Wozu überhaupt noch Medienkritik?

21 Januar 2016 um 11:19 • 10 Kommentarepermalink

Mit der Medienkritik steht es nicht zum Besten. Sie arbeitet sich an Nebensächlichkeiten ab, neigt zu sarkastischer Nörgelei und zweifelt an ihrer Bedeutung. Das müsste nicht sein.

 

Nach den großen Medienaufwallungen des ersten Halbjahres 2015 (Charlie Hebdo und Germanwings) schrieb der wohl bekannteste deutsche Medienjournalist, Stefan Niggemeier, einen nachdenklichen und selbstkritischen Beitrag über das „folgenlose“ Schaulaufen der Medienkritiker in ihren Hamsterrädchen. Immer wieder, so Niggemeier, äußerten Medienkritiker die gleiche Kritik, ohne dass sich an den Medien etwas ändere. Und der Journalist Alan Posener schrieb sarkastisch: „Es ist schlimm genug, Journalist zu sein. Aber Medienjournalist! Von dem Kakao muss man nicht auch noch trinken.“

Offenbar wird die journalistische Spezialdisziplin Medienkritik von den Medien-Machern als belanglos, ja als weltfremd empfunden. Und da sie außer einigen Expertenkreisen und Filterbubbles niemanden erreicht, müssen die Medien ihre Kritiker auch nicht besonders ernst nehmen. Hinzu kommt, dass die Gesellschaftskritik, die gern das große Ganze im Blick hat, ihre kleine Schwester Medienkritik oft verächtlich „selbstreferentiell“ nennt, obwohl sie wissen müsste, dass die Kritik seit der Aufklärung nie etwas anderes war als das „Reden einer Gesellschaft über sich selbst“.

 

Anzeichen von Resignation

Die Ignoranz der Medienmacher und die Arroganz der Welterklärer wären für die Medienkritik vielleicht noch verkraftbar. Aber im vergangenen Jahr geriet sie auch in den eigenen Reihen in Erklärungsnot. Am 29. März 2015 schrieb der Fernsehkritiker Hans Hoff angesichts der medialen Ausbeutung der Germanwings-Katastrophe, man könne als Medienjournalist eigentlich nur noch hinschmeißen:

„Ich möchte mich verabschieden vom Journalismus. Er war mir jahrzehntelang ein treuer Weggefährte. Er gab mir Halt, er zimmerte mir Leitplanken, die dafür sorgten, dass ich nicht vom Weg abkam. Ich konnte mich geborgen fühlen als Journalist, aufgehoben in einem Ordnungssystem, das für Werte stand. Zu diesen Werten bekannte sich die Mehrheit meiner Kollegen, weshalb ich es als ehrenhaft empfand, mich als Journalist bezeichnen zu dürfen.

Das ist vorbei. Nicht erst seit den Ereignissen der vergangenen Woche. Es ist schon länger vorbei. Ich hätte das schon lange sehen können, aber ich wollte es nicht wahrhaben. Der Journalismus, so wie ich ihn kennen- und schätzen gelernt habe, existiert nicht mehr. Journalismus ist nurmehr ein hohles Gefäß, in das jeder füllt, was er mag oder was er meint, im Auftrag seiner Nutzer einfüllen zu müssen…“

Am gleichen Tag konstatierte Stefan Niggemeier, die Medienkritik sei zu einem leeren Ritual verkommen:

„Das Erste ist das zwischen Müdigkeit und Verzweiflung schwankende Gefühl eines Medienkritikers, wie sinnlos sein Tun ist. Mitansehen zu müssen, wie all das an der Berichterstattung, was schon nach der letzten Katastrophe und der vorletzten als problematisch erkannt worden ist, wieder passiert; wie alle Fehler und Grenzüberschreitungen immer wieder von Neuem gemacht werden müssen; wie jeder Appell zur Zurückhaltung, zur Vorsicht, scheinbar wirkungslos verhallt ist. Es ist anscheinend auch egal, ob sich gerade erst herausgestellt hat, dass man sich am Tag zuvor hoffnungslos verspekuliert hat – man rennt nun ohne Innehalten mit demselben Schwung in die neue Richtung…

…Hinzu kommt noch der Eindruck, selbst Teil eines Rituals zu sein: So wie zu jeder Katastrophe das Ausschlachten des Opferleids durch die „Bild“-Zeitung gehört, so gehört auch die Empörung darüber durch Medienkritiker dazu. Man ist Teil des ganzen Erregungs- und Empörungszyklus, spielt seine Rolle, berechenbar, erwartbar, womöglich entbehrlich…

„Die Entrüstung über journalistische Fehlleistungen wird Teil der Aufführung“, schreibt der Münchner Medienethik-Professor Alexander Filipović auf den Seiten des Netzwerkes Medienethik: „Medienkritik im Modus der Empörung oder Verachtung ist nicht hilfreich. Sie wird damit selbst zum Element einer von ihr kritisierten Medienwelt.“

Die Feststellung des Medienethik-Professors trifft freilich nicht nur auf den „Modus der Empörung“ zu, sie kennzeichnet das generelle Problem der Medienkritik: Diese kommt über das Stadium des Hofnarren nicht hinaus. Sie führt eine Nischenexistenz und hat sich in dieser Nische eingerichtet. Als nörgelnde Couch-Potatos leiden die Medienkritiker an der wachsenden Diskrepanz zwischen der rapide zunehmenden Bedeutung der Medien und der offensichtlichen Irrelevanz ihrer Kritik. Während die Medien den Alltag der Menschen heute rund um die Uhr begleiten und jegliche Erfahrung von „Welt“ und „Realität“ immer stärker medienvermittelt ist, konnte die Medienkritik mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten und ist zur Fußnote in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung geworden.

Es wäre also überfällig, die Medienkritik aus ihrer selbstverschuldeten Nischenexistenz zu befreien und endlich zur großen Gesellschaftskritik zu machen. Doch ohne bewusste Anknüpfung an die historische Tradition von Kritik und ohne selbstkritische Betrachtung der eigenen Profession wird das nicht gelingen.

 

Der Ast, auf dem die Medienkritiker sitzen

In der Geschichte der Medienkritik gab und gibt es immer wieder herausragende Figuren, von Karl Kraus bis Heinrich Böll, von Noam Chomsky bis Neil Postman, von Oliver Kalkofe bis Jan Böhmermann. Aber das sind singuläre Erscheinungen, während die Mehrzahl der heutigen Medienkritiker aus freien Journalisten besteht, die von jener Branche leben müssen, die sie tagtäglich kritisieren. Das macht sie zu pragmatischen und sehr geschickt taktierenden Überlebenskünstlern.

Zwar werden Medienkritiker von Kollegen hin und wieder als Ketzer und Nestbeschmutzer beschimpft oder – von ihren Fans – als Helden und Moralisten verehrt, doch im Grunde unterliegen sie ähnlichen Arbeitsbedingungen wie die von ihnen Kritisierten. Nur die moralische Sonderrolle (die selbst gewählte Wächter- und Richterfunktion) hebt sie von diesen ab. Das macht den Beruf des Medienkritikers anziehend und suspekt zugleich: Schnell ist dann in Kollegenkreisen von einem „übergroßen Ego“ die Rede, von Journalisten-Eitelkeit oder unstillbarem Geltungstrieb. Denn Medienkritiker finden sich in einer ähnlichen Doppelrolle wie Whistleblower: Sie ‚verraten’ ihre Kollegen und pochen zugleich auf hohe ethische Standards. Dieses Verhalten macht sie zu Außenseitern. Wehe, sie leisten sich einen Fehltritt!

Ihre moralische Exponiertheit verleitet die Medienkritiker zu einer klugen Balance – wie sie für Hofnarren charakteristisch ist. Zum einen arbeiten sie mit besonderer Sorgfalt, zum anderen erzwingt das Kritisieren von Kollegen (und potentiellen Arbeitgebern) individuelle Kosten-Nutzen-Rechnungen. Mit wem verdirbt man es sich besser nicht, wem möchte man gefallen oder einen Gefallen tun? Der Übergang von der journalistischen Sorgfalt zur Sorge um die eigene berufliche Existenz ist fließend und für Leser und Zuschauer schwer durchschaubar. So kritisieren Medienkritiker Medien, in denen sie selbst veröffentlichen (wollen), in der Regel nicht. Überdies gilt in der Branche das ungeschriebene Gesetz: „In der Zeitung nichts über die Zeitung“ (das ist einer der Gründe, warum die Medienseiten in den Zeitungen so fernsehlastig sind). Ein (skurriler) Ausweg aus diesem Dilemma könnte sein, Medienkritik an branchenferne Berufe zu delegieren, an Aussteiger und Outsider, an Verkäuferinnen oder Dachdecker. Doch selbst wenn die Medienkritik gänzlich unabhängig vom Gewerbe wäre, bliebe die Frage: Wo sollen Medienkritiker denn veröffentlichen?

Im Zeitalter der Aufklärung war das noch kein Problem. Das von der Kritik genutzte Medium war selbst ein Teil der Kritik, ja buchstäblich ihr Ausdruck: Denn Bücher, Übersetzungen, Druckereien, Flugblätter zählten zu jenem neumodischen Teufelswerk, das die Kirche, um ihre Macht zu sichern, unbedingt verhindern wollte. Kirchenkritiker nutzten für ihre Kritik also gerade nicht die Kirchenkanzel (während Medienkritiker ausgerechnet die kritisierten Medien als Plattform ihrer Kritik benutzen wollen) – sie nutzten etwas völlig Neues. Unabhängige Medienkritik bräuchte also ein Transportmittel, das sich von den herkömmlichen Medien radikal unterscheidet.

Bis vor wenigen Jahren glaubte man, dieses Gegen-Mittel sei das Internet. Und anfangs war die Euphorie der Medienkritiker auch berechtigt. Doch von der einstigen Hoffnung ist wenig geblieben. Unabhängige Projekte halten sich nur mühsam über Wasser. Die idealistischen Watchblogger der Frühzeit sind müde oder kehren reumütig und dankbar in den Schoß der traditionellen Medien zurück. Dazu kommt, dass die großen Internet-Konzerne zunehmend mit den Altmedien kooperieren und eines Tages mit ihnen verschmelzen werden. Die spektakuläre Übernahme der Washington Post durch Amazon-Gründer Jeff Bezos war nur ein Vorspiel. Wie und wo sich unabhängige Medienkritik wirksam äußern könnte, bleibt also eine offene Frage.

 

Der ewige Wettlauf zwischen Hase und Igel

Die traditionellen Medien beschäftigen und bezahlen ihre Medienkritiker aber nicht nur wie Hofnarren, sie bestimmen auch deren Agenda. Kaum ein Medienkritiker setzt eigene Themen – vielmehr hecheln sie den Themen nach, die von den Medien gesetzt werden. Das führt zu der absurden Situation, dass in dem Augenblick, in dem Medienkritiker mit ihren tiefergehenden Analysen beginnen, das Thema meist schon wieder durch ein neues abgelöst ist. Ist ein Thema aber erst einmal „durch“ (NSA, Griechenland, Landesverrat, Flüchtlinge, Köln), hören auch die Kritiker auf zu kritisieren. So geht es im Schweinsgalopp von Katastrophe zu Skandal, von Enthüllung zu Unglück, von Terroranschlag zu Minister-Fehlverhalten. Stets tauchen neue Ereignisse auf, die beliebig zu Katastrophen, Skandalen oder Enthüllungen aufgepumpt werden können. Medienkritik, die hier am Ball bleiben möchte, hat es schwer. Und so verfällt sie dem allgemeinen Herdentrieb und giert in gleicher Weise nach Aufmerksamkeit wie die Kritisierten, frei nach dem Diktum: Nichts ist so alt wie die Medienkritik von gestern.

