FAZ, Vorratsdatenspeicherung, Burnout, Wulff und die fabelhaften Springer-Boys

24 Dezember 2011 um 11:46 • 3 Kommentarepermalink

Natürlich ging es 2011 auch noch um andere wichtige Themen – um die Krise Europas z.B. oder den Arabischen Frühling. Doch die oben genannten „Big Five“ fanden auf dieser Seite das meiste Interesse.

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser und Kommentatoren,

die wilden Springer-Boys brettern ungeniert auf ihren schweren Harleys durch die Medienlandschaft, die FAZ stellt die Systemfrage, die Leitmedien fordern mehr Anstand und Moral in der Politik, im freien Netz macht sich Erschöpfung breit und die SPD demonstriert auf ihren Parteitagen, warum sie schon drei verwandte Parteien (Grüne, Linke, Piraten) neben sich dulden muss. Es waren diese Themen, die Sie im abgelaufenen Jahr am meisten interessierten:

 

1. Die fabelhaften Springer-Boys

2. Rückt die FAZ nach links? Oder gibt das Feuilleton nur den Klassen-Clown?

3. Wulff muss weg!! Über die moralische Radikalisierung der Öffentlichkeit

4. Burnout im Netz?

5. Die SPD und ihre innere Haltung zur Vorratsdatenspeicherung. Ein Lehrstück

 

Vermutlich werden uns diese Themen auch im kommenden Jahr beschäftigen. Wie können, sollen und werden sich Medien, Politik und Internet zueinander verhalten? Welche Umbrüche und Entwicklungen sind erkennbar? Und welche Prophezeiung wird sich als richtig erweisen: Die der Maya (Weltuntergang 2012), die der Leitartikler (Euro am Abgrund) oder die der Nerds (iPad 4 mit drei Kameras und einem USB-Anschluss)?

Ich wünsche Ihnen frohe Festtage, ausreichend Zeit zum Vor-sich-hin-Schildkröteln und einen sicheren Rutsch ins neue Jahr.

Ihr Wolfgang Michal

 


Wulff muss weg!! Über die moralische Radikalisierung der Öffentlichkeit

19 Dezember 2011 um 15:51 • 116 Kommentarepermalink

Der Bundespräsident steckt in der Kreditklemme. Und alle fordern: Weg mit ihm. Verliert die öffentliche Empörungskultur die Realität aus den Augen?

 

1. Der Pawlowsche Reflex scheint zum Markenzeichen der Netzöffentlichkeit zu werden: Sobald die Herren der Leitmedien kräftig mit ihren Schreibarmen ausholen, rennt das Bloggerrudel den geworfenen Stöckchen laut kläffend hinterher und apportiert sie in freudigster Erregung. Es ist ein Verhalten, das nur noch in Nuancen zu unterscheiden ist von den hechelnden Kommentatoren, die sich in den Foren der Großmedien über „die da oben“ austoben. Es ist das Verhalten von Wadenbeißern. Man orientiert sich an den Vorgaben des Chefs und versucht ihn moralisch zu übertreffen. Das heißt: Wo einst im Netz Gegen-Öffentlichkeit war, ist Verstärker-Öffentlichkeit entstanden. Das Netz ist kein Korrektiv der Vierten Gewalt mehr, sondern ihr verlängerter Arm. Es dient den Leitmedien als Publikumsjoker.

 

