPD-Revisionist Eduard Bernstein auch nicht formulieren können.

Der Knackpunkt, der eine Rezeption von Mouffes „linkem Populismus“ hierzulande erschwert, ist also nicht ihre antikommunistische, sozialdemokratische Haltung. Der Knackpunkt ist vielmehr ihr eigentümlicher Begriff des Politischen. Wer Politik wie Mouffe als leidenschaftlichen Streit zwischen einem „Wir“ und „den anderen“ definiert, stößt in konsensorientierten Gesellschaften wie der deutschen auf empörte Ablehnung. Denn die Parteien der Mitte müssten sich dann voneinander entfernen, sie müssten – wie in der Parteiendemokratie eigentlich vorgesehen – unterschiedliche Teile des Volkes repräsentieren. Sie müssten parteiisch sein und nicht neutral und staatstragend in der Mitte kuscheln. In einem Interview mit der Wiener Zeitung sagte Mouffe:

„Meine Verteidigung des Linkspopulismus hat viel mit meiner Theorie zu tun, dazu muss ich etwas ausholen. Die Frage ist, wie man Politik versteht. Es gibt in der politischen Theorie zwei Ansätze. Einmal den assoziativen Ansatz, bei dem man davon ausgeht, dass Politik ein gemeinsames Projekt ist, bei dem man an Lösungen arbeitet, mit denen alle zufrieden sind. Beim dissoziativen Ansatz geht man aber davon aus, dass Politik immer von Konflikten bestimmt wird. Mein verstorbener Mann Ernesto Laclau und ich vertreten diese Sicht. Politischer Konflikt ist immer antagonistisch, Politik ist immer parteiisch – und die Gesellschaft ist und bleibt gespalten. Politische Identitäten sind immer kollektive Identitäten. Es gibt also immer ein “Wir” und ein “die Anderen”.

Gilt es nicht, diese Kategorien letztendlich zu überwinden?

Nein, um eine Identität zu haben, muss man sich absetzen. Es kann kein “Wir” geben, wenn es nicht “die Anderen” gibt. Es gibt keine unabhängige Identität. Und genau das eliminiert der Konsens in der politischen Mitte.“

 

Linke Vorbehalte

Hierzulande können sich nur wenige bekannte Linke mit Chantal Mouffes populistischem Politikverständnis anfreunden. Im Grunde sind es aktuell nur zwei: der Publizist Jakob Augstein und der Politiker Oskar Lafontaine. Letzterer scheut sich nicht, das Potential eines linken Populismus auch dann wahrzunehmen, wenn es – wie derzeit offenkundig – von Rechten und Rechtsradikalen abgefischt wird, weil die Linke das Wähler-Terrain der „Globalisierungsverlierer“ freiwillig geräumt hat. Lafontaine wird für seine populistische Strategie gescholten (und lächerlicherweise in die rechte Ecke gestellt), doch mit ihm an der Spitze der Linken wäre die AfD nie so stark geworden. Selbst die SPD stünde mit einem Lafontaine an der Spitze heute besser da. Aber mit einer Politik des Gefühls oder besser: einer Politik, die Gefühle nicht von vornherein als gefährlich und dumm brandmarkt, stößt man in einem gebrannten Land wie Deutschland auf historisch bedingte Vorbehalte. Darauf spielt Augstein an, wenn er schreibt:

„Der Philosoph Ernesto Laclau hat geschrieben, Populismus sei „die Stimme derer, die aus dem System exkludiert sind“. Ein gefährlicher Satz, wenn man nach Dresden blickt, wo die rechten Horden marschieren und ins Internet, wo die Saat von Hass und Brutalität blüht. Um so dringlicher, dass wir einen positiven Populismus von Links entwickeln, der demokratische und soziale Rechte vor Eliten und Oligarchen schützen will.“

Dass Augstein solche Sätze in Deutschland um die Ohren gehauen werden, gerade auch von Linken, verwundert nicht. Jemand, der erklärt, die Gefahren des Populismus zu sehen, und trotzdem weiter für ihn wirbt – wie passt das zusammen? Positiven Populismus, sagen sie, gibt es so wenig wie positives Pack. Zündelt Augstein also aus purer Langeweile, aus Lust an der Provokation? Will er die Linke mit seiner riskanten Strategie in die Bedeutungslosigkeit treiben?

Solche Fragen sind müßig. Denn die traditionelle Linke wird sich – ob sie nun will oder nicht – mit dem linken Populismus beschäftigen müssen. Weil er existiert. Er kommt von der europäischen Peripherie nach Deutschland, so wie der Treck der Armuts- und Kriegs-Flüchtlinge vom Balkan, aus Afrika und dem Nahen Osten kommt. Plötzlich ist er da und niemand hat mit solcher Wucht gerechnet. Der Linkspopulismus wächst noch bescheiden im Schatten der Aufmerksamkeit, welche die Medien dem Aufstieg des Rechtspopulismus schenken. Chantal Mouffe hat versucht, mit ihren Schriften rechtzeitig eine Behelfs-Brücke zu bauen zwischen einer wütenden neuen Linken und den alten, stagnierenden Linksparteien – betreten müssen die Brücke die beiden schon selbst.

Dieser Beitrag ist – leicht gekürzt – am 3.12.2015 in der Wochenzeitung “der Freitag” erschienen. In der Freitag-Community läuft derzeit eine Debatte über den Populismus, deren Ratlosigkeit erschreckend demonstriert, wie unpolitisch die Linke auf die Herausforderungen der Zeit reagiert. Anstatt kritisch zu analysieren, warum die Rechtspopulisten Zulauf haben, übernehmen sie den moralistischen Anti-Populismus-Diskurs der Eliten. Deshalb hier noch eine notwendige Ergänzung zum obigen Beitrag: 

 

Update: Der dramatische Fehler der Linken

Aus der Sicht der neoliberalen europäischen Eliten hat die Populismus-Kritik eine ganz bestimmte Funktion. Sie richtet sich vordergründig gegen den Nationalismus der Rechtspopulisten, will aber vor allem die Wiederbelebung der erfolgreich marginalisierten Sozialpolitik auf nationaler Ebene verhindern. Dass die Linke das nicht merkt und zusammen mit den Eliten fleißig auf die Populisten eindrischt, ist ihr derzeit dramatischster Fehler. Sie wird diesen Fehler zu spüren bekommen.

In Polen z.B. wurden die Rechtspopulisten nicht deshalb gewählt, weil diese sich gegen die Aufnahme von Flüchtlingen wenden (das ist nur die einfältige Sichtweise westlicher Moralisten). Die polnischen Rechtspopulisten haben die Wahlen gewonnen, weil sie der ärmeren einheimischen Bevölkerung große sozialpolitische Versprechungen machten: Erhöhung des Kindergelds, Erhöhung des Mindestlohns, Senkung des Renteneintrittsalters.

Das überzeugte all diejenigen in der Provinz, die vom harten Warschauer Neoliberalismus abgehängt wurden – und das sind nicht wenige. Die Einkommens-Ungleichheit zwischen der polnischen Provinz und den besseren Vierteln der Hauptstadt hat stark zugenommen. Und da die Linke die vom Neoliberalismus „zurückgelassenen“ Schichten nicht mehr ausreichend vertritt, wählen sie eben (aus Protest) die PiS-Partei.

Auch beim französischen Front National (FN) sollte man nicht ausschließlich auf den Nationalismus starren, sondern dessen sozialpolitische Programmpunkte zur Kenntnis nehmen. Auch der FN knüpft sozialpolitisch geschickt an Forderungen der Sozialisten an. Es wird also nicht ausreichen, eine Partei, die bei Wahlen 30 Prozent erreicht, von höherer Warte moralisch niederzuschreien.

Leider ist in unseren Medien immer nur vom engstirnigen Nationalismus der Populisten die Rede, nie von deren sozialpolitischen Programmen. Diese selbst aufgebaute moralische Hürde hindert viele Linke daran, sich eingehender mit den Erfolgen der Rechtspopulisten zu beschäftigen. Hier müsste künftig differenziert werden anstatt immer nur das über den Populismus nachzuplappern, was von den neoliberalen Eliten vorgegeben wird.