Der immerwährende Wettlauf zwischen den Medien und der Medienkritik ist von letzterer nicht zu gewinnen. Die Frustration über diesen Zustand äußert sich dann in kleinlicher Nörgelei und Pedanterie, in moralischer Schelte und sarkastischer Schmähkritik – eher selten in „ausgeruhter“ Analyse. Die vom Dauer-Wettlauf erschöpften Kritiker konzentrieren sich in ihrer Not auf erregungs-sichere Nebensächlichkeiten: auf Geschmacklosigkeiten aller Art, auf falsches Benehmen oder tadelnswerte Vergleiche. Damit folgt die Medienkritik – wie hypnotisiert – jenen an- und abschwellenden Empörungszyklen, die sie eigentlich kritisieren müsste. Das macht auch die besten Medienkritiker irgendwann übellaunig – oder so verliebt in die eigenen Pointen, dass die Unterhaltung der Fans zum alleinigen Zweck der Medienkritik verkommt („Ich hol schon mal Popcorn“) .

 

Die Kraftlosigkeit des positiven Denkens

Weil ein Teil der Medienkritiker aber klug genug ist, die genannten Dilemmata zu erkennen, konzentrieren sie sich neuerdings auf die Frage eines funktionierenden Geschäftsmodells für Medienkritik. Das ist nicht nur logisch, sondern auch konsequent. Doch die fast schon gebetsmühlenhaft vorgebrachte Forderung nach „Paid Content“ führt nicht etwa zu der bitter nötigen Grundsatzdebatte über die Verteilung von Geld und Macht im Mediengeschäft, nein, die Dauerdiskussion über die leidige Refinanzierungsfrage ersetzt mittlerweile große Teile der Medienkritik. Bei den in der Branche so beliebten Debatten über die Zukunft des Journalismus kann man die erstaunliche Beobachtung machen, dass die Medienkritiker mehr über Geld reden als die Medienmacher. Und die Frage, ob der von ihnen präsentierte „Content“ auch „snackable“ genug sei, beschäftigt die Medienkritiker fast stärker als die Verlagsgeschäftsführer. Sie denken nicht nur in den Kategorien von Werbe- und Marketingfachleuten, sie benutzen auch deren Verkäufer-Vokabular und geraten dabei in die Falle des ‚constructive criticism’: Sie kritisieren die Produkte der Verlage nur noch mit dem Ziel, diese „etwas besser zu machen“.

“Nur der ist zur Kritik berechtigt, der eine Aufgabe besser lösen kann.”

Das ist ein Satz, der aus dem technikbesessenen Silicon Valley stammen könnte. Doch in Wahrheit hat ihn Adolf Hitler 1934 gesagt, als er sich anschickte, seine innerparteilichen Kritiker auszuschalten.

Die Vorliebe für „konstruktive Kritik“ (und die Angst vor dem Negativen) ist keineswegs Diktatoren-typisch. Auch christliche Denker wie Norman Vincent Peale, der über „die Kraft des positiven Denkens“ einen phänomenalen Bestseller schrieb, unterscheiden gern zwischen aufbauender und niederreißender Kritik: “Wir müssen immer zwei Arten von Kritik unterscheiden: die wohlwollende, aufbauende, taktvolle und die schroffe, ätzende, gehässige.”

Dass nun auch die Medienkritik immer häufiger das Positive in der Medienkritik vermisst, hängt möglicherweise mit dem Aufkommen des unternehmerischen Denkens zusammen, das seit einigen Jahren unter prekär lebenden „freien“ Autoren grassiert. Als Anhänger des „entrepreneurial journalism“ träumen sie davon, irgendwann ein eigenes kleines Medien-Geschäft zu haben. Doch ein eigener Betrieb – darauf verweist Giovanni di Lorenzo im Gespräch mit dem Medienunternehmer Stefan Niggemeier – ändert auch den Blick auf die Sachzwänge des Medienbetriebs: von der Notwendigkeit, immer genügend Aufmerksamkeit beim Zielpublikum zu erregen bis zu den Einzelheiten der Abo-Preisgestaltung für die erhoffte Zielgruppe. So entkommen die Medienkritiker zwar mit etwas Glück dem leidigen Hofnarrenstatus, kehren aber als freiwilliger oder unfreiwilliger Teil des Medien-Beratungsgeschäfts auf die Bühne zurück.

 

Medienkritik als neue Religionskritik?

Die Resignation der professionellen Medienkritik war wohl am deutlichsten im vergangenen Jahr in Sachsen zu spüren. Die dortige Protestbewegung Pegida hatte es verstanden, die von der Medienkritik hinterlassene Lücke mit billigen und platten „Lügenpresse“-Rufen zu füllen. Da eine rationale und unerschrockene Auseinandersetzung mit der eigenen Medienindustrie fehlt (von den verdienstvollen Bemühungen einiger Stiftungen einmal abgesehen), konnte eine kleine Gruppe von Empörten die Medienkritik auf ihr Stammtischniveau herunterziehen. Und siehe da: Während die herkömmliche Medienkritik aufgrund ihrer geringen Reichweite, ihrer Sprunghaftigkeit und ihrer Verzettelung in Nebensächlichkeiten höchstens noch ein Lächeln oder ein Gähnen bei den Medien-Machern auszulösen vermag, waren Verleger und führende Journalisten über die Dresdner Lügenpresse-Parolen tief erschrocken. Das ist ein Alarmzeichen, aber nicht nur für die Medien, sondern vor allem für den Zustand der Medienkritik – und darüber müsste eine Debatte einsetzen. Aber wo? Auf den Medienseiten der Zeitungen und Magazine, wo der eh schon reduzierte Platz dafür gebraucht wird, um den nächsten Tatort, die letzte Talkshow oder die neueste Netflix-Serie zu besprechen? In den erschöpften Watch-Blogs? In der heute-show? Es scheint fast so, als gebe es für Medienkritik, die über ein dumpfes (oder spitzes) Unwohlsein hinausgeht, keinen hinreichenden Grund mehr, keine Aufgabe und keine Perspektive. Oder müssen die Kritiker nur einen Schritt zurücktreten, um wieder einen größeren Zeitraum zu überblicken und Traditionen zu entdecken, an die man anknüpfen könnte?

Kritik als eine rationale Form der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit ist als Disziplin entstanden, als Wissenschaft und Religion, die über Jahrhunderte eine Einheit bildeten, Ende des 17. Jahrhunderts durch die beharrliche Arbeit der Aufklärer voneinander getrennt wurden. Die Herausbildung des Instruments Kritik als neuartiger Untersuchungs- und Beurteilungsmethode der Wirklichkeit war aber beileibe kein Selbstläufer, sondern das Resultat einer überaus hart geführten Auseinandersetzung mit der Kirche, welche das Denken und Fühlen der Gesellschaften bis dahin bestimmt hatte. Vielleicht kann sich eine ernst zu nehmende Medienkritik erst in einer ähnlich hart geführten Auseinandersetzung mit der Medienindustrie herausbilden.

Denn heute sind es die Medien (und die Wissenschaft), nicht mehr die Kirchen, die die ‚Glaubensbekenntnisse’ der säkularen Gesellschaften verbreiten, verhandeln und formen. Überspitzt gesagt: Leitartikel und Kolumnen sind die Kirchenkanzeln der Moderne. Und die permanente Unglücks-, Katastrophen- und Terror-Berichterstattung der Medien bietet einen veritablen Ersatz für die im Mittelalter von der Kirche erzeugte Höllenangst. Die Medien sind es, die uns Medien-Gläubige täglich daran erinnern, dass morgen alles zu Ende sein könnte, dass die Welt um uns herum aus den Fugen gerät. Hat das mediale Schüren solcher Ängste nicht die gleiche psychologische Wirkung (oder Funktion) wie die latente Strafandrohung durch eine strenge Religion? Und könnte dies nicht zu der Überlegung führen, dass die Medienkritik für das Zeitalter der Postmoderne das werden müsste, was die Kritik der Religion für das Zeitalter der Aufklärung war (Karl Marx: „Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik“)?

 

Hachmeisters Liste

Eine Medienkritik, die sich ihrer Herkunft bewusst wäre, müsste die heute dominante Medienindustrie als Charakteristikum postdemokratischer Herrschaft begreifen anstatt weiter naiv an die verklärende Erzählung zu glauben, die Medien seien dazu da, die Mächtigen zu kontrollieren. Das mag in den Anfängen ein Motiv gewesen sein und in einigen Redaktionszirkeln auch tatsächlich funktionieren, aber so wie die Kirche im Laufe der Jahrhunderte von einer verfolgten Außenseiter-Gemeinde (und trotz mancher Bettelorden und häretischen Abspaltungen) zu einem tragenden Pfeiler der „Allianz aus Thron und Altar“ wurde, so entwickeln sich die immer größer werdenden Medienkonglomerate zu tragenden Pfeilern der Postdemokratien. Sie geben zwar vor, die weltliche Macht zu kontrollieren, sind aber längst zu deren unverzichtbaren Stützen geworden – man muss nur die von Lutz Hachmeisters Institut für Medien- und Kommunikationspolitik jährlich herausgegebene Liste der 100 weltgrößten Medienunternehmen zur Kenntnis nehmen. Mit einem phänomenalen Jahresumsatz von 622 Milliarden Euro bilden diese Konzerne heute eine Markt- und Meinungsmacht, die derjenigen der Kirche im Mittelalter durchaus nahe kommt.

Eine Medienkritik, die über das Bekritteln falscher Bildunterschriften in der Gelben Post hinausgeht, müsste also zuallererst an dieser veränderten Realität ansetzen – einer Veränderung, die der Aktivist und Journalist Glenn Greenwald in seinem Buch „Die globale Überwachung“ so beschreibt:

„Früher galten echte Journalisten als die Außenseiter schlechthin. Viele, die diesen Beruf ergriffen, wollten sich eher den Mächtigen widersetzen als ihnen dienen, und nicht nur auf theoretischer Ebene, sondern auch mit ihrer ganzen Person. Die Wahl des Journalistenberufs war praktisch eine Garantie dafür, das Dasein eines Außenseiters zu führen: Reporter verdienten wenig, hatten kein hohes gesellschaftliches Ansehen und galten meist als zwielichtig.

Das ist heute ganz anders. Mit dem Aufkauf von Medienunternehmen durch die größten Konzerne der Welt wurden die meisten Medienstars zu hoch bezahlten Angestellten, die sich nicht von anderen Mitarbeitern gleichen Ranges unterscheiden. Sie offerieren der Öffentlichkeit Medienerzeugnisse im Namen ihres Unternehmens, als handelte es sich um Bankdienstleistungen oder Finanzprodukte. Ihre berufliche Laufbahn wird von den Parametern bestimmt, die nun einmal in einem solchen Umfeld zum Erfolg führen, also davon, inwiefern sie die Konzernchefs zufriedenstellen und den Interessen des Unternehmens dienen.“ (S.330)

Eine Medienkritik, die diese Veränderungen ausblendet, wird in der Hofnarren-Rolle gefangen bleiben oder bestenfalls nützliche Berater- und Korrekturdienste für Konzerne leisten.


Die Talkshow-Nachbesprechung

30 November 2015 um 15:15 • 2 Kommentarepermalink

Im Internet beschäftigen sich die Zeitungen am liebsten mit dem Fernsehen. Das heißt, sie geben uns noch mal schriftlich, wer mit wem gestern in der Talkshow diskutiert hat.

 

Talkshows sind in Deutschland sehr beliebt. Man kann den immer gleichen Leuten zuhören, es sei denn, die Teilnehmer sterben den Moderatoren eines Tages weg.

