Die fabelhaften Springer-Boys

26 Juni 2011 um 15:06 • 18 Kommentarepermalink

Beim Springer Verlag regiert eine „Wilde Reiter GmbH“. Eine… ähem… „junge Garde“ aus Mittvierzigern, Mittfünfzigern und Mittsechzigern, die auf ihren virtuellen Harleys durch die Medienlandschaft brettert. Eine Mediensatire.


Schach

Springer-Selbstbild: Schach dem König!

 

Männliche Putztruppen gibt es in vielen Varianten. Mal treten sie als „Ocean’s Eleven“ auf, mal als „Die sieben Samurai“, mal als „Ladykillers“ und mal als „Die Halbstarken“. Der große Unterhaltungswert solcher Gruppen-Filme resultiert aus der Mischung extrem unterschiedlicher Charaktere – und aus der Tatsache, dass alle zusammen eine unschlagbare Seilschaft Einheit bilden.

Auch Mathias Döpfner, Kai Diekmann, Christoph Keese, Thomas Schmid und Manfred Hart, die fabelhaften Springer-Boys, kämpfen seit Jahren mit verteilten Rollen für die gerechte Sache. Sie wollen – endlich! – ihre eigene 68er-Revolution.

Der Anführer der Gruppe, Mathias Döpfner, markiert nach außen den starken Mann. Er würde sonst von seiner wilden Truppe nicht anerkannt. Er schlägt sich, wann immer er sich im Recht wähnt. Und er wähnt sich immer im Recht. Während seine Hausjuristen die letzten Feinheiten des Leistungsschutzrechtes durchspielen, poltert er gegen die Feinde im Internet, gegen die „spätideologisch verirrten Web-Kommunisten“, die seine Inhalte vergesellschaften wollen. Döpfners Hassliebe zu den 68ern, seine klammheimliche Bewunderung ihrer Methoden ist so stark in ihm verwurzelt, dass er immer wieder versucht, ihre Kulturtechniken zu imitieren: durch Sit-Ins auf Podien, durch Sprechchöre in den Medien, durch Provozieren und freches Dazwischenreden in den Mediendiensten. Obwohl seine äußerliche Eleganz und sein Max Raabe-Charme leicht darüber hinwegtäuschen, ist er dem Polterer Franz Josef Strauß nicht unähnlich. So wie der Bayer die eigene Doppelrolle liebte – Tyrann und Rebell zugleich zu sein – so liebt Döpfner das Anti-Autoritäre im Autoritären.

Kai Diekmann, der Zweite im Bunde, ist von anderem Kaliber. Er mimt den Clown in der Springerschen Putztruppe. Da es in jeder verschworenen Gemeinschaft einen geben muss, der die anderen mit Possen und Albernheiten bei Laune hält, hat Kai Diekmann die Rolle des Dieter Kunzelmann übernommen. Wie er mit diebischer Freude die taz vorführt, wie er lustvoll die Rampensau im Internet gibt, das dürfte bei den Herrenabenden im 19. Stock des Springer-Hochhauses immer wieder zu heftigem Schenkelklatschen und lustigem Gejohle führen. Kai Diekmann ist ohne Zweifel der begabteste Rocker der Truppe. Er rockt die Medien, den Papst, das eigene Geschlecht und sogar das widerspenstige Internet.

Extrem anders der Dritte im Bunde, Thomas Schmid. Er ist der dunkle Intellektuelle, der als Chefideologe die Losungen vorgibt und sich aus seiner großen Zeit als „Revolutionärer Kämpfer“ die nötige Intoleranz Strenge erhalten hat. Schmid sorgt dafür, dass immer genügend Windmühlen in der politischen Landschaft herumstehen, gegen die es sich zu kämpfen lohnt. Als politischer Renegat und Gruppen-Ältester hat er die Aufgabe, abends in den schweren Lederfauteuils die Geschichten aus der wilden Zeit zu erzählen, die bei den anderen die Sehnsucht weckt, auch mal so geil auszusehen wie Moritz Bleibtreu in Eichingers Baader-Meinhof-Verfilmung. Doch Schmid wäre nicht Schmid, wenn er die eigene Truppe nicht immer wieder trotzig aus ihren Träumen reißen würde, um sie auf den „Leuchtenden Pfad“ der Erkenntnis zu führen. Er weiß am besten, wie eine Revolution als Farce inszeniert wird. Zwar reicht seine Performance nicht ganz an die von Marlon Brando als Don Corleone heran, aber die Rolle des Professor Marcus in „Ladykillers“ wäre ihm zweifellos auf den Leib geschrieben.

