Muddis Pudding

24 August 2014 um 11:55 • 11 Kommentarepermalink

Der Spiegel, der Suhrkamp Verlag und die SPD standen einmal für das Projekt Aufklärung. Nun sind sie in einer tiefen Krise. Warum?

 

Machtkämpfe gibt es überall. Bemerkenswert ist aber, dass die qualvollsten Machtkämpfe in so genannten Traditions-Unternehmen stattfinden. In Unternehmen, die man immer für unverrückbare moralische Instanzen hielt; für Leuchttürme des Fortschritts und der schieren Vernunft.

Zu dieser Sorte Traditionsunternehmen zählen der Spiegel, der Suhrkamp Verlag und die SPD. Nun würde man diese drei nicht auf Anhieb miteinander vergleichen wollen, aber die Machtkämpfe in ihnen weisen doch erstaunliche Parallelen auf: Es geht in allen drei Fällen um das Erbe eines übermächtigen Mannes.

– Seit dem Tod Willy Brandts im Herbst 1992 ging es in der SPD-Führung drunter und drüber. Die Partei hat in den letzten 20 Jahren elf Vorsitzende verschlissen und liegt in Umfragen bei 25 Prozent.
– Im Suhrkamp Verlag herrscht seit dem Abgang Siegfried Unselds ein zäher Kleinkrieg der Gesellschafter.
– Und den Spiegel plagen nach Augsteins Tod immer neue Diadochenkämpfe.

Die Erben der großen Drei sind ratlos. Ist das die Schuld der Überväter, die ihre Traditions-Unternehmen (zu) lange paternalistisch geprägt haben? Oder liegt es eher an den Nachfolgern?

 

Aufklärungsunternehmen sind keine normalen Betriebe

Machtkämpfe in Betrieben und Organisationen enden oft mit deren Zerfall – oder mit einer vollständigen Metamorphose. Das heißt, das Unternehmen geht entweder unter oder es findet den Mut, sich völlig neu „aufzustellen“. Während Preussag und Mannesmann zu anderen Firmen wurden, gingen Grundig und AEG zugrunde. Das heißt, das Change Management gelingt – oder es gelingt nicht. Bei normalen Betrieben würde man diesen dynamischen Prozess mit Bezug auf den Wirtschaftswissenschaftler Joseph A. Schumpeter „schöpferische Zerstörung“ nennen.

Traditionsunternehmen wie der Spiegel, der Suhrkamp Verlag oder die SPD sind aber keine normalen Betriebe. Sie fungieren als parteiische Anwälte, ja als treibende Kräfte des kulturellen und politischen Modernisierungswandels. Sie stehen für das, was Philosophen „das Projekt der Moderne“ nennen. Es sind Tendenzbetriebe der Aufklärung.

Der Literaturwissenschaftler Manfred Geier hat Aufklärung in einem lesenswerten und leicht lesbaren Einführungsband so definiert:

„Aufklärung ist eine vernunftorientierte Kampfidee gegen ‚dunkle’ Vorstellungen, die alles wie in einem Nebel oder Schattenreich verschwimmen lassen. Sie richtet sich gegen Aberglaube und Schwärmerei, Vorurteile und Fanatismus, Borniertheit und Phantasterei. Sie ist zugleich eine positive Programmidee für den richtigen Gebrauch des eigenen Verstandes. Sie favorisiert das Selbstdenken mündiger Menschen. Das erklärt ihr emanzipatorisches Erkenntnisinteresse. Aufklärung bekämpft alle autoritären Mächte, die den selbständigen Verstandesgebrauch der Menschen blockieren wollen.“

SPD, Suhrkamp und Spiegel haben sich stets in dieser Tradition gesehen, wurden aber darüber selbst zu Autoritäten: zu ‚Lordsiegel-Bewahrern’ einer liberalen, im Zweifel linksliberalen Demokratie.

Ihre beste Zeit hatten die drei Institutionen in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Nach Nazi-Diktatur und Weltkrieg ging es darum, die Fundamente einer westlich-demokratischen Gesellschaft zu legen. Was wir „politische Kultur“ nennen, haben diese drei maßgeblich geprägt.

Doch schon in den achtziger Jahren begann ihre Krise. Die einsetzende geistige Wende brachte Reagan, Thatcher und den Neoliberalismus an die Macht, sie brachte aber auch die Umwelt-, die Frauen- und die Friedensbewegung hervor. Die Fassaden von Suhrkamp, Spiegel und SPD schienen zwar noch in Ordnung, aber hinter den Fassaden krachte bereits das Gebälk. Die politische Transformation, die wir uns angewöhnt haben „Postmoderne“ oder „Postdemokratie“ zu nennen, arbeitete an der Überwindung der Suhrkamp-, SPD– und Spiegel-Kultur.

 

Ratlos in den Zeiten der Postdemokratie

Leider überdeckten die drei Vaterfiguren der westdeutschen Aufklärung – Unseld, Brandt und Augstein – diese Transformation. Die müden Alten sahen keinen Handlungsbedarf mehr und ließen die Dinge schleifen. Brandt ließ den aufkommenden Grünen viel Raum, Augstein dem Konkurrenzblatt Focus, Unseld der Esoterik. Und die Nachfolger der drei verhielten sich zur „vernunftorientierten Kampfidee“ der Vor-Väter indifferent.

Einerseits passten sie sich dem Zeitgeist an, andererseits versuchten sie, den Traditionen der Aufklärung zu genügen und „Aberglauben, Schwärmerei, Vorurteile, Fanatismus, Borniertheit und Phantasterei“ zu bekämpfen. Aber immer öfter erschien die gute alte Aufklärung nicht mehr als mutiges Voranschreiten in dunkler Zeit, sondern als „Besitzstand wahrender“ Abwehrkampf etablierter Institutionen gegenüber dem Neuen.

