6 Mai 2013 um 21:45 • • permalink
Seit die Telekom beschlossen hat, ihre Internet-Flatrate durch Volumentarife zu ersetzen, wird heftig gerechnet: Wie viel YouTube-Filme darf ich mir ansehen, bis die 75 Gigabyte voll sind? Darf ich mehr als eine Stunde skypen pro Woche? Sollte ich meinen App-Konsum zügeln?
„Liebe Telekom, Sie erhalten die Zahlung meiner Rechnungen ab jetzt mit reduzierter Geschwindigkeit, da die Volumengrenze meines Kontos erreicht ist.“ Mit derart sarkastischen Bemerkungen muss sich Europas größter Telekommunikationskonzern (Spottname: „Drosselkom“) zur Zeit herumschlagen, weil er die Ladegeschwindigkeit von Filmen, Apps und Musik ab einem bestimmten Nutzungsvolumen drosseln will. Ganze Heerscharen von Spott-Drosseln umflattern den Konzern mit parodistischen Videofilmen, Karikaturen und Werbesprüchen.
Ausgelöst hat den kreativen Schub eine lapidare Mitteilung der Telekom vom 22. April. Darin heißt es, man müsse die Tarifstruktur „angesichts des rasanten Datenwachstums“ bis zum Jahr 2016 leider ein wenig „umstellen“. Die bisherige DSL-Flatrate werde durch unterschiedlich große Volumenpakete ersetzt. Erreicht ein Kunde vor Ablauf des Monats die gebuchte Datenmenge, werde die Bandbreite seines Anschlusses „auf 384 Kbit/s reduziert“. Das reicht dann noch zum Verschicken von E-Mails, aber nicht mehr zum Abruf von Filmen oder Online-Spielen. Wer mehr Volumen benötigt, kann aber jederzeit gegen Aufpreis ein Ergänzungs-Paket buchen. Auch Webportale, die ihren Kunden die Drosselung des Internets ersparen wollen (und sich damit einen Wettbewerbsvorteil verschaffen), können durch gesonderte Verträge mit der Telekom nutzungsunabhängige Qualitäts-Zugänge erwerben.
Als würde man wieder Lebensmittel rationieren
Der „Drossel-Plan“ der Telekom klingt auf den ersten Blick ziemlich einleuchtend. Wer die Netze stärker nutzt als andere, soll mehr bezahlen. Wer andauernd Filme herunterlädt, ständig über Skype telefoniert oder ganze Musikbibliotheken aus dem Netz saugt, soll durch gestaffelte Mautstellen hin und wieder daran erinnert werden, dass die Bereitstellung, der Ausbau und die Pflege der Leitungskapazitäten viel Geld kostet. Es geht der Telekom nach eigener Auskunft also vor allem um eine Disziplinierung jener „Extremnutzer“, die sich auf Filmportalen, Porno- oder Spiele-Seiten herumtreiben. Gebremst würden von der Umstellung auf Volumentarife nur drei Prozent der Kunden, die übrigen 97 Prozent nutzten noch nicht einmal ein Fünftel der kleinsten in Zukunft vorgesehenen Datenmenge von 75 Gigabyte pro Monat. Das transportierte Datenvolumen pro Breitbandanschluss liege derzeit bei durchschnittlich 15 Gigabyte.
Trotz der großzügigen Bemessung löste das Vorhaben der Telekom eine Wutwelle aus, die nicht so schnell wieder verebben wird. Denn der Drossel-Plan mutet an wie ein Rückfall in graue Internet-Vorzeiten. Auf eine moderne digitale Gesellschaft wirkt er wie eine nordkoreanische Notverordnung aus Brotpreis-Erhöhung und Lebensmittelrationierung. Da sind digitale Hungerrevolten vorprogrammiert. Allein die Aussicht auf eine Beschneidung des Zugangs zur Online-Welt – mithin die Einschränkung der persönlichen Bewegungsfreiheit – rührt an unser Verständnis von Grundrechten und elementaren Bedürfnissen.
Das Internet ist zu einem Grundnahrungsmittel geworden, und der Zugang zu ihm ein Grundrecht. Die segensreiche Einführung der Flatrates war nicht nur die Befreiung vom laufenden Gebührenzähler, sie bedeutete auch die Anerkennung der Kommunikation als menschliches Grundbedürfnis jenseits ökonomischer Verwertbarkeit. Niemand würde einem Autofahrer sagen, man werde ihm nach 1000 gefahrenen Kilometern die Luft aus den Reifen lassen oder den Tankdeckel verplomben. Niemand weist Kranke ab, weil sie im laufenden Monat schon fünf Mal beim Arzt gewesen sind. Und niemand begrenzt den Fernsehkonsum der Gebührenzahler auf 30 Talkshows im Monat – obwohl hier eine Drosselung sicher gesünder wäre.
Ihr müsst den Breitbandgürtel enger schnallen!
Es ist aber nicht nur die Bevormundung, die den Menschen so sauer aufstößt; dass eine Firma erwachsenen Menschen vorschreiben will, wann sie ihren Breitbandgürtel enger schnallen müssen! Die anmaßende Oberlehrerhaltung wird noch übertroffen durch die Chuzpe, mit der ein privates Unternehmen sich das Recht herausnimmt, die freie Entwicklung einer ganzen Gesellschaft zu behindern. Man erdrosselt die Entfaltungsmöglichkeiten einer Volkswirtschaft durch ein engstirniges betriebswirtschaftliches Konzept: Weil die Telekom den angeblich drohenden Engpass bei der Datendurchleitung zur Einführung von Preiserhöhungen nutzen will, soll aus dem Internet eine Klassengesellschaft werden. Weil der Festnetz-Umsatz stagniert, und weil man sich 2001 mit dem milliardenschweren Zukauf von T-Mobile USA gnadenlos verspekuliert hat, möchte man die Versäumnisse und Fehlentscheidungen des Konzerns nun dadurch kompensieren, dass man das Grundrecht auf Informationszugang in unterschiedlich große Portionen zerlegt: Mehr und besseres Grundrecht für die, die mehr bezahlen können.
Dieser rückwärtsgewandte “Vorstoß“ der Telekom zeigt, dass eine unverzichtbare Infrastruktur wie das Internet – ähnlich dem Verkehrswegenetz – nicht in der Hand einer privaten Firma liegen darf. Wer die Interessen der Shareholder im Blick hat, kann sich nicht mit aller Kraft um die Bereitstellung einer flächendeckenden Chancengleichheit kümmern. Der freie, gleiche, nicht mit Auflagen versehene Zugang zum Internet ist heute Bestandteil der Daseinsvorsorge. Und die sollte man dem Wettbewerb ein Stück weit entziehen.
Eine Kurzversion dieses Beitrags ist am 2. Mai im Freitag erschienen.
Seit die Telekom beschlossen hat, ihre Internet-Flatrate durch Volumentarife zu ersetzen, wird heftig gerechnet: Wie viel YouTube-Filme darf ich mir ansehen, bis die 75 Gigabyte voll sind? Darf ich mehr als eine Stunde skypen pro Woche? Sollte ich meinen App-Konsum zügeln?
29 November 2012 um 13:53 • • permalink
Auf langen Zugfahrten lese ich gern in abgehangenen SPIEGEL-Exemplaren. In der Petraeus-Ausgabe vom 19. November sind mir besonders die Anzeigen aufgefallen. Es gibt in ihnen nur einen einzigen Leser von Gedrucktem zu sehen. Einen Bundeswehr-Soldaten.
Von den knapp 59 Seiten Anzeigen in diesem 176 Seiten starken Spiegel-Heft („Die Petraeus-Affäre“, Nr.47/2012) sind über 14 Seiten allein mit Eigenwerbung für Spiegel-Produkte belegt (so viel zur Anzeigenkrise!). Natürlich gibt es auch Werbung für Uhren (für sehr viel Uhren!), für Autos, Reisen, Wein und Versicherungen, aber die Mehrheit der Anzeigen im Spiegel wirbt kurioserweise für… andere Medien (so viel zum selbstreferentiellen System).
