Darf man investigativen Journalismus kritisieren oder ist das ein Sakrileg?

19 Mai 2016 um 11:55 • 7 Kommentarepermalink

Die #Panamapapers erfahren viel Bewunderung, weil sie so großartig den Journalismus rehabilitieren. Kritische Nachfragen werden da nicht gern gesehen.

 

Es ist doch erstaunlich, wie empfindlich Medien-Elefanten auf Medien-Mäuse reagieren können. Schon ein bisschen Kritik aus winzigen Medienmedien und etwas Gegenwind aus sozialen Netzwerken ist ihnen zu viel. Das 2,6 Terabyte schwere Journalisten-Konsortium der SZ holt dann gereizt (oder gelangweilt) zum Gegenschlag aus – wie Bastian Obermayer und Stefan Plöchinger, die ihre Kritiker per Twitter verspotten oder „Investigativ-Papst“ Hans Leyendecker, der den Dreck im Internet gar nicht erst liest und jungen Kollegen rät, die Kritik einfach zu ignorieren.

Sicher, manche „Kritik“ an den Enthüllungen ist absurd, ideologisch motiviert oder schlicht falsch. Bettina Röhl z.B. ist nicht in der Lage, einen Film richtig einzuordnen (sie verwechselt den Offshoreleaks-Scoop von 2013 mit den Panamapapers) und baut darauf eine ganze Theorie auf. Aber sind solche Irrläufer ein Grund, auch bedenkenswerte Kritiken nicht mehr an sich heranzulassen?

Noch beleidigter und gereizter als die Betroffenen reagieren freilich Medienjournalisten auf abweichende Medienjournalisten. Kollegen, die es wagen, die Fleißarbeit der SZ und die pompöse Inszenierung des eingesandten Materials etwas tiefer zu hängen, werden – wie von der Medienjournalistin Ulrike Simon – ganz einfach ausgegrenzt und zum „schlimmsten Feind“ (sic!) des Journalismus erklärt.

Was ist da los in den kritischen Köpfen, wenn Kritik nur noch als Nestbeschmutzung oder Majestätsbeleidigung wahrgenommen wird? Wenn Debatten über investigativen Journalismus nur noch von Jasagern geführt werden dürfen. Wenn das Netzwerk Recherche Kritiker pauschal als verlogene Meckerer abtut.

Stefan Niggemeier hat völlig zu Recht darauf hingewiesen, dass die Debattenfreudigkeit der investigativen Journalisten im Fall #Panamapapers (und nicht nur da!) stark zu wünschen übrig lässt. Doch ich fürchte, sein gut gemeinter Vorschlag, einen Ombudsmann zur Betreuung skeptischer Leser einzuschalten – wie bei der New York Times – wird nicht ausreichen. Eine echte Debatte über die Untiefen des investigativen Journalismus wäre viel sinnvoller.

 

Vier zentrale Kritikpunkte

Die Kritik an den #Panamapapers und ihrer Inszenierung konzentriert sich auf vier zentrale Punkte. Sie betreffen die Quelle, das Material, die Auswertung und das internationale Journalisten-Konsortium.

 

1. Die Quelle

Quellenschutz geht im investigativen Journalismus über alles. Denn er ist die unerlässliche Voraussetzung, um Missstände oder Skandale überhaupt aufdecken zu können. Wären die Journalisten kein „sicherer Hafen“ für Whistleblower, würden sie sich ihre eigene Arbeitsgrundlage entziehen. Oft wollen die kontaktierten Journalisten auch gar nicht so genau wissen, wer ihnen das brisante Material übergeben hat, damit sie unter Druck oder aus Fahrlässigkeit nicht Dinge ausplaudern, die sie besser geheim gehalten hätten. Der Quellenschutz schützt sowohl die Quelle als auch den exklusiven Zugriff der Journalisten auf sie.