Das hieraus resultierende Klima aus Gereiztheit und Verunsicherung bestimmte fortan das Innenleben der drei Traditions-Unternehmen. Die Jungen mussten sich anhören, dass früher alles besser war: Damals, als die Edition Suhrkamp noch Furore im Kulturbetrieb machte! Als der Spiegel noch ein Sturmgeschütz der Demokratie war! Als Willy wählen jeden Linksliberalen glücklich machte! Bald sahen sich die Alten – zu Unrecht – als ‚altlinke Spießer‘ und ‚Besserwisser‘ verunglimpft. Die Distanz zwischen den Verfechtern der Aufklärung und jenen, die das Aufklärungsgerede als Machtmittel der Besitzstandswahrung entlarvten, wuchs.

Die SPD verlor die Hälfte ihrer Mitglieder, der Suhrkamp Verlag zahlreiche engagierte Mitarbeiter, der Spiegel exzellente Journalisten. Während sich die Gesellschaft ‚draußen’ veränderte, beschäftigte man sich drinnen vor allem mit sich selbst. Wie groß die Entfremdung geworden war, konnte man zuletzt an Kleinigkeiten ablesen. Als der Machtkampf bei Suhrkamp eskalierte, diskutierten die Reste der deutschen Vernunftmedien den Konflikt in großen Aufmachern, Leitartikeln und Seite-3-Reportagen, doch in der Netzöffentlichkeit interessierte die Suhrkamp-Krise niemanden mehr. Auch die SPD ist dort nur noch als bessere CDU gespeichert, und der Spiegel gilt längst als „ehemaliges Nachrichtenmagazin“.

 

In der Defensive

Die drei großen S haben den Wandel des Zeitgeists defensiv erlitten – anstatt ihm eine Alternative entgegenzusetzen. Sie engagierten sich nicht offen für die Ausweitung der Demokratie, sondern passten sich dem Pudding an, den man nicht an die Wand nageln kann. Sie dealen mit Muddis marktkonformer Demokratie anstatt den demokratiekonformen Markt einzufordern. Sie liebäugeln mit der Religion, der großen Koalition und dem Boulevard. Das heißt, sie weichen der eigenen Richtungsentscheidung aus.

Unterdessen erstarken, auch in Europa, rechte, antidemokratische Ideen. Immer mehr Parteien mit wunderlichen Namen machen sich breit, von den wahren Finnen über die goldene Morgenröte bis zum Rechten Sektor. Der Ausnahmezustand wird normal. Und von den Schriftstellern bis zu den Talkshows verschieben sich Diskurse nach rechts.

Was für eine gewaltige Aufgabe, gerade jetzt mit einer „vernunftorientierten Kampfidee“ gegenzusteuern, Position zu beziehen – auch wenn Muddis Pudding zunächst übermächtig und undurchdringlich erscheinen mag.


Die Ukraine interessiert euch doch einen Scheißdreck!

17 August 2014 um 11:55 • 2 Kommentarepermalink

Schuldzuweisungen, Schaufensterreden, Provokationen. Wie sehr sind die Meinungsmacher an der Wirklichkeit dieses Landes interessiert?

 

„Putin-Versteher“ und „Nato-Büttel“ liefern sich seit Monaten eine aufwändige PR-Schlacht um die Einordnung des Ost-West-Geschehens. Aber weder Russland noch die USA, weder die EU noch die ukrainischen Oligarchen haben der Ukraine je geholfen, politisch – und wirtschaftlich – selbstständig zu werden. Das Selbstbestimmungsrecht wird meist nur als ideologischer Hebel benutzt, um die eigenen Interessen durchzusetzen.

Es ist schon eine Weile her, dass ich mir selbst ein Bild von der wirtschaftlichen Lage machen konnte, aber dank der politischen Stagnation in Kiew dürfte sich ökonomisch wenig geändert haben. Vielleicht tragen meine Notizen von damals (2007) ein wenig dazu bei, die fundamentalen Transformations-Probleme der Ukraine besser zu verstehen:

 

1. Die Antonov-Flugzeugwerke in Kiew

Etwa 7000 Menschen arbeiten im Werk an der Kiewer Tupolew-Straße, ein Fünftel davon auf dem Forschungs- und Testgelände vor der Stadt. Mangels Geld und Aufträgen hatte der staatseigene Betrieb die neunziger Jahre mit Wartungsarbeiten und Umbauten von Maschinen überbrückt, hatte arabischen Potentaten goldene Aschenbecher eingebaut oder Frachtflugzeuge in fliegende Lazarette verwandelt. Nun, nach 20 Jahren Entwicklungsarbeit, spüren die Ingenieure endlich Auftrieb. Zwei neue Maschinen stehen vor der Serienreife: der Militärtransporter AN-70, der mit 20 Tonnen Material im Bauch selbst bei regennasser Piste nur 500 Meter für Start oder Landung benötigt, und die AN-148, ein Passagierflugzeug für Mittelstrecken, von dem sich die Konstrukteure hohe Stückzahlen und dauerhafte Einnahmen erhoffen.

Allerdings, schränkt Alexandr Kiwa, der stellvertretende Chefdesigner ein, „der Konkurrenzkampf ist hart, insbesondere mit Russland“. Gerade habe der russische Verteidigungsminister den Ausstieg aus dem AN-70-Projekt verkündet, mit der verblüffenden Begründung, dass diese Marktnische schon mit der russischen Iljuschin 76 besetzt sei.

