Wozu überhaupt noch Medienkritik?

21 Januar 2016 um 11:19 • 11 Kommentarepermalink

Mit der Medienkritik steht es nicht zum Besten. Sie arbeitet sich an Nebensächlichkeiten ab, neigt zu sarkastischer Nörgelei und zweifelt an ihrer Bedeutung. Das müsste nicht sein.

 

Nach den großen Medienaufwallungen des ersten Halbjahres 2015 (Charlie Hebdo und Germanwings) schrieb der wohl bekannteste deutsche Medienjournalist, Stefan Niggemeier, einen nachdenklichen und selbstkritischen Beitrag über das „folgenlose“ Schaulaufen der Medienkritiker in ihren Hamsterrädchen. Immer wieder, so Niggemeier, äußerten Medienkritiker die gleiche Kritik, ohne dass sich an den Medien etwas ändere. Und der Journalist Alan Posener schrieb sarkastisch: „Es ist schlimm genug, Journalist zu sein. Aber Medienjournalist! Von dem Kakao muss man nicht auch noch trinken.“

Offenbar wird die journalistische Spezialdisziplin Medienkritik von den Medien-Machern als belanglos, ja als weltfremd empfunden. Und da sie außer einigen Expertenkreisen und Filterbubbles niemanden erreicht, müssen die Medien ihre Kritiker auch nicht besonders ernst nehmen. Hinzu kommt, dass die Gesellschaftskritik, die gern das große Ganze im Blick hat, ihre kleine Schwester Medienkritik oft verächtlich „selbstreferentiell“ nennt, obwohl sie wissen müsste, dass die Kritik seit der Aufklärung nie etwas anderes war als das „Reden einer Gesellschaft über sich selbst“.

 

Anzeichen von Resignation

Die Ignoranz der Medienmacher und die Arroganz der Welterklärer wären für die Medienkritik vielleicht noch verkraftbar. Aber im vergangenen Jahr geriet sie auch in den eigenen Reihen in Erklärungsnot. Am 29. März 2015 schrieb der Fernsehkritiker Hans Hoff angesichts der medialen Ausbeutung der Germanwings-Katastrophe, man könne als Medienjournalist eigentlich nur noch hinschmeißen:

„Ich möchte mich verabschieden vom Journalismus. Er war mir jahrzehntelang ein treuer Weggefährte. Er gab mir Halt, er zimmerte mir Leitplanken, die dafür sorgten, dass ich nicht vom Weg abkam. Ich konnte mich geborgen fühlen als Journalist, aufgehoben in einem Ordnungssystem, das für Werte stand. Zu diesen Werten bekannte sich die Mehrheit meiner Kollegen, weshalb ich es als ehrenhaft empfand, mich als Journalist bezeichnen zu dürfen.

Das ist vorbei. Nicht erst seit den Ereignissen der vergangenen Woche. Es ist schon länger vorbei. Ich hätte das schon lange sehen können, aber ich wollte es nicht wahrhaben. Der Journalismus, so wie ich ihn kennen- und schätzen gelernt habe, existiert nicht mehr. Journalismus ist nurmehr ein hohles Gefäß, in das jeder füllt, was er mag oder was er meint, im Auftrag seiner Nutzer einfüllen zu müssen…“

Am gleichen Tag konstatierte Stefan Niggemeier, die Medienkritik sei zu einem leeren Ritual verkommen:

„Das Erste ist das zwischen Müdigkeit und Verzweiflung schwankende Gefühl eines Medienkritikers, wie sinnlos sein Tun ist. Mitansehen zu müssen, wie all das an der Berichterstattung, was schon nach der letzten Katastrophe und der vorletzten als problematisch erkannt worden ist, wieder passiert; wie alle Fehler und Grenzüberschreitungen immer wieder von Neuem gemacht werden müssen; wie jeder Appell zur Zurückhaltung, zur Vorsicht, scheinbar wirkungslos verhallt ist. Es ist anscheinend auch egal, ob sich gerade erst herausgestellt hat, dass man sich am Tag zuvor hoffnungslos verspekuliert hat – man rennt nun ohne Innehalten mit demselben Schwung in die neue Richtung…

