Warum dieser Wahlkampf so unfassbar langweilig ist

24 August 2017 um 15:15 5 Kommentare

Noch nie boten Medien und Bildungseinrichtungen so viel Service und Hilfestellung vor Bundestagswahlen. Die Wahlprogramme sind dick wie Schulbücher. Doch wen interessiert’s? Da drängt sich die Frage auf, warum der Wahlkampf so kraftlos ist. Ganz einfach: Er wird von stark überalterten Parteien gemacht.

 

CDU:

  • Nur 6 Prozent ihrer Mitglieder sind 30 Jahre alt oder jünger
  • 52 Prozent der Mitglieder sind über 60
  • 32 Prozent sind sogar schon über 70
  • Mitgliederbestand 1990: 789.609
  • Mitgliederbestand 2016: 431.920 (-45%)
  • Durchschnittsalter: 60

 

CSU:

  • Nur 5 Prozent ihrer Mitglieder sind 30 Jahre alt oder jünger
  • 47 Prozent der Mitglieder sind über 60
  • 27 Prozent sind sogar schon über 70
  • Mitgliederbestand 1990: 186.198
  • Mitgliederbestand 2016: 142.412 (-24%)
  • Durchschnittsalter: 59

 

SPD:

  • Nur 8 Prozent ihrer Mitglieder sind 30 Jahre alt oder jünger
  • 54 Prozent der Mitglieder sind über 60
  • 30 Prozent sind sogar schon über 70
  • Mitgliederbestand 1990: 943.402
  • Mitgliederbestand 2016: 432.706 (-54%)
  • Durchschnittsalter: 60

 

FDP:

  • Nur 9 Prozent ihrer Mitglieder sind 30 Jahre alt oder jünger
  • 40 Prozent der Mitglieder sind über 60
  • 21 Prozent sind sogar schon über 70
  • Mitgliederbestand 1990: 168.217
  • Mitgliederbestand 2016:   53.896 (-68%)
  • Durchschnittsalter: 54

 

Die Grünen:

  • Nur 12 Prozent ihrer Mitglieder sind 30 Jahre alt oder jünger
  • 23 Prozent der Mitglieder sind über 60
  • 6 Prozent sind sogar schon über 70
  • Mitgliederbestand 1990: 41.316
  • Mitgliederbestand 2016: 61.596 (+49%)
  • Durchschnittsalter: 50

 

Die Linke:

  • Nur 13 Prozent ihrer Mitglieder sind 30 Jahre alt oder jünger
  • 51 Prozent der Mitglieder sind über 60
  • 33 Prozent sind sogar schon über 70
  • Mitgliederbestand 1990: 280.882
  • Mitgliederbestand 2016: 58.910 (-79%)
  • Durchschnittsalter: 59

 

Viel älter als die Gesellschaft und älter als die Wahlberechtigten

In der Gesamtbevölkerung (d.h. inklusive der ausländischen Mitbürger) beträgt der Anteil derjenigen, die 60 Jahre oder älter sind, 27,3 Prozent. Die 15- bis 30-Jährigen (so ab 15 kann man einer Partei beitreten) stellen rund 17 Prozent. Das Durchschnittsalter der Gesamtbevölkerung liegt bei 44 Jahren und drei Monaten.

Von den rund 82 Millionen Menschen, die in Deutschland leben, sind aber nur 61,5 Millionen bei der Bundestagswahl im September wahlberechtigt (unter 18-Jährige und ausländische Staatsbürger dürfen nicht wählen).

Von diesen 61,5 Millionen Wahlberechtigten sind nach Schätzungen des Bundeswahlleiters 15,4 Prozent 30 Jahre und jünger, aber 36,1 Prozent 60 Jahre und älter. Das Durchschnittsalter der Wahlberechtigten liegt bei knapp 53 Jahren. Das Durchschnittsalter der Mitglieder von SPD und CDU liegt noch darüber, nämlich bei 60.

Das heißt, in der alternden Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland (mit ihren noch älteren Wahlberechtigten) agieren Parteien, deren Mitgliedschaft (mit Ausnahme der Grünen und teilweise der Linken) gerade „vergreist“ und wohl demnächst „ausstirbt“.

Die Parteien sind daher nicht die treibende Kraft der Gesellschaft, sondern ihr Bremsklotz. Leidenschaftliche (enthusiastische oder gar mitreißende) Auseinandersetzungen darf man von ihnen nicht erwarten. Dass der Wahlkampf so lahm ist, liegt also nicht allein an den beiden Spitzenkandidaten Angela Merkel (63) und Martin Schulz (61).

 

Siehe dazu auch den interessanten Vortrag von Stefan Schulz: „Politik als Luxus“.

