Panik im Mittelstand oder: Wohin driftet der Journalismus?

23 September 2014 um 11:55 • 4 Kommentarepermalink

Die Publizistik der Zukunft, sagen jetzt sogar Konservative wie Arnulf Baring, benötige wahrscheinlich Staatsknete. Andere meinen, das Recherchieren solle gemeinnützig werden. Über sich häufende Panikattacken im Journalismus-Diskurs, die neue Liebe zu den Öffentlich-Rechtlichen und eine Rückkehr zu alten Tugenden. Dritter und letzter Teil meiner Serie über den Strukturwandel der Öffentlichkeit.

 

Als ich in den achtziger Jahren Redakteur beim Hamburger Magazin Geo wurde, erzählten mir die älteren Kollegen unglaubliche Storys von ihrem aufregenden und komfortablen Reporterleben in den Siebzigern: Morgens um elf seien sie mit dem Taxi zur Arbeit gefahren und abends um elf mit dem Taxi zur Kneipe wieder nach Hause. Sie hätten auf Reisen in Fünf-Sterne-Hotels übernachtet und wären ganz selbstverständlich Business Class geflogen. Recherchen im Ausland konnten – ohne Weiteres – auf vier oder fünf Wochen ausgedehnt werden, Spesenbelege wurden nicht mit der Lupe geprüft. Als Redakteur trug man handgenähte 600 Mark-Schuhe und die Gesprächspartner bewirtete man in ausgesuchten Restaurants. Denn ein Journalist, sagten die älteren Kollegen, dürfe nicht auftreten wie ein armer Schlucker, er müsse sein Blatt repräsentieren und das Heft der Story in der Hand behalten.

Kein Zweifel, auf diese selbstbewusste, egozentrische und standesdünkelhafte Weise sind herausragende Stücke entstanden. Und man musste nicht einmal Tom Wolfe heißen, um von den großen Magazinen so großzügig ausgestattet zu werden (Verlage waren damals vorwiegend Herrenausstatter!).

Die privilegierte Zeit – nennen wir sie die Komfortphase des Journalismus – dauerte bis Anfang der neunziger Jahre. Mit dem Abflauen der hitzigen Wiedervereinigungskonjunktur und der anschließenden Turbo-Globalisierung begann dann die große Medien-Krise. Alle seit damals in den Beruf eintretenden Generationen (mit Ausnahme der verbeamteten Redakteure in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten) kennen nur diesen einen Zustand – DAUERKRISE: wiederkehrende Sparrunden, fortschreitendes Downsizing, verschlossene Türen, sich festsetzende Zukunftsangst.

Heute müssen Journalisten auf jeder Taxiquittung die Fahrstrecke und den Grund ihrer Fahrt vermerken, sie übernachten in Billighotelketten oder privat, fahren mit der eigenen Bahncard zweiter Klasse, leben tagsüber von Döner und Bratwurst, fliegen ganz selbstverständlich mit Ryanair oder Germanwings, kaufen ihre Schuhe bei Deichmann, sind ihr eigenes Sekretariat und drucken sich die benötigten Tickets an ihren verdreckten Tintenstrahl-Druckern selber aus. Journalisten sind nichts Besonderes mehr. Sie sind Wegwerfware wie andere Lohnarbeiter auch. Ihre Presseausweise rufen an den Museumskassen des Landes nur noch ein mitleidiges Lächeln hervor. Das ist die Lage. Und diese Lage wird sich weiter verschlechtern.

 

Der Strukturwandel der Öffentlichkeit

Schuld daran ist die wachsende Konvergenz zwischen den Internet-Plattformen (Ebay, Amazon, Google, Facebook etc.) und den Presseverlagen. Während Presse-Verlage wie Burda und Springer immer stärker zu Internet-Plattformen mutieren, verwandeln sich umgekehrt Internet-Plattformen immer stärker zu Verlagen. Die Mischformen, die aus der gegenseitigen Durchdringung hervorgehen, werden den Journalismus auf zweifache Weise marginalisieren:

- Wenn etwa Presseverlage ihre Renditen mit dem Verkauf von Katzenfutter oder dem Betrieb von Single-Börsen erwirtschaften (also nicht mehr nur Anzeigen von diesen Firmen drucken), können sie in der Berichterstattung über solche Themen nicht mehr neutral sein. Journalismus und PR werden sich – nicht nur bei der Huffington Post – stärker mischen, ja ununterscheidbar ineinanderfließen. Da Anzeigenkunden heute außerdem über zielgenaue und billige Alternativen zum „Trägermedium Journalismus“ verfügen, werden sie die Machtverschiebung zu ihren Gunsten in allerlei Sonderwünsche ummünzen: Wir schalten nur dann eine Anzeige, wenn das journalistische Umfeld so aussieht, wie wir das wollen. Gegen solche Zumutungen wird sich der Journalismus nicht wehren können, wenn er gleichzeitig seine komfortablen Bedingungen behalten will. Er wird sich anpassen oder in Nischen zurückziehen müssen.

- Entwertet wird der Journalismus aber auch durch eine Kombination von Rationalisierung und Amateurisierung: Viele Redaktionen werden verkleinert oder zusammengelegt, Inhalte werden von Laien und Hilfskräften zugeliefert. Diese ‚Subunternehmer’ verlangen wenig Honorar oder tauschen Arbeit gegen Werbeplätze und Popularitätszuwachs. Rund um die künftigen „Houses of Content“ werden sich „Communities of Interest“ ansiedeln wie Favelas um die Viertel der Reichen.

Verlage und Internet-Plattformen verschmelzen also zu Content verarbeitenden (austauschbaren) Fabriken. Hauptleidtragende dieser Entwicklung werden nicht die freien Journalisten sein, denen es heute schon schlecht genug geht, Hauptleidtragende werden die mittelständischen, mittelprächtigen, dem mittleren Mainstream verhafteten Angestellten-Journalisten sein, die bei Zeitschriften, Privatsendern oder Regionalzeitungen noch so viel Geld verdienen, dass sie sich ein Reihenhäuschen im Grünen leisten können. Ihr Anteil wird am stärksten schrumpfen. Immun gegen das Downsizing der journalistischen Mittelschicht sind lediglich die Mitarbeiter der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und ein Teil jener Journalisten, die für Medien arbeiten, bei denen die Höhe des Verkaufspreises keine entscheidende Rolle spielt. Alle übrigen rutschen in die prekäre Szene der Fließbandproduktionen ab.

 

Zwei Wege in die Zukunft

Wer heute immer noch Journalist werden will (und das wollen erstaunlicherweise immer noch viele), wird künftig davon ausgehen können, entweder über Gebühren und Steuern finanziert zu werden oder von Stiftungen, Internet-Plattformen oder Crowdfunding zu leben. Der Journalist der Zukunft wird so im weitesten Sinne dem Öffentlichen Dienst angehören und als Vermittler von Informationen um größtmögliche Neutralität, Ausgewogenheit und Distanz bemüht sein. Oder er wird im Sinne der ihn beauftragenden ‚Gemeinde’ ganz bestimmte Ziele verfolgen und eine neue Form des Partei- und PR-Journalismus etablieren.

Abseits dieser beiden Hauptströmungen wird es eine kleine radikale Minderheit geben, die sich aus journalismusfernen Milieus, Medien-Aussteigern und Medien-Newcomern rekrutiert. Diese Minderheit wird sich als treibende Kraft einer journalistischen Erneuerungsbewegung empfinden. Sie wird unter den erschwerten Bedingungen staatlicher Verfolgung und gesellschaftlicher Ausgrenzung operieren und mal von reichen Philanthropen, mal von subkulturellen Milieus oder oppositionellen Randgruppen getragen. Enthüllungsplattformen wie WikiLeaks und The Intercept, Journalisten wie Glenn Greenwald, Laura Poitras oder Jeremy Scahill sind nur die Vorboten dieses Wandels. Sie verachten den braven Kunstjournalismus, der in Journalistenschulen gelehrt wird und in Journalistenpreisen erstickt. Sie verschreiben sich einem neuen ‘Kampfjournalismus’, der in Upton Sinclair, Ida Tarbell, Günter Wallraff, Barbara Ehrenreich oder Michael Moore seine Traditionslinien hat.

Für welche Existenzform werden sich die künftigen Journalisten-Generationen entscheiden?

 

Der künftige Mehrheits-Journalismus

Je stärker die Verlage rationalisieren und den Umstieg ins digitale Zeitalter vorbereiten, desto stärker werden die betroffenen Journalisten ein altes Modell zu schätzen wissen, das sie lange und nicht ganz zu Unrecht mit der Erstarrung des Journalismus gleichgesetzt haben. Anders ausgedrückt: Je schlechter die Arbeitsbedingungen bei den Verlagen werden, desto heller werden die Versorgungsleistungen bei ARD und ZDF, ARTE und Deutschlandradio erstrahlen. Der öffentlich-rechtliche Journalismus wird eine ungeahnte Aufwertung erleben, ob in seiner aktuellen Organisationsform (als Anstalt des öffentlichen Rechts) oder als staatliches Stiftungsmodell, im Rahmen einer Kulturflatrate, als Subventionsprojekt (wie in Skandinavien) oder als Genossenschafts-Experiment. Die heftigen Debatten, die in den vergangenen Jahren darüber geführt wurden, teils als Graben-, teils als Glaubenskrieg, kamen zu früh. Erst nach dem Aus der Gruner & Jahr-Wirtschaftsmedien, den Sparrunden bei WAZ, FAZ und DuMont Schauberg, dem Springer-Funke-Deal, der Zentralisierung der Madsack-Blätter, der Spiegel- und Stern-Krise, der Verramschung berühmter US-Zeitungen und dem Einstieg der Internetkonzerne ins Verlagswesen dämmert es auch den hartleibigsten Verdrängern: die journalistische Mittelschicht erodiert. Nur deshalb ist die Sehnsucht nach öffentlich-rechtlicher Sicherheit und öffentlich-rechtlichem Komfort wieder gewachsen.

Als ich vor einiger Zeit in Hamburg eines der vielen tausend Medien-Panels zur Zukunft des Journalismus besuchte, kam der mit Abstand fröhlichste und zufriedenste Vertreter von einer… öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt. Seine Tätigkeit war nicht nur die angenehmste, sie war auch die journalistisch respektabelste und die finanziell am besten ausgestattete. Als die Podiumsteilnehmer gegen Ende der Veranstaltung gefragt wurden, mit welchem der Mitdiskutanten sie am liebsten tauschen würden, nannten ausnahmslos alle den Vertreter des Österreichischen Rundfunks.

Die Erosion des journalistischen Mittelstands wird so stark sein, dass die längst überfällige Debatte über eine Neuverteilung der Haushaltsabgabe endlich in Gang kommt. Das heißt, die Parteien müssen sich ernsthaft mit der Neuverteilung der Rundfunk-Milliarden befassen. Nur die von der Haushaltsabgabe aufgebrachte Summe kann den Journalismus in seiner ganzen Länge und Breite finanzieren – und zwar nicht nur den Rundfunkjournalismus, sondern jede Form von Journalismus. Erste Integrations-Versuche laufen bereits. Um das Jahr 2030 könnte die Haushaltsabgabe dann die maßgebliche Finanzierungsquelle für Rundfunkanstalten, Qualitätspresse und zertifizierte Internet-Plattformen sein.

Natürlich wird ein Teil der Journalisten auch weiterhin rein privat finanziert werden, nur eben nicht von klassischen Presseverlagen, sondern von Lesergemeinden, Presse-Stiftungen, Mäzenen, Vereinen, Unternehmen, NGOs, Bürgerinitiativen, Parteien usw. Dieser anwaltliche Journalismus ist thematisch klarer fokussiert als ein Generalanzeiger mit seinen klassischen fünf bis sechs Ressorts, er ist aber auch zeitlich an bestimmte Projekte und Ziele gebunden. Er macht im Prinzip “Werbung für eine gute Sache”, für die Sache des jeweiligen Auftraggebers. Da diese Medien in der Regel von Nicht-Journalisten herausgegeben und kontrolliert werden, wird es immer wieder zu Spannungen und Friktionen kommen, die naturgemäß heftiger ausfallen als Konflikte im öffentlich-rechtlichen Mediensystem.

 

Guerilla-Journalismus

Ein winziger, aber nicht zu unterschätzender Teil der Journalisten wird sich – wie oben angedeutet – unter dem Druck der Übergangs-Verhältnisse radikalisieren. Barbara Ehrenreich, die große alte Dame des US-Journalismus, hat vor Jahren eine bewegende und idealistische Rede an die Absolventen ihrer Graduate School of Journalism gehalten. Sie sagte:

„Meine Mitarbeiter haben mir gesagt, ich darf heute nicht zu negativ werden. Ich soll nicht zu schwarz malen. Also sage ich Euch, die ihr die Journalistenschule heute verlassen werdet: Willkommen in einem sterbenden Gewerbe! Willkommen in einer untergehenden Industrie. Im Amerika der Arbeitslosen seid ihr in bester Gesellschaft. Ihr werdet gebraucht. Ich weiß zwar nicht, wo und von wem ihr gebraucht werdet, und ich weiß auch nicht, wer Euch bezahlen soll, aber ich weiß: Man kann uns nicht aufhalten!

Wenn Zeitungen keine Journalisten mehr einstellen, dann gibt es nur eins: Werdet Guerilla-Journalisten! Denn so lange es Geschichten gibt, die erzählt werden müssen, und so lange es Ungerechtigkeiten und Ungereimtheiten gibt, die aufgedeckt und gelöst werden müssen, so lange dürfen wir nicht aufgeben.