…Hinzu kommt noch der Eindruck, selbst Teil eines Rituals zu sein: So wie zu jeder Katastrophe das Ausschlachten des Opferleids durch die „Bild“-Zeitung gehört, so gehört auch die Empörung darüber durch Medienkritiker dazu. Man ist Teil des ganzen Erregungs- und Empörungszyklus, spielt seine Rolle, berechenbar, erwartbar, womöglich entbehrlich…

„Die Entrüstung über journalistische Fehlleistungen wird Teil der Aufführung“, schreibt der Münchner Medienethik-Professor Alexander Filipović auf den Seiten des Netzwerkes Medienethik: „Medienkritik im Modus der Empörung oder Verachtung ist nicht hilfreich. Sie wird damit selbst zum Element einer von ihr kritisierten Medienwelt.“

Die Feststellung des Medienethik-Professors trifft freilich nicht nur auf den „Modus der Empörung“ zu, sie kennzeichnet das generelle Problem der Medienkritik: Diese kommt über das Stadium des Hofnarren nicht hinaus. Sie führt eine Nischenexistenz und hat sich in dieser Nische eingerichtet. Als nörgelnde Couch-Potatos leiden die Medienkritiker an der wachsenden Diskrepanz zwischen der rapide zunehmenden Bedeutung der Medien und der offensichtlichen Irrelevanz ihrer Kritik. Während die Medien den Alltag der Menschen heute rund um die Uhr begleiten und jegliche Erfahrung von „Welt“ und „Realität“ immer stärker medienvermittelt ist, konnte die Medienkritik mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten und ist zur Fußnote in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung geworden.

Es wäre also überfällig, die Medienkritik aus ihrer selbstverschuldeten Nischenexistenz zu befreien und endlich zur großen Gesellschaftskritik zu machen. Doch ohne bewusste Anknüpfung an die historische Tradition von Kritik und ohne selbstkritische Betrachtung der eigenen Profession wird das nicht gelingen.

 

Der Ast, auf dem die Medienkritiker sitzen

In der Geschichte der Medienkritik gab und gibt es immer wieder herausragende Figuren, von Karl Kraus bis Heinrich Böll, von Noam Chomsky bis Neil Postman, von Oliver Kalkofe bis Jan Böhmermann. Aber das sind singuläre Erscheinungen, während die Mehrzahl der heutigen Medienkritiker aus freien Journalisten besteht, die von jener Branche leben müssen, die sie tagtäglich kritisieren. Das macht sie zu pragmatischen und sehr geschickt taktierenden Überlebenskünstlern.

Zwar werden Medienkritiker von Kollegen hin und wieder als Ketzer und Nestbeschmutzer beschimpft oder – von ihren Fans – als Helden und Moralisten verehrt, doch im Grunde unterliegen sie ähnlichen Arbeitsbedingungen wie die von ihnen Kritisierten. Nur die moralische Sonderrolle (die selbst gewählte Wächter- und Richterfunktion) hebt sie von diesen ab. Das macht den Beruf des Medienkritikers anziehend und suspekt zugleich: Schnell ist dann in Kollegenkreisen von einem „übergroßen Ego“ die Rede, von Journalisten-Eitelkeit oder unstillbarem Geltungstrieb. Denn Medienkritiker finden sich in einer ähnlichen Doppelrolle wie Whistleblower: Sie ‚verraten’ ihre Kollegen und pochen zugleich auf hohe ethische Standards. Dieses Verhalten macht sie zu Außenseitern. Wehe, sie leisten sich einen Fehltritt!