Manfred Hart, der erfolgreiche Chef von Bild.de, ist der Smarte im Hintergrund. Derjenige, der jede Aufgabe, die man ihm überträgt, professionell, geräuschlos und unaufgeregt erledigt. In seiner  Schülerzeitungszeit hat er gelernt, wie man CDU-Anzeigen wegen „Verunglimpfung von Verfassungsorganen“ unbeschadet übersteht: Im Zweifel ist einfach alles Satire. Hart ist der Pragmatiker, der in einer Springer-Komödie („Matthias’ Eleven“?) die Pässe besorgen und den reibungslosen Ablauf des Unternehmens überwachen würde. Obwohl er seinen jüngeren Kumpels die 68er-Maskerade nicht so recht abnimmt, steht er loyal zu allem, was sie tun. Er ist nach außen der Unscheinbarste – aber vermutlich der Cleverste.

Bleibt als Letzter Christoph Keese, der Kleinste im Bunde. Als Außenminister der Truppe, als Mann für die „öffentlichen Affären“ (der anderen Gruppenmitglieder) verfügt er nicht nur über den so wichtigen Welpenschutz innerhalb der Wilden Reiter GmbH, er genießt auch, wie alle Außenminister, den Charme-Bonus die Charme-Boni des professionellen Vermittlers. Keese bügelt glatt, was die anderen rhetorisch vermasseln, er bezahlt die Kollateralschäden und trocknet – wenn keine Wurf-Tassen zur Verfügung stehen – die Tränen der Geschundenen. Er umtänzelt alle Wichtigen und lockt die Widerstrebenden. Seiner Geschmeidigkeit und seiner Arbeitsfreude verdanken die anderen den Anstrich von Seriosität und Kontinuität.

Alle fünf passen so ideal zusammen wie die legendären Bonanza-Boys auf der Ponderosa-Ranch. Nimmt man deren mediale Langlebigkeit zum Maßstab, so werden uns Thomas (Ben Cartwright), Mathias (Adam), Kai (Hoss), Christoph (Little Joe) und Manfred (Hop Sing) noch lange mit ihren tollen Abenteuern erfreuen. Das einzige, was den Fünfen auf ihrer Springer-Ranch wirklich fehlt, ist die Mutter. Denn Friede scheint diese Rolle nicht so recht ausfüllen zu wollen.


Ich kandidiere!

16 Juni 2011 um 11:55 • Kommentare deaktiviert für Ich kandidiere!permalink

Eine Zeitlang hat man uns eingehämmert, die gegenwärtige Politik sei „alternativlos“. Das ist vorbei. Eine zunehmende Zahl von „Spaßkandidaten“ zeigt, wie man die erstarrten Verhältnisse zum Tanzen bringt.

 

Im Anfang war Henryk M. Broder. Er bewarb sich – gegen Charlotte Knobloch – um die Präsidentschaft des Zentralrats der Juden. Die Aktion sorgte für helle Aufregung, denn niemand wusste: Meint Broder es ernst?

Dann kam Claudius Seidl. Der wortgewaltige Feuilletonchef der FAS schickte sich an, unter dem nichtendenwollenden Beifall seines Kollegen Michael Hanfeld ZDF-Intendant Markus Schächter zu beerben. Auch Seidl hielt die Ernsthaftigkeit seines Angebots kunstvoll in der Schwebe.

Die beiden Spaßkandidaten „rockten“ die Szene – denn beide drückten einen vorhandenen Unmut über nicht vorhandene Alternativen aus; es war ein greller Protest gegen eine stille, kraftlose Opposition.

