Der Verlierer der Präsidentenwahl heißt Lothar Dombrowski

23 Februar 2012 um 21:54 • 27 Kommentarepermalink

Die Absage des politischen Kabarettisten Georg Schramm „an das Internet“ war durchaus vernünftig, doch sie beraubt uns einer großen Hoffnung: Das Rededuell zwischen den beiden wortmächtigsten Kandidaten der Republik wird nicht stattfinden. Lothar Dombrowski endet als gebrochene Figur – so wie der von Schramm gespielte ängstliche Sozialdemokrat August.

 

Damals, im Juni 2010, nach Horst Köhlers plötzlichem Rücktritt und Joachim Gaucks erster Nominierung, hatte er sicher nicht geglaubt, dass es eines Tages ernst werden könnte für ihn. Dass er seine ins Publikum geschleuderte Kampfansage tatsächlich einlösen muss. Am 8. Juni 2010 hatte der magenkranke Patientensprecher der ZDF-Heilanstalt – Lothar Dombrowski – bei seinem Abschied lauthals verkündet, er werde „draußen“ in der realen Welt („im Schützengraben“) als Bundespräsident kandidieren. Es fehle nur eine einzige klitzekleine Voraussetzung dafür. Wörtlich sagte er:

„Ein einziges Mitglied der Bundesversammlung muss bereit sein, mich als Kandidat zu benennen, und dann kann ich mich zur Wahl stellen. … Und das kann ich Ihnen garantieren, der Gauck kriegt meine Stimme nur, wenn er nach dem zweiten Wahlgang mehr Stimmen hat als ich…“

Gut gebrüllt, Löwe. Mit diesem Auftritt stand Lothar Dombrowski im Wort. Und weil die Realität die Satire nicht selten zu überholen pflegt, war die Situation knappe 21 Monate später tatsächlich kabarettreif. Die Piraten baten den Mann, der gegen Stuttgart 21 und die Oberschicht den Zorn Gottes geschleudert hatte, um eine Kandidatur gegen Gauck. Und die Linken fanden den Vorschlag ebenfalls „interessant“.

Doch da verließ den großen Dombrowski der Mut. Nichts war mehr übrig vom „Zorn“ des Überzeugungstäters, den er so mitreißend und überzeugend auf der Bühne verkörpern konnte, und sein aufständischer Satz zu Jochen Malmsheimer – „Träumen wir nicht alle davon, Spuren zu hinterlassen“ – war plötzlich schal geworden. Er werde nicht gegen Gauck kandidieren, erklärte Schramm dem Sender N24.  „Meine Stärke liegt in dem, was ich beruflich mache als Kabarettist.“ Er, Schramm, wolle nicht „als Schachfigur“ der Parteien herumgeschoben werden. Er glaube auch nicht, dass er für das Amt wirklich tauge, „und meine Frau wäre auch keine gute First Lady“. Was für ein Rückzieher! Damit schrumpfte das Leit- und Erlöserbild aller renitenten Rentner und zu kurz Gekommenen wieder auf Normalmaß, auf das Maß einer Witzfigur. Alles nur heiße Luft.

Die Figur des Lothar Dombrowski hat mit diesem öffentlichen Kneifen ihre Kraft und ihren Nimbus verloren. Schramm wird sie einmotten müssen. Dombrowski ist mit seiner Absage an die „politische Aktion“ zu jenem weinerlichen, ängstlichen Sozialdemokraten geworden, der sich nichts traut.

Martin Sonneborn, übernehmen Sie!

 

Update 29.3.: Die Kritik hat offenbar gewirkt. In seiner Rede zum Erich Fromm-Preis hat Georg Schramm den Bühnen-Tod seiner Figur Lothar Dombrowski angekündigt. Ab Minute 25.


Alle lieben Merkel

6 Februar 2012 um 14:34 • 11 Kommentarepermalink

Noch vor wenigen Monaten haben sich viele über ihre Tatenlosigkeit lustig gemacht. Doch plötzlich ist sie die Eiserne Lady Europas. Wie schafft Mutti das bloß?

