Die Talkshow-Nachbesprechung

30 November 2015 um 15:15 • 2 Kommentarepermalink

Im Internet beschäftigen sich die Zeitungen am liebsten mit dem Fernsehen. Das heißt, sie geben uns noch mal schriftlich, wer mit wem gestern in der Talkshow diskutiert hat.

 

Talkshows sind in Deutschland sehr beliebt. Man kann den immer gleichen Leuten zuhören, es sei denn, die Teilnehmer sterben den Moderatoren eines Tages weg.

Neuerdings folgt auf jede Talkshow eine Talkshow-Nachbesprechung. In allen Online-Medien, die etwas auf sich halten, erfährt man schon wenige Stunden nach der Sendung, was man gedacht haben könnte, wenn man nicht dummerweise eingeschlafen oder mit einem besonders schweren Candy Crush-Level beschäftigt gewesen wäre. Man muss nicht mehr nach-denken, das übernehmen jetzt „Frühkritiker“. Die schlagen sich die Nächte um die Ohren, damit wir am nächsten Morgen erfahren, ob das, was am Abend zuvor im Fernsehen diskutiert worden ist, auch wirklich dort diskutiert worden ist. Es wird noch mal referiert, eingeordnet und kommentiert, was die Talkshow-Teilnehmer referiert, eingeordnet und kommentiert haben. Dieses Nachkauen scheint sich derzeit zu einem veritablen Industriezweig zu entwickeln. Sicher wird man After-Talkshows bald schon im F.A.Z.-Lesesaal social readen oder als Poetry Slam in Kleinkunsttheatern aufführen. Und bestimmt wird es in absehbarer Zeit eine App geben, auf der Talkshow-Nachbesprechungs-Experten die unverzichtbarsten Frühkritiken für besonders eilige Leser kuratieren.

Die Talkshow-Nachbesprechung wird gern gelesen. Sie ist fast so beliebt wie die Talkshow selbst. Was soll man am Montagmorgen auch sonst im Büro machen? Die Talkshow-Nachbesprechung ist der zeitgemäße Ersatz für das verloren gegangene Familien-Lagerfeuer der Samstagabendunterhaltung. Allerdings sitzt man nicht mehr gemeinsam um ein Lagerfeuer, sondern liest einsam im Büro (oder sonstwo), wie das zu bewerten ist, was die, die wir schon lange kennen, gestern in der Talkshow von sich gegeben haben.

Die Talkshow-Nachbesprechung hat übrigens längst ein Gegenstück: die „Tatort“-Vorbesprechung.

P.S. Christian Bartels (@ChrBartels) gibt auf Twitter den wichtigen Hinweis, dass die Talkshow-Nachbesprechung – medienhistorisch gesehen – dem Online-Journalismus zum Durchbruch verholfen habe. Was sagt das über die Eigenständigkeit und Originalität des Online-Journalismus?


Kleine Interpretationshilfe für Terrorwarnungen

26 November 2015 um 11:55 • 0 Kommentarepermalink

Von Zeit zu Zeit müssen Botschaften geräumt, Stadtviertel abgeriegelt und Sicherheitsstufen erhöht werden. Dann heißt es abwarten – und irgendwann zur Tagesordnung übergehen.

 

Viele Menschen fragen sich: Welchen Sinn haben eigentlich Terrorwarnungen? Warum müssen Terroristen öffentlich gewarnt werden? Ich habe mich auf die Suche nach Erklärungen gemacht.

1. Terrorwarnungen fußen in der Regel auf Informationen, die irgendjemand irgendwo bei irgendeiner Gelegenheit aufgeschnappt hat.

2. Sicherheitspolitiker äußern anlässlich von Terrorwarnungen häufig den Satz, es gebe derzeit keine konkreten Hinweise auf konkrete Gefährdungen. Warum es dann überhaupt Terrorwarnungen gibt, können sie nicht erklären.

3. Anders als in Punkt 2 werden Terrorwarnungen auch damit begründet, dass die aktuelle Gefahr sehr viel spezifischer sei als bei den vorangegangenen Terrorwarnungen. Worin das Spezifische besteht, sagen sie nicht.

4. Terrorwarnungen werden deshalb so allgemein gehalten, weil man den Terroristen keine Anhaltspunkte dafür liefern will, dass man ihnen… (noch) nicht auf die Schliche gekommen ist.

