Wäre Edward Snowden in Deutschland wirklich sicher?

17 April 2014 um 12:09 • 0 Kommentarepermalink

Die Wau Holland-Stiftung und die Journalisten-Organisation „Reporter ohne Grenzen“ wollen von der Bundeskanzlerin wissen, warum eine Befragung Edward Snowdens vor dem NSA-Untersuchungsausschuss mit der Auslieferung des Whistleblowers enden könnte.

 

Eine gute Frage! Irritiert hat die Fragesteller vor allem eine kolportierte Bemerkung des Vizekanzlers Sigmar Gabriel. Der soll am 31. März vor Berliner Schülern gesagt haben:

„Deutschland ist ein kleines Land, in dem der amerikanische Geheimdienst sehr genau weiß, wer hier was tut. Ich bin sicher, dass der Geheimdienst der USA versuchen würde, ihn unter seine Kontrolle zu bringen. Wer garantiert eigentlich, dass er hier sicher lebt?“

Das klingt, als vertrete der Vizekanzler nicht den ‚mächtigen’ EU-Staat Deutschland, sondern eine kleine abhängige Bananenrepublik im Hinterhof der USA. War es also bittere Ironie, die den Vizekanzler zu seiner Einschätzung bewog? Oder war es echte Sorge, nicht die volle Kontrolle im eigenen Land zu haben? Könnte Snowden von amerikanischen Diensten auf deutschem Boden gekidnappt, im Dagger-Komplex gefangen gesetzt und dann von Ramstein aus nach Amerika geflogen werden?

 

Es ist so verdammt schwer, souverän zu sein

Grob gesagt hätte die US-Regierung zwei Möglichkeiten, Snowden in Deutschland zu bekommen: 1. Sie verweist auf das Auslieferungsabkommen zwischen der EU und den USA. 2. Sie beruft sich auf das NATO-Truppenstatut.

Zu 1.: Bereits im Sommer vergangenen Jahres wurde anlässlich der Asylfrage diskutiert, ob Deutschland Snowden im Falle einer Einreise an die USA ausliefern müsse – wegen des 2010 zwischen der EU und den USA unterzeichneten Auslieferungsabkommens. Die Frage wird von manchen Juristen und Diplomaten bejaht, ist aber letztlich eine rein politische Entscheidung.

Eine souveräne Regierung könnte nämlich einfach erklären, dass eine Auslieferung Snowdens gar nicht in Frage komme. Das nationale Interesse gebiete es vielmehr, die Aktivitäten eines fremden Geheimdienstes aufzuklären, insbesondere wenn es sich um illegitime Aktivitäten wie Wirtschaftsspionage, Total-Überwachung der Bevölkerung und ähnliche nicht unmittelbar der Terrorismusbekämpfung dienende Tätigkeiten handle. Die Interessen der Bundesbürger hätten also logischerweise Vorrang vor den Interessen einer ausländischen Regierung. Aber wie gesagt – so könnte nur eine souveräne Regierung argumentieren. Was aber, wenn die Souveränität der Regierung nicht existiert?

Zu 2.: Vermutlich könnte das US-Militär Snowden ganz offiziell verhaften lassen. Denn die in Deutschland residierenden Militärbehörden der Nato-Macht USA haben laut Nato-Truppenstatut von 1951 (Artikel VII) – einschließlich des Zusatzprotokolls (Artikel 19) – das Recht dazu. Die Militärbehörden müssten lediglich eine Gefahr für ihre in Deutschland stationierten Truppen konstatieren. Diese Gefahr ist nach Ansicht der Militärbehörden gegeben, da Snowden durch seine Enthüllungen und seine Anreise aus Moskau den US-Militärgeheimdienst und damit die Sicherheit der US-Truppen gefährdet (Hochverrat, Geheimnisverrat, Spionage). Als ziviler Mitarbeiter des Pentagon untersteht Snowden somit vorrangig der US-Militärgerichtsbarkeit. Die Bundesregierung würde sich in den Fall wohl nicht einmischen.

Eine Ladung Edward Snowdens vor den NSA-Untersuchungsausschuss würde daher die Gretchen-Frage nach der deutschen Souveränität aufwerfen.

Diese Problematik hat man vermutlich auch dem überraschend zurückgetretenen Ausschuss-Vorsitzenden Clemens Binninger nachdrücklich klargemacht.


Der Umsturz in der Ukraine folgt einem alten Muster

6 März 2014 um 12:09 • 3 Kommentarepermalink

Ost und West zerren erneut an der Ukraine. Das nützt nicht dem Land, sondern nur den jeweiligen Clans.

 

Wladimir Putin will die neue Regierung in Kiew nicht anerkennen und spricht von einem Staatsstreich gegen den legitimen Präsidenten. Die westlichen Regierungen finden den Umsturz prima und versprechen der provisorischen Regierung Unterstützung.

Der Westen wollte und will ein Assoziierungs- und Freihandelsabkommen, das der Ukraine eine zweite Schocktherapie verabreichen soll. Denn die Kredite des IWF und die Hilfsgelder der EU sind an strikte Auflagen gebunden, die das Land in seinem gegenwärtigen Zustand nur schwer erfüllen kann.

Russland versprach und verspricht der Ukraine billige Kredite und billiges Gas, verlangt dafür aber den Beitritt zur postsowjetischen Zollunion und den Verzicht auf EU- und Nato-Beitritt.

Die hoch verschuldete Ukraine muss sich also entscheiden. Und das zerreißt sie. Besser: Es hat sie zerrissen.

 

Das Geschwätz vom kulturell gespaltenen Land

Auch vor Viktor Janukowitschs Wahl zum Staatspräsidenten war die Ukraine in einer desolaten Situation. Die Schocktherapien des IWF in den neunziger Jahren hatten nichts gebracht – außer einer lukrativen Verscherbelung des Tafelsilbers (Privatisierungen) an die Oligarchen und einem Rückgang des Bruttoinlandprodukts um 60 Prozent.

Viktor Juschtschenko und Julia Timoschenko, die Helden der Orangenen Revolution von 2004, versagten allerdings als Staats- und Regierungschefs in den Jahren danach. Die weltweite Finanzkrise verschlimmerte die Situation, ausländische Banken plünderten zusammen mit ukrainischen Oligarchen weiter das Land.

Die Wettbewerbsfähigkeit der ukrainischen Wirtschaft verbesserte sich kaum. Denn weder Russland noch die EU noch die USA investierten in nennenswertem Umfang in eine Modernisierung der energieintensiven Schwerindustrie (Stahl, Chemie), der Kohle-, Gas- und Ölförderung (Bergwerke), der Atomindustrie (Tschernobyl, Riwne etc.), des Flugzeugbaus (Antonov-Werke) oder des Agrarsektors (Problem Bodenerosion). Größter Direktinvestor 2008 war Zypern (!).

Auch vor Janukowitsch vermochte nur ein 16,4 Milliarden Dollar schwerer Kredit des Internationalen Währungsfonds den Staatsbankrott abzuwenden (wobei der Kredit gar nicht vollständig ausgezahlt wurde, da die Ukraine die Auflagen nicht erfüllte). Und korrupt waren die ukrainischen Oligarchen-Clans, die das Kiewer Parlament durch Abgeordnetenkauf beherrschen, schon zu Zeiten der Präsidenten Krawtschuk, Kutschma und Juschtschenko.

Es gab also keine wirklich neue Situation im Herbst 2013. Janukowitsch war durch korrekte Wahlen an die Macht gekommen. Denn die Präsidentschaftswahlen im Jahr 2010 wurden nicht von Janukowitsch und seiner Partei der Regionen organisiert, sondern von der Regierung Timoschenko:

„Die Leiterin der OSZE-Wahlbeobachtungsmission, Heidi Tagliavini, zollt der Arbeit des Ministerkabinetts bei der Vorbereitung der Präsidentschaftswahlen hohe Anerkennung. Dies erklärte sie bei einem Treffen mit der Premierministerin der Ukraine, Julia Timoschenko, am 7. Januar (2010). Heidi Tagliavini unterstrich dabei, dass die Position der Regierungschefin bei der Gewährleistung von transparenten Wahlen eine sehr wichtige ist.“

Julia Timoschenko erklärte: “Wir möchten Fälschungen nicht zulassen und haben uns an die OSZE und andere internationale Organisationen gewandt, die Beobachter schicken können, damit eine Wiederholung der Fälschungen, ähnlich denen im Jahre 2004, nicht zugelassen wird. Das ist unser Ziel“.

Im ersten Wahlgang zur damaligen Präsidentschaftswahl traten 18 Kandidaten an. Julia Timoschenko erreichte dabei rund 25 Prozent der abgegebenen Stimmen, Viktor Janukowitsch 35 Prozent.

Während Janukowitsch in allen Regionen der Ostukraine führte, erreichte Timoschenko in fast allen Regionen der Westukraine die meisten Stimmen. Allerdings, und das spricht gegen die behauptete kulturelle Zweiteilung des Landes, erreichte Janukowitsch auch in den meisten Regionen der Westukraine die zweitmeisten Stimmen hinter Timoschenko!!

In der Stichwahl am 7. Februar 2010 konnte sich Wiktor Janukowitsch mit 49 Prozent gegen Julia Timoschenko durchsetzen. Die Regierungschefin erhielt 45,5 Prozent. Die Ergebnisse entsprachen den unabhängigen Umfragen, die vor der Wahl durchgeführt wurden. Die externen Wahlbeobachter waren sehr zufrieden:

“Die Abstimmung, die gestern stattfand, wurde zu einer überzeugenden Äußerung demokratischer Wahlen. Für jeden in der Ukraine wurden diese Wahlen zu einem Sieg. Jetzt ist die Zeit für die politischen Führer des Landes gekommen, das Urteil des Volkes zu hören und die Machtübergabe auf friedliche und konstruktive Weise zu gewährleisten”, erklärte Joao Soares, der Leiter der Parlamentsversammlung der OSZE und Koordinator der Mission der kurzfristigen Beobachter der OSZE…. Die Beobachter hoben besonders die Rolle der in der Ukraine unabhängigen Medien hervor, die eine Vielfalt an ausgewogenen Informationen über die Kandidaten geboten hätten. Auch die Auszählung der Wahlzettel sei professionell gewesen. “Diese Wahl war insgesamt effektiv und mit Respekt für die grundlegenden Freiheiten organisiert – trotz lückenhafter und widersprüchlicher Gesetze”, sagte die leitende OSZE-Wahlbeobachterin Heidi Tagliavini.”