*Der im Text erwähnte Politologe Fritz Vilmar ist am 20. November 2015 im Alter von 86 Jahren gestorben.

 


Die Talkshow-Nachbesprechung

30 November 2015 um 15:15 • 2 Kommentarepermalink

Im Internet beschäftigen sich die Zeitungen am liebsten mit dem Fernsehen. Das heißt, sie geben uns noch mal schriftlich, wer mit wem gestern in der Talkshow diskutiert hat.

 

Talkshows sind in Deutschland sehr beliebt. Man kann den immer gleichen Leuten zuhören, es sei denn, die Teilnehmer sterben den Moderatoren eines Tages weg.

Neuerdings folgt auf jede Talkshow eine Talkshow-Nachbesprechung. In allen Online-Medien, die etwas auf sich halten, erfährt man schon wenige Stunden nach der Sendung, was man gedacht haben könnte, wenn man nicht dummerweise eingeschlafen oder mit einem besonders schweren Candy Crush-Level beschäftigt gewesen wäre. Man muss nicht mehr nach-denken, das übernehmen jetzt „Frühkritiker“. Die schlagen sich die Nächte um die Ohren, damit wir am nächsten Morgen erfahren, ob das, was am Abend zuvor im Fernsehen diskutiert worden ist, auch wirklich dort diskutiert worden ist. Es wird noch mal referiert, eingeordnet und kommentiert, was die Talkshow-Teilnehmer referiert, eingeordnet und kommentiert haben. Dieses Nachkauen scheint sich derzeit zu einem veritablen Industriezweig zu entwickeln. Sicher wird man After-Talkshows bald schon im F.A.Z.-Lesesaal social readen oder als Poetry Slam in Kleinkunsttheatern aufführen. Und bestimmt wird es in absehbarer Zeit eine App geben, auf der Talkshow-Nachbesprechungs-Experten die unverzichtbarsten Frühkritiken für besonders eilige Leser kuratieren.

Die Talkshow-Nachbesprechung wird gern gelesen. Sie ist fast so beliebt wie die Talkshow selbst. Was soll man am Montagmorgen auch sonst im Büro machen? Die Talkshow-Nachbesprechung ist der zeitgemäße Ersatz für das verloren gegangene Familien-Lagerfeuer der Samstagabendunterhaltung. Allerdings sitzt man nicht mehr gemeinsam um ein Lagerfeuer, sondern liest einsam im Büro (oder sonstwo), wie das zu bewerten ist, was die, die wir schon lange kennen, gestern in der Talkshow von sich gegeben haben.

Die Talkshow-Nachbesprechung hat übrigens längst ein Gegenstück: die „Tatort“-Vorbesprechung.

P.S. Christian Bartels (@ChrBartels) gibt auf Twitter den wichtigen Hinweis, dass die Talkshow-Nachbesprechung – medienhistorisch gesehen – dem Online-Journalismus zum Durchbruch verholfen habe. Was sagt das über die Eigenständigkeit und Originalität des Online-Journalismus?


Kleine Interpretationshilfe für Terrorwarnungen

26 November 2015 um 11:55 • 0 Kommentarepermalink

Von Zeit zu Zeit müssen Botschaften geräumt, Stadtviertel abgeriegelt und Sicherheitsstufen erhöht werden. Dann heißt es abwarten – und irgendwann zur Tagesordnung übergehen.

 

Viele Menschen fragen sich: Welchen Sinn haben eigentlich Terrorwarnungen? Warum müssen Terroristen öffentlich gewarnt werden? Ich habe mich auf die Suche nach Erklärungen gemacht.

1. Terrorwarnungen fußen in der Regel auf Informationen, die irgendjemand irgendwo bei irgendeiner Gelegenheit aufgeschnappt hat.

2. Sicherheitspolitiker äußern anlässlich von Terrorwarnungen häufig den Satz, es gebe derzeit keine konkreten Hinweise auf konkrete Gefährdungen. Warum es dann überhaupt Terrorwarnungen gibt, können sie nicht erklären.

3. Anders als in Punkt 2 werden Terrorwarnungen auch damit begründet, dass die aktuelle Gefahr sehr viel spezifischer sei als bei den vorangegangenen Terrorwarnungen. Worin das Spezifische besteht, sagen sie nicht.

4. Terrorwarnungen werden deshalb so allgemein gehalten, weil man den Terroristen keine Anhaltspunkte dafür liefern will, dass man ihnen… (noch) nicht auf die Schliche gekommen ist.

5. Terrorwarnungen sind Empfehlungen für Terroristen, sich in der fraglichen Zeit und am fraglichen Ort möglichst ruhig zu verhalten. Terrorwarnungen erziehen Terroristen zu erhöhter Wachsamkeit.

6. Durch Terrorwarnungen müssen Terroristen ihre eventuell geplanten Anschläge verschieben. Um auch die verschobenen Anschläge verhindern zu können, braucht es wieder neue Terrorwarnungen. Die Terrorwarnung ist ein Perpetuum Mobile.

7. Terrorwarnungen sind Notstandsübungen.

8. Terrorwarnungen bieten Sicherheitsexperten die Möglichkeit, nichtssagende Interviews zu geben.

9. Terrorwarnungen sind Warnhinweise an Medien, Kritik an Anti-Terror-Maßnahmen besser zu unterlassen.

10. Terrorwarnungen werden nicht selten mit der Ermahnung verbunden, man müsse die aktuelle Terrorwarnung wirklich ernst nehmen. Offenbar geht man davon aus, dass Terrorwarnungen nicht mehr ernst genommen werden.

11. Terrorwarnungen sind Legitimationsnachweise für eine Sicherheits- und Überwachungspolitik, deren Wirksamkeit in Zweifel gezogen wird.

12. Terrorwarnungen müssen sich nie rechtfertigen. Ex-Innenminister Wolfgang Schäuble: „Nur weil nichts passiert ist, heißt das ja nicht, dass nie etwas passieren wird“.

13. Terrorwarnungen suggerieren, dass es jemanden gibt, der auf uns aufpasst. Wie in Paris am 13. November.


Spätrömische Dekadenz?

4 November 2015 um 11:55 • 5 Kommentarepermalink

Aus der „Flüchtlingskrise“ scheint ein Kulturkampf zu werden. Das ist genau das, was die Rechten wollen.

 

Nach gut drei Monaten Dauerberichterstattung über die „Flüchtlingskrise“ scheint das Thema den Charakter eines Kulturkampfes anzunehmen: hier die Verfechter des Nationalstaats und seiner Begrenztheit (im wörtlichen wie im übertragenen Sinne), dort die Verfechter der grenzenlosen universellen Menschenrechte. Vermittler dazwischen haben es schwer.

 

Nationalstaat vs. Menschenrechte

Viktor Orban, der ungarische Ministerpräsident und Vorkämpfer christlich-abendländischer Erneuerung, sieht den Kulturkampf so:

“Diese Invasion (von Migranten) wird einerseits vom Schlepper-Business gelenkt, andererseits von jenen (Menschenrechts-)Aktivisten, die alles unterstützen, was die Nationalstaaten schwächt”.

Orban macht dafür auch seinen Landsmann, den philanthropischen Geschäftsmann und Börsenspekulanten George Soros verantwortlich. Der betreibe mit seinem Geld, seinen Verbindungen und seinen Stiftungen – wie schon in der Eurokrise – eine Politik der Destabilisierung. Orban befindet sich damit auf einer Linie mit dem rechten Kopp-Verlag, auf dessen Website versucht wird, die Verschwörung des George Soros zu belegen.

Eine unheilige Allianz aus Oberschicht und Menschenrechtlern (früher hieß das „Finanzjudentum und Bolschewiken“) wolle den braven Nationalstaat aushöhlen. Die Reichen wollten es, weil sie sich durch mehr Migration die Besten und Billigsten aus der globalen Reservearmee herauspicken können, die Menschenrechtler wollten es, weil die Masse der Flüchtlinge den Nationalstaaten endlich vor Augen führe, was deren neoliberale Politik in der Welt anrichte.

