Das Dilemma der vorschnellen Berichterstattung

17 Juli 2016 um 15:51 12 Kommentare

Die Amokfahrt von Nizza und der Putschversuch in der Türkei zeigen erneut: Die Berichterstattung unter dem Diktat der Hochgeschwindigkeit wird für den Leser zu einem zeitfressenden, sich endlos dahin windenden Annäherungsprozess an die Wahrheit.

 

Orlando, Dallas, Nizza, Istanbul: Die Menge an Zeilen, die heute über ein Ereignis geschrieben werden, die Zahl der Bilder, die von einem Ereignis gezeigt werden, hat sich vertausendfacht. Fast zeitgleich mit dem Eintreten des Ereignisses plappern und senden Medien und Netzwerke munter drauflos.

All das, was früher VOR einer Veröffentlichung geschah, geschieht heute – auch unter dem Druck ungeduldiger Mediennutzer – als journalistischer Live-Act direkt vor unseren Augen: das hilflose Herumstochern im Informationsbrei („Was ist da los in Ankara?“), das Verbreiten von Hypothesen („DAS Militär putscht gegen Erdogan“, „Ein islamistischer Terroranschlag“) und das allmähliche Sortieren und Bewerten von Hinweisen und Gerüchten. Symptomatisch für diese Art der Berichterstattung ist neben den bekannten Livetickern die neue journalistische Zwischenstands-Rubrik: „Was wir wissen und was wir nicht wissen“ (hier einige Beispiele – 1, 2, 3, 4, 5, 6 – sowie eine Parodie).

 

Ausprobierjournalismus

Nun gibt es kluge Leute, die das offene Zugeben des Nichtwissens als neue Ehrlichkeit und Demut des Journalismus preisen. Sie finden die Darstellung des umständlichen und zeitraubenden Annäherungsprozesses an die Wahrheit absolut richtig. Im Zeitalter der digitalen Verbreitungstechnik sei die Hochgeschwindigkeitsberichterstattung (deren Ausgangspunkt immer bei 100 Prozent Nichtwissen liegt) die angemessene und erforderliche Form der Nachrichtenverbreitung. Abwarten sei im modernen Journalismus keine Option mehr. Das heißt, man beginnt als Journalist – wie jeder normale Nachrichtenkonsument auch – mit dem ehrlichen Satz „Was ist da los in Ankara?“ oder „Keine Ahnung, was da gerade passiert!“ und arbeitet sich dann, für alle nachvollziehbar, mit Hilfe der Schwarmintelligenz und der Unterstützung durch die Kompetenzkompetenten langsam zu „bestätigten“ Informationen vor. Der Weg zur Wahrheit führt über die heuristische Methode von Versuch und Irrtum. Man probiert – für alle sichtbar – so lange Versionen der Berichterstattung aus, bis eine herauskommt, die annähernd zu stimmen scheint (oder eine, auf die man sich einigen kann).

 

Spannung aufbauen mit Nichtwissen

Wer genug Zeit hat, diese Phase des Nichtwissens mit ihrem meist uninteressanten Informationsmüll zu ertragen oder gar zu goutieren (das herumrätselnde Nicht-Wissen baut ja auch gehörig Spannung auf), mag von der Hochgeschwindigkeitsberichterstattung und ihrem anfänglichen Leerlauf angetan sein. Jeder weiß schließlich, dass man der Wahrheit nur schrittweise näher kommen kann, mit vielen Rückschritten und Umwegen und Irrläufern. Jeder weiß, dass erst die Schwarmintelligenz der vielen das Falsche vom Richtigen und das Wichtige vom Unsinn zu trennen vermag (jedenfalls bei Themen, bei denen alle mitreden können). Jeder weiß, dass die Transparenz der Arbeitsabläufe die Glaubwürdigkeit erhöht. Gemeinsames Nichtwissen verbindet. Würden Journalisten und soziale Netzwerker die Wahrheitsfindung als ihre Gemeinschaftsaufgabe betrachten (und nicht die einen auf die anderen herabschauen), bekämen wir einen besseren Journalismus. Christoph Kappes hat das sehr schön ausgedrückt in dem Tweet:

„Frage ist nicht, was Massenmedien bei unklarer Lage aus Social Media nehmen, sondern wie sie sich auf Social Media an der Klärung beteiligen.“

Dieser Ansatz ist richtig – zumindest in der Theorie.