2. Der sichtbare Trend zum moralischen Rigorismus könnte aber auch ganz anders interpretiert werden: Nicht die Blogger und Twitterer haben sich den Leitmedien angepasst, sondern die Leitmedien den Bloggern und Twitterern. Herausgefordert durch deren kräftige (oft populistische) Sprache, greifen nun auch etablierte Medien immer häufiger zu drastischen Begriffen und Vergleichen, fordern eilends Rücktritte und rigorose Konsequenzen, und zelebrieren die unfreiwilligen Abgänge aus dem öffentlichen Leben als reinigende Buß- und Sühneopfer fürs Volk. Kommentare in Leitmedien sind deshalb kein abwägendes „Wischi-Waschi“ mehr, sondern drastische, dramatisierende, oft hemmungslos übertreibende Ermahnungen, Urteile und Orakel. In der verschärften Konkurrenz mit den freien Netz-Autoren, die sich ihre Leserschaft durch besondere Originalität, Streitlust oder Theatralik erschreiben, haben die etablierten Medien kräftig dazu gelernt. Sie werfen nicht mehr nur ihre Stöckchen – sie rennen auch gleich laut kläffend hinterher. Anders als früher sind die Leitmedien nicht mehr die ängstlichen Kritiker der „Netz-Meute“, sondern konkurrieren mit der „Meute“ um die größtmögliche moralische Empörung. Es geht einfach darum, wer lauter und durchdringender kläfft, und wer als erster die Beute zu fassen bekommt. Der Lärm, den die etablierten Medien dabei veranstalten, hat viele Blogger nachhaltig beeindruckt. Manche ziehen verdutzt den Schwanz ein, andere wechseln die Seiten oder versuchen, lärmtechnisch mitzuhalten. Netzautoren und etablierte Medien belauern sich nicht mehr voller Misstrauen, sie feuern sich gegenseitig an und steigern auf diese Weise ihre populistische Macht. Heraus kommt ein Moralwächtertum, das oft weniger dem öffentlichen Leben nützt als der eigenen Sache.

 

3. In der Krise ist häufig zu hören, dass sich die entfesselten Finanzmärkte von der Realwirtschaft gänzlich abgekoppelt hätten. Könnte es nicht sein, dass auch die Medien in ihrem verschärften Konkurrenzkampf um Einfluss, Deutungshoheit und Kundschaft die Realwelt hinter sich gelassen haben, indem sie aus jedem Skandal-Mäuschen mittels geschickter „Verbriefung“ (= Aufbauschen und Hochjubeln) einen Moral-Elefanten machen? Vor allem die privatwirtschaftlich organisierten Leitmedien vertreten heute in Benimmfragen ein moralisches Jakobinertum, das sich selbst die Katholische Kirche nicht mehr von den Kanzeln zu predigen traut, während öffentlich-rechtliche Medien auffallend oft einen kühlen Kopf bewahren (Es kann sich dabei natürlich auch um reine Bequemlichkeit handeln).

 

4. Die gegenwärtig kritisierte Freunderl- und Amigowirtschaft ist weder neu noch eine niedersächsische Spezialität. Auch die Sitzplatzvergabe an Unternehmer (oder Journalisten) bei Flügen in ferne Länder ist eine typische Gunstbezeugung aller Kanzler und (Minister-)Präsidenten. Die politische Landschaftspflege mit Hilfe von Spenden und anderen Wohltätigkeiten ist trotz aufgedeckter Flickaffäre nie beendet worden. Durch mediale Empörung werden – wenn’s hoch kommt – einige Figuren ersetzt, mehr ändert sich nicht. Was sich jedoch ändert, sind Intensität und Umsatzmenge der Empörung – bei weitgehend fehlender Gewichtung der Fälle. Der Panzerdeal mit Saudi-Arabien ist im Zweifel weniger Empörung (und Schlagzeilen) wert als die nicht korrekt abgerechnete Bonusmeile, der günstige Privat-Kredit unter „Freunden“ mehr als das von einer Lobby frech geschriebene Gesetz. Es kommt nur darauf an, wessen „Abschuss“ gerade ins politische und geschäftliche Kalkül passt. Insofern haben die Empörungswellen etwas Beliebiges – und in ihrer Dimension Unberechenbares. Kaum ist diese Kampagne vorbei, folgt schon die nächste. Man könnte deshalb von einer Dauerempörung sprechen, die letztlich nicht den Verstand schärft, sondern den Mob erzeugt. 

 

Update 20.12.: Inzwischen gibt es doch ein paar kritische Stimmen. Wolfgang Lieb schreibt heute auf den NachDenkSeiten über „Wulff als Watschenmann auf dem Rummelplatz der Medien“; und Tom Strohschneider im Freitag über „die Würde und andere Konjunktive“. Besonders zu empfehlen: Das sehr einfühlsame Wulff-Porträt von Renate Meinhof, das die Süddeutsche Zeitung im Juni letzten Jahres veröffentlichte.