 

Update 26.8.: Der hessische Spitzenkandidat der Piraten Sebastian Alscher teilt mir die entsprechenden Zahlen zur Piratenpartei mit: Danach beträgt das Durchschnittsalter der 11121 Piraten-Mitglieder 42,3 Jahre. Jünger als 30 sind 15,7 Prozent, über 60 knapp 9 Prozent und über 70 sogar nur 2,1 Prozent. Damit ist die Piratenpartei wohl die jüngste Partei, die zur Bundestagswahl antritt. Politisch spielt sie allerdings keine Rolle mehr.

Das Durchschnittsalter der 21923 AfD-Mitglieder liegt offenbar bei 51 Jahren.

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5 Antworten auf Warum dieser Wahlkampf so unfassbar langweilig ist

  • 1
  • 2

    […] stellt sich heraus, dass in die Rentenkasse vor allem von denjenigen hineingegriffen wird, die, wären sie nicht in […]

  • 3

    Die These ist interessant, aber eine Kausalität lässt sich hieraus m. E. nicht ablesen. Wichtiger als die Durchschnittsalter der Mitglieder einer Partei wäre es festzustellen, welche Wählergruppen von den jeweiligen Parteien angesprochen werden. Denn aus den zuweilen putzig niedrigen Mitgliederzahlen lässt sich nicht automatisch auf die Wählerschaft schließen. Zudem jüngere Menschen solche Parteimitgliedschaften eher scheuen.

    Die Langeweile des Wahlkampf resultiert vor allem daraus, dass sich die Parteien in ihren programmatischen Ausrichtungen immer ähnlicher werden. Man schaue sich einmal die aktuelle Zusammensetzung des Bundesrats mit den diversen Koalitionen an. Hier gibt es fast nichts, was es nicht gibt (zugegeben: CDU und Linke sind immer noch undenkbar). Sicherlich gibt es Unterschiede zwischen der CSU, den Grünen und der Linken. Aber entweder finden sie sich in für den Normalbürger meist nur „exotischen“ Politikfeldern (bspw. der Außenpolitik, die, seien wir doch einmal ehrlich, niemanden so richtig interessiert) oder sie werden aus Furcht vor falscher Zustimmung nivelliert. Es ist nämlich leichter über die Zukunft des Dieselmotors zu räsonieren, als beispielsweise Fragen zur nachhaltigen Integration der Flüchtlinge oder die Neuausrichtung der Europäischen Union zu diskutieren. Dass nach der Wahl sukzessive die deutsche Austeritätspolitik entsorgt werden wird, erzählt niemand. Hinzu kommt dass etliche „Schlachten“ der Vergangenheit (bspw. Atomausstieg) längst geschlagen sind. Viele Themenfelder haben sich einfach im Laufe der Zeit erledigt.

    Vor einigen Jahren gab es mal in einer dieser unsäglichen Polittalkshows ein Interview mit Angela Merkel. Darin wurde sie zu ihrer politischen Programmatik befragt und antwortete auf ihre eigene Art und Weise: „Mal bin ich liberal, mal bin ich konservativ, mal bin ich christlich-sozial – und das macht die CDU aus.“ (Wikipedia-Zitat.) Entscheidend ist dabei der erste Teil des Satzes: Hier wird Beliebigkeit als Weltoffenheit umgedeutet – etwas, was sehr modern ist. Der Vorteil dieser weichen Anpassung liegt darin, dass man politische Probleme unideologisch behandelt. Das ist ein Wert an sich, den man nicht unterschätzen sollte. Aber es ist eben auch ein „Fahren auf Sicht“, dass dem potentiellen Wähler ein großes Maß an Vertrauen abverlangt: ‚Ich mach das schon‘. Ähnlich ist ja die Wohlfühlparole Merkels zu verstehen. (Dass sie im zweiten Teil des Satzes noch hastig von sich auf die CDU schließt, ist natürlich als Vorsitzende fast geboten.)

    Es ist sehr schwierig, dieser unideologischen, je nach Sachlage agierenden Politik etwas entgegenzusetzen. Bisweilen wirken dabei die Parolen von Schulz geradezu lächerlich. Denn die SPD hat in den letzten 19 Jahren insgesamt 15 Jahre regiert bzw. mitregiert (nur zwischen 2009-2013 gab es schwarz-gelb). Das, was man kritisiert, ist also auch Teil der Politik, die man mindestens mitgetragen hat. Die Langeweile des Wahlkampfs resultiert nicht zuletzt daraus, dass eine Kritik der SPD bspw. an den sozialen Zuständen in Deutschland nicht glaubwürdig ist. Hinzu kommt, dass die immer derzeit gut saturierte Mittelschicht keinen Anlass hat, die Kapitänin zu wechseln.