Neuerdings folgt auf jede Talkshow eine Talkshow-Nachbesprechung. In allen Online-Medien, die etwas auf sich halten, erfährt man schon wenige Stunden nach der Sendung, was man gedacht haben könnte, wenn man nicht dummerweise eingeschlafen oder mit einem besonders schweren Candy Crush-Level beschäftigt gewesen wäre. Man muss nicht mehr nach-denken, das übernehmen jetzt „Frühkritiker“. Die schlagen sich die Nächte um die Ohren, damit wir am nächsten Morgen erfahren, ob das, was am Abend zuvor im Fernsehen diskutiert worden ist, auch wirklich dort diskutiert worden ist. Es wird noch mal referiert, eingeordnet und kommentiert, was die Talkshow-Teilnehmer referiert, eingeordnet und kommentiert haben. Dieses Nachkauen scheint sich derzeit zu einem veritablen Industriezweig zu entwickeln. Sicher wird man After-Talkshows bald schon im F.A.Z.-Lesesaal social readen oder als Poetry Slam in Kleinkunsttheatern aufführen. Und bestimmt wird es in absehbarer Zeit eine App geben, auf der Talkshow-Nachbesprechungs-Experten die unverzichtbarsten Frühkritiken für besonders eilige Leser kuratieren.

Die Talkshow-Nachbesprechung wird gern gelesen. Sie ist fast so beliebt wie die Talkshow selbst. Was soll man am Montagmorgen auch sonst im Büro machen? Die Talkshow-Nachbesprechung ist der zeitgemäße Ersatz für das verloren gegangene Familien-Lagerfeuer der Samstagabendunterhaltung. Allerdings sitzt man nicht mehr gemeinsam um ein Lagerfeuer, sondern liest einsam im Büro (oder sonstwo), wie das zu bewerten ist, was die, die wir schon lange kennen, gestern in der Talkshow von sich gegeben haben.

Die Talkshow-Nachbesprechung hat übrigens längst ein Gegenstück: die „Tatort“-Vorbesprechung.

P.S. Christian Bartels (@ChrBartels) gibt auf Twitter den wichtigen Hinweis, dass die Talkshow-Nachbesprechung – medienhistorisch gesehen – dem Online-Journalismus zum Durchbruch verholfen habe. Was sagt das über die Eigenständigkeit und Originalität des Online-Journalismus?


Kleine Interpretationshilfe für Terrorwarnungen

26 November 2015 um 11:55 • 0 Kommentarepermalink

Von Zeit zu Zeit müssen Botschaften geräumt, Stadtviertel abgeriegelt und Sicherheitsstufen erhöht werden. Dann heißt es abwarten – und irgendwann zur Tagesordnung übergehen.

 

Viele Menschen fragen sich: Welchen Sinn haben eigentlich Terrorwarnungen? Warum müssen Terroristen öffentlich gewarnt werden? Ich habe mich auf die Suche nach Erklärungen gemacht.

1. Terrorwarnungen fußen in der Regel auf Informationen, die irgendjemand irgendwo bei irgendeiner Gelegenheit aufgeschnappt hat.

2. Sicherheitspolitiker äußern anlässlich von Terrorwarnungen häufig den Satz, es gebe derzeit keine konkreten Hinweise auf konkrete Gefährdungen. Warum es dann überhaupt Terrorwarnungen gibt, können sie nicht erklären.

3. Anders als in Punkt 2 werden Terrorwarnungen auch damit begründet, dass die aktuelle Gefahr sehr viel spezifischer sei als bei den vorangegangenen Terrorwarnungen. Worin das Spezifische besteht, sagen sie nicht.

4. Terrorwarnungen werden deshalb so allgemein gehalten, weil man den Terroristen keine Anhaltspunkte dafür liefern will, dass man ihnen… (noch) nicht auf die Schliche gekommen ist.

5. Terrorwarnungen sind Empfehlungen für Terroristen, sich in der fraglichen Zeit und am fraglichen Ort möglichst ruhig zu verhalten. Terrorwarnungen erziehen Terroristen zu erhöhter Wachsamkeit.

6. Durch Terrorwarnungen müssen Terroristen ihre eventuell geplanten Anschläge verschieben. Um auch die verschobenen Anschläge verhindern zu können, braucht es wieder neue Terrorwarnungen. Die Terrorwarnung ist ein Perpetuum Mobile.

7. Terrorwarnungen sind Notstandsübungen.

8. Terrorwarnungen bieten Sicherheitsexperten die Möglichkeit, nichtssagende Interviews zu geben.

9. Terrorwarnungen sind Warnhinweise an Medien, Kritik an Anti-Terror-Maßnahmen besser zu unterlassen.

10. Terrorwarnungen werden nicht selten mit der Ermahnung verbunden, man müsse die aktuelle Terrorwarnung wirklich ernst nehmen. Offenbar geht man davon aus, dass Terrorwarnungen nicht mehr ernst genommen werden.

11. Terrorwarnungen sind Legitimationsnachweise für eine Sicherheits- und Überwachungspolitik, deren Wirksamkeit in Zweifel gezogen wird.

12. Terrorwarnungen müssen sich nie rechtfertigen. Ex-Innenminister Wolfgang Schäuble: „Nur weil nichts passiert ist, heißt das ja nicht, dass nie etwas passieren wird“.

13. Terrorwarnungen suggerieren, dass es jemanden gibt, der auf uns aufpasst. Wie in Paris am 13. November.


Spätrömische Dekadenz?

4 November 2015 um 11:55 • 5 Kommentarepermalink

Aus der „Flüchtlingskrise“ scheint ein Kulturkampf zu werden. Das ist genau das, was die Rechten wollen.

 

Nach gut drei Monaten Dauerberichterstattung über die „Flüchtlingskrise“ scheint das Thema den Charakter eines Kulturkampfes anzunehmen: hier die Verfechter des Nationalstaats und seiner Begrenztheit (im wörtlichen wie im übertragenen Sinne), dort die Verfechter der grenzenlosen universellen Menschenrechte. Vermittler dazwischen haben es schwer.

 

Nationalstaat vs. Menschenrechte

Viktor Orban, der ungarische Ministerpräsident und Vorkämpfer christlich-abendländischer Erneuerung, sieht den Kulturkampf so:

“Diese Invasion (von Migranten) wird einerseits vom Schlepper-Business gelenkt, andererseits von jenen (Menschenrechts-)Aktivisten, die alles unterstützen, was die Nationalstaaten schwächt”.

Orban macht dafür auch seinen Landsmann, den philanthropischen Geschäftsmann und Börsenspekulanten George Soros verantwortlich. Der betreibe mit seinem Geld, seinen Verbindungen und seinen Stiftungen – wie schon in der Eurokrise – eine Politik der Destabilisierung. Orban befindet sich damit auf einer Linie mit dem rechten Kopp-Verlag, auf dessen Website versucht wird, die Verschwörung des George Soros zu belegen.

Eine unheilige Allianz aus Oberschicht und Menschenrechtlern (früher hieß das „Finanzjudentum und Bolschewiken“) wolle den braven Nationalstaat aushöhlen. Die Reichen wollten es, weil sie sich durch mehr Migration die Besten und Billigsten aus der globalen Reservearmee herauspicken können, die Menschenrechtler wollten es, weil die Masse der Flüchtlinge den Nationalstaaten endlich vor Augen führe, was deren neoliberale Politik in der Welt anrichte.

In der Tat nutzen manche Wirtschafts- und Meinungsführer den Flüchtlingsstrom nach Europa, um nun eine Absenkung von Sozialleistungen und Mindestlöhnen zu fordern. Der Airbus-Konzernchef Tom Enders plädierte in der Süddeutschen Zeitung nicht nur für eine Öffnung der Grenzen, sondern auch für eine „Öffnung des Arbeitsmarkts“. Er sprach sich für eine „Deregulierung“ nach US-Vorbild aus. Mit Hilfe der Flüchtlinge könnte die Ungleichheit in den Gesellschaften also weiter vergrößert werden. Ifo-Präsident Hans Werner Sinn brachte die Idee in Umlauf, das Rentenalter der Deutschen zur Bewältigung der Flüchtlingskrise noch einmal heraufzusetzen, und der CDU-Wirtschaftsrat und andere führende CDU-Politiker möchten den flächendeckenden Mindestlohn abschaffen, um den Flüchtlingen einen schnelleren Zugang zum Arbeitsmarkt zu verschaffen. Für andere wiederum sind die Flüchtlinge eine gute Gelegenheit, den verweichlichten und friedensverwöhnten Deutschen einen verjüngenden Adrenalinstoss zu verpassen.

 

Querfronten, wohin man schaut

Ganz neue politische Allianzen tun sich auf oder werden befürchtet. Linke wie Thomas Assheuer sehen in Angela Merkels Politik neuerdings welt-„historische Größe“ und „Würde“ und verteidigen sie vehement gegen eine heraufziehende Kalt-Front aus konservativem Bürgertum und rechten Protestbewegungen. Das noch dem Nationalstaat verhaftete Bürgertum sei drauf und dran, sich zu radikalisieren und greife Angela Merkel inzwischen so unerbittlich und hämisch an wie Pegida. Galt vor drei Jahren das Anti-Merkel-Buch der Wirtschaftsberatungsphilosophin Gertrud Höhler („Die Patin“) als belächelte Ausnahme-Kampfschrift gegen die „fremde“, undurchschaubare Protestantin aus der Ex-DDR, die das alte Westdeutschland pulverisieren werde, so treten die konservativen Merkelkritiker heute ganz unverblümt in Mannschaftsstärke auf – von der tief besorgten FAZ bis zur Besorgte-Bürger-Plattform Tichys Einblick, die sich derzeit anschickt, die Rolle der Achse des Guten zu übernehmen.

Die historischen Vergleiche werden dabei immer schriller und steiler (und genau das ist es, was die europäische Rechte erreichen will). Jochen Buchsteiner etwa (früher bei der Zeit, heute bei der FAZ) vergleicht die Situation Europas mit dem Untergang des Weströmischen Reiches im Jahr 476 n. Chr., was von der Bedrohung des Pegida-Abendlandes durch eine muslimische Völkerwanderung nicht mehr allzu weit entfernt ist. Buchsteiner unkt, Guido Westerwelle habe mit seiner damaligen Anspielung auf die „spätrömische Dekadenz“ womöglich unbeabsichtigt Recht gehabt. Auch das in den Medien scharf kritisierte Buch Thilo Sarrazins über die Abschaffung Deutschlands erfahre nun eine späte Rechtfertigung. Der Roman „Die Unterwerfung“ von Michel Houellebecq wird in besorgten Kreisen ebenso gern erwähnt wie Botho Strauß’ Verabschiedung des „letzten Deutschen“ im Spiegel. Und in der Schweizer Weltwoche rezensiert Ex-Spiegel-Reporter und Neu-Katholik Matthias Matussek die schon etwas angejahrte Untergangsvision des erzkatholischen Schriftstellers Jean Raspail („Das Heerlager der Heiligen“) unter dem Titel: „Lust, die eigene Kultur auszulöschen“.

Ein hysterischer Unterton schleicht sich ein in die Warnrufe der alten weißen Männer. Ihre Welt fällt in Scherben. Und ihre Welt war gar nicht mal so schlecht.

Denn der verteidigte Nationalstaat ist ja nicht nur eine rückwärtsgewandte Formation für Ewiggestrige, die den Schuss nicht gehört haben, er ist – als sozialer Rechtsstaat – auch eine Errungenschaft des Fortschritts, weil er denen, die in seinen Grenzen leben, gewisse (zum Teil mühsam erkämpfte) Rechte und Standards garantiert und sie vor globalen Zumutungen schützt. Das Grundgesetz garantiert, dass es keinen prinzipiellen Unterschied macht, ob man als Bürger dieses Staates nun fleißig oder faul, egoistisch oder altruistisch, dumm oder gebildet ist, Hauptsache, man hat einen deutschen Pass. Nicht die Leistungsfähigkeit bzw. die Nützlichkeit ist das entscheidende Kriterium, sondern die Staatsangehörigkeit, was für jene, die den Pass besitzen, das Leben etwas leichter macht. Aber wenn die Grenzen nun offen stehen und alle, die bedürftig sind, ins Land dürfen, wird es bald ein Hauen und Stechen geben, weil die (wirtschaftliche) Konkurrenzsituation die Oberhand über die nationale Zugehörigkeit gewinnt. Dann wird es – vor allem in den unteren Schichten – härter zugehen als heute. Und die Angst der Mittelschichten, dorthin abzurutschen, wird sich verstärken.

