Abschied von gestern

21 Juli 2011 um 23:52 • Kommentare deaktiviert für Abschied von gesternpermalink

In dieser Woche ist nicht nur das Medienimperium des Rupert Murdoch an seine Grenzen gestoßen, in dieser Woche haben sich für viele Schreibende die Dinge zugespitzt. Andere würden sagen: geklärt.

 

In dieser Woche schrieb der Chefredakteur des Philibuster, Michael Stepper, einen viel beachteten Brief an 1727 junge Journalisten, die sich gegen eine 30-prozentige Lohnsenkung wehren:

„Wer sich heutzutage für einen journalistischen Beruf entscheidet, muss sich im klaren darüber sein, dass der Journalismus längst ein Luxusberuf ist, den man sich leisten können muss.“

Dem verzweifelten Nachwuchs empfiehlt Stepper, lieber einen Beruf zu erlernen, von dem man leben kann – und nebenbei zu schreiben, nach Lust und Laune, frei von jeglicher Zensur, ohne Sachzwang, ohne Auftrag.

In dieser Woche sagte der New Yorker Schriftsteller Gary Shteyngart zur SZ:

„Es gibt immer weniger Leser, aber immer mehr Autoren… Ich unterrichte Kreatives Schreiben an der Columbia-Universität. Jedes Jahr bekommen wir mehr Bewerber. Diese Studiengänge schießen wie Pilze aus dem Boden. Mehr als 400 gibt es davon in den USA. In vielen wird kaum gelesen. Man schreibt, schreibt, schreibt…“

In dieser Woche meldete die Universität Hamburg, dass sich für das kommende Wintersemester im Fachbereich Medien- und Kommunikationswissenschaften 3317 Bewerber auf die vorhandenen 38 Plätze beworben haben.

In dieser Woche sagte der ehemalige Vorstandsvorsitzende des Großverlags Gruner & Jahr, Bernd Kundrun, der sich mittlerweile der Finanzierung  von start-up-Unternehmen widmet, in einem MeediaInterview, dass er nur Konzepte unterstütze, die

„ein Leistungsversprechen beinhalten, das für viele Menschen von Nutzen ist. Und zwar in einem Maße, dass die Menschen auch dafür bezahlen. So funktioniert es bei unserem Crowdsourcing-Übersetzungsdienst Toptranslation genau wie bei Hochzeitsplaza oder Pflege.de.“

Da der Journalismus ein solches Leistungsversprechen offenbar nicht abgeben kann, hat Kundrun auch kein größeres Interesse mehr an diesem Geschäft:

Ich will mich gegenüber meiner alten Branche zurückhalten und nicht als Wettbewerber wahrgenommen werden. Aber es ist auch sehr schwierig, Geschäftsmodelle zu entdecken, die auf Basis journalistischer Kompetenz im Internet kommerziell reüssieren. Das macht nach wie vor das Problem dieser Branche aus, die nach der iPad-Euphorie schon wieder in der Ernüchterungsphase steckt… Es bleibt nichts anderes übrig, als es mit Trial and Error zu probieren… Um ehrlich zu sein, ich kenne die richtige Antwort auch nicht.“


Wenn anonyme Beobachter anonyme Beobachter beobachten

17 Juli 2011 um 17:40 • 1 Kommentarpermalink

Der Fall Wiki-Watch wirft ein Schlaglicht auf den bizarren Streit, der um die Deutungshoheit der „Wikipedia“-Enzyklopädie geführt wird. Der Fall Wiki-Watch zeigt aber auch, wie problematisch die Verquickung von Anonymität und Aufklärung ist.

 

Im World Wide Web finden sich allerlei Dienstleister, die Firmen oder Personen vor abträglichen, böswilligen, ungerechtfertigten, falschen oder gehässigen Beurteilungen schützen wollen. Solche Image-Controller – man könnte sie als geistige Bodyguards oder Netz-Feuerwehren bezeichnen – haben die Aufgabe, Shitstorms frühzeitig zu erkennen, sich ausbreitende Sperrfeuer zu löschen und User-Tsunamis durch geeignete Gegenmaßnahmen zu brechen (siehe „Blogs beeinflussen mit Bertelsmann“).