In den Anzeigen des untersuchten Spiegel-Heftes sind insgesamt 17 iPads, 8 Smart- oder iPhones und 5 Laptops zu sehen – ohne dass die Firma Apple auch nur eine einzige Werbung dafür schalten musste (so viel zum Ärger über die böse “Gratis-Mentalität“).
Blättern wir das Heft einmal durch:
Seite 4: Eine ganze Seite für das Internet-Kaufhaus MeinPaket.de. Zu sehen sind in einer Einkaufstüte: ein Verstärker, ein Lautsprecher, ein Controller für eine Spielekonsole, ein Monitor. Um die Tüte herum gruppieren sich vier junge Männer mit: a) einem Tablet b) einer TV-Fernbedienung c) Kopfhörern und d) einem Controller für eine Spielekonsole.
Seite 9: Eine ganze Seite Werbung für die Commerzbank. Zu sehen: eine Joggerin mit Smartphone-Kopfhörern in den Ohren.
Seite 23: EIGENWERBUNG. Eine Drittel-Seite für die digitale iPad/iPhone-Ausgabe des Spiegel. Zu sehen: ein iPad.
Seite 33: Werbung für Turkish Airlines. Zu sehen: Passagiere mit einem iPad, einer TV-Fernbedienung, einem Controller für eine Spielekonsole.
Seite 34: Zweidrittel-Seite Werbung für das neue iPad mit Retina Display. Zu sehen: zwei iPads.
Seite 41: EIGENWERBUNG für den Kinder-Spiegel.
Seite 47-51: EIGENWERBUNG für das neue Wissensmagazin „New Scientist“. Auf der Seite mit dem Bestellcoupon blicken 4 Kinder neugierig in einen Laptop. Thema: Online-Unterricht.
Seite 61: TA Triumph-Adler. Zu sehen sind Kopiergeräte und ein iPhone.
Seite 75: Werbung für die ZDF-Sendung „Der neue deutsche Bildungstest“ mit Jörg Pilawa.
Seite 79: Eine ganze Seite für das Nokia Smartphone Lumia 920.
Seite 89: Eine ganze Seite für den neuen Bang & Olufsen-Fernsehapparat Beovision 11.
Seite 103: EIGENWERBUNG für den Kultur-Spiegel. Auf einer Drittel-Seite wird die neue hochkarätige DVD-Serie Rockpalast vorgestellt.
Seite 109: Ganzseitige Werbung für das neue Windows Smartphone von htc.
Seite 111: Ganze Seite für SAP.
Seite 112: Eine Drittel-Seite Werbung für eine Radiosendung von NDR Kultur.
Seite 113: EIGENWERBUNG für den Karriere-Spiegel im Hörsaal.
Seite 116-117: Eine Doppelseite der Telekom. Zu sehen sind zwei junge Frauen mit einem iPad, auf dem wiederum die Onlineausgabe der „Welt“ zu sehen ist.
Seite 125: EIGENWERBUNG für den Kultur-Spiegel. Vorgestellt werden auf einer Drittelseite die großen Kinomomente auf DVD.
Seite 126-127: Doppelseite Spiegel-EIGENWERBUNG mit Aboprämien, darunter das iPad 4 und das iPad mini.
Seite 133: Zweidrittel-Seite EIGENWERBUNG für das Spiegel-Buch „Billionenpoker“.
Seite 137: Ganze Seite für IBM IT-Lösungen.
Seite 145: Ganze Seite für das Dell Ultrabook (Laptop).
Seite 151: EIGENWERBUNG. Eine Seite für das Manager Magazin und seine Digital-Ausgabe. Zu sehen: ein iPad.
Seite 153: Ganze Seite EIGENWERBUNG für das Spiegel-Kurzabo. Unter den Werbegeschenken nichts Gedrucktes.
Seite 154: Eine Drittelseite EIGENWERBUNG für den Harvard Business Manager und seine digitale Ausgabe. Zu sehen: ein iPad.
Seite 155: Ganze Seite Werbung für die digitale Ausgabe der Süddeutschen Zeitung, abgebildet sind ein Laptop und ein iPad.
Seite 156: Ganze Seite für die Ausgabe der „Welt“. Zu sehen ist ein „Leser“, der einen Laptop in der Hand hält.
Seite 161: Ganze Seite für das Handelsblatt.
Seite 162: Ganze Seite für die ARD-Themenwoche.
Seite 167: Eine ganze Seite EIGENWERBUNG für das Spiegel-Studentenabo. Unter den Werbegeschenken wieder nix zu lesen.
Seite 170: Eine Drittel-Seite EIGENWERBUNG für das Spiegel-Streitgespräch mit Hinweis auf den Livestream.
Seite 171: Eine ganze Seite für die digitale Ausgabe der FAZ. Zu sehen sind zwei iPads und ein iPhone.
Spiegel-Rückseite 176: Werbung für 1&1-DSL Internet- und Telefon-Flatrate.
Zur Ehrenrettung des Lesens muss man konstatieren, dass auf Seite 10 ein Mann ein geschlossenes Buch in der Hand hält und auf Seite 33 eine Frau eine Zeitschrift auf ihrem Schoß liegen hat (ohne allerdings darin zu lesen). Auf Seite 112 kann man einen Stapel Bücher an einem menschenleeren Strand liegen sehen (Strandgut?) und auf den Seiten 131 und 133 wird für zwei Bücher geworben. Die eigentliche Überraschung findet sich aber auf Seite 119: Dort studiert ein Bundeswehrsoldat in Uniform in einer Bibliothek intensiv in einem Buch! Er ist der einzige Leser von Gedrucktem in der gesamten Werbung des Heftes. Und auch bei den Werbegeschenken für Spiegel-Produkte gibt es nichts Gedrucktes – nur Kaffeebecher, Taschen, Uhren, Fahrradschlösser oder Glaswaagen.
Ich denke, die Printmedien sind schon weiter als sie es selber ahnen. Sie haben sich aufgegeben.
Crosspost
Auf langen Zugfahrten lese ich gern in abgehangenen SPIEGEL-Exemplaren. In der Petraeus-Ausgabe vom 19. November sind mir besonders die Anzeigen aufgefallen. Es gibt in ihnen nur einen einzigen Leser von Gedrucktem zu sehen. Einen Bundeswehr-Soldaten.
12 September 2012 um 12:27 • • permalink
Der US-Investor und neue Weltpolitiker George Soros rät den Deutschen in einem Spiegel-Essay, sie sollten die Führung Europas übernehmen. Damit das auch wirklich geschieht, schlägt er den Franzosen ein riskantes Manöver vor.
Vielleicht tun sich Ökonomen ja etwas leichter mit geopolitischen Überlegungen. Denn die Fettnäpfchen, in die sie dabei treten, machen ihnen nicht so viel aus. George Soros, der berühmte US-Investor, der das Image des Zockers durch seine vielfältigen Bemühungen um die Demokratisierung Osteuropas vergessen machen konnte, hat den Deutschen jetzt (ausgerechnet in Berlin!) vorgeschlagen, künftig als „wohlwollender Hegemon“ Europas aufzutreten, quasi als großzügiger und großmütiger Papa Schland.
Da wird mancher im Berliner Palais am Festungsgraben – wegen der schon etwas älteren deutschen Hegemonieversuche – nervös gehüstelt oder mitleidig geschmunzelt haben (in Joschka Fischers Gesicht meinte ich so etwas wahrzunehmen).
Soros’ Vorschlag ist (auf den ersten Blick) clever und trickreich über Bande gespielt. Er will, dass der von Deutschlands Politik geschundene „latin-block“ – also die Südstaaten Italien und Spanien unter Führung Frankreichs – Deutschland so unter Druck setzt, dass Angela Merkel ihre für ganz Europa schädliche Austeritäts-Politik ändern muss.