Update 21.12.: Unter dem Titel „Biedermeier 2.0“ setzt sich Hans Hütt heute im Blog Wiesaussieht (Nachfolger von Weissgarnix) mit den Kommentaren von Lieb, Strohschneider und mir auseinander. Inklusive lebhafter Debatte in den Kommentaren. Und Felix Dachsel schreibt in der taz über die Rolle der Medien im Fall Wulff. In der Freitag-Community spricht Magda über ihren Unwillen, sich über Wulff aufzuregen. Und Jakob Augstein macht sich am Ende eines Interviews mit dem ARD-Morgenmagazin Gedanken über die Rolle der Springer-Presse, die zu Augsteins Überraschung jetzt offenbar Wulffs Frau thematisiert.

Update 22.12.: Die Tageszeitung „Der Standard“ hat meinen Beitrag übernommen. An der heftigen Diskussion dort ist ablesbar, was ich oben unter Punkt 1 angedeutet habe.  


Nie wieder Telekom!

15 Dezember 2011 um 20:19 • 9 Kommentarepermalink

Am 18. November wurde bekannt, dass der für Innovationen zuständige Vorstand der Telekom, Edward Kozel, überraschend gekündigt hat. Ich weiß auch warum. Er hat vermutlich solche Geschichten erlebt wie ich.

 

6. November 2011: Mein Telefon funktioniert nicht. Weder kann ich telefonieren noch Anrufe entgegen nehmen. Über Handy versuche ich, den Störungsdienst der Deutschen Telekom zu erreichen. Zunächst über die Nummer für Privatkunden, dann – ich bin Freiberufler – über die Nummer für Geschäftskunden. Keine Chance. No pasarán! „Zur Zeit sind alle Kundenberater im Gespräch. Bitte warten Sie.“ Ich warte. Im Ohr die (nervtötende) Endlosschleife: „Heyheyyhey… aioaoaii… hellohollahello… aiooi… Zur Zeit sind alle Kundenberater im Gespräch. Bitte warten Sie…aio-aoii… heyheyyhey…“ Ich warte. Zwei Tage lang geht das so.

 

8. November: Der Durchbruch gelingt. Eine Computerstimme meldet sich. Ich nenne den Grund meines Anrufs und bestätige, dass es um die Nummer des Anschlusses geht, um den es tatsächlich geht. Im komme mir vor wie in der Schule beim Gedichte aufsagen. S-T-Ö-R-U-N-G — J-A — N-E-I-N — 0-9-8-7-6-5-4-3-2-1. Ist alles deutlich genug aufgesprochen, werden die Antworten wiederholt. „Störung, gut! Betrifft das…“ „Heyheyyhey…aio-aii“.

Schließlich meldet sich ein Mensch. Ich trage mein Problem vor. Die Dame bittet um einen Moment Geduld. „Aioa… helloholla…“ „Wir prüfen jetzt Ihre Leitung“. „Heyheyyhey…“ Bis zum Übergabepunkt scheint alles in Ordnung zu sein. Vermutlich ist die Telefonanlage kaputt oder ein Kabel oder eins der Telefone. Ich verspreche, alles noch mal zu prüfen und mich anschließend wieder zu melden. Ergebnis: Es ist die Anlage. Ich wähle den Störungsdienst, um Bescheid zu geben, aber der Kundenservice die Firewall der Telekom hält allen Attacken stand: „Aio-aii… heyheyyhey.“

Da das Internet weiter funktioniert, logge ich mich ins Telekom-„Kundencenter“ ein und melde per Mail, dass ich nicht zur Störungsannahme durchkomme. Ich würde aber gern den Kundendienst beauftragen, damit er eine neue Telefonanlage installiert. Keine Rückantwort.

 

11. November: Geschafft. „Aioa-aii!!!“ Ich habe einen Termin.

 

14. November: Der Techniker ist da. Da ich krank im Bett liege, höre ich nur, wie er mit meiner Frau durchs Haus geht und redet und redet und redet. Er schaut sich alle Telefone an, um anschließend festzustellen, dass die Anlage kaputt ist (was wir eigentlich schon wussten). Eine neue Anlage hat er aber nicht dabei. Für die Installation, sagt er, müssten wir einen Extra-Termin vereinbaren. Dann schreibt er seinen Tätigkeitsbericht. Es dauert knapp zehn Minuten – was als Arbeitszeit in die Rechnung mit einfließt.

Hier die Rechnung:

Individuelle Serviceleistung: 40 Minuten = netto 74.85 €.