 

Das Schweigen der Linken

Kein Wunder, dass sich die traditionelle Linke und die Gewerkschaften in der Flüchtlings-Debatte auffallend stark zurückhalten. Einerseits fürchten sie, durch ihr Verständnis für die Ängste der weniger begüterten Deutschen in die rechte Ecke gedrängt zu werden („Du Nazi“), andererseits wollen sie auch nicht gegen die in der Linken traditionell hoch gehaltene internationale Solidarität verstoßen. Sie verteidigen den Nationalstaat und wollen die Grenzen nicht schließen. Dieser Spagat könnte in der aufgeheizten Situation missverstanden und von den Radikalen beider Seiten umso entschlossener bekämpft werden. Denn in einer polarisierenden Diskussions-Atmosphäre wird die Abwägung verschiedener Interessen gern als Wischi-Waschi oder Feigheit abgetan.

Eines der ganz wenigen Medien, die diesen Konflikt seit Monaten ohne Knie- und Kopfschutz austragen, ist das kleine Blog Wiesaussieht. Sein Leiter, Frank Lübberding, ein Sozialdemokrat alter Schule, hat keine Angst vor Blessuren und stürzt sich mitten ins Getümmel, egal wie abgedreht und ruppig es in den Kommentaren auch zugeht. So kommt etwas zustande, was – zumindest in Westdeutschland – kaum noch gewagt wird: der offene, von falscher Rücksichtnahme unbelastete Schlagabtausch. Bei Wiesaussieht fallen die Worte nicht in die Zuckerwatte supernetter Talkshow-Moderatoren, sondern am Tresen einer sauerländischen Eckkneipe. Also dort, wo sich die Sozialdemokraten früher zu bewähren hatten. (Allerdings, aber das nur am Rande, sind die Eckkneipen auch nie etwas anderes als eine Domäne der alten weißen Männer gewesen).


Landlust für die Merkel-Jugend

18 Oktober 2015 um 16:50 • 3 Kommentarepermalink

Im Netz wird viel über die „dämlichen“ Jugendportale Bento & Co. gespottet. Dabei werden die Medien-Macher von der jüngst erschienenen 17. Shell-Jugendstudie voll bestätigt. Das Problem solcher Jugenddarstellungen liegt ganz woanders.

 

Man kann sich natürlich prima darüber lustig machen: Die neuen Jugendportale von Spiegel über Zeit und Bild bis heute+ werden gerade kräftig durch den Kakao gezogen und als ebenso hilflose wie überflüssige Anbiederungsversuche von 30-jährigen Möchtegern-Jugendlichen gesehen. Den ‚kritischen’ Betrachtungen ist dabei eines gemeinsam – der felsenfeste Glaube, die Jugend sei gar nicht so, wie die Macher der neuen Jugendportale sich ihre Zielgruppe gern vorstellen: positiv gestimmt, gutwillig, freundlich, offen und hilfsbereit. Die Jugendportale, sagen die Kritiker, seien nur eine Verarschung der Jugend – geboren aus der Not, junge und frische Leser für die eigenen alt gewordenen Medienmarken zu gewinnen.

Vielleicht befinden sich die Kritiker mit ihrer Kritik aber auch in einer klassischen Filterbubble und wollen partout nicht sehen, dass die Jugend von heute eben genau die Jugendportale bekommt, die zu ihr passen. Vielleicht schlagen die Kritiker, die jetzt so wortgewaltig und sarkastisch über die neuen Jugendportale herziehen, nur den Sack (die Jugendmedien) und meinen in Wahrheit den Esel (die Jugend) – sie trauen sich nur nicht, das offen zu sagen.

Die Vorstellung der Kritiker vom Jungsein (siehe etwa die Schelte des Kraftfuttermischwerks) scheint eine völlig andere zu sein als die, die ein repräsentativer Querschnitt von Jugendlichen tatsächlich vorlebt.

 

Großes Vertrauen in die Polizei

Glücklicherweise ist soeben – passend zu den neuen Jugendportalen – die 17. Shell-Jugendstudie erschienen, und die Ergebnisse, die das Autorenteam um den Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann letzte Woche in Berlin präsentiert hat, decken sich mit der Beschreibung der Zielgruppen, die von den neuen Jugendportalen und ihrem „konstruktiven Journalismus“ ins Visier genommen werden.

„Insgesamt“ so die Shell-Studie, die auf einer repräsentativen Befragung von 2558 Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren basiert, „lässt sich die Jugend nicht von ihrer positiven Grundhaltung abbringen. 61 Prozent der Befragten blicken optimistisch in die persönliche Zukunft, das sind noch einmal mehr als in den Jahren 2010 und 2006… Erstmals seit den 1990er Jahren beurteilt eine Mehrheit der Jugendlichen (52 Prozent) auch die gesellschaftliche Zukunft optimistisch.“

„Mehr als 90 Prozent der Jungen und Mädchen pflegen ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Fast drei Viertel würden ihre Kinder ungefähr so oder genauso erziehen, wie sie selbst erzogen wurden.“

„Über 90 Prozent meinen, dass Familie und Kinder gegenüber der Arbeit nicht zu kurz kommen dürfen.“

„Jugendliche haben ein stabiles Wertesystem. 84 Prozent legen großen Wert auf Respekt vor Gesetz und Ordnung, 82 Prozent wollen fleißig und ehrgeizig sein. Noch in der zweiten Hälfte der 80er Jahre waren Fleiß und Ehrgeiz nur zu 36 Prozent besonders wichtig.“

„41 Prozent der Jugendlichen bezeichnen sich heute als politisch interessiert (1991: 57 Prozent, 2002, auf dem absoluten Tiefpunkt: 30 Prozent). Mit dem wieder steigenden Interesse geht auch die gestiegene Bereitschaft einher, sich politisch zu engagieren. Häufige Aktivitäten sind der Boykott von Waren aus politischen Gründen (34% der Befragten) und das Unterzeichnen von Online-Petitionen (27%)… 23 Prozent haben bereits an einer Demonstration teilgenommen, zehn Prozent engagieren sich in einer Bürgerinitiative.“

„Jugendliche bringen den Parteien nach wie vor wenig Vertrauen entgegen. Auch große Unternehmen, Kirchen und Banken genießen eher weniger Vertrauen. Am meisten vertrauen Jugendliche Polizei, Gerichten sowie Menschenrechts- und Umweltschutzgruppen.“

„Wichtiger als in den vorangegangenen Studien ist den Befragten 2015 die Bereitschaft zu umwelt- und gesundheitsbewusstem Verhalten; junge Frauen sind hierzu noch mehr bereit als junge Männer. Dagegen verloren materielle Dinge wie Macht oder ein hoher Lebensstandard eher an Bedeutung. 82 Prozent der Jugendlichen finden den Wert ‚Die Vielfalt der Menschen anerkennen und respektieren’ wichtig… Nur 37 Prozent fürchten sich vor Zuwanderung (2002: 48%, 2006: 58%).“

„Das eigene Engagement im Alltag (das heißt, sich für andere einzusetzen) ist leicht rückläufig. Von den Gymnasiasten berichten nur noch 37% im Vergleich zu 43% im Jahr 2010 über ein persönliches Engagement. Bei den Realschülern sind es 27% im Vergleich zu 44% 2010. Bei den Studierenden ging das Engagement leicht von 44% auf 42% zurück.“

„Für Deutschland wünschen sich die Jugendlichen in der internationalen Politik eine wichtige, vermittelnde, aber keine militärisch eingreifende Rolle. Nur 29% der Jugendlichen meinen, Deutschland sollte militärisch dazu beitragen, Kriege in der Welt zu beenden.“

„54 Prozent finden, dass Deutschland eine Führungsrolle in Europa haben sollte, nur 11 Prozent sehen das nicht so.“

„62 Prozent sind stolz darauf, Deutsche zu sein. Bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund sind es sogar 70 Prozent.“

„Während die Aussagen „Stolz sein auf die deutsche Geschichte“ und „am Althergebrachten festhalten“ in den 1980er Jahren für 60 bzw. 66 Prozent der Jugendlichen noch ‚ein rotes Tuch’ waren, lehnen im Jahr 2015 nur noch 44 bzw. 48 Prozent diese Lebensorientierungen ab.“

„Fürchteten sich 2010 nur 44 Prozent vor Krieg in Europa, ist die Zahl 2015 sprunghaft auf 62 Prozent angestiegen. Das sind etwas mehr als 2002, als die Kriege im früheren Jugoslawien nachwirkten. 73 Prozent haben Angst vor Terroranschlägen.“

Letzteres wundert nicht, denn im Befragungszeitraum, der von Anfang Januar bis Anfang März 2015 reichte, beherrschte das Pariser Attentat auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo wochenlang die Schlagzeilen. Wäre die Umfrage im Juni oder im August 2015 durchgeführt worden, wären die Antworten wahrscheinlich stärker von der Griechenland- und der Flüchtlingskrise beeinflusst gewesen. (Umfragen geben eben nicht nur die Wirklichkeit der Befragten wieder, sondern reflektieren auch stark die Wirklichkeit ihres Medien-Konsums.)

„Seit 2002 charakterisiert die Shell-Studie die Jugendlichen als ‚pragmatisch und unideologisch’. 2006 zeigte sich eine Kontinuität dieser Grundhaltung, jedoch mit steigender Unsicherheit, ob die Jungen und Mädchen ihr Leben tatsächlich so gestalten können, wie sie es sich wünschen. 2010 (nach der Finanzkrise) begannen die Druck- und Angstgefühle zu weichen. Der Optimismus für die persönliche Zukunft wuchs. Und: Statt wie in den Vorjahren vor allem auf das eigene Leben und das private Umfeld zu sehen, zeigten Jugendliche wieder wachsendes politisches Interesse und Bereitschaft zum politischen Engagement. Dieser Trend hat sich 2015 deutlich verstärkt.“

So weit – ganz grob – die Ergebnisse der Shell-Jugendstudie. Sie vermittelt das Bild einer (mehrheitlich) sympathischen, toleranten, familien- und traditionsverwurzelten, aber dennoch weltoffenen und vorurteilslosen Jugend. Entsprechend positiv reagierten die Medien in ersten Berichten auf diese tolle und liebenswerte Jugend:

„Deutsche Jugendliche überwinden Null-Bock-Phase“ (Spiegel Online)

„Krawatte statt Krawall“ (SZ)

„Das Smartphone ist das halbe Leben“ (SZ)

„Das Netz fängt die Jugend ein“ (FAZ)

 

Das Prinzip Landlust

Wenn wir die Ergebnisse der Shell-Studie nun mit den Ansprüchen vergleichen, die die Macher der neuen Jugendmedienportale in Interviews und Selbstbeschreibungen geäußert haben, so lässt sich eine hohe Übereinstimmung feststellen.