Der Journalisten-Beruf ist kein Titel, den man sich ans Revers heften kann, er ist auch kein Zeugnis, das irgendwelche Ansprüche begründet, nein, ein Journalistenschul-Abschluss in Berkeley ist nichts anderes als eine Lizenz zum Kämpfen.“

Ich bin nicht sicher, ob Barbara Ehrenreich beim Abfassen ihrer Rede – sie schrieb sie noch vor der Finanzkrise – ahnte, dass neben dem wirtschaftlichen Downsizing eine zweite Gefahr auf die Journalisten der Zukunft lauern würde: die Gefahr der gesellschaftlichen Ausgrenzung. Seit dem Auftauchen des Phänomens Whistleblower und der Zunahme staatlicher Repressionen gegen „Enthüllungsjournalisten“ wissen wir, dass Staatsbürokratien (autoritäre wie demokratische) im Zweifel gegen die Aufklärungsarbeit von Journalisten und Bloggern zusammenhalten. Der Beruf des Journalisten gerät damit, wie der Reporter Seymour M. Hersh es ausdrückte, in jene „Außenseiter-Rolle“, die er früher, in seinen Anfangsjahren, innehatte. Nicht nur das Schicksal der von Karl Marx redigierten Neuen Rheinischen Zeitung erzählt davon: Im europäischen Revolutionsjahr 1848, als Zeitungen für den Staat noch gefährlich waren und häufig verboten wurden, schrieb die französische Zeitung „Le Salut Public“, die Presse nehme das Erbe der drei anderen Staatsgewalten an, „zu deren Zerstörung sie beigetragen hat“.

Das mag pathetisch und ein wenig anmaßend klingen, aber die Zeit der Ausreden und des journalistischen Komforts ist vorbei. Es wird nun vom Geschick einer neuen Generation von Medien-Unternehmern abhängen, ob die journalistischen Guerilleros sich eines Tages wieder beruhigen – und ob der journalistische Mittelstand sich wieder ein Reihenhäuschen von seiner journalistischen Arbeit wird leisten können.

 

Die bisher erschienenen Beiträge:

Teil 1: Der bequeme Mythos von den angeblich innovationsunfähigen Verlagen (24.6.2012)

Teil 2: Wie aus Internet-Plattformen Verlage werden (27.8.2012)

Diese Beiträge sind ebenfalls abgedruckt in „Medienwandel kompakt 2011 – 2013“, Springer VS Verlag, Wiesbaden 2014.


Die Ukraine interessiert euch doch einen Scheißdreck!

17 August 2014 um 11:55 • 2 Kommentarepermalink

Schuldzuweisungen, Schaufensterreden, Provokationen. Wie sehr sind die Meinungsmacher an der Wirklichkeit dieses Landes interessiert?

 

„Putin-Versteher“ und „Nato-Büttel“ liefern sich seit Monaten eine aufwändige PR-Schlacht um die Einordnung des Ost-West-Geschehens. Aber weder Russland noch die USA, weder die EU noch die ukrainischen Oligarchen haben der Ukraine je geholfen, politisch – und wirtschaftlich - selbstständig zu werden. Das Selbstbestimmungsrecht wird meist nur als ideologischer Hebel benutzt, um die eigenen Interessen durchzusetzen.

Es ist schon eine Weile her, dass ich mir selbst ein Bild von der wirtschaftlichen Lage machen konnte, aber dank der politischen Stagnation in Kiew dürfte sich ökonomisch wenig geändert haben. Vielleicht tragen meine Notizen von damals (2007) ein wenig dazu bei, die fundamentalen Transformations-Probleme der Ukraine besser zu verstehen:

 

1. Die Antonov-Flugzeugwerke in Kiew

Etwa 7000 Menschen arbeiten im Werk an der Kiewer Tupolew-Straße, ein Fünftel davon auf dem Forschungs- und Testgelände vor der Stadt. Mangels Geld und Aufträgen hatte der staatseigene Betrieb die neunziger Jahre mit Wartungsarbeiten und Umbauten von Maschinen überbrückt, hatte arabischen Potentaten goldene Aschenbecher eingebaut oder Frachtflugzeuge in fliegende Lazarette verwandelt. Nun, nach 20 Jahren Entwicklungsarbeit, spüren die Ingenieure endlich Auftrieb. Zwei neue Maschinen stehen vor der Serienreife: der Militärtransporter AN-70, der mit 20 Tonnen Material im Bauch selbst bei regennasser Piste nur 500 Meter für Start oder Landung benötigt, und die AN-148, ein Passagierflugzeug für Mittelstrecken, von dem sich die Konstrukteure hohe Stückzahlen und dauerhafte Einnahmen erhoffen.

Allerdings, schränkt Alexandr Kiwa, der stellvertretende Chefdesigner ein, „der Konkurrenzkampf ist hart, insbesondere mit Russland“. Gerade habe der russische Verteidigungsminister den Ausstieg aus dem AN-70-Projekt verkündet, mit der verblüffenden Begründung, dass diese Marktnische schon mit der russischen Iljuschin 76 besetzt sei.

Nach mehr als 20 Jahren gemeinsamer Entwicklungsarbeit und fünf Milliarden Dollar Investitionskosten stoppt Russland kalt lächelnd ein fest vereinbartes Joint Venture. Warum? Die Russen wollen sich keine Konkurrenz ins Haus holen.

Antonovs Militärtransporter steht aber auch im Wettbewerb mit dem westlichen Airbus A 400 M. „Airbus“, sagt Kiwa, „hat erst vor wenigen Jahren begonnen, Militärtransporter zu bauen, wir machen das seit 50 Jahren.“ Soll heißen: Nehmt doch das, was gut ist und sich bewährt hat. Kooperiert mit uns! „Die Bundeswehr“, schmeichelt Kiwa, „ist unser aktivster Partner. Wir gehen auf alle Kundenwünsche ein. Wir setzen auf Kooperation. Nach dem Ausstieg der Russen könnten doch jetzt die Deutschen…“

Doch der Westen, der die Kiewer Revolution so demonstrativ bejubelte, hilft statt der Ukraine lieber Russland. Dort ist der Umbruch schneller und radikaler vorangetrieben worden als in der gemächlichen Ukraine. Der US-Flugzeughersteller Boeing z.B. residiert seit den neunziger Jahren in Moskau, unterhält dort die größte Niederlassung außerhalb der Vereinigten Staaten.

Zusammen mit der russischen Firma Suchoj entwickelt Boeing auch ein Konkurrenzprodukt zur AN-148, den „Suchoj Superjet 100“, mit dem man gemeinsam den asiatischen Markt erobern will. Eine französische Firma liefert die Triebwerkstechnik, ein italienischer Konzern hat sich eingekauft. Der Westen beurteilt den Osten eben nicht nach Sympathie für demokratische Reformen, sondern nach lukrativen Investitionschancen.

Und die stehen in der Ukraine schlecht: Als strategisch wichtiger Betrieb darf der Antonov-Komplex nicht privatisiert werden. Und so bleiben die Ingenieure auf ihrem Hoffnungsträger AN-148 wohl sitzen: Russland blockiert die Endmontage im russischen Woronesch. Und die Ukraine hat weder das Geld noch die Fabriken, um die Produktion des Mittelstreckenflugzeugs allein zu stemmen.

 

2. Die Stahlproduzenten von Krivij Rih

Ein winzig erscheinender Mann steht am Fuß des Hochofens Nummer 9. Das flüssige Eisen, 1500 Grad heiß, schießt aus dem Reaktor und spuckt Feuer, als würden hunderttausend Wunderkerzen auf einmal entzündet. 10.000 Tonnen kochende Lava wälzen sich jeden Tag durch die Sandrinnen in die Güterwaggons. Roter Qualm steigt auf, glühende Brocken knallen an die Schutzbleche der Reaktorwände, ein stumpfer Eisen-Kohle-Geschmack legt sich auf die Zunge.

Ohne Ohrenschützer und Visier, nur mit einer Lederkappe, die den Nacken bedeckt, arbeiten die Stahlkocher im Höllenlärm der Hebekräne und Abluftmotoren, kratzen Schlackenreste aus den Rinnen oder schaufeln Sand aus Behältern, die so verrottet aussehen wie zerschossene Bunker. 300 Euro bekommt ein Arbeiter im Monat. Das ist zwar das Fünffache des gesetzlichen Mindestlohns, aber nur ein Bruchteil dessen, was ein Schwarzarbeiter z.B. in der Kiewer Bauwirtschaft verdient.

Als der Hochofen 1973 in Betrieb ging, war er mit 5000 Kubikmeter Fassungsvermögen der größte der Welt. Auch der Ort, an dem er gebaut wurde, ist ein Monstrum: Die Stadt Krivij Rih erstreckt sich über mehr als 120 Kilometer entlang von Eisenerzgruben. Das Füllhorn im Stadt-Wappen signalisiert: Hier wird der Reichtum des Landes geschaffen. 20 Prozent des ukrainischen Stahls werden hier produziert. Und Kriworisch-Stal ist das bekannteste Werk.

Noch immer steht ein wegweisender Lenin vor der Konzernzentrale. Auch Hammer und Sichel sind ihm geblieben. Von 1934 an versorgte Kriworisch-Stal die halbe Sowjetunion mit Baustahl und Gusseisen, belieferte Rüstungsbetriebe von Krasnojarsk bis Dnipropetrowsk. Doch nach dem Ende der Sowjetunion wurde die Arbeitsteilung plötzlich zur Falle. Die alten Verbindungen zu den sowjetischen Bruderstaaten waren gekappt. Vier der neun Hochöfen mussten stillgelegt werden.

Zwölf Jahre verstrichen nutzlos. In Kiew regierten „die Stagnaten“, die Nichtstuer. Eine Modernisierung des Stahlkolosses unterblieb. 2003 ersteigerten die beiden reichsten Männer der Ukraine, Viktor Pintschuk, ein Schwiegersohn des damaligen Präsidenten, und Rinat Achmetow, der Großfinanzier der Partei der Regionen, das heruntergekommene Werk für nur 800 Millionen Dollar. Sie erhielten den Zuschlag, obwohl sie kein Konzept für die Restrukturierung vorlegen konnten und obwohl ausländische Konzerne 1,2 Milliarden Dollar geboten hatten.

Das war typisch für die Wirtschaftspolitik nach der Wende. In den neunziger Jahren wurden rund 30.000 Unternehmen zu Vorzugspreisen an Emporkömmlinge verteilt, an Leute, die aus der Sowjet-Nomenklatura stammten und das Glück hatten, während der Übergangsphase an den staatlichen Schalthebeln zu sitzen. Sie verlagerten das ihnen anvertraute Geld auf obskure Auslands-Konten, gründeten damit eigene Banken und kauften mit deren Krediten ukrainische Firmen gleich im Dutzend. Anschließend vereinigten sie diese Firmen in undurchsichtigen Industrie-Holdings und Finanz-Konglomeraten. So entstand jene Oligarchen-Wirtschaft, in der sich wenige Clans die Reichtümer des Landes unter den Nagel rissen, während die zuständigen Staatsdiener und Parlamentarier wegschauten oder schamlos mitverdienten.

In den Wahlkämpfen von 2004 und 2006 versprachen die „Reformer“ Julia Timoschenko und Viktor Juschtschenko eine unnachsichtige Verfolgung dieses „Diebstahls“ am Volk. Ihr Elan reichte aber nur für Kriworisch-Stal. Die beiden Oligarchen Viktor Pintschuk und Rinat Achmetow mussten das Werk zurückgeben. 2005 ersteigerte es der britisch-indische Milliardär und Stahlbaron Lakshmi Mittal aus seiner Duisburger Niederlassung heraus für 4,8 Milliarden Dollar. So wurde Deutschland auf einen Schlag der größte ausländische Investor in der Ukraine.

„Bevor wir hier eingestiegen sind“, sagt Frank P., der aus Ostdeutschland stammende Change-Manager, „haben alle an diesem Unternehmen mitverdient. Jeder hat seinen Strohhalm reingehalten und kräftig daran gesogen. Diese Strohhalme haben wir abgedrückt.“ Es sei jetzt möglich, Stahl direkt ab Werk zu verkaufen. Niemand müsse mehr über die dubiosen Zwischenhändler gehen, die sich hinter Schweizer Briefkastenfirmen verstecken und in Wahrheit ukrainischen Oligarchen gehören.

Kriworisch-Stal litt vor der Übernahme unter einer enormen „Kopflastigkeit“: Entscheidungen benötigten so viele Unterschriften, dass niemand mehr für irgendetwas verantwortlich war. Das führte zu fortgesetzter Schlamperei. Doch Beanstandungen blieben folgenlos. Ein Bauunternehmer aus Nigeria oder Kuba hatte mit der Qualität zufrieden zu sein, die ihm geliefert wurde.

Im Walzwerk, einer tausend Meter langen Halle, in der die Lüftungs-Ventilatoren die Stärke von Flugzeugpropellern entwickeln, sausen glühende Stahlbrammen über Förderbänder, werden geschnitten, in die Länge gezogen, mit Wasser gekühlt und zu Drahtschlingen gebogen, die dann aufgerollt aussehen wie überdimensionale Lockenwickler. Güterzüge bringen die Rollen nach Odessa, von wo sie nach China, Saudi-Arabien oder Nicaragua verschifft werden. 80 Prozent der Erzeugnisse gehen in den Export, zumeist in Länder der Dritten Welt.

Frank P. will den Ausstoß von Kriworisch-Stal verdoppeln und künftig einen größeren Anteil in EU-Qualität produzieren. Das gelingt freilich nur, „wenn die maßgeblichen Politiker der Ukraine mitspielen“. Und das heißt: die Arbeitsgesetze sollen ‚liberalisiert’ werden. Das Werk, so der Change-Manager, verliere 5000 Manntage pro Quartal durch Krankmeldungen und „übermäßig viele Inspektionen“. Zoll, Finanzamt, Umweltbehörde und Arbeitsschutz forderten ihren Anteil.