Prüf- und Konfigurationsarbeiten: 5 Minuten = netto 15,21 €.

Fahrtpauschale = netto 40,90 €.

Macht zusammen 155,84 € brutto. Ein stolzer Preis für 45 Minuten „Service- und Prüfleistung“.

Dank einer geschickten Aufteilung der Arbeit in Service- und Prüfleistungen (was mag wohl der Unterschied sein?) werden für die 40 Minuten Serviceleistung 3 Arbeitseinheiten á 15 Minuten und für die 5 Minuten Prüfleistung 1 Arbeitseinheit á 15 Minuten angesetzt. Die Telekom berechnet Leistungen nämlich nur „je angefangene Viertelstunde“. Hätte die Serviceleistung zwei Minuten gedauert und die Prüfleistung drei, müsste der Kunde 30 Minuten Arbeitszeit bezahlen (plus Fahrtpauschale!). Sage einer, die Telekom wäre nicht kreativ!

 

15. November: Nach zahllosen weiteren Versuchen, die Warteschleife des Störungsdienstes zu knacken – „hellohollahello…aio-aii“ – kann ich die Installation einer neuen Anlage (einer Eumex 800) endlich in Auftrag geben.

 

17. November: Die Anlage kommt per Post. Preis: 199,99 €, plus 6,99 € Versandkostenpauschale. Bei Amazon hätte die gleiche Anlage nur 147,02 € gekostet und wäre für 4,50 € verschickt worden. Am 17. November trifft (mit getrennter Post) auch die Auftragsbestätigung ein. Darin heißt es: „Um Ihren Auftrag auszuführen, kommt unser Technischer Service zu Ihnen. Wann? Am 12.12.2011.“ Einmalige Kosten: 69,98 €. Ich schaue auf das Datum. Kein Irrtum. Geschlagene vier Wochen soll ich auf die Installation der Anlage warten.

 

18. November: Ich möchte den Termin vorverlegen. „Heyheyyhey… hellohollahello… aioaii…“ „Zur Steigerung unserer Servicequalität zeichnen wir einige Gespräche auf. Wenn Sie mit der Aufzeichnung des Kundengesprächs einverstanden sind, sagen Sie bitte JA“ „Zur Zeit sind alle Kundenberater im Gespräch“. „Aio-aii… hellohollahello…“ „Wenn Sie die Beratungsleistung im Anschluss bewerten möchten…“ „Heyheyyhey…“

Nach etwa einer Stunde meldet sich eine nette Dame. Sie hat sehr viel Verständnis für mein Problem. Sie sagt, sie werde mich gleich mit dem Technischen Kundendienst verbinden, damit ich einen früheren Termin bekomme. Vorher möchte sie mir aber noch das Telekom-Komplettpaket „Entertainment Home“ ans Herz legen, mit dem ich im ersten Jahr über 100 Euro sparen könnte, ein echtes Super-Schnäppchen, säuselsäusel… Ich werde es mir überlegen, sage ich, denn ich will die nette Dame nicht verärgern. Bleiben Sie in der Leitung, sagt sie… knack… Tüüt-tüüt-tüüt-tüüt-tüüt. Die Verbindung ist gekappt.

Die gleiche Prozedur von vorn. „Um was geht es?“ STTTTÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖRRUNG!!!!!!! „Geht es um den Anschluss, mit dem Sie gerade telefonieren?“ S-C-H-E-I-S-S-L-A-D-E-N. „Gut, dann verbinde ich Sie mit dem nächsten Kundenberater…“ Eine zweite Dame meldet sich. Wieder muss ich das Problem von Anfang an erklären. Mein Ton ist vermutlich etwas sarkastisch. Sie überhört es. Ob ich an einer kleinen Umfrage zu den Serviceleistungen der Deutschen Telekom teilnehmen möchte? Es dauere nur 5 Minuten. NEIN, MÖCHTE ICH NICHT!! Gut, ich werde Sie jetzt mit dem Technischen Kundendienst… MOMENT!! Tüüt-tüüt-tüüt-tüüt-tüüt-tüüt. NEEEIIIIIIIIIIIIIIIIIINNN!!!!!!!!!!!!! Ich beiße ein Stück aus dem Schreibtisch und spucke es schreiend in den Kaktus.