 

Neulich saß ich mit drei klugen Journalisten-Kollegen beim Abendessen. Keiner von ihnen hat je Angela Merkel gewählt. Und keiner von ihnen wird es in Zukunft tun. Doch alle sprachen sie mit größter Hochachtung von Merkels Stehvermögen, ihrer genscher-haften Wendigkeit, ihrer klugen verbalen „Zurückhaltung“, ihrer absoluten Unwulffigkeit.

Eine Journalisten-Kollegin war gerade aus Paris zurückgekehrt und berichtete von der enormen Verunsicherung, die die Franzosen ergriffen habe. Sogar die Schüler würden in der Metro über Merkel und „Merkozy“ diskutieren. Die Kanzlerin sitze bei jeder politischen Debatte mit am Tisch. Die Deutschen, heißt es, regierten schon im Élysée-Palast.

Aus Italien, Griechenland, Spanien hört man Ähnliches. Der Sternenkreis der Europaflagge scheint sich in eine Pyramide zu verwandeln, mit einem starken Deutschland an der Spitze und einem belastbaren und breitgetretenen Fundament abhängiger Länder darunter. Bei ihrem China-Besuch wurde die Kanzlerin wie die Königin von Europa empfangen.

Innenpolitisch hat Angela Merkel die Wulff-Krise auf einer Backe abgesessen (die FDP-Krise auf der anderen), und sie hat keinen einzigen Jauch(e)-Spritzer von ihrem dilettierenden Präsidentschafts-Lehrling abbekommen. Die Wirtschafts-Statistiken brummen, die Geschäftsklima-Indices jauchzen. Es läuft gut für die Kanzlerin und ihren Wahlverein.

So gut, dass der wichtigste Oppositionsführer im Deutschen Bundestag bereits zwei Jahre vor dem Ende der Legislaturperiode alle Hoffnung fahren lässt. Gabriel will nur noch Juniorpartner sein in einer Merkel-geführten Großen Koalition. Mehr ist einfach nicht drin. Die SPD will von Muttis Singsang in den Schlaf der sozialen Gerechtigkeit gewiegt werden.

Und jetzt der Hammer: Angela Merkel kündigt an, in Frankreich zugunsten ihres Tanz-Partners Sarkozy in den Präsidentschafts-Wahlkampf einzugreifen. Sie fragt erst gar nicht, ob sie das darf. Denn solche Fragen stellen höchstens Sozialdemokraten oder Spiegel-Journalisten:

„Das Eingreifen einer ausländischen Regierung in den Wahlkampf eines souveränen Staats gilt international als verpönt.“

Merkel tut es einfach, weil Einmischung in die inneren Angelegenheiten von einst souveränen Staaten die logische Folge der gegenwärtigen europäischen Kreditkrise (und der europäischen Einigung!) ist. Die Finanz-Eliten arbeiten längst zusammen. Ihre konservativen Sprecher tun es ihnen nun gleich.

Und die Opposition? Sie ist in vier süße kleine Parteien zersplittert und tritt sich gegenseitig auf die Füße. Anstatt zusammenzuarbeiten, wollen sie (fast) alle mit Mutti ins Bettchen, um zu kuscheln. Postdemokratische Weicheier!


Monopol-Kapitalismus

2 Februar 2012 um 10:47 • 11 Kommentarepermalink

Apple hat inzwischen 100 Milliarden Dollar in der Portokasse. Doch letztlich wird es der göttlichen Firma so gehen wie Rockefellers Standard Oil Company.