Ich bin allerdings nicht sicher, ob er in der Praxis so funktioniert. Wenn nämlich der journalistische Prozess vom Nichtwissen zum Wissen in aller Ausführlichkeit und live vor uns ausgebreitet wird, ergibt sich logischerweise daraus, dass man der Berichterstattung unmittelbar nach dem Ereignis nicht trauen darf, denn eingestandenermaßen haben ja alle am Anfang keine Ahnung. In dieser Null-Phase der Berichterstattung (die früher für Recherchen und nicht zum Plappern auf Twitter oder Livetickern genutzt wurde) erfahren wir meist nur, was „offenbar“ gerade passiert ist (aber man weiß es nicht genau). Wir erfahren, wer etwas getan haben „soll“ und warum (aber man weiß es nicht genau). Es wird viel gemutmaßt und „befürchtet“, geglaubt und spekuliert. Gesichertes Wissen – wie man es von einem Nachrichtenmedium erwarten könnte – klingt anders. In der Folge steigt das Misstrauen. Denn ein Medium, das sich ständig korrigieren muss, verliert am Ende das Vertrauen in seine Berichterstattung. Sie wird als „vorschnell“ erkannt und entsprechend bewertet.

 

Fehlerfreundlich oder bloß schlampig?

Das Dilemma der vorschnellen Berichterstattung zeigt sich also in der bereitwilligen (oder unfreiwilligen) Ausstellung der anfänglichen Ahnungslosigkeit. Das ist so, als würde ein Dachdecker einem Hausbesitzer sagen, ich habe zwar keine Ahnung vom Dachdecken, aber Sie können mir dabei direkt über die Schulter schauen, oder noch besser: Wir decken das Dach gemeinsam. Eine solche Haltung mag außerordentlich sympathisch sein, führt aber über kurz oder lang zu der Einstellung, dass man besser nichts von dem glauben sollte, was berichtet wird. Da man sich als Netz-Leser zudem – in mühsamer Eigenarbeit – die Fakten aus allen möglichen Quellen selbst zusammensuchen und diese vergleichen und bewerten soll (eine zeitraubende Tätigkeit, die früher der Journalist VOR seiner Veröffentlichung FÜR den Leser geleistet hat), entwertet die vorschnelle Berichterstattung den Journalismus als Profession. Das hören Journalistenhasser sicher gern, aber sie tragen mit ihrer Ungeduld und ihrem Unverständnis dazu bei, dass der Hochgeschwindigkeitsjournalismus mehr und mehr um sich greift. Er mag in seinen Methoden – in seiner Fehlerfreundlichkeit – höchst glaubwürdig sein, doch inhaltlich untergräbt er die Glaubwürdigkeit. Denn ein Journalismus, der sich andauernd korrigieren muss, wird irgendwann nicht mehr ernst genommen.

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12 Antworten auf Das Dilemma der vorschnellen Berichterstattung

  • 1

    Ich sehe den Druck auf die Medien in Richtung vorschnellen Berichterstattung auch sehr kritisch. Aber da er da ist, bedarf es einer Reaktion. Die Rubrik des „Was wir wissen und was wir nicht wissen“ übernimmt da doch eine durchaus originäre Aufgabe von Journalisten: Zu ordnen, zu sortieren, eben als kontrollierende Instanz zu den Gerüchten, die man in den sozialen Netzwerken finden kann – wie es ja auch hier gefordert wird. Und so wie ein Dachdecker sich niemals als ahnungslos in Sachen Dachdecken bezeichnen würde, wenn er beginnt, ein Dach zu decken, so ist das vorläufige „ich weiß noch nichts“ eines Journalisten durchaus nicht mit Inkompetenz zu verwechseln. Auch in einer Situation, in der noch keine gesicherten Informationen vorliegen, hat er oder sie doch eine wichtige Funktion, nämlich das zu prüfen, zu bewerten, was da alles schon vorschnell herausgehauen wird. Darauf hinzuweisen, dass es Bilder gibt, die man von einer Katastrophe nicht verbreitet – auch das ist im Fall von Nizza mehrfach durch Journalisten geschehen. In dieser Funktion könnten sich professionell arbeitende Journalisten dann auch wieder unersetzbar machen.

  • 2

    Ich stimme Ihnen weitgehend zu. Es ist aber nicht so, dass sich in den sozialen Netzwerken nur die Gerüchte tummeln und in den professionellen Medien nur die gesicherten Informationen zu finden sind. Das geht wild durcheinander. In der Rubrik „Was wir nicht wissen“ stecken auch oft Vermutungen. Das ist ja das Dilemma, wenn man Nichtwissen zur Nachricht umfunktioniert und veröffentlicht.

    Dass das dem Sachzwang geschuldet ist, auf Sendung gehen zu müssen, bevor man etwas weiß, ändert nichts am Problem.