 

Ein Wetterleuchten in drückender Atmosphäre

Spaßkandidaturen sind eine zwiespältige Form der Kritik. Manche „Clowns“ kandidieren nur deshalb für ein öffentliches Amt, weil sie damit Wirbel und Werbung in eigener Sache erzeugen, was in der Regel heißt: für ihr neues Buch, ihr neues Album, ihren neuen Film. Aus diesen Gründen „kandidierten“ Paris Hilton oder Hape Kerkeling – und es würde wohl niemanden wundern, wenn auch Egoshooter Matthias Matussek zur Verkaufsförderung seines neuen Buchs gegen den in Glaubensfragen „allzu laxen“ Kardinal Meißner kandidieren würde (und genau deshalb werden Kardinäle nicht gewählt, sondern berufen).

Einerseits also ist es erschreckend, dass Komiker in die Rolle politischer Herausforderer schlüpfen (etwa Beppe Grillo gegen Silvio Berlusconi), andererseits ist es ermutigend, mit welcher Durchschlagskraft und öffentlichen Wirkung solche Komödianten auf demokratische Mängel hinweisen. Es entbehrt allerdings auch nicht einer gewissen Komik, dass ernsthafte Gegenkandidaten heute vielerorts nur deshalb der Spaßkandidatur bezichtigt werden, weil sie ohne realistische Gewinnaussichten antreten und „lediglich“ von einem demokratischen Recht Gebrauch machen.

Spaßkandidaturen, so meine These, sind ein Wetterleuchten in drückender Atmosphäre. Sie geben den Menschen die Hoffnung zurück, dass es jenseits der behaupteten Alternativlosigkeit vielleicht doch eine Alternative geben könnte. Und sie demonstrieren, dass die bewusste (und fröhliche) Inkaufnahme einer todsicheren Niederlage nur der Auftakt zum künftigen Sieg ist, weil jede Kandidatur, und sei sie noch so spaßig, eine Plattform bietet für das Einbringen neuer Ideen. Sie zwingt die Verfechter der Alternativlosigkeit zur Begründung ihrer Politik.

Es ist deshalb ein ermutigendes Zeichen, dass die Co-Präsidentin von Attac Frankreich, Aurélie Trouvé, gegen die bereits ausgemauschelte EU-Kandidatin Christine Lagarde für den Chefposten des Internationalen Währungsfonds (IWF) kandidiert.


Das Urheberrecht ist die Goldgrube des 21. Jahrhunderts

14 Juni 2011 um 11:11 • 3 Kommentarepermalink

Apple ist mittlerweile fast so wertvoll wie der Ölmulti ExxonMobil. Google und Facebook sind weltumspannende Konzerne, die allein mit Wissen und Gossip Milliarden umsetzen. Nicht mehr lang, und die globale Kreativwirtschaft wird mit den Rechten am geistigen Eigentum anderer mehr erlösen als die Automobilindustrie.

 

Das Urheberrecht ist veraltet, tönt es von allen Seiten. Es sei für analoge Verhältnisse geschaffen und passe nicht zur Digitalisierung. Man müsse es neu gestalten.

Vor allem die Lobby-Organisationen der Verwerter und der Nutzer spielen diese Melodie. Sie spielen sie so laut und so steinerweichend, dass die eigentlichen Schöpfer der Werke, die Urheber, kaum hörbar sind in diesem Konzert. Doch keine Sorge: Der Streit um die künftige Verteilung der Rechte am „geistigen Eigentum“ entwickelt sich auch ohne die Mitwirkung der Urheber zu einem Mega-Thema der Politik.

Im Februar lud US-Präsident Barack Obama die Giganten des Internets – Steve Jobs (Apple), Eric Schmidt (Google) und Mark Zuckerberg (Facebook) – zu einem Gipfeltreffen ins Weiße Haus, um mit ihnen einen digitalen Ausweg aus der amerikanischen Jobkrise zu finden. In Brüssel arbeitet die EU-Kommission an der Schaffung eines digitalen „Binnenmarkts für geistiges Eigentum“, und der G8-Gipfel im französischen Deauville beriet erstmals auf höchster politischer Ebene die „Eroberung“ und „Zivilisierung“ des „rechtsfreien Raums“ im Internet.

 

Warum ist den Mächtigen das Urheberrecht plötzlich so wichtig?

