Embedded Blogs

30 Oktober 2012 um 14:52 • 3 Kommentarepermalink

Die freien Blogs verlieren nicht nur an Substanz, sie verlieren ihre Funktion. Sie wandern in die großen Medien ab und bilden dort fluffige Anhängsel. Was bleibt ist ein „Nice to have“.

 

Die FAZ-Community zählt momentan 26 Blogs. Bei Spiegel Online wechseln sich 7 „Blogger“ im Tagesrhythmus ab, als Bonusmaterial gibt’s den Spiegelblog dazu. ZEIT Online führt 21 Blogs, der Zürcher Tagesanzeiger 10, die Welt 9, das Handelsblatt 8, der Tagesspiegel 6, die Süddeutsche 5, der stern 9, Cicero 8, das ZDF 8, die Tagesschau 5. Der Freitag unterhält eine ganze Blogger-Community und die taz listet sage und schreibe 61 Blogs in ihrem Sperrbezirk auf.

Das Bloggen hat sich „im Mainstream“ durchgesetzt, als Nische und Bonusprogramm. Die Blogs sind zum integralen Bestandteil vieler Zeitungen geworden, sie sind embedded. Das ist – ohne Frage – eine erfreuliche Entwicklung, weil sich die Medien auf diese Weise Kreativität, originelle Handschriften, frische Themen und preiswerte Arbeitskraft ins Haus holen können – und sich so allmählich erneuern.

Andererseits handelt es sich streng genommen bei den meisten Blogs gar nicht mehr um Blogs, sondern um ganz normale Kolumnen. Die kann ein Medium nach eigenem Ermessen ins Blatt holen und auch wieder hinauswerfen – wie es einigen FAZBloggern jüngst passiert ist. Die Blogger (bei Spiegel Online heißen sie Kolumnisten, weil sie dort prominent platziert sind) bekommen für ihre Beiträge ein Taschengeld und manchmal auch richtige Honorare, aber sie treten dafür die Oberhoheit (also die Letzt-Entscheidung) sowie die Platzierung an das gastgebende Medium ab. Sie sind nicht wirklich frei, sondern so frei wie freie Mitarbeiter eben sein können. Das wird manchen ganz recht sein – so lange es zu keinem Konflikt mit dem Gastgeber kommt, und so lange sich die Verantwortlichen in den Medien nicht mit ihren „eingekauften“ Bloggern langweilen.

In der freien Blogszene hat diese an sich begrüßenswerte Entwicklung unübersehbar zu einer Auszehrung geführt. Auch zu einer Spaltung. Gute unabhängige Blogs sind rar geworden (aber es gibt sie noch!). Manche flüchten irgendwann unter die Fittiche edler Sponsoren oder dubioser PR-Agenturen und werden dadurch ungenießbar. Es sind jene (so die Häme aus ganz bestimmten Kreisen), die es nicht geschafft haben, zur ersten Garnitur in den Medien zu zählen. Sie bleiben in der Liga der B-Blogs hängen, um weiter auf ihren Ruf zu warten oder ihre Sonderstellung trotzig zu verteidigen. Die Blogszene ist für die Medien heute das geworden, was früher die taz war: die Journalistenschule der Nation, der Pool, aus dem sich die großen Medien die Vielversprechendsten herausfischen können.

 

Der Vorsprung ist weg

Auch ihren Unique Selling Point (USP) haben die freien Blogs verloren. Dieser USP hieß: Vom Netz verstehen wir einfach mehr! Heute kann man den etablierten Medien nicht mehr vorwerfen, sie würden vom Internet nichts verstehen. Gerade in der netzpolitischen Expertise haben die alten Medien – unter dem Druck der ständigen Kritik aus den Blogs – enorm aufgeholt. Fast alle verfügen heute über einen oder mehrere Redakteure und freie Mitarbeiter, die auf digitale Themen spezialisiert sind; ihre Berichte, Reportagen, Interviews und Kommentare spiegeln auch zuverlässiger, was rund um die Uhr im Netz und in der Netzpolitik passiert. Denn anders als freie Blogger, die nur kommentieren, wenn sie Lust und Zeit dazu haben, arbeiten die Journalisten in den Digital- und Netzwelt-Ressorts unter den Bedingungen eines normalen Berufs. Sie produzieren täglich und ihr Aufwand wird am Ende des Monats vom Arbeitgeber bezahlt.