Aber nicht nur die Beobachter der OSZE waren voll des Lobes, sondern auch die Beobachter der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, des Europäischen Parlamentes und der Parlamentarischen Versammlung der NATO.

Es gab im Verlauf der Jahre nur ein Problem: Je länger Janukowitsch die Entscheidung „Pro Westen“ oder „Pro Osten“ hinauszögerte, desto stärker wurde er in westlichen Medien als „Diktator“ hingestellt. Und seine Gegner waren die Helden und „Kräfte der Freiheit“.

Diese Einflussnahme von außen verdeckt, dass auch die jüngste „Revolution“ in der Ukraine keine Revolution, sondern nur ein geschickter Clanwechsel (zur weiteren Ausplünderung des Landes) ist.

 

Ein notwendiger Rückblick in die Geschichte

1982 weihte die ukrainische KP in Kiew das „Denkmal der Völkerfreundschaft“ ein. Es liegt direkt hinter der Philharmonie. Unter einem stählernen Regenbogen von etwa 30 Metern Durchmesser stehen ein russischer und ein ukrainischer Arbeiter und halten den sowjetischen Orden der Völkerfreundschaft über ihre Köpfe als wäre es eine schützende Regenplane. Kiewer Jugendliche treffen sich hier, um über den großen Fluss ins weite Land zu blicken, bevor sie ihre leer getrunkenen Bierflaschen über die Brüstung ins Gestrüpp hinunter stoßen.

Das Denkmal der Völkerfreundschaft erinnert an den folgenschweren Beschluss der Dnjepr-Kosaken von 1654. Die Vorfahren der heutigen Ukrainer hatten sich damals unter den Schutz des russischen Zaren begeben. Sie verbanden damit die Aussicht auf ewigen Frieden und die Absicherung ihrer soeben erkämpften Freiheit. Denn die Kosaken-Republiken, die im 16. Jahrhundert in den Flusswäldern am unteren Dnjepr entstanden waren, bildeten den ersten Versuch, eine unabhängige ukrainische Nation zu schaffen.

Vor dieser Zeit dienten die meisten Kosaken als Grenzwächter des polnisch-litauischen Adels. Ihre Aufgabe war es, die „ukraina“ – die Ostgrenze des Königreichs Polen-Litauen – vor einfallenden Tataren zu schützen. Sie wurden mit Privilegien belohnt, mussten dafür aber verschärfte Kontrollen ertragen: als „Register-Kosaken“ wurden sie in die polnisch-litauische Armee integriert.

Als die polnischen Großgrundbesitzer ihre Ländereien immer weiter nach Osten ausdehnten, die Bauern versklavten und sich auch in die Angelegenheiten der freien Kosaken einmischten, kam es zu Protesten und regelrechten Aufständen. 1648 besiegte der Kosakenführer Bogdan Chmelnitzki die polnischen Truppen und gründete beidseits des Dnjepr das Hetmanat der Zaporoger Kosaken, das viele ukrainische Historiker (auch der ehemalige Staatspräsident Viktor Juschtschenko) als Urform der unabhängigen Ukraine betrachten.

Drei Jahre später schlugen die Polen zurück, und Chmelnitzki brauchte dringend Bündnispartner gegen die feindliche Übermacht. Er fand sie im Großfürstentum Moskau. Mehrere Kosaken-Delegationen machten dem Zaren ihre Aufwartung, bis dieser, nach anfänglichem Zögern, den Schutz im Vertrag von Perejaslaw gnädig gewährte.

Russland verpflichtete sich dabei zu nichts. Die Kosaken aber verloren die Souveränität über ihre Außenpolitik und wurden Vasallen. Zug um Zug engte Moskau ihren Spielraum ein, stationierte eigene Truppen am Dnjepr und koordinierte die ukrainischen Angelegenheiten mit Hilfe der Kleinrussischen Kanzlei. 1667 teilten Polen-Litauen und Russland das Kosaken-Hetmanat unter sich auf.

Heute diskutieren ukrainische Historiker, warum sich das Kosaken-Hetmanat nicht zu einem unabhängigen Staatswesen entwickeln konnte, wie es etwa zur selben Zeit der Niederlande, der Schweiz oder Brandenburg-Preußen gelang. Die Großmächte in West und Ost, sagen die Historiker, hätten ihren Kampf um die Vorherrschaft auf dem Rücken des Hetmanats ausgetragen. Und die Führer des Hetmanats seien – ähnlich wie heute die Oligarchen – mehr an der Erhaltung ihrer Privilegien als an der Entwicklung eines funktionierenden Staatsgebildes interessiert gewesen.

 

P.S. Ich war vor einigen Jahren für eine Geo-Reportage bei den Stahlarbeitern von Krivij Rih, auf den Spuren von Julia Timoschenko in Dnipropetrowsk, in der Kohlegrube Zasjadko in Donezk, im Kiewer Parlament, bei der Internetzeitung Ukrainska Prawda, beim Schriftsteller Andrej Kurkow und in den Antonov-Flugzeugwerken von Kiew. 

Crosspost


Der gute Systemadministrator

29 Januar 2014 um 18:12 • 0 Kommentarepermalink

Wir Deutschen lieben Edward Snowden. Denn er entschädigt uns für die Schmach, dass uns die US-Regierung behandelt wie einen unmündigen Vasallen.

 

Nein, es ist kein Zufall, dass die russische Regierung bevorzugt deutsche Journalisten und Politiker zu Snowden vorlässt. Es liegt im russischen Interesse, die Deutschen und die Amerikaner ein wenig voneinander zu entkoppeln. Und weil das so ist, gab es am vergangenen Sonntag einen “exklusiven” Snowden-Abend im deutschen Fernsehen (hier einige Reaktionen: SZ, SpOn, Uhle, Wolfsbeeren, Gillen).

Auch für Deutschland ist Snowden ein Glücksfall. Seine Enthüllungen erinnern uns daran, wie misstrauisch die Amerikaner uns immer noch begegnen. Snowdens Kritik entschädigt uns aber auch für die ‚Schmach’, selbst nach 65 Jahren Nato noch immer wie ein unmündiger Vasall vom großen Bruder behandelt zu werden.

Von solchen historisch verursachten Kalamitäten weiß der junge Amerikaner Edward Snowden vermutlich wenig. Sein Ziel ist die Wiederherstellung der inneren Werte Amerikas, nicht die Veränderung der geostrategischen Gemengelage.

 

Der Patriot

Da uns Snowdens amerikanischer Patriotismus aber wenig interessiert, haben wir sein Weihnachts-Interview mit der Washington Post auch kaum beachtet. In diesem bemerkenswerten Interview sagte Snowden, er arbeite noch immer für die NSA; er wolle den Geheimdienst nicht kaputtmachen, sondern verbessern. Er sei mit den Daten sorgfältig umgegangen und habe brisante Inhalte, die Amerika schaden könnten, unter Verschluss gehalten.

Sein Motiv, als Geheimdienst-Mitarbeiter die Öffentlichkeit zu informieren, begründete er damit, dass die NSA inzwischen mehr Amerikaner in Amerika abhöre als Russen in Russland. Die NSA, so konnte man diese Bemerkung interpretieren, solle sich wieder auf ihre Aufgaben konzentrieren und das Abhören des eigenen Volkes unterlassen.

Schließlich deutete Snowden noch an, dass er seine „Mission“ beenden werde, wenn Präsident Obama – wie versprochen – den aus dem Ruder gelaufenen Geheimdienst reformiere. Seine Aufgabe sei damit erfüllt: „Mission accomplished“. (So hieß übrigens auch die Rede, die George W. Bush nach dem Ende des US-Kampfeinsatzes im Irak auf dem Flugzeugträger Abraham Lincoln gehalten hat.)

 

Die Rolle des guten Cops

Vielleicht wollte Edward Snowden mit seinem Interview nur einen Fuß in jene Tür bekommen, die ihm den Rückweg in ein geläutertes Amerika ermöglichen soll. Doch sein Friedensangebot klang aufrichtig. Er sagte (ohne dass ihn die Washington Post danach gefragt hätte): Ich will die Gesellschaft nicht verändern. Ich bin auch nicht gegen Überwachung und Spionage, ich bin nicht einmal gegen die NSA. Als guter Patriot bin ich für eine gezielte Überwachung der Richtigen, für eine Mäßigung in der Zielauswahl, für saubere und plausible Methoden, für begrenzte, klar umrissene Operationen, für sichere und professionell arbeitende Dienste.

Snowden übernahm damit die Rolle des guten Cops, der seine über die Stränge schlagenden Kollegen auffliegen lassen muss, weil nur so die beschmutzte Weste seines Police Departments wieder weiß gewaschen werden kann. Damit folgte er dem Muster amerikanischer Selbstreinigung, die – nicht nur in populären Hollywood-Streifen – stets die Aufgabe einsamer Helden ist.

 

Ein echter Reformer

Kein „Verräter“ vor Snowden hat den Part des moralischen Erneuerers so überzeugend ausgefüllt wie er. Weder in seiner Selbstdarstellung noch im Verhalten gegenüber fremden Mächten und Medien hat er entscheidende Fehler gemacht.

