Mit Social TV dürfen wir uns endlich selbst verblöden

16 Mai 2012 um 11:19 3 Kommentare

Früher nannte man es Multitasking. Aber das klingt so ekelhaft nach Multivitaminsaft. Deshalb nennt man es jetzt „Social TV“ oder „Second Screen“.

 

Die Welt wird erst schön, wenn man ihr schöne Namen gibt. Das wissen die Leute, die für Dinge werben, die man eigentlich für Irrwitz halten würde, z.B. permanentes Multitasking.

Angeblich nutzen bereits 76 Prozent der britischen Fernsehzuschauer während des Fernsehens das Internet – per Laptop, Tablet oder Smartphone. Sie spielen Angry Birds, während sie die BBC-Nachrichten hören. Ab und zu – wenn’s im Fernseher zischt und kracht – heben sie den Kopf, um sich zu vergewissern, dass es zu den Geräuschen auch noch schreckliche Bilder gibt.

Ende 2011 berichtete Mashable Entertainment, dass über 80 Prozent der US-Zuschauer parallel zum Fernsehen ihr Smartphone gebrauchen. Hat Yahoo herausgefunden. Früher hatten die Zuschauer wenigstens noch die Hände frei zum Bügeln, Abendessen oder… – jetzt müssen sie Touchscreens bedienen. 94 Prozent der Zuschauer verschicken angeblich während des Fernsehens Mails oder nutzen Facebook, Twitter, LinkedIn etc.

Ich glaube ja, dass diese Zahlen von den Auftraggebern dieser Umfragen “erwünscht” sind und schätze den Anteil der nebenbei fernsehenden Netzjunkies auf maximal 15 Prozent. Aber die kombinierte Nutzung von Fernsehprogramm, mobilem Internet und sozialen Netzwerken ist nun mal der letzte Schrei. Deshalb ahmen wir ihn jetzt nach, und so kommt das Social TV mit großem Tamtam auch nach Deutschland – z.B. in Gestalt der Bayerischen Rundshow oder als “interaktiver” Tatort.

Leider wird über der Lust an der crossmedialen Endgeräteverwendung herzlich wenig darüber nachgedacht, ob diese Form der Medienübernutzung eigentlich sinnvoll ist. Aber Sinn scheint in der Mediennutzungsdiskussion sowieso keine relevante Kategorie zu sein. Wichtig ist nur, wie man aus einem 24-Stunden-Tag durch Parallel-Nutzung von Endgeräten 48 Stunden oder mehr machen kann. So werden mehr Nutzer-Daten generiert und größere Medien-Reichweiten vorgetäuscht.

„Second Screen“-Angebote ermöglichen es den Nutzern, während des Fernsehens als freie Mitarbeiter selbst „aktiv“ zu werden, z.B. an Votings teilzunehmen oder Sportübertragungen, Castingshows und Gesprächsrunden per Twitter zu kommentieren. Um einen Anreiz für solche „Check-Ins“ im Social TV zu schaffen, werden die Mitmacher bisweilen mit Punkten oder kleinen Geschenken belohnt. Am Ende können die interaktiven Zuschauer „Punktekönige“ werden und lauter nette Leute kennenlernen, die auch mal Punktekönige waren.

Social TV – diese Kombination eines Massenmediums mit sozialen Netzwerken – ist ein fürsorglich kanalisiertes Reiz-Reaktions-System: Belohnungsfernsehen für permanente Daten- und Gebührenübertragung – 9 Live hoch drei sozusagen.

Um das zu vertuschen, werden die Zuschauer vom Personal des Senders unablässig zu ihrer „aktiven“ Zerstreuungsbereitschaft beglückwünscht. Man gibt den Zuschauern zu verstehen, dass es zum intellektuellen Begreifen des Programms absolut unnötig sei, andauernd hinzusehen. Der Grund für Social TV könnte also sein, dass das normale Programmangebot so heruntergekommen ist, dass man nebenbei noch etwas Eigenes machen kann – vielleicht ein interaktives Jodeldiplom? Es gibt sicher eine Sender-App dafür.

Das heutige Fernsehen braucht offenbar eine wirksame Beschäftigungstherapie für hibbelige (ADHS-)Zuschauer. Larry King, der legendäre Anchorman des Nachrichtensenders CNN, sagte vor jeder Werbeeinblendung flehend in die Kamera: „Don’t go away!“ Die ständige Angst nämlich, die Zuschauer könnten mitten in der Sendung abhauen, ist die Triebfeder des Social TV. Zuschauer sollen mitmachen. Denn wer mitmacht, bleibt. Wir erleben diesen Wahnsinn der permanenten Nötigung ja längst mit der anbiedernden Trailer-Beschallung zwischen allen Sendungen – und mit kaltschnäuzigen Programmhinweisen, die bewusst in die Schlussminuten laufender Spielfilme eingeblendet werden.

Die Website t3n hat einmal aufgelistet, was im Mitmach-TV so unter Mitmachen verstanden wird. Es ist immer derselbe Quark:

„Nach dem „Check-In” kann man mit seinen Freunden chatten und über das laufende Programm diskutieren.“

„Nutzer sollen online über das Programm diskutieren können und Shows & Stars bewerten.“

„Sendungen können mit Sternen bewertet werden, man kann Kommentare teilen und Freunde ‚einladen’. Und chatten geht natürlich auch.“

Wahnsinn!! Früher haben wir uns über die Verblödung durch schlechte Fernsehprogramme aufgeregt. Mit Social TV dürfen wir uns endlich selbst verblöden.

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3 Antworten auf Mit Social TV dürfen wir uns endlich selbst verblöden

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    Steve sagt:

    Eine interessante Sichtweise und die Kritik ist stellenweise auch durchaus berechtigt.

    Die Informnations- und Reizüberflutung ist aber nicht neu und auch kein “Problem” der Fernsehlandschaft im Bezug auf SocialTV sondern vielmehr ein mehr und mehr allgemeines Problem des technischen Fortschritts.

    Es ist für meine Begriffe auch noch gar nicht so recht definiert, was SocialTV denn eigentlich bedeutet. Ich sehe diesem Begriff als sehr breit gefächert und empfinde diesen “Trend” gar nicht mal so schlimm. Die Zuschauer sind sehr unterschiedlich und die Breite der sich langsam bietenden Möglichkeiten hält für jeden etwas bereit.

    Eine direkte Interaktion des Zuschauers mit den Moderatoren bzw. Sendungsbeteiligten sehe ich sogar sehr positiv. Ein Stück sich bildende Demokratie im TV Bereich, wenn man so will. :)

    Man sitzt eben nicht mehr stumpf für der Glotze sondern darf aktiv dabei sein. Wie sich die Thematik letztlich entwickeln wird, muss man sehen und hier und da vielleicht auch kritisch diskutieren.

    Mehr Beteiligung des Zuschauers ist jedoch per se nicht negativ! :)

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    […] Tagen schrieb Wolfgang Michal (@WolfgangMichal) in seinem Blog (und auch bei carta.info) “Mit Social TV dürfen wir uns endlich selbst verblöden“. Heute schreibt Markus Hündgen (@videopunk) bei sich im Blog “Zu dieser Zukunft […]