In der Tat nutzen manche Wirtschafts- und Meinungsführer den Flüchtlingsstrom nach Europa, um nun eine Absenkung von Sozialleistungen und Mindestlöhnen zu fordern. Der Airbus-Konzernchef Tom Enders plädierte in der Süddeutschen Zeitung nicht nur für eine Öffnung der Grenzen, sondern auch für eine „Öffnung des Arbeitsmarkts“. Er sprach sich für eine „Deregulierung“ nach US-Vorbild aus. Mit Hilfe der Flüchtlinge könnte die Ungleichheit in den Gesellschaften also weiter vergrößert werden. Ifo-Präsident Hans Werner Sinn brachte die Idee in Umlauf, das Rentenalter der Deutschen zur Bewältigung der Flüchtlingskrise noch einmal heraufzusetzen, und der CDU-Wirtschaftsrat und andere führende CDU-Politiker möchten den flächendeckenden Mindestlohn abschaffen, um den Flüchtlingen einen schnelleren Zugang zum Arbeitsmarkt zu verschaffen. Für andere wiederum sind die Flüchtlinge eine gute Gelegenheit, den verweichlichten und friedensverwöhnten Deutschen einen verjüngenden Adrenalinstoss zu verpassen.

 

Querfronten, wohin man schaut

Ganz neue politische Allianzen tun sich auf oder werden befürchtet. Linke wie Thomas Assheuer sehen in Angela Merkels Politik neuerdings welt-„historische Größe“ und „Würde“ und verteidigen sie vehement gegen eine heraufziehende Kalt-Front aus konservativem Bürgertum und rechten Protestbewegungen. Das noch dem Nationalstaat verhaftete Bürgertum sei drauf und dran, sich zu radikalisieren und greife Angela Merkel inzwischen so unerbittlich und hämisch an wie Pegida. Galt vor drei Jahren das Anti-Merkel-Buch der Wirtschaftsberatungsphilosophin Gertrud Höhler („Die Patin“) als belächelte Ausnahme-Kampfschrift gegen die „fremde“, undurchschaubare Protestantin aus der Ex-DDR, die das alte Westdeutschland pulverisieren werde, so treten die konservativen Merkelkritiker heute ganz unverblümt in Mannschaftsstärke auf – von der tief besorgten FAZ bis zur Besorgte-Bürger-Plattform Tichys Einblick, die sich derzeit anschickt, die Rolle der Achse des Guten zu übernehmen.

Die historischen Vergleiche werden dabei immer schriller und steiler (und genau das ist es, was die europäische Rechte erreichen will). Jochen Buchsteiner etwa (früher bei der Zeit, heute bei der FAZ) vergleicht die Situation Europas mit dem Untergang des Weströmischen Reiches im Jahr 476 n. Chr., was von der Bedrohung des Pegida-Abendlandes durch eine muslimische Völkerwanderung nicht mehr allzu weit entfernt ist. Buchsteiner unkt, Guido Westerwelle habe mit seiner damaligen Anspielung auf die „spätrömische Dekadenz“ womöglich unbeabsichtigt Recht gehabt. Auch das in den Medien scharf kritisierte Buch Thilo Sarrazins über die Abschaffung Deutschlands erfahre nun eine späte Rechtfertigung. Der Roman „Die Unterwerfung“ von Michel Houellebecq wird in besorgten Kreisen ebenso gern erwähnt wie Botho Strauß’ Verabschiedung des „letzten Deutschen“ im Spiegel. Und in der Schweizer Weltwoche rezensiert Ex-Spiegel-Reporter und Neu-Katholik Matthias Matussek die schon etwas angejahrte Untergangsvision des erzkatholischen Schriftstellers Jean Raspail („Das Heerlager der Heiligen“) unter dem Titel: „Lust, die eigene Kultur auszulöschen“.

Ein hysterischer Unterton schleicht sich ein in die Warnrufe der alten weißen Männer. Ihre Welt fällt in Scherben. Und ihre Welt war gar nicht mal so schlecht.

Denn der verteidigte Nationalstaat ist ja nicht nur eine rückwärtsgewandte Formation für Ewiggestrige, die den Schuss nicht gehört haben, er ist – als sozialer Rechtsstaat – auch eine Errungenschaft des Fortschritts, weil er denen, die in seinen Grenzen leben, gewisse (zum Teil mühsam erkämpfte) Rechte und Standards garantiert und sie vor globalen Zumutungen schützt. Das Grundgesetz garantiert, dass es keinen prinzipiellen Unterschied macht, ob man als Bürger dieses Staates nun fleißig oder faul, egoistisch oder altruistisch, dumm oder gebildet ist, Hauptsache, man hat einen deutschen Pass. Nicht die Leistungsfähigkeit bzw. die Nützlichkeit ist das entscheidende Kriterium, sondern die Staatsangehörigkeit, was für jene, die den Pass besitzen, das Leben etwas leichter macht. Aber wenn die Grenzen nun offen stehen und alle, die bedürftig sind, ins Land dürfen, wird es bald ein Hauen und Stechen geben, weil die (wirtschaftliche) Konkurrenzsituation die Oberhand über die nationale Zugehörigkeit gewinnt. Dann wird es – vor allem in den unteren Schichten – härter zugehen als heute. Und die Angst der Mittelschichten, dorthin abzurutschen, wird sich verstärken.

 

Das Schweigen der Linken

Kein Wunder, dass sich die traditionelle Linke und die Gewerkschaften in der Flüchtlings-Debatte auffallend stark zurückhalten. Einerseits fürchten sie, durch ihr Verständnis für die Ängste der weniger begüterten Deutschen in die rechte Ecke gedrängt zu werden („Du Nazi“), andererseits wollen sie auch nicht gegen die in der Linken traditionell hoch gehaltene internationale Solidarität verstoßen. Sie verteidigen den Nationalstaat und wollen die Grenzen nicht schließen. Dieser Spagat könnte in der aufgeheizten Situation missverstanden und von den Radikalen beider Seiten umso entschlossener bekämpft werden. Denn in einer polarisierenden Diskussions-Atmosphäre wird die Abwägung verschiedener Interessen gern als Wischi-Waschi oder Feigheit abgetan.

Eines der ganz wenigen Medien, die diesen Konflikt seit Monaten ohne Knie- und Kopfschutz austragen, ist das kleine Blog Wiesaussieht. Sein Leiter, Frank Lübberding, ein Sozialdemokrat alter Schule, hat keine Angst vor Blessuren und stürzt sich mitten ins Getümmel, egal wie abgedreht und ruppig es in den Kommentaren auch zugeht. So kommt etwas zustande, was – zumindest in Westdeutschland – kaum noch gewagt wird: der offene, von falscher Rücksichtnahme unbelastete Schlagabtausch. Bei Wiesaussieht fallen die Worte nicht in die Zuckerwatte supernetter Talkshow-Moderatoren, sondern am Tresen einer sauerländischen Eckkneipe. Also dort, wo sich die Sozialdemokraten früher zu bewähren hatten. (Allerdings, aber das nur am Rande, sind die Eckkneipen auch nie etwas anderes als eine Domäne der alten weißen Männer gewesen).


Landlust für die Merkel-Jugend

18 Oktober 2015 um 16:50 • 3 Kommentarepermalink

Im Netz wird viel über die „dämlichen“ Jugendportale Bento & Co. gespottet. Dabei werden die Medien-Macher von der jüngst erschienenen 17. Shell-Jugendstudie voll bestätigt. Das Problem solcher Jugenddarstellungen liegt ganz woanders.