Nach mehr als 20 Jahren gemeinsamer Entwicklungsarbeit und fünf Milliarden Dollar Investitionskosten stoppt Russland kalt lächelnd ein fest vereinbartes Joint Venture. Warum? Die Russen wollen sich keine Konkurrenz ins Haus holen.

Antonovs Militärtransporter steht aber auch im Wettbewerb mit dem westlichen Airbus A 400 M. „Airbus“, sagt Kiwa, „hat erst vor wenigen Jahren begonnen, Militärtransporter zu bauen, wir machen das seit 50 Jahren.“ Soll heißen: Nehmt doch das, was gut ist und sich bewährt hat. Kooperiert mit uns! „Die Bundeswehr“, schmeichelt Kiwa, „ist unser aktivster Partner. Wir gehen auf alle Kundenwünsche ein. Wir setzen auf Kooperation. Nach dem Ausstieg der Russen könnten doch jetzt die Deutschen…“

Doch der Westen, der die Kiewer Revolution so demonstrativ bejubelte, hilft statt der Ukraine lieber Russland. Dort ist der Umbruch schneller und radikaler vorangetrieben worden als in der gemächlichen Ukraine. Der US-Flugzeughersteller Boeing z.B. residiert seit den neunziger Jahren in Moskau, unterhält dort die größte Niederlassung außerhalb der Vereinigten Staaten.

Zusammen mit der russischen Firma Suchoj entwickelt Boeing auch ein Konkurrenzprodukt zur AN-148, den „Suchoj Superjet 100“, mit dem man gemeinsam den asiatischen Markt erobern will. Eine französische Firma liefert die Triebwerkstechnik, ein italienischer Konzern hat sich eingekauft. Der Westen beurteilt den Osten eben nicht nach Sympathie für demokratische Reformen, sondern nach lukrativen Investitionschancen.

Und die stehen in der Ukraine schlecht: Als strategisch wichtiger Betrieb darf der Antonov-Komplex nicht privatisiert werden. Und so bleiben die Ingenieure auf ihrem Hoffnungsträger AN-148 wohl sitzen: Russland blockiert die Endmontage im russischen Woronesch. Und die Ukraine hat weder das Geld noch die Fabriken, um die Produktion des Mittelstreckenflugzeugs allein zu stemmen.

 

2. Die Stahlproduzenten von Krivij Rih

Ein winzig erscheinender Mann steht am Fuß des Hochofens Nummer 9. Das flüssige Eisen, 1500 Grad heiß, schießt aus dem Reaktor und spuckt Feuer, als würden hunderttausend Wunderkerzen auf einmal entzündet. 10.000 Tonnen kochende Lava wälzen sich jeden Tag durch die Sandrinnen in die Güterwaggons. Roter Qualm steigt auf, glühende Brocken knallen an die Schutzbleche der Reaktorwände, ein stumpfer Eisen-Kohle-Geschmack legt sich auf die Zunge.

Ohne Ohrenschützer und Visier, nur mit einer Lederkappe, die den Nacken bedeckt, arbeiten die Stahlkocher im Höllenlärm der Hebekräne und Abluftmotoren, kratzen Schlackenreste aus den Rinnen oder schaufeln Sand aus Behältern, die so verrottet aussehen wie zerschossene Bunker. 300 Euro bekommt ein Arbeiter im Monat. Das ist zwar das Fünffache des gesetzlichen Mindestlohns, aber nur ein Bruchteil dessen, was ein Schwarzarbeiter z.B. in der Kiewer Bauwirtschaft verdient.

Als der Hochofen 1973 in Betrieb ging, war er mit 5000 Kubikmeter Fassungsvermögen der größte der Welt. Auch der Ort, an dem er gebaut wurde, ist ein Monstrum: Die Stadt Krivij Rih erstreckt sich über mehr als 120 Kilometer entlang von Eisenerzgruben. Das Füllhorn im Stadt-Wappen signalisiert: Hier wird der Reichtum des Landes geschaffen. 20 Prozent des ukrainischen Stahls werden hier produziert. Und Kriworisch-Stal ist das bekannteste Werk.

Noch immer steht ein wegweisender Lenin vor der Konzernzentrale. Auch Hammer und Sichel sind ihm geblieben. Von 1934 an versorgte Kriworisch-Stal die halbe Sowjetunion mit Baustahl und Gusseisen, belieferte Rüstungsbetriebe von Krasnojarsk bis Dnipropetrowsk. Doch nach dem Ende der Sowjetunion wurde die Arbeitsteilung plötzlich zur Falle. Die alten Verbindungen zu den sowjetischen Bruderstaaten waren gekappt. Vier der neun Hochöfen mussten stillgelegt werden.

Zwölf Jahre verstrichen nutzlos. In Kiew regierten „die Stagnaten“, die Nichtstuer. Eine Modernisierung des Stahlkolosses unterblieb. 2003 ersteigerten die beiden reichsten Männer der Ukraine, Viktor Pintschuk, ein Schwiegersohn des damaligen Präsidenten, und Rinat Achmetow, der Großfinanzier der Partei der Regionen, das heruntergekommene Werk für nur 800 Millionen Dollar. Sie erhielten den Zuschlag, obwohl sie kein Konzept für die Restrukturierung vorlegen konnten und obwohl ausländische Konzerne 1,2 Milliarden Dollar geboten hatten.