Seit jedermann seine (Vor-)Urteile zu allem und jedem öffentlich machen kann, glauben Firmen und Personen, die aus irgendwelchen Gründen nicht so beliebt sind, Netz-Patrouillen im Rahmen ihrer Gefahren- und Feindabwehr installieren zu müssen (denn Imageschäden könnten teuer werden). Da die zuständigen Sicherheitsdienste aber ungern als „Schutzstaffeln“ oder „Blogwarte“ denunziert werden wollen, benutzen sie zur Selbstcharakterisierung lieber unverfängliche und ethisch korrekte Wörtchen wie „watch“.

Watchblogs sind eine gute Sache. Sie bewachen die Demokratie, korrigieren Fehler und Falschmeldungen, prüfen Quellen und bewerten die Qualität von Informationen. Es gibt Google-Watchblogs, Medien-Watchblogs, Esoterik-Watchblogs, Rechtsradikalen-Watchblogs etc.pp.

Seit einiger Zeit gibt es auch ein Watch-Projekt, das von sich behauptet, die Internet-Enzyklopädie Wikipedia etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn Wikipedia ist für manchen ein Ärgernis. So gab es (zum Teil berechtigte) Kritik am Zustandekommen von Beiträgen oder an rüden Zurückweisungen von angeblich „nicht relevanten“ Themen. Auch hatten sich Fehler und Spaßguerilleros in manche Beiträge eingeschlichen. Wikipedia als „wichtigste Wissens-Ressource weltweit“ ist nun mal das bevorzugte Ziel der Trolle, Irren, Eitlen und Missionare. Und so konnte es gar nicht ausbleiben, dass das wachsende (und verständliche) Misstrauen vieler Wikipedia-Editoren und -Administratoren gegen mutmaßliche Eindringlinge, Einflussagenten und Schwachköpfe auch den Verdacht nährte, hier entstehe nach und nach eine „kafkaeske“ Behörde, gegen die der gute alte Brockhaus wie ein lichtes luftiges Glashäuschen erscheint.

Erst als die Wikipedia-Macher mit einer Verbesserung ihrer Filter und einer größeren Transparenz ihrer Verfahren auf die Kritik verärgerter Nutzer reagierten, herrschte wieder (halbwegs) Frieden in der Gemeinde.

Einflussversuche gibt es dennoch. Getarnt bisweilen als Watchblogs, versehen mit „wissenschaftlichen“, „ethischen“ oder „gemeinnützigen“ Gütesiegeln, versuchen Wächter und Dienstleister immer wieder, die Deutungshoheit über bestimmte Produkte, Ereignisse und Themen zu erlangen oder – im Sinne ihrer Auftraggeber – zurückzugewinnen. Es ist eine regelrechte Schlacht, die da tobt, und sie zwingt beide Seiten zu immer stärkeren Nachrüstungen.

 

Seltsames Sockenpuppenpalaver

Am 2. Juli 2011 erschien in der FAZ ein Artikel von Jörg Wittkewitz („Netzpiloten“) über eine „Arbeitsstelle“ namens Wiki-Watch, die der ehemalige FAZ-Redakteur Wolfgang Stock gemeinsam mit dem Rechtsanwalt Johannes Weberling betreibt. Die „Arbeitsstelle“ tritt unter dem Gütesiegel der Viadrina-Universität Frankfurt/Oder als wissenschaftliches Projekt auf und behauptet, die Verlässlichkeit von Wikipedia-Artikeln mit statistischen Methoden prüfen und bewerten zu können. Außerdem fordert Wiki-Watch die Leser der Website dazu auf, sich als Autor für Wikipedia-Beiträge ‚schulen’ zu lassen bzw. die Website zu kontaktieren, wenn man sich durch Wikipedia-Beiträge falsch dargestellt oder in den Schmutz gezogen fühlt. (Ob dies einer Mandanten-Anwerbung unter dem Dach einer Universität gleichkommt, sollen andere beurteilen.)