 

Was wir heute mit der von der Digitalisierung voran getriebenen Monopolisierung marktbeherrschender Branchen erleben (siehe Apple), lief so ähnlich bereits vor 100 Jahren ab. Damals waren es die Öl- und Stahlgiganten, die sich durch Preisabsprachen mit der aufstrebenden Transportindustrie (Eisenbahnen!) einen uneinholbaren Vorteil verschafften und den Markt zu erdrosseln drohten. Diese Phase des Turbo-Kapitalismus ist vor allem mit dem Namen Rockefeller verbunden. Die von John D. Rockefeller 1870 gegründete Standard Oil Company kontrollierte nach wenigen Jahrzehnten die gesamte Öl-Verwertungskette und beherrschte 70 Prozent des Weltmarkts.

Apple könnte Ähnliches gelingen.

Am 2. Juli 1890 wehrte sich die Politik zum ersten Mal gegen die Auswüchse dieses Monster-Kapitalismus. Und zwar aus Angst vor den Linken, die immer größeren Zulauf erhielten. Am 2. Juli 1890 wurde der „Sherman Antitrust Act“ vom Repräsentantenhaus einstimmig (!) verabschiedet – es war die erste Anti-Monopol-Gesetzgebung der USA.

Der einflussreiche republikanische (!) Senator John Sherman, Rechtsanwalt und Sohn eines Richters am Obersten Gerichtshof, wollte mit diesem Gesetz der sozialistischen Agitation den Wind aus den Segeln nehmen. Doch das Gesetz wurde gar nicht angewandt. Es war ein reines Schaufenstergesetz.

Bis die investigative Journalistin Ida Minerva Tarbell durch ihr zähes „Muckraking“ wieder Leben in die Debatte brachte. Die berühmte Reporterin recherchierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die schier unglaubliche Geschichte des kometenhaften und nicht gerade feinen Aufstiegs von John D. Rockefeller, dem reichsten Mann der Welt. Ermöglicht hatte die drei Jahre (!) dauernde Recherche (zähneknirschend) der nicht ganz so reiche Verleger McClure von McClure’s Magazine. Tarbells Magazin-Serie wurde ein Riesenerfolg. 1904 erschien sie als Buch: „The History of the Standard Oil Company“ – ein Megaseller. (Heute hätte sich John D. Rockefeller vermutlich – wie Steve Jobs – eine autorisierte Biographie ‚schreiben lassen’. So viel zum Stand des Qualitäts-Journalismus!).

Das Thema Trusts und Marktmacht ließ die Öffentlichkeit nun nicht mehr los. Am 8. November 1906 eröffnete die US-Regierung unter Präsident Theodore Roosevelt ein Verfahren gegen Standard Oil nach dem Sherman Antitrust Act. Und nach fünfjährigem Prozess führte ein Spruch des Obersten Gerichtshofs am 5. Mai 1911 zur Entflechtung des Ölgiganten.

Die Ironie dabei: Als die Aktienkurse nach der Entflechtung in den Keller rauschten, kaufte Rockefeller die billiger gewordenen Papiere auf und wurde erst so richtig zum Krösus. (Denn die Erfindung des Automobils und der Erste Weltkrieg ließen die Nachfrage nach Öl extrem ansteigen).

So weit die Vergangenheit. Heute ist der Apple-Konzern – in Verbindung mit der aufstrebenden Transportindustrie des Internets – auf dem besten Wege, die damalige Erfolgsgeschichte zu wiederholen. Apple beherrscht die digitale Wertschöpfungskette und wird eines Tages den Weltmarkt beherrschen. Die Politiker werden Gesetze gegen das Monopol beschließen, aber die Gesetze werden ins Leere laufen – bis der Druck so groß ist, dass man Apple entflechten muss (wie auch Google, Facebook und Amazon).

Nur eines wissen wir heute noch nicht: Ob die wahre Geschichte vom Aufstieg des reichsten Mannes der Welt auf einem MacBook oder einem iPad geschrieben wird.

 

Lektüreempfehlung: The human costs of an iPad (New York Times)


Wo bin ich?

Sie befinden sich im Archiv Februar 2012 im Blog von Wolfgang Michal.