Immer nur Schläge

31 August 2011 um 14:25 • 5 Kommentarepermalink

Ein Gespräch mit Andreas Altmann über sein Buch „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“.

 

Das neue Buch des preisgekrönten Reporters Andreas Altmann hat einen eindeutigen Titel: „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“. Es ist eine radikale Abrechnung mit den Eltern, mit Altmanns Geburtsort Altötting und mit dem Katholizismus. Und es ist eine Überlebensration für schlechte Zeiten. Denn es gibt den Lesern Kraft zum Widerstand.

 

Gibt es schon Reaktionen aus Altötting auf dein Buch und die darin enthaltenen Enthüllungen?

Ja, natürlich, die Kapuziner haben in der Lokalpresse Stellung genommen. Es sind die gewohnten Täuschungsmanöver, mit denen sie das Schwarze vom Himmel lügen. Aber Leserbriefschreiber haben meine Darstellung bestätigt. Auch Missbrauchsopfer melden sich.

 

Und die katholische Kirche?

Von den Kapuzinern abgesehen: nur lautes Schweigen. Früher rannte ja der Pfaffe mit einem verfluchten Buch auf die Kanzel und geißelte es. Was zur Folge hatte, dass es sich jeder nach der Predigt kaufte. Heute – die vielen Verfahren wegen Kindsmissbrauch zeigen es – sitzt die Kirche die Vorwürfe aus, verzögert, rührt sich nicht, blockt ab.

 

Wirst du auf deiner Lesereise auch in Altötting Station machen?

Ja, am 25. Oktober. Nachdem der erste Buchhändler wegen erwiesener Hasenherzigkeit eingeknickt war, hat sich ein anderer – eine andere! – dazu bereit erklärt. Ich betrete Altötting nur noch, wenn ich dafür saftig bezahlt werde. Die Gage betrachte ich als eine Art Schmerzensgeld. Inzwischen gibt es 130 Reservierungen, und das zwei Monate vor der Lesung.

Auf Bestseller-Kurs

 

Du hast deinen Hass 40 Jahre lang konserviert und jetzt in einem furiosen „Urschrei“ ausgekotzt. Warum hast du so lange gewartet?

Weil es reifen musste, weil das Geschehene so übermächtig war, so radikal mein Leben gebremst und angetrieben hatte, dass ich nicht wusste, wie ich den Stoff in den Griff bekomme. Ich wollte ja nicht als ambulanter Tränensack rüberkommen, der als Heulsusen-Troubadour dem (lesenden) Publikum seine Elends-Jeremiade andreht. Ich wollte den Rotz finden, als Stilmittel, um die 250 Seiten mit Verve und Bravour durchzuhalten.

 

Hast du früher schon versucht, diese Geschichte zu schreiben? Lag schon etwas in der Schublade?

Aufzeichnungen ja, aber ergreifend schlecht. Weinerlich, verheult, eben von einem, der sein Handwerk nicht beherrscht. Außerdem fehlte das „Nachwort“, der Teil des Buches, der die Veröffentlichung – in meinen Augen – erst rechtfertigt. Die Geschichte von einem, der „davonkam“. Der tausend Mal bauchlandete und tausend Mal wieder loszog. Um irgendwann da anzukommen, wo er das Leben und die Welt und sich aushielt: beim Schreiben.

 

Du hast nicht überall Klarnamen verwendet. Nach welchen Kriterien hast du differenziert?

Ich habe immer Klarnamen verwendet, wenn es darum ging, Halunken zu denunzieren. Und – mit Ausnahmen – die Namen geändert, wenn es sich um Männer und Frauen handelte, an die ich mich mit Freude und Dankbarkeit erinnerte. Ich wollte verhindern, dass sie von der Presse belästigt werden.

 

Du hast in Altötting recherchiert. Unter einem Vorwand oder wussten die Leute, was du vorhast?

Ich recherchiere fast nie als offizieller Reporter. Aus Angst, dass die befragten Leute dann entweder eine Geschichte aufblasen oder totschweigen. Ich bin meist nur ein Typ, der gerade herumsteht und neugierig ist. Low profile.

 

Hat niemand versucht, dir das Projekt auszureden?