5. Terrorwarnungen sind Empfehlungen für Terroristen, sich in der fraglichen Zeit und am fraglichen Ort möglichst ruhig zu verhalten. Terrorwarnungen erziehen Terroristen zu erhöhter Wachsamkeit.

6. Durch Terrorwarnungen müssen Terroristen ihre eventuell geplanten Anschläge verschieben. Um auch die verschobenen Anschläge verhindern zu können, braucht es wieder neue Terrorwarnungen. Die Terrorwarnung ist ein Perpetuum Mobile.

7. Terrorwarnungen sind Notstandsübungen.

8. Terrorwarnungen bieten Sicherheitsexperten die Möglichkeit, nichtssagende Interviews zu geben.

9. Terrorwarnungen sind Warnhinweise an Medien, Kritik an Anti-Terror-Maßnahmen besser zu unterlassen.

10. Terrorwarnungen werden nicht selten mit der Ermahnung verbunden, man müsse die aktuelle Terrorwarnung wirklich ernst nehmen. Offenbar geht man davon aus, dass Terrorwarnungen nicht mehr ernst genommen werden.

11. Terrorwarnungen sind Legitimationsnachweise für eine Sicherheits- und Überwachungspolitik, deren Wirksamkeit in Zweifel gezogen wird.

12. Terrorwarnungen müssen sich nie rechtfertigen. Ex-Innenminister Wolfgang Schäuble: „Nur weil nichts passiert ist, heißt das ja nicht, dass nie etwas passieren wird“.

13. Terrorwarnungen suggerieren, dass es jemanden gibt, der auf uns aufpasst. Wie in Paris am 13. November.


Spätrömische Dekadenz?

4 November 2015 um 11:55 • 5 Kommentarepermalink

Aus der „Flüchtlingskrise“ scheint ein Kulturkampf zu werden. Das ist genau das, was die Rechten wollen.

 

Nach gut drei Monaten Dauerberichterstattung über die „Flüchtlingskrise“ scheint das Thema den Charakter eines Kulturkampfes anzunehmen: hier die Verfechter des Nationalstaats und seiner Begrenztheit (im wörtlichen wie im übertragenen Sinne), dort die Verfechter der grenzenlosen universellen Menschenrechte. Vermittler dazwischen haben es schwer.

 

Nationalstaat vs. Menschenrechte

Viktor Orban, der ungarische Ministerpräsident und Vorkämpfer christlich-abendländischer Erneuerung, sieht den Kulturkampf so:

“Diese Invasion (von Migranten) wird einerseits vom Schlepper-Business gelenkt, andererseits von jenen (Menschenrechts-)Aktivisten, die alles unterstützen, was die Nationalstaaten schwächt”.

Orban macht dafür auch seinen Landsmann, den philanthropischen Geschäftsmann und Börsenspekulanten George Soros verantwortlich. Der betreibe mit seinem Geld, seinen Verbindungen und seinen Stiftungen – wie schon in der Eurokrise – eine Politik der Destabilisierung. Orban befindet sich damit auf einer Linie mit dem rechten Kopp-Verlag, auf dessen Website versucht wird, die Verschwörung des George Soros zu belegen.

Eine unheilige Allianz aus Oberschicht und Menschenrechtlern (früher hieß das „Finanzjudentum und Bolschewiken“) wolle den braven Nationalstaat aushöhlen. Die Reichen wollten es, weil sie sich durch mehr Migration die Besten und Billigsten aus der globalen Reservearmee herauspicken können, die Menschenrechtler wollten es, weil die Masse der Flüchtlinge den Nationalstaaten endlich vor Augen führe, was deren neoliberale Politik in der Welt anrichte.

In der Tat nutzen manche Wirtschafts- und Meinungsführer den Flüchtlingsstrom nach Europa, um nun eine Absenkung von Sozialleistungen und Mindestlöhnen zu fordern. Der Airbus-Konzernchef Tom Enders plädierte in der Süddeutschen Zeitung nicht nur für eine Öffnung der Grenzen, sondern auch für eine „Öffnung des Arbeitsmarkts“. Er sprach sich für eine „Deregulierung“ nach US-Vorbild aus. Mit Hilfe der Flüchtlinge könnte die Ungleichheit in den Gesellschaften also weiter vergrößert werden. Ifo-Präsident Hans Werner Sinn brachte die Idee in Umlauf, das Rentenalter der Deutschen zur Bewältigung der Flüchtlingskrise noch einmal heraufzusetzen, und der CDU-Wirtschaftsrat und andere führende CDU-Politiker möchten den flächendeckenden Mindestlohn abschaffen, um den Flüchtlingen einen schnelleren Zugang zum Arbeitsmarkt zu verschaffen. Für andere wiederum sind die Flüchtlinge eine gute Gelegenheit, den verweichlichten und friedensverwöhnten Deutschen einen verjüngenden Adrenalinstoss zu verpassen.