Im Lichte der NSA-Enthüllungen (die leider fast schon wieder vergessen sind) bekommt dieses ehrenhafte Verhalten aber eine fragwürdige Komponente. Seit Edward Snowdens Enthüllungen über die weltweiten Zugriffsmöglichkeiten der Geheimdienste auf jedwede elektronische Kommunikation möchte man noch viel dringender wissen, VON WEM das geleakte Material kommt, um die Interessen und Motivlagen eines Whistleblowers besser einschätzen zu können und nicht als Handlanger oder Sprachrohr für unbekannte Interessen zu dienen. Man möchte wissen, ob hier jemand sein Gewissen erleichtert und uneigennützig Missbrauch anzeigt, ob das Ganze ein lukratives Geschäft ist und die Journalisten nur den Abfall bekommen (Stichwort Steuer-CD) oder ob lästige Konkurrenten durch Indiskretion aus dem Weg geräumt werden sollen. All das ist möglich. Wer diese Möglichkeiten ausblendet und Fragen danach für unstatthaft erklärt (oder gar für feindselig), verhält sich reichlich naiv. Snowden selbst hatte dem Guardian das Beispiel eines Schweizer Bankmitarbeiters genannt, der von der CIA angeworben wurde, um dem Geheimdienst anschließend bestimmte Bankdaten zu liefern. Auch der angebliche Whistleblower Hervé Falciani  (#Swissleaks) wandte sich zunächst nicht an die Presse, sondern an Geschäftsleute, Banken und Geheimdienste.

Und wie verhielt es sich bei den Panamapapers? Der Zürcher Tagesanzeiger schrieb bereits im April 2015 über Teile der #Panamapapers, die bei den staatlichen Behörden gelandet waren – verknüpft mit einem aufschlussreichen Porträt jenes Schweizers, der bei Mosack Fonseca „das Internet einführte“ und später „aus Gewissensgründen“ ausstieg. Trotzdem wird von den Medien so getan, als hätten die Behörden noch nichts in der Hand.

Mit Leaks wird heute enorm viel Geld verdient und zunehmend Politik gemacht. Leaks haben sich zu einem Geschäftsmodell der Aufmerksamkeitsökonomie entwickelt, das über den entscheidenden Unique Selling Point (USP) verfügt. Was die alten „Nachrichtenhändler“ noch im Geheimen abwickelten, wird nun auf offener Bühne als mediales Transparenz-Theater aufgeführt: Geheimniskrämer fordern von anderen Offenlegung. Das ist das inhärente Problem aller Whistleblower. Denn sie wären nur dann über jeden Verdacht erhaben, wenn sie sich mutig zu ihrer Tat bekennen würden (wie Chelsea Manning oder Edward Snowden). Nur dann kann sich das Publikum eine eigene Meinung bilden. Nur dann würden stolz geleakte Pläne oder pathetische Manifeste wie das von „John Doe“ auf überzeugende Weise persönlich beglaubigt.

Außerdem kann es beim Quellenschutz auch eine dunkle Seite geben, und die heißt Vertuschung. Wer den Fernseh-Dreiteiler über den NSU-Komplex gesehen hat, konnte feststellen, dass die Verfassungsschutzbehörden gegenüber den polizeilichen Ermittlern immer wieder erfolgreich auf Quellenschutz pochten. Der Schutz der Quellen (es ging um den Schutz von V-Männern in der rechten Szene) verzögerte die Aufklärung der NSU-Verbrechen. Der Quellenschutz behinderte die Ermittlungsarbeit. Denn Quellenschutz heißt auch: Verteidigung von Privilegien, Sicherung eines Informationsmonopols. Man hütet den Daten-Schatz, auf dem man sitzt.

Wer berechtigte Fragen nach der Quelle als unstatthaft ablehnt, hat sich gegen Kritik bereits weitgehend immunisiert. Denn gerade nach Edward Snowdens Enthüllungen über die weltweite Abhörpraxis müssen sich investigative Journalisten immer wieder die Frage stellen, wer wann welches Material zu welchen Bedingungen warum wohin schickt. Zu dieser Gretchenfrage des investigativen Leak-Journalismus hat man von den Enthüllern bislang wenig gehört.

 

2. Das Material

Daten-Leaks, die mittlerweile den Umfang von Giga- oder Terabytes annehmen können, verführen die Empfänger offenbar zu der Annahme, sie besäßen das gesamte Material. Schiere Größe bedeutet aber nicht Vollständigkeit. Darauf angesprochen weichen die Enthüller meist auf das Argument aus, das einzige, was für sie zähle, sei die Echtheit des Materials.