Das war typisch für die Wirtschaftspolitik nach der Wende. In den neunziger Jahren wurden rund 30.000 Unternehmen zu Vorzugspreisen an Emporkömmlinge verteilt, an Leute, die aus der Sowjet-Nomenklatura stammten und das Glück hatten, während der Übergangsphase an den staatlichen Schalthebeln zu sitzen. Sie verlagerten das ihnen anvertraute Geld auf obskure Auslands-Konten, gründeten damit eigene Banken und kauften mit deren Krediten ukrainische Firmen gleich im Dutzend. Anschließend vereinigten sie diese Firmen in undurchsichtigen Industrie-Holdings und Finanz-Konglomeraten. So entstand jene Oligarchen-Wirtschaft, in der sich wenige Clans die Reichtümer des Landes unter den Nagel rissen, während die zuständigen Staatsdiener und Parlamentarier wegschauten oder schamlos mitverdienten.

In den Wahlkämpfen von 2004 und 2006 versprachen die „Reformer“ Julia Timoschenko und Viktor Juschtschenko eine unnachsichtige Verfolgung dieses „Diebstahls“ am Volk. Ihr Elan reichte aber nur für Kriworisch-Stal. Die beiden Oligarchen Viktor Pintschuk und Rinat Achmetow mussten das Werk zurückgeben. 2005 ersteigerte es der britisch-indische Milliardär und Stahlbaron Lakshmi Mittal aus seiner Duisburger Niederlassung heraus für 4,8 Milliarden Dollar. So wurde Deutschland auf einen Schlag der größte ausländische Investor in der Ukraine.

„Bevor wir hier eingestiegen sind“, sagt Frank P., der aus Ostdeutschland stammende Change-Manager, „haben alle an diesem Unternehmen mitverdient. Jeder hat seinen Strohhalm reingehalten und kräftig daran gesogen. Diese Strohhalme haben wir abgedrückt.“ Es sei jetzt möglich, Stahl direkt ab Werk zu verkaufen. Niemand müsse mehr über die dubiosen Zwischenhändler gehen, die sich hinter Schweizer Briefkastenfirmen verstecken und in Wahrheit ukrainischen Oligarchen gehören.

Kriworisch-Stal litt vor der Übernahme unter einer enormen „Kopflastigkeit“: Entscheidungen benötigten so viele Unterschriften, dass niemand mehr für irgendetwas verantwortlich war. Das führte zu fortgesetzter Schlamperei. Doch Beanstandungen blieben folgenlos. Ein Bauunternehmer aus Nigeria oder Kuba hatte mit der Qualität zufrieden zu sein, die ihm geliefert wurde.

Im Walzwerk, einer tausend Meter langen Halle, in der die Lüftungs-Ventilatoren die Stärke von Flugzeugpropellern entwickeln, sausen glühende Stahlbrammen über Förderbänder, werden geschnitten, in die Länge gezogen, mit Wasser gekühlt und zu Drahtschlingen gebogen, die dann aufgerollt aussehen wie überdimensionale Lockenwickler. Güterzüge bringen die Rollen nach Odessa, von wo sie nach China, Saudi-Arabien oder Nicaragua verschifft werden. 80 Prozent der Erzeugnisse gehen in den Export, zumeist in Länder der Dritten Welt.

Frank P. will den Ausstoß von Kriworisch-Stal verdoppeln und künftig einen größeren Anteil in EU-Qualität produzieren. Das gelingt freilich nur, „wenn die maßgeblichen Politiker der Ukraine mitspielen“. Und das heißt: die Arbeitsgesetze sollen ‚liberalisiert‘ werden. Das Werk, so der Change-Manager, verliere 5000 Manntage pro Quartal durch Krankmeldungen und „übermäßig viele Inspektionen“. Zoll, Finanzamt, Umweltbehörde und Arbeitsschutz forderten ihren Anteil.

Die Ukraine ist für den Stahlproduzenten Lakschmi Mittal aber nur ein Operationsfeld unter vielen. Seit der Stahlmarkt nicht mehr durch nationale Restriktionen geschützt wird, kann sich „Mittal Steel“ auf der ganzen Welt bedienen: die Firma holt Manager aus Delhi, Luxemburg oder London, Ausbilder aus Hamburg oder Duisburg, billige Importkohle aus Russland oder aus den eigenen Zechen in Kasachstan. Die Kohle des eigenen Landes ist nämlich zu teuer geworden.

 

3. Die Kohlezechen im Donbass

Zwei Milliarden Tonnen unverkäuflicher Steinkohle liegen im Osten der Ukraine auf Halde. Das schwarze Gold und der Abraum aus der Förderung verschaffen der flachen Landschaft eine exotische Skyline: Der Donbass ist durchzogen von Pyramiden und Tafelbergen.

Hier im Osten – und nicht in der West-Ukraine – wurde die Sowjet-Regierung besiegt. Die großen Bergarbeiterstreiks von 1989, 1990, 1993, 1996 und 1998 stürzten aber nicht nur die ukrainische KP, sie heizten auch sämtlichen postsowjetischen Regierungen ein. Die Hyperinflation, die das Land 1994 an den Rand der Zahlungsunfähigkeit brachte, kam auch deshalb zustande, weil der Staat für die wütenden Bergarbeiter Geld  drucken musste.

Der Donbass wusste sich zu wehren. Schon immer. Als privilegierte (steuerbefreite) Sonderwirtschaftszone konnte die Ost-Ukraine die Krise besser überstehen als jede andere Region. Zwar verspottet man in Kiew die Menschen aus Donezk gern als tumbe Grobiane, aber ihre Bauernschläue wird meistens unterschätzt. Die aus ehemaligen KP-Kadern, Betriebsdirektoren und Gebietsverwaltern hervorgegangene ostukrainische „Partei der Regionen“ wurde zur stärksten politischen Kraft des Landes, weil sie es verstand, jede Verschlechterung der Lebensbedingungen der Regierung in Kiew in die Schuhe zu schieben, und jede Hilfe, die aus Kiew kam, der eigenen Durchsetzungskraft gutzuschreiben. Als regionale Interessenvertretung, die mit dem Attribut „pro-russisch“ nur unzureichend charakterisiert ist, agiert die „Partei der Regionen“ ähnlich geschickt wie die bayerische CSU oder die ostdeutsche Linke.