Die Südstaaten sollen den Deutschen klarmachen, dass sie ohne Deutschland viel besser mit dem Euro zurechtkämen als mit Deutschland – was Soros dann im Einzelnen belegt. Umgekehrt hätte Deutschland durch einen „Austritt“ aus dem Euro ein echtes Problem:
„Der gemeinsame Markt würde überleben, aber die relative Position Deutschlands und anderer Gläubigerstaaten, die den Euro möglicherweise verlassen, würde sich von der Gewinner- auf die Verliererseite verschieben. Diese Länder bekämen es auf ihren Heimmärkten mit harter Konkurrenz aus der Euro-Zone zu tun und obwohl sie vielleicht ihre Exportmärkte nicht verlieren würden, wären diese weniger lukrativ.“
Damit kommt Soros zur entscheidenden Frage seines geopolitischen Sandkastenspiels: Wie könnte man Deutschland möglichst glaubwürdig mit Isolation innerhalb Europas drohen? Vor allem: Wer wäre überhaupt in der Lage dazu? O-Ton Soros:
„Druck von außen könnte dies bewerkstelligen. Mit Francois Hollande als neuem Präsidenten ist Frankreich offenkundiger Kandidat als Verfechter einer alternativen Politik für Europa. Durch die Bildung einer gemeinsamen Front mit Italien und Spanien könnte Frankreich ein wirtschaftlich glaubwürdiges und politisch ansprechendes Programm vorlegen, um damit den gemeinsamen Markt zu retten und die Europäische Union als idealistische Vision wieder erstehen zu lassen, die die Vorstellungskraft der Menschen beflügelt. Die gemeinsame Front könnte Deutschland vor die Wahl stellen: führen oder austreten. Das Ziel wäre nicht, Deutschland auszuschließen, sondern seine politische Haltung radikal zu ändern.“
Leider, so Soros, sei Frankreich in einer ziemlich unangenehmen Situation. Denn es profitiere sehr stark vom Tandem mit Deutschland:
„Der relativ geringe Risikoaufschlag, den französische Staatsanleihen gegenwärtig aufweisen, ist fast ausschließlich dem Umstand der engen Verbindung Frankreichs mit Deutschland zu verdanken.“
Andererseits würden „die Märkte“ Frankreich äußerst misstrauisch beäugen:
„Die Vorteile, mit Deutschland in einem Boot zu sitzen, wenn sich in Europa eine ausgedehnte Depression breitmacht, dürften zugegebenermaßen trügerisch sein. Da die Bruchlinie zwischen Deutschland und Frankreich deutlicher hervortritt, dürften die Finanzmärkte Frankreich ungeachtet, ob es Deutschland treu bleibt oder nicht, einer Kategorie mit Italien und Spanien zuordnen. Die tatsächliche Wahl Frankreichs besteht also einerseits in einem Bruch mit Deutschland, um Europa zu retten und das Wachstum wiederherzustellen, oder, andererseits, vorzugeben, für eine begrenzte Zeit im Hartwährungsboot zu sitzen, nur um später über Bord geworfen zu werden. Sich auf die Seite der Schuldnerländer zu schlagen und sich der Sparpolitik entgegenzustellen, würde es Frankreich ermöglichen, seine Führungsrolle wieder einzunehmen, die es unter der Präsidentschaft Mitterands innehatte. Das wäre eine würdigere Position als die eines Beifahrers neben Deutschland. Dennoch würde es von Frankreich großen Mut erfordern, sich kurzfristig von Deutschland abzukoppeln.“
Aufgrund der ökonomischen Zwickmühle, in der sich Frankreich befindet, glaubt Soros nicht, dass die Regierungen Frankreichs, Italiens und Spaniens den Mumm aufbrächten, dieses gefährliche Spiel zu spielen. Schon gar nicht bei den europäischen Gipfeltreffen. Deshalb setzt Soros auf eine zivilgesellschaftliche Bewegung, im Grunde auf eine Revolte, die auf ein europäisches OccupyBerlin hinausliefe. Soros, der alte Fuchs, würde diesmal nicht gegen die Bank von England wetten, sondern gegen die deutsche Regierung.
„Die europäische Zivilgesellschaft, die Wirtschaft und die breitere Öffentlichkeit müssen mobilisieren und sich engagieren… In Deutschland träfe eine derartige Bewegung auf wohlwollende Reaktionen, denn die große Mehrheit im Land ist immer noch pro-europäisch eingestellt, steht aber unter dem Bann falscher fiskalischer und geldpolitischer Lehren…
Nur ein Schock würde Deutschland aus seinen vorgefassten Meinungen reißen und es zwingen, sich mit den Folgen seiner aktuellen Politik auseinanderzusetzen. Das könnte eine Bewegung, die eine brauchbare Alternative zur deutschen Vorherrschaft bietet, erreichen. Kurzum, die aktuelle Situation präsentiert sich wie ein Alptraum, dem man nur entrinnen kann, indem man Deutschland wachrüttelt und ihm die Irrtümer seiner gegenwärtigen Politik bewusst macht. Wir können hoffen, dass sich Deutschland, vor die Wahl gestellt, dafür entscheidet, wohlwollend zu führen, anstatt andernfalls Verluste zu erleiden.“
Das ist ein äußerst riskantes Spiel. Soros beweist mit seinem Vorschlag, dass er noch immer der coole Hasardeur ist, der er schon beim Abzocken der Bank von England war. Doch ökonomistische Spieltheorien können in der Politik leicht ins Auge gehen. Denn Soros’ Wunsch, Deutschland solle der „wohlwollende Hegemon“ Europas werden, könnte ebensogut schlafende Hunde wecken und nationale Vorurteile auf allen Seiten beflügeln. Würden die deutschen Eliten erst einmal spüren, dass sie von „feindlichen Südstaatlern“ umzingelt sind, die ein „niederträchtiges“ Anti-Deutschland-Spiel spielen, könnte der deutsche Hegemonieanspruch auch gänzlich ohne Wohlwollen auskommen. Dann würde die Alternative für Deutschland nicht mehr im Sinne von George Soros „Führen oder austreten“ heißen, sondern – wie vor 1914 – „Weltmacht oder Niedergang“.
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Der US-Investor und neue Weltpolitiker George Soros rät den Deutschen in einem Spiegel-Essay, sie sollten die Führung Europas übernehmen. Damit das auch wirklich geschieht, schlägt er den Franzosen ein riskantes Manöver vor.
27 August 2012 um 12:18 • • permalink
Google, Facebook, YouTube, iTunes, Amazon, Twitter – sie alle wollen weg vom Image des beliebig beschmierbaren Schwarzen Bretts. Zunehmend fühlen sie sich für „ihre“ Inhalte verantwortlich und bewerten, ordnen, filtern und hierarchisieren sie. So werden aus einst neutralen Dienstleistern allmählich Verleger neuen Typs.
Vor einiger Zeit habe ich die stille Verwandlung der klassischen Presseverlage in weitgehend presseferne Internet-Plattformen (Dienstleister) beschrieben. Das Echo war überwältigend. Heute möchte ich das Ganze einmal umdrehen und die stille Verwandlung der klassischen Plattformen (Dienstleister) in Verlage neuen Typs beschreiben. Denn beide Entwicklungen gehören zusammen – sie durchdringen einander. Wir wissen zwar noch nicht, welche Mischkonzerne und Multimediaplattformen aus diesen Kooperationen, Mesalliancen und Konvergenzen hervorgehen werden, aber eines zeichnet sich bereits ab: Die Reinform des Verlags ist ebenso passé wie die Reinform der Plattform. Beide lassen das Reinheitsgebot hinter sich und rackern sich ab auf dem Gebiet des jeweils anderen. Für postdemokratische Konzern-Manager ist es auch völlig egal, was sie ab morgen verkaufen, Hauptsache es funktioniert. Der personelle Austausch zwischen den alten Verlagen und den neuen Plattformen hat längst begonnen.
Zunächst aber ein paar Beispiele und Hinweise, wie sich die großen Plattformen YouTube, Google, iTunes, Facebook, Amazon und Twitter zu Verlagen neuen Typs entwickeln. Zwar gehört die Produktion von Medieninhalten noch nicht zu ihrem Kerngeschäft, aber der Weg dahin wird Stück für Stück geebnet.