Ich wüsste nicht, wer das hätte schaffen sollen. Sobald ich mich für etwas entschieden habe, tue ich es. Immer. Vollkommen desinteressiert, ob andere das für richtig oder falsch halten.

 

Wenn ich deine Vater-Abrechnung mit der von Ute Scheub – „Das falsche Leben“ – vergleiche, dann fällt sofort auf, dass dein Hass ungebrochen ist. Ute Scheub kriegt irgendwann die Kurve zur rational-analytischen Auseinandersetzung. Warum findest du keinen Abstand?

Wie soll ich „rational-analytisch“ die Kurve kriegen bei einem, der um ein Haar mein Leben vernichtet hätte? Das sind Termini aus der Stammtisch-Psychologie. Ich bin froh, dass ich – beim Überleben – nicht definitiv aus der Kurve flog. Aber ich habe sehr wohl – mehrmals im Text – versucht, meinen Vater und seinen festen Willen, ein verpfuschtes Leben zu führen, zu verstehen.

 

„Die Annäherung an Vater dauerte länger. Es eilte nicht, ich konnte unbeschwert mit ihm als Toten leben, fürsorglich abgespeichert in meinem Kopf als gewaltlüsternes Arschloch. Bis es zu einem Schlüsselerlebnis kam: Ich reiste als Reporter in ein russisches Dorf, 500 Kilometer weit weg von Moskau, um herauszufinden, ob Gorbatschows Perestroika auch auf dem Land angekommen war. Und dort, in Krasnoye, traf ich die 88-jährige Anna Jonowna, die von ihrem Mann erzählte, der im Großen Vaterländischen Krieg gegen die Deutschen gekämpft hatte und – anders als viele im Ort – lebend zurückgekommen war. Und eine Woche später, laut Witwe, zu seiner ersten Wodkaflasche griff und anfing, den Rest seines Lebens zu versaufen. „Er ist“, so Anna – und mein Dolmetscher Genadi übersetzte es grammatikalisch falsch, aber auf wundersame Weise treffend – „er ist am Krieg gestorben“. Am Krieg, am Grauen des Kriegs, am Zuviel der Bilder, die wie eine ätzende Lauge durch sein Hirn und sein Gemüt sickerten.

Ich musste sofort an meinen Vater denken, der fast gleich alt wie Jegor den Krieg überlebt hatte. Und ebenfalls nach Hause zurückgekehrt war. Mit denselben Horrorbildern im Gepäck. Wohl noch schwerer zu ertragen, da er als Anstifter und Verlierer, als SS-Nazi heimgekommen war. Und, ungleich dem Russen, kein Alkoholiker wurde, sondern ein Schwein.

Merkwürdigerweise fing an diesem Tag, unter einem winterblauen Himmel in Russland, die Aussöhnung mit Franz Xaver Altmann an. Vielleicht klingt das Wort zu erhaben, denn „versöhnt“ habe ich mich nicht mit ihm, nie. Aber eine Art Ausgleich, so etwas wie „Schlichtung“ fand statt. Denn ich begriff, begriff es ganz tief, dass er auf fatale Weise „unschuldig“ war. Dass er werden musste, was er wurde. Und dass die Dinge sind, wie sie sind. Als ich von ihm weglief, wühlte er in Rosenkranzsäcken, musste jeden Tag Altötting ertragen, wurde von Frau und Kindern gehasst, hatte gerade seinen letzten Sohn verjagt und war einsam, wie ein von allen verlassener Mensch nur sein konnte. Sein Verdienst, seine Schuld? Dass ich nicht lache.“ (Auszug aus Altmanns Buch)

 

Man kann dein Buch auch als Anleitung zur Selbstverteidigung lesen: Nicht klein bei geben. Nicht aufgeben. Den eigenen Weg suchen. Und hart mit sich und anderen ins Gericht gehen. Siehst du einen Zusammenhang zu Charlotte Roches Buch „Schoßgebete“? Bricht da, in der Abrechnung mit der Elterngeneration, eine neue (deutsche) Radikalität auf?