Da ist z.B. zu lesen, man wolle den Jugendlichen „News zum Wachwerden“ bieten, man wolle eine hohe Nutzerbeteiligung und – vor allem – konstruktive Lösungsansätze statt negativer Problem-Geschichten. Das hört sich an, als wäre das Redaktionsprogramm exakt auf die Bedürfnisse der „pragmatischen Generation“ aus der Shell-Jugendstudie zugeschnitten. Ze.tt-Redaktionsleiter Sebastian Horn sagt es so:

„Wir wollen den jungen Leuten Inhalte bieten, die sie interessieren, die sie aus ihrer Lebenswelt kennen. Dinge, mit denen sie unmittelbar etwas anfangen können, weil es ihren Alltag und ihr Leben betrifft…

Wir wollen zeigen, wie es besser geht, wie es anders geht und was junge Leute selber tun können.“ Das Jugendportal Ze.tt solle Möglichkeiten aufzeigen, „wie unsere Leserinnen und Leser selber aktiv werden können. Dieser Einsatz ist zum Teil beeinflusst von der Idee des Constructive Journalism.“

Ähnlich äußern sich die Macher von Bento: „Überall sieht man, wie schlecht die Welt ist, wie schlecht die Welt ist und wie schlecht die Welt ist. Und keine Frage, die Welt ist sehr schlecht, aber wer in Europa aufwächst, genießt gerade den größten Wohlstand, die größte Freiheit in der Geschichte der Menschheit… Jeder Tag ist fucking amazing! Und das kann sich in Geschichten auch gerne widerspiegeln.“

Diese journalistische Programmatik stellt nichts anderes dar als die Übertragung des Prinzips „Landlust“ auf die Jugend. Der phänomenale Erfolg der Zeitschrift Landlust – und zwar mitten in einer Medienlandschaft, die von roten Zahlen geprägt ist – zeigte den Medienmachern in einer Art Aha-Erlebnis, dass diese oft belächelte Zeitschrift ihre potentielle Leserschaft erkennt und deren Bedürfnisse erfüllt – anstatt mutig an den Lesern vorbeizuschreiben.

Natürlich muss man den dort praktizierten „konstruktiven Journalismus“ nicht gut finden, aber man sollte auch die Leser nicht besser machen als sie sind. Die Merkel-Jugend ist die Merkel-Jugend – da kann man sich keine andere backen, auch wenn es fünf oder zehn oder 30 Prozent „Andersdenkende“ geben mag, die diesem Bild weder entsprechen noch nachkommen wollen. Die Macher wollen Mehrheits-Magazine machen und keine Minderheiten in den Fokus rücken (ob das klug ist, ist eine ganz andere Frage).

Die Kritik der Jugendportale, die in den vergangenen Tagen hochschäumte, ist zwar von ehrlicher Empörung und satirischem Witz getragen, aber sie ist auch etwas billig. Kritisiert und parodiert werden vor allem die bemüht coole Jugendsprache und die mit ihr verbundene Anbiederung ans Jungsein sowie die Reduzierung des Journalismus auf praktische Lebenshilfe und Infotainment. Als wären Jugendzeitschriften früher ganz anders gewesen.

 

Selbstfeier der Mittelschichten

Ansetzen müsste die Kritik der Jugendportale (ebenso wie die Kritik der Shell-Jugendstudien) an einem ganz anderen Punkt. An der – in beiden Fällen – fast ausschließlichen Mittelschichtsorientierung.

Die Shell-Studie teilt die befragten 2558 Jugendlichen in fünf soziale Schichten ein: in Oberschicht (13%), obere Mittelschicht (25%), mittlere Mittelschicht (29%), untere Mittelschicht (22%) und Unterschicht (11%). Mit einem Anteil von 76 Prozent wären also mehr als drei Viertel aller Jugendlichen Kinder der Mittelschicht. Potzdonner! Das ist ein gewagtes Schichtenmodell, eine Bolte-Zwiebel, die fast schon Ähnlichkeit mit einem Kürbis besitzt.

Während der Soziologe Martin Bolte in den 1960er Jahren noch eine dünne und spitze Oberschicht von 2 Prozent ‘errechnete’ sowie eine obere Mittelschicht von gerade mal 5 Prozent, umfasste der gewaltige Unterbauch seiner Gesellschafts-Zwiebel fast 80 Prozent. Bei den Shell-Autoren dagegen umfasst allein die Oberschicht 13 Prozent und die obere Mittelschicht noch einmal 25 Prozent. Da scheint der soziologische Optimismus mit den Autoren durchgegangen zu sein.

Aber zumindest zeigt die Shell-Studie, dass die beiden unteren Schichten (die zusammen ein Drittel der Befragten ausmachen) in vielen Punkten ganz anders denken, fühlen und werten als die privilegierten und deshalb eher optimistisch gestimmten Mittel- und Oberschichten. In der Berichterstattung über die Studie bleiben diese Unterschiede häufig unerwähnt. Hier ein paar signifikante Beispiele aus der 17. Shell-Jugendstudie:

„Während drei Viertel der Jugendlichen aus der oberen Schicht angeben, sich Kinder zu wünschen, waren es in der unteren Schicht nur etwas mehr als die Hälfte.“

„61 Prozent der Befragten blicken optimistisch in die eigene Zukunft, das sind noch einmal mehr als in den Jahren 2010 (59%) und 2006 (50%). Die Zuversicht der Jugendlichen aus der sozial schwächsten Schicht stagniert hingegen bei 33 Prozent. Leicht rückläufig ist der Optimismus in der unteren Mittelschicht von 56% 2010 auf 52% 2015. In der Oberschicht fällt dagegen der Zuwachs von 68% (2010) auf 74% (2015) ins Auge.“

„Jugendliche aus der unteren Schicht sind auch deutlich weniger zuversichtlich (46%), was die Realisierbarkeit ihrer beruflichen Wünsche angeht, während Jugendliche aus der Oberschicht hier einen Spitzenwert von 81% aufweisen. Auffällig ist ferner die zurückgehende Zuversicht in der oberen Mittelschicht von 62% im Jahr 2010 auf 53% im Jahr 2015.“

„Während nur 35 Prozent der Jugendlichen aus den westlichen Ländern eine verringerte Zuwanderung nach Deutschland wünschen, sind es in den östlichen Ländern (inklusive Berlin) 49 Prozent. Weniger Aufnahme von Flüchtlingen fordern 44 Prozent der Jugendlichen im Osten, aber nur 30 Prozent im Westen.“ (Die Befragung fand vor der aktuellen ‚Flüchtlingskrise’ statt).

„In der Oberschicht interessieren sich 67 Prozent der Jugendlichen für Vorgänge in der Welt, in der Unterschicht nur 31 Prozent.“

„Mit dem politischen System zufrieden oder sehr zufrieden sind 77 Prozent der Jugendlichen im Westen, im Osten dagegen nur 54 Prozent.“

„Die Zukunft der gesellschaftlichen Entwicklung beurteilen 52 Prozent optimistisch. Jugendliche aus der oberen Schicht sind mit 59 Prozent am optimistischsten, bei den Jugendlichen aus der unteren Schicht ist der Anteil mit 43 Prozent deutlich geringer.“

Vom unteren Drittel der Gesellschafts-Jugend erfährt man in der Berichterstattung über die Studie herzlich wenig. Die Überschriften in den Medien beziehen sich stets auf die Ergebnisse aus den großzügig bemessenen und die Mehrheit stellenden Mittelschichten.

Da auch die meisten Journalisten aus diesen Mittelschichten stammen, reproduziert die Berichterstattung also vorwiegend die eigene Haltung. Journalismus verwandelt sich in eine Art Selbstbestätigungs- oder Selbstbekräftigungs-Instrument, das an den überaus netten Jugendportalen nur deshalb etwas stärker auffällt, weil sich die Macher hier ganz offen und ehrlich (und aus ehrenwerten Gründen) zu dieser Selbstbestätigungshaltung bekennen (= constructive journalism). Das heißt, die Mittelschicht feiert sich im neuen „konstruktiven“ Journalismus vor allem selbst – und nimmt Abweichungen außerhalb ihres begrenzten Gesichtsfeldes kaum noch wahr.

 


Die Kaffeepadisierung des Journalismus

15 September 2015 um 15:51 • 17 Kommentarepermalink

Erneut setzen Journalisten und Verlage große Hoffnungen auf ein Micropayment-Modell. Diesmal soll Blendle den Online-Journalismus „retten“.

 

Wieder wird ein „Geschäftsmodell“ für Journalismus mit großem Hallo begrüßt. Das Start-Up Blendle mache alles richtig, heißt es: Es lasse den Verlagen die nötige Autonomie bei der Preisgestaltung, es biete wichtige „Lesestücke“ renommierter Medien, die Bedienung des Kiosks sei denkbar einfach, es gebe kuratierende Lotsen, eine ästhetisch ansprechende Benutzeroberfläche und – bei Produktenttäuschung – sogar eine Geld-zurück-Garantie.

Leider gibt es aber (noch) keine nennenswerte Zielgruppe. Und das heißt: Es gibt (noch) kein dringendes Bedürfnis, die zeitraubende und teure Neubündelung entbündelter Inhalte mitzumachen. Bis auf wenige Aficionados (Vielleser und notorische Kioskstöberer) will niemand für einzelne Zeitungsartikel einzelne Kauf-Entscheidungen treffen müssen. Wenn man 100 oder 150 Artikel bequem zum Wundertütenpreis von 2,90 € bekommen kann (in Gestalt einer Zeitung) – warum sollte man dann für einen einzelnen Artikel aus diesem entbündelten Presse-Bündel 75 Cent bezahlen (5 oder 10 Cent wären schon eher nachvollziehbar)?

 

Die Kaffeepadisierung des Journalismus

Okay, es gibt inzwischen auch Kunden, die 70 Kaffee-Pads für 12 Euro kaufen, obwohl sie ein Pfund Kaffee für die Hälfte haben könnten (sie kaufen ihre Pads allerdings noch nicht einzeln). Diese Kunden kaufen vielleicht bei iTunes einzelne Songs, obwohl ein ganzes Album oder eine Flatrate bei Spotify im Verhältnis viel preiswerter wäre. Aber kann man Lebensmittel (die man braucht) oder Lieder (die man immer wieder hören mag) überhaupt mit Journalismus vergleichen? Manche Journalisten wünschen sich das: dass ihre Texte wie Lebensmittel oder Lebensmelodien wären. Doch leider sind die meisten Journalisten nur Journalisten – und schreiben Texte für den Tag.

Ein Einzelkauf wäre nur bei einer ganz bestimmten Sorte von Texten sinnvoll – bei so genannten Longreads (oder Pocketstorys), bei Dossiers, mitreißenden Reportagen, größeren Essays oder Analysen, langen Gesprächen, bei Texten, die abseits des Mainstream entstehen, die aufwändig und exklusiv und originell sind und mehr Bestand haben als ein gewöhnlicher Leitartikel – Texte, die in Richtung Kurzgeschichte, ja schmales Buch gehen. Deren Aufwand soll künftig von der dünnen Schicht der Premium-Leser extra bezahlt werden. Aber ein Bericht über die gestrige Pressekonferenz der Bundesverteidigungsministerin? Oder eine flüchtige Rezension der Uraufführung von Wagners „Lohengrin“? Warum sollten Notizen, die für den Tag und die Zeitung geschrieben sind, als separates ‚Produkt’ noch einmal teuer zweitverwertet werden (und wie viel vom Zusatz-Erlös bekommen eigentlich die Autoren)?

 

Man könnte auch Bücher pro Seite verkaufen

Wie enorm die Erlöse durch Micropayment sind, wissen wir aufgrund der ‚bahnbrechenden Erfolge’ von flattr, kachingle oder LaterPay. Irgendwann ist es selbst dem gutmütigsten Menschen zu mühsam, unablässig Bewertungen und Kauf-Klicks abzugeben (Der Bitcoin-Experte Nick Szabo nannte das „mentale Transaktionskosten“). Presse-Micropayment ist ungefähr so sinnvoll wie der Vorschlag, jede Seite eines E-Books extra zu verkaufen. Per Maus-Klick (der natürlich ganz „einfach“ und „bequem“ ist) könnte man am Ende jeder Seite die nächste Seite für 2 Cent dazukaufen. Manche Seite würde man auch zurückgeben. Und manche Kuratoren würden vielleicht nur die Seiten 38 und 257 empfehlen… Nein, diese Umstandskrämerei kann kein ernsthaftes Geschäftsmodell für Journalismus sein. Es nimmt den Leser zu sehr in Beschlag und gilt nur für Bruchteile des Journalismus. Die Branche würde sich überschätzen, wenn sie die Blendles dieser Welt als Rettung des Journalismus ansähe. Wäre der Einzelverkauf von „hochwertigen“ Presse-Artikeln ein Geschäftsmodell – Amazon hätte es längst in sein Angebot integriert.