I. Der beginnende Wandel
YouTube – Im April 2012 kündigte YouTube an, 200 Millionen Dollar in die Entwicklung professioneller Inhalte (und Kanäle) zu investieren. Das heißt, neue Video-Formate sollen extra für die Plattform produziert werden, und zwar nicht von twitternden Amateuren, sondern von etablierten und aufstrebenden Filmemachern und Fernsehprofis. Auch Organisationen (Unternehmen, NGOs, Vereine, Verbände oder Parteien) können Inhalte (also PR in eigener Sache) zuliefern (etwa Bayern München oder VW). Journalistische Standards werden bei diesen neuen „Fernsehsendern“ erst mühsam erkämpft werden müssen. Denn YouTube ist – wie die Plattform Hulu – in erster Linie eine Unterhaltungs- und PR-Plattform. So lange diese neuen Fernsehsender noch kein echtes „Vollprogramm“ anbieten können, arbeiten sie mit bestehenden Fernsehsendern – privaten und öffentlich-rechtlichen – zusammen. Das heißt, Kooperationen und Allianzen bilden die notwendige Zwischenphase des langfristig angelegten Integrations-, Verdrängungs- und Ablösungsprozesses der alten Medien.
Google – Der Mutterkonzern von YouTube unterstützt die Fernseh-Aktivitäten seiner aufgeweckten Tochter massiv, denn Google weiß, dass die Vorlieben und Vorgaben der zahlenden Werbeindustrie die schrittweise Ablösung der textlastigen Netzinhalte durch audiovisuelle Angebote erfordern. Der künftige Fernsehsender YouTube und das demnächst erwartete Google-TV, das auf der Basis des Betriebssystems Android und des Browsers Chrome Netzinhalte und Fernsehen miteinander verschmelzen will, werden das noch spärliche „Programmangebot“ mit Hilfe klassischer Fernsehsender und Medienkonzerne auffüllen. 20th Century Fox (die Film-Tochter der News Corporation) hat sich bereits als neuer Zulieferbetrieb angeboten. Google+ entwickelt ebenfalls “Programme”. Und die bei manchen Alt-Sendern noch vorhandenen Vorbehalte gegen die Plattformen werden spätestens dann bröckeln, wenn die Manager auf beiden Seiten aus dem gleichen Stall kommen. Die Mediendatenbank des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM) führt Google bereits auf der Liste der „50 größten internationalen Medienkonzerne“ (auf Platz 3!)
iTunes – Apple ist durch seine Plattform iTunes längst in den Rang eines Weltvertriebs aufgestiegen. Die Entwicklung des mobilen Betriebssystems iOS macht das Abonnieren von Inhalten kinderleicht – und so bleibt den meisten Inhalte-Produzenten bei Verkauf und Vertrieb nur noch die Wahl zwischen Apple und Google. Stück für Stück müssen die alten Medienplayer so die Oberhoheit über ihr altes Geschäftsmodell abgeben. Filme, Musik, Fernsehsendungen, Podcasts, Zeitschriften, Bücher – nichts läuft mehr ohne die Kontrolle des Gatekeepers iTunes. Und nicht nur die alten Verlage, Labels und Filmverleiher verkaufen über den iTunes-Store oder kooperieren mit ihm – die Urheber selbst entdecken den Store als ihren neuen Verlag: Schriftsteller, Filmemacher und Musiker können ihre Werke direkt über iTunes vermarkten. So verfolgt Apple – ähnlich wie der große Konkurrent Google – einen Strategie-Mix aus Kooperation mit dem alten System und brutaler Verdrängung des alten Systems. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann Apple auch mit der Erstellung oder Beauftragung von Medien-Inhalten Kasse macht.
Twitter – Erst jüngst hat sich Apple für die Netzwerke Facebook und Twitter interessiert. Warum? Weil Twitter gerade dabei ist, seine Image zu wechseln? Twitter möchte aus der text-basierten 140-Zeichen-Begrenzung ausbrechen und künftig mehr (werbe-vermarktungsfähige) Medieninhalte über seine Plattform anbieten. Bei den Olympischen Spielen gab es bereits erste Versuche in Form einer Kooperation mit der TV-Senderkette NBC (die zu Comcast und Universal gehört). Davor gab es – in kleinerem Rahmen – eine Zusammenarbeit mit MTV. Doch Twitter will nicht nur – wie immer wieder vermutet wird – dem großen Bruder Facebook nacheifern (um seine Nutzerdaten etwas gewinnbringender vermarkten zu können), Twitter plant neuerdings die Herstellung eigener Videoserien in Kooperation mit großen Hollywood-Studios. Intern nennt sich Twitter deshalb schon heute „ein medienorientiertes IT-Unternehmen“.
Amazon – Auch Amazon, vom Internet-Buchhändler zum globalen Versandhaus aufgestiegen, sieht aufgrund der rasanten Entwicklung der Tablet-Computer (iPad, Kindle Fire, Nook) die Chance, im Rahmen seiner Mediensparte erstmals in großem Stil in die Inhalte-Produktion einzusteigen (und zwar nicht nur mit Spielen). Wer Vertrieb und „Druckerpresse“ gleichzeitig kontrolliert (Kindle) und dazu noch die Vorlieben der Plattform-Nutzer in- und auswendig kennt, kann auch eigene Inhalte profitabel unter die Leute bringen. Amazon wird – wie die anderen Plattformen auch – die alten Verlage zunächst über Kooperationen anfixen, um sie dann, in einem zweiten Schritt, zu schlucken oder an die Wand zu drücken. Im Oktober 2011 kündigte der Mischkonzern Amazon erstmals an, mit 122 Neuerscheinungen als Literatur-Verleger aufzutreten. Amazon will den Verlagen aggressiv Autoren abwerben und sich mit großen Namen als Publikums-Verlag etablieren.
Facebook – Trotz ihres neurotischen Internet-Bashings sind viele Alt-Verlage längst auf Facebook vertreten, ja sie konkurrieren dort eifrig um die beliebteste Fanpage mit den meisten Likes. Facebook kontrolliert – wie Apple, wie Google, wie Amazon – über seine Upload- und Verknüpfungsregeln das Inhalteangebot. Sollte ein Facebook-Smartphone demnächst hinzukommen, kann der Konzern die Steuerung der Mediennutzung durch Social Apps noch perfektionieren: Deine Freunde erfahren sofort, was du liest, was du hörst, was du siehst. So verwandelt sich das soziale Netzwerk allmählich in eine Unterhaltungsplattform. Video-on-Demand gibt es bereits, Warner Brothers und BBC kooperieren ebenfalls, Universal und Paramount haben eigene Online-Videotheken bei Facebook installiert. Auch hier locken „Kooperationen“ das alte Mediensystem in den süßen Tod. Facebook wird – ähnlich wie Twitter oder YouTube – die Produktivität seiner riesigen Nutzergemeinde zunächst mit professionellen, publikumswirksamen Inhalten anreichern, bevor es zur Produktion und Vermarktung eigener Inhalte übergeht.
II. Eine Lobby für die neuen Verleger existiert bereits
Gemeinsam ist den kommenden Medienkonzernen nicht nur die zunehmende Verschränkung von Amateur- und Profi-Inhalten und die hemmungslose Vermengung von Unterhaltung und PR zu einem „Voll-Programm“; gemeinsam ist ihnen auch die Strategie, die eigenen Tanks zunächst aus dem riesigen Reservoir der weltumspannenden Netzwerke und aus den Archiven und Überschuss-Produktionen der klassischen Medienkonzerne zu füllen – bis man in der Lage ist, sich aus eigener Kraft und mit eigenen Produktionen in einen globalen Verlag neuen Typs zu verwandeln.
Da die Plattformen alle das gleiche Ziel verfolgen – die Ablösung der alten Verlags- und Medienmachtstrukturen – stehen sie nicht nur in erbitterter Konkurrenz untereinander, sie teilen auch sehr ähnliche Interessen. Nichts verdeutlicht dies besser als der im Juli 2012 gegründete gemeinsame Dachverband The Internet Association. Diese neue Lobby-Organisation soll die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen für die kommenden Plattform-Verlage verbessern helfen. Und so steht der rührigen Lobby der Altverleger erstmals eine ebenbürtige Lobby der Newcomer gegenüber.