Ja, das Buch will auch sagen, dass Gehorchen die Ursünde ist. Dass einer auf Biegen und Brechen nach einem Leben Ausschau halten soll, das seinen Begabungen und seinem Recht auf Würde entspricht. Ob ein Zusammenhang mit Roches „Schoßgebete“ besteht, kann ich nicht sagen, denn ich kenne das Buch nicht. Ich lese grundsätzlich keine Romane. Und ob in Deutschland irgendwelche neuen Radikalitäten – Stichwort: Vaterdämmerung – ausgebrochen sind, weiß ich erst recht nicht. Ich kümmere mich nicht um Trends. Ich glaube das, was David Grossman einmal notiert hat: „Ein Schriftsteller schreibt, was er in sich vermutet.“ Jetzt habe ich vermutet, dass ich reif für dieses Buch bin. Und habe es geschrieben, völlig unbekümmert um meine Ignoranz deutscher Literaturmoden.

 

Siehst du einen Zusammenhang mit den aktuellen Revolten? Ist das deine Antwort auf Stéphane Hessels Aufforderung „Empört Euch!“?

Den hoch verehrten Stéphane Hessel in Ehren, aber ich habe schon über ein halbes Jahrhundert vor der Lektüre seines Aufrufs und dem Ausbruch der arabischen Revolutionen angefangen, mich zu empören. Meine erste Wut kam sofort nach meiner Geburt über mich, als meine Mutter – auch wütend – versuchte, mich zu ersticken.

 

Du sagst eine Sache nicht ein Mal, sondern 10 Mal, du haust nicht ein Mal drauf, sondern 100 Mal, in atemlosen, sich steigernden Kaskadensätzen, die immer auch „das Leben“ feiern, die Gier, den Rausch. Gibt es einen Zusammenhang zwischen deinem Schreibstil und deinem Geburtstrauma?

Eindeutig ja, hundert Prozent. Ohne den – fast unschuldigen – Totschlagversuch meiner Mutter wäre möglicherweise ein friedlicher Mensch aus mir geworden. Der Versuch ging daneben. Von Anfang an. Ich habe das Schnauben praktisch von der Pike auf gelernt.

 

Ich habe mich beim Lesen manchmal gefragt, warum du an deinem Vater so desinteressiert bist? Ein ganzes Buch lang immer nur Schläge auf den Alten. Du machst ihn fertig… War es deine schriftstellerische, deine ästhetische Absicht, diese Einseitigkeit durchzuhalten, um einen maximalen Wirkungstreffer zu landen?

Das ist eine tollkühne Frage, radikal absurd, denn viele Male gehe ich in dem Buch auf das Leben meines Vaters ein, versuche die Zusammenhänge zu verstehen, versuche, herauszufinden, warum er das – auch arme – Schwein wurde, als das er 80 Jahre alt werden musste. Wirklich aberwitzig lustig ist aber deine Formulierung: „… ein ganzes Buch lang immer nur Schläge auf den Alten…“ Wait a minute, der Alte schlug den Jungen, nicht umgekehrt! ER war der Prügler und ich der Prügelknabe. Dass ich mich jetzt verbal, halten zu Gnaden, wehre, liegt auf der Hand.

 

„Ich bin bereit, alles Schlechte über meinen Vater zu bezeugen. Ich werde auf den nächsten hundert Seiten, sollte das reichen, seine Schandtaten ausbreiten und vor keiner Missetat haltmachen. Dabei nicht den Satz von Georges Simenon vergessen: „Ich bin als Schriftsteller nicht hier, um zu urteilen, sondern zu verstehen.“ Das ist ein leidlich intelligenter Spruch. Schon wahr: Hinter den Schandtaten liegen die Gründe der Schande. The story behind the story. Ich gehe davon aus, dass ich – wie alle Schreiber vor mir – nicht ausreichend erklären kann, warum ein anderer, hier Franz Xaver Altmann, so oder so geworden ist. Ein Teil Rätsel und Unbegreiflichkeit bleibt immer. Man kann nur Wahrscheinlichkeiten anbieten, Grundzüge, die entscheidende Richtung. Klar, urteilen werde ich auch, selbstverständlich. Ich wurde immerhin Vaters bevorzugtester Prügelknabe, ich habe ein Recht auf meinen Hass.“

