Die Talkshow-Nachbesprechung

30 November 2015 um 15:15 • 2 Kommentarepermalink

Im Internet beschäftigen sich die Zeitungen am liebsten mit dem Fernsehen. Das heißt, sie geben uns noch mal schriftlich, wer mit wem gestern in der Talkshow diskutiert hat.

 

Talkshows sind in Deutschland sehr beliebt. Man kann den immer gleichen Leuten zuhören, es sei denn, die Teilnehmer sterben den Moderatoren eines Tages weg.

Neuerdings folgt auf jede Talkshow eine Talkshow-Nachbesprechung. In allen Online-Medien, die etwas auf sich halten, erfährt man schon wenige Stunden nach der Sendung, was man gedacht haben könnte, wenn man nicht dummerweise eingeschlafen oder mit einem besonders schweren Candy Crush-Level beschäftigt gewesen wäre. Man muss nicht mehr nach-denken, das übernehmen jetzt „Frühkritiker“. Die schlagen sich die Nächte um die Ohren, damit wir am nächsten Morgen erfahren, ob das, was am Abend zuvor im Fernsehen diskutiert worden ist, auch wirklich dort diskutiert worden ist. Es wird noch mal referiert, eingeordnet und kommentiert, was die Talkshow-Teilnehmer referiert, eingeordnet und kommentiert haben. Dieses Nachkauen scheint sich derzeit zu einem veritablen Industriezweig zu entwickeln. Sicher wird man After-Talkshows bald schon im F.A.Z.-Lesesaal social readen oder als Poetry Slam in Kleinkunsttheatern aufführen. Und bestimmt wird es in absehbarer Zeit eine App geben, auf der Talkshow-Nachbesprechungs-Experten die unverzichtbarsten Frühkritiken für besonders eilige Leser kuratieren.

Die Talkshow-Nachbesprechung wird gern gelesen. Sie ist fast so beliebt wie die Talkshow selbst. Was soll man am Montagmorgen auch sonst im Büro machen? Die Talkshow-Nachbesprechung ist der zeitgemäße Ersatz für das verloren gegangene Familien-Lagerfeuer der Samstagabendunterhaltung. Allerdings sitzt man nicht mehr gemeinsam um ein Lagerfeuer, sondern liest einsam im Büro (oder sonstwo), wie das zu bewerten ist, was die, die wir schon lange kennen, gestern in der Talkshow von sich gegeben haben.

Die Talkshow-Nachbesprechung hat übrigens längst ein Gegenstück: die „Tatort“-Vorbesprechung.

P.S. Christian Bartels (@ChrBartels) gibt auf Twitter den wichtigen Hinweis, dass die Talkshow-Nachbesprechung – medienhistorisch gesehen – dem Online-Journalismus zum Durchbruch verholfen habe. Was sagt das über die Eigenständigkeit und Originalität des Online-Journalismus?


Kleine Interpretationshilfe für Terrorwarnungen

26 November 2015 um 11:55 • 0 Kommentarepermalink

Von Zeit zu Zeit müssen Botschaften geräumt, Stadtviertel abgeriegelt und Sicherheitsstufen erhöht werden. Dann heißt es abwarten – und irgendwann zur Tagesordnung übergehen.

 

Viele Menschen fragen sich: Welchen Sinn haben eigentlich Terrorwarnungen? Warum müssen Terroristen öffentlich gewarnt werden? Ich habe mich auf die Suche nach Erklärungen gemacht.

1. Terrorwarnungen fußen in der Regel auf Informationen, die irgendjemand irgendwo bei irgendeiner Gelegenheit aufgeschnappt hat.

2. Sicherheitspolitiker äußern anlässlich von Terrorwarnungen häufig den Satz, es gebe derzeit keine konkreten Hinweise auf konkrete Gefährdungen. Warum es dann überhaupt Terrorwarnungen gibt, können sie nicht erklären.

3. Anders als in Punkt 2 werden Terrorwarnungen auch damit begründet, dass die aktuelle Gefahr sehr viel spezifischer sei als bei den vorangegangenen Terrorwarnungen. Worin das Spezifische besteht, sagen sie nicht.

4. Terrorwarnungen werden deshalb so allgemein gehalten, weil man den Terroristen keine Anhaltspunkte dafür liefern will, dass man ihnen… (noch) nicht auf die Schliche gekommen ist.

5. Terrorwarnungen sind Empfehlungen für Terroristen, sich in der fraglichen Zeit und am fraglichen Ort möglichst ruhig zu verhalten. Terrorwarnungen erziehen Terroristen zu erhöhter Wachsamkeit.

6. Durch Terrorwarnungen müssen Terroristen ihre eventuell geplanten Anschläge verschieben. Um auch die verschobenen Anschläge verhindern zu können, braucht es wieder neue Terrorwarnungen. Die Terrorwarnung ist ein Perpetuum Mobile.