Deshalb hat er auch – anders als seine Vorgänger – das Zeug zum politischen Reformer. Seine Bündnispolitik ist gut überlegt. Er lässt sich von vielen helfen, aber er weist z.B. den Alleinvertretungsanspruch von WikiLeaks zurück (siehe Sarah Harrisons Abreise aus Moskau!!). Er sucht sich Verbündete vor allem in jenem System, das er administriert hat: bei amerikanischen Demokraten und Republikanern.

Hinter den Kulissen scheint es auch längst um die Anbahnung eines Deals zu gehen. Indiz dafür ist, dass selbst die hartherzige New York Times Gnade und Rehabilitierung für den tapferen US-Bürger Snowden fordert. Und selbst der US-Justizminister nennt sich gesprächsbereit.

 

Falsche Hoffnungen

Vielleicht wird uns also der Patriotismus Edward Snowdens eines Tages enttäuschen. Vielleicht müssen wir erkennen, dass er zuallererst ein guter Amerikaner ist, der es ganz und gar ehrlich meint, wenn er sagt, dass er sich auch jetzt noch als NSA-Mitarbeiter fühlt. Vielleicht glaubt er wirklich an seine NSA!!! Vielleicht will er seinem Land nur zeigen, wie verwundbar der überdehnte Apparat durch seine innere Zügellosigkeit und Unkontrollierbarkeit geworden ist? Vielleicht will er, dass die NSA endlich wieder besser und effektiver „geführt“ wird?

Edward Snowden ist der gute Cop. Und der gute Cop kämpft nicht gegen „das System“, er kämpft für das System, weil er es prinzipiell für reformierbar hält.

Insofern machen sich Julian Assange und andere, die Snowden in ihre Hacker-Strategie gegen das System mit einbauen möchten („WikiLeaks’ battles are many“), falsche Hoffnungen. Und wir Deutschen lügen uns in die eigene Tasche, wenn wir glauben, dass Obamas NSA-Reform irgendeine Verbesserung für uns bringen wird.


Morozov sagt…

9 Dezember 2013 um 22:08 • 0 Kommentarepermalink

Der Internet-Kritiker Evgeny Morozov wird von Netzaktivisten gern als Spielverderber gesehen. Aber kann man ihn und seine Kritik so einfach abtun? Versuch einer Gegenüberstellung.

 

Morozov sagt: Das Netz ist kapitalistisch und sonst nichts. Es ist das cleverste Instrument des entfesselten Kapitalismus. Mit ihm kann sich der böse Wolf perfekt als lammfrommes Schaf verkleiden, das nur edle Ziele verfolgt und die Welt besser machen will. Gegen diese Sichtweise wehren sich die Netzbewohner mit wütender Bockigkeit. Sie sagen: Unser Netz ist nicht kapitalistisch und es wird auch nie völlig kapitalistisch werden – sonst wären wir ja nicht drin. So lange wir aber drin sind, werden wir uns mit Händen und Füßen dagegen wehren, dass irgendein Hassprediger unser Netz als rein kapitalistisch verleumdet. Wir sind der lebende Beweis, dass das Internet offen, neutral und sympathisch sein kann. Es kommt darauf an, wer es mit welchen Absichten benutzt.

Morozov sagt: Ihr könnt so viel mit den Füßen aufstampfen, wie ihr wollt, es spielt überhaupt keine Rolle. Ihr seid nur die nützlichen Idioten, die dem Neoliberalismus die schwierige Überzeugungsarbeit erleichtern. So lange es Dumme gibt, die ernsthaft glauben, es sei ihr neutrales Netz, ihr technisches Spielzeug, können die superdicken Silicon Valley-Konzerne noch superdicker werden und ihre Profitabsichten ungehindert verfolgen. Die Netzbewohner halten dagegen, dass die Technik ohne ihre Benutzer lediglich eine leere Hülle sei – und die kapitalistische Gier vergebliche Liebesmüh’. Die User könnten jederzeit aufhören, am Netz zu hängen wie ein Junkie an der Nadel. Denn der Kunde ist König. Und Märkte sind Gespräche. Also muss der Kapitalismus die Bedürfnisse der Netzbewohner berücksichtigen. Das Ganze sei ein Geben und Nehmen – und längst nicht so einseitig, wie Morozov es in seinen Horrorgemälden darzustellen pflege.

Morozov sagt: Das kapitalistische Internet habe das Ziel, dem Einzelnen jedes eigenständige Denken zu rauben und an undurchsichtige Algorithmen zu delegieren, die den Mainstream und die erwünschten Normen definieren. Die Dauer-Überflutung mit Informationen, die eine bessere Entscheidungsfindung gewährleisten sollen, blockiere in Wahrheit die Anstrengung des Selberdenkens. Das Risiko werde ersetzt durch die Berechnung, die Verantwortung durch die Fremdbewertung. Die Netzbewohner würden ignorieren, dass die alte Maxime der Aufklärung – je mehr du weißt, desto besser – im Silicon Valley-Zeitalter unter einem Berg von Informationsmüll begraben werde. Die neue Freiheit basiere dagegen auf der Maxime: Je weniger du weißt, desto besser. Erst dann könne man aus eigener Kraft und Herrlichkeit wieder Entscheidungen treffen. Erst dann sei man frei. Auf diese John Wayne-Haltung reagieren die Netzbewohner mit Spott und Verachtung. Sie halten sich durchaus für fähig, aus einem Überangebot das für sie Brauchbare herauszufiltern. Ein Zuviel an Informationen habe noch niemandem geschadet, ein Zuwenig könne Katastrophen auslösen. Der Mensch sei nicht so manipulierbar wie der grimmige und griesgrämige Menschenfeind Morozov annehme. Morozov begehe den unentschuldbaren Fehler, alles, was in der Welt vor sich gehe, auf die Teufel aus dem Silicon Valley zu projizieren. Damit werde er zum Gefangenen seiner eigenen Wahnvorstellung. Er gebe zwar vor, das kapitalistische Internet in seiner ganzen Tiefe zu analysieren, beschreibe aber ausschließlich Oberflächen-Phänomene. Auch seine argumentative Technik sei leicht durchschaubar: Zuerst baue er einen Riesen-Popanz auf, um ihn anschließend unter wildem Geheul effektvoll zerschmettern zu können.

Morozov sagt: Oh, ihr Ahnungslosen! Ihr wisst doch nur, was euch das Netz gnädigerweise zuteilt. Ihr glaubt zu filtern, aber ihr werdet gefiltert. Ihr glaubt, ihr hättet die Joysticks in eurer Hand, aber die Joysticks manipulieren euch. Euer Freiheitsbegriff ist genau so oberflächlich und abgemagert wie eure technizistisch-neutralistische Netztheorie. Ihr betrachtet nur jenen Ausschnitt der Wirklichkeit, den euch die Scheuklappen von Google erlauben. Ihr stellt keine Zusammenhänge her, die über vorgegebene Verlinkungsstrukturen hinausgehen. Ihr dringt mit eurer Technologie-Fixierung nicht mehr zum Kern der Debatte vor: dass die digitale Technik sowohl integraler Bestandteil als auch Ausdruck des kapitalistischen Fortschritts ist. Ihr weigert euch wahrzunehmen, dass der Cyberspace nicht von der übrigen Welt zu trennen ist, ja dass er ohne diese gar nicht gedacht werden kann. Und dass er deshalb genau so kühl und unnachsichtig analysiert werden muss wie der übrige Neoliberalismus.

Gegen diese Kritik wehren sich die Netzbewohner aber nicht mit einer eigenen Analyse, nein, sie reagieren auf das sich bei der Morozov-Lektüre unweigerlich einstellende Gefühl der selbstverschuldeten Unmündigkeit rein impulsiv. Reflexhaft projizieren sie ihren Verdruss auf die Person. Sie sagen, es gehe Morozov immer nur um das eine: sich mit seinen unhaltbaren Thesen in den Vordergrund zu spielen. Dann spucken sie drei Mal verächtlich über die rechte Schulter und verfluchen den Mistkerl.

Siehe auch: Die kalifornische Ideologie und der deutsche Reflex

Crosspost


Netzpolitik: Das Ende der Kindheit

2 Oktober 2013 um 14:52 • 1 Kommentarpermalink

Im Netz hat der Ausgang der Bundestagswahl wenig Begeisterung hervorgerufen. Nun wird heftig diskutiert, warum man so wenig Einfluss hat. Die Niederlage könnte ein Weckruf sein.

 

Kurz nach der Bundestagswahl hat Michael Seemann in seinem Beitrag „Netzpolitik. Das Ende einer Ära“ die Netzpolitik in ihrer jetzigen Konzeption für tot erklärt und gefragt: „Haben wir versagt: organisatorisch, ideologisch, personell?“ Niemand, so Seemann, müsse die Netzpolitiker noch ernst nehmen, denn sie hätten es nicht geschafft, über die eigene Filterbubble hinaus in die Gesellschaft hineinzuwirken. Seemanns Klage mündet in den resignierenden (und provozierenden) Satz, der Deutsche Ruderverein habe vermutlich einen größeren Einfluss auf die Bundestagswahl gehabt als „die Netzgemeinde“.

Das mag schon sein. Und gewiss wird es auch jetzt wieder zahlreiche Kommentatoren geben, die nichts Besseres zu tun haben, als sich am unscharfen Begriff der Netzgemeinde abzuarbeiten oder auf andere Weise abzulenken. Seemanns Diagnose ändert das nicht. Auch ich habe im vergangenen Jahr auf die nachlassende Kraft der Netzbewegten und die Kurzatmigkeit vieler Protestbewegungen hingewiesen. Nach der Wahl versuchten Richard Gutjahr, Sascha Lobo, Markus Beckedahl, Gunnar Sohn, Felix Schwenzel, Patricia Cammarata und Thorsten Breustedt den tiefen Fall der Netzpolitik zu ergründen und Ursachenforschung zu betreiben. Ich werde also den Teufel tun und Seemanns grimmigen Abriss des Niedergangs für abwegig erklären. Er hat ja im Grunde Recht. Allerdings würde ich nicht vom „Ende einer Ära“ sprechen, sondern nur vom Ende einer frühen Entwicklungsphase. Der Begriff Ära verweist nämlich schon auf die fatale Neigung vieler Netzbewegter, die eigene Rolle und Bedeutung zu überschätzen.