„Manchmal war alles anders. Vater wähnte sich allein, war sich nicht bewusst, dass ich ihn beobachtete. Für Augenblicke glitten meine Augen ruhig und ohne Urteil über sein Gesicht. Kein frohes Gesicht, natürlich nicht. Aber auch kein böses, kein übles. Eher nachdenklich, versunken. Er schien weit weg. Ich würde nie wissen, worüber er gerade sinnierte. Über ein anderes Leben? Von dem er einmal gedacht hatte, so könnte es sein. Über die Brutalität seines jetzigen Daseins? Über seine misslungenen Versuche, die Nähe seiner Kinder zu erfahren? Über eine Frau, der es gelänge, von ihm geliebt zu werden? Über den Krieg, der ihn kalt machte? Über seine Vergangenheit? Die polnische? Die russische? Die mörderische? Über die Lächerlichkeit seines Berufs, mit dessen Hilfe er das Volk verdummte? Über seine Intelligenz? Seine Kreativität? Seine Talente? Die alle beim Verwalten des Devotionalien-Ramschs vor die Hunde gingen. Noch verwirrender: Er war musisch begabt, ich hörte ihn Klavier spielen, früher sogar Geige und Gitarre. Er war kein Ass, aber es klang melodisch und anmutig.

Doch er ließ mir keine Zeit, ihn zu mustern, über ihn nachzudenken. Plötzlich hob er den Kopf, als witterte er etwas, und sah mich stehen, keine sieben Meter entfernt. Und erinnerte sich sofort daran, warum ich gekommen war: Andreas fungierte heute als „UvD“, als „Unteroffizier vom Dienst“. Und würde Meldung machen. Täglich abwechselnd hatte einer von uns dreien die Aufgabe, die Arbeiten seiner Geschwister zu kontrollieren und darüber Bericht zu erstatten. Einschließlich der eigenen Pflichten. Selbstverständlich inspizierte Vater alles Gesagte. Meist zu seiner Unzufriedenheit. Hinterher kam er zurück zum Klavier. Um den Deckel zu schließen. Und ihn monatelang nicht mehr zu öffnen. Nichts schien ihn zu trösten. „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“, schrieb Nietzsche. Vaters Leben war ein Irrtum.“ (Auszug aus Altmanns Buch)

 

Was ich an deinen Texten mag, ist der abgrundtiefe Humor, die Übertreibungslust, der Sinn für Komik und Slapstick. Wie sehr ist dein Text ein Schelmenstück, eine Satire?

Gut gesehen. Natürlich, jede Bitterkeit hat ihre irrwitzige Seite. Viele Leser schreiben mir, dass sie vor und nach den Tränen immer wieder schallend gelacht haben. Natürlich habe ich keine Antwort auf deine Frage, inwieweit der Text auch eine Satire ist, ein Slapstickstück. Ich habe nie den Literaturfriedhof Germanistik betreten. Mein Buch ist ein Buch ist ein Buch ist ein Buch. Mit Stellen zum Gottserbarmen und anderen voller Heiterkeit, schönem Wahnsinn und Freude am Leben. Wie man was nennt? Hoffentlich einen Text, der mitreißt.

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Andreas Altmann, Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend, Piper Verlag München 2011, 256 Seiten, € 19,99;



Irene als Sirene

29 August 2011 um 12:54 • 3 Kommentarepermalink

Der Verängstigungsjournalismus gewinnt langsam die Oberhand. Wetter- und Börsenberichte geraten zum täglichen ABC-Alarm.

 

Wieder versuchen die Medien, ihren Sensations-Alarmismus selbst dann noch ins Ziel zu retten, wenn längst klar ist, dass die „Nachrichten“ heillos übertrieben waren. Die Süddeutsche Zeitung schreibt heute unter ihr sturmgraues Aufmacherbild von New York (aufgenommen von der – noch fahrenden – Staten Island Ferry):

„Der gewaltige Wirbelsturm hatte auf seinem Zug entlang der US-Ostküste so viel an Kraft verloren, dass die Behörden ihn am Sonntag vom Hurrikan zum Tropensturm herabstuften. Doch seine Wucht reichte noch aus, das Leben in der Metropole weitgehend lahmzulegen. Straßen wurden überflutet, Tunnel gesperrt, U-Bahnen und Busse fuhren nicht mehr, Tausende Flüge fielen aus.