Dieses Kriterium ist zweifellos wichtig, aber nicht ausreichend. Man kann auch mit echten Ausschnitten oder Teilmengen lügen. Ein Bildausschnitt kann etwas völlig anderes zeigen als ein Voll-Bild. Das erklärt die teils heftigen Reaktionen auf die ersten Veröffentlichungen der #Panamapapers, die in der höhnischen Frage gipfelten: Wo sind die Amerikaner? Die Kanadier? Die Australier? Und selbst wenn es für solche Lücken plausible Erklärungen geben mag, könnte noch immer gefragt werden: Warum gelangen eigentlich immer nur Datenpakete an Medien, in denen bestimmte Regionen (USA, Kanada, Australien) nicht vorkommen? Wie bei #Offshoreleaks, #Chinaleaks, #Swissleaks, #Luxleaks und nun bei den #Panamapapers. Bloßer Zufall?

Neben der Frage nach der Echtheit des Materials interessiert also vor allem: Wie vollständig sind die anonym zugesandten Daten? Welchen Ausschnitt aus dem Gesamtkomplex zeigen sie? Sind die Daten vielleicht vorher gefiltert worden?

Die bisherigen fünf Leaks präsentieren ja trotz ihrer enormen Datenfülle nur einen kleinen Ausschnitt aus der Steueroasenwelt. Würde morgen die City of London gehackt oder die Steueroase Manhattan, würde sich das Gesamtbild verändern. Kämen die Steueroasen Delaware, Miami oder Las Vegas ins Blickfeld, würde die Tendenz wieder ganz anders ausfallen.

Die Frage nach der Auswahl des Materials ist schon deshalb wichtig, weil die bisherigen Steuer-Leaks zeigten, dass Ermittlungsbehörden und Geheimdienste das an die Medien geleakte Material bereits lange vorher besaßen. Im Falle von #Offshoreleaks (2013) hatten die Steuerbehörden der USA, Großbritanniens und Australiens das Material drei Jahre vor den Medien, nämlich 2010. Bei #Swissleaks war der Zeitvorsprung sogar noch größer: Die französischen Behörden erhielten das Material 2009, die deutschen Behörden bekamen Teile davon 2010 – während der große Medienscoop erst 2015 erfolgte.

Auch hatten die Steuerbehörden im Fall von #Offshoreleaks mit 400 Gigabyte wesentlich mehr Material als die Medien, die sich mit 260 Gigabyte begnügen mussten. Bei den #Panamapapers soll es mit der Datenmenge angeblich umgekehrt sein. Im Februar 2015 (!) berichtete die SZ, „Ermittler aus den USA und anderen Staaten“ hätten Panama-Material im Umfang von 80 Gigabyte vorliegen, auch die deutschen Behörden besäßen davon einen kleinen Teil, wofür sie rund eine Million Euro als ‚Belohnung‘ gezahlt haben. Deshalb sind die Fragen der Skeptiker berechtigt, ob nicht die Quelle mit den Medien und den Behörden ein doppeltes Spiel treibt, ob die Behörden aufgrund von nationalen Interessen eine Filterung des Materials veranlassen oder ob sie in irgendeiner Weise mit den Medien kooperieren.

Da den Rechtsabteilungen der Presseverlage klar sein dürfte, dass einzelne Journalisten nicht das Recht haben, als selbsternannte Richter und Moralwächter darüber zu entscheiden, wer öffentlich angeprangert und anschließend strafrechtlich verfolgt wird, ist eine Kooperation im Vorfeld von Veröffentlichungen sehr wahrscheinlich. Auch haben die Behörden – insbesondere in Sachen Terrorismusbekämpfung – inzwischen mehr als ein Wörtchen mitzureden, wenn es darum geht, welche Informationen an die Öffentlichkeit gelangen dürfen und welche nicht. Wie sollten Journalisten also ohne vorherigen Abgleich mit den Strafverfolgungsbehörden wissen, welche Geschichten ihnen möglicherweise teure Klagen oder Durchsuchungen einbringen und welche nicht? Da die Offshore-Kunden auf Presse-Anfragen in der Regel nicht reagieren, wäre eine Veröffentlichung ohne vorherige Abklärung des Sachverhalts mit den Behörden ein unkalkulierbares Risiko. Auch Verleger denken bisweilen an Kosten.