 

Man kann sich natürlich prima darüber lustig machen: Die neuen Jugendportale von Spiegel über Zeit und Bild bis heute+ werden gerade kräftig durch den Kakao gezogen und als ebenso hilflose wie überflüssige Anbiederungsversuche von 30-jährigen Möchtegern-Jugendlichen gesehen. Den ‚kritischen’ Betrachtungen ist dabei eines gemeinsam – der felsenfeste Glaube, die Jugend sei gar nicht so, wie die Macher der neuen Jugendportale sich ihre Zielgruppe gern vorstellen: positiv gestimmt, gutwillig, freundlich, offen und hilfsbereit. Die Jugendportale, sagen die Kritiker, seien nur eine Verarschung der Jugend – geboren aus der Not, junge und frische Leser für die eigenen alt gewordenen Medienmarken zu gewinnen.

Vielleicht befinden sich die Kritiker mit ihrer Kritik aber auch in einer klassischen Filterbubble und wollen partout nicht sehen, dass die Jugend von heute eben genau die Jugendportale bekommt, die zu ihr passen. Vielleicht schlagen die Kritiker, die jetzt so wortgewaltig und sarkastisch über die neuen Jugendportale herziehen, nur den Sack (die Jugendmedien) und meinen in Wahrheit den Esel (die Jugend) – sie trauen sich nur nicht, das offen zu sagen.

Die Vorstellung der Kritiker vom Jungsein (siehe etwa die Schelte des Kraftfuttermischwerks) scheint eine völlig andere zu sein als die, die ein repräsentativer Querschnitt von Jugendlichen tatsächlich vorlebt.

 

Großes Vertrauen in die Polizei

Glücklicherweise ist soeben – passend zu den neuen Jugendportalen – die 17. Shell-Jugendstudie erschienen, und die Ergebnisse, die das Autorenteam um den Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann letzte Woche in Berlin präsentiert hat, decken sich mit der Beschreibung der Zielgruppen, die von den neuen Jugendportalen und ihrem „konstruktiven Journalismus“ ins Visier genommen werden.

„Insgesamt“ so die Shell-Studie, die auf einer repräsentativen Befragung von 2558 Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren basiert, „lässt sich die Jugend nicht von ihrer positiven Grundhaltung abbringen. 61 Prozent der Befragten blicken optimistisch in die persönliche Zukunft, das sind noch einmal mehr als in den Jahren 2010 und 2006… Erstmals seit den 1990er Jahren beurteilt eine Mehrheit der Jugendlichen (52 Prozent) auch die gesellschaftliche Zukunft optimistisch.“

„Mehr als 90 Prozent der Jungen und Mädchen pflegen ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Fast drei Viertel würden ihre Kinder ungefähr so oder genauso erziehen, wie sie selbst erzogen wurden.“

„Über 90 Prozent meinen, dass Familie und Kinder gegenüber der Arbeit nicht zu kurz kommen dürfen.“

„Jugendliche haben ein stabiles Wertesystem. 84 Prozent legen großen Wert auf Respekt vor Gesetz und Ordnung, 82 Prozent wollen fleißig und ehrgeizig sein. Noch in der zweiten Hälfte der 80er Jahre waren Fleiß und Ehrgeiz nur zu 36 Prozent besonders wichtig.“

„41 Prozent der Jugendlichen bezeichnen sich heute als politisch interessiert (1991: 57 Prozent, 2002, auf dem absoluten Tiefpunkt: 30 Prozent). Mit dem wieder steigenden Interesse geht auch die gestiegene Bereitschaft einher, sich politisch zu engagieren. Häufige Aktivitäten sind der Boykott von Waren aus politischen Gründen (34% der Befragten) und das Unterzeichnen von Online-Petitionen (27%)… 23 Prozent haben bereits an einer Demonstration teilgenommen, zehn Prozent engagieren sich in einer Bürgerinitiative.“

„Jugendliche bringen den Parteien nach wie vor wenig Vertrauen entgegen. Auch große Unternehmen, Kirchen und Banken genießen eher weniger Vertrauen. Am meisten vertrauen Jugendliche Polizei, Gerichten sowie Menschenrechts- und Umweltschutzgruppen.“

„Wichtiger als in den vorangegangenen Studien ist den Befragten 2015 die Bereitschaft zu umwelt- und gesundheitsbewusstem Verhalten; junge Frauen sind hierzu noch mehr bereit als junge Männer. Dagegen verloren materielle Dinge wie Macht oder ein hoher Lebensstandard eher an Bedeutung. 82 Prozent der Jugendlichen finden den Wert ‚Die Vielfalt der Menschen anerkennen und respektieren’ wichtig… Nur 37 Prozent fürchten sich vor Zuwanderung (2002: 48%, 2006: 58%).“

„Das eigene Engagement im Alltag (das heißt, sich für andere einzusetzen) ist leicht rückläufig. Von den Gymnasiasten berichten nur noch 37% im Vergleich zu 43% im Jahr 2010 über ein persönliches Engagement. Bei den Realschülern sind es 27% im Vergleich zu 44% 2010. Bei den Studierenden ging das Engagement leicht von 44% auf 42% zurück.“

„Für Deutschland wünschen sich die Jugendlichen in der internationalen Politik eine wichtige, vermittelnde, aber keine militärisch eingreifende Rolle. Nur 29% der Jugendlichen meinen, Deutschland sollte militärisch dazu beitragen, Kriege in der Welt zu beenden.“

„54 Prozent finden, dass Deutschland eine Führungsrolle in Europa haben sollte, nur 11 Prozent sehen das nicht so.“

„62 Prozent sind stolz darauf, Deutsche zu sein. Bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund sind es sogar 70 Prozent.“

„Während die Aussagen „Stolz sein auf die deutsche Geschichte“ und „am Althergebrachten festhalten“ in den 1980er Jahren für 60 bzw. 66 Prozent der Jugendlichen noch ‚ein rotes Tuch’ waren, lehnen im Jahr 2015 nur noch 44 bzw. 48 Prozent diese Lebensorientierungen ab.“

„Fürchteten sich 2010 nur 44 Prozent vor Krieg in Europa, ist die Zahl 2015 sprunghaft auf 62 Prozent angestiegen. Das sind etwas mehr als 2002, als die Kriege im früheren Jugoslawien nachwirkten. 73 Prozent haben Angst vor Terroranschlägen.“

Letzteres wundert nicht, denn im Befragungszeitraum, der von Anfang Januar bis Anfang März 2015 reichte, beherrschte das Pariser Attentat auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo wochenlang die Schlagzeilen. Wäre die Umfrage im Juni oder im August 2015 durchgeführt worden, wären die Antworten wahrscheinlich stärker von der Griechenland- und der Flüchtlingskrise beeinflusst gewesen. (Umfragen geben eben nicht nur die Wirklichkeit der Befragten wieder, sondern reflektieren auch stark die Wirklichkeit ihres Medien-Konsums.)

„Seit 2002 charakterisiert die Shell-Studie die Jugendlichen als ‚pragmatisch und unideologisch’. 2006 zeigte sich eine Kontinuität dieser Grundhaltung, jedoch mit steigender Unsicherheit, ob die Jungen und Mädchen ihr Leben tatsächlich so gestalten können, wie sie es sich wünschen. 2010 (nach der Finanzkrise) begannen die Druck- und Angstgefühle zu weichen. Der Optimismus für die persönliche Zukunft wuchs. Und: Statt wie in den Vorjahren vor allem auf das eigene Leben und das private Umfeld zu sehen, zeigten Jugendliche wieder wachsendes politisches Interesse und Bereitschaft zum politischen Engagement. Dieser Trend hat sich 2015 deutlich verstärkt.“

So weit – ganz grob – die Ergebnisse der Shell-Jugendstudie. Sie vermittelt das Bild einer (mehrheitlich) sympathischen, toleranten, familien- und traditionsverwurzelten, aber dennoch weltoffenen und vorurteilslosen Jugend. Entsprechend positiv reagierten die Medien in ersten Berichten auf diese tolle und liebenswerte Jugend:

„Deutsche Jugendliche überwinden Null-Bock-Phase“ (Spiegel Online)

„Krawatte statt Krawall“ (SZ)

„Das Smartphone ist das halbe Leben“ (SZ)

„Das Netz fängt die Jugend ein“ (FAZ)

 

Das Prinzip Landlust

Wenn wir die Ergebnisse der Shell-Studie nun mit den Ansprüchen vergleichen, die die Macher der neuen Jugendmedienportale in Interviews und Selbstbeschreibungen geäußert haben, so lässt sich eine hohe Übereinstimmung feststellen.