Jetzt will ich es wissen. „Heyheyyhey… aio-aii… Damit Sie mit dem passenden Kundenberater verbunden… Um was geht es?“ ES GEHT UM IHREN SCHEISSLADEN! „Wenn Sie mit einer Aufzeichnung des Gesprächs…“ A………R!! „Sie werden gleich verbunden. Haben Sie noch etwas Geduld“. „Aioa-aii… helloholla…“. Als sich die dritte Dame meldet, bin ich auf 180.

„Nicht in diesem Ton!“ sagt sie streng. Ich reiße mich zusammen. Ich bin schließlich nur ein Kunde, einer kleiner Telekom-Kunde unter Millionen… Ich schluchze ihr mein Leid ins Telefon. Der Technische Kundendienst, sagt sie, dürfe Aufträge derzeit um höchstens zwei Tage vorverlegen. WIE BITTE?? IST DAS IHR ERNST? So sind nun mal unsere Vorgaben. Ich könnte Ihnen aber vielleicht den 9.12. anbieten, soll ich Sie mit dem Technischen Kundendienst verb… NEEEIIIN, NICHT VERBINDEN!! Ich möchte den Auftrag STORNIEREN. Nur stornieren. Könnten Sie mir das bitte bestätigen?

Noch am gleichen Tag, am 18. November, geht die schriftliche Stornierungsbestätigung der Telekom in die Post: „Sehr geehrter Kunde, Sie haben uns mitgeteilt, dass Sie Ihren Auftrag mit der Nummer 800….. ganz oder teilweise zurückziehen möchten – schade, wir hätten diesen gern für Sie ausgeführt.“

 

P.S. An diesem 18. November wurde publik, dass der für Innovationen zuständige Telekom-Vorstand Edward Kozel nach einer Amtszeit von nur 18 Monaten das Unternehmen überraschend verlassen wird. Medienberichten zufolge bat der gebürtige Kalifornier um die vorzeitige Auflösung seines bis 2015 laufenden Vertrags… In Spekulationen heißt es, er sei an den „starren Strukturen und quälend langsamen Prozessen des Bonner Konzerns“ gescheitert.

P.P.S. Dieser Bericht beruht auf einem Gedächtnisprotokoll. Es wurde nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt, kann jedoch Spuren von Nüssen enthalten.


Rückt die FAZ nach links? Oder gibt das Feuilleton nur den Klassen-Clown?

8 Dezember 2011 um 11:28 • 49 Kommentarepermalink

Viele rätseln derzeit über den partiellen „Linkskurs“ des konservativen Leitmediums. Vor allem der forsche Antikapitalismus im Feuilleton wirkt auf manche berauschend. Wird die Frankfurter Redaktion zum Zentrum der deutschen Occupy-Bewegung oder ist alles nur Schall und Rauch?

 

Frank Schirrmacher, der umtriebigste unter den FAZ-Herausgebern, hört bekanntlich das Gras wachsen. Und ich beginne zu glauben, dass er es sogar raucht. Überhaupt halte ich es für möglich, dass im Feuilleton der FAZ kollektiv jene Hortensien geraucht werden, die bei uns im Norden zu Tausenden aus den Einfamilienhaus-Gärten geklaut werden. Heide-Gras soll ja das politische Bewusstsein erweitern.

Mit einem Bewusstseins-Flash fing es in Frankfurt an. Mitten in der Krise, als sich die Empörten gerade auf den Marktplätzen der westlichen Finanzmetropolen (London, New York) zusammen zu rotten begannen, griff Frank Schirrmacher den luziden Gedanken eines britischen Konservativen auf, der mit britischem Understatement die rhetorische Frage gestellt hatte, ob die Linke mit ihren Kapitalismusanalysen nicht vielleicht doch recht gehabt habe.

Schirrmacher nahm die Scheinfrage Charles Moores ernst und konstruierte daraus einen typisch deutschen Gegensatz: den Gegensatz zwischen dem gutwilligen deutschen Bürgertum, das in seiner Naivität von den internationalen Spekulanten über den Tisch gezogen worden sei, und den böswilligen Finanzhaien, die die edlen Werte des Bürgertums für ihre fiesen Zwecke missbraucht hätten.