III. Der tiefere Grund für den Wandel: das Recht
Nun könnten manche Kritiker einwenden, dass es Großunternehmen wie Apple, Facebook, Google, Amazon oder Twitter nicht nötig haben, sich auf ein derart unberechenbares, sensibles und anfälliges Geschäft wie Inhalte-Produktion einzulassen. Reichen ihnen nicht die Milliarden und Abermilliarden, die sie mit ihren „neutralen“ Dienstleistungen verdienen? Warum sollten sie sich auch noch eigene Inhalte antun?
Dafür gibt es einen einfachen Grund: Das Recht und die Rechtsprechung des alten Mediensystems zwingen sie dazu! Das strenge Urheberrecht, die Persönlichkeitsrechte, die Strafrechtsnormen ermuntern und drängen die Internet-Dienstleister dazu, sich in veritable Medienkonzerne zu verwandeln. Die Gerichte machen die „neutralen Diensteanbieter“ immer nachdrücklicher für die Bereitstellung der Inhalte verantwortlich (Störerhaftung, Verbreiterhaftung, Presserecht, Telemediengesetz, Strafrecht etc.). Die (Qualitäts-)Kontrolle der Inhalte – das Filtern, Bewerten, Ordnen, Hierarchisieren und Löschen – spielt also eine immer größere Rolle. Richter, Politiker, Journalisten fordern die Plattformen in schöner Regelmäßigkeit auf, sich wie ganz normale Verleger zu verhalten. Und die Plattformen finden das inzwischen gar nicht mehr so abwegig.
Die Tendenz von Plattformbetreibern, sich zur Verantwortung für die angebotenen Inhalte zu bekennen, zeigt sich etwa in den Debatten um die Klarnamenpflicht bei YouTube und Google+ oder in den verschärften Maßnahmen gegen Kommentar-Trolle, Spam und verbalen Extremismus. Auch die immer komplexeren Nutzungsbedingungen bei Facebook, YouTube und iTunes (deren Allgemeine Geschäftsbedingungen den AGB der klassischen Medienverlage zunehmend ähnlicher werden) belegen die Tendenz der Plattformen zu verstärkter Auswahl, Einordnung und auch dem, was man im Pressewesen Gatekeeping, Qualitätssicherung oder Zensur nennen könnte. Die permanente Pflicht zur Überprüfung der angebotenen Inhalte auf Rechtsverstöße oder auf „Verstöße gegen die guten Sitten“ führt dazu, dass die Plattformen (bzw. ihre verantwortlichen Vorstände) die klassische Verlegerrolle allmählich verinnerlichen.
Paradoxerweise schreien die Alt-Verleger gerade darüber Zeter und Mordio. Die Zeit räumte am 2. August ihre Titelseite frei, um über die „vier Sheriffs“ Apple, Facebook, Amazon und Google lauthals zu klagen. Die alarmrote Schlagzeile lautete: „Wie Facebook, Google & Co. die Welt zensieren.“ Im Vorspann heißt es voller Empörung: „Sie wollten die Menschheit freier machen. Inzwischen aber bestimmen sie, was wir hören, sehen und sagen sollen. Und keiner regt sich auf.“
Tja, liebe Alt-Verleger, möchte man darauf antworten, die Plattformen tun jetzt genau das, was ihr schon seit Jahrhunderten macht. Sie bestimmen als Verleger, was wir hören, sehen und sagen sollen. So erzwingt das Recht den Wandel der Internet-Plattformen zu Medienkonzernen und Verlagen neuen Typs.
Und die Ironie der Geschichte ist, dass sich ausgerechnet das Urheberrecht, das von den Alt-Verlegern mit Zähnen und Klauen verteidigt wird, als wirkungsvollster Verbündeter der Plattform-Industrie bei der Ablösung des alten Medien- und Verlagssystems erweisen wird.
Lesen Sie dazu auch den 1. Teil über die Verwandlung der traditionellen Verlage in moderne Plattformen: „Der bequeme Mythos von den angeblich innovationsunfähigen Verlagen“.
Im dritten und letzten Teil werde ich mich mit den Folgen dieses Strukturwandels befassen.
Crosspost
Google, Facebook, YouTube, iTunes, Amazon, Twitter - sie alle wollen weg vom Image des beliebig beschmierbaren Schwarzen Bretts. Zunehmend fühlen sie sich für „ihre“ Inhalte verantwortlich und bewerten, ordnen, filtern und hierarchisieren sie. So werden aus einst neutralen Dienstleistern allmählich Verleger neuen Typs.
14 März 2012 um 12:27 • • permalink
Vor ziemlich genau 50 Jahren hatten die jungen deutschen Filmemacher die Nase voll von der Selbst-Lähmung des deutschen Films. Die herrschenden Strukturen ermöglichten nur noch seichte Produktionen (Edgar Wallace, Karl May, Heimat- und Schlagerschnulzen), der Anteil deutscher Qualitätsfilme in den „Lichtspieltheatern“ ging immer weiter zurück. Der deutsche Film war auf seinem kulturellen und wirtschaftlichen Tiefpunkt angelangt.
Deshalb taten sich eine Handvoll ehrgeiziger junger Filmemacher zusammen (sie hießen Schlöndorff, Wenders, Herzog, Hauff, Reitz, Kluge, Fassbinder, Bohm oder Geißendörfer), verfassten geharnischte Erklärungen zur desolaten Lage der Branche (Oberhausener Manifest, später Hamburger Erklärung) und forderten eine zukunftsweisende öffentliche Förderung für zeitgemäße alternative Projekte. Selbstbewusst vertraten sie den Neuen Deutschen Film, auf dessen Langzeitwirkungen wir noch immer stolz sein können.
Im Netz finden wir derzeit eine ähnliche Situation vor wie zu Beginn der sechziger Jahre. Viele unabhängige Webseiten darben und werden aufgrund ihrer mangelnden Finanzierung billiger und seichter oder verschwinden ganz vom Markt. Gleichzeitig drängen die überkommenen oligarchischen Medienstrukturen immer stärker ins Netz. Kleine, unabhängige Netzmedien können in dieser Zwickmühle nicht wirklich erfolgreich sein, obwohl sie das kreative Potential zur Erneuerung und Erweiterung der Netzöffentlichkeit haben. Es wäre für die entstehende digitale Gesellschaft fatal, die weitere Entwicklung nur dem (vermachteten) Markt, also den großen internationalen Geräteherstellern, den Medienmischkonzernen und den globalen Plattformbetreibern zu überlassen.
Deshalb sollten sich die unabhängigen Blogs, die Online-Magazine, Autoren-Plattformen, YouTube-Filmer und Webkünstler ein Vorbild an jenen Filmemachern der sechziger Jahre nehmen und eine öffentliche Förderung unabhängiger deutscher Netzmedien fordern. Voraussetzung wäre, dass sie ihr gemeinsames Anliegen und dessen Dringlichkeit erkennen und eine hinreichende Organisationsfähigkeit an den Tag legen. Dies war auch damals die Voraussetzung: Die nicht gerade zu Organisation und Gremienarbeit neigenden Filmemacher taten sich zusammen, obwohl weder Schlöndorff noch Wenders noch Fassbinder noch Hauff große Lust auf Vereinsmeierei hatten. Sie wollten „eigentlich nur Filme machen“.
Im Wendejahr 1968 trat dann das erste bundesdeutsche Filmförderungsgesetz (FFG) in Kraft. Es bildete die rechtliche Grundlage für die Einrichtung einer Filmförderungsanstalt (FFA). Diese – eine Bundesanstalt des Öffentlichen Rechts – wurde ermächtigt, von den Filmtheaterbetreibern, den Videoprogrammanbietern und den Rundfunkanstalten eine Filmabgabe zu erheben, aus deren Mitteln förderungswürdige Produktionen bezuschusst wurden. Besonders wichtig war in diesem Zusammenhang das Film- und Fernsehabkommen von 1974, das die Filmförderung seitens der Rundfunkanstalten ausbaute und verstetigte.
Doch schon bald setzten sich erneut (mit Hilfe des damaligen Innenministers Friedrich Zimmermann) die überkommenen Strukturen durch, und ein Großteil der Fördermittel floss an den unabhängigen Filmemachern vorbei in die Produktionstöpfe der Etablierten.
