Die Engel fangen an, dumme Fragen zu stellen

27 Dezember 2013 um 12:18 • 0 Kommentarepermalink

Unglaublich, wie dreist der US-Geheimdienst selbst den Vatikan abhörte! In seiner Weihnachtsausgabe enthüllt der Guardian nun exklusiv, wie Gott den Verantwortlichen ins Gewissen redete.

 

Gott war außer sich. Ausgerechnet an Halloween musste ihm sein Abwehrchef Petrus die Nachricht beichten, dass sämtliche Geheimgespräche des Allmächtigen mit dem Heiligen Stuhl von der NSA abgehört worden waren (Gottseidank nur die auf dem Parteihandy).

Daraufhin ließ Gott NSA-Chef Keith Alexander und dessen Geheimdienstdirektor James Clapper ins Himmelreich einbestellen. Man traf sich in der Cloud.

Ein Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes GCHQ, der als Friedensattaché im 4.Stock der Himmelspfortenbotschaft unweit der Himmelreichskanzlei stationiert war, konnte das Gespräch abfangen. Ein Whistleblower namens „Holy Spirit“ sandte anschließend eine Kopie an den Chefredakteur des Guardian.

Wir danken Alan Rusbridger für die freundliche Genehmigung, zeitgleich mit dem Guardian eine visualisierte Fassung des abgehörten Gesprächs wiedergeben zu dürfen.

 

Gott (sichtlich verärgert): You fucking fucking basterds! Ist euch denn gar nichts mehr heilig? (Zu Clapper gewandt) Dein Großvater (Clappers Großvater war Priester) würde dich am liebsten gleich hier oben behalten.

Keith Alexander (schlägt die Hacken zusammen): Sir! Es gab Grund zu der Annahme, dass Benedikts Rücktritt

Gott: Herrgott nochmal!! Ihr… habt… euren Schöpfer… belauscht.

James Clapper* (beflissen): Das Ausspähen ausländischer Spitzenpolitiker ist das Kernziel von Spionage!

Gott (zieht die Augenbrauen hoch): Wir sind Verbündete… Schon vergessen? Wir haben mal einen Bund geschlossen…

Alexander: Wir legen wirklich hohe Maßstäbe an uns selbst an. Egal wo wir operieren.

Gott: Spar dir deine Predigten für die EU-Kommission. Ich will von euch Pfeifen wissen, was dieser gottverdammte Whistleblower über mich in der Hand hat. (Gott zerrt ein weißes Kryptohandy aus seinem Umhang) Ich kann mit dem Scheißding nichts anfangen.

Alexander: Hat Steve Ihnen das aufgeschwatzt?

Gott (seufzend): Er verkauft dir ein iPhone, ohne dass du es merkst. Er fällt allen hier auf den Wecker… (dann zu Clapper gewandt): Seit wann hört ihr mich ab?

Clapper (flüsternd): Als dieses Kind in der Galiläa-Zelle auftauchte und drei Al Kaida-Führer aus dem Morgenland…

Gott (macht eine abwehrende Handbewegung): Ist Vatileaks dabei? Die Schwulenverschwörung? Hat der Kerl die Unterlagen der Vatikanbank? Die ganzen Missbrauchsgeschichten?

Alexander (blickt betreten zu Boden, nickt)

Gott: Die Beichtstühle auch…?

Alexander (nickt noch betretener)

Gott: Die Sauna in Quarto Miglio? Die Darkrooms?

Alexander (nickt am betretendsten)

Gott (schlägt die Hände vors Gesicht): Oh mein Gott!

Alexander: Die Journalisten verstehen doch gar nicht, was sie da sehen.

Gott: Ach nein?

Alexander: Da gibt es viele Fehlinterpretationen.

Gott (zornig): Ihr beiden habt mich mit euren gottverdammten Allmachtsphantasien in diese beschissene Lage gebracht. Petrus sägt am Heiligen Stuhl. Die Engel fangen an, dumme Fragen zu stellen.