Da ist z.B. zu lesen, man wolle den Jugendlichen „News zum Wachwerden“ bieten, man wolle eine hohe Nutzerbeteiligung und – vor allem – konstruktive Lösungsansätze statt negativer Problem-Geschichten. Das hört sich an, als wäre das Redaktionsprogramm exakt auf die Bedürfnisse der „pragmatischen Generation“ aus der Shell-Jugendstudie zugeschnitten. Ze.tt-Redaktionsleiter Sebastian Horn sagt es so:

„Wir wollen den jungen Leuten Inhalte bieten, die sie interessieren, die sie aus ihrer Lebenswelt kennen. Dinge, mit denen sie unmittelbar etwas anfangen können, weil es ihren Alltag und ihr Leben betrifft…

Wir wollen zeigen, wie es besser geht, wie es anders geht und was junge Leute selber tun können.“ Das Jugendportal Ze.tt solle Möglichkeiten aufzeigen, „wie unsere Leserinnen und Leser selber aktiv werden können. Dieser Einsatz ist zum Teil beeinflusst von der Idee des Constructive Journalism.“

Ähnlich äußern sich die Macher von Bento: „Überall sieht man, wie schlecht die Welt ist, wie schlecht die Welt ist und wie schlecht die Welt ist. Und keine Frage, die Welt ist sehr schlecht, aber wer in Europa aufwächst, genießt gerade den größten Wohlstand, die größte Freiheit in der Geschichte der Menschheit… Jeder Tag ist fucking amazing! Und das kann sich in Geschichten auch gerne widerspiegeln.“

Diese journalistische Programmatik stellt nichts anderes dar als die Übertragung des Prinzips „Landlust“ auf die Jugend. Der phänomenale Erfolg der Zeitschrift Landlust – und zwar mitten in einer Medienlandschaft, die von roten Zahlen geprägt ist – zeigte den Medienmachern in einer Art Aha-Erlebnis, dass diese oft belächelte Zeitschrift ihre potentielle Leserschaft erkennt und deren Bedürfnisse erfüllt – anstatt mutig an den Lesern vorbeizuschreiben.

Natürlich muss man den dort praktizierten „konstruktiven Journalismus“ nicht gut finden, aber man sollte auch die Leser nicht besser machen als sie sind. Die Merkel-Jugend ist die Merkel-Jugend – da kann man sich keine andere backen, auch wenn es fünf oder zehn oder 30 Prozent „Andersdenkende“ geben mag, die diesem Bild weder entsprechen noch nachkommen wollen. Die Macher wollen Mehrheits-Magazine machen und keine Minderheiten in den Fokus rücken (ob das klug ist, ist eine ganz andere Frage).

Die Kritik der Jugendportale, die in den vergangenen Tagen hochschäumte, ist zwar von ehrlicher Empörung und satirischem Witz getragen, aber sie ist auch etwas billig. Kritisiert und parodiert werden vor allem die bemüht coole Jugendsprache und die mit ihr verbundene Anbiederung ans Jungsein sowie die Reduzierung des Journalismus auf praktische Lebenshilfe und Infotainment. Als wären Jugendzeitschriften früher ganz anders gewesen.

 

Selbstfeier der Mittelschichten

Ansetzen müsste die Kritik der Jugendportale (ebenso wie die Kritik der Shell-Jugendstudien) an einem ganz anderen Punkt. An der – in beiden Fällen – fast ausschließlichen Mittelschichtsorientierung.

Die Shell-Studie teilt die befragten 2558 Jugendlichen in fünf soziale Schichten ein: in Oberschicht (13%), obere Mittelschicht (25%), mittlere Mittelschicht (29%), untere Mittelschicht (22%) und Unterschicht (11%). Mit einem Anteil von 76 Prozent wären also mehr als drei Viertel aller Jugendlichen Kinder der Mittelschicht. Potzdonner! Das ist ein gewagtes Schichtenmodell, eine Bolte-Zwiebel, die fast schon Ähnlichkeit mit einem Kürbis besitzt.

Während der Soziologe Martin Bolte in den 1960er Jahren noch eine dünne und spitze Oberschicht von 2 Prozent ‘errechnete’ sowie eine obere Mittelschicht von gerade mal 5 Prozent, umfasste der gewaltige Unterbauch seiner Gesellschafts-Zwiebel fast 80 Prozent. Bei den Shell-Autoren dagegen umfasst allein die Oberschicht 13 Prozent und die obere Mittelschicht noch einmal 25 Prozent. Da scheint der soziologische Optimismus mit den Autoren durchgegangen zu sein.

Aber zumindest zeigt die Shell-Studie, dass die beiden unteren Schichten (die zusammen ein Drittel der Befragten ausmachen) in vielen Punkten ganz anders denken, fühlen und werten als die privilegierten und deshalb eher optimistisch gestimmten Mittel- und Oberschichten. In der Berichterstattung über die Studie bleiben diese Unterschiede häufig unerwähnt. Hier ein paar signifikante Beispiele aus der 17. Shell-Jugendstudie:

„Während drei Viertel der Jugendlichen aus der oberen Schicht angeben, sich Kinder zu wünschen, waren es in der unteren Schicht nur etwas mehr als die Hälfte.“

„61 Prozent der Befragten blicken optimistisch in die eigene Zukunft, das sind noch einmal mehr als in den Jahren 2010 (59%) und 2006 (50%). Die Zuversicht der Jugendlichen aus der sozial schwächsten Schicht stagniert hingegen bei 33 Prozent. Leicht rückläufig ist der Optimismus in der unteren Mittelschicht von 56% 2010 auf 52% 2015. In der Oberschicht fällt dagegen der Zuwachs von 68% (2010) auf 74% (2015) ins Auge.“

„Jugendliche aus der unteren Schicht sind auch deutlich weniger zuversichtlich (46%), was die Realisierbarkeit ihrer beruflichen Wünsche angeht, während Jugendliche aus der Oberschicht hier einen Spitzenwert von 81% aufweisen. Auffällig ist ferner die zurückgehende Zuversicht in der oberen Mittelschicht von 62% im Jahr 2010 auf 53% im Jahr 2015.“

„Während nur 35 Prozent der Jugendlichen aus den westlichen Ländern eine verringerte Zuwanderung nach Deutschland wünschen, sind es in den östlichen Ländern (inklusive Berlin) 49 Prozent. Weniger Aufnahme von Flüchtlingen fordern 44 Prozent der Jugendlichen im Osten, aber nur 30 Prozent im Westen.“ (Die Befragung fand vor der aktuellen ‚Flüchtlingskrise’ statt).

„In der Oberschicht interessieren sich 67 Prozent der Jugendlichen für Vorgänge in der Welt, in der Unterschicht nur 31 Prozent.“

„Mit dem politischen System zufrieden oder sehr zufrieden sind 77 Prozent der Jugendlichen im Westen, im Osten dagegen nur 54 Prozent.“

„Die Zukunft der gesellschaftlichen Entwicklung beurteilen 52 Prozent optimistisch. Jugendliche aus der oberen Schicht sind mit 59 Prozent am optimistischsten, bei den Jugendlichen aus der unteren Schicht ist der Anteil mit 43 Prozent deutlich geringer.“

Vom unteren Drittel der Gesellschafts-Jugend erfährt man in der Berichterstattung über die Studie herzlich wenig. Die Überschriften in den Medien beziehen sich stets auf die Ergebnisse aus den großzügig bemessenen und die Mehrheit stellenden Mittelschichten.