FAZ-Autor Wittkewitz berichtet nun – unter Verweis auf Wikipedia-interne „Ermittlungen“ -, dass einer der Leiter des Projekts Wiki-Watch, Wolfgang Stock, Lexikon-Artikel von Wikipedia nicht nur beobachte, prüfe und bewerte, sondern – mit zum Teil zweifelhaften Methoden – versucht habe, direkten Einfluss auf Wikipedia-Beiträge zu nehmen. So sei unter verschiedenen Nutzer-Namen (so genannten „Sockenpuppen“) von Stocks Internet-Anschluss aus versucht worden, die kritische Beurteilung eines Insulin-Medikaments zu entschärfen und die wissenschaftlichen Kritiker des Medikaments zu diskreditieren. Gegen diesen FAZ-Bericht drohten die Wiki-Watch-Betreiber rechtliche Schritte an, worauf die FAZ.net-Redaktion den Beitrag zunächst „aus presserechtlichen Erwägungen“ von der Seite nahm.

Einige Tage später war der Artikel wieder da, leicht korrigiert und mit zusätzlichen Informationen angereichert. Auch Spiegel Online stieg in die Berichterstattung ein. Das Problematische an der Sache ist aber nicht nur die presserechtliche Relevanz der Auseinandersetzung, sondern das anonyme Agieren der Beteiligten.

So gibt es im Netz mit seinen vielen Wächtern natürlich auch zahlreiche Beobachter, die andere Beobachter scharf beobachten. Da wäre z.B. „Eso-Watch“: Unter diesem Namen firmiert ein Wiki zur Überwachung „irrationaler Überzeugungssysteme.“ Eine gute Sache, sollte man meinen. Das Wiki widmet sich der Entlarvung von Pseudowissenschaften, Scharlatanerie und Beutelschneiderei.

Die Macher von Eso-Watch erstellten ein ausführliches Wiki über Wiki-Watch, das an Deutlichkeit und Quellenhinweisen (etwa zu Wikimedia) nichts zu wünschen übrig lässt. Eso-Watch behauptet, dass unter dem Deckmantel der Wissenschaft ein reichlich unwissenschaftlicher Einfluss auf Wikipedia genommen werde.

Sucht man aber die Verfasser des Dossiers, wird man enttäuscht. Das Impressum von Eso-Watch wirkt schmallippig, Betroffene oder Suchende werden in schnippischem Tonfall auf einen Anwalt in Hongkong verwiesen. Und der WikipediaEintrag über Eso-Watch liest sich eher wie eine dringend benötigte Unbedenklichkeitsbescheinigung. Vertrauenerweckend ist das nicht.

 

Aufklärung und Anonymität – geht das zusammen?

Die Frage, die sich jetzt (und in künftigen, ähnlich gelagerten Fällen) stellt, ist: Wer kann was beweisen? Und vor allem: wie viel und mit welchen Mitteln?

Vertreter von Wiki-Watch verweisen darauf, dass ihre universitäre Arbeitsstelle erst nach (!) den von Eso-Watch dokumentierten Einflussversuchen bei Wikipedia gestartet wurde, so dass sich die Betreiber des universitären Angebots zu Unrecht in ein schiefes Licht gerückt sehen und argumentieren, dass das eine (die Einflussnahme bei Wikipedia) mit dem anderen (dem Universitäts-Projekt Wiki-Watch) nichts zu tun habe. Allerdings ist die personelle Kontinuität (Wolfgang Stock als Privatmann und unternehmerischer Dienstleister, Wolfgang Stock als Wiki-Watch-Betreiber) auch nicht von der Hand zu weisen. Die erhoffte Aufklärung könnte deshalb in formaler Korinthenkackerei enden.

Sie könnte noch in einem anderen Punkt scheitern. Um den Streit wirklich austragen zu können, müssten sich die anonymen Verfasser (auf beiden Seiten) zu erkennen geben. Sie müssten ihre Karten auf den Tisch legen. Dies könnte bedeuten, dass man die Provider verpflichten müsste, die IP-Adressen herauszurücken, über welche die angeblichen Manipulationen der Wikipedia-Beiträge stattgefunden haben (obwohl eine sichere Zuordnung von IP-Adressen zu bestimmten Personen – wie aus Filesharing-Prozessen und anderen Vorkommnissen hinlänglich bekannt ist – nicht vorgenommen werden kann). Dies könnte bedeuten, dass im Zuge von Ermittlungen auch die Verfasser der WikipediaLogbücher, in denen die einzelnen Versionsänderungen dokumentiert sind, und die Verfasser des Eso-Watch-Wikis, die sich auf diese Logbücher beziehen, aus ihrer Anonymität heraustreten müssten.