Wenn die Dinge nicht ganz so kommen, wie man in sich steigernder Hysterie (+++ Liveticker +++ Liveticker +++) tagelang herumspekuliert, dann werden die Fakten halt umgedreht. Dann war es die Folge des Sturms, dass der komplette New Yorker Verkehr lahm gelegt wurde, obwohl es in Wirklichkeit umgekehrt war. Der Verkehr wurde vorsorglich lahmgelegt, weil die Experten, die Politiker und die Medientrompeten rund um die Uhr vor dem Weltuntergang gewarnt hatten.

Natürlich ist es immer besser, vorsorglich zu warnen. Aber die Hype-Spirale dreht sich bei vielen „Nachrichten“ (meist sind es ja nur Vermutungen) immer schneller, ob es nun um Schweinegrippe geht oder um Libyen, um Kursschwankungen oder um Wirbelstürme, um den Islam oder um ganz normale Wettervorhersagen. Jeder Regenschauer wird inzwischen zum STARKREGEN MIT ORKANARTIGEN BÖEN und XY Liter Wasser pro Quadratmeter aufgemotzt. Wetterkarten mit Regenradar-Videosimulationen inklusive Gummistiefelreportagen und Börsenliveticker mit „Einbrüchen“ und „Abstürzen“ von wahnsinnigen 1,5 Prozent liefern sich ein mediales Kopf-an-Kopf-Rennen um die blödeste Dramatisierung.

Und anschließend ziehen dann die Essayisten dieser Medien die übertriebene Ängstlichkeit und den lächerlichen Sicherheitsfanatismus der heutigen Eltern durch den Kakao.


Unter Vollnarkose oder: Schirrmacher und die Folgen

25 August 2011 um 11:28 • 6 Kommentarepermalink

Nach der Befreiung von den Nazis waren ja alle Widerstandskämpfer. In Libyen hat es nie Gaddafi-Anhänger gegeben, und nach dem moralischen Zusammenbruch des Neoliberalismus hat ihn jeder Bürger schon immer (in seinem Innersten) verabscheut.

 

Was in konservativen Leitmedien derzeit abgeht, ist eine klassische Absetzbewegung: die eilfertige Distanzierung des „guten Bürgertums“ von all dem Bösen, das die Welt und die Börsen da draußen in Atem hält. Während die ausgedörrte Linke frohlockt und sich dankbar zeigt, dass der politische Gegner einsieht, ein Leben lang an etwas Falsches geglaubt zu haben, geht es den Konservativen doch eher um die Erlangung der benötigten Persilscheine – so kurz vor dem befürchteten Kladderadatsch. In panischer Bußfertigkeit stehlen sich die Anhänger des „Systems“ aus ihrer Verantwortung, indem sie behaupten, sie hätten von allem nichts gewusst. Erst jetzt, 30 Jahre nach Thatcher und Reagan, begreifen sie, wie gierig und unanständig dieser Kapitalismus doch ist.

So kalt beurteilen Hartherzige (wie ich) die große Wende im konservativen Denken. Andere geben mehr Kredit, und ihr Vertrauensvorschuss ehrt sie: Die SZ, die taz und der Freitag glauben, dass sich im konservativen Weltbild tatsächlich etwas Fundamentales verändert. Sie verweisen darauf, dass der Wandel fast täglich eine überraschende Fortsetzung erfährt: in der FAZ („Die Zuwächse der letzten 30 Jahre kamen nur den Wohlhabenden zugute“), in der FAS („Wir verteilen von arm zu reich“), im Spiegel („Die zerstörerische Macht der Finanzmärkte“), in der Zeit und im Tagesspiegel („Die Welt ist aus den Fugen“), ja praktisch in allen bedeutenden bürgerlich-liberalen Medien.

Was aber lernen die Konservativen jetzt von der Linken? Die Kampagne. Gut dosiert, nachhaltig und in staunenswerter Offenheit werden wir in den kommenden Monaten (bis zum Parteitag der CDU) die De- und Re-Konstruktion des Bürgerlich-Konservativen in allen Facetten bewundern dürfen. Nicht nur in gedruckter Form, auch in den ab September auf uns niedergehenden Talkshows der Jauch, Will, Plasberg, Illner und Panzer. Die edle Neudefinition des Gutbürgerlichen (in Verbindung mit seiner Reinwaschung von der neoliberalen Vergangenheit) wird das Megathema des deutschen Herbstes.