Da auch die meisten Journalisten aus diesen Mittelschichten stammen, reproduziert die Berichterstattung also vorwiegend die eigene Haltung. Journalismus verwandelt sich in eine Art Selbstbestätigungs- oder Selbstbekräftigungs-Instrument, das an den überaus netten Jugendportalen nur deshalb etwas stärker auffällt, weil sich die Macher hier ganz offen und ehrlich (und aus ehrenwerten Gründen) zu dieser Selbstbestätigungshaltung bekennen (= constructive journalism). Das heißt, die Mittelschicht feiert sich im neuen „konstruktiven“ Journalismus vor allem selbst – und nimmt Abweichungen außerhalb ihres begrenzten Gesichtsfeldes kaum noch wahr.

 


„Wir wollten der Reißzahn im Arsch der Mächtigen sein“

24 September 2015 um 11:55 • 0 Kommentarepermalink

Claus Peymann zieht eine Bilanz seines langen Theaterlebens. Zornig ist der bald 80-jährige noch immer. Wenn er 2017 das Berliner Ensemble verlässt, dann ganz bestimmt nicht leise.

 

Von der neuen Garde der Hauptstadtkultur hält er nichts. Von der Förderung junger Leute auch nicht. Junge Leute sollen sich durchsetzen. Peymann selbst ist (politischen) Konflikten nie aus dem Weg gegangen. Nicht in Frankfurt (Notstandsgesetze), nicht in Stuttgart (RAF), nicht in Bochum, nicht in Wien (NS-Vergangenheit), nicht in Berlin (Kulturpolitik). So wurde er zur „Theaterlegende“. Doch nach über 50 Jahren auf jenen Brettern, die die Welt nicht mehr bedeuten, rückt das Ende seiner Karriere näher. Für das Hamburger Theater-Magazin (1963 gab Peymann am Hamburger Universitätstheater sein Debüt) durfte ich ein längeres Gespräch mit ihm führen. Es ist das Vermächtnis eines sympathischen, Mut machenden Egozentrikers. Hier ein paar Auszüge:

„Ich habe Gott sei Dank einen völlig intakten Instinkt, ich bin ein Stadt-Indianer. Im Grunde bin ich zwar ein bisschen blöd, aber ich habe ein gutes Gefühl für andere Menschen, auch für die Begierden oder die Gefahren, die von anderen Menschen ausgehen…“

„Ich wollte nie Fürsprecher und finde das auch furchtbar. Diese Dauer-Förderung und -Fütterung von jungen Leuten, das ist doch peinlich. Ich hab mich selber durchgesetzt. Damals wäre nie jemand auf den Gedanken gekommen, einen Peter Handke zu fördern oder einen Botho Strauß. Das ist ja dieser völlige Schwachsinn, dass heute jeder, der halbwegs einen Computer bedienen kann, gleich als Nachwuchsdramatiker preisgekrönt wird…“

„Ich hatte immer das Gefühl, dass das Theater einen starken Einfluss hat. Natürlich gibt es eine ohnmächtige Wut, wenn man sich den Unsinn anschaut, der beim sogenannten G7-Gipfel in Elmau aufgeführt wurde. Da gab es für 300 Millionen Euro ein völlig sinnloses Fotoshooting, das 30.000 Polizisten beschützen mussten. Selbst die Demonstranten sahen wie Freizeitwanderer aus. Aber verstehen Sie, mein Leben ist immer in einer sehr starken Auseinandersetzung mit der Politik verlaufen, das heißt, ich war immer auf der Gegenseite, in meinen Frankfurter Jahren war das Theater am Turm das große linke anarchistische Theater in Deutschland, und es war kein Zufall, dass dort die Stücke Peter Handkes uraufgeführt wurden. Wir haben demonstriert, wir haben versucht, den Vietnamkrieg zu verhindern, wir haben versucht, die Macht Springers zu brechen, wir haben versucht, die Verabschiedung der Notstandsgesetze zu verhindern. Wir wollten nicht, dass Deutschland wieder ein reaktionäres Land wird…“

„Ich habe öffentlich angekündigt, wir würden der Reißzahn im Arsch der Mächtigen sein. Der war dann – zugegebenermaßen – ziemlich stumpf. Denn heute ist in Berlin und anderswo auf dem Theater beinahe alles möglich. Wir leben in einer Zeit, die so vernebelt ist, so diffus, dass der Gegner, der Feind, gegen den sich das Theater mit subversiven, provokanten und zugleich aufklärerischen Mitteln zu richten hätte, gar nicht mehr zu erkennen ist… In der Berliner Kulturszene ist heute alles möglich – und zugleich nichts. Selbst wenn sie den Politikern die allerhärtesten Beschimpfungen, Beschuldigungen und Gemeinheiten an den Kopf werfen, es interessiert niemanden, man zuckt mit den Schultern und sagt, diese verrückten Alt-68er und Gut-Menschen… Man nimmt uns nicht mehr ernst. Und das ist fatal für ein kämpferisches Theater, wenn man es einfach aussitzen kann…“

„Natürlich ist meine Rolle von vornherein eine lächerliche und absurde. Natürlich bin ich völlig unzeitgemäß, aber ich bekenne mich inzwischen zum Museum. Das ist doch großartig! Gehen Sie mal in Museen. Warum stehen da 300.000 Leute Schlange, um einen Van Gogh zu sehen? Weil sie etwas suchen, was sie in der Realität nicht mehr finden. Und wenn das so ist, dann bin ich gerne ein lebendiges Museum. Manchmal ist das Museum der Platz, um das Gute zu bewahren. Dann bewahren wir hier das Theater als Feier, das Theater als Platz der Aufklärung und als Fest der Schauspieler, das Theater der Literatur. Dann ist das hier eben etwas ganz Anderes. Hier wird die Literatur nicht vermatscht, hier nehmen sich die Schauspieler ernst, das ist unser Geheimnis und das ist unsere Kraft und unser Erfolg. Dann bin ich eben ein Museumsdirektor, Grüß Gott!“

Das vollständige Interview finden Sie auf der Website des Hamburger Theaterfestivals.


Die Kaffeepadisierung des Journalismus

15 September 2015 um 15:51 • 17 Kommentarepermalink

Erneut setzen Journalisten und Verlage große Hoffnungen auf ein Micropayment-Modell. Diesmal soll Blendle den Online-Journalismus „retten“.

 

Wieder wird ein „Geschäftsmodell“ für Journalismus mit großem Hallo begrüßt. Das Start-Up Blendle mache alles richtig, heißt es: Es lasse den Verlagen die nötige Autonomie bei der Preisgestaltung, es biete wichtige „Lesestücke“ renommierter Medien, die Bedienung des Kiosks sei denkbar einfach, es gebe kuratierende Lotsen, eine ästhetisch ansprechende Benutzeroberfläche und – bei Produktenttäuschung – sogar eine Geld-zurück-Garantie.

Leider gibt es aber (noch) keine nennenswerte Zielgruppe. Und das heißt: Es gibt (noch) kein dringendes Bedürfnis, die zeitraubende und teure Neubündelung entbündelter Inhalte mitzumachen. Bis auf wenige Aficionados (Vielleser und notorische Kioskstöberer) will niemand für einzelne Zeitungsartikel einzelne Kauf-Entscheidungen treffen müssen. Wenn man 100 oder 150 Artikel bequem zum Wundertütenpreis von 2,90 € bekommen kann (in Gestalt einer Zeitung) – warum sollte man dann für einen einzelnen Artikel aus diesem entbündelten Presse-Bündel 75 Cent bezahlen (5 oder 10 Cent wären schon eher nachvollziehbar)?

 

Die Kaffeepadisierung des Journalismus

Okay, es gibt inzwischen auch Kunden, die 70 Kaffee-Pads für 12 Euro kaufen, obwohl sie ein Pfund Kaffee für die Hälfte haben könnten (sie kaufen ihre Pads allerdings noch nicht einzeln). Diese Kunden kaufen vielleicht bei iTunes einzelne Songs, obwohl ein ganzes Album oder eine Flatrate bei Spotify im Verhältnis viel preiswerter wäre. Aber kann man Lebensmittel (die man braucht) oder Lieder (die man immer wieder hören mag) überhaupt mit Journalismus vergleichen? Manche Journalisten wünschen sich das: dass ihre Texte wie Lebensmittel oder Lebensmelodien wären. Doch leider sind die meisten Journalisten nur Journalisten – und schreiben Texte für den Tag.