Clapper: Ich schwöre hoch und heilig…

Alexander (leise zu Clapper): Ist hier nicht nötig.

Gott (greift in die Cloud, zieht eine Flagge heraus): Das ist das Wappen des Vatikan, ihr Gipsköpfe. Und was seht ihr da? Zwei gekreuzte Schlüssel. Und warum?

Clapper (zuckt mit den Achseln)

Gott: Das sind die Kryptoschlüssel meines Abwehrchefs, ihr Hornochsen. Sie bedeuten: Zugriff von außen… ist… nicht… erlaubt.

Clapper (strahlend): Wir konnten sie knacken, Sir.

Alexander (nickt): Die Glaubenskongregation des Vatikan hatte um Amtshilfe gebeten. Sie gehören – wie die Briten – zur Triple A, zur „Allianz des Allsehenden Auges“ (One Eye)…

Gott (schüttelt den Kopf): Ihr führt euch auf wie der liebe Gott.

Clapper (beflissen): Das ist unsere Aufgabe.

Alexander (stolz): Wir tun, was wir können.

Gott: Leider Gottes… War Obama unterrichtet?

Clapper (lacht): Von uns nicht.

Gott: Hört ihr ihn etwa nicht ab?

Clapper: Das macht der BND für uns.

Gott: Und?

Clapper (starrt zu Boden)

Alexander (extrem leise): Die Deutschen haben aus Versehen die Festplatten geschreddert.

Gott (in sich zusammensinkend): Was hab’ ich da bloß erschaffen!?

 

*Die Antworten von Clapper und Alexander sind z.T. wörtliche Zitate aus den parlamentarischen Anhörungen der beiden Geheimdienstchefs.


Morozov sagt…

9 Dezember 2013 um 22:08 • 0 Kommentarepermalink

Der Internet-Kritiker Evgeny Morozov wird von Netzaktivisten gern als Spielverderber gesehen. Aber kann man ihn und seine Kritik so einfach abtun? Versuch einer Gegenüberstellung.

 

Morozov sagt: Das Netz ist kapitalistisch und sonst nichts. Es ist das cleverste Instrument des entfesselten Kapitalismus. Mit ihm kann sich der böse Wolf perfekt als lammfrommes Schaf verkleiden, das nur edle Ziele verfolgt und die Welt besser machen will. Gegen diese Sichtweise wehren sich die Netzbewohner mit wütender Bockigkeit. Sie sagen: Unser Netz ist nicht kapitalistisch und es wird auch nie völlig kapitalistisch werden – sonst wären wir ja nicht drin. So lange wir aber drin sind, werden wir uns mit Händen und Füßen dagegen wehren, dass irgendein Hassprediger unser Netz als rein kapitalistisch verleumdet. Wir sind der lebende Beweis, dass das Internet offen, neutral und sympathisch sein kann. Es kommt darauf an, wer es mit welchen Absichten benutzt.

Morozov sagt: Ihr könnt so viel mit den Füßen aufstampfen, wie ihr wollt, es spielt überhaupt keine Rolle. Ihr seid nur die nützlichen Idioten, die dem Neoliberalismus die schwierige Überzeugungsarbeit erleichtern. So lange es Dumme gibt, die ernsthaft glauben, es sei ihr neutrales Netz, ihr technisches Spielzeug, können die superdicken Silicon Valley-Konzerne noch superdicker werden und ihre Profitabsichten ungehindert verfolgen. Die Netzbewohner halten dagegen, dass die Technik ohne ihre Benutzer lediglich eine leere Hülle sei – und die kapitalistische Gier vergebliche Liebesmüh’. Die User könnten jederzeit aufhören, am Netz zu hängen wie ein Junkie an der Nadel. Denn der Kunde ist König. Und Märkte sind Gespräche. Also muss der Kapitalismus die Bedürfnisse der Netzbewohner berücksichtigen. Das Ganze sei ein Geben und Nehmen – und längst nicht so einseitig, wie Morozov es in seinen Horrorgemälden darzustellen pflege.