Wollen die Regierungen „die Kreativen“ vor Unbill und Ausbeutung schützen? Lieben sie die Kunst? Keineswegs. Es geht ihnen um die Schaffung von günstigen Rahmenbedingungen für ihre Zukunftsindustrien, und das heißt: um die Aufrechterhaltung ihrer ökonomischen Vorherrschaft. Denn die Kulturindustrien mit ihren sorgsam gehüteten Marken-, Design-, Patent- und Urheberrechten zählen heute zu den systemrelevanten Branchen – wie die Banken oder die Automobilindustrie.

Allein die Kreativwirtschaft der EU setzte 2008 rund 860 Milliarden Euro um*. Das waren 6,9 Prozent des europäischen Bruttoinlandprodukts. In der rasch wachsenden geistigen Produktion sieht die EU-Kommission denn auch das Potential der hoch entwickelten Länder:

„Alle Formen von Rechten des geistigen Eigentums sind Ecksteine der neuen wissensbestimmten Wirtschaft. Wert, Marktkapitalisierung und Wettbewerbsvorteile der europäischen Unternehmen werden künftig zum großen Teil von deren immateriellen Vermögenswerten abhängen. Geistiges Eigentum ist das Kapital, durch das die künftige Wirtschaft genährt wird.“

Mitteilung der EU-Kommission zum strategischen Konzept für die Rechte des geistigen Eigentums in Europa, 24.5.2011

Weil hier so unglaublich viel Kapital auf dem Spiel steht, machen die Funktionäre der Kreativwirtschaft auch immer dramatischere Rechnungen auf: Laut der (von der Internationalen Handelskammer bezahlten) TERA-Studie verursachten Raubkopierer im Jahr 2008 allein in Deutschland Umsatzeinbußen von 1,2 Milliarden Euro. Dies habe die Schaffung von 34 000 neuen Arbeitsplätzen verhindert. Für alle 27 EU-Staaten zusammen errechnet die Studie einen Verlust von zehn Milliarden Euro und 186 000 Jobs. Ohne Gegenmaßnahmen sei zu befürchten, dass Internet-Piraten bis zum Jahr 2015 europaweit mehr als 600 000 potentielle Arbeitsplätze vernichteten.

Kein Wunder also, dass mit harten Bandagen gekämpft wird. Der Verband der deutschen Internetwirtschaft (Eco) weist mit sichtlichem Stolz darauf hin, dass die Provider mittlerweile jeden Monat Benutzerdaten zu 300 000 Internetverbindungen an die Verwerter-Industrie liefern, damit diese der Online-Piraterie endlich das Handwerk legen kann: „Die Zusammenarbeit von Rechteinhabern, Gerichten und Internetwirtschaft gegen die Online-Piraterie funktioniert…“ In Frankreich verschickt die Internet-Kontrollbehörde Hadopi monatlich etwa 55 000 Verwarnungen an ertappte Nutzer.

 

Nicht nur die Verwerter, auch die Verbraucher schließen sich zusammen

Die Lobby der Netz-Nutzer hält diese Massen-Sanktionierungen für kontraproduktiv. Markus Beckedahl, Sprecher der im April gegründeten Digitalen Gesellschaft, behauptet, jeder aktive Netz-Nutzer begehe heute ständig irgendwelche Urheberrechtsverletzungen, auch wenn er nur ein Passfoto bei Facebook hochlädt oder ein YouTube-Video in die eigene Website einbindet. Solch millionenfach geübte Praxis juristisch zu verfolgen, sei weltfremd und behindere letztlich die gesellschaftliche Entfaltung.

Till Kreutzer von der Internet-Plattform iRights.info geht noch einen Schritt weiter. In einem Rechtsgutachten für den Bundesverband Verbraucherzentrale legt er dar, dass den Internetusern nicht länger zugemutet werden könne, bei der Ausübung ihrer Kreativität – etwa beim Herstellen so genannter Remixes oder Mash-Ups – von kleinlichen Urheberrechtsbestimmungen behindert zu werden. Auch müsse es Verbrauchern generell erlaubt sein, legal erworbene Downloads an Dritte zu verkaufen, weil dies ja auch bei gebrauchten Büchern oder DVDs nicht verboten sei. Insgesamt solle ein zeitgemäßes Urheberrecht den Verbrauchern mehr Rechte einräumen als bisher: „Wenn Interessen von Verbrauchern als wichtiger einzustufen sind als die der Urheber (und der Verwertungswirtschaft), muss ihnen Vorrang gewährt werden.“