 

Was also bleibt den freien Blogs übrig?

Alle schnellen Antworten auf diese Frage sind vorhersehbar: Einige werden sagen, dass sie ihr (B)Logbuch völlig unabhängig von den Trends in den Medien schreiben und deshalb gar nicht verstehen können, warum man sich über die geschilderte Entwicklung überhaupt Gedanken macht. Blogs seien nun mal semi-private Tagebücher. Andere werden sagen: So ist der Lauf der Welt. Mit dieser Entwicklung müsse man sich abfinden! Die dritten werden mit dem Kopf nicken, die vierten werden ihn schütteln, die fünften werden den freien Bloggern aufmunternd zurufen: Weitermachen! Und die sechsten werden es an der üblichen Häme nicht fehlen lassen. Alle diese Reaktionen sind aber unnötig, denn sie sind im vorliegenden Text bereits eingepreist.

Wer etwas länger darüber nachdenkt, wird die Folgen des „embedded blogism“ vielleicht erahnen. Wenn die freien Blogs ihre Funktion verlieren, irrelevant werden oder in den alten Medien unterkommen, dann gibt es dort auch keinen Grund mehr, die Bezahlschranken nicht herunter zu lassen. Wer keine Konkurrenz mehr hat (wie schwach diese im Netz auch gewesen sein mag), kann machen, was er will.

Der einzige Ausweg, die belebende Konkurrenzsituation wieder herzustellen, also gebraucht zu werden, ist eine inhaltliche Veränderung der freien Blogs. Sie müssen sich neuen Themen, neuen Präsentations-, Vernetzungs- und Aktionsformen öffnen, um sich wieder einen Vorsprung (und damit den berühmten Mehrwert) zu sichern. Ein paar zarte Entwicklungen gibt es, aber die Aufgabe wird nicht leicht.

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Der Tugendterror der Empörten

15 Oktober 2012 um 10:38 • 3 Kommentarepermalink

Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo fordert: Schluss mit der Skandalisierung von kleinen Politiker-Fehlern. Medien, Andersdenkende und „Empörte im Netz“ würden sich zu einer unerträglichen Moralinstanz aufschwingen.

 

Überschrieben ist Giovanni di Lorenzos Leitartikel mit einem einzigen Wort: „Tugendterror“. Unterzeile: „So wie Fehler von Politikern inzwischen skandalisiert werden, kann am Ende jeder fertiggemacht werden.“

Di Lorenzo meint aber gar nicht Annette Schavan (sie ist nur die nächste, die ins Visier „der Empörten“ gerät), er meint Peer Steinbrück und die Art, wie man seine hohen Nebeneinkünfte als Abgeordneter öffentlich herabwürdigt. Di Lorenzo schreibt am Anfang seines Beitrags:

„Wer als Kandidat einer Partei in den Wahlkampf zieht, die endlich die Finanzbranche zähmen will, macht sich natürlich angreifbar, wenn er sich von Vertretern dieser Zunft für gut bezahlte Vorträge engagieren lässt.“

Leider verfolgt Giovanni di Lorenzo diesen Gedanken aber nicht weiter, sondern wendet sich einem viel wichtigeren Thema zu: der elenden Sucht der Öffentlichkeit, Verantwortungsträgern ständig in die Suppe zu spucken. Das, was sich die Politiker heute leisten würden, sagt di Lorenzo, seien doch nur Peanuts im Vergleich zu dem, was sich Politiker früher geleistet hätten. An den moralischen Maßstäben von heute gemessen hätte die politische Klasse von damals keine Chance gehabt, im Amt zu bleiben (ich habe das in der Affäre Wulff ganz ähnlich gesehen).