Also rotteten sich die (nicht mehr ganz so) jungen Filmemacher wieder zusammen und gründeten regionale Filmbüros als eingetragene Vereine, etwa das Filmbüro Hamburg oder das Filmbüro Nordrhein-Westfalen. Aufgrund der intensiven Lobbyarbeit der Büros beschlossen die Landesparlamente schließlich eigene, vom Bund unabhängige kulturelle und wirtschaftliche Filmförderungsmaßnahmen.
Aus diesen beiden Strängen – den privaten Initiativen (Filmbüros) und den parlamentarischen Reaktionen (Filmfonds) – erwuchsen Tochterfirmen, die z.B. städtische Filmfestivals ausrichteten und Gelder an Filmemacher ohne komplizierte Bürokratie verteilten. Auch die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten beteiligten sich nach und nach an der regionalen Förderung.
Mit der erfolgreichen Filmförderung als Vorbild ließe sich heute ein „Netzmedien-Fördergesetz“ (NFG) entwickeln, das Provider, Speichermedienhersteller und Rundfunkanstalten verpflichtet, die Entwicklung innovativer, unabhängiger und qualitativ hochwertiger Netzmedien zu fördern. Auf der regionalen Ebene könnten „Netzbüros“ und „Netzfonds“ diese Aufgabe übernehmen und/oder ergänzen. Denn eins ist sicher: Die gesellschaftlich erwünschte Vielfalt der Kultur braucht andere Startbedingungen als sie heute auf dem weitgehend freien vermachteten Markt vorzufinden sind.
Kleine, unabhängige Netzmedien haben es schwer, sich im World Wide Web zu behaupten. Eine Förderung, wie sie die Filmemacher ertrotzt haben, ist hierzulande überfällig.
2 Februar 2012 um 10:47 • • permalink
Apple hat inzwischen 100 Milliarden Dollar in der Portokasse. Doch letztlich wird es der göttlichen Firma so gehen wie Rockefellers Standard Oil Company.
Was wir heute mit der von der Digitalisierung voran getriebenen Monopolisierung marktbeherrschender Branchen erleben (siehe Apple), lief so ähnlich bereits vor 100 Jahren ab. Damals waren es die Öl- und Stahlgiganten, die sich durch Preisabsprachen mit der aufstrebenden Transportindustrie (Eisenbahnen!) einen uneinholbaren Vorteil verschafften und den Markt zu erdrosseln drohten. Diese Phase des Turbo-Kapitalismus ist vor allem mit dem Namen Rockefeller verbunden. Die von John D. Rockefeller 1870 gegründete Standard Oil Company kontrollierte nach wenigen Jahrzehnten die gesamte Öl-Verwertungskette und beherrschte 70 Prozent des Weltmarkts.
Apple könnte Ähnliches gelingen.
Am 2. Juli 1890 wehrte sich die Politik zum ersten Mal gegen die Auswüchse dieses Monster-Kapitalismus. Und zwar aus Angst vor den Linken, die immer größeren Zulauf erhielten. Am 2. Juli 1890 wurde der „Sherman Antitrust Act“ vom Repräsentantenhaus einstimmig (!) verabschiedet – es war die erste Anti-Monopol-Gesetzgebung der USA.
Der einflussreiche republikanische (!) Senator John Sherman, Rechtsanwalt und Sohn eines Richters am Obersten Gerichtshof, wollte mit diesem Gesetz der sozialistischen Agitation den Wind aus den Segeln nehmen. Doch das Gesetz wurde gar nicht angewandt. Es war ein reines Schaufenstergesetz.
Bis die investigative Journalistin Ida Minerva Tarbell durch ihr zähes „Muckraking“ wieder Leben in die Debatte brachte. Die berühmte Reporterin recherchierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die schier unglaubliche Geschichte des kometenhaften und nicht gerade feinen Aufstiegs von John D. Rockefeller, dem reichsten Mann der Welt. Ermöglicht hatte die drei Jahre (!) dauernde Recherche (zähneknirschend) der nicht ganz so reiche Verleger McClure von McClure’s Magazine. Tarbells Magazin-Serie wurde ein Riesenerfolg. 1904 erschien sie als Buch: „The History of the Standard Oil Company“ – ein Megaseller. (Heute hätte sich John D. Rockefeller vermutlich – wie Steve Jobs – eine autorisierte Biographie ‚schreiben lassen’. So viel zum Stand des Qualitäts-Journalismus!).
Das Thema Trusts und Marktmacht ließ die Öffentlichkeit nun nicht mehr los. Am 8. November 1906 eröffnete die US-Regierung unter Präsident Theodore Roosevelt ein Verfahren gegen Standard Oil nach dem Sherman Antitrust Act. Und nach fünfjährigem Prozess führte ein Spruch des Obersten Gerichtshofs am 5. Mai 1911 zur Entflechtung des Ölgiganten.
Die Ironie dabei: Als die Aktienkurse nach der Entflechtung in den Keller rauschten, kaufte Rockefeller die billiger gewordenen Papiere auf und wurde erst so richtig zum Krösus. (Denn die Erfindung des Automobils und der Erste Weltkrieg ließen die Nachfrage nach Öl extrem ansteigen).
So weit die Vergangenheit. Heute ist der Apple-Konzern – in Verbindung mit der aufstrebenden Transportindustrie des Internets – auf dem besten Wege, die damalige Erfolgsgeschichte zu wiederholen. Apple beherrscht die digitale Wertschöpfungskette und wird eines Tages den Weltmarkt beherrschen. Die Politiker werden Gesetze gegen das Monopol beschließen, aber die Gesetze werden ins Leere laufen – bis der Druck so groß ist, dass man Apple entflechten muss (wie auch Google, Facebook und Amazon).
Nur eines wissen wir heute noch nicht: Ob die wahre Geschichte vom Aufstieg des reichsten Mannes der Welt auf einem MacBook oder einem iPad geschrieben wird.
Lektüreempfehlung: The human costs of an iPad (New York Times)
Apple hat inzwischen 100 Milliarden Dollar in der Portokasse. Doch letztlich wird es der göttlichen Firma so gehen wie Rockefellers Standard Oil Company.
26 Januar 2012 um 11:55 • Kommentare deaktiviert • permalink
Um die Kulturflatrate aka Kulturwertmark ist es still geworden. Doch die Flatrate-Idee lebt. In Osteuropa. Kann das slowakische Modell auch hierzulande Schule machen?
Knapp drei Euro kostet es in der Slowakei, rund ein Dutzend Medien „exklusiv“ einen Monat lang zu lesen. Erfunden hat das Flatrate-System – eine gelungene Mischung aus App, Abo und Pay Wall – Thomás Bella. Seine Firma Piano Media organisiert die Flatrate so ähnlich wie Apple iTunes oder iBooks. 30 Prozent der Einnahmen verbleiben als Provision bei Piano Media, die restlichen 70 Prozent werden gemäß der Zeit, welche die Nutzer auf den Webseiten verbringen, an die angeschlossenen Medien ausgeschüttet.
Für traditionelle Medienhäuser (aber auch für bestimmte Blog-Zusammenschlüsse) wäre das ein gangbarer Weg. Sie hätten endlich ihr lange erhofftes Bezahlsystem und würden die frei im Netz surfenden Nutzer nicht länger mit larmoyantem Peanuts-Gejammere nerven. Springer könnte eine Springer-Flatrate einführen, Burda eine Burda-Flatrate und Gruner & Jahr eine G+J-Flatrate. Man könnte eine Feuilleton-Flatrate organisieren oder eine Sportflatrate, eine Talkshow-Flatrate oder einen Comedy-Kanal. Kabelfernsehen und Pay-TV funktionieren nicht anders.
Das Piano-Payment-System wäre der Mittelweg zwischen der Generallösung, das komplette Web-Angebot per Super-Flatrate abzugelten und der gescheiterten Micropayment-Hoffnung, jeden einzelnen Artikel per Mausklick honorieren zu lassen. Man hätte mit den Bündel-Flatrates überschaubare Angebots-Einheiten, und die interessierten Leser, Zuschauer oder Hörer würden nicht mit Einzel-Kaufentscheidungen überlastet.