Eine ihrer Hochburgen ist die Zeche Zasjadko in Donezk, die produktivste Kohlegrube des Landes. Vor dem Eingang zum Hauptgebäude erweckt ein kleiner Park mit Rosenbeeten und Pappelallee den Eindruck, als besuche man ein Kurbad mit Sanatorium. Der Generaldirektor der Zeche residiert in einem holzvertäfelten Saal mit Kristalllüstern und Intarsienparkett. Früher war er mal Ministerpräsident der Ukraine, musste dann aber wegen Korruptionsvorwürfen für kurze Zeit nach Israel ausweichen, und sitzt nun seit fünf Legislaturperioden im Parlament. Er ist der Boss, und die Kumpel nennen ihn hochachtungsvoll einen „harten Hund“. Sein Stellvertreter – Grubendirektor Igor Efremov – beschreibt die Philosophie der Zeche Zasjadko so: „Der Brigadeleiter muss gut sein, dann ist die Brigade gut. Der Abschnittsleiter muss gut sein, dann funktioniert der Grubenabschnitt. Der Direktor muss gut sein, dann hat die Zeche Erfolg. Der Bürgermeister muss gut sein… der Gouverneur… der Präsident. Wenn der Präsident aber nichts taugt!“… Hier macht der Grubendirektor eine viel sagende Pause, die seinen Zuhörern Zeit lässt, die präsidiale Unfähigkeit wieder bis zur Brigade zurück zu verfolgen.

Patriarchalisches Denken beherrscht den ganzen Donbass. Denn für die eigenen Leute wird gut gesorgt. In jeder Hinsicht. Die Mehrheit der 11.000 Zasjadko-Beschäftigten arbeitet längst nicht mehr im Bergbau, sie verdingen sich in der Landwirtschaft. Die Zeche betreibt Rinderzucht in großem Stil, besitzt Futtermittel- und Fleischfabriken, 300.000 Legehennen, Molkereien und Bäckereien. Ein Kilo Angusrind kostet in der konzerneigenen Ladenkette 3,50 Euro. „Alles für die Bergarbeiter!“, sagt der Betriebsleiter mit einem wahrlich treuherzigen Augenaufschlag.

Die Fahrt in die Grube dauert fast sieben Minuten. 36 Mann stehen schwarz und schweigend im Korb. Das Scherengitter rasselt herunter. Auf die Helme tropft Bergwasser. Jeder Kumpel trägt zum Schutz eine Rettungskapsel mit Sauerstoffampullen am Gürtel.

Heute bohren die Männer Löcher in den Fels, um ein Stahlnetz an der Stollendecke verankern zu können. Der Bergdruck in 1250 Meter Tiefe erfordert hohen Sicherheitsaufwand. Zasjadko gilt als gefährlichste Grube Europas. Im Jahr 2003 starben bei Methangas-Explosionen 150 Bergleute. Der Friedhof liegt gleich hinter der Zeche.

Nun wird der Direktor melancholisch: „Unsere Förderung ist zu tief und zu teuer“, sagt er. Aufgrund der weltweit sinkenden Transportkosten sind selbst Länder konkurrenzfähig geworden, deren Gruben tausende Kilometer vom nächsten Hafen entfernt liegen. Eigentlich müsse man den heimischen Bergbau durch Importzölle schützen, doch die pro-westliche Regierung unterbinde das, um den Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO und die Kredite des Weltwährungsfonds IWF nicht zu gefährden.

Also bleibt nur die Privatisierung. Und was das bedeutet, sagt der Direktor, hätten die Menschen im Donbass am eigenen Leib erfahren: Ein Betrieb nach dem anderen sei in den letzten Jahren pleite gegangen, vier Fünftel der Kumpel wurden arbeitslos oder mussten schlechtere Bedingungen und weniger Lohn akzeptieren. Maschinen werden nicht erneuert, Wartungen unterbleiben.

Die radikalste Form der Privatisierung kann man in den Wäldern östlich von Donezk besichtigen. Dort, wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt, nehmen arbeitslose Kumpel den Kohleabbau selbst in die Hand. Mit geklauten Bergbaukarten suchen sie jene Stellen, an denen die tellerförmigen Flöze die Oberfläche erreichen. Dann buddeln sie drauflos. Alles, was sie brauchen, ist ein schützendes Dickicht, eine Erdkuhle, ein Stück Wald als Tarnung.

Wie schwarze Waldwichtel tauchen sie aus den Löchern auf, das Gesicht mit Kohlestaub verschmiert, in lindgrüner Umgebung. Auf einer Anhöhe haben sie ein altes MT-Motorrad verankert, dessen Hinterrad abmontiert ist. Die verlängerte Motorrad-Kette führt über ein Zahnrad zu einer Seilwinde. Ertönt ein Hupton, gibt der Mann am Motorrad Gas und zieht eine gefüllte Lore aus dem Erdloch. Obenauf liegt ein schwarzer Mann mit Grubenlampe. Die Lore wird umgestürzt, entleert und wieder auf die Schienen gesetzt. Die Kohle schaufeln die Männer auf einen alten weißrussischen Laster. Fünf Mann, heißt es, schaffen zehn Tonnen am Tag.