Seemann fordert dazu auf, die Fehler der Vergangenheit kritisch zu analysieren. Er spart allerdings einen Faktor aus, der vieles, was früher gut war, heute als Irrtum erscheinen lässt: Die Ideologie des Internets, d.h. die Bewertung des Internets durch bestimmte Gruppen, hat sich 2013 entscheidend verändert.

 

Die neue Heimatlosigkeit

Niemand kann heute daran vorbeigehen, dass die negative Bewertung, die das Internet in vielen Medien und weiten Gesellschaftskreisen seit langem überreichlich erfährt, 2013 auch Teile der Netzbewegten infiziert hat. Die Stimmung drehte von Himmelhoch-jauchzend auf Zu-Tode-betrübt. Das „Paradies Internet“ wurde durch die Jagd auf WikiLeaks, die Übermacht der amerikanischen Internetgiganten und die Enthüllungen Edward Snowdens zur „Hölle der Verfolgung und Überwachung“ uminterpretiert (siehe Evgeny Morozov). Diese totale Umwertung hat den Netzbewegten ein bis dato unbekanntes Gefühl beschert: das Gefühl der Heimatlosigkeit. Wo früher fast zärtlich von „Netzbewohnern“ gesprochen wurde, zeigt sich nun kalte Obdachlosigkeit. Zum unbekannten CDU-Wähler gesellt sich das fremd gewordene Netz. Schon deshalb kann die „naive“ Netzpolitik der Nuller-Jahre nicht mit dem desillusionierten Zustand von heute verglichen werden.

 

Falsche Bündnis-Partner

Viele Medien haben den Negativ-Kurs gegenüber „dem Internet“ mit ganzer Kraft unterstützt. Hier konnten sie ihre langjährigen direkten Konkurrenten Google, Facebook, Apple usw. empfindlich treffen und politisch korrekt dämonisieren. Die Netzbewegten und die von den Netzbewegten lange Zeit in Grund und Boden kritisierten „Alt-Medien“ befanden sich 2013 plötzlich auf derselben Seite. Brüderlich teilte man jedes Salamischeibchen der Snowdenschen Enthüllungen. Doch am Ende waren die Netzbewegten von der Informationspolitik der „Alt-Medien“ abhängig und politisch kastriert. Denn trotz ihres Enthüllungs-Furors blieben die klassischen Medien lammfromm. Von vierter Gewalt keine Spur. Kein Chefredakteur forderte ein Amtsenthebungsverfahren gegen Angela Merkel wegen Verletzung ihres Amtseids. Kein Chefredakteur rief zur Umzingelung der Parteizentralen auf. Jakob Augsteins Streitschrift „Sabotage“, das einzige Wutbürgerbuch eines amtierenden Chefredakteurs, das gezielt über herkömmliche Protestformen hinausdachte, wurde von den Leitmedien als verunglückte Bohème-Phantasie eines reichen Spinners verrissen.

Auch Thorsten Breustedt weist auf den Umstand hin, dass sich die Netzpolitik von den Medien gefangen nehmen ließ; dass sich die Netzbewegten lieber an deren Beliebtheits-Ranking orientierten als eine eigene Plattform aufzubauen. Dadurch war man den Konjunkturschwankungen der Medien auf Gedeih und Verderb ausgeliefert; man konnte ihnen keinen unabhängigen Diskurs entgegensetzen. Aufgrund ihrer Medienfixierung kam den Netzbewegten auch nie der leiseste Gedanke, sich mit ihrer Thematik an die Kirchen und Gewerkschaften zu wenden. Die Klasse der Kreativen hatte man ja im Zuge falscher Frontstellungen (Urheberrecht!) bereits vergrault.

 

Weiterwursteln ersetzt keine fundierte Theorie

Die historischen Subjekte der Netzpolitik, die sich in den letzten Jahren herausgebildet haben, die Piratenpartei, verschiedene Pressure Groups wie die Digitale Gesellschaft und andere NGOs, Beratungsorganisationen wie der CCC, die Enquete-Expertokratie und einige Partei-Arbeitskreise, politische Blogger und Whistleblower unterlagen fast alle dieser Medien- und Talkshow-Abhängigkeit.

Nun könnte man einwenden, in der Früh-Phase der Aufklärung über netzpolitische Themen sei das die einzig richtige Strategie gewesen. Aber diese Medien-Orientierung förderte leider nur das oberflächliche Lanz’sche „Herumlabern“ und hinderte die Protagonisten an der Ausbildung einer tragfähigen und diskussionswürdigen „Theorie des digitalen Kapitalismus“. Diese Theorie – die sich mit den Folgen der digitalen Revolution und der Rolle, die die historischen Subjekte in ihr spielen können, auseinandersetzen müsste (Frank Schirrmacher hat dies kürzlich angemahnt, SPD-Vordenker Peter Glotz hatte schon 1999 darauf hingewiesen) – darf freilich nicht verwechselt werden mit der Ideologie des pragmatischen Weiterwurstelns, in die sich viele Netzbewegte zurückgezogen haben.

 

Dröge Expertokratie

Dieses „Weiter so“, das die Kritiker der Regierung oft und gerne vorwerfen, betreiben die Netzpolitiker nämlich selbst – ohne dass es ihnen bewusst zu werden scheint. Bereits wenige Tage nach der Bundestagswahl gaben zwei Netz-Kenner von Spiegel Online die neue alte Marschrichtung vor und listeten auf, welche netzpolitischen Themen jetzt auf der Tagesordnung stünden. Sie nannten die Aufarbeitung des NSA-Skandals, die Vorratsdatenspeicherung, den Breitbandausbau und die Netzneutralität. Markus Beckedahl fügte noch die Ausarbeitung einer Europäischen Datenschutzgrundverordnung hinzu. Drei dieser Themen – Vorratsdatenspeicherung, Netzneutralität und Datenschutzrichtlinie – werden nicht in Berlin, sondern in Brüssel entschieden. Doch das Problem ist gar nicht so sehr der Ort, auf den sich die Netzbewegten konzentrieren sollten – viel entscheidender ist die Frage, ob das bevorzugte Mittel der Wahl, die expertokratische Lobbyarbeit, wirklich die richtige Strategie für eine junge Bewegung ist.

Gerade bei den so genannten Sachthemen wäre eine Änderung der Strategie dringend erforderlich. Denn der typisch deutsche Hang zur Expertokratie führt schnurstracks in die nächste Filter-Bubble. Egal, ob man nun lang und breit über Kontrollverlust doziert oder über europäische Datenschutzgrundverordnungsrichtlinien, man bleibt auf der technizistischen Sprach-Ebene eines Telekom-Ingenieurs oder eines EU-finanzierten Projektleiters in irgendeinem universitären Post-Media-Lab. Auch im Mund von Digital Natives klingen Netzneutralität und Breitbandausbau nicht betörender als kommunale Regenwasserkanalerneuerung oder Festnetzanschluss. Bei vielen „Sachthemen“ wird heute die Chance vertan, eine verständliche, nicht-elitäre Sprache zu entwickeln. Denn der von Felix Schwenzel zum Kronzeugen einer „Mir doch egal“-Haltung erhobene Rhön-Bauer wird von der Digitalisierung genauso erfasst werden wie der piratige Altbaunerd in Berlin-Friedrichshain. Für beide geht es um „Gleiches Recht für alle“, um „Schutz der Privatsphäre“, um den freien Zugang zu alten Apfelsorten. Um Themen, die auch Digital Immigrants verstehen. Das bedeutet, dass die Netzbewegten das sie umhüllende „Netz“ endlich ablegen müssen wie ein schlüpfendes Küken seine Eierschalen.

 

Politik als Beruf

Der Eintritt in die realen Welten der Rhönbauern und der unbekannten CDU-Wählerinnen bedeutet allerdings auch, dass man sich bewusst für oder gegen das Politikmachen entscheiden muss. Vielen Netzbewegten fehlt bislang das Zeug zum political animal. Sie sind eher Medienmenschen als Politiker, eher Gäste als Gestalter von Politik. Man kann sich natürlich weiter über die Philipp Mißfelders und Asgar Hevelings begöschen, aber als politische Netzwerker sind diese allemal ausgefuchster als Piraten, Blogger und digitale Pressesprecher.

Dass eine Marina Weisband mitten im Höhenflug ihrer Piratenpartei aussteigt und lieber Tweets aus ihrem Poesiealbum verschickt; dass ein Sascha Lobo lieber Kolumnen bei Spiegel Online verfasst als sich an die Spitze der Bewegung zu stellen; dass die CCC-Sprecher lieber Unternehmen beraten oder FAZ-Artikel verfassen als Politik zu gestalten – das kann man ihnen nicht vorwerfen, das muss letztlich jeder für sich selbst entscheiden. Wenn sich die Besten (die Sympathieträger!) absentieren oder in behaglichere Nischen zurückziehen, kommen eben Leute an die Spitze, die es nicht so gut können. Dann muss man sich mit politischer Einflusslosigkeit bescheiden.

Doch zur Ehrenrettung der schwankenden Ich-weiß-nicht-so-recht-ob-ich-Politiker-sein-soll-Generation sollte auch daran erinnert werden, dass die digitale Revolution für die meisten Menschen in der Bundesrepublik noch immer Neuland ist. Auch die erste industrielle Revolution (beginnend um 1840 mit dem Eisenbahnbau = analoges Breitband) brauchte zwei, drei Jahrzehnte, um (ab 1860) große Parteien hervorzubringen, die diese Umwälzung gestalten wollten.