Morozov sagt: Das kapitalistische Internet habe das Ziel, dem Einzelnen jedes eigenständige Denken zu rauben und an undurchsichtige Algorithmen zu delegieren, die den Mainstream und die erwünschten Normen definieren. Die Dauer-Überflutung mit Informationen, die eine bessere Entscheidungsfindung gewährleisten sollen, blockiere in Wahrheit die Anstrengung des Selberdenkens. Das Risiko werde ersetzt durch die Berechnung, die Verantwortung durch die Fremdbewertung. Die Netzbewohner würden ignorieren, dass die alte Maxime der Aufklärung – je mehr du weißt, desto besser – im Silicon Valley-Zeitalter unter einem Berg von Informationsmüll begraben werde. Die neue Freiheit basiere dagegen auf der Maxime: Je weniger du weißt, desto besser. Erst dann könne man aus eigener Kraft und Herrlichkeit wieder Entscheidungen treffen. Erst dann sei man frei. Auf diese John Wayne-Haltung reagieren die Netzbewohner mit Spott und Verachtung. Sie halten sich durchaus für fähig, aus einem Überangebot das für sie Brauchbare herauszufiltern. Ein Zuviel an Informationen habe noch niemandem geschadet, ein Zuwenig könne Katastrophen auslösen. Der Mensch sei nicht so manipulierbar wie der grimmige und griesgrämige Menschenfeind Morozov annehme. Morozov begehe den unentschuldbaren Fehler, alles, was in der Welt vor sich gehe, auf die Teufel aus dem Silicon Valley zu projizieren. Damit werde er zum Gefangenen seiner eigenen Wahnvorstellung. Er gebe zwar vor, das kapitalistische Internet in seiner ganzen Tiefe zu analysieren, beschreibe aber ausschließlich Oberflächen-Phänomene. Auch seine argumentative Technik sei leicht durchschaubar: Zuerst baue er einen Riesen-Popanz auf, um ihn anschließend unter wildem Geheul effektvoll zerschmettern zu können.

Morozov sagt: Oh, ihr Ahnungslosen! Ihr wisst doch nur, was euch das Netz gnädigerweise zuteilt. Ihr glaubt zu filtern, aber ihr werdet gefiltert. Ihr glaubt, ihr hättet die Joysticks in eurer Hand, aber die Joysticks manipulieren euch. Euer Freiheitsbegriff ist genau so oberflächlich und abgemagert wie eure technizistisch-neutralistische Netztheorie. Ihr betrachtet nur jenen Ausschnitt der Wirklichkeit, den euch die Scheuklappen von Google erlauben. Ihr stellt keine Zusammenhänge her, die über vorgegebene Verlinkungsstrukturen hinausgehen. Ihr dringt mit eurer Technologie-Fixierung nicht mehr zum Kern der Debatte vor: dass die digitale Technik sowohl integraler Bestandteil als auch Ausdruck des kapitalistischen Fortschritts ist. Ihr weigert euch wahrzunehmen, dass der Cyberspace nicht von der übrigen Welt zu trennen ist, ja dass er ohne diese gar nicht gedacht werden kann. Und dass er deshalb genau so kühl und unnachsichtig analysiert werden muss wie der übrige Neoliberalismus.

Gegen diese Kritik wehren sich die Netzbewohner aber nicht mit einer eigenen Analyse, nein, sie reagieren auf das sich bei der Morozov-Lektüre unweigerlich einstellende Gefühl der selbstverschuldeten Unmündigkeit rein impulsiv. Reflexhaft projizieren sie ihren Verdruss auf die Person. Sie sagen, es gehe Morozov immer nur um das eine: sich mit seinen unhaltbaren Thesen in den Vordergrund zu spielen. Dann spucken sie drei Mal verächtlich über die rechte Schulter und verfluchen den Mistkerl.

Siehe auch: Die kalifornische Ideologie und der deutsche Reflex

Crosspost


Wo bin ich?

Sie befinden sich im Archiv Dezember 2013 im Blog von Wolfgang Michal.