Vermutlich werden beide Seiten dies nicht wollen und den – gesellschaftlich notwendigen – Rechtstreit lieber unter den Teppich kehren. Die Journalisten müssten sich dann mit unbefriedigender Verdachtsberichterstattung begnügen.

Man kann deshalb nur hoffen, dass FAZ und Spiegel als nicht-anonyme Instanzen den fälligen Rechtsstreit (und damit die Offenlegung) durch beherztes Nachlegen erzwingen. Womit die ungeheure (!) Schlagkraft der neuen Netz-Print-Kooperationen – nach Gutten- und VroniPlag – ein weiteres Mal bewiesen wäre. Denn eines sollte ja doch geklärt werden: Ob deutsche Universitäten inzwischen so verarmt sind, dass sie jedem Projekt – so lange es nichts kostet oder durch (undurchsichtige) Drittmittel finanziert wird – Unterschlupf und Reputation gewähren müssen?


Zwölf hoffentlich finale Thesen zur Zukunft des Journalismus

10 Juli 2011 um 13:44 • 17 Kommentarepermalink

Die Medien-Debatte dreht sich im Kreis. Eine gewisse Müdigkeit in der Argumentation ist nicht zu übersehen. Sanftes Plädoyer für eine Denk- und Debattenpause.

 

Ja doch, ich bewundere alle Kollegen, die sich ernsthafte Gedanken um die Zukunft des Journalismus machen. Aber – ehrlich gesagt – ich kann’s auch nicht mehr hören! Es kommt nicht mehr viel Neues. Hier – zusammengefasst – der aktuelle Stand der Erkenntnisse:

1. Der Journalismus der Zukunft wird den gegenwärtigen Journalismus eines Tages ablösen.

2. Zukunftsfähig wird Journalismus nur dann, wenn er die Gegenwart nicht als Bedrohung empfindet.

3. Journalisten, die heute nicht vernetzt sind, werden morgen in den Netzen nicht vorkommen.

4. Alle Untersuchungen deuten darauf hin, dass die Leser der Zukunft auch tatsächlich die künftigen Leser sind.

5. Die zunehmende Abwendung von den heutigen Medien bedeutet nicht, dass die Zuwendung zu den künftigen Medien nicht zunehmen wird.

6. Im Kampf um die Aufmerksamkeit werden sich Journalisten und Leser mehr anstrengen müssen.

7. Mit der wachsenden Orientierungslosigkeit der Journalisten wächst auch die Navigationsfreude der Leser. Und umgekehrt.

8. Die Nähe zum Geschehen wird die Distanz zu den Lesern bestimmen. Und umgekehrt.

9. Rückkopplungseffekte machen den Journalismus der Zukunft erst dialogfähig.

10. Leser und Journalisten werden immer häufiger die Rollen tauschen. Beide werden deshalb die Frage beantworten müssen: Was macht das mit uns?

11. Die Nachfrage nach Qualitäts-Angeboten wird künftig von der Bereitschaft abhängen, Qualitäts-Angebote auch tatsächlich nachzufragen.

12. Wer den Journalismus der Zukunft finanzieren wird, ist noch nicht raus.

Diese 12 Thesen sind selbstverständlich unbeschränkt einsetzbar, podiums- und massenkompatibel – und schmücken jeden weiteren Workshop, jedes Panel und jede Keynote zum Thema. Aber sind sie die ständige Wiederholung wirklich wert?

P.S. Denen, die trotzdem weiter über die Zukunft des Journalismus nachdenken wollen, möchte ich den ersten Satz des Wikipedia-Eintrags zur „Geschichte des Journalismus“ empfehlen (der eigentlich völlig ausreicht):

„Der Journalismus hat sich im Laufe seiner mehr als 2000 Jahre währenden Geschichte jeweils der neuesten Technologien bedient.“


Netzwerk Recherche – Persönliche Tragik oder strukturelle Blindheit?