 

Querfronten, wohin man schaut

Ganz neue politische Allianzen tun sich auf oder werden befürchtet. Linke wie Thomas Assheuer sehen in Angela Merkels Politik neuerdings welt-„historische Größe“ und „Würde“ und verteidigen sie vehement gegen eine heraufziehende Kalt-Front aus konservativem Bürgertum und rechten Protestbewegungen. Das noch dem Nationalstaat verhaftete Bürgertum sei drauf und dran, sich zu radikalisieren und greife Angela Merkel inzwischen so unerbittlich und hämisch an wie Pegida. Galt vor drei Jahren das Anti-Merkel-Buch der Wirtschaftsberatungsphilosophin Gertrud Höhler („Die Patin“) als belächelte Ausnahme-Kampfschrift gegen die „fremde“, undurchschaubare Protestantin aus der Ex-DDR, die das alte Westdeutschland pulverisieren werde, so treten die konservativen Merkelkritiker heute ganz unverblümt in Mannschaftsstärke auf – von der tief besorgten FAZ bis zur Besorgte-Bürger-Plattform Tichys Einblick, die sich derzeit anschickt, die Rolle der Achse des Guten zu übernehmen.

Die historischen Vergleiche werden dabei immer schriller und steiler (und genau das ist es, was die europäische Rechte erreichen will). Jochen Buchsteiner etwa (früher bei der Zeit, heute bei der FAZ) vergleicht die Situation Europas mit dem Untergang des Weströmischen Reiches im Jahr 476 n. Chr., was von der Bedrohung des Pegida-Abendlandes durch eine muslimische Völkerwanderung nicht mehr allzu weit entfernt ist. Buchsteiner unkt, Guido Westerwelle habe mit seiner damaligen Anspielung auf die „spätrömische Dekadenz“ womöglich unbeabsichtigt Recht gehabt. Auch das in den Medien scharf kritisierte Buch Thilo Sarrazins über die Abschaffung Deutschlands erfahre nun eine späte Rechtfertigung. Der Roman „Die Unterwerfung“ von Michel Houellebecq wird in besorgten Kreisen ebenso gern erwähnt wie Botho Strauß’ Verabschiedung des „letzten Deutschen“ im Spiegel. Und in der Schweizer Weltwoche rezensiert Ex-Spiegel-Reporter und Neu-Katholik Matthias Matussek die schon etwas angejahrte Untergangsvision des erzkatholischen Schriftstellers Jean Raspail („Das Heerlager der Heiligen“) unter dem Titel: „Lust, die eigene Kultur auszulöschen“.

Ein hysterischer Unterton schleicht sich ein in die Warnrufe der alten weißen Männer. Ihre Welt fällt in Scherben. Und ihre Welt war gar nicht mal so schlecht.

Denn der verteidigte Nationalstaat ist ja nicht nur eine rückwärtsgewandte Formation für Ewiggestrige, die den Schuss nicht gehört haben, er ist – als sozialer Rechtsstaat – auch eine Errungenschaft des Fortschritts, weil er denen, die in seinen Grenzen leben, gewisse (zum Teil mühsam erkämpfte) Rechte und Standards garantiert und sie vor globalen Zumutungen schützt. Das Grundgesetz garantiert, dass es keinen prinzipiellen Unterschied macht, ob man als Bürger dieses Staates nun fleißig oder faul, egoistisch oder altruistisch, dumm oder gebildet ist, Hauptsache, man hat einen deutschen Pass. Nicht die Leistungsfähigkeit bzw. die Nützlichkeit ist das entscheidende Kriterium, sondern die Staatsangehörigkeit, was für jene, die den Pass besitzen, das Leben etwas leichter macht. Aber wenn die Grenzen nun offen stehen und alle, die bedürftig sind, ins Land dürfen, wird es bald ein Hauen und Stechen geben, weil die (wirtschaftliche) Konkurrenzsituation die Oberhand über die nationale Zugehörigkeit gewinnt. Dann wird es – vor allem in den unteren Schichten – härter zugehen als heute. Und die Angst der Mittelschichten, dorthin abzurutschen, wird sich verstärken.