7. Terrorwarnungen sind Notstandsübungen.

8. Terrorwarnungen bieten Sicherheitsexperten die Möglichkeit, nichtssagende Interviews zu geben.

9. Terrorwarnungen sind Warnhinweise an Medien, Kritik an Anti-Terror-Maßnahmen besser zu unterlassen.

10. Terrorwarnungen werden nicht selten mit der Ermahnung verbunden, man müsse die aktuelle Terrorwarnung wirklich ernst nehmen. Offenbar geht man davon aus, dass Terrorwarnungen nicht mehr ernst genommen werden.

11. Terrorwarnungen sind Legitimationsnachweise für eine Sicherheits- und Überwachungspolitik, deren Wirksamkeit in Zweifel gezogen wird.

12. Terrorwarnungen müssen sich nie rechtfertigen. Ex-Innenminister Wolfgang Schäuble: „Nur weil nichts passiert ist, heißt das ja nicht, dass nie etwas passieren wird“.

13. Terrorwarnungen suggerieren, dass es jemanden gibt, der auf uns aufpasst. Wie in Paris am 13. November.


Spätrömische Dekadenz?

4 November 2015 um 11:55 • 5 Kommentarepermalink

Aus der „Flüchtlingskrise“ scheint ein Kulturkampf zu werden. Das ist genau das, was die Rechten wollen.

 

Nach gut drei Monaten Dauerberichterstattung über die „Flüchtlingskrise“ scheint das Thema den Charakter eines Kulturkampfes anzunehmen: hier die Verfechter des Nationalstaats und seiner Begrenztheit (im wörtlichen wie im übertragenen Sinne), dort die Verfechter der grenzenlosen universellen Menschenrechte. Vermittler dazwischen haben es schwer.

 

Nationalstaat vs. Menschenrechte

Viktor Orban, der ungarische Ministerpräsident und Vorkämpfer christlich-abendländischer Erneuerung, sieht den Kulturkampf so:

„Diese Invasion (von Migranten) wird einerseits vom Schlepper-Business gelenkt, andererseits von jenen (Menschenrechts-)Aktivisten, die alles unterstützen, was die Nationalstaaten schwächt“.

Orban macht dafür auch seinen Landsmann, den philanthropischen Geschäftsmann und Börsenspekulanten George Soros verantwortlich. Der betreibe mit seinem Geld, seinen Verbindungen und seinen Stiftungen – wie schon in der Eurokrise – eine Politik der Destabilisierung. Orban befindet sich damit auf einer Linie mit dem rechten Kopp-Verlag, auf dessen Website versucht wird, die Verschwörung des George Soros zu belegen.

Eine unheilige Allianz aus Oberschicht und Menschenrechtlern (früher hieß das „Finanzjudentum und Bolschewiken“) wolle den braven Nationalstaat aushöhlen. Die Reichen wollten es, weil sie sich durch mehr Migration die Besten und Billigsten aus der globalen Reservearmee herauspicken können, die Menschenrechtler wollten es, weil die Masse der Flüchtlinge den Nationalstaaten endlich vor Augen führe, was deren neoliberale Politik in der Welt anrichte.

In der Tat nutzen manche Wirtschafts- und Meinungsführer den Flüchtlingsstrom nach Europa, um nun eine Absenkung von Sozialleistungen und Mindestlöhnen zu fordern. Der Airbus-Konzernchef Tom Enders plädierte in der Süddeutschen Zeitung nicht nur für eine Öffnung der Grenzen, sondern auch für eine „Öffnung des Arbeitsmarkts“. Er sprach sich für eine „Deregulierung“ nach US-Vorbild aus. Mit Hilfe der Flüchtlinge könnte die Ungleichheit in den Gesellschaften also weiter vergrößert werden. Ifo-Präsident Hans Werner Sinn brachte die Idee in Umlauf, das Rentenalter der Deutschen zur Bewältigung der Flüchtlingskrise noch einmal heraufzusetzen, und der CDU-Wirtschaftsrat und andere führende CDU-Politiker möchten den flächendeckenden Mindestlohn abschaffen, um den Flüchtlingen einen schnelleren Zugang zum Arbeitsmarkt zu verschaffen. Für andere wiederum sind die Flüchtlinge eine gute Gelegenheit, den verweichlichten und friedensverwöhnten Deutschen einen verjüngenden Adrenalinstoss zu verpassen.

 

Querfronten, wohin man schaut

Ganz neue politische Allianzen tun sich auf oder werden befürchtet. Linke wie Thomas Assheuer sehen in Angela Merkels Politik neuerdings welt-„historische Größe“ und „Würde“ und verteidigen sie vehement gegen eine heraufziehende Kalt-Front aus konservativem Bürgertum und rechten Protestbewegungen. Das noch dem Nationalstaat verhaftete Bürgertum sei drauf und dran, sich zu radikalisieren und greife Angela Merkel inzwischen so unerbittlich und hämisch an wie Pegida. Galt vor drei Jahren das Anti-Merkel-Buch der Wirtschaftsberatungsphilosophin Gertrud Höhler („Die Patin“) als belächelte Ausnahme-Kampfschrift gegen die „fremde“, undurchschaubare Protestantin aus der Ex-DDR, die das alte Westdeutschland pulverisieren werde, so treten die konservativen Merkelkritiker heute ganz unverblümt in Mannschaftsstärke auf – von der tief besorgten FAZ bis zur Besorgte-Bürger-Plattform Tichys Einblick, die sich derzeit anschickt, die Rolle der Achse des Guten zu übernehmen.