Alles, was heute unter Netzpolitik läuft, ist deshalb nur Vorläufertum, Frühform, Avantgarde. Auch die Piratenpartei ist nur eine Episode, ein Vorprogramm für größere politische Organisationen. Selbst wenn sie sich auflösen würde, wäre das keine politische Katastrophe. Im Gegenteil: als Versuch und Experimentierfeld ist sie so wertvoll wie ein kleines Steak. Denn erst wenn die digitale Revolution die deutsche Gesellschaft mental wie ökonomisch durchdrungen hat, wird Netzpolitik wirklich Einfluss gewinnen.

Im Vorteil ist, wer sich frühzeitig damit auseinandersetzt.


Stillstand

23 September 2013 um 0:39 • 3 Kommentarepermalink

Die Medien hatten einen superspannenden Wahlabend versprochen. Das Ergebnis spricht eher für politischen Stillstand.

 

Eines der besten Kulturmagazine ist „Tracks“ auf ARTE. Samstagnacht brachten sie eine Sendung über die Prokrastinations-Bewegung, und mit dabei war ein unerhört einfühlsamer Bericht über den Dude-ismus, jene “am langsamsten wachsende Religion der Welt“, die sich dem fernöstlichen Daoismus verwandt fühlt. Der Dude-ismus vereint die friedliche, über die ganze Welt verstreute Anhängerschar des Dude.

Der „Dude“ – im Kultfilm „The Big Lebowski“ dargestellt von Jeff Bridges – ist ein aus der Zeit gefallener Hippie, der die passende Lebensform für sich gefunden hat und diese nur widerstrebend verlässt, wenn ihm jemand auf seinen Teppich pisst. In Thailand residiert sogar ein „Dudely Lama“, der sich – wie der Dude im Film – in Bademantel, Badelatschen und Shorts die erforderlichen Zutaten für seinen White Russian besorgt. In Amerika gibt es Gemeinden, die sämtliche Szenen des heiligen Films immer wieder nachspielen, und deren Mitglieder so aussehen wie der Dude oder seine Freunde Walter Sobchak („Don’t roll on shabbes“) und Donny.

Der Dude verkörpert mehr als ein Lebensgefühl. Er hat die Politik aus seinem Leben ausgesperrt. Als Ex-Mitglied der „Seattle Seven“ konnte er mit der Reagan- und Bush-Ära einfach nichts mehr anfangen.

Ich glaube, nach dem Wahlabend des 22. September wird der Dude-ismus auch in Deutschland Fuß fassen. Es scheint sich um die einzige Lebensform zu handeln, die einem derartigen Wahlergebnis gewachsen ist. Man möchte nur noch bowlen, einen Joint rauchen und in einem Ford Gran Torino „Lookin out my backdoor“ hören.

Das Ergebnis der Bundestagswahl fühlt sich an, als würde die Zeit eingefroren. Als würde ein vierjähriger Winter bevorstehen, den man nur überstehen kann, wenn man jeden Abend den Film „The Big Lebowski“ ansieht. 2017 können wir vielleicht weitermachen, wo wir 2013 aufgehört haben.

Besonders schade ist, dass die CDU die absolute Mehrheit knapp verfehlt hat. Denn das bedeutet, dass die SPD wieder nicht von Steinbrück und Steinmeier lassen kann. Es wird keinen Neuanfang geben. Also stellen wir vorsorglich die Uhren auf 2005 zurück, verstreuen die Asche der FDP und gehen bowlen.

 


Die gekränkte Demokratie

12 August 2013 um 12:55 • 1 Kommentarpermalink

Die Deutschen reagieren – zu Recht – besonders heftig auf Snowdens Enthüllungen. Das Misstrauen ihrer Verbündeten empört und kränkt sie. Sie fragen sich: Warum trauen uns „unsere Freunde“ nicht über den Weg? 

 

Auf der Weltkarte der NSA-Überwachung ist Deutschland gelb eingefärbt. So gelb wie China. Nur Indien, Pakistan, Iran und Ägypten werden noch stärker überwacht als Deutschland. Alle europäischen Länder – außer Deutschland – sind grün eingefärbt. Grün bedeutet: harmlos. Diese Länder werden nur schwach überwacht. „Die große Schnüffel-Karte“ (die beim Spiegel übrigens anders aussieht als bei der Bildzeitung) ist eine ungeheure Kränkung. Denn wenn ein Musterschüler schlecht behandelt wird, geht die Verletzung besonders tief.

Die Deutschen als die Treuesten der Treuen tragen jetzt eine elektronische Fußfessel Marke NSA. Als wären sie „Sittlichkeitsverbrecher“, die sich ein Mal am Tag bei ihrem Sozialbetreuer melden müssen.

Darüber hinaus erfährt das ganze Land eine nationale Demütigung. Ausgerechnet wir Deutschen, die wir die Re-Education durchlaufen und die Demokratie praktisch auswendig gelernt haben, erfahren nun, dass Deutschland als Staat nicht wirklich souverän ist. Dass uns Briten und Amerikaner (und vermutlich auch Franzosen) lückenlos überwachen dürfen.

Warum tun sie das?

 

Der lange Arm der Geschichte

Es gibt ein paar historische Gründe, die man nicht vom Tisch wischen kann. Amerikanische und britische Sicherheitsberater befürchten zum Beispiel immer, dass die Deutschen wieder einen Sonderweg gehen könnten. Auch wenn wir „unseren Freunden“ hundert Mal versichern, dass wir inzwischen so westlich geworden sind wie Johnny Cash oder 50 Cent – ihre Geheimdienste glauben es einfach nicht. Sie denken an den uneingeschränkten U-Boot-Krieg von 1917, an Rapallo, an den Hitler-Stalin-Pakt, an deutsch-russische Deals.

Zbigniew Brzezinski, der wichtigste außenpolitische Berater Jimmy Carters, sah in der möglichen „eurasischen“ Kooperation (Europa & Asien) die große Zukunfts-Gefahr für Amerikas Vorherrschaft. Maggie Thatcher warnte bis zuletzt vor einem wieder erstarkten Deutschland in der Mitte Europas, denn mit der deutschen Vereinigung würde das bewährte britische „Teile und Herrsche“-Prinzip in Kontinentaleuropa nicht mehr funktionieren. Logische Folge: Man musste die Deutschen überwachen. Und da der BND eine amerikanische Schöpfung ist, war das auch gar nicht so schwer. (Wie stark die Überwachung durch die West-Alliierten zwischen 1949 und 1989 war, kann man bei Joseph Foschepoth nachlesen).

Natürlich ist der islamistische Terrorismus heute nicht der einzige Grund für die Spitzelei. Die EU ist für die britisch-amerikanische Industrie zu einer mächtigen Konkurrenz aufgestiegen. Man will in Washington oder London frühzeitig wissen, was kontinentaleuropäische Firmen wie EADS oder Siemens oder Rheinmetall vorhaben, welche Maschinen oder Produkte sie an wen verkaufen, welche „Schurkenstaaten“ von deutschen Mittelständlern mit Spezialchemie, Elektronikteilen oder Waffen versorgt werden. Ja okay, man verschafft sich durch Wirtschaftsspionage natürlich auch Wettbewerbsvorteile. Aber sollen Amerikaner und Briten zusehen, wie deutsche Firmen an China, Libyen, Syrien, Irak oder Iran verdienen? Solche Geschäfte will man – im Zweifel – doch lieber selber machen.

Unsere Nato-Verbündeten wissen auch, in welchen Teilen der Welt das Ansehen Deutschlands besonders hoch ist. Die Deutschen verfügen aufgrund der beiden Weltkriege über traditionell gute Beziehungen zu anti-britisch oder anti-amerikanisch eingestellten Staaten. Überall, wo es britische Kolonien gab oder amerikanische „Militärhilfe“, hört man als Deutscher noch heute die erstaunlichsten Ansichten über Deutschland („Beckenbauer gut!“, „Hitler gut!!“).

Das kaiserliche Deutschland hat Lenin im Ersten Weltkrieg im verplombten Güterzug von Zürich nach Russland expediert, damit er dort die russische Revolution anzetteln kann. Aber nicht nur in Russland und im Kaukasus – in vielen Ländern von Afghanistan bis Persien, von China bis Indien hat Deutschland einst nationale Revolten gegen Großbritannien inszeniert, mit Terror, Sabotage, Banküberfällen, Aufständen und allem, was dazugehört. Das ist in den Hauptstädten so unvergessen wie Hitlers Barbarei. Und wenn eine deutsche Regierung heute – aus guten Gründen – einen Krieg der Willigen gegen den Irak ablehnt oder bei einer Libyen-Resolution im Weltsicherheitsrat mit China und Russland stimmt, dann spitzen die irritierten Westmächte – im wahrsten Sinne des Wortes – ihre großen Ohren.

Sie haben auch nicht vergessen, wo die intellektuellen Wurzeln des Antisemitismus und des Antiamerikanismus liegen. Die deutsche Rechte und die deutsche Linke stehen deshalb unter besonderer Beobachtung, auch wenn uns Deutschen das übertrieben und hin und wieder paranoid erscheint, und uns manche ärgerliche Gleichsetzung oder Analogie die Haare zu Berge stehen lässt.

Aus all diesen Gründen – und weil in Deutschland lange Zeit die Systemgrenze verlief – wurden die west-deutschen Geheimdienste nach 1945 eng an die west-alliierten Dienste gebunden. Mit Billigung aller west-deutschen Regierungen. Aber die Zeiten ändern sich.