 

Das Schweigen der Linken

Kein Wunder, dass sich die traditionelle Linke und die Gewerkschaften in der Flüchtlings-Debatte auffallend stark zurückhalten. Einerseits fürchten sie, durch ihr Verständnis für die Ängste der weniger begüterten Deutschen in die rechte Ecke gedrängt zu werden („Du Nazi“), andererseits wollen sie auch nicht gegen die in der Linken traditionell hoch gehaltene internationale Solidarität verstoßen. Sie verteidigen den Nationalstaat und wollen die Grenzen nicht schließen. Dieser Spagat könnte in der aufgeheizten Situation missverstanden und von den Radikalen beider Seiten umso entschlossener bekämpft werden. Denn in einer polarisierenden Diskussions-Atmosphäre wird die Abwägung verschiedener Interessen gern als Wischi-Waschi oder Feigheit abgetan.

Eines der ganz wenigen Medien, die diesen Konflikt seit Monaten ohne Knie- und Kopfschutz austragen, ist das kleine Blog Wiesaussieht. Sein Leiter, Frank Lübberding, ein Sozialdemokrat alter Schule, hat keine Angst vor Blessuren und stürzt sich mitten ins Getümmel, egal wie abgedreht und ruppig es in den Kommentaren auch zugeht. So kommt etwas zustande, was – zumindest in Westdeutschland – kaum noch gewagt wird: der offene, von falscher Rücksichtnahme unbelastete Schlagabtausch. Bei Wiesaussieht fallen die Worte nicht in die Zuckerwatte supernetter Talkshow-Moderatoren, sondern am Tresen einer sauerländischen Eckkneipe. Also dort, wo sich die Sozialdemokraten früher zu bewähren hatten. (Allerdings, aber das nur am Rande, sind die Eckkneipen auch nie etwas anderes als eine Domäne der alten weißen Männer gewesen).


Landlust für die Merkel-Jugend

18 Oktober 2015 um 16:50 • 3 Kommentarepermalink

Im Netz wird viel über die „dämlichen“ Jugendportale Bento & Co. gespottet. Dabei werden die Medien-Macher von der jüngst erschienenen 17. Shell-Jugendstudie voll bestätigt. Das Problem solcher Jugenddarstellungen liegt ganz woanders.

 

Man kann sich natürlich prima darüber lustig machen: Die neuen Jugendportale von Spiegel über Zeit und Bild bis heute+ werden gerade kräftig durch den Kakao gezogen und als ebenso hilflose wie überflüssige Anbiederungsversuche von 30-jährigen Möchtegern-Jugendlichen gesehen. Den ‚kritischen’ Betrachtungen ist dabei eines gemeinsam – der felsenfeste Glaube, die Jugend sei gar nicht so, wie die Macher der neuen Jugendportale sich ihre Zielgruppe gern vorstellen: positiv gestimmt, gutwillig, freundlich, offen und hilfsbereit. Die Jugendportale, sagen die Kritiker, seien nur eine Verarschung der Jugend – geboren aus der Not, junge und frische Leser für die eigenen alt gewordenen Medienmarken zu gewinnen.

Vielleicht befinden sich die Kritiker mit ihrer Kritik aber auch in einer klassischen Filterbubble und wollen partout nicht sehen, dass die Jugend von heute eben genau die Jugendportale bekommt, die zu ihr passen. Vielleicht schlagen die Kritiker, die jetzt so wortgewaltig und sarkastisch über die neuen Jugendportale herziehen, nur den Sack (die Jugendmedien) und meinen in Wahrheit den Esel (die Jugend) – sie trauen sich nur nicht, das offen zu sagen.

Die Vorstellung der Kritiker vom Jungsein (siehe etwa die Schelte des Kraftfuttermischwerks) scheint eine völlig andere zu sein als die, die ein repräsentativer Querschnitt von Jugendlichen tatsächlich vorlebt.

 

Großes Vertrauen in die Polizei

Glücklicherweise ist soeben – passend zu den neuen Jugendportalen – die 17. Shell-Jugendstudie erschienen, und die Ergebnisse, die das Autorenteam um den Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann letzte Woche in Berlin präsentiert hat, decken sich mit der Beschreibung der Zielgruppen, die von den neuen Jugendportalen und ihrem „konstruktiven Journalismus“ ins Visier genommen werden.