Die Ukraine ist für den Stahlproduzenten Lakschmi Mittal aber nur ein Operationsfeld unter vielen. Seit der Stahlmarkt nicht mehr durch nationale Restriktionen geschützt wird, kann sich „Mittal Steel“ auf der ganzen Welt bedienen: die Firma holt Manager aus Delhi, Luxemburg oder London, Ausbilder aus Hamburg oder Duisburg, billige Importkohle aus Russland oder aus den eigenen Zechen in Kasachstan. Die Kohle des eigenen Landes ist nämlich zu teuer geworden.

 

3. Die Kohlezechen im Donbass

Zwei Milliarden Tonnen unverkäuflicher Steinkohle liegen im Osten der Ukraine auf Halde. Das schwarze Gold und der Abraum aus der Förderung verschaffen der flachen Landschaft eine exotische Skyline: Der Donbass ist durchzogen von Pyramiden und Tafelbergen.

Hier im Osten – und nicht in der West-Ukraine – wurde die Sowjet-Regierung besiegt. Die großen Bergarbeiterstreiks von 1989, 1990, 1993, 1996 und 1998 stürzten aber nicht nur die ukrainische KP, sie heizten auch sämtlichen postsowjetischen Regierungen ein. Die Hyperinflation, die das Land 1994 an den Rand der Zahlungsunfähigkeit brachte, kam auch deshalb zustande, weil der Staat für die wütenden Bergarbeiter Geld  drucken musste.

Der Donbass wusste sich zu wehren. Schon immer. Als privilegierte (steuerbefreite) Sonderwirtschaftszone konnte die Ost-Ukraine die Krise besser überstehen als jede andere Region. Zwar verspottet man in Kiew die Menschen aus Donezk gern als tumbe Grobiane, aber ihre Bauernschläue wird meistens unterschätzt. Die aus ehemaligen KP-Kadern, Betriebsdirektoren und Gebietsverwaltern hervorgegangene ostukrainische „Partei der Regionen“ wurde zur stärksten politischen Kraft des Landes, weil sie es verstand, jede Verschlechterung der Lebensbedingungen der Regierung in Kiew in die Schuhe zu schieben, und jede Hilfe, die aus Kiew kam, der eigenen Durchsetzungskraft gutzuschreiben. Als regionale Interessenvertretung, die mit dem Attribut „pro-russisch“ nur unzureichend charakterisiert ist, agiert die „Partei der Regionen“ ähnlich geschickt wie die bayerische CSU oder die ostdeutsche Linke.

Eine ihrer Hochburgen ist die Zeche Zasjadko in Donezk, die produktivste Kohlegrube des Landes. Vor dem Eingang zum Hauptgebäude erweckt ein kleiner Park mit Rosenbeeten und Pappelallee den Eindruck, als besuche man ein Kurbad mit Sanatorium. Der Generaldirektor der Zeche residiert in einem holzvertäfelten Saal mit Kristalllüstern und Intarsienparkett. Früher war er mal Ministerpräsident der Ukraine, musste dann aber wegen Korruptionsvorwürfen für kurze Zeit nach Israel ausweichen, und sitzt nun seit fünf Legislaturperioden im Parlament. Er ist der Boss, und die Kumpel nennen ihn hochachtungsvoll einen „harten Hund“. Sein Stellvertreter – Grubendirektor Igor Efremov – beschreibt die Philosophie der Zeche Zasjadko so: „Der Brigadeleiter muss gut sein, dann ist die Brigade gut. Der Abschnittsleiter muss gut sein, dann funktioniert der Grubenabschnitt. Der Direktor muss gut sein, dann hat die Zeche Erfolg. Der Bürgermeister muss gut sein… der Gouverneur… der Präsident. Wenn der Präsident aber nichts taugt!“… Hier macht der Grubendirektor eine viel sagende Pause, die seinen Zuhörern Zeit lässt, die präsidiale Unfähigkeit wieder bis zur Brigade zurück zu verfolgen.

Patriarchalisches Denken beherrscht den ganzen Donbass. Denn für die eigenen Leute wird gut gesorgt. In jeder Hinsicht. Die Mehrheit der 11.000 Zasjadko-Beschäftigten arbeitet längst nicht mehr im Bergbau, sie verdingen sich in der Landwirtschaft. Die Zeche betreibt Rinderzucht in großem Stil, besitzt Futtermittel- und Fleischfabriken, 300.000 Legehennen, Molkereien und Bäckereien. Ein Kilo Angusrind kostet in der konzerneigenen Ladenkette 3,50 Euro. „Alles für die Bergarbeiter!“, sagt der Betriebsleiter mit einem wahrlich treuherzigen Augenaufschlag.

Die Fahrt in die Grube dauert fast sieben Minuten. 36 Mann stehen schwarz und schweigend im Korb. Das Scherengitter rasselt herunter. Auf die Helme tropft Bergwasser. Jeder Kumpel trägt zum Schutz eine Rettungskapsel mit Sauerstoffampullen am Gürtel.

Heute bohren die Männer Löcher in den Fels, um ein Stahlnetz an der Stollendecke verankern zu können. Der Bergdruck in 1250 Meter Tiefe erfordert hohen Sicherheitsaufwand. Zasjadko gilt als gefährlichste Grube Europas. Im Jahr 2003 starben bei Methangas-Explosionen 150 Bergleute. Der Friedhof liegt gleich hinter der Zeche.

Nun wird der Direktor melancholisch: „Unsere Förderung ist zu tief und zu teuer“, sagt er. Aufgrund der weltweit sinkenden Transportkosten sind selbst Länder konkurrenzfähig geworden, deren Gruben tausende Kilometer vom nächsten Hafen entfernt liegen. Eigentlich müsse man den heimischen Bergbau durch Importzölle schützen, doch die pro-westliche Regierung unterbinde das, um den Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO und die Kredite des Weltwährungsfonds IWF nicht zu gefährden.

Also bleibt nur die Privatisierung. Und was das bedeutet, sagt der Direktor, hätten die Menschen im Donbass am eigenen Leib erfahren: Ein Betrieb nach dem anderen sei in den letzten Jahren pleite gegangen, vier Fünftel der Kumpel wurden arbeitslos oder mussten schlechtere Bedingungen und weniger Lohn akzeptieren. Maschinen werden nicht erneuert, Wartungen unterbleiben.

Die radikalste Form der Privatisierung kann man in den Wäldern östlich von Donezk besichtigen. Dort, wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt, nehmen arbeitslose Kumpel den Kohleabbau selbst in die Hand. Mit geklauten Bergbaukarten suchen sie jene Stellen, an denen die tellerförmigen Flöze die Oberfläche erreichen. Dann buddeln sie drauflos. Alles, was sie brauchen, ist ein schützendes Dickicht, eine Erdkuhle, ein Stück Wald als Tarnung.

Wie schwarze Waldwichtel tauchen sie aus den Löchern auf, das Gesicht mit Kohlestaub verschmiert, in lindgrüner Umgebung. Auf einer Anhöhe haben sie ein altes MT-Motorrad verankert, dessen Hinterrad abmontiert ist. Die verlängerte Motorrad-Kette führt über ein Zahnrad zu einer Seilwinde. Ertönt ein Hupton, gibt der Mann am Motorrad Gas und zieht eine gefüllte Lore aus dem Erdloch. Obenauf liegt ein schwarzer Mann mit Grubenlampe. Die Lore wird umgestürzt, entleert und wieder auf die Schienen gesetzt. Die Kohle schaufeln die Männer auf einen alten weißrussischen Laster. Fünf Mann, heißt es, schaffen zehn Tonnen am Tag.

Jede dieser wilden Gruben gehört einem Boss, der die Polizei fürs Wegsehen bezahlt und Transport und Verkauf der Kohle organisiert. Hinter jedem Boss steht ein weiterer Boss. Das Netzwerk, heißt es, reiche bis hinauf zum Kohleminister.

Sergej Besuglow ist auf diese Weise Unternehmer geworden. Das Dach seines Hauses bei Sneschnoje ist mit Teerpappe und Wellplatten aus Eternit gedeckt. Von außen wirkt die Siedlung unauffällig. Doch im Hof von Sergej klafft ein großes Loch, genauer gesagt, es klafft in einem Schuppen auf dem Hof, und es reicht ungefähr 20 Meter in die Tiefe. Über eine Metallstange, an die einige Querstreben geschweißt sind, klettert er nach unten. Der Stollen ist so niedrig, dass er nur kriechend oder in der Hocke arbeiten kann. In einer Acht-Stunden-Schicht holt er zwei Tonnen bester Anthrazit-Kohle nach oben.

Nach gut zwei Jahren konnte sich Sergej einen ausgedienten Lastwagen kaufen, von einer Kolchose für 7000 Dollar. Jetzt ist er Fuhrunternehmer und fährt seine Kohle nach Cherson, in den Süden des Landes. Für eine Tonne bekommt er 50 Euro. Davon kauft er Ferkel, denn Fleisch bringt mehr ein als Kohle. Sergej nennt sich stolz einen „Selfmademan“.

 

4. Die Gasprinzessin von Dnipropetrowsk

In einem Hinterhof des Kirow-Prospekts in Dnipropetrowsk ist sie damals aufgewachsen, Hausnummer 50A, Wohnung 32. „Da drüben“, sagt Dina Alenikowa, „hat sie gespielt“, unter den Kastanien, vor den Garagen.“ Frau Alenikowa kann sich noch gut an die kleine Julia erinnern. „Mit ihrer Mutter hat sie hier gewohnt. Und voriges Jahr war sie im Wahlkampf da“.

Im Alter von 19 Jahren verlässt Julia Timoschenko die Wohnung Nummer 32, heiratet und macht im Unternehmen ihres Schwiegervaters Karriere. Ihr Metier: der Benzin- und Gashandel. Als politisches Ziehkind des Gebietschefs Paulo Lazarenko (er wird später Ministerpräsident werden) findet sie Zugang zur Kiewer Elite. Lazarenko sorgt auch dafür, dass Julias Firma „Vereinigte Energiesysteme“ (EESU) zum wichtigsten Händler für russisches Erdgas aufsteigt.

75 Milliarden Kubikmeter Gas benötigt die Ukraine im Jahr. Solche Mengen kann nur der östliche Nachbar Russland liefern. Mit der Firma Gazprom schließt Julia Timoschenko einen Vertrag über die Lieferung von 24,2 Milliarden Kubikmeter. Nach nur zwei Jahren erreicht ihre Firma einen Umsatz von zehn Milliarden Dollar. Die Kiewer Presse kommentiert das Wirtschaftswunder mit der Überschrift: „Die Ukraine ist der EESU beigetreten.“ Seither trägt Julia Timoschenko den Spitznamen „Gasprinzessin“.

Ihr Förderer Lazarenko wird im Februar 1999 in New York verhaftet. Am 26. August 2006 verurteilt ihn ein Gericht wegen Geldwäsche zu neun Jahren Gefängnis. Er soll 114 Millionen Dollar ins Ausland verschoben haben: Schmiergelder, die er für die „Regulierung“ des Gasmarkts erhalten hat.

 

Die fortgesetzte Instrumentalisierung der Ukraine

Schon zu Zeiten Viktor Juschtschenkos wurde die Ukraine eingeladen, der Nato beizutreten. Damals, 1997, glaubten die Brüsseler Experten, das angeschlagene Russland, das sich gerade in einer tiefen Wirtschaftskrise befand, werde den Nato-Beitritt schon schlucken.

Der ukrainische Staatspräsident betonte, sein Land wolle sich nun nicht länger von der russischen Drohung, ein Beitritt zur Nato werde zu einem „schmerzvollen und kostspieligen“ Bruch in der Rüstungskooperation führen und „kolossale geopolitische Veränderungen“ zur Folge haben, erpressen lassen. Daraufhin forderte der rechtsradikale russische Duma-Abgeordnete Wladimir Schirinowski die unverzügliche Teilung der Ukraine. Fünf Regionen um Lemberg wollte Schirinowski dem Westen überlassen, die restlichen 19 – mit knapp 30 Millionen Einwohnern – sollten zu drei russischen Provinzen werden. Ein ehrgeiziger Plan.

Auch der Westen betrieb gegenüber der Ukraine eine vereinnahmende Politik, nur leiser und zielstrebiger. Schon die „Orangene Revolution“ von 2004 war von amerikanischen Stiftungen großzügig unterstützt worden: mit Autos, Zelten, Computern, Mobiltelefonen, Geld und geschultem Personal. Nicht nur der ‚philanthropische’ Milliardär George Soros spielte bei der „Demokratisierung“ eine wichtige Rolle, auch regierungsnahe US-Geldgeber wie das „National Endowment for Democracy“, das „National Democratic Institute“, die „Eurasia Foundation“ und das „Freedom House“ mischten mit. In den Vorständen dieser ‚Stiftungen’ saßen erfahrene US-Strategen wie Ex-Nato-Oberbefehlshaber Wesley Clark, Ex-Außenministerin Madeleine Albright und Ex-Außenminister Lawrence Eagleburger. Die Zeltstadt auf dem Maidan wäre ohne diese Hilfe kaum möglich gewesen. Und die unabhängigen Medien konnten ihre Arbeit nur fortsetzen, weil sie Unterstützung aus dem Westen erhielten – wie die Ukrainska Prawda in ihren Anfängen.

Die stille Infiltration hatte Erfolg. Der Aufstand des Euromaidan führte zum Sturz Viktor Janukowitschs. Und seit der Einsetzung einer pro-westlichen Regierung in Kiew im Februar 2014 wird auch die ukrainische Armee massiv durch US-Militärberater und Geheimdienste unterstützt. Als Gegenleistung erwartet man das ukrainische Tafelsilber.