 

Eine berauschende Feuilleton-Rebellion  

Schirrmachers Text „Ich beginne zu glauben…“ war ein genialer Debatten-Impuls, der im Netz – wo heute seine größten Fanboys sitzen – enormes Aufsehen erregte. Und Schirrmacher erklärte sein Statement hinterher nicht etwa zerknirscht zu einem Hysterie-bedingten „Ausrutscher“, nein, er setzte seinen Piraten-Kurs in der FAZ konsequent fort und präsentierte eine saftige Kapitalismuskritik nach der anderen. „Demokratie ist Ramsch“, schrieb er zornig über das politische Handling der Griechenlandkrise, und der Philosoph Jürgen Habermas sekundierte mit einer grundlegenden Kritik der antidemokratischen Europapolitik.

Schirrmacher ließ nicht locker. Er erteilte klugen und originellen Analytikern wie Jens Becker, Wolfgang Streeck, Michael Hudson und David Graeber das Wort („Die nächste Stufe der Finanzkrise“, „Was sind Schulden?“, „Und vergib uns unsere Schulden“ „Der Krieg der Banken gegen das Volk“). Er ließ die Analytiker sorgfältig herausarbeiten, dass Kreditgeber und Demokraten nicht immer die gleichen Interessen verfolgen, ja dass der Erfolg der einen oft die Niederlage der anderen war.

Überhaupt hielt sich nahm das Feuilleton nun kein ungerolltes Blatt mehr vor in den Mund: Schirrmacher lobte überschwänglich die Piratenpartei („Die Revolution der Piraten“) und verfluchte die Staatstrojaner-Politik der schwarz-gelben Bundesregierung („Außer Kontrolle“). Sein Kollege Nils Minkmar, frisch gebackener Feuilletonchef ab 2012, forderte im Zuge der Aufarbeitung des rechten Terrors gar die Abschaffung der unnützen Geheimdienste („Hauptsache, es macht peng!“). Albrecht Müller, der Gründer der NachDenkSeiten, schrieb über „die Lüge von der Systemrelevanz“, und die lange Zeit als Betonkommunistin ausgegrenzte Sahra Wagenknecht schlägt heute Wege aus der Krise vor, die eine Verstaatlichung und Zerschlagung von Banken mit einbeziehen („Schluss mit Mephistos Umverteilung!“). Ist das FAZ-Feuilleton selbst „außer Kontrolle“?

Irritiert und beglückt über die neuen radikalen Verbündeten aus der alten bräsigen Papier-Welt reagierten viele Leser auf Twitter, Facebook und in Blogs geradezu euphorisch. Jeder möchte wissen, was im Feuilleton geraucht wird. Es scheint gute Qualität zu sein.

Aber ist die rauschhafte Revolte der „Kultur-Fuzzis“ gegen den leitartikelnden Mainstream des eigenen Blattes überhaupt durchzuhalten? Werden die anderen Ressorts begeistert mitkiffen oder irgendwann doch den Antidrogen-Kommissar für den harten Entzug bestellen (wie seinerzeit beim Entfernen des unkontrollierbar gewordenen ZEIT-Feuilletonchefs Fritz Jöthe Raddatz)? Oder geht der Trip ganz von selbst wieder vorbei?

Ich erinnere mich, dass der Klassenclown meiner Schulzeit eines Tages, als er vorn an der Tafel stehend etwas erklären sollte, kurzerhand die Kreide nahm und sie durchs geöffnete Fenster aus dem dritten Stock in den Schulhof warf. Die Unterrichtsstunde musste abgebrochen werden, der Klassenclown war der Held des Tages. Er arbeitet heute als Dozent an einer Katholischen Universität in Bayern.

Mitte der achtziger Jahre, als ich bei der sozialdemokratischen Wochenzeitung Vorwärts das Kultur-Ressort leitete (und mich nebenbei auf der Seite 3 und im Wochenthema austoben durfte), ließ ich dort lauter Leute zu Wort kommen, die einer rot-grünen Zusammenarbeit das Wort redeten: prominente Schriftsteller, Musiker, Regisseure, Professoren, Friedensbewegte. Die SPD hatte die Formation rot-grün damals noch mit einem Tabu belegt. Und so kam eines Tages eine Abgesandte des Vorwärts-Herausgebers Egon Bahr in mein Büro und sagte: Wolfgang, ich glaube, du schreibst dich aus dem Blatt hinaus. Was dann auch wirklich so kam.