„Insgesamt“ so die Shell-Studie, die auf einer repräsentativen Befragung von 2558 Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren basiert, „lässt sich die Jugend nicht von ihrer positiven Grundhaltung abbringen. 61 Prozent der Befragten blicken optimistisch in die persönliche Zukunft, das sind noch einmal mehr als in den Jahren 2010 und 2006… Erstmals seit den 1990er Jahren beurteilt eine Mehrheit der Jugendlichen (52 Prozent) auch die gesellschaftliche Zukunft optimistisch.“

„Mehr als 90 Prozent der Jungen und Mädchen pflegen ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Fast drei Viertel würden ihre Kinder ungefähr so oder genauso erziehen, wie sie selbst erzogen wurden.“

„Über 90 Prozent meinen, dass Familie und Kinder gegenüber der Arbeit nicht zu kurz kommen dürfen.“

„Jugendliche haben ein stabiles Wertesystem. 84 Prozent legen großen Wert auf Respekt vor Gesetz und Ordnung, 82 Prozent wollen fleißig und ehrgeizig sein. Noch in der zweiten Hälfte der 80er Jahre waren Fleiß und Ehrgeiz nur zu 36 Prozent besonders wichtig.“

„41 Prozent der Jugendlichen bezeichnen sich heute als politisch interessiert (1991: 57 Prozent, 2002, auf dem absoluten Tiefpunkt: 30 Prozent). Mit dem wieder steigenden Interesse geht auch die gestiegene Bereitschaft einher, sich politisch zu engagieren. Häufige Aktivitäten sind der Boykott von Waren aus politischen Gründen (34% der Befragten) und das Unterzeichnen von Online-Petitionen (27%)… 23 Prozent haben bereits an einer Demonstration teilgenommen, zehn Prozent engagieren sich in einer Bürgerinitiative.“

„Jugendliche bringen den Parteien nach wie vor wenig Vertrauen entgegen. Auch große Unternehmen, Kirchen und Banken genießen eher weniger Vertrauen. Am meisten vertrauen Jugendliche Polizei, Gerichten sowie Menschenrechts- und Umweltschutzgruppen.“

„Wichtiger als in den vorangegangenen Studien ist den Befragten 2015 die Bereitschaft zu umwelt- und gesundheitsbewusstem Verhalten; junge Frauen sind hierzu noch mehr bereit als junge Männer. Dagegen verloren materielle Dinge wie Macht oder ein hoher Lebensstandard eher an Bedeutung. 82 Prozent der Jugendlichen finden den Wert ‚Die Vielfalt der Menschen anerkennen und respektieren’ wichtig… Nur 37 Prozent fürchten sich vor Zuwanderung (2002: 48%, 2006: 58%).“

„Das eigene Engagement im Alltag (das heißt, sich für andere einzusetzen) ist leicht rückläufig. Von den Gymnasiasten berichten nur noch 37% im Vergleich zu 43% im Jahr 2010 über ein persönliches Engagement. Bei den Realschülern sind es 27% im Vergleich zu 44% 2010. Bei den Studierenden ging das Engagement leicht von 44% auf 42% zurück.“

„Für Deutschland wünschen sich die Jugendlichen in der internationalen Politik eine wichtige, vermittelnde, aber keine militärisch eingreifende Rolle. Nur 29% der Jugendlichen meinen, Deutschland sollte militärisch dazu beitragen, Kriege in der Welt zu beenden.“

„54 Prozent finden, dass Deutschland eine Führungsrolle in Europa haben sollte, nur 11 Prozent sehen das nicht so.“

„62 Prozent sind stolz darauf, Deutsche zu sein. Bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund sind es sogar 70 Prozent.“

„Während die Aussagen „Stolz sein auf die deutsche Geschichte“ und „am Althergebrachten festhalten“ in den 1980er Jahren für 60 bzw. 66 Prozent der Jugendlichen noch ‚ein rotes Tuch’ waren, lehnen im Jahr 2015 nur noch 44 bzw. 48 Prozent diese Lebensorientierungen ab.“

„Fürchteten sich 2010 nur 44 Prozent vor Krieg in Europa, ist die Zahl 2015 sprunghaft auf 62 Prozent angestiegen. Das sind etwas mehr als 2002, als die Kriege im früheren Jugoslawien nachwirkten. 73 Prozent haben Angst vor Terroranschlägen.“

Letzteres wundert nicht, denn im Befragungszeitraum, der von Anfang Januar bis Anfang März 2015 reichte, beherrschte das Pariser Attentat auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo wochenlang die Schlagzeilen. Wäre die Umfrage im Juni oder im August 2015 durchgeführt worden, wären die Antworten wahrscheinlich stärker von der Griechenland- und der Flüchtlingskrise beeinflusst gewesen. (Umfragen geben eben nicht nur die Wirklichkeit der Befragten wieder, sondern reflektieren auch stark die Wirklichkeit ihres Medien-Konsums.)