 

Nur durch Widerstand können wir beweisen, dass wir Demokraten sind

Nichts von alledem rechtfertigt heute die Totalüberwachung unserer privaten Kommunikation. Demonstrationen und Proteste sind darauf die richtige Antwort. Würden die Deutschen die kränkende und ehrverletzende Behandlung durch die westlichen Geheimdienste widerstandslos hinnehmen, wäre das ein untrügliches Alarmzeichen. Dann müssten unsere britischen und amerikanischen Freunde tatsächlich annehmen, dass es in Deutschland nicht genügend Demokraten gibt.

Diesem Verdacht sollten wir uns auf keinen Fall aussetzen.

 

Siehe auch meinen Beitrag “Die Kränkung der Demokraten” in der FAZ


Warum Prism der Koalition nicht schadet und der Opposition nichts nützt

23 Juli 2013 um 11:37 • 1 Kommentarpermalink

Manche glauben ja, der NSA-Skandal wäre Steinbrücks letzte Chance auf einen Wahlsieg im September. Das ist gut gemeinter Unsinn. Die Konfliktlinie verläuft mitten durch die Opposition.

 

1.

An den sicherheitsorientierten Wählern von Union und FDP, aber auch an der stillen Reserve der Nichtwähler geht die Empörungswelle weitgehend vorbei. Der aufgeregte Diskurs über die Grundrechte bleibt ein Thema des neuen Mittelstands: der städtischen Angestelltenschaft, des digitalen Prekariats, der versprengten Reste des Bildungs-Bürgertums. Die Empörung verbleibt in der eigenen Filter-Bubble.

Kaum Interesse am Thema zeigen das ländliche Kleinbürgertum, die Bauern, die Beamtenschaft, die Freiberufler, das Wirtschaftsbürgertum, der alte Mittelstand (das Wählerreservoir von Union und FDP). Auch die Klasse der Reichen, deren Steueroasen vor kurzem enthüllt wurden, hält sich – da kompromittiert – eher fern.

 

2.

Es geht beim Abhör-Skandal nicht ums eigene Portemonnaie. Es geht um ideelle Werte: um Freiheit und Selbstbestimmung in der Demokratie. Eine Opposition, die das begreiflich machen möchte, muss den Freiheitsbegriff, ja den Freiheitsdrang selbst verkörpern. Doch schaut man sich das Bundestags-Personal an – was sieht man da? Auf den fiktiven Wahlkampf-T-Shirts der Oppositions-Abgeordneten steht schätzungsweise 270 Mal „It’s the economy, stupid!“ und nur 20 Mal „Free Bradley Manning!“

 

3.

Die politische Kraft, die der Regierung hätte gefährlich werden können, weil sie aus dem Reservoir von FDP und CDU schöpft, die „Alternative für Deutschland“ (AfD), ist durch den Abhörskandal aus dem Blickfeld des öffentlichen Interesses verschwunden. Der Abhörskandal ist nicht ihr Thema. Mit Bürgerrechten außerhalb von Euro-Rettungsschirmen können die AfD-Professoren wenig anfangen. Das Thema nationale Souveränität ist ihnen offenbar nur wichtig, wenn es um Steuergeld geht. Deshalb nützt der Abhörskandal indirekt der Stabilisierung der CDU.

 

4.

Über kurz oder lang wird das Thema nicht die Regierung, sondern die Opposition spalten. Denn das Motiv, sich ernsthaft zu engagieren, ist dort extrem unterschiedlich ausgeprägt. Die zornigen Bürgerrechtsaktivisten, die im Netz sozialisiert wurden, werden die rot-grüne Unentschlossenheit bald bemerken. Da allen Beteiligten klar ist, dass jenseits verbaler Protestnoten nur Großdemonstrationen, Boykotts und Blockaden etwas ändern, wird sich die Spreu bald vom Weizen trennen. Linke und Piraten werden zu Protesten aufrufen, Grüne und SPD werden versuchen, die Aufregung zu kanalisieren.

 

5.

Für die Spaltung der Opposition spricht auch ein historisches Vorbild: die Debatte um die Notstandsgesetze. Diese Debatte zerriss nicht etwa die Konservativen, sie zerriss das linke Milieu – am Ende sogar die regierende SPD. Bei der Abstimmung am 30. Mai 1968 votierten 53 von 202 SPD-Abgeordneten mit Nein, drei Viertel mit Ja.

 

6.

Erschwerend kommt hinzu, dass das angestrebte Projekt Rot-Grün keine weiße Weste mehr hat. Es wäre lachhaft, zu behaupten, dass die Regierenden von 1998 bis 2005 nichts über das Ausmaß der Geheimdienst-Zusammenarbeit gewusst haben. Bereits wenige Tage nach ihrem Regierungsantritt waren Schröder und Fischer in den Kosovokrieg involviert. Aber auch, als der US-Kampf gegen den Terror in Paranoia umschlug, haben SPD und Grüne weiter geschwiegen. Die SPD schwieg bis 2009. Das heißt: Wenn es hart auf hart kommt, wenn Beschlüsse gefasst werden sollen gegen die Kontrollwut der Bündnispartner, werden SPD und Grüne wieder brav mit CDU und FDP stimmen.

 

7.

Gegen die Notstandsgesetze hatten sich 1968 Studenten, Intellektuelle, Teile der Gewerkschaften, Teile der SPD und – ja! – die komplette FDP verbündet. Heute ist die FDP in Sachen Freiheit ein Totalausfall, die Intellektuellen haben sich zurückgezogen und der von Michael Sommer entpolitisierte DGB hält sich aus politischen Debatten heraus. Auch die Stimmung ist lange nicht so aufgewühlt wie damals. Vier Wochen vor der Verabschiedung der Notstandsgesetze war Rudi Dutschke bei einem Attentat schwer verletzt worden.

 

8.

Die Journalisten, die sich jetzt in Leitartikeln empören, werden wahrscheinlich die ersten sein, die kneifen. Denn auch bei ihnen hat das transatlantische Bündnis redaktionellen Vorrang vor nationaler Freiheit und Souveränität. Insofern heucheln uns Bild, Bams und Glotze etwas vor. Wenn es ernst wird, werden sie die Bürgerrechtsbewegung spalten – in einen guten und in einen bösen Teil.

 

9.

Eine Mobilisierung zur Verteidigung der Grundrechte wird auch dadurch erschwert, dass in Sachen Überwachung kein Supergau wie in Fukushima stattgefunden hat, sondern nur eine Enthüllung ‚ungefährlicher’, ja ‚folgenloser’ Praktiken. Niemand spürt bisher am eigenen Leib, was eine Missachtung von Grundrechten bedeutet. Alarmrufe und Phantasien à la 1984 reichen nicht aus. Es gibt bislang keinen Ort, an dem sich eine Protestbewegung kristallisieren könnte. Der Transitbereich des Flughafens Scheremetjewo ist dafür ungeeignet.

 

10.

Den deutschen Bürgerrechtsaktivisten fehlen die Köpfe. Edward Snowden, Bradley Manning oder Julian Assange sind nicht greifbar. Und die relativen „Größen“ der deutschen „Netzgemeinde“ trauen sich eine Führungsaufgabe nicht zu.

 

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Es gibt keine vierte Gewalt. Es gibt nur Medien

25 Juni 2013 um 13:17 • 0 Kommentarepermalink

Öffentlichkeit und Transparenz erscheinen als letzte Flausen einer pubertierenden Postdemokratie. Alles soll immer öffentlicher und transparenter werden. Nur ändern tut sich nichts.

 

Kai Biermann schrieb kürzlich in der ZEIT einen einfühlsamen Bericht über den Whistleblower Edward Snowden, der die globalen Überwachungspraktiken des amerikanischen Militärgeheimdienstes NSA enttarnt hatte. Jeden Satz in diesem Text möchte man unterstreichen. Oder sagen wir: Fast jeden. Denn ein Satz in Biermanns „Plädoyer für mehr Öffentlichkeit“ klingt eher wie eine Pflichtübung, hingeschrieben, ohne viel darüber nachzudenken. Er lautet:

„In demokratischen Gesellschaften ist es die Öffentlichkeit, die beim Korrigieren von Fehlentwicklungen helfen kann.“

Dass ein Journalist die Bedeutung seines eigenen Gewerbes hoch einschätzt, ist verzeihlich und nicht weiter verwunderlich. Medien haben – so lehrt es schon der Politikunterricht – die unersetzliche Aufgabe, beim Korrigieren von Fehlentwicklungen zu helfen. Auch auf Medienkongressen oder in Diskussionen über den Qualitäts-Journalismus wird die Aufgabe der vierten Gewalt so definiert. Die Medien sind unser Freund und Helfer. Die Medien sind die vierte Gewalt.

Moralisch gesehen ist das richtig. Nur leider wird diese Zuschreibung nicht von Fakten untermauert. Jeder, der einigermaßen aufmerksam in die Welt blickt, wird feststellen müssen, dass die Überwachungsmaschinerien über viele Jahrzehnte in einer ganz und gar demokratischen Gesellschaft groß geworden sind. Also in einer Gesellschaft, in der die Öffentlichkeit Fehlentwicklungen angeblich korrigiert. Doch die Fehlentwicklungen der Geheimdienst-Schnüffelei wurden keineswegs korrigiert, sondern trotz aller “Enthüllungen” ausgeweitet. Es wurden zwar kritische Fragen und ein paar scharfe Kommentare formuliert, aber hinterher wurde fleißig weiter spioniert.

Oder werden nach den vielen unschuldigen Opfern von Drohnenangriffen jetzt keine Drohnen mehr für völkerrechtwidrige und staatsterroristische Angriffe benutzt? Ist das Geheimgefängnis Guantanamo endgültig geschlossen worden? Sind die suspendierten Bürgerrechte wieder in Kraft?