Die Urheber stehen in diesem Konflikt um ihr ureigenes Recht merkwürdig im Abseits. Gewohnt, an den Rockschößen der Verwerter zu hängen und von den Netz-Nutzern nur lausige Pennys zu erlösen, verdrängen sie, dass ihre Rechte durch BuyOut-Verträge, Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGB) und eine netz-immanente „Kultur des Kopierens“ längst ausgehebelt sind.

Würde das Urheberrecht morgen abgeschafft, die Urheber würden es nicht einmal merken.

 

*Zur Kreativwirtschaft zählen laut Forschungsbericht Nr.594 des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWI) elf Teilmärkte: Musikwirtschaft, Buchmarkt, Kunstmarkt, Filmwirtschaft, Rundfunkwirtschaft, Markt für darstellende Künste, Architekturmarkt, Designwirtschaft, Pressemarkt, Werbemarkt, Software/Games-Industrie und ein nicht näher definierter Teilmarkt „Sonstige“.

 

Hier geht’s zur Trilogie des Urheberrechts: Gold, Pest & Parmesan


Die neue Pest: AGB

7 Juni 2011 um 11:19 • 8 Kommentarepermalink

Es gibt eine neue Pest, die sich analog und digital schnell verbreitet. Man nennt sie „Allgemeine Geschäftsbedingungen“ (AGB).

 

AGB ähneln den Beipackzetteln von Medikamenten. Wer sie liest, wird blass und nimmt das Medikament auf keinen Fall ein.

Also liest sie auch keiner. Egal, was man heutzutage tun muss – eine Software downloaden oder eine Versicherung abschließen – zunächst wird man genötigt, 30 winzig klein gedruckte Seiten AGB-Bestimmungen zu akzeptieren. Schon das Lesen solcher Bleiwüsten wäre ein Fulltimejob.

Die neue Pest hat auch die Vertragsbeziehungen zwischen den Autoren und den Verlagen (also zwischen Urhebern und Verwertern) vergiftet. Reichte früher eine mündliche Vereinbarung am Telefon, so ist man heute gezwungen, ziegelsteindicke Kataloge zu unterschreiben – sonst bekommt man keinen Marktzutritt oder das vereinbarte Honorar wird bis zur Unterschrift zurückgehalten. Wildwest-Manieren.

Deutschlands Medienpolitiker verschließen vor dieser Entwicklung die Augen. Sie glauben, das Urheberrecht sei dazu da, die Urheber zu schützen. Selten so gelacht. Die Vertragswirklichkeit hat das Urheberrecht in eine Kapitulationserklärung verwandelt. Die Verwerter rauben den Urhebern alle Rechte. Gäbe es richtige Verträge, so könnten beide Seiten ihre Interessen einbringen, und keine Seite wäre „unangemessen benachteiligt“. Bei den AGB aber diktiert eine Seite die Bedingungen ganz allein.

Die AGB der Verlage nennen sich meist „Rahmenverträge“. In den vergangenen Jahren haben alle großen Verlage damit begonnen, freien Autoren solche „Rahmenverträge“ unter die Nase zu halten.

Ausgebuffte Profis gehen natürlich ungeheuer souverän damit um. Sie behandeln die „Allgemeinen Geschäftsbedingungen“ wie Medikamenten-Beipackzettel: Sie nehmen ihren Inhalt nicht zur Kenntnis. Wird schon nichts passieren. Sie wollen kein Gezerre um Paragraphen und keine Korinthenkackerei. Sie wollen „gute Geschichten schreiben“. Dass sich ihre Vertragsposition durch solche „Rahmenbedingungen“ immer weiter verschlechtert, merken sie nicht – bis sie eines Tages ein Problem haben. Aber dann ist es zu spät.