„Seit 2002 charakterisiert die Shell-Studie die Jugendlichen als ‚pragmatisch und unideologisch’. 2006 zeigte sich eine Kontinuität dieser Grundhaltung, jedoch mit steigender Unsicherheit, ob die Jungen und Mädchen ihr Leben tatsächlich so gestalten können, wie sie es sich wünschen. 2010 (nach der Finanzkrise) begannen die Druck- und Angstgefühle zu weichen. Der Optimismus für die persönliche Zukunft wuchs. Und: Statt wie in den Vorjahren vor allem auf das eigene Leben und das private Umfeld zu sehen, zeigten Jugendliche wieder wachsendes politisches Interesse und Bereitschaft zum politischen Engagement. Dieser Trend hat sich 2015 deutlich verstärkt.“

So weit – ganz grob – die Ergebnisse der Shell-Jugendstudie. Sie vermittelt das Bild einer (mehrheitlich) sympathischen, toleranten, familien- und traditionsverwurzelten, aber dennoch weltoffenen und vorurteilslosen Jugend. Entsprechend positiv reagierten die Medien in ersten Berichten auf diese tolle und liebenswerte Jugend:

„Deutsche Jugendliche überwinden Null-Bock-Phase“ (Spiegel Online)

„Krawatte statt Krawall“ (SZ)

„Das Smartphone ist das halbe Leben“ (SZ)

„Das Netz fängt die Jugend ein“ (FAZ)

 

Das Prinzip Landlust

Wenn wir die Ergebnisse der Shell-Studie nun mit den Ansprüchen vergleichen, die die Macher der neuen Jugendmedienportale in Interviews und Selbstbeschreibungen geäußert haben, so lässt sich eine hohe Übereinstimmung feststellen.

Da ist z.B. zu lesen, man wolle den Jugendlichen „News zum Wachwerden“ bieten, man wolle eine hohe Nutzerbeteiligung und – vor allem – konstruktive Lösungsansätze statt negativer Problem-Geschichten. Das hört sich an, als wäre das Redaktionsprogramm exakt auf die Bedürfnisse der „pragmatischen Generation“ aus der Shell-Jugendstudie zugeschnitten. Ze.tt-Redaktionsleiter Sebastian Horn sagt es so:

„Wir wollen den jungen Leuten Inhalte bieten, die sie interessieren, die sie aus ihrer Lebenswelt kennen. Dinge, mit denen sie unmittelbar etwas anfangen können, weil es ihren Alltag und ihr Leben betrifft…

Wir wollen zeigen, wie es besser geht, wie es anders geht und was junge Leute selber tun können.“ Das Jugendportal Ze.tt solle Möglichkeiten aufzeigen, „wie unsere Leserinnen und Leser selber aktiv werden können. Dieser Einsatz ist zum Teil beeinflusst von der Idee des Constructive Journalism.“

Ähnlich äußern sich die Macher von Bento: „Überall sieht man, wie schlecht die Welt ist, wie schlecht die Welt ist und wie schlecht die Welt ist. Und keine Frage, die Welt ist sehr schlecht, aber wer in Europa aufwächst, genießt gerade den größten Wohlstand, die größte Freiheit in der Geschichte der Menschheit… Jeder Tag ist fucking amazing! Und das kann sich in Geschichten auch gerne widerspiegeln.“

Diese journalistische Programmatik stellt nichts anderes dar als die Übertragung des Prinzips „Landlust“ auf die Jugend. Der phänomenale Erfolg der Zeitschrift Landlust – und zwar mitten in einer Medienlandschaft, die von roten Zahlen geprägt ist – zeigte den Medienmachern in einer Art Aha-Erlebnis, dass diese oft belächelte Zeitschrift ihre potentielle Leserschaft erkennt und deren Bedürfnisse erfüllt – anstatt mutig an den Lesern vorbeizuschreiben.