Hat die Öffentlichkeit in irgendeiner Weise geholfen, die Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte zu korrigieren – von der Finanzkrise bis zu den militärischen Interventionen? Hat OccupyWallstreet die Wallstreet korrigieren können? Oder hat die Berichterstattung über OccupyWallstreet nicht eher die soziale Bewegung korrigiert? Sind es nicht die Medien, die noch jede Protestbewegung zerreden, entpolitisieren und spalten? Und sich dann vor Langeweile abwenden?

 

Ergebniskontrolle? Fehlanzeige

Hat die Öffentlichkeit jemals darauf BESTANDEN (das wäre der springende Punkt, wenn man von vierter Gewalt redet!), dass Fehlentwicklungen korrigiert werden? Hat sie nach den WikiLeaks-Enthüllungen über die Willkürherrschaft von Söldnerarmeen und Spezialkommandos auf Korrekturen BEHARRT? Hat sie die Fehlentwicklungen in den Folterkellern und Militärgefängnissen korrigieren helfen? Hat sie mitgeholfen, die Verantwortlichen im Pentagon in einer ecuadorianischen Botschaft in London festzusetzen? Oder hat sie doch lieber mitgeholfen, WikiLeaks zu demontieren?

Müssen die Öffentlichkeitsarbeiter heute nicht eingestehen, dass die Öffentlichkeit ein zahnloser Tiger ist? Ein Bettvorleger vor den King Size-Betten der Macht?

Wurden die Fehlentwicklungen bei den Investmentbanken und Versicherungen korrigiert? Wurden die Steueroasen ausgetrocknet? Welche Korrekturen gibt es nach der weltweiten Enthüllungsserie namens offshoreleaks?

Wurden die Fehlentwicklungen bei der Vergabe von Rüstungsaufträgen korrigiert oder die horrende Geldverschwendung bei zivilen Großprojekten? Nein. Es kümmert die Medien einen Scheißdreck, ob eine Korrektur tatsächlich stattfindet. Es gibt bis heute keine Ergebniskontrolle in den Medien für das, was man hochtrabend vierte Gewalt nennt. Keine Redaktion muss sich und anderen Rechenschaft darüber ablegen, was sie im Sinne der vierten Gewalt geleistet hat. Kein Presserat, kein Mediendisput, kein Netzwerk kümmert sich darum. Wo haben Medien Fehlentwicklungen korrigieren können? Okay, es werden Minister gestürzt. Aber wenn das alles ist, was Journalisten können, dann Gute Nacht. Minister stürzen kann heute jeder kleine “Blogger auf Hartz IV-Niveau”.

Die Medien spielen ihre „Leaks“ wie Trümpfe aus. Der zu Ruhm und Ehre gekommene Datenjournalismus protzt mit seinen Gigybytes. Und was ist passiert? Die Reichen sind reicher und die Armen sind ärmer geworden. Vermutlich könnte der Datenjournalismus die globalen Besitzverhältnisse in einer Excel-Tabelle ausbreiten, die so groß ist wie das Steinhuder Meer; am Ende würden Leitartikler, Wetterfrösche, Glossenschreiber und Klatschkolumnisten doch wieder alles relativieren. Medien sind ungeheuer geschickt darin, Aufreger zu dosieren. Sie nennen es gelungene Mischung. Jede Zeitschrift, jedes heute journal ist so eine gelungene Mischung.

Es stimmt schon: Der Journalismus ist deutlich „aggressiver“ geworden. Nicht in eigener Sache, aber in fremden Angelegenheiten. Er prangert hemmungslos an und enthüllt, investigiert und skandalisiert. Überschriften sind heutzutage fetter und grausamer und frecher, Bilder unverschämter. In jeder x-beliebigen Qualitätszeitung schreien uns die Ungerechtigkeiten und Zumutungen nur so ins Gesicht. Aber was davon wird korrigiert durch jene ominöse vierte Gewalt? Versteuern die multinationalen Konzerne jetzt ihre exorbitanten Gewinne? Wird die Europa-Politik von den Bürgern bestimmt? Ist Stuttgart 21 vom Tisch? Hat die Trauer nach dem Amoklauf von Newtown den Verkauf halbautomatischer Waffen gestoppt? Nein, mehr Öffentlichkeit führt nur zur Radikalisierung und Verfeinerung der Veröffentlichungstechniken, zu einer Art Skandalisierungs-Wettbewerb.

 

Steile, aber folgenlose Kommentare 

Nach jeder Katastrophe, nach jedem technischen Versagen, nach jedem Finanzdesaster, nach jedem Gewaltakt, nach jedem Missbrauchsskandal werden die gleichen Fragen gestellt, die gleichen Schwüre geleistet, wird in tausend Kommentaren Umkehr gepredigt. Dann rattern für einige Tage die analogen und digitalen Gebetsmühlen. Journalisten werden zu Experten, bepreist und in Talkshows herumgereicht. Aber worauf setzt Japan zwei Jahre nach der Katastrophe von Fukushima? Auf Atomkraft! Das ist uns kein Teelöffelchen Empörung mehr wert.

Der Hochwasserschutz, der nach der Oderflut vor elf Jahren entstehen sollte, ist nicht gebaut worden. Hat jemand NACHGEFRAGT? Der nächste Tsunami wird erneut die Frage nach der unverantwortlichen Küstenbebauung aufwerfen, so wie das nächste Erdbeben wieder die gemeingefährliche Billigbauweise korrupter Baulöwen anprangern wird und der nächste Amoklauf wieder den Ruf nach einer Verschärfung der Waffengesetze „laut werden lässt“. Der nächste Lebensmittelskandal wird erneut Zehn-Punkte-Pläne zur besseren Kontrolle hervorbringen, und der nächste Abrechnungsbetrug bei den Krankenkassen und der nächste Organspendeskandal natürlich auch.

Wir werden dann wieder tolle Graphiken präsentiert bekommen, wie unsere Lebensmittel in Europa herumgefahren, umetikettiert und verschoben werden, wir werden en detail die Mechanismen der Organtransplantation kennenlernen. Und anschließend wieder vergessen. Natürlich werden auch die nächste Elbphilharmonie und der nächste Großflughafen wieder zehn Mal so teuer werden wie geplant. Die Regierung wird weiter unbrauchbaren Militärschrott in Milliardenhöhe bei den Rüstungsfirmen bestellen und die Pharmaindustrie wird erneut überflüssige Grippeimpfstoffe für Hunderte von Millionen Euro an die Regierungen verkaufen. Haben die Medien geholfen, Fehlentwicklungen zu korrigieren?

Sie schreiben bloß drüber. Unbestechlich, integer, gutwillig. Ein bisschen sensationsgierig. Denn sie leben in ihrem kleinen Luhmannschen Subsystem. Und am Ende – wenn das politische Personal ausgewechselt ist – rufen sie die Gesellschaft zur Mäßigung auf und flechten den Neuen im Amt neue Kränze aus Vorschusslorbeeren. 100 Tage Schonfrist. Das Übliche. Zwar stürzt jeder zweite Verteidigungsminister über einen Skandal, aber die Einflusslobbys im Beschaffungswesen bleiben die gleichen.

Der Whistleblower Edward Snowden hat vor kurzem gesagt, das Schlimmste, was er befürchte, sei, dass seine Enthüllungen einfach verpuffen, und dass alles immer so weiter geht. Genau das ist das Problem. Es gibt keine vierte Gewalt. Es gibt nur Medien.

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Das Netz als Staatsfreund Nr.1

3 April 2013 um 11:37 • 5 Kommentarepermalink

Der neue, desillusionierende Blick auf das Internet: Das Buch „Cypherpunks“ kündet von einer Radikalisierung der dritten Hacker-Generation.

 

Am 20. März 2012 trafen sie sich in London, um bei d’Artagnan (der von der Königin unter Hausarrest gestellt ist) ein paar Flaschen Whisky zu leeren und über den kommenden Krieg des freien Netzes gegen den Überwachungsstaat zu diskutieren. Bei d’Artagnan befanden sich die Freunde Athos, Porthos und Aramis in Gestalt von:

– Jacob Appelbaum, Fürsprecher und Forscher des Tor-Projekts sowie Gründer des Hackertreffs Noisebridge in San Francisco;

– Andy Müller-Maguhn, Mitbegründer von European Digital Rights, lange Jahre Sprecher des Chaos Computer Clubs und Gründer der Verschlüsselungsfirma GSMK Cryptophone, sowie

– Jérémie Zimmermann, Mitbegründer und Sprecher der Pariser Bürgerrechtsgruppe LaQuadrature du Net.

Angeleitet und moderiert wurde das Gespräch von d’Artagnan selbst, also von Julian Assange, der sich im Buch als „Chefredakteur der Enthüllungsplattform WikiLeaks“ vorstellt.

Ausgangspunkt ihrer Debatte ist die Radikalisierung der dritten Hacker- oder Cypherpunk-Generation. Für diese Radikalisierung gibt es einen nachvollziehbaren Grund. Es sind die Erfahrungen, die WikiLeaks in den vergangenen drei Jahren machen musste. Julian Assanges Vorwort berichtet denn auch ausführlich von den willkürlichen Festnahmen, den verdeckten Ermittlungen, dem diplomatischem Druck der USA auf befreundete Regierungen, den Blockaden von Bankkonten, der Einschüchterung und Bedrohung von Sympathisanten, den geheimdienstlichen Zersetzungsmaßnahmen und der geschickten medialen Abstempelung der führenden Hacker als „High-Tech-Terroristen“. So viel Vernichtungswillen hätten die „gefährlichen Jungs“ der frühen Hacker-Jahre einem demokratischen Rechtsstaat nie zugetraut. Diese Erfahrungen haben ihr politisches Bewusstsein geschärft.

Insofern kann man das Londoner Rebellentreffen durchaus als Radikalisierung begreifen – etwa so, wie sich Che Guevara in den Fünfzigern in Guatemala-Stadt radikalisierte. Die Sprache der vier Männer ist rauh, aber herzlich und manchmal wirkt sie so, als würden diese Männer noch immer Räuber und Gendarm spielen.