Westliche und östliche Interessen kämpfen nun direkt gegeneinander – auf ukrainischem Boden. Und auch dieser Konflikt hat seine Vorläufer. Denn schon einmal hat der Westen die Ukraine zur staatlichen Selbstständigkeit ermutigt, de facto aber nur als Kampfboden benutzt.

Nach der russischen Februarrevolution von 1917 hatte ein Ukrainischer Nationalkongress die staatliche Unabhängigkeit ausgerufen. Man wollte (wie 1997) einen Schwächeanfall Russlands nutzen, und erhoffte sich Rückendeckung durch den Westen. Am 10. Juni 1917 wandte sich die oberste Volksvertretung der Ukraine in einem pathetischen „Universal“ ans eigene Volk: „Ukrainisches Volk! Dein Schicksal ruht in Deiner Hand! Beweise in dieser schweren Zeit der allgemeinen Unordnung und des Zerfalls durch Deine Einigkeit und Staatsklugheit, dass Du, die Nation der Arbeiter und Bauern, Dich stolz und würdig in die Reihe der organisierten Staatsvölker als gleiches unter gleiche stellen kannst.“

Russland reagierte auf den Emanzipationsversuch des Nachbarlandes alarmiert: „Brüder Ukrainer!“ hieß es, „reißt Euch nicht vom gemeinsamen Vaterland los!“ Denn Russland betrachtete die Ukraine seit Jahrhunderten als Teil der russischen Erde.

Aber schon bald wurde das Unabhängigkeitsstreben der Ukraine wieder von der Weltpolitik überlagert. Das Land geriet ins Feuer der Großmächte und in die Wirren des russischen Bürgerkriegs. Auf ukrainischem Boden kämpften nationalrussische Verbände der Weißen und sowjetische Verbände der Roten Armee um die Vorherrschaft. Die Ukraine war nur ein Schlachtfeld. Am Ende blieb von der erhofften Unabhängigkeit nichts übrig. Die Sowjetunion, Rumänien, Polen und die Tschechoslowakei teilten die Ukraine unter sich auf. Erst 70 Jahre später, 1991, gab es einen neuen Anlauf.

Warum, fragen Historiker, ist es der ukrainischen Nationalbewegung – im Gegensatz zu den Tschechen, Polen und Balten – nach dem Ersten Weltkrieg nicht gelungen, einen eigenen Nationalstaat zu gründen? Die Antwort fällt ernüchternd aus: Es lag an der Uneinigkeit der ukrainischen Eliten. An ihrer gefährlichen, nur den jeweiligen Clan-Interessen verpflichteten Schaukelpolitik. Allein im Jahr 1918 wurde das Land nacheinander von vier verschiedenen Regierungen mit völlig unterschiedlichen Zielsetzungen „regiert“. Dieses chaotische Hin und Her verprellte die letzten Anhänger der staatlichen Unabhängigkeit.

„Wie zu Zeiten Bogdan Chmelnitzkis“, so der Wiener Historiker Andreas Kappeler, „waren die Ukrainer zu schwach, um ihre Unabhängigkeit zu behaupten. Weder die Bolschewiki noch die Weißen, weder die Interventionstruppen der Entente noch Deutschland und Polen waren an der Unabhängigkeit der Ukraine interessiert. Sie alle akzeptierten die Ukrainer nicht als Nation, sondern instrumentalisierten sie für ihre eigene Machtpolitik.“

So ist es bis heute.

Siehe auch John J. Mearsheimers Aufsatz im US-Magazin Foreign Affairs


Nie wieder zweite Liga! Anmerkungen zum Projekt Krautreporter

21 Mai 2014 um 11:55 • 1 Kommentarpermalink

Auch wenn die Krautreporter den Journalismus nicht neu erfinden werden – ihre Pioniertat könnte die Emanzipation der Online-Medien nachhaltig fördern.

 

Eigentlich ist das Projekt Krautreporter gar kein journalistisches Vorzeigemodell, denn journalistisch vorgezeigt wird ja noch nichts.

Der Wert der Unternehmung liegt vor allem darin, dass es ein verlegerisches Pilotprojekt ist: dass sich 25 oder 28 freie Journalisten zusammentun, um der Verlagswelt zu zeigen, wie ein ‚schlankes Geschäftsmodell’ für ein seriöses Online-Magazin aussehen könnte. Sich das aus der Hand nehmen zu lassen, ist nicht gerade ein Ruhmesblatt für die bestehenden Verlage. Schon deshalb haben die Krautreporter Applaus verdient.

Sie haben mit nicht-materiellen Mitteln, d.h. mit der von ihnen individuell erarbeiteten Beliebtheit und Überzeugungskraft (samt ihren Vernetzungen) die größtmögliche Aufmerksamkeit erzielt: eine ungefähr 2666 Punkt hohe Überschrift auf dem Studiodisplay der Tagesthemen-Nachtausgabe sowie zahllose meist wohlwollende Berichte und Blogbeiträge.

Für Verlagsmanager ist das Modell Krautreporter deshalb fast interessanter als für Journalisten: Sie müssen nicht einen müden Euro investieren, um herauszufinden, unter welchen Voraussetzungen ein Projekt Abonnenten gewinnen kann, ohne als Gegenleistung schon ein fertiges Produkt anbieten zu müssen, und sie brauchen das Modell – wenn es denn zustande kommt – nur noch anzupassen und zu optimieren.

 

„Wir sind keine Journalistenkommune“

Sollte die Zielmarke von 15.000 Abonnenten knapp verfehlt werden, könnte auch ein „Business Angel“ aus der Branche, ein medienaffiner Risiko-Investor oder ein Internet-Unternehmer den fehlenden Betrag zuschießen. Andere Unternehmer halten sich als Hobby Fußballvereine (Red Bull Leipzig, TSG Hoffenheim), warum also nicht mal ein Online-Magazin unterstützen? Eine Fehlinvestition wäre das nicht.

Bleiben wir noch ein bisschen bei der Fußball-Analogie: Die Krautreporter könnten den Journalistentransfermarkt für Onliner grundlegend verändern. Aus einem Journalisten-Pool wie dem Krautreporter-Kader könnten künftig die Nachwuchsjournalisten für die größeren „Player“ kommen. Das war lange Zeit das Vorrecht der taz, und vielleicht hat man in der Rudi Dutschke-Straße auch deshalb so spitz auf die Krautreporter reagiert, weil man die mögliche Konkurrenz insgeheim spürte. Krautreporter ist – wie der Tagesspiegel erkannte – das zeitgemäße Gegenmodell zur inzwischen etwas angegrauten taz.

Alexander von Streit, der designierte Chefredakteur, gegenüber Lousy Pennies:

„Wir sind keine Journalistenkommune und kein Gruppenblog, in den jeder was einstellt und sein Kanäle bespielt. Es gibt redaktionelle Strukturen, eine Kernredaktion, die alle Organisationsarbeit leisten wird und aus mir und drei bis vier festen Leuten besteht. Wir werden ein Büro in Berlin haben, aber auch sehr viel virtuell per Skype und über gemeinsame Dokumente machen.

Wer entscheidet über die Inhalte?

Die Autoren werden sehr viel Freiheit haben und den Hauptinput liefern. Die Redaktion wird Feedback und Ratschläge geben. Aber es braucht eine klare Steuerung und jemanden, der entscheidet, was auf die Seite kommt – und das auch mit den Autoren ausficht. Das bin ich.“

 

Einmal pro Woche eine Bestleistung abrufen

Während sich die taz in den siebziger Jahren aus der Nischengesellschaft Westberlin und den damaligen sozialen Bewegungen (Öko, Frieden, Frauen) herausmendelte und sich – entsprechend dem eigenen Anspruch – als Genossenschaftskollektiv organisierte, entsteht das Projekt Krautreporter vor dem materiellen und geistigen Hintergrund einer durchkapitalisierten und individualisierten Selbstvermarkter- und Spieler-Welt. Als „Kollektiv neuen Typs“ erinnert Krautreporter deshalb mehr an einen ‚schlank’ gemanagten Fußballclub als an ein alternatives Medium: Ein kleines Trainer-, Manager- und Präsidiumsteam (das den Fußball liebt, aber nicht unbedingt selber spielen muss) sucht sich auf dem Spielermarkt eine geeignete Mann(!)schaft aus unterschiedlichen Spieler-Persönlichkeiten zusammen (Ausputzer, Arbeiter, Stürmerstars). Den Fans (bei der taz waren es noch Genossen) bietet man eine immaterielle Teilhabe gegen Cash. Die geistige Nähe zur Fußballwelt erklärt möglicherweise auch die (unbeabsichtigte) Männerlastigkeit des Starter-Teams.

Bezeichnend ist, dass beim Projekt Krautreporter kein inhaltliches Thema im Vordergrund steht. Man will nicht die Welt verändern, sondern das nächste Spiel gewinnen, und das heißt: Man will erfolgreich sein. Der gemeinsame Grundtenor lautet: Nie wieder zweite Liga! Jeder soll auf seiner Position ein Mal pro Woche seine Bestleistung abrufen, um den ersehnten Aufstieg zu sichern. Oder, um die Analogie zum Fußball auf die Spitze zu treiben: Jeder in dieser Mannschaft muss, „im leistungssportlichen Sinne“ bereit sein, „füreinander zu sterben“ (so Bayern-Sportdirektor Matthias Sammer vor dem DFB-Pokalfinale zu den Spielern).

Der Inhalt des Projekts Krautreporter ist also der Aufstieg. Er soll – und das ist das Bewundernswerte – aus eigener Kraft erfolgen, ohne großen Verwaltungsapparat, nur mit Hilfe der eigenen Fankurve.

 

Name-dropping

Ungeklärt ist noch, wie sich durch bloße Addition von 25 zusammentelefonierten Individualisten eine Mannschaft (eine Redaktion) bilden soll, wer im Kader die Leistungsträger sein werden und wer die Kapitänsbinde trägt. Das hängt vom Geschick des Trainerteams ab und vom Willen der „Stars“, das eigene Ego dem gemeinsamen Aufstiegsprojekt unterzuordnen. Verfolgt jeder nebenher weiter seine eigene Karriere, wird das kaum gelingen.

Print-Journalisten (denen die Eitelkeit ebenfalls nicht fremd ist, die aber die lästige Selbstvermarktung nicht so nötig haben) bemängeln am Krautreporter-Projekt vor allem dessen Zentrierung auf Spieler-Persönlichkeiten. Nicht das Gemeinschaftsprodukt würde in den Vordergrund gerückt (es gab bislang z.B. keine Probeausgabe des Magazins), im Mittelpunkt stehen allein die am Projekt beteiligten Journalisten (der Name drückt es ja aus). Das führt z.B. dazu, dass gestandene Print-Journalisten (wie Christoph Koch) beim name-dropping in den Medienmagazinen deutlich schlechter wegkommen als jene, deren Namen man „aus dem Internet“ irgendwie kennt, die aber – rein journalistisch gesehen – noch nicht allzu viel geleistet haben. Hier eine sichere Balance zu finden, wird für die Trainer-, Manager- und Präsidiumstroika nicht einfach werden, aber eine überzeugende Alternative zur Spieler-Zentriertheit ist angesichts des online-typischen Autoren-Journalismus nicht auszumachen.

Die Gefahr jedenfalls, nach den ersten Großanstrengungen nur noch eine Kolumnensammlung zu verwalten, besteht durchaus.

 

Es bildet sich ein Blogger-Markt

Durch die überraschende Dimension des Projekts – im Vergleich zu den erhofften 900.000 Euro Startkapital waren alle bisherigen Versuche, unterschiedliche Spieler-Persönlichkeiten unter einen gemeinsamen Online-Hut zu bringen, kleinere Vorübungen – könnte sich erstmals ein ernst zu nehmender Blogger-Markt mit entsprechenden Marktwerten und Ablösesummen bilden. Das spüren wohl auch die Kritiker, die jetzt nörgelnd auf der Ersatzbank sitzen oder nicht ins Team gewählt wurden (keine Sorge, es soll weitere Zukäufe geben). Doch die Fokussierung auf den Spieler- und Trainermarkt – nicht auf den Inhalt – macht das Projekt auch fragil, filterbabbelig und leicht angreifbar. Die Beteiligten werden eine hohe Frustrationstoleranz brauchen.

Vielleicht ist Krautreporter aber gerade wegen seiner Inhalts-Neutralität ein ideales Werbemittel, um den Online-Journalismus aus seiner Verbannung in die zweite Liga zu befreien und ihm mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung zu verschaffen (Konkurrenz belebt das Geschäft). Krautreporter wäre dann sozusagen die evolutionär benötigte Zwischenetappe, um die Emanzipation der Onliner überhaupt auf den Weg zu bringen. Allein durch die bloße Existenz des Modells könnte vielen boulevard-genervten Online-Journalisten in den etablierten Medien das Rückgrat gestärkt werden.

Hoffen wir, dass der FC Krautreporter die Liga gehörig aufmischt.

 

P.S. Am 13. Juni um 13:15 Uhr (also am Schlusstag des Crowdfundings!) diskutiere ich mit Krautreporter-Initiator Sebastian Esser beim Reporter-Workshop das Thema: Wie wir arbeiten, wie wir arbeiten wollen. Ort: Spiegel-Verlag Hamburg, Ericusspitze 1. 


Das E-Book und das drohende Ende der Stadtbücherei

11 Mai 2014 um 12:54 • 1 Kommentarpermalink

Öffentliche Leihbibliotheken stehen heute mit dem Buchrücken zur Wand. Kommerzielle Anbieter machen ihnen den Platz streitig. Und die Politiker verweigern den versprochenen Schutz.

