Wenn anonyme Beobachter anonyme Beobachter beobachten

17 Juli 2011 um 17:40 1 Kommentar

Der Fall Wiki-Watch wirft ein Schlaglicht auf den bizarren Streit, der um die Deutungshoheit der „Wikipedia“-Enzyklopädie geführt wird. Der Fall Wiki-Watch zeigt aber auch, wie problematisch die Verquickung von Anonymität und Aufklärung ist.

 

Im World Wide Web finden sich allerlei Dienstleister, die Firmen oder Personen vor abträglichen, böswilligen, ungerechtfertigten, falschen oder gehässigen Beurteilungen schützen wollen. Solche Image-Controller – man könnte sie als geistige Bodyguards oder Netz-Feuerwehren bezeichnen – haben die Aufgabe, Shitstorms frühzeitig zu erkennen, sich ausbreitende Sperrfeuer zu löschen und User-Tsunamis durch geeignete Gegenmaßnahmen zu brechen (siehe „Blogs beeinflussen mit Bertelsmann“).

Seit jedermann seine (Vor-)Urteile zu allem und jedem öffentlich machen kann, glauben Firmen und Personen, die aus irgendwelchen Gründen nicht so beliebt sind, Netz-Patrouillen im Rahmen ihrer Gefahren- und Feindabwehr installieren zu müssen (denn Imageschäden könnten teuer werden). Da die zuständigen Sicherheitsdienste aber ungern als „Schutzstaffeln“ oder „Blogwarte“ denunziert werden wollen, benutzen sie zur Selbstcharakterisierung lieber unverfängliche und ethisch korrekte Wörtchen wie „watch“.

Watchblogs sind eine gute Sache. Sie bewachen die Demokratie, korrigieren Fehler und Falschmeldungen, prüfen Quellen und bewerten die Qualität von Informationen. Es gibt Google-Watchblogs, Medien-Watchblogs, Esoterik-Watchblogs, Rechtsradikalen-Watchblogs etc.pp.

Seit einiger Zeit gibt es auch ein Watch-Projekt, das von sich behauptet, die Internet-Enzyklopädie Wikipedia etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn Wikipedia ist für manchen ein Ärgernis. So gab es (zum Teil berechtigte) Kritik am Zustandekommen von Beiträgen oder an rüden Zurückweisungen von angeblich „nicht relevanten“ Themen. Auch hatten sich Fehler und Spaßguerilleros in manche Beiträge eingeschlichen. Wikipedia als „wichtigste Wissens-Ressource weltweit“ ist nun mal das bevorzugte Ziel der Trolle, Irren, Eitlen und Missionare. Und so konnte es gar nicht ausbleiben, dass das wachsende (und verständliche) Misstrauen vieler Wikipedia-Editoren und -Administratoren gegen mutmaßliche Eindringlinge, Einflussagenten und Schwachköpfe auch den Verdacht nährte, hier entstehe nach und nach eine „kafkaeske“ Behörde, gegen die der gute alte Brockhaus wie ein lichtes luftiges Glashäuschen erscheint.

Erst als die Wikipedia-Macher mit einer Verbesserung ihrer Filter und einer größeren Transparenz ihrer Verfahren auf die Kritik verärgerter Nutzer reagierten, herrschte wieder (halbwegs) Frieden in der Gemeinde.

Einflussversuche gibt es dennoch. Getarnt bisweilen als Watchblogs, versehen mit „wissenschaftlichen“, „ethischen“ oder „gemeinnützigen“ Gütesiegeln, versuchen Wächter und Dienstleister immer wieder, die Deutungshoheit über bestimmte Produkte, Ereignisse und Themen zu erlangen oder – im Sinne ihrer Auftraggeber – zurückzugewinnen. Es ist eine regelrechte Schlacht, die da tobt, und sie zwingt beide Seiten zu immer stärkeren Nachrüstungen.