Um den Lesern eine Vorstellung zu vermitteln, wie ein solcher „Rahmenvertrag“ aussieht, zitiere ich nachfolgend einen Auszug aus den AGB, die der Verlag Gruner & Jahr an die freien Mitarbeiter seiner Wirtschaftsmedien (Capital, Impulse, FTD usw.) verschickt. Es handelt sich um „ganz normale“ AGB, nicht um blanke Unverschämtheiten, wie sie etwa das Nordost-Mediahouse vor einiger Zeit durchsetzen wollte.

Zwar scheitern allzu unverschämte AGB meist vor den Gerichten, aber die Verlage probieren es immer wieder. Denn die Gerichte kassieren in der Regel nur einzelne Bestimmungen, der Rest bleibt unbeanstandet. So basteln sich die Verlagsjuristen mit Hilfe der Gerichte Schritt für Schritt gerichtsfeste „Rahmenverträge“ zusammen, die nach außen „völlig normal“ aussehen, den Urhebern aber praktisch alle Rechte nehmen (= total buy out):

„(2.1.) Der Vertragspartner (sic!) räumt den G+J Wirtschaftsmedien das räumlich, zeitlich und inhaltlich unbeschränkte Recht ein, die Beiträge im In- und Ausland auf sämtliche – auch im Zeitpunkt des Auftrags unbekannte – Nutzungsarten für sämtliche Zwecke zu nutzen. Die G+J Wirtschaftsmedien haben insbesondere das Recht, die Beiträge beliebig oft für redaktionelle, werbliche und gewerbliche Zwecke in Printmedien (insbesondere Zeitungen, Zeitschriften, Sonderausgaben und Sonderdrucken der Beiträge, Zeitungen und Zeitschriften, Büchern und Kalendern), in (Lizenz- und Merchandising-)Produkten der G+J Wirtschaftsmedien, in Rundfunk, Film, Fernsehen, im Internet, in Mobilfunknetzen, anderen Datennetzen, auf Datenträgern und in jeglicher sonstiger digitaler Form (alle Speicher-, Träger- und Übertragungstechniken und -geräte, z.B. als e-Paper, e-Magazine oder mobile Applikation) zu nutzen, die Beiträge in Datenbanken zur Recherche und zum Download bereitzuhalten, zu digitalisieren, zu archivieren und in Pressespiegeln sowie in der Öffentlichkeitsarbeit und Eigenwerbung für die Medien und Produkte der G+J Wirtschaftsmedien zu nutzen. Die G+J Wirtschaftsmedien dürfen die Nutzungsrechte auf Dritte übertragen…

(3.1.) Mit der Zahlung des vereinbarten Honorars ist die beliebig häufige Nutzung der Beiträge im Sinne der Ziffer 2.1 für Publikationen, Internetauftritte und alle sonstigen (Lizenz- und Merchandising-)Produkte der G+J Wirtschaftsmedien im In- und Ausland, gleichgültig in welchen Medien sie erscheinen, die Öffentlichkeitsarbeit und Werbung für diese Medien und Produkte der G+J Wirtschaftsmedien, insbesondere im Handel und in allen Medien, die Nutzung durch Werbeagenturen und andere Dritte, die in diesem Zusammenhang für die G+J Wirtschaftsmedien tätig sind, sowie die (dauerhafte) Nutzung in Archiven und in Pressespiegeln, die durch die G+J Wirtschaftsmedien oder in ihrem Auftrag von Dritten geführt werden, abgegolten…“

Dieser Vertragstext geht natürlich noch ellenlang so weiter. Denn Verlagsjuristen sind bei „Allgemeinen Geschäftsbedingungen“ mit Paragraphen äußerst spendabel. Sie besagen: Du kleiner Piesepampel, du bist uns mit Haut und Haaren ausgeliefert. Friss oder stirb!