Das Piano-System scheint in der Slowakei gut zu funktionieren. So gut, dass es exportiert wird. In Slowenien schlossen sich acht Tageszeitungen, drei Wochenmagazine und ein Webportal unter einem gemeinsamen Dach zusammen. Dort bekommt man für knapp fünf Euro im Monat (bzw. für knapp 50 Euro im Jahr) Zugang zu einer ganzen Palette slowenischer Medien.
Aber Slowenien ist nur ein kleiner Sprachraum. Wie die Slowakei. Funktioniert das System ausschließlich in solchen Nischen? Oder warum wird hierzulande nicht über ein Bezahl-System diskutiert, das bereits im vergangenen Sommer durch die englischsprachigen Medien ging? Weil damit das geforderte Leistungsschutzrecht überflüssig wäre?
Diesmal als Crosspost von Carta
Um die Kulturflatrate aka Kulturwertmark ist es still geworden. Doch die Flatrate-Idee lebt. In Osteuropa. Kann das slowakische Modell auch hierzulande Schule machen?
20 Januar 2012 um 13:53 • • permalink
Es ist der Kampf des Jahrhunderts. Die Content-Industrie (King Kong) ringt mit der Plattform-Industrie (Godzilla) um die Vorherrschaft. SOPA, PIPA und ACTA sind wichtige Waffen dabei.
In der Waffenindustrie gilt die zynische Regel: Je größer die Vernichtungskraft einer Waffe, desto harmloser ihr Name. Die Bombe für Hiroshima hieß deshalb „Little Boy“. Bei einschneidenden Gesetzen ist das so ähnlich.
SOPA, PIPA und ACTA klingen erst mal süß. Doch bei SOPA, PIPA und ACTA geht es um die profitabelste Zukunftsbranche der Welt. Nicht einmal die Auto-Industrie kann derart traumhafte Umsätze erreichen. Immaterielle (also digital gespeicherte) Güter und die mit ihnen verbundenen Nutzungsrechte sind die Goldgrube des 21. Jahrhunderts.
Nur deshalb wird der Kampf um die Vorherrschaft auf dem Weltmarkt mit derart harten Bandagen geführt. Nur deshalb werden Heerscharen von Lobbyisten eingesetzt, Regierungen erpresst, Geheimabkommen ausgearbeitet und drakonische Strafen angedroht.
Das letzte Aufbäumen der Inhalte-Industrie?
Die derzeit laufenden ‚Verhandlungen’ über ACTA, PIPA und SOPA zeigen, dass die alte Content-Industrie ihre Interessen und Reviere mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die aufstrebende Plattformindustrie verteidigen wird. Die Fronten sind unversöhnlich, trotz aller Gespräche hinter den Kulissen, trotz aller Vermittlungsversuche und Deeskalationsmaßnahmen. Am Ende des Kampfes wird es einen klaren Verlierer geben – oder eine Blutsbrüderschaft zwischen Godzilla und King Kong.
King Kong – das ist die Content-Industrie. Das ist Hollywood, das ist Walt Disney, Universal Music, News Corporation, Viacom, Sony, Bertelsmann, Springer etc.pp. Godzilla – das sind die Plattformbetreiber. Das sind Apple, Facebook, Google/YouTube, Ebay, Amazon usw.
King Kong lebt davon, dass die Menschen für die Nutzung der Inhalte bezahlen – und zwar jeder einzelne von ihnen. Godzilla lebt davon, dass die Menschen nach den Inhalten von King Kong Ausschau halten oder diese empfehlen bzw. verwenden. Ob sie dafür bezahlen, interessiert Godzilla nicht. Deshalb will Godzilla auch nicht, dass die Menschen überwacht werden (und die Menschen denken: Was für ein gutes Monster!). Denn Godzilla mag es, wenn möglichst viele Menschen kommen, um Ausschau nach King Kongs Produkten zu halten oder mit ihnen zu spielen. Godzilla lebt von der Zahl der Besucher und von den Daten, die sie dabei hinterlassen.
Nun möchte King Kong Godzilla (auf dem Umweg über die Provider) rechtlich verpflichten, ein Auge auf King Kongs Produkte zu haben, und alle Menschen zu melden oder auszusortieren, die nicht an King Kong bezahlen. Godzilla hat keine Lust zu dieser Überwachung, weil ihm die Menschen, die nicht an King Kong zahlen, genauso willkommen und nützlich sind wie die, die bezahlen. Die Interessen des einen schmälern also das Geschäftsmodell des anderen.
Der alte King Kong ist darüber so erbost, dass er die ihm fremde Internet-Welt lieber kaputt haut, als sich künftig mit kleineren Profiten zu begnügen. Er möchte, dass Godzilla ihm dient, doch Godzilla denkt nicht daran. Denn Godzilla hat wesentlich mehr Kohle.
Eines Tages wird Disney zu einer Sparte von Apple
Früher, als das Internet noch nicht existierte, wurden die Drucker der Zeitungen so reich, dass sie auch die Presse, die sie druckten, irgendwann kaufen konnten. Heute werden die Plattformbetreiber so reich, dass sie die Hersteller der Inhalte, die auf diesen Plattformen laufen, aus der Portokasse erwerben können. Und sie werden das eines Tages auch tun, weil sie von der Inhalte-Industrie dazu animiert werden.
Die Plattformbetreiber werden eines Tages sagen, ihr geht uns mit eurem Inhalte-Geschrei und eurem Scheiß-Urheberrecht so auf die Nerven – wir kaufen euch jetzt, damit ihr endlich die Klappe haltet! Dann wird aus Disney eine Sparte von Apple und aus der News Corporation eine Unterabteilung von Google oder Facebook. Schon heute wandeln sich ja manche Content-Anbieter durch Zukäufe in halbe Internet-Plattformen (siehe Springer Verlag) und manche Internet-Plattformen entfalten mehr und mehr verlegerische Content-Aktivitäten.
Wenn die Plattformindustrie die Content-Industrie eines Tages integriert, wird es auch ein neues Urheberrecht geben. Dann allerdings (das wage ich zu prophezeien) werden die Forderungen an eine Lockerung des Urheberrechts sehr viel moderater ausfallen als heute, denn dann geht es ja um die eigenen Profite.
Auf welcher Seite stehen wir?
Das Management der Content-Industrie, das heute so lautstark die Beachtung der Urheberrechte einfordert, braucht nach seiner Eingemeindung durch die Plattform-Industrie wahrscheinlich gar nicht gewechselt zu werden, denn es wird sich den neuen Eigentümern schneller anpassen als wir denken können. Die Blutsbrüderschaft zwischen King Kong und Godzilla wird aber unangenehme Internet-Monopole erzeugen, die den Nutzern am Ende mehr schaden als die heutige Konkurrenzsituation. Dies sollten die Netz-Experten bedenken, die mit ihrer Forderung nach einem „zeitgemäßen“ Urheberrecht glauben, sie würden reinen Herzens die Interessen der Nutzer vertreten, während sie doch (vielleicht ohne es zu wollen) die Interessen von Plattform-Giganten bedienen. Und die Gewerkschafts-Experten, die reinen Herzens dem Rechtebesitz und der Rechtedurchsetzung der Content-Industrie das Wort reden, sollten sich im Klaren darüber sein, dass es der Content-Industrie nicht um den Schutz der Urheber geht, sondern um den Schutz der umfassenden Nutzungsrechte, die die Urheber an sie abtreten mussten.
Update 24.1.: Im dradio spricht Till Kreutzer über den “Kampf der Kulturen” und darüber, dass sich King Kong und Godzilla mal zusammensetzen sollten (wg. Blutsbrüderschaft?)
Es ist der Kampf des Jahrhunderts. Die Content-Industrie (King Kong) ringt mit der Plattform-Industrie (Godzilla) um die Vorherrschaft. SOPA, PIPA und ACTA sind wichtige Waffen dabei.
1 Januar 2012 um 18:03 • • permalink
Während sich die Kleinkrämer unter den Kommentatoren noch darüber aufregen, dass sich die Adabeis der Gesellschaft zinsgünstige Kredite sichern, klotzt die EZB mal eben eine halbe Billion Euro zu Vorzugskonditionen in den Markt.