5 Juli 2011 um 15:42 • 7 Kommentarepermalink

Die Yellowpress-ähnliche Berichterstattung zur verunglückten Zehn-Jahres-Feier des Netzwerks Recherche zeigt, wie sehr oberflächliche Personalisierung die Analyse von Strukturen verdrängt.

 

Jetzt wissen wir es schwarz auf weiß: Thomas Leif war (wie vor ihm Julian Assange) der Bösewicht. Ganz allein. Er war dominant, übermächtig, schroff, „größenwahnsinnig“, eine One-Man-Show. Niemand konnte ihm in den Arm fallen, denn er war der Zieh- und Übervater, der Lebenswerkschnitzer. Alles war auf ihn zugeschnitten: auf den GODFATHER des investigativen Journalismus (Regieanweisung: Donnergrollen und Blitze im Hintergrund, Leif tritt aus dem Trockennebel und verkündet den Mitgliedern die Zehn Recherche-Gebote).

Doch – oh Schreck (schlotterschlotter) – die armen Schäflein haben das ganze Ausmaß der Überväterei (wie zuvor schon Daniel Domscheit-Berg) zu spät bemerkt! Sind geschockt, entgeistert, überrascht, zerknirscht, enttäuscht… Herrgottnochmal, ist das eine Vorabend-Soap oder was soll dieser klebrige Mix aus „ER war’s!!“ und „Wir verdanken ihm so viel Großartiges!“

Hier stiehlt sich ein ganzer Verein aus der Verantwortung. Hier machen die Mitglieder beide Äuglein zu. Denn jeder, der dem Netzwerk beitritt, kann schon an der Satzung erkennen, wie autoritär dieser Verein strukturiert ist – von Vernetzung keine Spur.

Die Satzung konzentriert alle Entscheidungsmacht auf die beiden Vorsitzenden. Diese Satzung sagt aber auch:

„Der Kassenwart ist für die ordnungsgemäße Kassenführung, Buchung der Einnahmen und Ausgaben, Rechnungslegung und Sicherung des Vereinsvermögens verantwortlich.“

Und:

„Die von der Mitgliederversammlung für zwei Jahre gewählten zwei Prüfer überprüfen die Kassengeschäfte des Vereins auf rechnerische Richtigkeit… Eine Überprüfung hat mindestens einmal im Jahr zu erfolgen; über das Ergebnis ist in der Jahreshauptversammlung zu berichten. “

Was haben die Zuständigen in den vergangenen Jahren berichtet? Gab es kritische Nachfragen?

Investigative Journalisten, die ja berufsmäßige Skeptiker sind, die andernorts Zahlen und Autoritäten hinterfragen und die Verhältnisse durchleuchten – sind in eigener Sache – ja was? Schnulzenschreiber?

Nicht die „Tragik“ des Großen Vorsitzenden gehört ins Rampenlicht, sondern die Struktur des Vereins – und das Verhalten jener, die sich mit der Verstoßung des Großen Vorsitzenden die eigene Unschuld zurückkaufen wollen.

Lesehinweise: taz, sz, fr, faz, welt, spon, jak-blog, meedia, i.ehrensache


Mit Griechenland beginnt die wirtschaftliche Neuordnung Europas

3 Juli 2011 um 13:40 • 4 Kommentarepermalink

In ganz Europa werden derzeit drastische Sparmaßnahmen beschlossen und durch die weitgehend hilflosen Parlamente gepeitscht. TINA regiert die EU und verkündet: There Is No Alternative!

 

Ob in Großbritannien, Portugal, Spanien, Italien, Irland, Tschechien (und 2010 in Deutschland und Frankreich) – überall votieren die Parlamente gegen ihre Bevölkerungen für drastische Schnitte ins eigene Fleisch: für den Abbau öffentlicher Dienstleistungen, für Gehaltskürzungen, für die Senkung von Sozialleistungen, für Verbrauchssteuer-Erhöhungen, für die Privatisierung des staatlichen „Tafelsilbers“. Diese Politik wird – ohne Zweifel – Folgen für ganz Europa haben.

