Staatsakt ESC

25 Mai 2012 um 12:27 Kommentare deaktiviert

Der Eurovision Song Contest (ESC) wird inzwischen mit einer Ernsthaftigkeit ausgerichtet, dass man ihn eigentlich boykottieren müsste. Oder nicht? 

 

Es gibt „gesetzte“ Mannschaften, Lostöpfe, Qualifikationsspiele und Halbfinals – wie bei einer Fußball-Europameisterschaft. Es gibt graue Funktionäre, reiche Oligarchen, dubiose Wettbüros, strenge Sicherheitsmaßnahmen und eine wegsehende Europäische Rundfunkunion – wie bei einer Fußball-Europameisterschaft. Es werden neue Stadien gebaut und maulende Anwohner vertrieben – wie bei einer Fußball-Europameisterschaft. Und es werden vorsorglich Oppositionelle drangsaliert und eingesperrt – wie bei einer Fußball-Europameisterschaft. Ja, Herrgottnochmal, warum ruft dann niemand im Westen zum Boykott dieser Veranstaltung auf – wie bei einer Fußball-Europameisterschaft?

Wird hier vielleicht mit zweierlei Maß gemessen?

Es könnte z.B. sein, dass dem Westen Aserbaidschan einfach nicht so am Herzen liegt wie die Ukraine. Es könnte auch daran liegen, dass Aserbaidschan – Achtung: Verschwörungstheorie! – über eine Menge Erdöl verfügt, während die Ukraine nur die Rohstoffe der anderen durch ihre alten Pipelines leitet. Es könnte aber auch sein – zweite Verschwörungstheorie! – dass dem Westen das bunte Glitzerflitter-Tralala schon deshalb gefällt, weil es von den iranischen Mullahs scharf verurteilt wird. Natürlich nicht wegen der massiven Verletzung von Menschenrechten, nein, der Wettbewerb ist den iranischen Geistlichen einfach nicht… sittsam genug. Er beleidige den Islam und öffne das Gastgeberland weiter der westlichen Dekadenz. Sogar ihren Botschafter haben die Perser vorübergehend aus der Hauptstadt Baku abgezogen.

Ansonsten können wir an der Punktevergabe wieder ablesen, welche Länder sich gegenseitig helfen und – vor allem – wie beliebt Deutschland nach dem Fiskalpakt ist. Wichtigste Frage: Darf Roman Lob einen Punkt aus Griechenland überhaupt annehmen?

Stefan Niggemeier, der alte ESC-Fan und leidenschaftliche Lena Meyer-Landrut-Interpret, berichtet seit Wochen über die merkwürdigen Vorkommnisse rund um das Weltereignis in seinem Blog, auch in der taz und natürlich bei Spiegel Online. Der Hamburger Jahreszeitenverlag hat sogar ein „PRINZ Eurovision Song Contest Blog“ installiert. Und Anke Engelke ist Gottseidank wieder “die deutsche Punkte-Fee“.

„When the Music dies“ heißt übrigens die Gesangseinlage des Gastgeberlands Aserbaidschan. Viel Spaß!

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