Es löst deshalb ein begreifliches Stirnrunzeln aus, wenn investigative Journalisten das hohe Lied des unbeugsamen staatsfernen Journalismus singen. Auch zu Beginn der #Offshoreleaks-Enthüllungen hatte es ja stolz geheißen, die Medien würden ihre Unterlagen niemals an die Strafverfolgungsbehörden herausgeben. Die hatten die Unterlagen aber längst ausgewertet und konnten den Medien deshalb gelassen und völlig neidlos ihren „Scoop“ gönnen. Die Behörden wären wohl sehr viel weniger gelassen gewesen, wenn die investigativen Journalisten durch ihre höflichen Anfragen die schlafenden Hunde der Steuerhinterzieher, Geldwäscher und Terroristenhelfer geweckt und die Behörden anschließend leere Konten und verwischte Spuren vorgefunden hätten. Auch hinsichtlich dieses Aspekts könnte ein wenig mehr Transparenz (und weniger zur Schau gestellte Naivität) auf Seiten der Journalisten nicht schaden.

 

3. Die Auswertung

Am meisten gestört hat die Kritiker wohl die pompöse Selbst-Inszenierung des „investigativen Journalismus“. Glaubt man Hans Leyendecker, so müssen die Epochen der Menschheitsgeschichte möglicherweise neu eingeteilt werden: in eine Zeit vor und eine Zeit nach dem großen Panama-Leak. Die enthüllte Datenmenge, so die SZ, würde „700.000 Bibeln“ füllen. Bei so vielen Anleihen an die christliche Heilsgeschichte ist es fast ein Wunder, dass die Süddeutsche Zeitung nicht auch den Panama-Kanal geteilt hat wie einst Moses das Rote Meer.

Die Beweihräucherung der eigenen Arbeit – und wäre sie noch so verdienstvoll (ihr Wert wird hier auch nicht bestritten) – haben viele als überzogen empfunden. Zu schrill. Zu selbstverliebt. Zu großes Orchester. Darüber könnte man vielleicht milde hinwegsehen, schließlich handelt es sich bei den meisten der involvierten Medien um gewinnorientierte Betriebe, denen man PR in eigener Sache nicht verdenken kann. Journalismus muss finanziert werden, also hängt man seine Referenzen an die große Glocke.

Problematischer ist schon, wie der Scoop inszeniert wurde – nämlich als plattes Helden-und-Schurken-Stück, dessen schlichte Moral durch die comic-artige Illustration noch unterstrichen wurde. Die Helden-Inszenierung des Journalismus und die Schurken-Inszenierung der Enthüllten bedienten jenen populistischen Reflex, der zum Erstarken rechter Anti-Establishment-Parteien beiträgt. Während die SZ den Populismus bestimmter Parteien im Feuilleton scharf kritisiert, produziert sie ihn per Enthüllungsaufmachung selbst. Und obwohl die beteiligten Journalisten stets betonen, dass es ihnen vor allem um die Aufdeckung von Strukturen gehe (die spätestens seit #Offshoreleaks bekannt sind), setzen sie erneut auf „populäre“ Einzelgeschichten über Politiker aus so genannten Schurkenstaaten, auf Prominente und auf das Gebaren reicher Clans aus dem Osten und Süden. Wer noch einmal bestätigt haben wollte, dass die da oben machen, was sie wollen, bekam es nun ein weiteres Mal (das fünfte Mal!) bestätigt.

„Mossack Fonseca“, schrieb kürzlich Costas Efimeras auf der Website ThePressProject, „is not a bad element of the system but an element of a bad system“. Die in den Zeitungen präsentierten Schurkenstücke überdecken aber die banale Normalität der internationalen Finanzarchitektur und machen sie zu etwas Verruchtem. Sie suggerieren, dass das Geldverstecken eine besonders fiese Marotte von Bösewichtern wie Putin oder Assad sei. Da für den Journalismus – berufsbedingt – das „Geschichten erzählen“ wichtiger ist als die Systemanalyse, erfährt man – leider – wenig über die ganz normalen Praktiken transnationaler Konzerne. Deren „Transfer Pricing“ (Gewinne in Steueroasen verschieben, Verluste in Hochsteuerländern machen) richtet weit mehr Schaden an als ein David Cameron mit seiner ‚gigantischen’ Offshore-Beteiligung in Höhe von sage und schreibe 38.000 Euro. Solche Skandalgeschichten erinnern ein wenig an das Bobby-Car von Christian Wulff.