Ihre moralische Exponiertheit verleitet die Medienkritiker zu einer klugen Balance – wie sie für Hofnarren charakteristisch ist. Zum einen arbeiten sie mit besonderer Sorgfalt, zum anderen erzwingt das Kritisieren von Kollegen (und potentiellen Arbeitgebern) individuelle Kosten-Nutzen-Rechnungen. Mit wem verdirbt man es sich besser nicht, wem möchte man gefallen oder einen Gefallen tun? Der Übergang von der journalistischen Sorgfalt zur Sorge um die eigene berufliche Existenz ist fließend und für Leser und Zuschauer schwer durchschaubar. So kritisieren Medienkritiker Medien, in denen sie selbst veröffentlichen (wollen), in der Regel nicht. Überdies gilt in der Branche das ungeschriebene Gesetz: „In der Zeitung nichts über die Zeitung“ (das ist einer der Gründe, warum die Medienseiten in den Zeitungen so fernsehlastig sind). Ein (skurriler) Ausweg aus diesem Dilemma könnte sein, Medienkritik an branchenferne Berufe zu delegieren, an Aussteiger und Outsider, an Verkäuferinnen oder Dachdecker. Doch selbst wenn die Medienkritik gänzlich unabhängig vom Gewerbe wäre, bliebe die Frage: Wo sollen Medienkritiker denn veröffentlichen?

Im Zeitalter der Aufklärung war das noch kein Problem. Das von der Kritik genutzte Medium war selbst ein Teil der Kritik, ja buchstäblich ihr Ausdruck: Denn Bücher, Übersetzungen, Druckereien, Flugblätter zählten zu jenem neumodischen Teufelswerk, das die Kirche, um ihre Macht zu sichern, unbedingt verhindern wollte. Kirchenkritiker nutzten für ihre Kritik also gerade nicht die Kirchenkanzel (während Medienkritiker ausgerechnet die kritisierten Medien als Plattform ihrer Kritik benutzen wollen) – sie nutzten etwas völlig Neues. Unabhängige Medienkritik bräuchte also ein Transportmittel, das sich von den herkömmlichen Medien radikal unterscheidet.

Bis vor wenigen Jahren glaubte man, dieses Gegen-Mittel sei das Internet. Und anfangs war die Euphorie der Medienkritiker auch berechtigt. Doch von der einstigen Hoffnung ist wenig geblieben. Unabhängige Projekte halten sich nur mühsam über Wasser. Die idealistischen Watchblogger der Frühzeit sind müde oder kehren reumütig und dankbar in den Schoß der traditionellen Medien zurück. Dazu kommt, dass die großen Internet-Konzerne zunehmend mit den Altmedien kooperieren und eines Tages mit ihnen verschmelzen werden. Die spektakuläre Übernahme der Washington Post durch Amazon-Gründer Jeff Bezos war nur ein Vorspiel. Wie und wo sich unabhängige Medienkritik wirksam äußern könnte, bleibt also eine offene Frage.

 

Der ewige Wettlauf zwischen Hase und Igel

Die traditionellen Medien beschäftigen und bezahlen ihre Medienkritiker aber nicht nur wie Hofnarren, sie bestimmen auch deren Agenda. Kaum ein Medienkritiker setzt eigene Themen – vielmehr hecheln sie den Themen nach, die von den Medien gesetzt werden. Das führt zu der absurden Situation, dass in dem Augenblick, in dem Medienkritiker mit ihren tiefergehenden Analysen beginnen, das Thema meist schon wieder durch ein neues abgelöst ist. Ist ein Thema aber erst einmal „durch“ (NSA, Griechenland, Landesverrat, Flüchtlinge, Köln), hören auch die Kritiker auf zu kritisieren. So geht es im Schweinsgalopp von Katastrophe zu Skandal, von Enthüllung zu Unglück, von Terroranschlag zu Minister-Fehlverhalten. Stets tauchen neue Ereignisse auf, die beliebig zu Katastrophen, Skandalen oder Enthüllungen aufgepumpt werden können. Medienkritik, die hier am Ball bleiben möchte, hat es schwer. Und so verfällt sie dem allgemeinen Herdentrieb und giert in gleicher Weise nach Aufmerksamkeit wie die Kritisierten, frei nach dem Diktum: Nichts ist so alt wie die Medienkritik von gestern.