Di Lorenzo kommt zu dem Schluss, dass sich die Öffentlichkeit zu einer Art moralischem Standgericht aufschwinge:

Virtuelle Gerichte – ein Dreigestirn aus Medien, politischen Gegnern und Empörten im Netz – bekommen so eine Macht über Politiker, die zunehmend den Souverän entmündigt: Letztlich ist es doch der Wähler, der entscheiden soll, ob ihn nach einem langen Wahlkampf Peer Steinbrück oder Angela Merkel überzeugt. Und ob dabei auch die Frage eine Rolle spielt, unter welchen Umständen Politiker Nebeneinkünfte erzielen. Alles andere ist nicht Tugend, sondern Terror.“

Das heißt: Die Frage der Nebentätigkeit eines Abgeordneten könne lediglich ein Unterpunkt sein bei der Gesamt-Beurteilung der Eignung zum Kanzlerkandidaten. Angela Merkel hätte gesagt: Ich habe den Guttenberg ja nicht als wissenschaftlichen Assistenten eingestellt, sondern als Verteidigungsminister.

Richtig an di Lorenzos Klage über den „Tugendterror“ ist, dass die Gewichtung bei der Beurteilung vieler Sachverhalte und Verfehlungen oft nicht mehr stimmt. Kleinigkeiten werden zu Schlagzeilen aufgeblasen, Wichtiges kommt unter Ferner liefen. Doch „die Empörten im Netz“ reagieren in erster Linie auf das, was ihnen der Journalismus vorgibt, und die Journalisten ihrerseits schielen auch auf das, was „die Empörten im Netz“ in Wallung bringt. Durch die gegenseitige Verstärkung und „Aufwiegelung“ wird die Einordnung des Geschehens zur Nebensache, der Hype wird zur Hysterie. „Tiefer hängen“ ist dann keine akzeptable Kategorie mehr, denn wer mitten in der schönsten Aufregung bagatellisiert, macht sich zum Spielverderber.

Wen also klagt di Lorenzo an? Die Medien, zu denen er gehört, funktionieren heute eher wie Talkshows. Wichtiges und Unwichtiges fließen ineinander, und der entstehende, stets liebevoll servierte Desinformationsbrei (der „Lanzismus“) formt das Weltbild des Publikums. Die Boulevardisierung von bild.de und Spiegel Online, von Talkshows und Homestorys hat längst auch die seriöse Presse erfasst: Nicht nur die Seite 1 vieler Qualitätsblätter sieht heute ganz anders aus als vor 30 Jahren; Qualitätszeitungen orientieren sich ebenso häufig an den populistischen Wellen, die von den schnelleren Online-Medien und ihrem stilbildenden Star-System erzeugt werden. Bernhard Pörksen und Hanne Detel haben das in ihrem Buch „Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter“ plastisch beschrieben. Nur hätte der Untertitel ihres Buches lauten müssen: Das Ende der Kontrolle durch einige wenige im digitalen Zeitalter.

Der Vorteil und auch der Nachteil der digitalen Demokratisierung ist, dass nun alles hochgespielt werden kann: alles, was die Leute aufregt, interessiert, fasziniert oder neugierig macht. Diese Aufregerwellen ändern aber rein gar nichts an den Entscheidungsstrukturen. Alles funktioniert weiter wie vorher. Insofern ist die Gleichsetzung des verbalen „Tugendterrors“, der angeblich von den Medien und den „Empörten im Netz“ auf die „Verantwortungsträger“ ausgeübt wird, mit dem realen Tugendterror des Wohlfahrtsausschusses der Jakobiner deplatziert. Der reale Wohlfahrtsausschuss (auf den das Wort vom Tugendterror zurückgeht) war ein Exekutivorgan mit unbeschränkten Vollmachten. Er war die Guillotine der Französischen Revolution und konnte Politiker wegen echter oder vermeintlicher Verfehlungen aufs Schafott schicken.

Die Verwendung des Wortes Tugendterror für die verbale Empörung im Netz und anderswo ist nichts anderes als das, was Giovanni di Lorenzo lauthals beklagt: Er macht Stimmung gegen die boulevard-typische Übertreibung mit Hilfe einer boulevard-typischen Übertreibung, er argumentiert gegen den Populismus mit Hilfe populistischer Methoden.

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Wo bin ich?

Sie befinden sich im Archiv Oktober 2012 im Blog von Wolfgang Michal.