Es wird Bekenntnisse hageln von augustinischem Ausmaß: Ja, ich bin konservativ, ich habe Fehler gemacht, ich bin blind gewesen, aber dann habe ich die Linke kennengelernt und sie hat mein Leben verändert. Der berühmte Satz des italienischen Fürsten Salina (in Luchino Viscontis Film „Der Leopard“) wird ausgiebig zitiert werden: „Es muss sich alles ändern, wenn alles so bleiben soll, wie es ist.“

Und die Linke? Nun ja, die Linke könnte hinter dieser Debatte, die sie so gierig begrüßt wie ein Verdurstender die Fata Morgana, verschwinden. Man wird ihr ein paar wehmütige Aufsätze widmen – wie Arno Widmann in der FR („Wenn die unten nicht mehr wollen“). Man wird ihre Diagnosefähigkeit preisen und anschließend beglückt feststellen, dass die Konservativen jetzt so offen und sozial geworden sind, dass man die Saurier-Linke getrost vergessen kann. Das diskutierende Bürgertum wird sich auf die Linke setzen und sie mit moralischen Entlüftungen narkotisieren.

 

Dieser Beitrag ist zuerst im „Freitag“ erschienen.


Die Mitte streikt

22 August 2011 um 22:53 • 6 Kommentarepermalink

Wie verrückt die Steuergesetzgebung in den USA inzwischen ist, erfuhr ich bei einem Streik im New Yorker Stadtteil Queens.

 

Wir waren gerade auf dem Weg ins Filmmuseum („Museum of the Moving Image“), da gerieten wir vor einem Telefon-Laden des IT-Konzerns Verizon in einen kleinen Menschenauflauf. Etwa 50 Gewerkschafter der „Communications Workers of America“ (CWA), alle in roten T-Shirts, schimpften und buhten, wann immer jemand den Laden betreten (und ihren Streik brechen) wollte.


Queens

Die Angestellten der middle class fühlen sich von der US-Regierung verschaukelt

 

Der Stadtteil Queens ist ein eher ruhiges Pflaster: Reihenhäuschen, nette Vorgärten, fast zu normal für New York. Vor dem Laden protestierte auch nicht die Unterschicht, sondern die „Middle Class“. Sie protestierte gegen die Steuerpolitik der Regierung Bush/Obama, die es ermöglicht hat, dass der Verizon-Konzern, der 2009 und 2010 mehr als 24 Milliarden Dollar Gewinn einfuhr, keinerlei Einkommenssteuern zahlen musste. Verizon bekam sogar 1,3 Milliarden Dollar vom Finanzamt zurück erstattet. Und so geht es vielen Konzernen in Amerika; Warren Buffett hat diesen Wahnsinn jüngst kritisiert.

Trotz der hohen Profite und der faktischen Steuerbefreiung reduzierte Verizon – nach Angaben der Gewerkschaft – die vergleichsweise gut bezahlten Arbeitsplätze in der Festnetzsparte in den vergangenen fünf Jahren von 173.000 auf 92.300. Die Zahl der schlechter bezahlten Jobs in der Mobilfunksparte stieg dagegen von 55.700 auf 79.000.

Laut Gewerkschaft verschiebt Verizon die Beschäftigung ganz gezielt auf schlechter bezahlte, nicht gewerkschaftsgebundene Mitarbeiter. Über diese Themen berichtet das Handelsblatt (natürlich) nicht.

Das Filmmuseum hat uns trotzdem gefallen.


Sechs Anmerkungen zu Schirrmachers neuen linken Freunden

16 August 2011 um 15:06 • 47 Kommentarepermalink

Weil sich die digitale Linke durch einen Beitrag Frank Schirrmachers in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) gebauchpinselt fühlt, ist sie offensichtlich nicht mehr in der Lage, einen Text genau zu lesen und zu analysieren.