Jede dieser wilden Gruben gehört einem Boss, der die Polizei fürs Wegsehen bezahlt und Transport und Verkauf der Kohle organisiert. Hinter jedem Boss steht ein weiterer Boss. Das Netzwerk, heißt es, reiche bis hinauf zum Kohleminister.

Sergej Besuglow ist auf diese Weise Unternehmer geworden. Das Dach seines Hauses bei Sneschnoje ist mit Teerpappe und Wellplatten aus Eternit gedeckt. Von außen wirkt die Siedlung unauffällig. Doch im Hof von Sergej klafft ein großes Loch, genauer gesagt, es klafft in einem Schuppen auf dem Hof, und es reicht ungefähr 20 Meter in die Tiefe. Über eine Metallstange, an die einige Querstreben geschweißt sind, klettert er nach unten. Der Stollen ist so niedrig, dass er nur kriechend oder in der Hocke arbeiten kann. In einer Acht-Stunden-Schicht holt er zwei Tonnen bester Anthrazit-Kohle nach oben.

Nach gut zwei Jahren konnte sich Sergej einen ausgedienten Lastwagen kaufen, von einer Kolchose für 7000 Dollar. Jetzt ist er Fuhrunternehmer und fährt seine Kohle nach Cherson, in den Süden des Landes. Für eine Tonne bekommt er 50 Euro. Davon kauft er Ferkel, denn Fleisch bringt mehr ein als Kohle. Sergej nennt sich stolz einen „Selfmademan“.

 

4. Die Gasprinzessin von Dnipropetrowsk

In einem Hinterhof des Kirow-Prospekts in Dnipropetrowsk ist sie damals aufgewachsen, Hausnummer 50A, Wohnung 32. „Da drüben“, sagt Dina Alenikowa, „hat sie gespielt“, unter den Kastanien, vor den Garagen.“ Frau Alenikowa kann sich noch gut an die kleine Julia erinnern. „Mit ihrer Mutter hat sie hier gewohnt. Und voriges Jahr war sie im Wahlkampf da“.

Im Alter von 19 Jahren verlässt Julia Timoschenko die Wohnung Nummer 32, heiratet und macht im Unternehmen ihres Schwiegervaters Karriere. Ihr Metier: der Benzin- und Gashandel. Als politisches Ziehkind des Gebietschefs Paulo Lazarenko (er wird später Ministerpräsident werden) findet sie Zugang zur Kiewer Elite. Lazarenko sorgt auch dafür, dass Julias Firma „Vereinigte Energiesysteme“ (EESU) zum wichtigsten Händler für russisches Erdgas aufsteigt.

75 Milliarden Kubikmeter Gas benötigt die Ukraine im Jahr. Solche Mengen kann nur der östliche Nachbar Russland liefern. Mit der Firma Gazprom schließt Julia Timoschenko einen Vertrag über die Lieferung von 24,2 Milliarden Kubikmeter. Nach nur zwei Jahren erreicht ihre Firma einen Umsatz von zehn Milliarden Dollar. Die Kiewer Presse kommentiert das Wirtschaftswunder mit der Überschrift: „Die Ukraine ist der EESU beigetreten.“ Seither trägt Julia Timoschenko den Spitznamen „Gasprinzessin“.

Ihr Förderer Lazarenko wird im Februar 1999 in New York verhaftet. Am 26. August 2006 verurteilt ihn ein Gericht wegen Geldwäsche zu neun Jahren Gefängnis. Er soll 114 Millionen Dollar ins Ausland verschoben haben: Schmiergelder, die er für die „Regulierung“ des Gasmarkts erhalten hat.

 

Die fortgesetzte Instrumentalisierung der Ukraine

Schon zu Zeiten Viktor Juschtschenkos wurde die Ukraine eingeladen, der Nato beizutreten. Damals, 1997, glaubten die Brüsseler Experten, das angeschlagene Russland, das sich gerade in einer tiefen Wirtschaftskrise befand, werde den Nato-Beitritt schon schlucken.

Der ukrainische Staatspräsident betonte, sein Land wolle sich nun nicht länger von der russischen Drohung, ein Beitritt zur Nato werde zu einem „schmerzvollen und kostspieligen“ Bruch in der Rüstungskooperation führen und „kolossale geopolitische Veränderungen“ zur Folge haben, erpressen lassen. Daraufhin forderte der rechtsradikale russische Duma-Abgeordnete Wladimir Schirinowski die unverzügliche Teilung der Ukraine. Fünf Regionen um Lemberg wollte Schirinowski dem Westen überlassen, die restlichen 19 – mit knapp 30 Millionen Einwohnern – sollten zu drei russischen Provinzen werden. Ein ehrgeiziger Plan.

Auch der Westen betrieb gegenüber der Ukraine eine vereinnahmende Politik, nur leiser und zielstrebiger. Schon die „Orangene Revolution“ von 2004 war von amerikanischen Stiftungen großzügig unterstützt worden: mit Autos, Zelten, Computern, Mobiltelefonen, Geld und geschultem Personal. Nicht nur der ‚philanthropische’ Milliardär George Soros spielte bei der „Demokratisierung“ eine wichtige Rolle, auch regierungsnahe US-Geldgeber wie das „National Endowment for Democracy“, das „National Democratic Institute“, die „Eurasia Foundation“ und das „Freedom House“ mischten mit. In den Vorständen dieser ‚Stiftungen’ saßen erfahrene US-Strategen wie Ex-Nato-Oberbefehlshaber Wesley Clark, Ex-Außenministerin Madeleine Albright und Ex-Außenminister Lawrence Eagleburger. Die Zeltstadt auf dem Maidan wäre ohne diese Hilfe kaum möglich gewesen. Und die unabhängigen Medien konnten ihre Arbeit nur fortsetzen, weil sie Unterstützung aus dem Westen erhielten – wie die Ukrainska Prawda in ihren Anfängen.