 

Seltsames Sockenpuppenpalaver

Am 2. Juli 2011 erschien in der FAZ ein Artikel von Jörg Wittkewitz („Netzpiloten“) über eine „Arbeitsstelle“ namens Wiki-Watch, die der ehemalige FAZ-Redakteur Wolfgang Stock gemeinsam mit dem Rechtsanwalt Johannes Weberling betreibt. Die „Arbeitsstelle“ tritt unter dem Gütesiegel der Viadrina-Universität Frankfurt/Oder als wissenschaftliches Projekt auf und behauptet, die Verlässlichkeit von Wikipedia-Artikeln mit statistischen Methoden prüfen und bewerten zu können. Außerdem fordert Wiki-Watch die Leser der Website dazu auf, sich als Autor für Wikipedia-Beiträge ‚schulen’ zu lassen bzw. die Website zu kontaktieren, wenn man sich durch Wikipedia-Beiträge falsch dargestellt oder in den Schmutz gezogen fühlt. (Ob dies einer Mandanten-Anwerbung unter dem Dach einer Universität gleichkommt, sollen andere beurteilen.)

FAZ-Autor Wittkewitz berichtet nun – unter Verweis auf Wikipedia-interne „Ermittlungen“ -, dass einer der Leiter des Projekts Wiki-Watch, Wolfgang Stock, Lexikon-Artikel von Wikipedia nicht nur beobachte, prüfe und bewerte, sondern – mit zum Teil zweifelhaften Methoden – versucht habe, direkten Einfluss auf Wikipedia-Beiträge zu nehmen. So sei unter verschiedenen Nutzer-Namen (so genannten „Sockenpuppen“) von Stocks Internet-Anschluss aus versucht worden, die kritische Beurteilung eines Insulin-Medikaments zu entschärfen und die wissenschaftlichen Kritiker des Medikaments zu diskreditieren. Gegen diesen FAZ-Bericht drohten die Wiki-Watch-Betreiber rechtliche Schritte an, worauf die FAZ.net-Redaktion den Beitrag zunächst „aus presserechtlichen Erwägungen“ von der Seite nahm.

Einige Tage später war der Artikel wieder da, leicht korrigiert und mit zusätzlichen Informationen angereichert. Auch Spiegel Online stieg in die Berichterstattung ein. Das Problematische an der Sache ist aber nicht nur die presserechtliche Relevanz der Auseinandersetzung, sondern das anonyme Agieren der Beteiligten.

So gibt es im Netz mit seinen vielen Wächtern natürlich auch zahlreiche Beobachter, die andere Beobachter scharf beobachten. Da wäre z.B. „Eso-Watch“: Unter diesem Namen firmiert ein Wiki zur Überwachung „irrationaler Überzeugungssysteme.“ Eine gute Sache, sollte man meinen. Das Wiki widmet sich der Entlarvung von Pseudowissenschaften, Scharlatanerie und Beutelschneiderei.

Die Macher von Eso-Watch erstellten ein ausführliches Wiki über Wiki-Watch, das an Deutlichkeit und Quellenhinweisen (etwa zu Wikimedia) nichts zu wünschen übrig lässt. Eso-Watch behauptet, dass unter dem Deckmantel der Wissenschaft ein reichlich unwissenschaftlicher Einfluss auf Wikipedia genommen werde.

Sucht man aber die Verfasser des Dossiers, wird man enttäuscht. Das Impressum von Eso-Watch wirkt schmallippig, Betroffene oder Suchende werden in schnippischem Tonfall auf einen Anwalt in Hongkong verwiesen. Und der Wikipedia-Eintrag über Eso-Watch liest sich eher wie eine dringend benötigte Unbedenklichkeitsbescheinigung. Vertrauenerweckend ist das nicht.

 

Aufklärung und Anonymität – geht das zusammen?

Die Frage, die sich jetzt (und in künftigen, ähnlich gelagerten Fällen) stellt, ist: Wer kann was beweisen? Und vor allem: wie viel und mit welchen Mitteln?