 

Seit das E-Book als Geschäftsmodell (und nicht mehr als Fehlentwicklung) wahrgenommen wird, stehen die Verlage mit den öffentlichen Leihbüchereien auf Kriegsfuß. Die Verlage stellen ihre E-Books den Bibliotheken nämlich nur selten zur Verfügung, und wenn, dann verlangen sie hohe Lizenzgebühren (manchmal das Dreifache des analogen Buchpreises). Die Verlage erwarten außerdem, dass ein E-Book von den Bibliotheken genau so behandelt wird wie ein gebundenes Buch. Das heißt, sie wollen die Ausleihe von E-Books durch Bibliotheken auf – sagen wir – 26 Ausleihen pro Lizenz beschränkt wissen, und pochen darauf, dass jedes E-Book, das ausgeliehen ist, nicht zur gleichen Zeit von einem zweiten interessierten Nutzer ausgeliehen werden darf.

Diese restriktiven Maßnahmen erschweren den öffentlichen Leihbibliotheken den Erwerb und die Ausleihe von E-Books erheblich. Und deshalb gibt es einen harten Verteilungskonflikt, der mit dem Aus der öffentlichen Leihbibliotheken oder ihrer allmählichen Umwandlung in öffentliche Buch-Museen oder Bücher-Flohmärkte enden könnte.

 

Soziale Spaltung als Lösung?

Anders als gedruckte Bücher dürfen E-Books nicht ohne Genehmigung des Rechteinhabers (in der Regel des Verlags) von öffentlichen Leihbüchereien verliehen werden. Die Bibliotheken müssen für jeden Titel (bzw. für jeden Verlag) eine gesonderte Lizenzvereinbarung mit dem jeweiligen Rechteinhaber schließen.

Die Verlage können die Lizenz für den E-Book-Verleih verweigern – was viele auch tun, da sie eine Kannibalisierung ihrer digitalen Geschäftsmodelle durch die kostenlose Ausleihe befürchten. Um dennoch an neue E-Books zu kommen, verlangen die Bibliotheken seit geraumer Zeit eine Erweiterung der Schrankenregelungen im Urheberrecht. Sie fordern einen gesicherten freien Zugang für alle zu allen verfügbaren E-Books – auch ohne Zustimmung der Verlage. Die Büchereien argumentieren, es sei nun mal ihre vornehmste Aufgabe, für alle Bürger einen Zugang zu Information und Wissen bereit zu stellen und verweisen dazu auf Artikel 5 Grundgesetz. Dieser Artikel schließe „das Recht auf elektronisches Lesen“ selbstverständlich mit ein.

Die Bibliotheken wollen nicht länger für jedes E-Book bei den Verlagen betteln gehen – und sie wollen hinsichtlich der Ausleihbedingungen nicht länger absurde Restriktionen seitens der Verlage hinnehmen. Warum z.B. sollte ein E-Book Bibliotheken wesentlich teurer kommen als das gebundene Hardcover? Warum wird die Zahl der Ausleih-Vorgänge künstlich begrenzt? Warum soll ein E-Book nicht gleichzeitig an mehrere Bibliotheksbenutzer verliehen werden können?

Die Verlage argumentieren, E-Books würden sich heutzutage sowieso kaum noch als echter Download „verkaufen“ lassen; man müsse sie kommerziell vermieten, d.h. ausleihen. Dies entspreche der Mentalität der User, zu deutsch: Die Leser haben begriffen, dass ihr angeblicher Kauf gar kein Eigentum begründet. Die Nutzer wollten neue Bücher nur regelmäßig auf ihren Endgeräten zur Verfügung haben. Ein kommerzielles Verleihmodell im Stile eines digitalen Buchclubs könne aber mit der praktisch kostenlosen Leihe aus öffentlichen Bibliotheken (die für ein entliehenes Buch allenfalls 3 bis 4 Cent Bibliothekstantieme an Verwertungsgesellschaften abführen würden) nicht konkurrieren. Deshalb müsse man hier einen Modus Vivendi finden.

Am liebsten wäre den Buchverlegern folgende Lösung: Die öffentlichen Büchereien lassen sich künftig auf die Klientel der Schulkinder, Hartz IV-Empfänger, Migranten, Hausfrauen, Rentner und Niedriglöhner verpflichten, die Verlage könnten sich dann ganz auf das Leseinteresse der gebildeten Gutverdiener konzentrieren. Das würde letztlich beiden Seiten nützen: Die öffentlichen Büchereien bekämen preiswerte E-Book-Lizenzen für meist alte, ausgemusterte, nicht mehr nachgefragte Inhalte, und die kommerziellen E-Book-Verleiher könnten sich ganz den aktuellen und lukrativen Neuerscheinungen und gewissen Spezialmärkten (Fachbücher etc.) widmen.

In Amerika ist diese digital-soziale Spaltung der Gesellschaft schon weit gediehen. Die Zahl der öffentlichen Bibliotheken nimmt ab (sie war auch nie besonders groß), und neue kommerzielle Verleihmodelle treten an ihre Stelle. Auch „Flatrates“ spielen dabei eine zunehmende Rolle. Bei Oyster etwa kann man sich für monatlich knapp zehn Dollar unbegrenzt E-Books aus einem Sortiment von 100.000 Büchern ausleihen. Bei eReatah zahlt der Kunde zwischen 17 und 33 Dollar für monatlich zwei, drei oder vier Bücher-Nutzungslizenzen. Amazon bietet allen Prime-Kunden seit 2012 ein kostenloses Kindle-Buch pro Monat. Und Google scheint den Einstieg in den kommerziellen Mietmarkt gerade vorzubereiten.

In Deutschland existiert mit Skoobe eine Art „Bertelsmann-Buchclub“ in zeitgemäßer E-Book-Form. Mehrere Großverlage (u.a. Bertelsmann und Holtzbrinck) haben sich zusammengeschlossen und verleihen – entsprechend dem eReatah-Modell – für zehn bis 20 Euro im Monat drei oder fünf oder gar 15 E-Books.

 

Öffentliche Bibliotheken als Pflichtaufgabe

Diese Entwicklung könnte die öffentlichen Bibliotheken – wenn der Gesetzgeber nicht aufpasst – auf eine billige Reste-Verwertung für Arme reduzieren. Denn die Anschaffung überteuerter E-Books würden die kommunalen Stadtkämmerer wohl monieren. Der kanadische Science Fiction-Autor Cory Doctorow kritisiert schon heute, dass viele Bibliotheken gezwungen seien, überteuerte E-Books gleich im Dutzend zu kaufen, um sie – der Nachfrage entsprechend – ausleihen zu können. Zudem müssten die Bibliotheken in teure Software investieren, deren einzige ‚perverse’ Aufgabe es ist, die technischen Kopier-Möglichkeiten des Internets umständlich außer Kraft zu setzen. So würden Bibliotheken gezwungen, E-Books nach einer bestimmten Anzahl von Ausleihen zu löschen. „Das ist so, als ob man darauf besteht, dass Glühbirnen nur 0,15 Watt haben dürfen, weil eine vergleichbare Kerze auch nicht mehr schafft.“

Helfen könnte den öffentlichen Bibliotheken nur der Gesetzgeber. Aber nicht nur der Bundestag (indem er das Urheberrecht novelliert), auch die 16 deutschen Bundesländer könnten mehr für die Allgemein-Bildung tun. Denn schon seit vielen Jahren fordern die Bibliotheken eine gesetzliche Festschreibung ihres Bildungsauftrags. 2007 empfahl die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“, die öffentlichen Bibliotheken als „Pflichtaufgabe“ der Städte, Gemeinden und Landkreise zu begreifen und entsprechend gesetzlich zu verankern. Der Deutsche Bibliotheksverband beschloss daraufhin einen Musterentwurf für ein Bibliotheksgesetz. Dort heißt es in Paragraf 2:

Die Städte, Gemeinden und Landkreise unterhalten Öffentliche Bibliotheken als Pflichtaufgabe. Sie sind nach Maßgabe für jedermann zugänglich. Mit ihren geordneten und erschlossenen Sammlungen gewährleisten sie in besonderer Weise das Grundrecht auf freien Zugang zu Informationen… Alle Bürgerinnen und Bürger haben einen Anspruch auf Grundversorgung.“

Aber die Landtage können sich bislang nicht dazu durchringen. Weder in Thüringen noch in Hessen (wo es bereits Bibliotheksgesetze gibt) hielten sich die Abgeordneten an die Empfehlungen der Enquete-Kommission. Die Länder und Kommunen betrachten ihre öffentlichen Bibliotheken lieber weiterhin als freiwillige Leistungen – abhängig von Konjunkturlage und politischer Gnade. Und weil das so ist, machen gerade in strukturschwachen Gebieten immer mehr Bibliotheken dicht.

So könnte das E-Book die soziale Spaltung noch beschleunigen.


Morozov sagt…

9 Dezember 2013 um 22:08 • 0 Kommentarepermalink

Der Internet-Kritiker Evgeny Morozov wird von Netzaktivisten gern als Spielverderber gesehen. Aber kann man ihn und seine Kritik so einfach abtun? Versuch einer Gegenüberstellung.

 

Morozov sagt: Das Netz ist kapitalistisch und sonst nichts. Es ist das cleverste Instrument des entfesselten Kapitalismus. Mit ihm kann sich der böse Wolf perfekt als lammfrommes Schaf verkleiden, das nur edle Ziele verfolgt und die Welt besser machen will. Gegen diese Sichtweise wehren sich die Netzbewohner mit wütender Bockigkeit. Sie sagen: Unser Netz ist nicht kapitalistisch und es wird auch nie völlig kapitalistisch werden – sonst wären wir ja nicht drin. So lange wir aber drin sind, werden wir uns mit Händen und Füßen dagegen wehren, dass irgendein Hassprediger unser Netz als rein kapitalistisch verleumdet. Wir sind der lebende Beweis, dass das Internet offen, neutral und sympathisch sein kann. Es kommt darauf an, wer es mit welchen Absichten benutzt.

Morozov sagt: Ihr könnt so viel mit den Füßen aufstampfen, wie ihr wollt, es spielt überhaupt keine Rolle. Ihr seid nur die nützlichen Idioten, die dem Neoliberalismus die schwierige Überzeugungsarbeit erleichtern. So lange es Dumme gibt, die ernsthaft glauben, es sei ihr neutrales Netz, ihr technisches Spielzeug, können die superdicken Silicon Valley-Konzerne noch superdicker werden und ihre Profitabsichten ungehindert verfolgen. Die Netzbewohner halten dagegen, dass die Technik ohne ihre Benutzer lediglich eine leere Hülle sei – und die kapitalistische Gier vergebliche Liebesmüh’. Die User könnten jederzeit aufhören, am Netz zu hängen wie ein Junkie an der Nadel. Denn der Kunde ist König. Und Märkte sind Gespräche. Also muss der Kapitalismus die Bedürfnisse der Netzbewohner berücksichtigen. Das Ganze sei ein Geben und Nehmen – und längst nicht so einseitig, wie Morozov es in seinen Horrorgemälden darzustellen pflege.

Morozov sagt: Das kapitalistische Internet habe das Ziel, dem Einzelnen jedes eigenständige Denken zu rauben und an undurchsichtige Algorithmen zu delegieren, die den Mainstream und die erwünschten Normen definieren. Die Dauer-Überflutung mit Informationen, die eine bessere Entscheidungsfindung gewährleisten sollen, blockiere in Wahrheit die Anstrengung des Selberdenkens. Das Risiko werde ersetzt durch die Berechnung, die Verantwortung durch die Fremdbewertung. Die Netzbewohner würden ignorieren, dass die alte Maxime der Aufklärung – je mehr du weißt, desto besser – im Silicon Valley-Zeitalter unter einem Berg von Informationsmüll begraben werde. Die neue Freiheit basiere dagegen auf der Maxime: Je weniger du weißt, desto besser. Erst dann könne man aus eigener Kraft und Herrlichkeit wieder Entscheidungen treffen. Erst dann sei man frei. Auf diese John Wayne-Haltung reagieren die Netzbewohner mit Spott und Verachtung. Sie halten sich durchaus für fähig, aus einem Überangebot das für sie Brauchbare herauszufiltern. Ein Zuviel an Informationen habe noch niemandem geschadet, ein Zuwenig könne Katastrophen auslösen. Der Mensch sei nicht so manipulierbar wie der grimmige und griesgrämige Menschenfeind Morozov annehme. Morozov begehe den unentschuldbaren Fehler, alles, was in der Welt vor sich gehe, auf die Teufel aus dem Silicon Valley zu projizieren. Damit werde er zum Gefangenen seiner eigenen Wahnvorstellung. Er gebe zwar vor, das kapitalistische Internet in seiner ganzen Tiefe zu analysieren, beschreibe aber ausschließlich Oberflächen-Phänomene. Auch seine argumentative Technik sei leicht durchschaubar: Zuerst baue er einen Riesen-Popanz auf, um ihn anschließend unter wildem Geheul effektvoll zerschmettern zu können.

Morozov sagt: Oh, ihr Ahnungslosen! Ihr wisst doch nur, was euch das Netz gnädigerweise zuteilt. Ihr glaubt zu filtern, aber ihr werdet gefiltert. Ihr glaubt, ihr hättet die Joysticks in eurer Hand, aber die Joysticks manipulieren euch. Euer Freiheitsbegriff ist genau so oberflächlich und abgemagert wie eure technizistisch-neutralistische Netztheorie. Ihr betrachtet nur jenen Ausschnitt der Wirklichkeit, den euch die Scheuklappen von Google erlauben. Ihr stellt keine Zusammenhänge her, die über vorgegebene Verlinkungsstrukturen hinausgehen. Ihr dringt mit eurer Technologie-Fixierung nicht mehr zum Kern der Debatte vor: dass die digitale Technik sowohl integraler Bestandteil als auch Ausdruck des kapitalistischen Fortschritts ist. Ihr weigert euch wahrzunehmen, dass der Cyberspace nicht von der übrigen Welt zu trennen ist, ja dass er ohne diese gar nicht gedacht werden kann. Und dass er deshalb genau so kühl und unnachsichtig analysiert werden muss wie der übrige Neoliberalismus.