Die stille Infiltration hatte Erfolg. Der Aufstand des Euromaidan führte zum Sturz Viktor Janukowitschs. Und seit der Einsetzung einer pro-westlichen Regierung in Kiew im Februar 2014 wird auch die ukrainische Armee massiv durch US-Militärberater und Geheimdienste unterstützt. Als Gegenleistung erwartet man das ukrainische Tafelsilber.

Westliche und östliche Interessen kämpfen nun direkt gegeneinander – auf ukrainischem Boden. Und auch dieser Konflikt hat seine Vorläufer. Denn schon einmal hat der Westen die Ukraine zur staatlichen Selbstständigkeit ermutigt, de facto aber nur als Kampfboden benutzt.

Nach der russischen Februarrevolution von 1917 hatte ein Ukrainischer Nationalkongress die staatliche Unabhängigkeit ausgerufen. Man wollte (wie 1997) einen Schwächeanfall Russlands nutzen, und erhoffte sich Rückendeckung durch den Westen. Am 10. Juni 1917 wandte sich die oberste Volksvertretung der Ukraine in einem pathetischen „Universal“ ans eigene Volk: „Ukrainisches Volk! Dein Schicksal ruht in Deiner Hand! Beweise in dieser schweren Zeit der allgemeinen Unordnung und des Zerfalls durch Deine Einigkeit und Staatsklugheit, dass Du, die Nation der Arbeiter und Bauern, Dich stolz und würdig in die Reihe der organisierten Staatsvölker als gleiches unter gleiche stellen kannst.“

Russland reagierte auf den Emanzipationsversuch des Nachbarlandes alarmiert: „Brüder Ukrainer!“ hieß es, „reißt Euch nicht vom gemeinsamen Vaterland los!“ Denn Russland betrachtete die Ukraine seit Jahrhunderten als Teil der russischen Erde.

Aber schon bald wurde das Unabhängigkeitsstreben der Ukraine wieder von der Weltpolitik überlagert. Das Land geriet ins Feuer der Großmächte und in die Wirren des russischen Bürgerkriegs. Auf ukrainischem Boden kämpften nationalrussische Verbände der Weißen und sowjetische Verbände der Roten Armee um die Vorherrschaft. Die Ukraine war nur ein Schlachtfeld. Am Ende blieb von der erhofften Unabhängigkeit nichts übrig. Die Sowjetunion, Rumänien, Polen und die Tschechoslowakei teilten die Ukraine unter sich auf. Erst 70 Jahre später, 1991, gab es einen neuen Anlauf.

Warum, fragen Historiker, ist es der ukrainischen Nationalbewegung – im Gegensatz zu den Tschechen, Polen und Balten – nach dem Ersten Weltkrieg nicht gelungen, einen eigenen Nationalstaat zu gründen? Die Antwort fällt ernüchternd aus: Es lag an der Uneinigkeit der ukrainischen Eliten. An ihrer gefährlichen, nur den jeweiligen Clan-Interessen verpflichteten Schaukelpolitik. Allein im Jahr 1918 wurde das Land nacheinander von vier verschiedenen Regierungen mit völlig unterschiedlichen Zielsetzungen „regiert“. Dieses chaotische Hin und Her verprellte die letzten Anhänger der staatlichen Unabhängigkeit.

„Wie zu Zeiten Bogdan Chmelnitzkis“, so der Wiener Historiker Andreas Kappeler, „waren die Ukrainer zu schwach, um ihre Unabhängigkeit zu behaupten. Weder die Bolschewiki noch die Weißen, weder die Interventionstruppen der Entente noch Deutschland und Polen waren an der Unabhängigkeit der Ukraine interessiert. Sie alle akzeptierten die Ukrainer nicht als Nation, sondern instrumentalisierten sie für ihre eigene Machtpolitik.“

So ist es bis heute.

Siehe auch John J. Mearsheimers Aufsatz im US-Magazin Foreign Affairs


Pressetrend 2015: Die Hamburger Exit-Strategie

3 August 2014 um 15:06 • 1 Kommentarpermalink

Spiegel, Zeit und Stern predigen neuerdings den vertiefenden Journalismus fürs Wochenende.

 

Der Spiegel soll ab 2015 nicht mehr montags, sondern samstags erscheinen. Die dicke Zeit mit ihren gepflegten Ratgebertexten für städtische Altbaubewohner und ländliche Resthofbesitzer setzt bereits seit längerem auf den geduldigen Wochenendleser. Und jetzt will auch noch der Stern mit neuen Wohlfühl-Ressorts wie „Inspiration“ und „Sein und Haben“ für geruhsame Sonntagnachmittage sorgen. Gartenlaube allüberall.

Während die kurzlebige Springerpresse aggressive politische Kampagnen fährt, zieht sich die ehedem liberale, nun aber sinnentleerte Hamburger Pfeffersackprosa ganz aus dem werktäglichen Kampf ums Leserinteresse zurück. Das Wochenende soll der neue Zufluchtsort für die vertiefende Berichterstattung werden.