Vertreter von Wiki-Watch verweisen darauf, dass ihre universitäre Arbeitsstelle erst nach (!) den von Eso-Watch dokumentierten Einflussversuchen bei Wikipedia gestartet wurde, so dass sich die Betreiber des universitären Angebots zu Unrecht in ein schiefes Licht gerückt sehen und argumentieren, dass das eine (die Einflussnahme bei Wikipedia) mit dem anderen (dem Universitäts-Projekt Wiki-Watch) nichts zu tun habe. Allerdings ist die personelle Kontinuität (Wolfgang Stock als Privatmann und unternehmerischer Dienstleister, Wolfgang Stock als Wiki-Watch-Betreiber) auch nicht von der Hand zu weisen. Die erhoffte Aufklärung könnte deshalb in formaler Korinthenkackerei enden.

Sie könnte noch in einem anderen Punkt scheitern. Um den Streit wirklich austragen zu können, müssten sich die anonymen Verfasser (auf beiden Seiten) zu erkennen geben. Sie müssten ihre Karten auf den Tisch legen. Dies könnte bedeuten, dass man die Provider verpflichten müsste, die IP-Adressen herauszurücken, über welche die angeblichen Manipulationen der Wikipedia-Beiträge stattgefunden haben (obwohl eine sichere Zuordnung von IP-Adressen zu bestimmten Personen – wie aus Filesharing-Prozessen und anderen Vorkommnissen hinlänglich bekannt ist – nicht vorgenommen werden kann). Dies könnte bedeuten, dass im Zuge von Ermittlungen auch die Verfasser der Wikipedia-Logbücher, in denen die einzelnen Versionsänderungen dokumentiert sind, und die Verfasser des Eso-Watch-Wikis, die sich auf diese Logbücher beziehen, aus ihrer Anonymität heraustreten müssten.

Vermutlich werden beide Seiten dies nicht wollen und den – gesellschaftlich notwendigen – Rechtstreit lieber unter den Teppich kehren. Die Journalisten müssten sich dann mit unbefriedigender Verdachtsberichterstattung begnügen.

Man kann deshalb nur hoffen, dass FAZ und Spiegel als nicht-anonyme Instanzen den fälligen Rechtsstreit (und damit die Offenlegung) durch beherztes Nachlegen erzwingen. Womit die ungeheure (!) Schlagkraft der neuen Netz-Print-Kooperationen - nach Gutten- und VroniPlag – ein weiteres Mal bewiesen wäre. Denn eines sollte ja doch geklärt werden: Ob deutsche Universitäten inzwischen so verarmt sind, dass sie jedem Projekt – so lange es nichts kostet oder durch (undurchsichtige) Drittmittel finanziert wird – Unterschlupf und Reputation gewähren müssen?

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Eine Antwort auf Wenn anonyme Beobachter anonyme Beobachter beobachten

  • 1
    Tom sagt:

    1. Die Verbindungsdaten dürften kaum noch erhalten sein.
    2. Es gibt keine rechtliche Grundlage für deren Herausgabe, insbesondere nicht bei denen, die den Fall dokumentierten.
    3. Ohne die Möglichkeit der Anonymität wäre der Fall nicht dokumentiert worden, wenn du nicht weißt, was ich meine, so frage mal bei einigen Bloggern nach, die früh darüber berichtet haben. Wer Anwaltskanzleien an seiner Seite hat und trotz der erdrückenden Evidenz (siehe diverse Dokumentationen, u.a. http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:KarlV/Wiki-Watch_Juni_2011) “weiter macht” und sich an letztlich irrelevanten Kleinkram hochzieht, dem ist nicht zuhelfen und der wird seine “Wahrheit” immer bis aufs Messer verteidigen. Auch wenn man irgendwann sagen sollte: “Ich habe mich falsch verhalten”.

    Grüße