Gut, es war nur ein Traum. Ich betrat die Bank meines Vertrauens und sagte zur netten Kundenberaterin: Nette Kundenberaterin, mich beschleicht so ein leises Gefühl, dass meine Freunde, die zur Zeit etwas klamm zu sein scheinen, dringend frisches Geld benötigen. (Christine Lagarde, sagte ich, hätte mir das geflüstert.) Ich möchte meinen Freunden aber kein Geld mehr leihen, weil ich es eventuell nicht mehr zurück bekomme und sicher auch bald für mich selber brauche: als Rücklage für schlechtere Zeiten. Da sagte die nette Kundenberaterin: Machen Sie sich mal keine Sorgen, Herr Michal, wir schütten einfach ein paar Milliarden an Sie und Ihre Freunde aus, zu einem sensationell niedrigen Zins, dann können Sie und Ihre Freunde sich ohne Bedenken wieder untereinander vertrauen. Und wenn Sie den Leuten dann Geld leihen – sagen wir zu drei oder vier Prozent Zinsen – dann machen Sie sogar noch ein gutes Geschäft dabei. Ohne Gegenleistung. Einfach so.
So leicht ist Geldverdienen heute in Europa (für bestimmte Kreise): In der hektischen und nachrichtenarmen Vorweihnachtszeit, als viele Bürger weder Zeit noch Lust hatten, sich über system-relevante „Begünstigungen im Amt“ zu erregen, schob die freundliche (italienisch geführte) EZB mal eben Billig-Kredite in Höhe von 489 Milliarden Euro über den Tresen und sagte zu ihren (italienischen) Freunden: Liebe Freunde der italienischen Oper, es ist ja bald Weihnachten, bedient euch. Und die Freunde der italienischen Oper bedienten sich. Sie stopften sich die Taschen mit dicken Geldbündeln voll, denn der von der EZB verlangte Weihnachts-Zins betrug (!) nur lächerliche 1 Prozent!!! Wäre Christian Wulff da mal eher drauf gekommen, dann hätte er nicht diese Horrorzinsen von 2,1 Prozent für seinen „rollierenden Geldmarktkredit“ an die freundliche BW-Bank zahlen müssen (oder – wie ich – 16,5 Prozent Dispo-Zins bei meiner freundlichen Volksbank).
Der Unterschied – wir wissen’s längst – liegt in der Größenordnung. Die Größenordnung ist sakrosankt, und kein Politiker hat es in den letzten drei Jahren vermocht, an der Größenordnung auch nur zu rütteln. Finanzmarktregulierungen? Ich bitte Sie! Eher werfen die europäischen Regierungen ihr Europaprojekt auf den Müllhaufen der Geschichte als die wahre Größe einer Bank anzuzweifeln. „Too big to fail“ braucht keine Regeln, es setzt sämtliche Regeln außer Kraft. Sonst fliegt uns alles um die Ohren, sagen die Finanzexperten. Und die müssen es ja wissen. Also wird seit drei Jahren nach dem gleichen (japanischen) Rezept verfahren: Noch mehr Geld in die Finanzmärkte pumpen, zu einem noch niedrigeren Zinssatz. Das nützt niemandem – außer den Banken. Die nächste Geldverschwendung auf Staatskosten, pardon, die nächste Rettungsaktion wird dann wohl lauten: 5 Billionen Euro zu 0,25 Prozent Zinsen auf fünf Jahre. Höchstwahrscheinlich geht es dann um Frankreich. Nimmt jemand schon Wetten entgegen!?
Es gibt – sagen die meisten Experten – keine Alternative zur systemimmanenten Freunderlwirtschaft: Die Banken leihen sich von der EZB Geld zu einem Zinssatz von 1 Prozent und kaufen damit Staatsanleihen, die drei oder sechs oder acht Prozent Rendite abwerfen. Ein echtes Risiko besteht bei diesem Geschäft nicht, denn die Bürger Europas garantieren den Zinsgewinn der Banken dadurch, dass sie die „Sparanstrengungen“ ihrer nationalen Regierungen (in Form von Mehrwertsteuer-Erhöhungen, Renten- und Sozialkürzungen) akzeptieren. Was bankseits für die Staaten teurer wird (= höhere Staatsverschuldung), wird auf Bürgerseite durch Steuererhöhungen und Einsparungen wieder hereingeholt. Die Banken wissen also: Ihre überteuerten Kredite werden auch dann zurückgezahlt, wenn dafür eines Tages acht, zehn oder zwölf Prozent Zinsen fällig werden. Notfalls müssen halt die Kinder und Kindeskinder der Bürger die Zeche bezahlen. Das heißt: Die nette EZB beteiligt sich mit ihrer Billigkredit-Schwemme aktiv an der Plünderung der Einkommen und der Ersparnisse der Bürger und schenkt den befreundeten Banken leistungslose Gewinne anstatt den Staaten (und damit uns allen) das Geld direkt für 1 Prozent Zins zu leihen.
Diese systemrelevante Freunderlwirtschaft steht allerdings nicht wochenlang in den Schlagzeilen (wie der böse Wulff), und keine Heerschar von Kommentatoren arbeitet sich an der verqueren Moral der Bankenalimentierung ab. Moral taugt hierzulande nur für begreifbare Beträge. Bei einer halben Billion Euro schaut man nicht mehr so genau hin.
P.S. Gewiss werden mir besonders kluge Köpfe jetzt vorwerfen, ich würde Äpfel (EZB-Kredite) mit Birnen (Wulff-Kredite) vergleichen. Da ich dieses Argument für ziemlich billig halte, verleihe ich es zu Sonderkonditionen von 0,1 Prozent an jedermann.
Update 2.1.: Andere Häuslebauer fragen inzwischen die BW-Bank, warum sie nicht auch so supergünstige Kredite bekommen wie der Christian Wulff. Damit bekommt die Empörung eine sinnvolle ökonomische Dimension.
Während sich die Kleinkrämer unter den Kommentatoren noch darüber aufregen, dass sich die Adabeis der Gesellschaft zinsgünstige Kredite sichern, klotzt die EZB mal eben eine halbe Billion Euro zu Vorzugskonditionen in den Markt.
24 Dezember 2011 um 11:46 • • permalink
Natürlich ging es 2011 auch noch um andere wichtige Themen – um die Krise Europas z.B. oder den Arabischen Frühling. Doch die oben genannten „Big Five“ fanden auf dieser Seite das meiste Interesse.
Liebe Leserinnen, liebe Leser und Kommentatoren,
die wilden Springer-Boys brettern ungeniert auf ihren schweren Harleys durch die Medienlandschaft, die FAZ stellt die Systemfrage, die Leitmedien fordern mehr Anstand und Moral in der Politik, im freien Netz macht sich Erschöpfung breit und die SPD demonstriert auf ihren Parteitagen, warum sie schon drei verwandte Parteien (Grüne, Linke, Piraten) neben sich dulden muss. Es waren diese Themen, die Sie im abgelaufenen Jahr am meisten interessierten:
1. Die fabelhaften Springer-Boys
2. Rückt die FAZ nach links? Oder gibt das Feuilleton nur den Klassen-Clown?
3. Wulff muss weg!! Über die moralische Radikalisierung der Öffentlichkeit
4. Burnout im Netz?
5. Die SPD und ihre innere Haltung zur Vorratsdatenspeicherung. Ein Lehrstück
Vermutlich werden uns diese Themen auch im kommenden Jahr beschäftigen. Wie können, sollen und werden sich Medien, Politik und Internet zueinander verhalten? Welche Umbrüche und Entwicklungen sind erkennbar? Und welche Prophezeiung wird sich als richtig erweisen: Die der Maya (Weltuntergang 2012), die der Leitartikler (Euro am Abgrund) oder die der Nerds (iPad 4 mit drei Kameras und einem USB-Anschluss)?
Ich wünsche Ihnen frohe Festtage, ausreichend Zeit zum Vor-sich-hin-Schildkröteln und einen sicheren Rutsch ins neue Jahr.
Ihr Wolfgang Michal
Natürlich ging es 2011 auch noch um andere wichtige Themen – um die Krise Europas z.B. oder den Arabischen Frühling. Doch die oben genannten "Big Five" fanden auf dieser Seite das meiste Interesse.