Gegen diese Kritik wehren sich die Netzbewohner aber nicht mit einer eigenen Analyse, nein, sie reagieren auf das sich bei der Morozov-Lektüre unweigerlich einstellende Gefühl der selbstverschuldeten Unmündigkeit rein impulsiv. Reflexhaft projizieren sie ihren Verdruss auf die Person. Sie sagen, es gehe Morozov immer nur um das eine: sich mit seinen unhaltbaren Thesen in den Vordergrund zu spielen. Dann spucken sie drei Mal verächtlich über die rechte Schulter und verfluchen den Mistkerl.

Siehe auch: Die kalifornische Ideologie und der deutsche Reflex

Crosspost


Netzpolitik: Das Ende der Kindheit

2 Oktober 2013 um 14:52 • 1 Kommentarpermalink

Im Netz hat der Ausgang der Bundestagswahl wenig Begeisterung hervorgerufen. Nun wird heftig diskutiert, warum man so wenig Einfluss hat. Die Niederlage könnte ein Weckruf sein.

 

Kurz nach der Bundestagswahl hat Michael Seemann in seinem Beitrag „Netzpolitik. Das Ende einer Ära“ die Netzpolitik in ihrer jetzigen Konzeption für tot erklärt und gefragt: „Haben wir versagt: organisatorisch, ideologisch, personell?“ Niemand, so Seemann, müsse die Netzpolitiker noch ernst nehmen, denn sie hätten es nicht geschafft, über die eigene Filterbubble hinaus in die Gesellschaft hineinzuwirken. Seemanns Klage mündet in den resignierenden (und provozierenden) Satz, der Deutsche Ruderverein habe vermutlich einen größeren Einfluss auf die Bundestagswahl gehabt als „die Netzgemeinde“.

Das mag schon sein. Und gewiss wird es auch jetzt wieder zahlreiche Kommentatoren geben, die nichts Besseres zu tun haben, als sich am unscharfen Begriff der Netzgemeinde abzuarbeiten oder auf andere Weise abzulenken. Seemanns Diagnose ändert das nicht. Auch ich habe im vergangenen Jahr auf die nachlassende Kraft der Netzbewegten und die Kurzatmigkeit vieler Protestbewegungen hingewiesen. Nach der Wahl versuchten Richard Gutjahr, Sascha Lobo, Markus Beckedahl, Gunnar Sohn, Felix Schwenzel, Patricia Cammarata und Thorsten Breustedt den tiefen Fall der Netzpolitik zu ergründen und Ursachenforschung zu betreiben. Ich werde also den Teufel tun und Seemanns grimmigen Abriss des Niedergangs für abwegig erklären. Er hat ja im Grunde Recht. Allerdings würde ich nicht vom „Ende einer Ära“ sprechen, sondern nur vom Ende einer frühen Entwicklungsphase. Der Begriff Ära verweist nämlich schon auf die fatale Neigung vieler Netzbewegter, die eigene Rolle und Bedeutung zu überschätzen.

Seemann fordert dazu auf, die Fehler der Vergangenheit kritisch zu analysieren. Er spart allerdings einen Faktor aus, der vieles, was früher gut war, heute als Irrtum erscheinen lässt: Die Ideologie des Internets, d.h. die Bewertung des Internets durch bestimmte Gruppen, hat sich 2013 entscheidend verändert.

 

Die neue Heimatlosigkeit

Niemand kann heute daran vorbeigehen, dass die negative Bewertung, die das Internet in vielen Medien und weiten Gesellschaftskreisen seit langem überreichlich erfährt, 2013 auch Teile der Netzbewegten infiziert hat. Die Stimmung drehte von Himmelhoch-jauchzend auf Zu-Tode-betrübt. Das „Paradies Internet“ wurde durch die Jagd auf WikiLeaks, die Übermacht der amerikanischen Internetgiganten und die Enthüllungen Edward Snowdens zur „Hölle der Verfolgung und Überwachung“ uminterpretiert (siehe Evgeny Morozov). Diese totale Umwertung hat den Netzbewegten ein bis dato unbekanntes Gefühl beschert: das Gefühl der Heimatlosigkeit. Wo früher fast zärtlich von „Netzbewohnern“ gesprochen wurde, zeigt sich nun kalte Obdachlosigkeit. Zum unbekannten CDU-Wähler gesellt sich das fremd gewordene Netz. Schon deshalb kann die „naive“ Netzpolitik der Nuller-Jahre nicht mit dem desillusionierten Zustand von heute verglichen werden.

 

Falsche Bündnis-Partner

Viele Medien haben den Negativ-Kurs gegenüber „dem Internet“ mit ganzer Kraft unterstützt. Hier konnten sie ihre langjährigen direkten Konkurrenten Google, Facebook, Apple usw. empfindlich treffen und politisch korrekt dämonisieren. Die Netzbewegten und die von den Netzbewegten lange Zeit in Grund und Boden kritisierten „Alt-Medien“ befanden sich 2013 plötzlich auf derselben Seite. Brüderlich teilte man jedes Salamischeibchen der Snowdenschen Enthüllungen. Doch am Ende waren die Netzbewegten von der Informationspolitik der „Alt-Medien“ abhängig und politisch kastriert. Denn trotz ihres Enthüllungs-Furors blieben die klassischen Medien lammfromm. Von vierter Gewalt keine Spur. Kein Chefredakteur forderte ein Amtsenthebungsverfahren gegen Angela Merkel wegen Verletzung ihres Amtseids. Kein Chefredakteur rief zur Umzingelung der Parteizentralen auf. Jakob Augsteins Streitschrift „Sabotage“, das einzige Wutbürgerbuch eines amtierenden Chefredakteurs, das gezielt über herkömmliche Protestformen hinausdachte, wurde von den Leitmedien als verunglückte Bohème-Phantasie eines reichen Spinners verrissen.

Auch Thorsten Breustedt weist auf den Umstand hin, dass sich die Netzpolitik von den Medien gefangen nehmen ließ; dass sich die Netzbewegten lieber an deren Beliebtheits-Ranking orientierten als eine eigene Plattform aufzubauen. Dadurch war man den Konjunkturschwankungen der Medien auf Gedeih und Verderb ausgeliefert; man konnte ihnen keinen unabhängigen Diskurs entgegensetzen. Aufgrund ihrer Medienfixierung kam den Netzbewegten auch nie der leiseste Gedanke, sich mit ihrer Thematik an die Kirchen und Gewerkschaften zu wenden. Die Klasse der Kreativen hatte man ja im Zuge falscher Frontstellungen (Urheberrecht!) bereits vergrault.

 

Weiterwursteln ersetzt keine fundierte Theorie

Die historischen Subjekte der Netzpolitik, die sich in den letzten Jahren herausgebildet haben, die Piratenpartei, verschiedene Pressure Groups wie die Digitale Gesellschaft und andere NGOs, Beratungsorganisationen wie der CCC, die Enquete-Expertokratie und einige Partei-Arbeitskreise, politische Blogger und Whistleblower unterlagen fast alle dieser Medien- und Talkshow-Abhängigkeit.

Nun könnte man einwenden, in der Früh-Phase der Aufklärung über netzpolitische Themen sei das die einzig richtige Strategie gewesen. Aber diese Medien-Orientierung förderte leider nur das oberflächliche Lanz’sche „Herumlabern“ und hinderte die Protagonisten an der Ausbildung einer tragfähigen und diskussionswürdigen „Theorie des digitalen Kapitalismus“. Diese Theorie – die sich mit den Folgen der digitalen Revolution und der Rolle, die die historischen Subjekte in ihr spielen können, auseinandersetzen müsste (Frank Schirrmacher hat dies kürzlich angemahnt, SPD-Vordenker Peter Glotz hatte schon 1999 darauf hingewiesen) – darf freilich nicht verwechselt werden mit der Ideologie des pragmatischen Weiterwurstelns, in die sich viele Netzbewegte zurückgezogen haben.

 

Dröge Expertokratie

Dieses „Weiter so“, das die Kritiker der Regierung oft und gerne vorwerfen, betreiben die Netzpolitiker nämlich selbst – ohne dass es ihnen bewusst zu werden scheint. Bereits wenige Tage nach der Bundestagswahl gaben zwei Netz-Kenner von Spiegel Online die neue alte Marschrichtung vor und listeten auf, welche netzpolitischen Themen jetzt auf der Tagesordnung stünden. Sie nannten die Aufarbeitung des NSA-Skandals, die Vorratsdatenspeicherung, den Breitbandausbau und die Netzneutralität. Markus Beckedahl fügte noch die Ausarbeitung einer Europäischen Datenschutzgrundverordnung hinzu. Drei dieser Themen – Vorratsdatenspeicherung, Netzneutralität und Datenschutzrichtlinie – werden nicht in Berlin, sondern in Brüssel entschieden. Doch das Problem ist gar nicht so sehr der Ort, auf den sich die Netzbewegten konzentrieren sollten – viel entscheidender ist die Frage, ob das bevorzugte Mittel der Wahl, die expertokratische Lobbyarbeit, wirklich die richtige Strategie für eine junge Bewegung ist.

Gerade bei den so genannten Sachthemen wäre eine Änderung der Strategie dringend erforderlich. Denn der typisch deutsche Hang zur Expertokratie führt schnurstracks in die nächste Filter-Bubble. Egal, ob man nun lang und breit über Kontrollverlust doziert oder über europäische Datenschutzgrundverordnungsrichtlinien, man bleibt auf der technizistischen Sprach-Ebene eines Telekom-Ingenieurs oder eines EU-finanzierten Projektleiters in irgendeinem universitären Post-Media-Lab. Auch im Mund von Digital Natives klingen Netzneutralität und Breitbandausbau nicht betörender als kommunale Regenwasserkanalerneuerung oder Festnetzanschluss. Bei vielen „Sachthemen“ wird heute die Chance vertan, eine verständliche, nicht-elitäre Sprache zu entwickeln. Denn der von Felix Schwenzel zum Kronzeugen einer „Mir doch egal“-Haltung erhobene Rhön-Bauer wird von der Digitalisierung genauso erfasst werden wie der piratige Altbaunerd in Berlin-Friedrichshain. Für beide geht es um „Gleiches Recht für alle“, um „Schutz der Privatsphäre“, um den freien Zugang zu alten Apfelsorten. Um Themen, die auch Digital Immigrants verstehen. Das bedeutet, dass die Netzbewegten das sie umhüllende „Netz“ endlich ablegen müssen wie ein schlüpfendes Küken seine Eierschalen.

 

Politik als Beruf

Der Eintritt in die realen Welten der Rhönbauern und der unbekannten CDU-Wählerinnen bedeutet allerdings auch, dass man sich bewusst für oder gegen das Politikmachen entscheiden muss. Vielen Netzbewegten fehlt bislang das Zeug zum political animal. Sie sind eher Medienmenschen als Politiker, eher Gäste als Gestalter von Politik. Man kann sich natürlich weiter über die Philipp Mißfelders und Asgar Hevelings begöschen, aber als politische Netzwerker sind diese allemal ausgefuchster als Piraten, Blogger und digitale Pressesprecher.

Dass eine Marina Weisband mitten im Höhenflug ihrer Piratenpartei aussteigt und lieber Tweets aus ihrem Poesiealbum verschickt; dass ein Sascha Lobo lieber Kolumnen bei Spiegel Online verfasst als sich an die Spitze der Bewegung zu stellen; dass die CCC-Sprecher lieber Unternehmen beraten oder FAZ-Artikel verfassen als Politik zu gestalten – das kann man ihnen nicht vorwerfen, das muss letztlich jeder für sich selbst entscheiden. Wenn sich die Besten (die Sympathieträger!) absentieren oder in behaglichere Nischen zurückziehen, kommen eben Leute an die Spitze, die es nicht so gut können. Dann muss man sich mit politischer Einflusslosigkeit bescheiden.

Doch zur Ehrenrettung der schwankenden Ich-weiß-nicht-so-recht-ob-ich-Politiker-sein-soll-Generation sollte auch daran erinnert werden, dass die digitale Revolution für die meisten Menschen in der Bundesrepublik noch immer Neuland ist. Auch die erste industrielle Revolution (beginnend um 1840 mit dem Eisenbahnbau = analoges Breitband) brauchte zwei, drei Jahrzehnte, um (ab 1860) große Parteien hervorzubringen, die diese Umwälzung gestalten wollten.

Alles, was heute unter Netzpolitik läuft, ist deshalb nur Vorläufertum, Frühform, Avantgarde. Auch die Piratenpartei ist nur eine Episode, ein Vorprogramm für größere politische Organisationen. Selbst wenn sie sich auflösen würde, wäre das keine politische Katastrophe. Im Gegenteil: als Versuch und Experimentierfeld ist sie so wertvoll wie ein kleines Steak. Denn erst wenn die digitale Revolution die deutsche Gesellschaft mental wie ökonomisch durchdrungen hat, wird Netzpolitik wirklich Einfluss gewinnen.

Im Vorteil ist, wer sich frühzeitig damit auseinandersetzt.


Ein Rettungsschirm für Suhrkamp

29 Mai 2013 um 17:40 • 0 Kommentarepermalink

Aufmacher, Leitartikel und Titelfoto kamen bei SZ und FAZ am vergangenen Dienstag direkt aus dem Feuilleton. Das ist extrem selten. Aber schließlich geht es um Suhrkamp, „Deutschlands berühmtesten Verlag“.