  • 3
    Xaver Frühbeis says:

    “ … Einstellung, dass man besser nichts von dem glauben sollte, was berichtet wird.“

    Als ich noch jung war, erschien in der Lokalzeitung, die mein Vater las, ein Bericht über eine Bauerntheateraufführung in unserem Dorf. Kein langer Artikel, keine komplizierte Materie. Handlung des Stücks, Namedropping der Mitwirkenden, ein kleines Foto. In diesem Artikel war fast alles falsch. Selbst in der Unterschrift zum Foto hatten sie zwei Fehler untergebracht. Mein Gedanke war dazu: Wenn in einem derart kurzen Beitrag über ein derart einfaches Thema derart viel falsch ist – und ich das merke, weil ich hier Bescheid weiß, – wieviel mag dann in einem längeren Artikel über ein kompliziertes Thema falsch sein – ohne daß ich das merke, weil ich da nicht Bescheid weiß. Ich habe mir damals vorgenommen, nichts mehr zu glauben, was Journalisten schreiben.

  • 4
    gelegentlich says:

    Wichtige Debatte. Im Rückblick nach 2 Tagen stellt sich heraus, dass das im Land dort erworbene „Bauchgefühl“ die beste Annäherung schon nach 3 Stunden geliefert hatte: kein „richtiger“ Putsch, höchstens Teile der Armee, dilettantisch-überhastet, sicher nicht von Gülen gelenkt, das zoon politikon Erdogan hat die Chance sofort ergriffen (3000 Richter abgesetzt). Geplant oder nicht geplant – um diesen Umbau ging es. Vermutlich war der wesentliche Effekt der elektronischen Medien der, dass die Leute sehen konnten dass man ruhig auf die Straßen gehen kann. Ob der Vergleich von Ralf Streck mit Spanien (auf Telepolis) richtig ist oder nicht kann man heute wohl noch nicht sagen.

  • 5
    M. Kellner says:

    Vielen Dank für Ihren klar und gut beobachtenden Artikel. Ist dies wirklich eine so neue Tendenz? Ich erinnere mich dunkel an eine über 8-stündige Sondersendung vom 11. September 2001, während der – auch aufgrund der Monstrosität des Geschehens – bis zum Schluss keine sicheren Informationen vorlagen, vorliegen konnten.

    Die nachvollziehbare Benennung gesicherter und ungesicherter Informationen würde ich grundsätzlich als Dienst am Publikum sehen.

    Weitaus schlimmer ist, dass singuläre Stimmen aus den sozialen Netzwerken zu beliebigen Themen immer häufiger als schein-authentische Beiträge in Nachrichtenformaten wiedergegeben werden. Gerne auch über „Online-Reporter“ an schicken Laptoparbeitsplätzen.

    Außerdem kommt es scheinbar immer häufiger zu einer für alle Beteiligten gefährlichen Form des „Mittendrin“-Journalismus, siehe etwa den Fall des GoPro-Berichtes mitten aus einem Antiterroreinsatz, ich glaube, in Frankreich oder Belgien vor einiger Zeit. „Wir wissen absolut nicht, was hier gerade passiert, aber es passiert etwas. Hinter jeder Ecke könnten…“ (sinngemäß).

    Gibt es dazu Diskussionen unter Journalisten, von denen der einfache Rezipient nichts mitbekommt?

  • 6
    jason says:

    Ganz so schlimm fand ich es nicht, beobachten zu können, wie sich allmählich ein Bild von den Vorgängen in der Türkei formte. Ich habe mehrere Ticker verfolgt, darunter BBC, Spiegel und Tagesschau. Da war auch Blödsinn dabei (Gerücht zuerst auf BBC, dass Erdogan Asyl in Deutschland will, Quelle angeblich irgendein US-Beamter), aber am Anfang einer solchen Entwicklung herrscht immer erst mal berichterstatterisches Chaos.

    Natürlich besteht enormer Zeitdruck bei der Beschickung eines solchen Nachrichtentickers. Er wäre trotzdem besser, zumindest ansatzweise auch einzuordnen, ob ein Informationsfitzel glaubwürdiger oder weniger glaubwürdig erscheint. Das wäre ja eigentlich eine journalistische Pflicht.

    Was mich mehr störte war, dass es amTag danach in den Onlinemedien unangemessen lang dauerte, bis endlich brauchbare Zusammenfassungen des Geschehens auftauchten.