Natürlich muss man den dort praktizierten „konstruktiven Journalismus“ nicht gut finden, aber man sollte auch die Leser nicht besser machen als sie sind. Die Merkel-Jugend ist die Merkel-Jugend – da kann man sich keine andere backen, auch wenn es fünf oder zehn oder 30 Prozent „Andersdenkende“ geben mag, die diesem Bild weder entsprechen noch nachkommen wollen. Die Macher wollen Mehrheits-Magazine machen und keine Minderheiten in den Fokus rücken (ob das klug ist, ist eine ganz andere Frage).

Die Kritik der Jugendportale, die in den vergangenen Tagen hochschäumte, ist zwar von ehrlicher Empörung und satirischem Witz getragen, aber sie ist auch etwas billig. Kritisiert und parodiert werden vor allem die bemüht coole Jugendsprache und die mit ihr verbundene Anbiederung ans Jungsein sowie die Reduzierung des Journalismus auf praktische Lebenshilfe und Infotainment. Als wären Jugendzeitschriften früher ganz anders gewesen.

 

Selbstfeier der Mittelschichten

Ansetzen müsste die Kritik der Jugendportale (ebenso wie die Kritik der Shell-Jugendstudien) an einem ganz anderen Punkt. An der – in beiden Fällen – fast ausschließlichen Mittelschichtsorientierung.

Die Shell-Studie teilt die befragten 2558 Jugendlichen in fünf soziale Schichten ein: in Oberschicht (13%), obere Mittelschicht (25%), mittlere Mittelschicht (29%), untere Mittelschicht (22%) und Unterschicht (11%). Mit einem Anteil von 76 Prozent wären also mehr als drei Viertel aller Jugendlichen Kinder der Mittelschicht. Potzdonner! Das ist ein gewagtes Schichtenmodell, eine Bolte-Zwiebel, die fast schon Ähnlichkeit mit einem Kürbis besitzt.

Während der Soziologe Martin Bolte in den 1960er Jahren noch eine dünne und spitze Oberschicht von 2 Prozent ‘errechnete’ sowie eine obere Mittelschicht von gerade mal 5 Prozent, umfasste der gewaltige Unterbauch seiner Gesellschafts-Zwiebel fast 80 Prozent. Bei den Shell-Autoren dagegen umfasst allein die Oberschicht 13 Prozent und die obere Mittelschicht noch einmal 25 Prozent. Da scheint der soziologische Optimismus mit den Autoren durchgegangen zu sein.

Aber zumindest zeigt die Shell-Studie, dass die beiden unteren Schichten (die zusammen ein Drittel der Befragten ausmachen) in vielen Punkten ganz anders denken, fühlen und werten als die privilegierten und deshalb eher optimistisch gestimmten Mittel- und Oberschichten. In der Berichterstattung über die Studie bleiben diese Unterschiede häufig unerwähnt. Hier ein paar signifikante Beispiele aus der 17. Shell-Jugendstudie:

„Während drei Viertel der Jugendlichen aus der oberen Schicht angeben, sich Kinder zu wünschen, waren es in der unteren Schicht nur etwas mehr als die Hälfte.“

„61 Prozent der Befragten blicken optimistisch in die eigene Zukunft, das sind noch einmal mehr als in den Jahren 2010 (59%) und 2006 (50%). Die Zuversicht der Jugendlichen aus der sozial schwächsten Schicht stagniert hingegen bei 33 Prozent. Leicht rückläufig ist der Optimismus in der unteren Mittelschicht von 56% 2010 auf 52% 2015. In der Oberschicht fällt dagegen der Zuwachs von 68% (2010) auf 74% (2015) ins Auge.“

„Jugendliche aus der unteren Schicht sind auch deutlich weniger zuversichtlich (46%), was die Realisierbarkeit ihrer beruflichen Wünsche angeht, während Jugendliche aus der Oberschicht hier einen Spitzenwert von 81% aufweisen. Auffällig ist ferner die zurückgehende Zuversicht in der oberen Mittelschicht von 62% im Jahr 2010 auf 53% im Jahr 2015.“

„Während nur 35 Prozent der Jugendlichen aus den westlichen Ländern eine verringerte Zuwanderung nach Deutschland wünschen, sind es in den östlichen Ländern (inklusive Berlin) 49 Prozent. Weniger Aufnahme von Flüchtlingen fordern 44 Prozent der Jugendlichen im Osten, aber nur 30 Prozent im Westen.“ (Die Befragung fand vor der aktuellen ‚Flüchtlingskrise’ statt).

