Lokalblogs: Gegenöffentlichkeit oder Subunternehmertum?

28 April 2014 um 10:56 • 2 Kommentarepermalink

Einst als Teil der Gegenöffentlichkeit entstanden, werden sublokale Medien immer öfter von Zeitungen umworben. Ist die Lokalblog-Bewegung dabei, sich zu professionalisieren?

 

Im Juli 2009 hatte ich über die gerade entstehende Lokalblog-Bewegung geschrieben: „Das nächste große Ding im Internet könnten regionale Online-Magazine sein, die von freien und freigesetzten Lokalredakteuren gemacht werden.“ Als Beispiele waren genannt: die Ruhrbarone, das Pottblog, die erzgebirgsblogger, die heldenstadt (Leipzig), das Heddesheimblog oder die Thüringer Blogzentrale.

Inzwischen ist die Lokalblog-Bewegung ein ganzes Stück weiter. Wer die Vielfalt und Lebendigkeit der Szene kennenlernen will, sollte die Vernetzungsportale istlokal.de, kiezblogs.de oder lokalblogger.de studieren. Auf lokalblogger.de sammelt der junge Journalist Julian Heck – nach Bundesländern geordnet – die Adressen der auf dem Markt befindlichen Regional- und Lokalblogs.

Am interessantesten erscheinen derzeit wohl die „Hyperlokal-Blogs“. Das sind sublokale Onlinemedien, Dorf-, Stadtteil-, Quartier- oder Kiez-Magazine, deren Berichtsgebiete so klein sind, dass sie nicht oder nicht mehr im Blickfeld lokaler Zeitungsredaktionen liegen.

 

Geordneter Rückzug

Die Lokal-Berichterstattung der professionellen Medien hat sich in den letzten Jahren aus der Fläche zurückgezogen, die weißen Flecken auf der journalistischen Landkarte werden größer. Für diese Entwicklung gibt es drei Gründe:

1. Der massive Anzeigenverlust und die hohen Fixkosten traditioneller Verlagsapparate zwingen die Geschäftsführer zu einer immer stärkeren Ausdünnung oder gar zur völligen Aufgabe von Lokalredaktionen. Das heißt: Heute muss ein einzelner Redakteur mehr Seiten füllen. Das geht natürlich zu Lasten der Qualität; oder führt zu gewaltigen Lücken in der Berichterstattung. Die Verlage verschlimmbessern die Lage dadurch, dass sie versuchen, die Berichterstattungs-Lücken durch nicht-professionelle Mitarbeiter zu schließen. Die freien Mitarbeiter werden sehr schlecht bezahlt und betreiben das Schreiben und Fotografieren eher als Hobby. Journalistische Berufs-Standards werden dadurch mehr und mehr vernachlässigt.

2. Weil die Anzeigen wegbrechen und die verbliebenen Kunden unbedingt gehalten werden müssen, wird die Lokalberichterstattung immer vorsichtiger und zahmer. Viele Zeitungen veröffentlichen inzwischen gekaufte PR-Beiträge auch im redaktionellen Teil. Die Aufhebung der Trennung zwischen Journalismus und Werbung (man nennt es beschönigend „Native Advertising“) unterminiert aber die Glaubwürdigkeit des Lokaljournalismus.

3. Die regionalen Monopolzeitungen, die so genannten Ein-Kreis-Zeitungen, unterschätzen – weil ihnen die journalistische Konkurrenz weitgehend fehlt – in provozierender Weise ihr Publikum. Sie halten ihre Leser für genügsam, treu und doof. Entsprechend ist ihre Lokalberichterstattung meist unkritisch und liebedienerisch gegenüber den lokalen Honoratioren, uninspiriert und erschütternd langweilig in der Themenauswahl und äußerst sparsam in der Verwendung unterschiedlicher journalistischer Stilformen.