  • 7
    Rüdiger Becker says:

    Es ist ja völlig natürlich, dass die Berichterstattungs-Maschinerie bei solchen Ereignissen erst langsam in Gang kommt. Korrespondenten-Arbeitsplätze sind am späten Abend normalerweise nicht besetzt, schon gar nicht in Paris am Nationalfeiertag. Durch Twitter und Facebook bekommen wir zwar sehr schnell Berichte von Augenzeugen, denen aber jede Einordnung fehlt. Man hat ja in der Regel auch nicht mehr Überblick, wenn man irgendwo mitten im Gewühl steht und nur sieht, was zehn Meter um einen herum passiert. Umso wichtiger sind Journalisten, die Informationen gewichten und bewerten können. Dafür brauchen sie aber auch ein bisschen Zeit. Am späten Freitagabend war da bei ARD und ZDF noch nicht viel los. Dagegen war CNN viel früher live in Action, um ungefiltert einen Wust von Eindrücken und Fehleinschätzungen auf die Zuschauer loszulassen. Viele werfen den öffentlich-rechtlichen Sendern zu langsame Reaktionen auf die Ereignisse in Nizza und der Türkei vor. Aber die Schnelligkeit von CNN war eher verwirrend. Da wünsche ich mir dann doch eher Kolleginnen und Kollegen, die sich ein bisschen mehr Zeit nehmen. Wenn ich die Wahl habe zwischen „schnell und schlecht“ oder „etwas langsamer, aber dafür präziser“, sollte die Entscheidung doch klar sein.

  • 8

    […] Das Dilemma der vorschnellen Berichterstattung Die Amokfahrt von Nizza und der Putschversuch in der Türkei zeigen erneut: Die Berichterstattung unter dem Diktat der Hochgeschwindigkeit wird für den Leser zu einem zeitfressenden, sich endlos dahin windenden Annäherungsprozess an die Wahrheit. Orlando, Dallas, Nizza, Istanbul: Die Menge an Zeilen, die heute über ein Ereignis geschrieben werden, die Zahl der Bilder, die von einem Ereignis gezeigt werden, hat sich vertausendfacht. Fast zeitgleich mit dem Eintreten des Ereignisses plappern und senden Medien und Netzwerke munter drauflos. All das, was früher VOR einer Veröffentlichung geschah, geschieht heute – auch unter dem Druck ungeduldiger Mediennutzer – als journalistischer Live-Act direkt vor unseren Augen: das hilflose Herumstochern im Informationsbrei („Was ist da los in Ankara?“), das Verbreiten von Hypothesen („DAS Militär putscht gegen Erdogan“, „Ein islamistischer Terroranschlag“) und das allmähliche Sortieren und Bewerten von Hinweisen und Gerüchten. Symptomatisch für diese Art der Berichterstattung ist neben den bekannten Livetickern die neue journalistische Zwischenstands-Rubrik: „Was wir wissen und was wir nicht wissen“. Quelle: Wolfgang Michal […]

  • 9
    Oydenos says:

    In meiner Jugend war es schon damals so, daß ich es vorzog, die damals wesentlichen 2 Wochenmagazine/Zeitungen zu lesen. Für die 2 bis drei überregionalen Tgeszeitungen hatte ich schon zu Studentenzeiten zu wenig Zeit übrig. Ansonsten nur noch das lokale Käseblatt, um – wie es eine alte Tante von mir auszudrücken pflegte – auch zu wissen, wer nicht mehr bei Kaisers einkauft. Und für die lokale Kultur waren damals eh die Flyer wichtiger, die ich mir vor Ort bei den Veranstaltern besorgte. Wenigstens dafür ist das heutige Internetz besser geeignet als die damalige Methode. Das SocialMediaGeplappere scheint mir nur Zeitverschwendung; ich weiß da besseres zu tun, als den Hypes hinterher zu hecheln.

  • 10

    […] für Wolfgang Michal, der sich lesenswert mit dem „Dilemma der vorschnellen Berichterstattung“ etwa bei den letzten internationalen Ereignissen, die viel Aufmerksamkeit erhielten. Was mir […]

  • 11

    […] Wir sollten keine verwackelten, schwer zu erkennenden, verängstigenden Videos senden, wenn sie den Interessen der Täter dienen, erst recht nicht live. Auch, um damit dem Terror keine Bühne für Propaganda zu bieten. Den Täter nicht verherrlichen. Stattdessen zusätzliche Informationen recherchieren, das Ereignis einordnen, Hintergründe und Analysen liefern, mit Fachwissen und Haltung kommentieren. Und auch eben mal nichts sagen, wenn schon alles gesagt ist, was man weiß. Keine Endlosschleifen mit Reportern in der Nähe des Tatorts, denen man damit die Zeit zur Recherche klaut. Dann ist auch die Gefahr nicht da, in Spekulationen zu verfallen. Die Sondersendung erst mal beenden, weil alles gesagt ist, was wir wissen. Versprechen, dass wir uns wiedermelden, sobald es Neuigkeiten gibt. Und das dann auch wirklich tun. Ansonsten untergraben wir auf Dauer unsere eigene Glaubwürdigkeit. […]

  • 12

    […] zum Thema München und allem, was da noch kommen mag. Wolfgang Michal: »Das Dilemma der vorschnellen Berichterstattung« und Metronaut: »Wie Politiker von AfD und Union die Münchener Morde […]

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