Ein Einzelkauf wäre nur bei einer ganz bestimmten Sorte von Texten sinnvoll – bei so genannten Longreads (oder Pocketstorys), bei Dossiers, mitreißenden Reportagen, größeren Essays oder Analysen, langen Gesprächen, bei Texten, die abseits des Mainstream entstehen, die aufwändig und exklusiv und originell sind und mehr Bestand haben als ein gewöhnlicher Leitartikel – Texte, die in Richtung Kurzgeschichte, ja schmales Buch gehen. Deren Aufwand soll künftig von der dünnen Schicht der Premium-Leser extra bezahlt werden. Aber ein Bericht über die gestrige Pressekonferenz der Bundesverteidigungsministerin? Oder eine flüchtige Rezension der Uraufführung von Wagners „Lohengrin“? Warum sollten Notizen, die für den Tag und die Zeitung geschrieben sind, als separates ‚Produkt’ noch einmal teuer zweitverwertet werden (und wie viel vom Zusatz-Erlös bekommen eigentlich die Autoren)?

 

Man könnte auch Bücher pro Seite verkaufen

Wie enorm die Erlöse durch Micropayment sind, wissen wir aufgrund der ‚bahnbrechenden Erfolge’ von flattr, kachingle oder LaterPay. Irgendwann ist es selbst dem gutmütigsten Menschen zu mühsam, unablässig Bewertungen und Kauf-Klicks abzugeben (Der Bitcoin-Experte Nick Szabo nannte das „mentale Transaktionskosten“). Presse-Micropayment ist ungefähr so sinnvoll wie der Vorschlag, jede Seite eines E-Books extra zu verkaufen. Per Maus-Klick (der natürlich ganz „einfach“ und „bequem“ ist) könnte man am Ende jeder Seite die nächste Seite für 2 Cent dazukaufen. Manche Seite würde man auch zurückgeben. Und manche Kuratoren würden vielleicht nur die Seiten 38 und 257 empfehlen… Nein, diese Umstandskrämerei kann kein ernsthaftes Geschäftsmodell für Journalismus sein. Es nimmt den Leser zu sehr in Beschlag und gilt nur für Bruchteile des Journalismus. Die Branche würde sich überschätzen, wenn sie die Blendles dieser Welt als Rettung des Journalismus ansähe. Wäre der Einzelverkauf von „hochwertigen“ Presse-Artikeln ein Geschäftsmodell – Amazon hätte es längst in sein Angebot integriert.


Monothematischer Journalismus

6 September 2015 um 15:51 • 14 Kommentarepermalink

Ein neuer Trend erfasst die Nachrichtenmedien: Über Tage und Wochen gibt es nur ein einziges Super-Thema. Ist das gut für unser Problemverständnis oder ist es eine autoritäre Bevormundung?

 

Die Entbündelung der Tageszeitung und der klassischen Nachrichtensendung durch das Netz war vor Jahren ein wichtiges Thema in den Debatten über die Zukunft des Journalismus. Redakteure und Verleger beschworen die Gefahr, dass der Medienkonsument bald nur noch das zur Kenntnis nehmen werde, was er eh schon kenne und deshalb gewohnt sei. Also stets das Gleiche. Doch in jüngster Zeit erfährt die Nachrichten-Branche eine thematische Verengung ihrer Angebotsvielfalt, die noch viel dramatischer ist und von den Redaktionen und Verlagen selbst hervorgerufen wird: Die Nachrichten-Medien konzentrieren sich – ähnlich den Empörungswellen in den sozialen Netzwerken – über längere Zeiträume auf ein einziges, markt- und meinungsbeherrschendes Thema. Die Monothematik ist der neueste Trend im Nachrichten-Geschäft.

 

Du musst dich damit beschäftigen!

Zu Beginn des Jahres fing es an mit dem Attentat auf Charlie Hebdo. Einen konzentrierteren Medien-Aufruhr konnte man sich bis dahin kaum vorstellen. Dann folgte der Flugzeugabsturz von Germanwings, anschließend ploppte die NSA wieder auf, dann ging es um den nervenaufreibenden Euro-Poker mit Griechenland (inklusive des Stinkefingers von Varoufakis), schließlich um den Landesverratsvorwurf gegen die Betreiber der Website netzpolitik.org und nun um Flüchtlinge und Einwanderung. Immer geht es dabei um alles oder nichts. Der moralisierende Zeigefinger (bzw. das große WIR) beherrscht die Schlagzeilen und kaum jemandem gelingt es, sich dem jeweiligen Megathema zu entziehen.

Nun ist die Bildung thematischer Schwerpunkte oder gar monothematischer Nachrichtensendungen an sich eine gute Sache. Leser und Zuschauer können sich über Wochen konzentriert mit einem Thema befassen, Journalisten können alle Aspekte und Facetten beleuchten und – gegebenenfalls – vertiefen. Schwerpunkte oder Monothematik signalisieren allergrößte Wichtigkeit: Du musst dich jetzt damit beschäftigen! Du kannst nicht länger daran vorbeigehen! Du darfst nicht neutral bleiben! Dieser Journalismus ist genau das, was die Medienmacher früher vehement ablehnten: aktivistisch. Er will das Volk in Bewegung bringen. Und in der Flüchtlingskrise dieses Sommers scheint die Mobilisierung der Bevölkerung auch gelungen zu sein.

 

Die journalistische Los Wochos-Strategie

Aber was von der jeweiligen Monothematik bleibt hängen? Wer könnte heute noch wiedergeben, um was im Januar gestritten wurde? Und wer weiß, wie es in der Ostukraine weiterging? Sicher: Emotional gab und gibt es jedes Mal eine Riesen-Aufregung, die Regierenden werden aufgescheucht (Angela, mach’ endlich was!) und die Politiker multimedial gezwungen, in den Modus des mitfühlenden Krisenmanagements zu schalten. Wehe den abseits Stehenden, die dann keine symbolische Handlung vorweisen können (Kind streicheln, Heim besuchen)! Die Talkshows diskutieren, die Brennpunkte überschlagen sich, die Kommentatoren überbieten sich gegenseitig. Und dann?

Entweder schlägt ein neues Thema ein wie eine Bombe und verdrängt das alte oder das Publikum verliert das Interesse und beklagt den thematischen Overkill: Was man auch einschaltet, wo man auch hinschaut: Flüchtlingskrise. Davor, nicht minder dominierend, die Euro-Krise, davor NSA total, davor Ostukraine, davor Germanwings, davor Charlie Hebdo. Auch die serielle Monothematik stößt irgendwann an die Grenzen der menschlichen Aufnahmefähigkeit. Zwar können die Nachrichten-Medien durch die erzeugte Emotionalisierungswelle immer wieder hohe Klickraten, hohe Quoten und hohe Kioskverkäufe erzielen, aber die Auswirkungen ihrer riskanten „Los Wochos“-Strategie bedenken sie nicht.

 

Der Sinn von Monothematik

Die serielle Erregung der Menschen durch ein einziges zentrales Superthema und die darauf folgende serielle Löschung (um einem anderen Super-Thema Platz zu machen) muss nicht unbedingt den Mut zum eigenen Handeln beflügeln, sie kann auch den Unmut und die Erschöpfung aufgeregter Gesellschaften steigern. Denn das Publikum hat es nicht in der Hand, den Zeitpunkt zu bestimmen, wann ein aufrüttelndes Monothema medial durch das nächste abgelöst wird. Es muss jede Wende, jedes abrupte Ende mitmachen. Es muss sich fügen: Okay, dann reden wir ab morgen halt nicht mehr über Flüchtlinge, sondern über den Börsencrash in China. Okay, ich hätte zwar gerne noch länger über den Landesverrat diskutiert, aber das Ober-Thema ist jetzt Syrien. Das heißt, die Menschen werden – ob sie es wollen oder nicht – durch den Emotionskindergarten der Medien gejagt und können nicht mehr selbst entscheiden, womit sie sich befassen wollen. Das ist der Sinn von Monothematik! Das ist ihre autoritäre Schattenseite.