 

1. Schon die Überschrift – „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“ – ist eindeutig ein Zitat, also nicht die Meinung des Autors. Schirrmacher zitiert den Thatcheristen Charles Moore, der angesichts der ‚plötzlich’ kaputten britischen Gesellschaft (wer hat sie wohl kaputt gemacht?) so erschrocken ist, dass er die rhetorische Frage stellt, ob der gegenwärtige Finanzkapitalismus vielleicht doch so sei, wie ihn die Linke immer beschreibe. In dieser rhetorischen (d.h. nicht ernst gemeinten) Frage steckt bereits die illusionäre Annahme, es könne außer dem „gegenwärtigen“ noch einen anderen, einen besser verträglichen Finanzkapitalismus geben.

2. Schirrmacher findet natürlich nicht, dass die Linke Recht hat. Er will nur – wie der von ihm zitierte Charles Moore – die Konservativen wachrütteln. Denn die Wut-Revolten (Nordafrika, Nahost, Griechenland, Spanien, Großbritannien) kommen näher. Schirrmacher verweist in seinem Beitrag dann aber lediglich auf Erwin Teufels blauäugige Kritik an der „entwerteten“ CDU und erhebt den als Kanzler in der Wirtschaftskrise (1966/67) gescheiterten Ludwig Erhard zum Leitbild. Dieser Fingerzeig in die Nischen-Vergangenheit der deutschen Nachkriegsjahre wird nicht viel helfen.

3. Die Angst der Konservativen, sie könnten mit den neoliberalen Finanzmarktjongleuren identifiziert und demnächst als „Leerverkäufer“ abgeschlachtet werden, ist die Ur-Angst des Bürgers Thomas Mann vor der Revolution, niedergeschrieben in den immer noch lesenswerten „Bekenntnissen eines Unpolitischen“ (1918). Schirrmacher gibt Thomas Manns (und Charles Moores) Alarmmeldung weiter (und die FAZ-Posaunen von weissgarnix und anderen Blogs schließen sich – wie immer – vorbehaltlos an). In Wirklichkeit nützt Schirrmachers unpolitische Plutokratie-Kritik nur den radikalen und populistischen Rechten: Die Darstellung des Bürgertums als unschuldiges, missbrauchtes Opfer von haltlosen Demokraten und „Mächtigen“ („gekidnappt durch eine sogenannte bürgerliche Politik“) ist Wasser auf deren Mühlen.

4. Charles Moore beschäftigt sich in seinem Artikel ausführlich mit einer angelsächsischen Besonderheit: der Rolle von Rupert Murdochs weltumspannender (und teils mit kriminellen Methoden betriebenen) Vernebelungs- und Verdummungsindustrie. Das wichtige Medienthema verschweigt Schirrmacher gänzlich und kapriziert sich stattdessen auf die angeblich von der Finanzindustrie „ausgeliehenen“ (und nie zurück gegebenen) bürgerlichen Werte. Was für ein bullshit! Es findet bei Schirrmacher keine „Selbstdesillusionierung des bürgerlichen Denkens“ statt, wie er vorgibt, sondern, im Gegenteil, eine gefährliche Illusionierung: der Aufbau der Lebenslüge, das Bürgertum habe mit den wild gewordenen „Finanz-Märkten“ rein gar nichts zu tun.

5. Schirrmachers Artikel ist ein verstecktes Plädoyer für die Rückkehr zur Großen Koalition (um Schlimmeres zu verhüten). So wie andere Erz-Konservative glaubt er nicht, dass sich der Konservativismus in Deutschland durch Mund-zu-Mund-Beatmung mit den Grünen reanimieren ließe. Der Konservativismus, so viel ahnt er, würde durch die Grünen eher ausgesaugt und eines Tages ersetzt. Deshalb wollen echte Konservative auch keine schwarz-grüne Koalition.

6. „Rückkehr“ ist das Wohlfühl-Mantra der konservativen Kritik an der gegenwärtigen Finanzindustrie: Rückkehr zu bürgerlichen Werten, Rückkehr zur Great Society, Rückkehr zu Ludwig Erhard, Rückkehr zum guten alten Kaufmannsgeist (am besten: Rückkehr in Mutters Schoß). Doch es wird keine Rückkehr geben. Deshalb ist Schirrmachers „Kritik“ vor allem eins: hilflos.


Wo bin ich?

Sie befinden sich im Archiv August 2011 im Blog von Wolfgang Michal.