Für die Friedrich-Ebert-Stiftung hat Nick Malkoutzis, Vizechef der englischsprachigen Ausgabe der griechischen Tageszeitung Kathimerini (und nebenbei Blogger bei Inside Greece), die Wirkungen des ersten griechischen Sparpakets analysiert: Sein Land, so Malkoutzis, habe 2010 das Haushaltsdefizit tatsächlich um gewaltige fünf Prozent senken können… von 15,4 auf 10,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts (erlaubt sind 3 Prozent!). Erreicht wurde dies mit Hilfe einer Reduzierung der öffentlichen Ausgaben um 9 Milliarden Euro (was einem Rückgang der Staatsausgaben um 6,5 Prozent entspricht).

Zur Einsparung beigetragen haben insbesondere Gehalts- und Pensionskürzungen im Öffentlichen Dienst (2,8 Mrd. Euro), die Senkung der Verteidigungsausgaben (2 Mrd. Euro), die Reduzierung der öffentlichen Investitionen (1 Mrd. Euro), die Verminderung der Verwaltungskosten (Krankenhäuser! 2 Mrd. Euro), die Verringerung der Sozialausgaben (0,4 Mrd. Euro) und andere Einsparungen in Höhe von 0,8 Mrd. Euro. Im Gegenzug spülte die Erhöhung der Verbrauchssteuern 4 Mrd. Euro zusätzlich in die Staatskassen, der Verkauf öffentlichen Vermögens 3 Mrd. Euro und die Verbesserung der Einnahmen aus (bislang hinterzogenen) Sozialversicherungsbeiträgen 2 Mrd. Euro.

Strukturelle „Verbesserungen“ gab es durch Rationalisierungen im öffentlichen Sektor, eine „Reform“ des Rentensystems, eine Privatisierung staatlicher Wirtschaftssektoren und – ganz besonders wichtig! – die Reduzierung bürokratischer Hindernisse für in- und ausländische Investoren. Doch es reichte nicht.

 

Das zweite Spardiktat wird die Krise weiter verschärfen

Unter dem Druck der Finanzmärkte, des Internationalen Währungsfonds (IWF), der EU-Kommission und der Europäischen Zentralbank (EZB) musste die sozialistische Regierung am 30. Juni 2011 neue Maßnahmen beschließen. Mit ihnen will das Land bis 2015 weitere 28 Milliarden Euro sparen. Diesmal geht es um massive Stellenstreichungen im Öffentlichen Dienst (bis 2015 sollen 20 Prozent der Beamtenstellen wegfallen), um Kürzungen im Verteidigungshaushalt und um weitere Steuererhöhungen („Solidaritätszuschlag“ auf die Lohn- und Einkommensteuer).

Die Auswirkungen des Sparens sind freilich schon jetzt verheerend.

Laut Malkoutzis stieg die Zahl der Arbeitslosen durch die Beschlüsse der ersten Sparrunde innerhalb eines Jahres um 230.000 auf 811.000. Die Quote liegt derzeit bei 16,2 Prozent. Bei den 15- bis 24-Jährigen liegt sie – ähnlich wie in Spanien – bei 42,5 Prozent, bei den 25- bis 34-jährigen bei 22,6 Prozent. Da nur ein Drittel der Arbeitslosen Anspruch auf staatliche Hilfe hat (sie wird ein Jahr lang gezahlt und beträgt meist weniger als 500 Euro im Monat), verlassen immer mehr junge Griechen das Land und verschärfen so die heimischen Probleme.

Denn Griechenland hat keine wettbewerbsfähige Industrie, keine nennenswerte Forschung, keine „Exzellenzcluster“. Im Gegensatz zu anderen (exportstarken) europäischen Volkswirtschaften ist das Land vor allem auf den privaten Konsum angewiesen – er macht über 70 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Sinkende Einkommen und Verbrauchssteuer-Erhöhungen treffen den Handel und das Gewerbe deshalb ins Mark. 2010 brach der (offizielle) Einzelhandel um 12 Prozent ein, mehrere zehntausend Geschäfte mussten schließen.

Die Folge: weitere Entlassungen und Lohnkürzungen – diesmal in der Privatwirtschaft. Während Arbeitnehmer im privaten Sektor Kürzungen bis zu 20 Prozent hinnehmen mussten, wurden die Gehälter im Öffentlichen Dienst sogar um bis zu 30 Prozent gekürzt, den Rentnern erging es kaum besser.