Der immerwährende Wettlauf zwischen den Medien und der Medienkritik ist von letzterer nicht zu gewinnen. Die Frustration über diesen Zustand äußert sich dann in kleinlicher Nörgelei und Pedanterie, in moralischer Schelte und sarkastischer Schmähkritik – eher selten in „ausgeruhter“ Analyse. Die vom Dauer-Wettlauf erschöpften Kritiker konzentrieren sich in ihrer Not auf erregungs-sichere Nebensächlichkeiten: auf Geschmacklosigkeiten aller Art, auf falsches Benehmen oder tadelnswerte Vergleiche. Damit folgt die Medienkritik – wie hypnotisiert – jenen an- und abschwellenden Empörungszyklen, die sie eigentlich kritisieren müsste. Das macht auch die besten Medienkritiker irgendwann übellaunig – oder so verliebt in die eigenen Pointen, dass die Unterhaltung der Fans zum alleinigen Zweck der Medienkritik verkommt („Ich hol schon mal Popcorn“) .

 

Die Kraftlosigkeit des positiven Denkens

Weil ein Teil der Medienkritiker aber klug genug ist, die genannten Dilemmata zu erkennen, konzentrieren sie sich neuerdings auf die Frage eines funktionierenden Geschäftsmodells für Medienkritik. Das ist nicht nur logisch, sondern auch konsequent. Doch die fast schon gebetsmühlenhaft vorgebrachte Forderung nach „Paid Content“ führt nicht etwa zu der bitter nötigen Grundsatzdebatte über die Verteilung von Geld und Macht im Mediengeschäft, nein, die Dauerdiskussion über die leidige Refinanzierungsfrage ersetzt mittlerweile große Teile der Medienkritik. Bei den in der Branche so beliebten Debatten über die Zukunft des Journalismus kann man die erstaunliche Beobachtung machen, dass die Medienkritiker mehr über Geld reden als die Medienmacher. Und die Frage, ob der von ihnen präsentierte „Content“ auch „snackable“ genug sei, beschäftigt die Medienkritiker fast stärker als die Verlagsgeschäftsführer. Sie denken nicht nur in den Kategorien von Werbe- und Marketingfachleuten, sie benutzen auch deren Verkäufer-Vokabular und geraten dabei in die Falle des ‚constructive criticism’: Sie kritisieren die Produkte der Verlage nur noch mit dem Ziel, diese „etwas besser zu machen“.

„Nur der ist zur Kritik berechtigt, der eine Aufgabe besser lösen kann.“

Das ist ein Satz, der aus dem technikbesessenen Silicon Valley stammen könnte. Doch in Wahrheit hat ihn Adolf Hitler 1934 gesagt, als er sich anschickte, seine innerparteilichen Kritiker auszuschalten.

Die Vorliebe für „konstruktive Kritik“ (und die Angst vor dem Negativen) ist keineswegs Diktatoren-typisch. Auch christliche Denker wie Norman Vincent Peale, der über „die Kraft des positiven Denkens“ einen phänomenalen Bestseller schrieb, unterscheiden gern zwischen aufbauender und niederreißender Kritik: „Wir müssen immer zwei Arten von Kritik unterscheiden: die wohlwollende, aufbauende, taktvolle und die schroffe, ätzende, gehässige.“