 

Schreibt sich Frank Schirrmacher aus der FAZ hinaus?

Legt es der führende intellektuelle Kopf der FAZ also darauf an, das Politik- und das Wirtschaftsressort gegen sich aufzubringen? Will er dem Blatt eine Wende verpassen? Hat er schon eine zweite Karriere im Hinterkopf? Oder schmeißt er nur die Kreide aus dem Fenster, um für etwas Unterhaltung und Abwechslung in der Krise zu sorgen?

Schirrmacher hat, das nährt meine noch nicht ganz weichen wollende Skepsis, bereits auf so vielen Trends und Themen gesurft – und die Wellen dafür zum Teil selbst erzeugt -, dass mir ein Bruch mit der streng konservativen FAZ-Kultur kaum vorstellbar erscheint. Bislang tolerieren die anderen Ressorts, von ein paar Sticheleien abgesehen, Schirrmachers Eskapaden generös – so lange er im Rahmen der Leser-Blatt-Bindung eine wichtige Zielgruppe im Netz erschließt, die in 20 Jahren treue und brave FAZ-Abonnenten auf dem iPad sein sollen. Vermutlich liebt er genau dieses Schillernde und Ambivalente und vorausschauend Fürsorgliche seiner Rolle. Er tanzt den Seinen (den Konservativen) auf der Nase herum und meint es doch nur gut mit ihnen.

 

Update 13.12.: Der Konflikt zwischen Feuilleton und Wirtschaftsteil der FAZ wird jetzt auch offen im Blatt ausgetragen. Otmar Issing, ehemaliges Direktoriumsmitglied der EZB, sieht in Schirrmachers Kurs eine Feuilleton-„Kampagne“: Unter dem Titel „Der Weg in die Knechtschaft“ heißt es bei Issing: „Dieser Befund macht es den Kritikern leicht, die Politik in den Fängen des Finanzsektors zu sehen. Das Feuilleton der F.A.Z. scheint geradezu eine Kampagne unter diesem Motto zu führen.“ 


Content-Farmen wollen den Markt für Texte umpflügen

5 Dezember 2011 um 11:28 • 4 Kommentarepermalink

Vor zehn Jahren bekamen es schon die Fotografen zu spüren, nun sind die Autoren dran: Microstock-Agenturen wollen Texte für Mini-Beträge verkaufen. Und die Post möchte ganz vorne mit dabei sein.

 

Noch fristen die neuen Textverwertungs-Portale für Autoren ein Schattendasein. Denn „keine Redaktion“, schrieb der freie Journalist Ulf Froitzheim, „baut so eine Art von Textbeschaffung in ihre Geschäftsprozesse ein. Warum sollte sie auch? Wer Lücken zwischen den Anzeigen kostengünstig füllen will, hat genug PR-Material gratis zur Verfügung…“ Deshalb müssen sich die bestehenden Textverwertungs-Portale bislang mit der Kreisklasse begnügen. Abnehmer sind Anzeigenblättchen, Kundenmagazine, PR-Beilagen, Broschüren, Ratgeberseiten, Onlineportale, Newsletter, Klein- oder Kleinstunternehmen. Die Medienbranche nimmt das Geschäftsmodell nicht ernst.

Der Grund für das allgemeine Zögern liegt aber nicht nur bei den desinteressierten Redakteuren, sondern auch bei den freien Autoren. Sie befürchten, sich als Verlierer zu outen, wenn sie ihre Texte nicht direkt an Redaktionen, sondern billig über anonyme Internet-Portale verkaufen. Sinnvoll wäre dieser „Umweg“ für Journalisten nur, wenn kompetente, von der Medienbranche akzeptierte Makler Autorentexte im persönlichen Gespräch an Redakteure vermitteln würden. Könnten sich solche „Text-Agenten“ im Alltags-Journalismus etablieren, würde sich vielleicht auch ein entsprechender Markt bilden. Aber wie soll das funktionieren? Anders als bei Literaturagenten, die Buchverträge unter Dach und Fach bringen, sind 15 Prozent Provision für die erfolgreiche Vermittlung eines 100-Euro-Artikels ein lächerlicher Betrag. Ein Agent müsste schon 300 Beiträge im Monat vermitteln, um mit dem eigenen Makler-Büro halbwegs über die Runden zu kommen.