 

4. Das Kartell

Der Hamburger Journalistik-Professor Volker Lilienthal ist der Meinung, in den generalstabsmäßig geplanten Veröffentlichungs-Aktionen des ICIJ zeige sich, was Journalismus unter den Bedingungen der Globalisierung leisten könne. Nur internationale Kooperation, nur die Power von vielen, nur eine zentrale Vermarktung könne den weltweit vernetzten Mächtigen auf Augenhöhe und mit dem nötigen Wumms begegnen. Insofern trage das ICIJ wie niemand sonst zur Rettung des bedrohten Geschäftsmodells Journalismus bei. Diesem Argument kann man sehr viel abgewinnen, nur sollte es nicht die zentrale Aufgabe des Journalismus sein, Geschäftsmodelle zu retten.

Andere betonen, die internationale Kooperation sei eine Demokratie- und Entwicklungshilfe für gefährdete Journalisten in Diktaturen, in Ländern, in denen der Journalismus westlicher Prägung noch in den Kinderschuhen stecke und über wenig Schutz und Mittel verfüge. Man leiste hier quasi eine ähnliche Demokratisierungsarbeit wie die zu den finanziellen Unterstützern des ICIJ zählende George Soros-Stiftung. Auch dieses Argument hat vieles für sich. Die aufgebaute internationale Kooperation ist wahrscheinlich die großartigste Leistung der im ICIJ zusammengeschlossenen investigativen Journalisten. Trotzdem muss auch hier etwas Wasser in den Wein gegossen werden.

Was z.B. wäre, wenn beim nächsten oder übernächsten Leak schon 2500 Journalisten in 190 Ländern mit 500 Medien beteiligt wären und 100 Terabyte Daten zentral vom ICIJ in Washington gesteuert würden? Kann ein Thema dann von nicht beteiligten Medien überhaupt noch nach eigenen Maßstäben gewichtet werden oder sind sie künftig auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, die Sichtweise, die Einordnung und die inhärenten PR-Interessen des marktbeherrschenden Konsortiums zu übernehmen? Wir erleben ja jetzt schon, wie jeder Recherchepups automatisch zum Aufmacher der Tagesschau wird, und wie ein einmal in Gang gesetztes Zitierkartell der beteiligten Medien sich gegenseitig stützt. Irgendwann wird es keinen investigativen Journalisten mehr geben, der die ständige „Wir waren die ersten, die alles aufgedeckt haben!“-Angeberei des ICIJ kritisch hinterfragt.

Bereits der nationale Rechercheverbund der Leitmedien WDR, NDR und SZ prägt in zunehmender Penetranz die heimische Nachrichtenagenda. Das macht den Medienmarkt nicht etwa vielfältiger, sondern ärmer. Denn solche Recherche-Verbünde verschärfen den Konzentrationsprozess. Sollte es irgendwann kein kritisches Correctiv mehr geben, könnte es passieren, dass kleine Meldungen nach Belieben gepuscht und politisch instrumentalisiert werden. Es würde dann niemanden mehr geben, der vernehmbar dazwischenruft: Habt ihr keine anderen Sorgen?

Wikileaks nannte sich einmal in stolzer Selbstüberschätzung „der erste Geheimdienst des Volkes“. Aber auch das Medien-Kartell des ICIJ, dem man – ähnlich wie dem Rotary Club – nur durch Empfehlung anderer Mitglieder beitreten kann, wird einem Orden von Eingeweihten immer ähnlicher, von der bedeutungsschwangeren Geheimniskrämerei (mit von der übrigen Redaktion abgeschotteten Redaktionsräumen) über abgestufte Zugriffsrechte auf die Daten bis hin zur Selbst-Immunisierung gegen Kritik von außen.

Ein solches Kartell könnte Enthüllungen zentralisieren oder diese über die gemeinsame Austausch-Plattform kontrollieren – und irgendwann Politik machen. Insofern sind die skeptischen Fragen nach den Akteuren, ihrer Zusammenarbeit und ihrer Finanzierung unbedingt notwendig. Eine Plattform wie Wikileaks kritisiert das ICIJ ja nicht nur wegen des von manchen Journalisten unterstellten Futterneids – hier prallen zwei sehr unterschiedlich motivierte Gatekeeping-Modelle aufeinander, und es gibt auf beiden Seiten Stärken und Schwächen. Es ist im Leben ja selten so, dass die einen hundertprozentig Recht haben und die anderen hundertprozentig Unrecht.

Wie schrieb kürzlich der unbekannte Whistleblower „John Doe“: „Ein Anfang wäre, endlich die richtigen Fragen zu stellen“.


Wo bin ich?

Sie befinden sich im Archiv Mai 2016 im Blog von Wolfgang Michal.