Dass nun auch die Medienkritik immer häufiger das Positive in der Medienkritik vermisst, hängt möglicherweise mit dem Aufkommen des unternehmerischen Denkens zusammen, das seit einigen Jahren unter prekär lebenden „freien“ Autoren grassiert. Als Anhänger des „entrepreneurial journalism“ träumen sie davon, irgendwann ein eigenes kleines Medien-Geschäft zu haben. Doch ein eigener Betrieb – darauf verweist Giovanni di Lorenzo im Gespräch mit dem Medienunternehmer Stefan Niggemeier – ändert auch den Blick auf die Sachzwänge des Medienbetriebs: von der Notwendigkeit, immer genügend Aufmerksamkeit beim Zielpublikum zu erregen bis zu den Einzelheiten der Abo-Preisgestaltung für die erhoffte Zielgruppe. So entkommen die Medienkritiker zwar mit etwas Glück dem leidigen Hofnarrenstatus, kehren aber als freiwilliger oder unfreiwilliger Teil des Medien-Beratungsgeschäfts auf die Bühne zurück.

 

Medienkritik als neue Religionskritik?

Die Resignation der professionellen Medienkritik war wohl am deutlichsten im vergangenen Jahr in Sachsen zu spüren. Die dortige Protestbewegung Pegida hatte es verstanden, die von der Medienkritik hinterlassene Lücke mit billigen und platten „Lügenpresse“-Rufen zu füllen. Da eine rationale und unerschrockene Auseinandersetzung mit der eigenen Medienindustrie fehlt (von den verdienstvollen Bemühungen einiger Stiftungen einmal abgesehen), konnte eine kleine Gruppe von Empörten die Medienkritik auf ihr Stammtischniveau herunterziehen. Und siehe da: Während die herkömmliche Medienkritik aufgrund ihrer geringen Reichweite, ihrer Sprunghaftigkeit und ihrer Verzettelung in Nebensächlichkeiten höchstens noch ein Lächeln oder ein Gähnen bei den Medien-Machern auszulösen vermag, waren Verleger und führende Journalisten über die Dresdner Lügenpresse-Parolen tief erschrocken. Das ist ein Alarmzeichen, aber nicht nur für die Medien, sondern vor allem für den Zustand der Medienkritik – und darüber müsste eine Debatte einsetzen. Aber wo? Auf den Medienseiten der Zeitungen und Magazine, wo der eh schon reduzierte Platz dafür gebraucht wird, um den nächsten Tatort, die letzte Talkshow oder die neueste Netflix-Serie zu besprechen? In den erschöpften Watch-Blogs? In der heute-show? Es scheint fast so, als gebe es für Medienkritik, die über ein dumpfes (oder spitzes) Unwohlsein hinausgeht, keinen hinreichenden Grund mehr, keine Aufgabe und keine Perspektive. Oder müssen die Kritiker nur einen Schritt zurücktreten, um wieder einen größeren Zeitraum zu überblicken und Traditionen zu entdecken, an die man anknüpfen könnte?

Kritik als eine rationale Form der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit ist als Disziplin entstanden, als Wissenschaft und Religion, die über Jahrhunderte eine Einheit bildeten, Ende des 17. Jahrhunderts durch die beharrliche Arbeit der Aufklärer voneinander getrennt wurden. Die Herausbildung des Instruments Kritik als neuartiger Untersuchungs- und Beurteilungsmethode der Wirklichkeit war aber beileibe kein Selbstläufer, sondern das Resultat einer überaus hart geführten Auseinandersetzung mit der Kirche, welche das Denken und Fühlen der Gesellschaften bis dahin bestimmt hatte. Vielleicht kann sich eine ernst zu nehmende Medienkritik erst in einer ähnlich hart geführten Auseinandersetzung mit der Medienindustrie herausbilden.