Monothematischer Journalismus

6 September 2015 um 15:51 • 14 Kommentarepermalink

Ein neuer Trend erfasst die Nachrichtenmedien: Über Tage und Wochen gibt es nur ein einziges Super-Thema. Ist das gut für unser Problemverständnis oder ist es eine autoritäre Bevormundung?

 

Die Entbündelung der Tageszeitung und der klassischen Nachrichtensendung durch das Netz war vor Jahren ein wichtiges Thema in den Debatten über die Zukunft des Journalismus. Redakteure und Verleger beschworen die Gefahr, dass der Medienkonsument bald nur noch das zur Kenntnis nehmen werde, was er eh schon kenne und deshalb gewohnt sei. Also stets das Gleiche. Doch in jüngster Zeit erfährt die Nachrichten-Branche eine thematische Verengung ihrer Angebotsvielfalt, die noch viel dramatischer ist und von den Redaktionen und Verlagen selbst hervorgerufen wird: Die Nachrichten-Medien konzentrieren sich – ähnlich den Empörungswellen in den sozialen Netzwerken – über längere Zeiträume auf ein einziges, markt- und meinungsbeherrschendes Thema. Die Monothematik ist der neueste Trend im Nachrichten-Geschäft.

 

Du musst dich damit beschäftigen!

Zu Beginn des Jahres fing es an mit dem Attentat auf Charlie Hebdo. Einen konzentrierteren Medien-Aufruhr konnte man sich bis dahin kaum vorstellen. Dann folgte der Flugzeugabsturz von Germanwings, anschließend ploppte die NSA wieder auf, dann ging es um den nervenaufreibenden Euro-Poker mit Griechenland (inklusive des Stinkefingers von Varoufakis), schließlich um den Landesverratsvorwurf gegen die Betreiber der Website netzpolitik.org und nun um Flüchtlinge und Einwanderung. Immer geht es dabei um alles oder nichts. Der moralisierende Zeigefinger (bzw. das große WIR) beherrscht die Schlagzeilen und kaum jemandem gelingt es, sich dem jeweiligen Megathema zu entziehen.

Nun ist die Bildung thematischer Schwerpunkte oder gar monothematischer Nachrichtensendungen an sich eine gute Sache. Leser und Zuschauer können sich über Wochen konzentriert mit einem Thema befassen, Journalisten können alle Aspekte und Facetten beleuchten und – gegebenenfalls – vertiefen. Schwerpunkte oder Monothematik signalisieren allergrößte Wichtigkeit: Du musst dich jetzt damit beschäftigen! Du kannst nicht länger daran vorbeigehen! Du darfst nicht neutral bleiben! Dieser Journalismus ist genau das, was die Medienmacher früher vehement ablehnten: aktivistisch. Er will das Volk in Bewegung bringen. Und in der Flüchtlingskrise dieses Sommers scheint die Mobilisierung der Bevölkerung auch gelungen zu sein.

 

Die journalistische Los Wochos-Strategie

Aber was von der jeweiligen Monothematik bleibt hängen? Wer könnte heute noch wiedergeben, um was im Januar gestritten wurde? Und wer weiß, wie es in der Ostukraine weiterging? Sicher: Emotional gab und gibt es jedes Mal eine Riesen-Aufregung, die Regierenden werden aufgescheucht (Angela, mach’ endlich was!) und die Politiker multimedial gezwungen, in den Modus des mitfühlenden Krisenmanagements zu schalten. Wehe den abseits Stehenden, die dann keine symbolische Handlung vorweisen können (Kind streicheln, Heim besuchen)! Die Talkshows diskutieren, die Brennpunkte überschlagen sich, die Kommentatoren überbieten sich gegenseitig. Und dann?

Entweder schlägt ein neues Thema ein wie eine Bombe und verdrängt das alte oder das Publikum verliert das Interesse und beklagt den thematischen Overkill: Was man auch einschaltet, wo man auch hinschaut: Flüchtlingskrise. Davor, nicht minder dominierend, die Euro-Krise, davor NSA total, davor Ostukraine, davor Germanwings, davor Charlie Hebdo. Auch die serielle Monothematik stößt irgendwann an die Grenzen der menschlichen Aufnahmefähigkeit. Zwar können die Nachrichten-Medien durch die erzeugte Emotionalisierungswelle immer wieder hohe Klickraten, hohe Quoten und hohe Kioskverkäufe erzielen, aber die Auswirkungen ihrer riskanten „Los Wochos“-Strategie bedenken sie nicht.

 

Der Sinn von Monothematik

Die serielle Erregung der Menschen durch ein einziges zentrales Superthema und die darauf folgende serielle Löschung (um einem anderen Super-Thema Platz zu machen) muss nicht unbedingt den Mut zum eigenen Handeln beflügeln, sie kann auch den Unmut und die Erschöpfung aufgeregter Gesellschaften steigern. Denn das Publikum hat es nicht in der Hand, den Zeitpunkt zu bestimmen, wann ein aufrüttelndes Monothema medial durch das nächste abgelöst wird. Es muss jede Wende, jedes abrupte Ende mitmachen. Es muss sich fügen: Okay, dann reden wir ab morgen halt nicht mehr über Flüchtlinge, sondern über den Börsencrash in China. Okay, ich hätte zwar gerne noch länger über den Landesverrat diskutiert, aber das Ober-Thema ist jetzt Syrien. Das heißt, die Menschen werden – ob sie es wollen oder nicht – durch den Emotionskindergarten der Medien gejagt und können nicht mehr selbst entscheiden, womit sie sich befassen wollen. Das ist der Sinn von Monothematik! Das ist ihre autoritäre Schattenseite.

Denn moralisierende Kampagnen über Tage und Wochen hinweg sind zwar gut fürs Medien-Geschäft, aber ob die Menschen von der konzentrierten Berichterstattung profitieren, indem sie nun besser Bescheid wissen über Flüchtlinge, Ostukraine, NSA-Überwachung, Griechenland oder den Islamischen Staat, ob sie sich gar aktiv und nachhaltig mit diesen Problemen auseinandersetzen, bleibt offen. Eine medienwissenschaftliche Untersuchung darüber, ob der monothematische Kampagnen-Journalismus tatsächlich mehr Problemverständnis und zivilgesellschaftliches Engagement hervorbringt oder die Gesellschaft eher lähmt, verwirrt und bevormundet, wäre wünschenswert.


Neoliberale, hört die Signale!

12 August 2015 um 15:15 • 11 Kommentarepermalink

Syriza und Podemos sind nicht mehr allein. Mit Bernie Sanders & Jeremy Corbyn präsentieren sich erstmals zwei angelsächsische Vertreter des Wind of Change. Zwar glauben die hiesigen Eliten, sie könnten die „Rebellen“ als Witzfiguren und Sonderlinge abstempeln, aber das wird nicht mehr lange funktionieren.

 

Die deutschen Leitmedien, also die „Wahrheitspresse“, würden die Kandidaten am liebsten in die linksextreme Ecke stellen oder als grantelnde Alte in die Theaterloge der großen Politik verbannen – wie Waldorf und Statler in der legendären Muppetshow. Denn Bernie Sanders, der überraschend populäre US-Präsidentschafts-Kandidat aus Vermont, und Jeremy Corbyn, der überraschend populäre Anwärter auf den Vorsitz der britischen Labour-Partei, sind schon 73 und 66 Jahre alt. Seit mehr als 30 Jahren „wettern“ sie gegen eine neoliberale Politik, die die Reichen immer reicher, die Mittelschichten immer ratloser und die Armen immer ärmer macht.

Das ist natürlich unerhört! Die jüngste Ausgabe der Zeit berichtet, dass dem Kandidaten Bernie Sanders die Herzen der gebeutelten Amerikaner zufliegen:

„Zu seinen Auftritten kommen mehr Zuschauer als zu den grell orchestrierten Events aller anderen Präsidentschaftskandidaten. Im Juli sprach er vor 10.000 Menschen in Madison im Bundesstaat Wisconsin, 15.000 waren es wenige Wochen später in Seattle. Mit 28.000 Zuhörern in Portland legte Sanders am Sonntag seinen bislang größten Auftritt hin. Hillary Clinton brachte es in der Eröffnungs-Veranstaltung in New York nur auf schlappe 5.500 Zuschauer.“

Offenbar hören jene Amerikaner, die in den deutschen Leitmedien höchst selten vorkommen, ganz gern die Kritik an „gierigen Milliardären“ und „kriminellen Banken“. Sie finden Sanders moderate politische Positionen – für einen flächendeckenden Mindestlohn, für kostenlose Hochschulausbildung, für staatliche Beschäftigungsprogramme – gar nicht so verkehrt. Das „politische Establishment“ der USA schmähe ihn deshalb als „Sonderling“. So weit der Bericht.

Und was macht die Zeit-Redaktion daraus? Sie übernimmt bereits im Vorspann ihres Beitrags das Urteil des “US-Establishments” und schreibt im Indikativ, Sanders „ist ein politischer Sonderling“.

 

Die „Freunde“ von der Hamas und irische “Genossen”

Jeremy Corbyn ergeht es ähnlich. Die Website der Tagesschau wählt als Überschrift den inneren Widerspruch „Linker Außenseiter gewinnt Labour-Herzen“. Und die FAZ ernennt Corbyn zum „britischen Tsipras“. Denn die Leitmedien müssen Nachrichten immer so „kuratieren“, dass sie von den Lesern auch richtig verstanden werden. Bei der Tagesschau gehört Corbyn deshalb dem „extrem linken Parteiflügel von Labour“ an („linker Flügel“ genügte der Redaktion offenbar nicht). Der „bärtige, grauhaarige“ Außenseiter löse – ähnlich einem Popstar – eine wahre „Corbynmania“ aus, weil er – Potzdonner – für eine „faire Gesellschaft“ wirbt. Und natürlich überzeugt er die Massen nicht als Politiker, nein, er „surft“ bloß auf einer „Welle der Sympathie“.

Die FAZ – seit Schirrmachers Tod wieder freudig reaktionär – sagt gleich im Vorspann ihres Berichts, wo’s lang geht: „Im Rennen um den Vorsitz der Labour Party führt ein linksradikaler Autogegner, Pazifist und Vegetarier.“ Damit scheint alles gesagt. Aber es kommt noch schlimmer. Corbyn, so die FAZ angewidert, „verachtet“ die Monarchie ebenso wie den Kapitalismus.

„Nie hatte er ein nennenswertes Parteiamt inne – er war der, der auf die provisorische Bühne stieg, wo gerade gegen den Irakkrieg oder Nuklearwaffen protestiert wurde, das Klima gerettet und Blockaden gegen Banken organisiert wurden.

Corbyn gehörte zu den ersten britischen Abgeordneten, die Freiheit für Nelson Mandela forderten, er spann Kontakte von seinen „Freunden“ bei der Hamas bis zu den Sozialisten Venezuelas und nahm besonderen Anteil an der irischen Politik.

Am Dienstag ließ er sich mit dem irischen „Genossen“ Gerry Adams von der links-nationalistischen Sinn Fein im „Portcullis House“, dem Sitz vieler Abgeordneter, fotografieren.“

Solche Absätze, gespickt mit unterschwelligen Verurteilungsbegriffen und feinsinnigen Anführungszeichen, laufen bei der Qualitätszeitung FAZ unter „Bericht“. Man sieht förmlich, wie es den Autor schüttelt. Aber Gott sei Dank kann er noch einen namenlosen Politikberater als unabhängige Quelle zitieren, der Corbyns Anhänger „schlicht ‚Schwachköpfe’“ nennt.