 

Dass sich die Unterschiede zwischen digitaler und analoger Medienwelt verwischen, wird zwar hin und wieder behauptet, ist aber ein Gerücht. Denn leider (oder Gottseidank) ist es so, dass sich die digitale Kultur mehr für das neueste Smartphone-Gadget von Apple interessiert, während die analoge Kultur mit Inbrunst ihren Suhrkamp-Tick pflegt.

Die riesige Aufmerksamkeit für den bei Suhrkamp stattfindenden, nicht ganz loriot-freien Machtkampf zwischen den Geschlechtern tangiert insbesondere die Jugendleseerfahrungen einer ganzen Generation leitender Redakteure, die noch immer berauscht sind von den intensiven Regenbogenfarben der edition suhrkamp. Und die Enkel dieser Redakteure werden sich wohl eher über die seltsam antiquierten Wischbewegungen ihrer Eltern auf irgendwelchen gläsernen Displays beömmeln und Suhrcamp für ein historisch interessantes Treffen von Netzbegeisterten halten.

 

Die Suhrkampkultur(kampfgeschichte)

Suhrkamp ist nun mal das intellektuelle Woodstock der 68er; als jener legendäre Verlag von Jimi Hendrix (Bertolt Brecht) und Janis Joplin (Jürgen Habermas) die Sounds von „Star Spangled Banner“ und „Mercedes Benz“ miteinander verband. Oh Lord would you buy me… Vor allem deshalb leiden die Älteren seit Jahren ganz furchtbar unter dem Streit jener Gesellschafter, die das geistige und materielle Erbe des großen Siegfried Unseld zu verschleudern trachten.

Die Story, die uns erzählt wird, geht ungefähr so: Da gibt es auf der einen Seite die böse Witwe, die einen Teil des erwirtschafteten Geldes in die repräsentative Ausstattung einer Berliner Villa steckte, um ihren Autoren das Lebensgefühl zu vermitteln, auf einem gewissen Level begehrt zu sein. Und da gibt es auf der anderen Seite den bösen Bildhauer-Enkel, der die Witwe aus ihrem Haus werfen will, weil sie das Geld hinter seinem Rücken zum Fenster hinauswirft und die Auszahlung von Gewinnen hintertreibt.

Beide Lesarten haben etwas für und etwas gegen sich, weshalb man sich nun in den Qualitätsmedien dazu entschlossen hat, ein geistig-kulturelles Schutzschirmverfahren aus Feuilletonbeiträgen für Suhrkamp zu eröffnen. Man will den traditionsreichen Verlag vor seinen Eigentümern retten – und eventuell einen neutralen Dritten als weißen Ritter präsentieren.

 

(K)ein ganz normaler Gesellschafterkonflikt

Worum geht’s? Zum einen geht es um die Ausschüttung von Gewinnen an die Gesellschafter. Der Verkauf der Frankfurter Liegenschaften hat dem Verlag im Jahr 2010 einen außerordentlichen Gewinn beschert. Hans Barlach möchte seinen Gewinnanteil (2,2 Millionen) ausbezahlt bekommen. So sieht es auch die Abmachung vor. Das Frankfurter Landgericht hat Barlach am 20. März Recht gegeben.

Zum anderen geht es um Ausgaben. Ulla Unseld-Berkéwicz, die Mehrheitsgesellschafterin, die auch gleichzeitig Geschäftsführerin des Verlages ist, hatte den Umzug von Frankfurt nach Berlin vorangetrieben. Verlagsgelder flossen dabei auch in die Ausstattung einer Berliner Villa, die Frau Berkéwicz privat bewohnt, aber in Teilen an den Verlag vermietet. Die Kosten dafür sind beträchtlich. Das Gericht errechnete eine Gesamtsumme von 561.000 €. Aber der eigentliche Knackpunkt ist wohl der, dass die Mehrheitsgesellschafterin diese Maßnahmen ohne Zustimmung des Minderheitsgesellschafters veranlasst hat. Barlach fühlte sich übergangen und wollte die Geschäftsführerin deshalb hinausschmeißen. Auch in diesem Konflikt, in dem es um die Pflichten von Geschäftsführern geht, hat Barlach am 10. Dezember 2012 in erster Instanz vor dem Berliner Landgericht Recht bekommen.

In beiden Fällen soll aber noch weiter geklagt werden. Eine Einigung ist nicht in Sicht.

Also kann den Verlag eigentlich nur ein weißer Ritter befrieden. Ein Großverlag könnte einsteigen und sich Suhrkamp als Trophäe in seine Kunst-Vitrine stellen. Ein Mäzen könnte Geld geben. Wobei das Misstrauen auf allen Seiten groß ist, dass es sich bei dem angekündigten weißen Ritter um einen Strohmann der einen oder der anderen Seite handelt. Umgekehrt könnten die Gesellschafter ihrerseits als Strohmänner für einen noch unbekannten Investor fungieren, der bereits im Hintergrund auf seine Chance wartet. Es wird viel gemunkelt.

 

Alles hat seine Zeit – nur Suhrkamp nicht

Nur eine Frage stellt man sich in den Feuilletons aufgrund der vorhandenen Sentimentalitäten („Das linke Herz der alten Bundesrepublik“) nicht: Ob wir den Suhrkamp-Verlag überhaupt noch brauchen. Systemrelevant ist er jedenfalls nicht. Sein Wert wird auf 20 Millionen Euro geschätzt. Einen Großteil seiner Gewinne verdankt er der legendären Backlist, die an deutschen Gymnasien weiter hoch im Kurs steht. Doch die Urheberrechts-Schutzfristen für die Werke Bertolt Brechts und Hermann Hesses laufen in 13 bzw. 19 Jahren aus.

Der Suhrkamp Verlag wurde in der Nachkriegszeit gegründet und hat in den sechziger und siebziger Jahren die intellektuellen Debatten geprägt. Mit der Bibliothek Suhrkamp, der Theaterreihe Spectaculum, der edition suhrkamp, dem Kursbuch und den suhrkamp taschenbüchern (wissenschaft) hat er Pionierarbeit geleistet. Aber jedes Medienunternehmen hat seine Zeit. Auch für Buchverlage gibt es keine Ewigkeitsgarantie.

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Die gedrosselte Gesellschaft

6 Mai 2013 um 21:45 • 1 Kommentarpermalink

Seit die Telekom beschlossen hat, ihre Internet-Flatrate durch Volumentarife zu ersetzen, wird heftig gerechnet: Wie viel YouTube-Filme darf ich mir ansehen, bis die 75 Gigabyte voll sind? Darf ich mehr als eine Stunde skypen pro Woche? Sollte ich meinen App-Konsum zügeln? 

 

„Liebe Telekom, Sie erhalten die Zahlung meiner Rechnungen ab jetzt mit reduzierter Geschwindigkeit, da die Volumengrenze meines Kontos erreicht ist.“ Mit derart sarkastischen Bemerkungen muss sich Europas größter Telekommunikationskonzern (Spottname: „Drosselkom“) zur Zeit herumschlagen, weil er die Ladegeschwindigkeit von Filmen, Apps und Musik ab einem bestimmten Nutzungsvolumen drosseln will. Ganze Heerscharen von Spott-Drosseln umflattern den Konzern mit parodistischen Videofilmen, Karikaturen und Werbesprüchen.

Ausgelöst hat den kreativen Schub eine lapidare Mitteilung der Telekom vom 22. April. Darin heißt es, man müsse die Tarifstruktur „angesichts des rasanten Datenwachstums“ bis zum Jahr 2016 leider ein wenig „umstellen“. Die bisherige DSL-Flatrate werde durch unterschiedlich große Volumenpakete ersetzt. Erreicht ein Kunde vor Ablauf des Monats die gebuchte Datenmenge, werde die Bandbreite seines Anschlusses „auf 384 Kbit/s reduziert“. Das reicht dann noch zum Verschicken von E-Mails, aber nicht mehr zum Abruf von Filmen oder Online-Spielen. Wer mehr Volumen benötigt, kann aber jederzeit gegen Aufpreis ein Ergänzungs-Paket buchen. Auch Webportale, die ihren Kunden die Drosselung des Internets ersparen wollen (und sich damit einen Wettbewerbsvorteil verschaffen), können durch gesonderte Verträge mit der Telekom nutzungsunabhängige Qualitäts-Zugänge erwerben.

 

Als würde man wieder Lebensmittel rationieren

Der „Drossel-Plan“ der Telekom klingt auf den ersten Blick ziemlich einleuchtend. Wer die Netze stärker nutzt als andere, soll mehr bezahlen. Wer andauernd Filme herunterlädt, ständig über Skype telefoniert oder ganze Musikbibliotheken aus dem Netz saugt, soll durch gestaffelte Mautstellen hin und wieder daran erinnert werden, dass die Bereitstellung, der Ausbau und die Pflege der Leitungskapazitäten viel Geld kostet. Es geht der Telekom nach eigener Auskunft also vor allem um eine Disziplinierung jener „Extremnutzer“, die sich auf Filmportalen, Porno- oder Spiele-Seiten herumtreiben. Gebremst würden von der Umstellung auf Volumentarife nur drei Prozent der Kunden, die übrigen 97 Prozent nutzten noch nicht einmal ein Fünftel der kleinsten in Zukunft vorgesehenen Datenmenge von 75 Gigabyte pro Monat. Das transportierte Datenvolumen pro Breitbandanschluss liege derzeit bei durchschnittlich 15 Gigabyte.

Trotz der großzügigen Bemessung löste das Vorhaben der Telekom eine Wutwelle aus, die nicht so schnell wieder verebben wird. Denn der Drossel-Plan mutet an wie ein Rückfall in graue Internet-Vorzeiten. Auf eine moderne digitale Gesellschaft wirkt er wie eine nordkoreanische Notverordnung aus Brotpreis-Erhöhung und Lebensmittelrationierung. Da sind digitale Hungerrevolten vorprogrammiert. Allein die Aussicht auf eine Beschneidung des Zugangs zur Online-Welt – mithin die Einschränkung der persönlichen Bewegungsfreiheit – rührt an unser Verständnis von Grundrechten und elementaren Bedürfnissen.

Das Internet ist zu einem Grundnahrungsmittel geworden, und der Zugang zu ihm ein Grundrecht. Die segensreiche Einführung der Flatrates war nicht nur die Befreiung vom laufenden Gebührenzähler, sie bedeutete auch die Anerkennung der Kommunikation als menschliches Grundbedürfnis jenseits ökonomischer Verwertbarkeit. Niemand würde einem Autofahrer sagen, man werde ihm nach 1000 gefahrenen Kilometern die Luft aus den Reifen lassen oder den Tankdeckel verplomben. Niemand weist Kranke ab, weil sie im laufenden Monat schon fünf Mal beim Arzt gewesen sind. Und niemand begrenzt den Fernsehkonsum der Gebührenzahler auf 30 Talkshows im Monat – obwohl hier eine Drosselung sicher gesünder wäre.

 

Ihr müsst den Breitbandgürtel enger schnallen!

Es ist aber nicht nur die Bevormundung, die den Menschen so sauer aufstößt; dass eine Firma erwachsenen Menschen vorschreiben will, wann sie ihren Breitbandgürtel enger schnallen müssen! Die anmaßende Oberlehrerhaltung wird noch übertroffen durch die Chuzpe, mit der ein privates Unternehmen sich das Recht herausnimmt, die freie Entwicklung einer ganzen Gesellschaft zu behindern. Man erdrosselt die Entfaltungsmöglichkeiten einer Volkswirtschaft durch ein engstirniges betriebswirtschaftliches Konzept: Weil die Telekom den angeblich drohenden Engpass bei der Datendurchleitung zur Einführung von Preiserhöhungen nutzen will, soll aus dem Internet eine Klassengesellschaft werden. Weil der Festnetz-Umsatz stagniert, und weil man sich 2001 mit dem milliardenschweren Zukauf von T-Mobile USA gnadenlos verspekuliert hat, möchte man die Versäumnisse und Fehlentscheidungen des Konzerns nun dadurch kompensieren, dass man das Grundrecht auf Informationszugang in unterschiedlich große Portionen zerlegt: Mehr und besseres Grundrecht für die, die mehr bezahlen können.

Dieser rückwärtsgewandte “Vorstoß“ der Telekom zeigt, dass eine unverzichtbare Infrastruktur wie das Internet – ähnlich dem Verkehrswegenetz – nicht in der Hand einer privaten Firma liegen darf. Wer die Interessen der Shareholder im Blick hat, kann sich nicht mit aller Kraft um die Bereitstellung einer flächendeckenden Chancengleichheit kümmern. Der freie, gleiche, nicht mit Auflagen versehene Zugang zum Internet ist heute Bestandteil der Daseinsvorsorge. Und die sollte man dem Wettbewerb ein Stück weit entziehen.

 

Eine Kurzversion dieses Beitrags ist am 2. Mai im Freitag erschienen.


Die unterschwellige Botschaft der Printmedien: Hört auf, uns zu lesen!

29 November 2012 um 13:53 • 0 Kommentarepermalink

Auf langen Zugfahrten lese ich gern in abgehangenen SPIEGEL-Exemplaren. In der Petraeus-Ausgabe vom 19. November sind mir besonders die Anzeigen aufgefallen. Es gibt in ihnen nur einen einzigen Leser von Gedrucktem zu sehen. Einen Bundeswehr-Soldaten.

 

Von den knapp 59 Seiten Anzeigen in diesem 176 Seiten starken Spiegel-Heft („Die Petraeus-Affäre“, Nr.47/2012) sind über 14 Seiten allein mit Eigenwerbung für Spiegel-Produkte belegt (so viel zur Anzeigenkrise!). Natürlich gibt es auch Werbung für Uhren (für sehr viel Uhren!), für Autos, Reisen, Wein und Versicherungen, aber die Mehrheit der Anzeigen im Spiegel wirbt kurioserweise für… andere Medien (so viel zum selbstreferentiellen System).