Denn moralisierende Kampagnen über Tage und Wochen hinweg sind zwar gut fürs Medien-Geschäft, aber ob die Menschen von der konzentrierten Berichterstattung profitieren, indem sie nun besser Bescheid wissen über Flüchtlinge, Ostukraine, NSA-Überwachung, Griechenland oder den Islamischen Staat, ob sie sich gar aktiv und nachhaltig mit diesen Problemen auseinandersetzen, bleibt offen. Eine medienwissenschaftliche Untersuchung darüber, ob der monothematische Kampagnen-Journalismus tatsächlich mehr Problemverständnis und zivilgesellschaftliches Engagement hervorbringt oder die Gesellschaft eher lähmt, verwirrt und bevormundet, wäre wünschenswert.


Warum Sachsen?

25 August 2015 um 15:15 • 0 Kommentarepermalink

Sind Sachsen denn schlechtere Menschen? Nein, natürlich nicht. Aber die Fremdenfeindlichkeit im Osten Deutschlands hat eine spezifische Tradition, die weit vor die Naziherrschaft zurückreicht.

 

„Warum Sachsen?“ fragte die FAZ am 20. August und wiederholte diese Frage gleich noch mal im Vorspann ihres Artikels:

„Der Protest gegen Asylbewerber und Flüchtlinge entlädt sich in Sachsen heftiger als in anderen Bundesländern – dabei muss das Bundesland im Osten vergleichsweise wenige Flüchtlinge aufnehmen. Woher kommt der Hass?“

Die Antwort, die der Sachsen-Korrespondent der FAZ seinen Lesern gibt, lautet zusammengefasst etwa so: Die Verheerungen der Kollektivwirtschaft der DDR sowie der nachfolgende ökonomisch brutale Anschluss Sachsens an die Bundesrepublik seien schuld. Die gesellschaftlichen Bindekräfte seien dadurch verloren gegangen. Eine Million Sachsen würden heute als Arbeitsmigranten in den Westen pendeln oder seien schon in den Westen geflüchtet. Arbeitslose und Alte fühlten sich allein gelassen. Die Behörden und politischen Institutionen seien durchweg von Westlern besetzt. All dies führe „zu einem tiefempfundenen Fremdheitsgefühl im eigenen Land.“

Da ist natürlich etwas dran, aber die spezifischen „Probleme“ des Ostens mit der Fremdheit (auch der Spiegel stellt sich diese Frage und weiß keine Antwort) gab es schon vor der DDR: Seit der Reichsgründung von 1871 wurde die Ostgrenze Deutschlands in besonderer Weise ideologisch aufgeladen. Von dort „drohten“ die „Menschenfluten“, die allerlei Ängste auslösten und – auch von den damaligen Eliten – als Gefahr für die „noch fragile deutsche Identität“ wahrgenommen wurden.

– Der Historiker, Politiker und Publizist Heinrich von Treitschke sah die fragile nationale Identität der Deutschen in seiner 1880 veröffentlichten antisemitischen Streitschrift „Ein Wort über unser Judentum“ von einer „Schar strebsamer hosenverkaufender Jünglinge“ bedroht, „die Jahr für Jahr aus der unerschöpflichen polnischen Wiege über die deutsche Ostgrenze drängen“ und „deren Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen (!) beherrschen sollen.“

– Die Pegida von damals führte der aus der sächsischen Provinz stammende christlich-soziale Hofprediger Adolf Stoecker an, der als einer der Erstunterzeichner der fatalen „Antisemitenpetition“ gegen die aus dem Osten herein drängenden Juden polemisierte. Diese stellten eine Gefahr für das deutsche Volkstum dar. Auch der Bund der Landwirte, der Alldeutsche Verband, der Ostmarkenverein und viele Burschenschaften schürten die Ängste vor der Überfremdung und der Überflutung aus dem Osten. So kam es in den Jahren 1885 bis 1887 zu Massenausweisungen von Juden und Polen und zu einer (vorübergehenden) Abriegelung der Ostgrenze für Zuwanderer.

– 1905 schrieb die Kölnische Zeitung: „Wir müssen unsere Grenze, wenn es uns mit unserer Germanisierungspolitik überhaupt ernst ist, wenn wir den folgerichtigen Willen haben, in unseren Ostmarken nicht das Germanentum noch mehr als bisher von fremden Volksbestandteilen überfluten zu lassen, mit fester Hand gegen die Zuwanderung politisch und wirtschaftlich nicht vorteilhafter Elemente schützen.“

Dabei war es mit der realen Zuwanderung der „nicht vorteilhaften Elemente“ gar nicht so weit her. Von den über fünf Millionen Menschen, die zwischen 1880 und 1914 vor allem aus Russland (Kongresspolen) und Österreich-Ungarn (Galizien) zu den Seehäfen Hamburg und Bremen wollten, um von dort nach Amerika auszuwandern, ließen sich nur etwa 80.000 tatsächlich in Ostdeutschland nieder. Etwa die Hälfte der Durchreisenden waren Juden, die in ihren Herkunftsländern von Ausgrenzung, Armut, Gettoisierung und antisemitischen Pogromen bedroht waren und oft allein wegen ihres ungewohnten Aussehens (Kaftan, Schläfenlocken, Bärte) heftige Ablehnung bei den Deutschen hervorriefen. Die von der seinerzeitigen Pegida beschworene „Ostjudengefahr“, die das „Abendland bedrohte“, war auch damals vor allem ein eingebildetes Problem.

Real anwesend waren hingegen die zu Hunderttausenden ins Land kommenden (vorwiegend polnischen) Saison- und Wanderarbeiter. Seit den 1890er Jahren, als in Deutschland eine fast 20 Jahre währende Hochkonjunktur einsetzte, trafen an der Ostgrenze zwei Migrantengruppen zusammen: zum einen die bereits erwähnten Transitreisenden, die nach Amerika auswandern wollten, zum anderen die Saison- und Wanderarbeiter, die auf den riesigen Gütern der ostelbischen Junker, im Kanalbau oder in den Ziegeleien zu Dumpinglöhnen arbeiteten. Letztere wurden (weil billig und willig) von den Junkern und Industriellen ausdrücklich willkommen geheißen, von den einheimischen Arbeitern aber als lohndrückende Konkurrenz betrachtet, die überdies die oft mühsam erkämpften besseren Arbeitsbedingungen wieder aushebelten und sich als Streikbrecher einsetzen ließen.

Der Ökonom August Sartorius von Waltershausen schrieb 1903: „Die genannten Arbeiten sind anstrengend, vielfach die Gesundheit aufreibend, oft schmutzig und widerlich und werden daher in denjenigen Gebieten, wo die Arbeiterschaft verweichlicht oder bequem geworden ist und vermöge ihrer politischen Selbstherrlichkeit einen Anspruch auf leichtere Arbeit zu haben glaubt, gern abgelehnt, wenn sich nur irgendeine angenehmere Arbeit finden lässt“.

In den Ostprovinzen (wo drei Viertel der Saisonarbeiter tätig waren) kam es daraufhin – aus Furcht vor einer „Polonisierung“ des deutschen Kaiserreichs (ein von dem Soziologen Max Weber in die Debatte eingeführter Kampfbegriff) – zu einer restriktiven Abwehrpolitik mit allerlei Schikanen gegenüber den polnischen Wanderarbeitern.

Also, warum Sachsen? Weil die Folgen der politischen Rückständigkeit und der wachsenden Ungleichheit in der entstehenden Weltwirtschaft zuerst auf den deutschen Osten trafen. Die Traditionslinien der damaligen Argumentation sind – politisch wie ideologisch – noch heute virulent.

 

Schon etwas älter, aber immer noch bestens geeignet zum Nachlesen: Deutsche im Ausland, Fremde in Deutschland, Migration in Geschichte und Gegenwart, hrsg. von Klaus J. Bade, C.H.Beck-Verlag, München 1992;