Das ist nur konsequent. Denn seit sie beim Spiegel nicht mehr wissen, wo hinten und vorne ist, seit sich der Stern von Relaunch zu Relaunch in die politische Bedeutungslosigkeit renoviert, und seit die Zeit in ihrer elitären Bräsigkeit versinkt wie in einem viel zu weichen Sitzsack, prägen die Springer-Sparifankerl (Diekmann & Konsorten) die Debattenszene im Alleingang. Sie haben es leicht, denn Frank Schirrmacher ist tot, Kurt Kister kann dem ganzen Schmarrn in der Hauptstadt sowieso seit Jahren nichts mehr abgewinnen und schreibt nur noch bitterironische Glossen in der Wochenendbeilage der SZ, und die taz, die absolut zuverlässig über jedes Stöckchen springt, das ihr der lustige Quälgeist Kai Diekmann hinhält, konzentriert sich auf die alternative Unterhaltung der Genossen am Wochenende.

Lange Texte, so die tiefe Erkenntnis vieler Zeitungs-Marktforscher in den Verlagen und Redaktionen, würden wochentags – wenn sowieso überall das Smartphone regiert – einfach nicht „funktionieren“. Gut, möchte man schlussfolgern, dann orientiert euch halt am Samstagabend-Programm der ARD: Zieht euch aus den alltäglichen Scharmützeln zurück und beglückt eure Leser mit Wohlfühljournalismus auf der Garpa-Liege hinter der schützenden Kirschlorbeerhecke!

 

Vielleicht ist der Rückzug der Presse systemnotwendig

Nun schürt billige Polemik (wie oben) nur die Vorurteile auf beiden Seiten und ist darüber hinaus extrem ungerecht. Ich fange also noch mal an:

Eine einzige Samstags-Ausgabe der SZ bietet heute so viel Lesestoff, dass man problemlos eine Woche davon zehren kann. Vor allem die langen Stücke, die nicht selten eine Zeitungsseite einnehmen, haben stark zugenommen. Aber nicht nur die. Themenseiten werden zu Doppelseiten aufgepumpt und Doppelseiten zu mehrseitigen Extras ausgebaut. Das liest sich nicht mehr so weg wie damals zwischen Frühstück und Arbeitsbeginn.

Obwohl in allen Chefredaktionen ständig über viel zu lange Texte geklagt und über kürzere Stücke nachgedacht wird, schreiben die Journalisten in Wahrheit immer längere. Offenbar sind die Sachverhalte und Konflikte dieser Welt sehr viel komplizierter geworden oder der Arbeitsnachweis, den die unter Druck stehenden Journalisten erbringen zu müssen glauben, verleitet sie automatisch zur Langform. Die Schreiber wollen sagen: Es hat sich gelohnt, dass ihr mich beauftragt, angestellt, auf Reisen geschickt habt: Ich bringe ordentlich Stoff mit. Mein Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Eine viertägige Dienstreise, die nur einen kleinen Bericht abwirft, wäre in diesen Zeiten Verschwendung. Außerdem werden Redakteure heute von Verlags-Controllern nach ihrem Output beurteilt, nicht nach den Inhalten. Und zu guter Letzt lieben die Journalisten die Langform deshalb, weil alle Journalistenpreise (die über den Marktwert der Journalisten mitbestimmen) ausschließlich für lange, komplexe Geschichten vergeben werden. Lange, komplexe Geschichten strahlen Bedeutung aus.

Die einzige Möglichkeit, den Trend zur langen Form und die verfügbare Lesezeit des Publikums aufeinander abzustimmen, ist das Ausweichen auf das freie Wochenende. Nur dann hat man wirklich Zeit, eine dicke und teure Zeitung und ein gehaltvolles Magazin „durchzuarbeiten“. Wer ein großformatiges Blatt zwei oder drei Stunden in Händen halten soll, muss die Ellenbogen wenigstens auf die Lehnen eines Ohrensessels oder einer Gartenliege stützen können. Der Lehnstuhl-Leser, so die Vorstellung der Zeitungsmacher, soll so entspannt wie möglich an den fürchterlichen Schicksalen und Konflikten da draußen teilhaben können.

Weil die Verlage aber nicht doof sind, merken sie den Widerspruch, der sich auftut. Entspanntes Lesen im Lehnstuhl und aufwühlende Konflikte aus der Wirklichkeit – das passt nicht zusammen. Also wird man den Anteil des Wohlfühljournalismus steigern müssen und den Anteil des Konfliktjournalismus zurückfahren.

 

Die ungewollte (?) Folge

Gut, wir wissen nicht exakt, was das konzentrierte Lese-Wochenende bei den Wochenend-Lesern anrichten wird – ob sie die Gartenarbeit darüber vernachlässigen oder die Kinder oder die fälligen Reparaturen -, aber es lässt sich doch relativ leicht vorhersagen, was mit der Demokratie passieren wird, wenn sich die Rezeption der politischen Informationsmedien und das politische Geschehen zeitlich voneinander entkoppeln, wenn sie aneinander vorbei existieren.

Eine Enthüllung, die am Samstagmorgen erscheint, wäre am Montagmorgen, wenn die normale Arbeit beginnt, wohl längst vergessen und vergeben. Auch die betroffenen Institutionen und Personen müssten – zeitverzögert – kaum mehr reagieren, und wenn doch, hätten sie eine bequeme Vorbereitungszeit für ihr Konfliktmanagement.

Vielleicht würde auf diese Weise manche Empörung tiefer gehängt oder gänzlich ignoriert (auch das könnte ein Segen sein). Aber wahrscheinlicher ist doch, dass die „Entschleunigung des Journalismus“, die viele Verfechter der langen Reportage predigen (auch ihr, liebe Krautreporter!) eine Entwicklung hervorrufen könnte, die gar nicht gewollt ist: Der vertiefende Wochenend-Journalismus für Wochenend-Leser könnte zu einer Einschläferung der Demokratie führen.


Wo bin ich?

Sie befinden sich im Archiv August 2014 im Blog von Wolfgang Michal.