 

Die Lokalmedienstruktur der Zukunft

Aufgrund dieser Entwicklung haben wir es auf beiden Seiten der Öffentlichkeit mit unzufriedenen Bevölkerungsgruppen zu tun: Leser und Lokaljournalisten leiden gemeinsam unter Produktenttäuschung. Kein Wunder also, dass immer mehr Bürger- und Journalisten-Initiativen versuchen, eigene Lokal-Medien auf die Beine zu stellen. Das Internet macht’s möglich. Auf lokaler Ebene existiert auch (fast) die einzige Marktlücke für Online-Journalismus.

Ich würde sagen: NOCH existiert sie.

Denn mittlerweile erkennen die Zeitungen, dass sie sich öffnen müssen, wenn sie den Kampf um die Leser nicht völlig verlieren wollen. In Stuttgart, Regensburg oder Hamburg haben die örtlichen Presseorgane erlebt, was passiert, wenn nach heftigen lokalen Konflikten eine engagierte Gegenöffentlichkeit entsteht. Die Auflagen geraten unter Druck.

– In Stuttgart gründeten Bürger und ehemalige Lokaljournalisten die Kontext-Wochenzeitung – weil sie unzufrieden waren mit der einseitigen Berichterstattung zu Stuttgart 21.

– In Hamburg punkteten die lokalen Blogs in der Auseinandersetzung um das berüchtigte „Gefahrengebiet St.Pauli“. Findige Bürger entwickelten sogar eine App namens „Call a Journalist“, mit der Journalisten angefordert werden können, sobald etwas im Gefahrengebiet passiert.

– In Regensburg waren die Übermacht der katholischen Kirche und die Dominanz der CSU-hörigen Regionalzeitung die tieferen Beweggründe, warum der freie Journalist Stefan Aigner eines Tages die lokale ‚Gegenmacht’ Regensburg-digital ins Leben rief.

– Im Ruhrgebiet entstanden die Blogs Pottblog und Ruhrbarone mehr oder weniger als Alternativen zum alles beherrschenden WAZ-Konzern.

Aber wie gesagt: Die Zeitungen lernen daraus.

– Die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit expandiert seit geraumer Zeit ins Regionale und arbeitet dabei auch mit hyperlokalen Blogs zusammen. Diese Blogs heißen z.B. hh-mittendrin, Elbmelancholie oder Wilhelmsburg Online. Das heißt, die etablierten Zeitungen integrieren Blogs, um ihre Berichterstattungs-Lücken zu füllen, Honorarkosten zu sparen, den Puls der Zeit zu spüren und potentielle Kritiker frühzeitig einzubinden. Und die neuen Blogger verstehen sich nicht als Gegenöffentlichkeit – wie in der Frühphase der Bewegung –, sondern als Ergänzung, als zusätzlichen Service, als Bonusmaterial, und lassen sich ohne Widerstreben einbinden.

– Auch die taz arbeitet gern mit Lokalbloggern zusammen. Die Stuttgarter kontextwochenzeitung liegt ihrer Wochenendausgabe bei, die taz nord kooperiert mit Hamburger Lokalbloggern.

– Das Hamburger Abendblatt schickt – dem Trend folgend – seit zwei Jahren ‚Rucksack-Reporter’ in die Stadtteile, die mit Netbook, Kamera, Mikrofon, Recorder, Block und Kugelschreiber durch die Kieze wandern, um Geschichten zu reportieren oder irgendwann sogar live ins digitale Nachrichtenstudio zu schalten.

Aus dieser neuen Konstellation könnte sich die Lokal-Medienstruktur der Zukunft entwickeln: Wenige professionelle Zentralredaktionen arbeiten dann als Leit- und Steuerzentralen, während um sie herum zahlreiche selbstständige, halbprofessionelle Subunternehmer als Zulieferer kreisen.


Wäre Edward Snowden in Deutschland wirklich sicher?

17 April 2014 um 12:09 • 0 Kommentarepermalink

Die Wau Holland-Stiftung und die Journalisten-Organisation „Reporter ohne Grenzen“ wollen von der Bundeskanzlerin wissen, warum eine Befragung Edward Snowdens vor dem NSA-Untersuchungsausschuss mit der Auslieferung des Whistleblowers enden könnte.