Der Benzinpreis verdoppelte sich seit 2009. Der neue „Soli“ auf Lohn- und Einkommensteuer und die Entscheidung, die Mehrwertsteuer für Restaurants und Cafés auf 23 Prozent zu erhöhen, wird den Konsum weiter dämpfen. Griechenland befindet sich seit drei Jahren in einer schweren Rezession.

 

Europa ordnet nun seine Provinzen neu

Ursache der Misere ist nach landläufiger Auffassung der Umstand, dass die Regierung die Steuerhinterziehung nicht in den Griff bekommt, und dass sie weder Effizienz noch Qualität bei den staatlichen Dienstleistungen gewährleisten kann. Die griechische Verwaltung, so Malkoutzis, verfügt nicht über die Fachkräfte, die Instrumente und das Wissen, um hier einen erkennbaren Fortschritt zu erzielen.

Sein trauriges Fazit: Die Finanzämter sind überfordert, die Stadtplanungs- und Baubehörden zählen zu den schlimmsten Korruptionsherden des Landes, das Justizwesen ist langsam und umständlich, die öffentlichen Krankenhäuser werden schlampig verwaltet, griechische Familien müssen aufgrund der schlechten Schulen acht mal mehr Geld für Nachhilfe aufwenden als deutsche, die Gesetzgebung für Unternehmensgründungen ist ein einziger Dschungel, die Leistungen der Staatsangestellten werden nicht evaluiert, und die Behörden können nicht ergebnisorientiert arbeiten, weil ihre Chefs nach politischen, nicht nach fachlichen Gesichtspunkten eingesetzt werden.

So lange die Griechen also den Eindruck haben, Steuern nur für ungenügende staatliche Leistungen zu zahlen, werden sie alles tun, um ihren Beitrag an den Fiskus möglichst klein zu halten. Und so lange die griechische Wirtschaft nicht genügend qualifizierte Arbeitsplätze bereitstellen kann, braucht das Land auch keine qualifizierten Ausbildungsstätten – man stellt sich darauf ein, nach der Ausbildung irgendwo geparkt zu werden, im Öffentlichen Dienst oder bei einem überbesetzten Staatsunternehmen. Dieses pragmatische Verhalten ist nicht Schuld der Griechen – es gibt schlicht und einfach nicht genug Arbeit in der europäischen Peripherie.

Und das wird sich so schnell nicht ändern. Denn in der EU vollzieht sich – ohne dass es groß thematisiert würde – ein Arbeitsteilungs- und Raumordnungsprozess, der alle Staaten – auch Deutschland – nachhaltig verändern wird. Wenige Metropolregionen werden den Großteil des Volkseinkommens erwirtschaften. Diese Regionen werden junge Arbeitskräfte anziehen, kulturell aufblühen, innovativ sein und einen hohen Lebensstandard ermöglichen – der Rest der EU wird brach liegen, der Erholung dienen oder dem erzwungenen Rückzug aus der Wettbewerbs-Gesellschaft. (Unsere Griechenlands z.B. liegen in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Südniedersachsen oder Ostbayern.)

Nationale Parlamente können diesen gewaltigen Transformations-Prozess nur noch abnicken. Zu sagen haben sie nichts. Vom ursprünglichen Ziel der Erlangung einheitlicher Lebensverhältnisse in Europa haben sich die regierenden EU-Eliten weitgehend „emanzipiert“. Sie haben das in den EU-Verträgen festgeschriebene Ziel außer Kraft gesetzt und arbeiten nun befreit und forsch an der autoritären Neuordnung Europas – mit Hilfe von Zuckerbrot & Peitsche, sprich: mit Hilfe von Transferleistung & Spardiktat. Die Europa-Zentrale ordnet ihre Provinzen und betreibt erstmals die von vielen so heiß ersehnte einheitliche europäische Wirtschaftspolitik.

Griechenland ist das Versuchskaninchen. Weitere Kaninchen werden folgen.

 

Lesen Sie zu diesem Thema auch: Griechenland und das Versagen der europäischen Linken“ (16.5.2011), Europa unter Druck – von rechts“ (27.9.2010) und den Dreiteiler von Michalis Pantelouris bei jetzt.de


Wo bin ich?

Sie befinden sich im Archiv Juli 2011 im Blog von Wolfgang Michal.