Dieser Corbyn nun „widersetzte sich als einziger Kandidat“ (!) der amtierenden Labour-Vorsitzenden „und stimmte mit 47 Fraktionskollegen vom linken Flügel gegen das Sozialhilfe-Sparprogramm der konservativen Regierung“. Das muss man sich einmal vorstellen: Ein Sozialdemokrat, der es wagt, gegen die Politik der konservativen Regierung zu stimmen!

In Deutschland kann man sich so etwas gar nicht mehr vorstellen.

Update 13.8.: Die Bildzeitung macht Bernie Sanders heute zum gefährlichen “Querulanten”, der österreichische Standard nennt ihn ein “linkes Schreckgespenst” und die Badische Zeitung vergleicht ihn mit einem “ungemachten Bett”.

Wie schnell sich der mediale Blick auf die linken “Außenseiter” ändern kann, dokumentiert der Fall Alexis Tsipras. Tsipras gilt inzwischen als alternativlos und als Garant der Stabilität.

Und wie man ohne Schaum vor dem Mund über Jeremy Corbyn berichten kann, beweisen der Freitag und der Guardian.


Wie die Presse versucht, WikiLeaks zu diskreditieren

21 Mai 2015 um 15:15 • 3 Kommentarepermalink

Die Enthüllungsplattform WikiLeaks ist zurück. Doch die investigative Presse reagiert pikiert und will die konkurrierende Plattform ins Abseits reden.

 

Es ist noch gar nicht so lange her, da schmückten sich bekannte Medienmarken mit den Enthüllungen von WikiLeaks als wären es hawaiianische Blumenkränze, und das investigative Personal balgte sich darum, wer als erster mit Julian Assange aufs Foto darf.

Und heute?

Mit eifersüchtiger Beißwut reagieren die Leitmedien, wenn WikiLeaks mal wieder beweist, dass es nicht so tot ist, wie behauptet wird. Dann wird der einstige Shooting-Star der Medienszene als „Lächerleaks“ verspottet (Die Zeit) und „die sogenannte Enthüllungsplattform“ (FAZ) zum privaten Spielzeug eines manischen Narzissten heruntergeredet. Die erfolgreiche Dekonstruktion des WikiLeaks-Gründers Julian Assange scheint das Wegbeißen der Konkurrenz inzwischen leichter zu machen. Denn im Netz ist mit Solidarität kaum noch zu rechnen. Das Gift der Vorverurteilung wirkt.

 

Der Kalte Krieg der Enthüller

Die Leitmedien konnten also in die Vollen gehen, als WikiLeaks im April dieses Jahres die gehackten Mails des Unterhaltungskonzerns Sony ins Netz stellte, um die Lobby-Strategien der Firma zu dokumentieren. Zeit, FAZ und SZ schäumten unisono über diese niederträchtige Enthüllungstat: Die Zeit nannte sie „unredlich“ und „unverantwortlich“, die Süddeutsche unkte, WikiLeaks schaffe sich mit der Veröffentlichung von Hollywood-Klatschgeschichten selbst ab und die FAZ vermutete, Julian Assange spiele mal wieder narzisstische Spielchen, um sich und seine sinkende Plattform im Gespräch zu halten.

Der Hauptvorwurf der Presse (wenn man die Häme einmal großzügig abzieht) richtet sich – erneut – gegen das ungefilterte Veröffentlichen von gehacktem Material:

„Wikileaks filtert nicht (zumindest nicht nachvollziehbar), macht keine Unterschiede und damit denjenigen, die sich bei Enthüllungen genau überlegen, was an die Öffentlichkeit gehört und was nicht, das Leben schwer. Durch dieses Vorgehen hat Julian Assange seine früheren Verbündeten in den Medien nach und nach allesamt verloren.“ (FAZ)

„Nun ist WikiLeaks seiner üblichen Arbeitsweise treu geblieben und hat alle Dokumente ohne Schwärzungen und Kürzungen veröffentlicht. Die Plattformbetreiber haben immer argumentiert, dass wahrhaft transparenter Journalismus nicht darauf beruhen kann, dass einige wenige Journalisten Zugang zu allen Dokumenten haben und nur jenen Teil davon veröffentlichen, der ihnen nutzt. Im Fall SPE gefährdet die Veröffentlichung wohl auch keine Menschenleben, wie es WikiLeaks einst vorgeworfen wurde, nachdem Tausende unredigierte diplomatische Depeschen ins Netz gelangt waren. Dennoch dürfen SPE-Mitarbeiter und ihre Kontakte nicht dafür bestraft werden, dass das Unternehmen gehackt wurde. Ihre Kontaktdaten und Privatgespräche gehen die Öffentlichkeit schlicht nichts an.“ (Die Zeit)

„Im Rückblick waren der Sony Hack und die internationalen Spannungen rund um The Interview” eine Farce. Die Aufmerksamkeit für die nun präsentierten Dokumente ist zwar groß. Ihr aufklärerischer Wert ist aber eher dürftig. Wikileaks begibt sich damit auf ein Gebiet, das von Klatschwebseiten wie TMZ und Gawker dominiert wird. Damit tut Wikileaks einen weiteren Schritt in den Abgrund der Bedeutungslosigkeit.“ (SZ)

Aber stimmt es wirklich, dass sich WikiLeaks mit der Sony-Veröffentlichung in den “Abgrund der Bedeutungslosigkeit” stürzt? Oder handelt es sich hier um einen verdeckten Konkurrenzkonflikt? Um einen Kalten Krieg der Enthüller, den die Leitpresse mit der wieder auferstandenen Enthüllungsplattform austrägt? Zumindest in der Zeit wird das angedeutet:

„WikiLeaks erscheint nun mehr denn je als Plattform, die sich um jeden Preis im Gespräch halten will. Mehr oder weniger verständlich, wenn man bedenkt, dass viele der vergangenen großen Leaks über andere Kanäle liefen: die Snowden-Dokumente über Glenn Greenwald und Laura Poitras (auch wenn alle Beteiligten sagen, dass WikiLeaks eine wichtige Rolle dabei gespielt hat), die Offshore-Leaks und die Swiss-Leaks über das Journalisten-Netzwerk ICIJ. Einzelne Medienhäuser und Journalisten haben sich zudem sichere elektronische Briefkästen eingerichtet, damit Informanten ihnen Unterlagen zusenden können. Das garantiert zwar keine vollständige Veröffentlichung, wie sie auf WikiLeaks üblich ist, stellt aber trotzdem eine neue Konkurrenz dar.“

WikiLeaks will sich also um jeden Preis im Gespräch halten, die Presse dagegen handelt von jeher als uneigennütziger Aufklärer: So einseitig kann man den Konflikt zweifellos darstellen.

 

Die vierte Gewalt sieht nicht besonders gut aus

Aus der Sicht der Enthüllungs-Plattform WikiLeaks sieht die Sache freilich etwas anders aus. WikiLeaks will nicht nur aufklären, sondern Veränderung auslösen. Und in diesem Punkt müsste die Presse wohl eingestehen, dass ihre großen („wikileaksfreien“) Leaks trotz oder gerade wegen der journalistischen Filterung der Dokumente so gut wie nichts bewirkt haben. Die Übergabe der Dokumente an professionelle Journalisten großer Zeitungen sorgt zwar stets für enormen Medienrummel, führt aber weder im Fall Edward Snowden noch in den Fällen Offshore- oder Swiss-Leaks zu einschneidenden politischen Veränderungen. In dieser Hinsicht sieht die Erfolgsstatistik der „vierten Gewalt“ nicht besonders gut aus.

WikiLeaks hält es für das Kardinalproblem der investigativen Presse, dass einige auserwählte Journalisten im Verbund mit der jeweiligen Verlagshierarchie darüber entscheiden, was die Öffentlichkeit über einen Geheimnisverrat wissen darf und was nicht, ja dass die jeweiligen Redaktions- und Verlagsinteressen eigenmächtig darüber bestimmen, in wie vielen Portionen die Öffentlichkeit wie stark gefiltert und zu welchem Zeitpunkt brisante Zeitdokumente kennenlernen darf. Die scheibchenweise Veröffentlichung der Snowden-Dokumente erstreckt sich mittlerweile über zwei Jahre – zwei Jahre, die auch die betroffenen Geheimdienste für die Schadensbegrenzung nutzen konnten. Bei manchen Steuer-Leaks lagen acht Jahre zwischen dem Abgreifen der Bank-Daten und den Presse-Veröffentlichungen. Es ist auch ein Ärgernis, dass die Medien ihre mittlerweile etablierte, zum Teil sogar institutionalisierte Enthüllungs-Konkurrenz (ICIJ, NDR-WDR-SZ) jeder kritischen Diskussion entziehen, dass sie Proteste gegen ihre Veröffentlichungs-Praxis geflissentlich überhören und stattdessen versuchen, die Konkurrenz in den eigenen Medien niederzumachen – natürlich immer mit dem Argument der großen journalistischen Verantwortung und der professionellen Aufbereitung.

Wie einseitig und missgünstig die Medien inzwischen gegenüber WikiLeaks auftreten, zeigt sich z.B. an der dramatisch veränderten Haltung zu vergleichbaren Enthüllungen. Als WikiLeaks in seiner Frühzeit den internen Schriftverkehr der Schweizer Privatbank Julius Bär enthüllte, bewunderten die Medien die mutige Tat der neuen Enthüllungsplattform (CBS: „Freedom of Speech has a Number – WikiLeaks“) – sieben Jahre später werden die gleichen Methoden verächtlich gemacht.

Aber nicht nur die Sony-Veröffentlichung, auch die Publikation der Protokolle des deutschen NSA-Untersuchungsausschusses durch WikiLeaks wird plötzlich sehr kritisch gesehen. Die Sitzungen des Ausschusses seien doch öffentlich gewesen, wozu brauche es da noch eine extra „Enthüllung“? Das provoziert natürlich die Gegenfrage: Warum hat keine führende deutsche Zeitung die Protokolle selbst veröffentlicht? Das Thema ist ihnen doch angeblich sehr wichtig. Ähnliches könnte man über die Publizierung der Geheimprotokolle des geplanten trans-pazifischen Freihandelsabkommens (TTP) sagen oder über die WikiLeaks-Veröffentlichungen zum heimlichen Verkauf deutscher Staatstrojaner-Spähsoftware an autoritäre Regime.

Das alles wurde von der deutschen Presse – wenn überhaupt – bei WikiLeaks abgeschrieben. Denn die ursprüngliche Zusammenarbeit der Plattform mit den „exklusiven Medien-Partnern“ endete 2011. Über die Gründe des Zerwürfnisses hört man immer nur die eine Seite, die andere wird totgeschwiegen oder lächerlich gemacht. Dabei gibt es auf Seiten von WikiLeaks durchaus gute Gründe.

 

Ein Verdrängungswettbewerb ungleicher Konkurrenten

Im Unterschied zur investigativen Presse betreibt WikiLeaks keine Pseudo-Enthüllungen. Bei WikiLeaks werden Ross und Reiter genannt. Diese rücksichtslose Praxis des Anprangerns kann man aus ethischen und journalistischen Gründen ablehnen, doch dann sollte man auch so konsequent sein und selbst auf halbgare Enthüllungsgeschichten verzichten anstatt sie gefiltert und aufgeschäumt als grandiose Presse-Scoops anzupreisen oder Daten-Reste aus dritter Hand zu journalistischen Sensationen aufzublasen.