In den Anzeigen des untersuchten Spiegel-Heftes sind insgesamt 17 iPads, 8 Smart- oder iPhones und 5 Laptops zu sehen – ohne dass die Firma Apple auch nur eine einzige Werbung dafür schalten musste (so viel zum Ärger über die böse “Gratis-Mentalität“).

Blättern wir das Heft einmal durch:

Seite 4: Eine ganze Seite für das Internet-Kaufhaus MeinPaket.de. Zu sehen sind in einer Einkaufstüte: ein Verstärker, ein Lautsprecher, ein Controller für eine Spielekonsole, ein Monitor. Um die Tüte herum gruppieren sich vier junge Männer mit: a) einem Tablet b) einer TV-Fernbedienung c) Kopfhörern und d) einem Controller für eine Spielekonsole.

Seite 9: Eine ganze Seite Werbung für die Commerzbank. Zu sehen: eine Joggerin mit Smartphone-Kopfhörern in den Ohren.

Seite 23: EIGENWERBUNG. Eine Drittel-Seite für die digitale iPad/iPhone-Ausgabe des Spiegel. Zu sehen: ein iPad.

Seite 33: Werbung für Turkish Airlines. Zu sehen: Passagiere mit einem iPad, einer TV-Fernbedienung, einem Controller für eine Spielekonsole.

Seite 34: Zweidrittel-Seite Werbung für das neue iPad mit Retina Display. Zu sehen: zwei iPads.

Seite 41: EIGENWERBUNG für den Kinder-Spiegel.

Seite 47-51: EIGENWERBUNG für das neue Wissensmagazin „New Scientist“. Auf der Seite mit dem Bestellcoupon blicken 4 Kinder neugierig in einen Laptop. Thema: Online-Unterricht.

Seite 61: TA Triumph-Adler. Zu sehen sind Kopiergeräte und ein iPhone.

Seite 75: Werbung für die ZDF-Sendung „Der neue deutsche Bildungstest“ mit Jörg Pilawa.

Seite 79: Eine ganze Seite für das Nokia Smartphone Lumia 920.

Seite 89: Eine ganze Seite für den neuen Bang & Olufsen-Fernsehapparat Beovision 11.

Seite 103: EIGENWERBUNG für den Kultur-Spiegel. Auf einer Drittel-Seite wird die neue hochkarätige DVD-Serie Rockpalast vorgestellt.

Seite 109: Ganzseitige Werbung für das neue Windows Smartphone von htc.

Seite 111: Ganze Seite für SAP.

Seite 112: Eine Drittel-Seite Werbung für eine Radiosendung von NDR Kultur.

Seite 113: EIGENWERBUNG für den Karriere-Spiegel im Hörsaal.

Seite 116-117: Eine Doppelseite der Telekom. Zu sehen sind zwei junge Frauen mit einem iPad, auf dem wiederum die Onlineausgabe der „Welt“ zu sehen ist.

Seite 125: EIGENWERBUNG für den Kultur-Spiegel. Vorgestellt werden auf einer Drittelseite die großen Kinomomente auf DVD.

Seite 126-127: Doppelseite Spiegel-EIGENWERBUNG mit Aboprämien, darunter das iPad 4 und das iPad mini.

Seite 133: Zweidrittel-Seite EIGENWERBUNG für das Spiegel-Buch „Billionenpoker“.

Seite 137: Ganze Seite für IBM IT-Lösungen.

Seite 145: Ganze Seite für das Dell Ultrabook (Laptop).

Seite 151: EIGENWERBUNG. Eine Seite für das Manager Magazin und seine Digital-Ausgabe. Zu sehen: ein iPad.

Seite 153: Ganze Seite EIGENWERBUNG für das Spiegel-Kurzabo. Unter den Werbegeschenken nichts Gedrucktes.

Seite 154: Eine Drittelseite EIGENWERBUNG für den Harvard Business Manager und seine digitale Ausgabe. Zu sehen: ein iPad.

Seite 155: Ganze Seite Werbung für die digitale Ausgabe der Süddeutschen Zeitung, abgebildet sind ein Laptop und ein iPad.

Seite 156: Ganze Seite für die Ausgabe der „Welt“. Zu sehen ist ein „Leser“, der einen Laptop in der Hand hält.

Seite 161: Ganze Seite für das Handelsblatt.

Seite 162: Ganze Seite für die ARD-Themenwoche.

Seite 167: Eine ganze Seite EIGENWERBUNG für das Spiegel-Studentenabo. Unter den Werbegeschenken wieder nix zu lesen.

Seite 170: Eine Drittel-Seite EIGENWERBUNG für das Spiegel-Streitgespräch mit Hinweis auf den Livestream.

Seite 171: Eine ganze Seite für die digitale Ausgabe der FAZ. Zu sehen sind zwei iPads und ein iPhone.

Spiegel-Rückseite 176: Werbung für 1&1-DSL Internet- und Telefon-Flatrate.

Zur Ehrenrettung des Lesens muss man konstatieren, dass auf Seite 10 ein Mann ein geschlossenes Buch in der Hand hält und auf Seite 33 eine Frau eine Zeitschrift auf ihrem Schoß liegen hat (ohne allerdings darin zu lesen). Auf Seite 112 kann man einen Stapel Bücher an einem menschenleeren Strand liegen sehen (Strandgut?) und auf den Seiten 131 und 133 wird für zwei Bücher geworben. Die eigentliche Überraschung findet sich aber auf Seite 119: Dort studiert ein Bundeswehrsoldat in Uniform in einer Bibliothek intensiv in einem Buch! Er ist der einzige Leser von Gedrucktem in der gesamten Werbung des Heftes. Und auch bei den Werbegeschenken für Spiegel-Produkte gibt es nichts Gedrucktes – nur Kaffeebecher, Taschen, Uhren, Fahrradschlösser oder Glaswaagen.

Ich denke, die Printmedien sind schon weiter als sie es selber ahnen. Sie haben sich aufgegeben.

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Wie George Soros Deutschland zu einem politischen Kurswechsel zwingen will

12 September 2012 um 12:27 • 1 Kommentarpermalink

Der US-Investor und neue Weltpolitiker George Soros rät den Deutschen in einem Spiegel-Essay, sie sollten die Führung Europas übernehmen. Damit das auch wirklich geschieht, schlägt er den Franzosen ein riskantes Manöver vor.  

 

Vielleicht tun sich Ökonomen ja etwas leichter mit geopolitischen Überlegungen. Denn die Fettnäpfchen, in die sie dabei treten, machen ihnen nicht so viel aus. George Soros, der berühmte US-Investor, der das Image des Zockers durch seine vielfältigen Bemühungen um die Demokratisierung Osteuropas vergessen machen konnte, hat den Deutschen jetzt (ausgerechnet in Berlin!) vorgeschlagen, künftig als „wohlwollender Hegemon“ Europas aufzutreten, quasi als großzügiger und großmütiger Papa Schland.

Da wird mancher im Berliner Palais am Festungsgraben – wegen der schon etwas älteren deutschen Hegemonieversuche – nervös gehüstelt oder mitleidig geschmunzelt haben (in Joschka Fischers Gesicht meinte ich so etwas wahrzunehmen).

Soros’ Vorschlag ist (auf den ersten Blick) clever und trickreich über Bande gespielt. Er will, dass der von Deutschlands Politik geschundene „latin-block“ – also die Südstaaten Italien und Spanien unter Führung Frankreichs – Deutschland so unter Druck setzt, dass Angela Merkel ihre für ganz Europa schädliche Austeritäts-Politik ändern muss.

Die Südstaaten sollen den Deutschen klarmachen, dass sie ohne Deutschland viel besser mit dem Euro zurechtkämen als mit Deutschland – was Soros dann im Einzelnen belegt. Umgekehrt hätte Deutschland durch einen „Austritt“ aus dem Euro ein echtes Problem:

Der gemeinsame Markt würde überleben, aber die relative Position Deutschlands und anderer Gläubigerstaaten, die den Euro möglicherweise verlassen, würde sich von der Gewinner- auf die Verliererseite verschieben. Diese Länder bekämen es auf ihren Heimmärkten mit harter Konkurrenz aus der Euro-Zone zu tun und obwohl sie vielleicht ihre Exportmärkte nicht verlieren würden, wären diese weniger lukrativ.“

Damit kommt Soros zur entscheidenden Frage seines geopolitischen Sandkastenspiels: Wie könnte man Deutschland möglichst glaubwürdig mit Isolation innerhalb Europas drohen? Vor allem: Wer wäre überhaupt in der Lage dazu? O-Ton Soros:

„Druck von außen könnte dies bewerkstelligen. Mit Francois Hollande als neuem Präsidenten ist Frankreich offenkundiger Kandidat als Verfechter einer alternativen Politik für Europa. Durch die Bildung einer gemeinsamen Front mit Italien und Spanien könnte Frankreich ein wirtschaftlich glaubwürdiges und politisch ansprechendes Programm vorlegen, um damit den gemeinsamen Markt zu retten und die Europäische Union als idealistische Vision wieder erstehen zu lassen, die die Vorstellungskraft der Menschen beflügelt. Die gemeinsame Front könnte Deutschland vor die Wahl stellen: führen oder austreten. Das Ziel wäre nicht, Deutschland auszuschließen, sondern seine politische Haltung radikal zu ändern.“

Leider, so Soros, sei Frankreich in einer ziemlich unangenehmen Situation. Denn es profitiere sehr stark vom Tandem mit Deutschland:

„Der relativ geringe Risikoaufschlag, den französische Staatsanleihen gegenwärtig aufweisen, ist fast ausschließlich dem Umstand der engen Verbindung Frankreichs mit Deutschland zu verdanken.“

Andererseits würden „die Märkte“ Frankreich äußerst misstrauisch beäugen:

„Die Vorteile, mit Deutschland in einem Boot zu sitzen, wenn sich in Europa eine ausgedehnte Depression breitmacht, dürften zugegebenermaßen trügerisch sein. Da die Bruchlinie zwischen Deutschland und Frankreich deutlicher hervortritt, dürften die Finanzmärkte Frankreich ungeachtet, ob es Deutschland treu bleibt oder nicht, einer Kategorie mit Italien und Spanien zuordnen. Die tatsächliche Wahl Frankreichs besteht also einerseits in einem Bruch mit Deutschland, um Europa zu retten und das Wachstum wiederherzustellen, oder, andererseits, vorzugeben, für eine begrenzte Zeit im Hartwährungsboot zu sitzen, nur um später über Bord geworfen zu werden. Sich auf die Seite der Schuldnerländer zu schlagen und sich der Sparpolitik entgegenzustellen, würde es Frankreich ermöglichen, seine Führungsrolle wieder einzunehmen, die es unter der Präsidentschaft Mitterands innehatte. Das wäre eine würdigere Position als die eines Beifahrers neben Deutschland. Dennoch würde es von Frankreich großen Mut erfordern, sich kurzfristig von Deutschland abzukoppeln.“

Aufgrund der ökonomischen Zwickmühle, in der sich Frankreich befindet, glaubt Soros nicht, dass die Regierungen Frankreichs, Italiens und Spaniens den Mumm aufbrächten, dieses gefährliche Spiel zu spielen. Schon gar nicht bei den europäischen Gipfeltreffen. Deshalb setzt Soros auf eine zivilgesellschaftliche Bewegung, im Grunde auf eine Revolte, die auf ein europäisches OccupyBerlin hinausliefe. Soros, der alte Fuchs, würde diesmal nicht gegen die Bank von England wetten, sondern gegen die deutsche Regierung.

„Die europäische Zivilgesellschaft, die Wirtschaft und die breitere Öffentlichkeit müssen mobilisieren und sich engagieren… In Deutschland träfe eine derartige Bewegung auf wohlwollende Reaktionen, denn die große Mehrheit im Land ist immer noch pro-europäisch eingestellt, steht aber unter dem Bann falscher fiskalischer und geldpolitischer Lehren…

Nur ein Schock würde Deutschland aus seinen vorgefassten Meinungen reißen und es zwingen, sich mit den Folgen seiner aktuellen Politik auseinanderzusetzen. Das könnte eine Bewegung, die eine brauchbare Alternative zur deutschen Vorherrschaft bietet, erreichen. Kurzum, die aktuelle Situation präsentiert sich wie ein Alptraum, dem man nur entrinnen kann, indem man Deutschland wachrüttelt und ihm die Irrtümer seiner gegenwärtigen Politik bewusst macht. Wir können hoffen, dass sich Deutschland, vor die Wahl gestellt, dafür entscheidet, wohlwollend zu führen, anstatt andernfalls Verluste zu erleiden.“

Das ist ein äußerst riskantes Spiel. Soros beweist mit seinem Vorschlag, dass er noch immer der coole Hasardeur ist, der er schon beim Abzocken der Bank von England war. Doch ökonomistische Spieltheorien können in der Politik leicht ins Auge gehen. Denn Soros’ Wunsch, Deutschland solle der „wohlwollende Hegemon“ Europas werden, könnte ebensogut schlafende Hunde wecken und nationale Vorurteile auf allen Seiten beflügeln. Würden die deutschen Eliten erst einmal spüren, dass sie von „feindlichen Südstaatlern“ umzingelt sind, die ein „niederträchtiges“ Anti-Deutschland-Spiel spielen, könnte der deutsche Hegemonieanspruch auch gänzlich ohne Wohlwollen auskommen. Dann würde die Alternative für Deutschland nicht mehr im Sinne von George Soros „Führen oder austreten“ heißen, sondern – wie vor 1914 – „Weltmacht oder Niedergang“.

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