 

Hier geht’s zur Trilogie des Urheberrechts: Gold, Pest & Parmesan


FlashForward – Wie Fotografen in 10 Jahren arbeiten werden

3 Juni 2011 um 0:12 • 3 Kommentarepermalink

Das neue Freelens-Magazin befasst sich mit der Zukunft der Fotografie. Ganz konkret und sehr digital. Und praktisch undercover

 

Für die neueste Ausgabe des Freelens-Magazins (Nr.31) durfte ich acht Fotografen porträtieren: vier Frauen und vier Männer. Jede/r von ihnen arbeitet in einem speziellen Segment der Fotografie und hat sich ein eigenes Geschäftsmodell geschaffen. Es sind:

Friederike Prantl, Fotoscout
Marc Gable, Fotoforensiker
Michael Best, Guerilla-Fotograf
Aimee Sonnleitner, Taxi-Fotografin
Robert Körper, Echtzeit-Fotograf
Martin Rollo, Jobbörsen-Fotograf
Lisbeth Melander, Hof-Fotografin
Annie Wolfowitz, Starfotografin

Die Porträtierten schildern, woher sie kommen, was sie tun, wie der digitale Wandel ihr Berufsleben umstürzte, und wie sie schließlich ihre unverwechselbare „Marke“ entwickelten. Alle acht sind detailliert beschrieben, und die Hamburger Fotografin Melanie Dreysse hat sie doppelseitig in Szene gesetzt. Eine schöne Teamarbeit.

Anschließend aber gab es Ärger. Fotografen, die zufällig auf die Geschichte stießen, wollten Kontakt zu den beschriebenen Kollegen aufnehmen. Sie googelten deren Namen, konnten aber nichts finden. Sämtliche Web- und E-Mail-Adressen, die das Heft enthält, führten ins digitale Nirwana. Verärgert schrieben Fotografen, da hätten Autor und Redaktion ja wohl ziemlichen Mist gebaut. Und baten um „die richtigen“ Adressen.

Ein schöneres Lob kann man eigentlich nicht bekommen.

Denn Freelens hat mit diesem Heft ein Experiment gewagt. Chefredakteur Manfred Scharnberg hat ein Magazin aus der Zukunft für die Gegenwart gemacht. Sehr klein und unscheinbar steht das Erscheinungsdatum auf dem Cover: „Zweites Quartal 2021“. Keine Erklärung, keine Titelzeile, kein Hinweis. Auch Scharnbergs Editorial beginnt ganz normal: „2021 ist geprägt von einem Schlagwort: Automatic Generated Content…“ Das ganze Heft ist aus dieser „Flash Forward“-Perspektive verfasst. Und es ist – nebenbei – das erste deutschsprachige Magazin, das Videofilme nicht mehr auf CD beilegt, sondern über Internet-Browser direkt aus den abgedruckten Fotos abrufbar macht.

Magazin-Cover

Magazin Nr.31 - mit Undercover-Cover

Nun könnte man einwenden: Zehn Jahre sind nur ein Klacks. Doch im umwälzenden Digitalisierungsprozess erscheint manchen schon eine Dekade wie eine Ära. Und so liegen realistische Einschätzung und satirische Zuspitzung, glaubhafte Entwicklung und Science Fiction in diesem Heft immer nahe beieinander. Michalis Pantelouris hat eine pfiffige Reportage über „Networth“ geschrieben, über Menschen, die unverschuldet aus dem Netz gefallen (und damit wertlos) sind, und nun alles daran setzen, mit Hilfe eines Agenten wieder hineinzukommen. Christoph Schaden beschreibt die Wellness-Oase N.E.V.E.R.S.E.E.N, in welcher Pixelgeschädigte in völliger Bilderlosigkeit relaxen können; Hannes Jung & Felix Schmitt sichten Gewinner und Verlierer der Digitalisierung, Christof Siemes porträtiert den Fotografen Henrik Spohler, der uns „futuristische“ Einblicke in die schöne neue Welt gewährt, Rechtsanwalt Dirk Feldmann analysiert das neue Recht am eigenen Tier-Bild, Stephan Weichert beschreibt die Slow-Media-Verfechter June O’Sullivan und Levi Zimmermann, Michael Klein-Reitzenstein begleitet den Streetview-Archäologen Michael Wolf durch die weitläufigen Archive der Firma Google, und Manfred Scharnberg schildert den Trend zur Zertifizierung von Digicams, um die Überschwemmung des Marktes mit digital bearbeiteten Lügenbildern endlich eindämmen zu können. Und schon merkt man: Diese Zukunft hat längst begonnen.

 


Wo bin ich?

Sie befinden sich im Archiv Juni 2011 im Blog von Wolfgang Michal.