Die pressetypische Umsetzung von Leaks gleicht heute in ihrer seriellen Herstellung in verblüffender Weise der Zurückhaltung staatlicher Behörden gegenüber parlamentarischen Untersuchungsausschüssen: Immer wenn es konkret wird, sind die Dokumente ‚geschwärzt’. So heißt es in der groß aufgemachten „Swiss Leaks“-Story der SZ über Steuerhinterzieher aus dem Hochadel, dem Sportbusiness und dem Rotlichtmilieu: „Die Süddeutsche Zeitung wird deren Namen nicht nennen“. Man möchte zwar den Pelz waschen, aber er soll nicht nass werden. Also wird das geleakte Material pressetypisch entschärft. Das entspricht dem Berufskodex, aber es nimmt den Enthüllungen auch die Spitze. Hier klar zu unterscheiden, was sorgfältige Absicherung und was ängstlicher Opportunismus ist, dürfte nicht leicht sein. Man lese etwa Glenn Greenwalds aufschlussreiches Kapitel über „Die vierte Gewalt“ in seinem Buch „Die globale Überwachung“. Weder für die New York Times noch für Politico ist Greenwalds Bericht aus dem Nähkästchen besonders schmeichelhaft.

Natürlich unterscheiden sich die Begründungen für das Vorfiltern und Entschärfen geleakter Informationen in einem wesentlichen Punkt: Während bei den staatlichen Behörden das „Staatswohl“ die Filterung der Informationen rechtfertigt, ist es bei Medien meist die Privatsphäre, also das persönliche Wohl der Betroffenen. Dieses Wohl kann man weit oder eng auslegen, je nachdem, wie der Zeitgeist und die Gerichte das überragende Interesse der Öffentlichkeit gerade definieren. Die Enthüllungs-Plattform WikiLeaks hat sich entschlossen, hier nicht zu differenzieren und immer ein überragendes Interesse der Öffentlichkeit vorauszusetzen. Sie erkennt deshalb die Selbstbegrenzung der Berichterstattung nicht an. Rein wettbewerbsmäßig ist WikiLeaks dadurch gegenüber Presse-Enthüllern im Vorteil. Aber die Enthüllungs-Plattform zahlt dafür einen hohen Preis, denn sie steht immer mit einem Bein im Gefängnis.

In der Selbstbegrenzung der Medien liegt auch ein Grund, warum sie durch ihre Leaks so wenig bewirken. Sie kratzen bestenfalls am Lack. Während die Betreiber von WikiLeaks bekämpft werden (ein starkes Indiz für ihre Wirkung), wollen die Medien im Grunde keinen Ärger mit den Eliten. Sie gehören heute, wie Glenn Greenwald schreibt, dazu:

„Früher galten echte Journalisten als die Außenseiter schlechthin. Viele, die diesen Beruf ergriffen, wollten sich eher den Mächtigen widersetzen als ihnen dienen, und nicht nur auf theoretischer Ebene, sondern auch mit ihrer ganzen Person. Die Wahl des Journalistenberufs war praktisch eine Garantie dafür, das Dasein eines Außenseiters zu führen: Reporter verdienten wenig, hatten kein hohes gesellschaftliches Ansehen und galten meist als zwielichtig.

Das ist heute ganz anders. Mit dem Aufkauf von Medienunternehmen durch die größten Konzerne der Welt wurden die meisten Medienstars zu hochbezahlten Angestellten, die sich nicht von anderen Mitarbeitern gleichen Ranges unterscheiden. Sie offerieren der Öffentlichkeit Medienerzeugnisse im Namen ihres Unternehmens, als handelte es sich um Bankdienstleistungen oder Finanzprodukte. Ihre berufliche Laufbahn wird von den Parametern bestimmt, die nun einmal in einem solchen Umfeld zum Erfolg führen, also davon, inwiefern sie die Konzernchefs zufriedenstellen und den Interessen des Unternehmens dienen.“

(Glenn Greenwald, Die globale Überwachung, S.330)

Wir haben es daher – jenseits der ethischen Dimension, die man auf Kongressen gern diskutiert – mit einem knallharten Verdrängungswettbewerb zu tun: hier die Enthüllungs-Medien, die exklusiven Geheimnisverrat brauchen, aber nicht alles tun dürfen und die Verhältnisse nicht grundlegend ändern wollen, dort die Enthüllungs-Plattform WikiLeaks, die sich nichts vorschreiben lässt und aufs Ganze geht, aber zur Strafe exkommuniziert wird. Die Kooperation zwischen beiden ist 2011 gescheitert. Sie musste scheitern, weil keine Seite ihre Position aufgeben konnte oder wollte.


Politico oder: Das Märchen von der europäischen Öffentlichkeit

22 April 2015 um 11:19 • 7 Kommentarepermalink

Nun gibt es endlich den europäischen Ableger des supererfolgreichen US-Magazins Politico. Und Mitgesellschafter Springer haut dazu kräftig auf die Pauke. Ist der PR-Lärm berechtigt? Entsteht eine „europäische Öffentlichkeit“?

 

Medien, so Jürgen Trittin kurz nach seinem Ausscheiden aus der ersten Reihe der Politik, sind nicht die Kontrolleure der Macht, sondern Teil der Macht. Das müsse man immer im Hinterkopf behalten, wenn man aktiv Politik betreibe. Deshalb schrieb sich der Grüne seine Erkenntnis auch erst von der Seele, als er mit der aktiven Politik fertig hatte. Vorher, in seiner Zeit als Umweltminister und Sprecher der Grünen, wäre eine solche Äußerung wohl kontraproduktiv gewesen, denn Politik und Medien sind aufeinander angewiesen.

Diesen besonderen Umstand des gegenseitigen Aufeinanderangewiesenseins machte sich das Washingtoner Erfolgs-Startup Politico von Beginn an zunutze, ja es machte das Aufeinanderangewiesensein zu seinem entscheidenden Programm-Inhalt.

Denn Politico ist kein gewöhnliches Online-Medium für die breite Öffentlichkeit, es ist eine politische Pressure Group, eine Art Think Tank oder Beratungsinstitut, das sich geschickt als Medium zu verkleiden weiß. Frederick J. Ryan Jr., der in den neunziger Jahren Stabschef des Weißen Hauses unter Ronald Reagan war und seinem Chef auch danach noch politisch verbunden blieb, hat die Website Politico 2007 mitgegründet und durch einige Deals auch mit großgezogen (heute ist er Herausgeber der Washington Post). Ryan ist ein vom Politikbetrieb outgesourcter Medienmacher, der, wie man heute gern sagt, politisch „bestens vernetzt“ ist und immer die richtigen Verbindungen pflegt. Die ehrgeizige White House-Reporterin Zoe Barnes aus der US-Serie „House of Cards“ wäre in echt sicher White House-Reporterin bei Politico.

Nun also startet das politische Wundermagazin aus Washington seine lange angekündigte transatlantische Ausgabe, und dieses Ereignis wird uns – wieder einmal – als die große „Medienrevolution“ verkauft, als Geburtsstunde einer „europäischen Öffentlichkeit“, herausragend “durch eine andere Form von Journalismus“.

 

Preis für ein Jahresabo: 7500 Dollar

Natürlich könnte man sich als Europäer selbstkritisch fragen, warum ausgerechnet amerikanische Verleger auf die Idee verfallen mussten, eine europäische Öffentlichkeit herstellen zu wollen, aber der Streit um TTIP, Snowden und Google zeigt ja, dass in Europa etwas gewaltig schief läuft. Dass die Europäer bzw. ihre gewählten Politiker offenbar bessere und richtigere Informationen brauchen als die, die sie bislang zur Verfügung haben. Und damit kommen wir zum eigentlichen Zweck des Groß-Unternehmens politico.eu.

Wie Christoph Keese, der „Executive Vice President“ des Springer-Verlags (der 50 Prozent am europäischen Politico-Projekt hält), in einem aufschlussreichen Interview mit Vera Linß klarstellte, geht es Politico gar nicht so sehr um die Herstellung einer breiten europäischen Öffentlichkeit, sondern eher um die mediale Versorgung einer kleinen Elite von EU-Entscheidungsträgern mit Argumentationshilfen und so genanntem Hintergrundwissen. Christoph Keese:

„POLITICO besteht aus mehreren Produkten. Das eine ist eine parlamentstäglich erscheinende Zeitung. Die gibt es dort kostenlos. Die wird finanziert durch Anzeigen, also ein relativ traditionelles Modell, das aber nicht den wichtigsten Teil des Umsatzes darstellt. Der wichtige Teil des Umsatzes ist die Webseite. Und die Website besteht aus zwei Teilen, einem offenen Teil, werbefinanziert, auf den jeder drauf gehen kann, wo aber nur ein Bruchteil dessen steht, was die journalistisch produzieren. Der wichtige Teil (!), und hier liegt die Innovation, ist die Berichterstattung über bestimmte Themengebiete, die so genannten Verticals, zum Beispiel zu den Themen Energiewirtschaft, Gesundheitswirtschaft, IT-Technologie oder Kartellrecht. Zu diesen Themengebieten beschäftigt POLITICO dramatisch mehr Journalisten als die Konkurrenz. Um ein Beispiel zu nennen: Obamacare, die große Gesundheitsreform der USA, wird von den traditionellen Medien „Washington Post“ oder „New York Times“ mit ungefähr ein bis zwei Redakteuren begleitet. POLITICO deckt dieses Themengebiet mit 12 oder 13 Leuten ab, es ist also ein enormer Aufwand, der da getrieben wird. Dafür erfahren die Profis, die es benötigen, alles, was sie für ihre Arbeit brauchen und bezahlen dafür einen exorbitant hohen Abopreis, 7500 Dollar pro Jahr. Dieser Preis wirkt auf den ersten Blick absurd hoch, ist aber aus Sicht derjenigen, die ihn zahlen, eigentlich niedrig, weil sie dadurch in den Genuss von Informationen kommen, die sie ganz dringend brauchen, aber sich auf anderem Wege nicht zusammenstellen könnten.“

Im Stammland von Politico, in den USA, bestehe die ideale Zielgruppe für diese Superinformationen aus zwei Personen: dem Stabschef des Weißen Hauses und dem Mehrheitsführer des Kongresses. Für diese beiden schreibe Politico oder besser gesagt: diese beiden sollte jeder Politico-Mitarbeiter als potentielle und ideelle Adressaten immer vor Augen haben.

Auf europäische Verhältnisse übertragen wären das laut Keese nicht zwei, sondern vier Personen: EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der Präsident des Europäischen Rats, Donald Tusk, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande. Diese vier, plus Mitarbeiter, Zuträger, Einflüsterer und Kritiker (und nicht etwa die normalen EU-Bürger) sind die Zielgruppe, die das europäische Politico mit seinen „Vertical“-Dossiers erreichen möchte. Zu diesem Zweck sollen die vielen Brüsseler Redakteure bei den EU-Hinterbänklern, EU-Bürokraten, Ausschuss-Mitgliedern und Fachleuten vorstellig werden und das dort gesammelte Wissen zu gewaltigen, aber leicht lesbaren Dossiers verarbeiten, die für politische Richtungs-Entscheidungen (etwa in den Themenfeldern Gesundheitswirtschaft, Energiewirtschaft oder Informationstechnologie) wichtig sein könnten.

 

Kritik und Pflege der politischen Landschaft

Die teure Variante von Politico wäre mithin eine Art Nachrichten-Special für die EU-Elite und für amerikanische Firmen, ein stratfor-Newsletter, ein wissenschaftlicher Dienst oder eine kuratierte Pressemappe im Sinne der Pflege und Durchdringung der politischen Landschaft. Damit die Parlamentarier und ihre Mitarbeiter, die EU-Bürokraten in Brüssel und die Entscheidungsträger in den nationalen Parlamenten die richtigen „Echtzeit-Informationen“ in ihren Postfächern finden. Das mag strategisch und ökonomisch durchaus vernünftig klingen, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie man die politischen Service-Leistungen und den angeschlossenen Journalismus da noch sauber voneinander trennen kann.

Andererseits: 7500 Euro für ein Jahresabo!? Bezahlt aus Mitteln der EU (aus Steuergeldern)? Ein tolles Geschäftsmodell.


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