  • 4

    Lieber Gregor Keuschnig,

    dass das Alter nicht der alleinige Grund für den langweiligen (Wahl-)Kampf ist, ist mir klar, aber das Alter der Parteimitglieder ist doch untrennbar verknüpft mit dem, was Sie in Ihrem Kommentar ansprechen.

    Es sind nicht die Wähler, die eine Partei prägen, sondern die Mitglieder (auch wenn sie in ihren Parteien nicht viel zu sagen haben). Die Mitglieder stehen am Wahlstand, sie verteilen die Kugelschreiber, die Rosen und die Wahlprogramme, sie dominieren die Lokalpolitik, sie sind vor Ort ‚verwurzelt‘, mit all ihren Interessen.

    Älteren ist die Besitzstandswahrung in der Regel wichtiger als die Veränderung. Angesichts der täglich über die Medien vermittelten Krisen und Katastrophen ist die Verteidigung der Zustände und Dinge und Rechte, die man hat, das zentrale Motiv. Besonders in einem Land, in dem man „gut und gerne lebt“. Angela Merkel sagt: Sie kennen mich! Und das reicht völlig aus.

    Die SPD kann und will dazu keine Alternative bieten, denn sie hat – wie Sie zu Recht anmerken – in den letzten 20 Jahren 15 Jahre lang regiert. Sie ‚wahlkämpft‘ also nach der Devise: „Augen zu und durch. Hoffentlich merkt es keiner“. Dass sie etwas anderes will als Merkel, glaubt man ihr nicht. Am wenigsten glauben es die SPD-Mitglieder, die über 60 sind.

    Das Zitat von Merkel, das Sie in Ihrem Kommentar als Ausweis ihrer „Beliebigkeit“ anführen, ist aus CDU-Sicht gar nicht so beliebig wie es scheint. Es zeigt vielmehr, dass Merkel die drei traditionellen Flügel der bürgerlichen Sammlungsbewegung, die sich CDU nennt (christlich-sozial, liberal und konservativ) zu integrieren versucht. Vor allem soll ihre Bemerkung den konservativ-westdeutsch-katholischen Flügel, der allmählich renitent wird, besänftigen. Kommt es zu einer offenen Rebellion des konservativen Flügels gegen Merkel, könnte sich der Mitte-Brei tatsächlich auflösen. Wenn es eine Veränderung in der vergreisenden Parteienlandschaft geben sollte, dann am ehesten hier. Die Folgen könnten uns beiden aber möglicherweise auch wieder nicht gefallen.

    Auf der linken Seite ist derzeit kaum Bewegung. In der SPD gibt es keine neue Generation, die die Partei nach der absehbaren Niederlage im Herbst ‚handstreichartig‘ übernehmen könnte oder wollte. Eine Reform der Partei wird deshalb ausbleiben. Die jetzige Führungsspitze hat vermutlich schon längst vereinbart, wie sie die Partei mit der Vergabe der Regierungs- oder Oppositions-Posten (Ministersessel, Fraktionsvorsitz etc.) vor vollendete Tatsachen stellen wird. Sie wird dazu die Parole ausgeben, dass man nun „nach vorne schauen“ müsse. Nur keine Debatten über die Gründe der Niederlagenkette von Steinmeier bis Schulz.

    Die Partei Die Linke ist eigentlich ganz zufrieden mit dieser Entwicklung der SPD (wenn ihre alten PDS-Kader weggestorben sind, ist sie eine junge, attraktive Partei). Es ist aber ihr Fehler, dass sie so ausschließlich auf die SPD fixiert ist.

    Die Lindner-FDP und die Grünen werden wohl weiter um den Zeitgeist (die kulturelle Hegemonie) konkurrieren (freies Unternehmertun vs. Öko-Unternehmertum) oder aber sie werden beide durch Jamaika ruhig gestellt.

    Ältere Parteimitglieder – und das ist ihr Vor- und Nachteil zugleich – regen sich über all das nicht mehr so auf. 🙂

    Beste Grüße
    Wolfgang Michal

  • 5
    Klaus Bredel says:

    Schön, dass auch noch Zahlen der Piratenpartei Eingang gefunden haben. Wenn ich mir deren Spitzenteam angucke, dann liegt es noch weit unter deren Durchschnitt. Hier zeigt sich also, dass die Partei den jungen in ihren Reihen Verantwortung zutraut. Als Wähler sollte man das auch tun.

    War für mich noch nicht vor diesem Post klar, wen ich wähle – weil auch der Vergleich der Programme nicht so wahnsinnig viel unterschiedliches bringt, mit Ausnahme dem der Piraten – dann wüsste ich es jetzt.

    Denn offensichtlich wird dort von den jungen die Politik gemacht, eben für die junge Generation der Digital Natives. Und das ist die Zukunft. Die darf man nicht denen überlassen, die sie in der Vergangenheit schon nicht zu nutzen wussten.