 

Content-Farmen haben mit Journalismus wenig zu tun

„Täglich neue Themen“ verspricht die Agentur Raufeld Medien auf ihrer Internetseite. Täglich neue Themen – das sind dann z.B. Texte über… Erdbeeren. 5300 Zeichen, Fotos inklusive = 60 Euro. Oder über Entspannungstechniken: 9623 Zeichen, 3 Bilder = 100 Euro. Wer kauft das? Physiotherapeuten mit Ayurveda-Zusatzausbildung für die eigene Homepage? Marmeladenfachmagazine?

Als erstes Billig-Portal ging 2006 Richard Rosenblatts Demandmedia in Kalifornien an den Start. Die clevere Idee dahinter: Wir bieten Texte zu Themen, die stark (nach)gefragt werden. Das US-Portal orientiert sich deshalb am Ranking der Anfragen bei Google & Co.

Produziert werden die Billig-Texte anschließend wie Eier in Legebatterien. Der Aufwand darf nicht allzu hoch sein. Im Wesentlichen geht es wohl darum, vorhandenes (Lexikon-)Wissen immer wieder neu zusammenzustellen. Copy & Paste dürfte eine gängige Methode sein.

 

Eine neue Transportdienstleistung der Post – oder mehr?

In Deutschland werben Content-Farmen mit dem Anspruch, „richtigen Journalismus“ zu bieten. Neben der Burda-Tochter Suite101 (die neuerdings Probleme mit dem Google-Ranking hat) ist das überraschenderweise die Deutsche Post. Das Bonner Großunternehmen, das mit dem Vertrieb von Verlagsprodukten noch immer 800 Millionen Euro Jahresumsatz macht, möchte in neue Bereiche vorstoßen und sein Dienstleistungsportfolio im Internet deutlich ausbauen. (Der kleine „Online-Shop für Qualitätsjournalismus“ Spredder hat sich im Sommer 2011 dem Post-Projekt angeschlossen).

Verantwortlich für das Bestreben, auch im Internet am Transport von Inhalten zu verdienen, ist neben Gerd Kühlhorn, dem Ex-Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins impulse, ein ganzer Stab aus ehemaligen Verlagsleuten. Sie versuchen, mit viel Engagement eine Brücke zu bauen zwischen den Anbietern (den Journalisten) und den Abnehmern (den Verlagen). Unterstützt werden sie dabei – zumindest ideell – vom Deutschen Journalistenverband (DJV), der einen hohen Anteil freier Journalisten in seinen Reihen hat.

Doch zwischen den freien Autoren und den Verlagen gibt es (noch) eine wichtige Instanz: die Redaktionen. Und die denken nicht daran, bei einem Text-Shop der Post Artikel zu bestellen, die dort bereits fertig vorliegen. Redaktionen wollen – so lange sie von den Verlagen noch nicht kaputtgespart sind – Beiträge lieber individuell und nach eigenen Vorgaben und Kriterien in Auftrag geben. Das gehört zu ihrem Job.

Zwar suggeriert die Post mit der Namensgebung für ihr Portal „DieRedaktion“, dass auch bei ihr kompetente Menschen für den Umschlag von Texten sorgen, doch in Wahrheit sind Kauf und Verkauf weitgehend automatisiert, um die teuren Betreuungskosten zu sparen. Ergebnis: Viele Interessenten finden sich auf dem Portal nicht zurecht und fragen sich, was sie dort überhaupt anbieten sollen. Und für wen?

Nun mag die Post ein potenter Vertriebsprofi sein – das Grundprinzip der Textvermittlung hat sie noch nicht ganz verstanden. Die Macher des Portals gehen davon aus, dass sich Texte verkaufen lassen wie Briefmarken oder Buchstabensuppe: Bitte 100 Gramm hiervon und 250 Gramm davon. Das kann nicht funktionieren, jedenfalls nicht im Journalismus. Ohne den ständigen Austausch mit Redaktionen und Autoren wird das Projekt also weiter fremdeln und letztlich scheitern. Auch das „Gütesiegel“ des Deutschen Journalistenverbandes kann daran nichts ändern.


Wo bin ich?

Sie befinden sich im Archiv Dezember 2011 im Blog von Wolfgang Michal.