 

Die Pervertierung des freien Netzes

Die Ausgangslage für den bevorstehenden Kampf ist nicht gerade rosig: Das „platonische Reich des Internet“ ist nach Meinung Assanges vom Reich des Bösen gekapert und „besudelt“ worden. Viele naive Netzapologeten wollten das noch immer nicht begreifen. Der von ihnen bestaunten, wenn nicht gar angebeteten „Kommunikationsrevolution“ liege nicht die freie Hippiekultur der siebziger Jahre zugrunde, sondern die beinharte neoliberale Ideologie der transnationalen Marktwirtschaft.

Die High-Tech-Revolution betrachten die Diskutanten als „höchste Stufe des Kapitalismus“, und diese Stufe wird durch den „Informations-Imperialismus“ der USA verkörpert. Dies zeige sich vor allem darin, dass das Internet zunehmend militarisiert werde. Mit Hilfe von Überwachungstechnologien (Drohnen, Filtersoftware etc.) werde ein weltweites Spionage- und Zensurregime errichtet. „Das Internet“, so steht es bereits auf der Umschlagrückseite des Buches, „ist eine riesige Spionagemaschine“.

Diese Erkenntnis sorgte bei den Netzfreunden für eine herbe Enttäuschung: Das freie Netz, das die Wunsch-Welt und das Rückzugsgebiet ihrer Generation war, existiert nicht mehr, es ist längst pervertiert:

„Wenn wir Straßen so bauen würden wie das Internet, dann wäre jede von ihnen mit Überwachungskameras und Mikrofonen ausgestattet, auf die niemand außer der Polizei – oder jemand, der sich erfolgreich als Polizei ausgibt – Zugriff hätte.“

„Wir sollten nicht vergessen, dass Präsident Mubarak das Internet in Ägypten zu einem ziemlich frühen Zeitpunkt abgeschaltet hat. Tatsächlich ist es fraglich, ob der Ausfall des Internets der Revolution eher genutzt oder geschadet hat. Einige sind der Meinung, dass sie dadurch erleichtert worden ist, weil die Menschen auf die Straße gehen mussten, um Neuigkeiten über das Geschehen zu erfahren.“

Die bittere Lehre daraus ist: Nur wenn man den Kampf mit der Staatsmacht gewinnt, ist das Internet eine großartige Hilfe gewesen. Verliert man ihn, verwandelt sich das Internet in ein perfektes Verfolgungsinstrument.

 

Das Trauma WikiLeaks

Diese Erfahrung, die in den vergangenen fünf Jahren manchen Aktivisten traumatisiert hat, führt die Londoner Diskutanten zu der Überzeugung, dass Hacker künftig mehr Macht und Einfluss gewinnen müssen. Aber wie? Julian Assange, der strategische Kopf in der Debatte, stellt seinen Freunden ein paar rhetorische Fragen: Was ist im Kampf mit der Staatsmacht entscheidend? Geht es darum, wem die Satelliten, wem die Glasfaserkabel, wem die Serverfarmen gehören?

Nein, antwortet Assange, die wahre Herrschaft übe schlicht derjenige aus, der 1. die territoriale Kontrolle über die Streitkräfte innehabe (also über die Bewegungsfreiheit der Menschen entscheidet), 2. die Kontrolle über die Kommunikationsinfrastruktur besitze (also die freie Meinungsäußerung überwacht) und 3. die Finanzinfrastruktur kontrolliere (also die freie wirtschaftliche Interaktion reguliert). Ein Staat verfüge über alle drei Möglichkeiten, also ergebe sich daraus die Frage: Wie können Hacker staatliche Kontrollen unterlaufen? Welche Mittel benötigen sie?

Auch diese Fragen werden schnell geklärt: Die Wunderwaffe der Hacker sei die „Kryptographie“, die Technik der Verschlüsselung. Durch Anonymisierungsnetzwerke wie Tor, durch Crypto-Telefone, durch abhörsichere Peer-to-peer-Technologien könne man sich eine eigene unverwundbare Kommunikations-Infrastruktur aufbauen. Darüber hinaus brauche man eine eigene Währung wie Bitcoin, die nicht von Mastercard oder Paypal blockiert werden könne. Eigene Streitkräfte brauche man dagegen nicht, weil das freie Internet kein Territorium, sondern eine galaktisch-platonische Struktur sei.

Das alles klingt ziemlich überspannt, aber auch folgerichtig. Deshalb ist es schade, dass die Debatte in der deutschen Rezeption fast nur kopfschüttelnd und abwehrend zur Kenntnis genommen wird anstatt sie als das zu begreifen, was sie ist: ein besorgniserregendes Symptom der Zuspitzung, für die man auch im braven Netz-Deutschland ein gerüttelt Maß Verantwortung trägt.

 

Der militärisch-postindustrielle Komplex

Als künftiger Gegner der Hacker-Guerilla wird der militärisch-postindustrielle Komplex identifiziert: die Verschmelzung des Internets (Google, Facebook etc.) mit staatlichen Überwachungsorganisationen zur gemeinsamen Kontrolle der Weltgesellschaft. Dieser militärisch-postindustrielle Komplex sei charakterisiert durch eine Zentralisierung der Dienste (Geheimdienste in der Nähe von Serverfarmen), durch eine Privatisierung staatlicher Kontrollen, durch frei handelbare Überwachungstechnologien bei gleichzeitigen Handelsverboten für Verschlüsselungstechniken (niedergelegt etwa im Wassenaar-Abkommen).

Der militärisch-postindustrielle Komplex benutze zur Legitimierung seiner Arbeit vier Vorwände. Nur deshalb könne er das Internet widerstandslos unter seine Kontrolle bringen und die Privatsphäre aller Bürger ausspionieren. Diese Vorwände sind:

– Kinderpornographie

– Terrorismus

– Geldwäsche

– Drogen

Da der Kampf gegen diese vier „infokalyptischen Reiter“ in der Bevölkerung populär sei, komme man als Hacker argumentativ nur schwer dagegen an. Auch die vier Londoner Diskutanten sind sich nicht ganz einig, wie man z.B. mit Kinderpornographie im Netz verfahren soll. Doch solche Differenzen werden schnell mit ein paar Frotzeleien überspielt, denn sehr viel wichtiger erscheint: Wie gewinnt man als Cypherpunk trotz permanenter Angstmache mehr Einfluss?

 

Kann man Angstmache mit Angstmache bekämpfen?

Meines Erachtens ist dies der heikelste Punkt im Gespräch, denn die vier Musketiere denken ganz so wie ihre ärgsten Gegner. „Es ist notwendig, den Leuten Angst einzujagen“, konstatiert Assange, und diese Angstmache besorgt er dann sowohl im Vorwort wie im Schlusswort des Buches kräftig:

„Das Internet, unser großartigstes Emanzipationsmittel, hat sich in den gefährlichsten Wegbereiter des Totalitarismus verwandelt, mit dem wir es je zu tun hatten. Das Internet ist eine Bedrohung der menschlichen Zivilisation.“

„Der Staat saugte sich wie ein Blutegel in die Venen und Arterien unserer neuen Gesellschaften, verleibte sich jede darin ausgedrückte oder kommunizierte Beziehung ein, jede gelesene Website, jede gesendete Nachricht, jeden gegoogleten Gedanken, speicherte dieses Wissen – Milliarden von abgefangenen Informationen jeden Tag, der Schlüssel zu unerhörter Macht – in streng geheimen Magazinen für alle Zeiten ab…“

„Die heraufziehende Herrschaft eines transnationalen, mit Drohnen gespickten Überwachungsstaats, getragen vom vernetzten Neofeudalismus einer transnationalen Elite… Alle Kommunikation wird überwacht, dauerhaft gespeichert, unablässig nachverfolgt, von der Wiege bis ins Grab…“

Dieses alarmistische Geraune hinterlässt beim Leser zwiespältige Gefühle. Man spürt die Absicht und ist verstimmt. Überhaupt erfährt man in dem Gespräch ein paar Dinge über unsere führenden Cypherpunks, die man vielleicht lieber nicht erfahren hätte: Sie outen sich als ziemliche Wichtigtuer, die den überwachten Dummköpfen sagen müssen, wo es lang geht. Sie haben eine romantische Vorstellung von Technik, wenn sie vom „platonischen Paradies Internet“ reden oder von ihrem Technologie-Enthusiasmus oder davon, dass freie Software alle Probleme lösen könnte (siehe dazu auch Evgeny Morozovs Kritik am „Solutionism“). Und drittens pflegen sie einen a-historischen (Krypto-)Anarchismus, der zu Selbstüberschätzung und heroischem Größenwahn neigt.

 

Der verlorene Gesprächsfaden

Am Schluss unterliegen die Diskutanten (am wenigsten übrigens Andy Müller-Maguhn!) der Illusion, dass „ein paar Einzelne der geballten Wucht der stärksten Macht der Welt mit Kryptographie standhalten“ können. Nur „eine Elite von High-Tech-Rebellen“ sei in der Lage, sich dem „Moloch Überwachungsstaat“ zu entziehen.

Naja, möchte man da sagen, habt ihr’s nicht eine Nummer kleiner?

Am Anfang des insgesamt etwas unstrukturierten Gesprächs äußert Julian Assange einen interessanten Gedanken, der im Lauf der langen Debatte leider wieder verloren geht. Er sagt: „Vielleicht wohnt der Technik ja eine Tendenz inne, sich in Phasen zu entwickeln, von der Entdeckung (1) über die Zentralisierung (2) zur Demokratisierung (3).“ Derzeit, so der Cyber-Rebell, befänden wir uns in Phase zwei. An diesem Punkt hätte man ansetzen können.

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Cypherpunks. Unsere Freiheit und die Zukunft des Internets, Campus Verlag Frankfurt am Main 2013, 208 Seiten, € 16,99;

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