Die historischen Vergleiche werden dabei immer schriller und steiler (und genau das ist es, was die europäische Rechte erreichen will). Jochen Buchsteiner etwa (früher bei der Zeit, heute bei der FAZ) vergleicht die Situation Europas mit dem Untergang des Weströmischen Reiches im Jahr 476 n. Chr., was von der Bedrohung des Pegida-Abendlandes durch eine muslimische Völkerwanderung nicht mehr allzu weit entfernt ist. Buchsteiner unkt, Guido Westerwelle habe mit seiner damaligen Anspielung auf die „spätrömische Dekadenz“ womöglich unbeabsichtigt Recht gehabt. Auch das in den Medien scharf kritisierte Buch Thilo Sarrazins über die Abschaffung Deutschlands erfahre nun eine späte Rechtfertigung. Der Roman „Die Unterwerfung“ von Michel Houellebecq wird in besorgten Kreisen ebenso gern erwähnt wie Botho Strauß’ Verabschiedung des „letzten Deutschen“ im Spiegel. Und in der Schweizer Weltwoche rezensiert Ex-Spiegel-Reporter und Neu-Katholik Matthias Matussek die schon etwas angejahrte Untergangsvision des erzkatholischen Schriftstellers Jean Raspail („Das Heerlager der Heiligen“) unter dem Titel: „Lust, die eigene Kultur auszulöschen“.

Ein hysterischer Unterton schleicht sich ein in die Warnrufe der alten weißen Männer. Ihre Welt fällt in Scherben. Und ihre Welt war gar nicht mal so schlecht.

Denn der verteidigte Nationalstaat ist ja nicht nur eine rückwärtsgewandte Formation für Ewiggestrige, die den Schuss nicht gehört haben, er ist – als sozialer Rechtsstaat – auch eine Errungenschaft des Fortschritts, weil er denen, die in seinen Grenzen leben, gewisse (zum Teil mühsam erkämpfte) Rechte und Standards garantiert und sie vor globalen Zumutungen schützt. Das Grundgesetz garantiert, dass es keinen prinzipiellen Unterschied macht, ob man als Bürger dieses Staates nun fleißig oder faul, egoistisch oder altruistisch, dumm oder gebildet ist, Hauptsache, man hat einen deutschen Pass. Nicht die Leistungsfähigkeit bzw. die Nützlichkeit ist das entscheidende Kriterium, sondern die Staatsangehörigkeit, was für jene, die den Pass besitzen, das Leben etwas leichter macht. Aber wenn die Grenzen nun offen stehen und alle, die bedürftig sind, ins Land dürfen, wird es bald ein Hauen und Stechen geben, weil die (wirtschaftliche) Konkurrenzsituation die Oberhand über die nationale Zugehörigkeit gewinnt. Dann wird es – vor allem in den unteren Schichten – härter zugehen als heute. Und die Angst der Mittelschichten, dorthin abzurutschen, wird sich verstärken.

 

Das Schweigen der Linken

Kein Wunder, dass sich die traditionelle Linke und die Gewerkschaften in der Flüchtlings-Debatte auffallend stark zurückhalten. Einerseits fürchten sie, durch ihr Verständnis für die Ängste der weniger begüterten Deutschen in die rechte Ecke gedrängt zu werden („Du Nazi“), andererseits wollen sie auch nicht gegen die in der Linken traditionell hoch gehaltene internationale Solidarität verstoßen. Sie verteidigen den Nationalstaat und wollen die Grenzen nicht schließen. Dieser Spagat könnte in der aufgeheizten Situation missverstanden und von den Radikalen beider Seiten umso entschlossener bekämpft werden. Denn in einer polarisierenden Diskussions-Atmosphäre wird die Abwägung verschiedener Interessen gern als Wischi-Waschi oder Feigheit abgetan.

Eines der ganz wenigen Medien, die diesen Konflikt seit Monaten ohne Knie- und Kopfschutz austragen, ist das kleine Blog Wiesaussieht. Sein Leiter, Frank Lübberding, ein Sozialdemokrat alter Schule, hat keine Angst vor Blessuren und stürzt sich mitten ins Getümmel, egal wie abgedreht und ruppig es in den Kommentaren auch zugeht. So kommt etwas zustande, was – zumindest in Westdeutschland – kaum noch gewagt wird: der offene, von falscher Rücksichtnahme unbelastete Schlagabtausch. Bei Wiesaussieht fallen die Worte nicht in die Zuckerwatte supernetter Talkshow-Moderatoren, sondern am Tresen einer sauerländischen Eckkneipe. Also dort, wo sich die Sozialdemokraten früher zu bewähren hatten. (Allerdings, aber das nur am Rande, sind die Eckkneipen auch nie etwas anderes als eine Domäne der alten weißen Männer gewesen).


Wo bin ich?

Sie befinden sich im Archiv November 2015 im Blog von Wolfgang Michal.