 

Eine gute Frage! Irritiert hat die Fragesteller vor allem eine kolportierte Bemerkung des Vizekanzlers Sigmar Gabriel. Der soll am 31. März vor Berliner Schülern gesagt haben:

„Deutschland ist ein kleines Land, in dem der amerikanische Geheimdienst sehr genau weiß, wer hier was tut. Ich bin sicher, dass der Geheimdienst der USA versuchen würde, ihn unter seine Kontrolle zu bringen. Wer garantiert eigentlich, dass er hier sicher lebt?“

Das klingt, als vertrete der Vizekanzler nicht den ‚mächtigen’ EU-Staat Deutschland, sondern eine kleine abhängige Bananenrepublik im Hinterhof der USA. War es also bittere Ironie, die den Vizekanzler zu seiner Einschätzung bewog? Oder war es echte Sorge, nicht die volle Kontrolle im eigenen Land zu haben? Könnte Snowden von amerikanischen Diensten auf deutschem Boden gekidnappt, im Dagger-Komplex gefangen gesetzt und dann von Ramstein aus nach Amerika geflogen werden?

 

Es ist so verdammt schwer, souverän zu sein

Grob gesagt hätte die US-Regierung zwei Möglichkeiten, Snowden in Deutschland zu bekommen: 1. Sie verweist auf das Auslieferungsabkommen zwischen der EU und den USA. 2. Sie beruft sich auf das NATO-Truppenstatut.

Zu 1.: Bereits im Sommer vergangenen Jahres wurde anlässlich der Asylfrage diskutiert, ob Deutschland Snowden im Falle einer Einreise an die USA ausliefern müsse – wegen des 2010 zwischen der EU und den USA unterzeichneten Auslieferungsabkommens. Die Frage wird von manchen Juristen und Diplomaten bejaht, ist aber letztlich eine rein politische Entscheidung.

Eine souveräne Regierung könnte nämlich einfach erklären, dass eine Auslieferung Snowdens gar nicht in Frage komme. Das nationale Interesse gebiete es vielmehr, die Aktivitäten eines fremden Geheimdienstes aufzuklären, insbesondere wenn es sich um illegitime Aktivitäten wie Wirtschaftsspionage, Total-Überwachung der Bevölkerung und ähnliche nicht unmittelbar der Terrorismusbekämpfung dienende Tätigkeiten handle. Die Interessen der Bundesbürger hätten also logischerweise Vorrang vor den Interessen einer ausländischen Regierung. Aber wie gesagt – so könnte nur eine souveräne Regierung argumentieren. Was aber, wenn die Souveränität der Regierung nicht existiert?

Zu 2.: Vermutlich könnte das US-Militär Snowden ganz offiziell verhaften lassen. Denn die in Deutschland residierenden Militärbehörden der Nato-Macht USA haben laut Nato-Truppenstatut von 1951 (Artikel VII) – einschließlich des Zusatzprotokolls (Artikel 19) – das Recht dazu. Die Militärbehörden müssten lediglich eine Gefahr für ihre in Deutschland stationierten Truppen konstatieren. Diese Gefahr ist nach Ansicht der Militärbehörden gegeben, da Snowden durch seine Enthüllungen und seine Anreise aus Moskau den US-Militärgeheimdienst und damit die Sicherheit der US-Truppen gefährdet (Hochverrat, Geheimnisverrat, Spionage). Als ziviler Mitarbeiter des Pentagon untersteht Snowden somit vorrangig der US-Militärgerichtsbarkeit. Die Bundesregierung würde sich in den Fall wohl nicht einmischen.

Eine Ladung Edward Snowdens vor den NSA-Untersuchungsausschuss würde daher die Gretchen-Frage nach der deutschen Souveränität aufwerfen.

Diese Problematik hat man vermutlich auch dem überraschend zurückgetretenen Ausschuss-Vorsitzenden Clemens Binninger nachdrücklich klargemacht.


Wo bin ich?

Sie befinden sich im Archiv April 2014 im Blog von Wolfgang Michal.