Denn heute sind es die Medien (und die Wissenschaft), nicht mehr die Kirchen, die die ‚Glaubensbekenntnisse’ der säkularen Gesellschaften verbreiten, verhandeln und formen. Überspitzt gesagt: Leitartikel und Kolumnen sind die Kirchenkanzeln der Moderne. Und die permanente Unglücks-, Katastrophen- und Terror-Berichterstattung der Medien bietet einen veritablen Ersatz für die im Mittelalter von der Kirche erzeugte Höllenangst. Die Medien sind es, die uns Medien-Gläubige täglich daran erinnern, dass morgen alles zu Ende sein könnte, dass die Welt um uns herum aus den Fugen gerät. Hat das mediale Schüren solcher Ängste nicht die gleiche psychologische Wirkung (oder Funktion) wie die latente Strafandrohung durch eine strenge Religion? Und könnte dies nicht zu der Überlegung führen, dass die Medienkritik für das Zeitalter der Postmoderne das werden müsste, was die Kritik der Religion für das Zeitalter der Aufklärung war (Karl Marx: „Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik“)?

 

Hachmeisters Liste

Eine Medienkritik, die sich ihrer Herkunft bewusst wäre, müsste die heute dominante Medienindustrie als Charakteristikum postdemokratischer Herrschaft begreifen anstatt weiter naiv an die verklärende Erzählung zu glauben, die Medien seien dazu da, die Mächtigen zu kontrollieren. Das mag in den Anfängen ein Motiv gewesen sein und in einigen Redaktionszirkeln auch tatsächlich funktionieren, aber so wie die Kirche im Laufe der Jahrhunderte von einer verfolgten Außenseiter-Gemeinde (und trotz mancher Bettelorden und häretischen Abspaltungen) zu einem tragenden Pfeiler der „Allianz aus Thron und Altar“ wurde, so entwickeln sich die immer größer werdenden Medienkonglomerate zu tragenden Pfeilern der Postdemokratien. Sie geben zwar vor, die weltliche Macht zu kontrollieren, sind aber längst zu deren unverzichtbaren Stützen geworden – man muss nur die von Lutz Hachmeisters Institut für Medien- und Kommunikationspolitik jährlich herausgegebene Liste der 100 weltgrößten Medienunternehmen zur Kenntnis nehmen. Mit einem phänomenalen Jahresumsatz von 622 Milliarden Euro bilden diese Konzerne heute eine Markt- und Meinungsmacht, die derjenigen der Kirche im Mittelalter durchaus nahe kommt.

Eine Medienkritik, die über das Bekritteln falscher Bildunterschriften in der Gelben Post hinausgeht, müsste also zuallererst an dieser veränderten Realität ansetzen – einer Veränderung, die der Aktivist und Journalist Glenn Greenwald in seinem Buch „Die globale Überwachung“ so beschreibt:

„Früher galten echte Journalisten als die Außenseiter schlechthin. Viele, die diesen Beruf ergriffen, wollten sich eher den Mächtigen widersetzen als ihnen dienen, und nicht nur auf theoretischer Ebene, sondern auch mit ihrer ganzen Person. Die Wahl des Journalistenberufs war praktisch eine Garantie dafür, das Dasein eines Außenseiters zu führen: Reporter verdienten wenig, hatten kein hohes gesellschaftliches Ansehen und galten meist als zwielichtig.

Das ist heute ganz anders. Mit dem Aufkauf von Medienunternehmen durch die größten Konzerne der Welt wurden die meisten Medienstars zu hoch bezahlten Angestellten, die sich nicht von anderen Mitarbeitern gleichen Ranges unterscheiden. Sie offerieren der Öffentlichkeit Medienerzeugnisse im Namen ihres Unternehmens, als handelte es sich um Bankdienstleistungen oder Finanzprodukte. Ihre berufliche Laufbahn wird von den Parametern bestimmt, die nun einmal in einem solchen Umfeld zum Erfolg führen, also davon, inwiefern sie die Konzernchefs zufriedenstellen und den Interessen des Unternehmens dienen.“ (S.330)

Eine Medienkritik, die diese Veränderungen ausblendet, wird in der Hofnarren-Rolle gefangen bleiben oder bestenfalls nützliche Berater- und Korrekturdienste für Konzerne leisten.


Wo bin ich?

Sie befinden sich im Archiv Januar 2016 im Blog von Wolfgang Michal.