„In der Oberschicht interessieren sich 67 Prozent der Jugendlichen für Vorgänge in der Welt, in der Unterschicht nur 31 Prozent.“

„Mit dem politischen System zufrieden oder sehr zufrieden sind 77 Prozent der Jugendlichen im Westen, im Osten dagegen nur 54 Prozent.“

„Die Zukunft der gesellschaftlichen Entwicklung beurteilen 52 Prozent optimistisch. Jugendliche aus der oberen Schicht sind mit 59 Prozent am optimistischsten, bei den Jugendlichen aus der unteren Schicht ist der Anteil mit 43 Prozent deutlich geringer.“

Vom unteren Drittel der Gesellschafts-Jugend erfährt man in der Berichterstattung über die Studie herzlich wenig. Die Überschriften in den Medien beziehen sich stets auf die Ergebnisse aus den großzügig bemessenen und die Mehrheit stellenden Mittelschichten.

Da auch die meisten Journalisten aus diesen Mittelschichten stammen, reproduziert die Berichterstattung also vorwiegend die eigene Haltung. Journalismus verwandelt sich in eine Art Selbstbestätigungs- oder Selbstbekräftigungs-Instrument, das an den überaus netten Jugendportalen nur deshalb etwas stärker auffällt, weil sich die Macher hier ganz offen und ehrlich (und aus ehrenwerten Gründen) zu dieser Selbstbestätigungshaltung bekennen (= constructive journalism). Das heißt, die Mittelschicht feiert sich im neuen „konstruktiven“ Journalismus vor allem selbst – und nimmt Abweichungen außerhalb ihres begrenzten Gesichtsfeldes kaum noch wahr.

 


„Wir wollten der Reißzahn im Arsch der Mächtigen sein“

24 September 2015 um 11:55 • 0 Kommentarepermalink

Claus Peymann zieht eine Bilanz seines langen Theaterlebens. Zornig ist der bald 80-jährige noch immer. Wenn er 2017 das Berliner Ensemble verlässt, dann ganz bestimmt nicht leise.

 

Von der neuen Garde der Hauptstadtkultur hält er nichts. Von der Förderung junger Leute auch nicht. Junge Leute sollen sich durchsetzen. Peymann selbst ist (politischen) Konflikten nie aus dem Weg gegangen. Nicht in Frankfurt (Notstandsgesetze), nicht in Stuttgart (RAF), nicht in Bochum, nicht in Wien (NS-Vergangenheit), nicht in Berlin (Kulturpolitik). So wurde er zur „Theaterlegende“. Doch nach über 50 Jahren auf jenen Brettern, die die Welt nicht mehr bedeuten, rückt das Ende seiner Karriere näher. Für das Hamburger Theater-Magazin (1963 gab Peymann am Hamburger Universitätstheater sein Debüt) durfte ich ein längeres Gespräch mit ihm führen. Es ist das Vermächtnis eines sympathischen, Mut machenden Egozentrikers. Hier ein paar Auszüge:

„Ich habe Gott sei Dank einen völlig intakten Instinkt, ich bin ein Stadt-Indianer. Im Grunde bin ich zwar ein bisschen blöd, aber ich habe ein gutes Gefühl für andere Menschen, auch für die Begierden oder die Gefahren, die von anderen Menschen ausgehen…“

„Ich wollte nie Fürsprecher und finde das auch furchtbar. Diese Dauer-Förderung und -Fütterung von jungen Leuten, das ist doch peinlich. Ich hab mich selber durchgesetzt. Damals wäre nie jemand auf den Gedanken gekommen, einen Peter Handke zu fördern oder einen Botho Strauß. Das ist ja dieser völlige Schwachsinn, dass heute jeder, der halbwegs einen Computer bedienen kann, gleich als Nachwuchsdramatiker preisgekrönt wird…“

„Ich hatte immer das Gefühl, dass das Theater einen starken Einfluss hat. Natürlich gibt es eine ohnmächtige Wut, wenn man sich den Unsinn anschaut, der beim sogenannten G7-Gipfel in Elmau aufgeführt wurde. Da gab es für 300 Millionen Euro ein völlig sinnloses Fotoshooting, das 30.000 Polizisten beschützen mussten. Selbst die Demonstranten sahen wie Freizeitwanderer aus. Aber verstehen Sie, mein Leben ist immer in einer sehr starken Auseinandersetzung mit der Politik verlaufen, das heißt, ich war immer auf der Gegenseite, in meinen Frankfurter Jahren war das Theater am Turm das große linke anarchistische Theater in Deutschland, und es war kein Zufall, dass dort die Stücke Peter Handkes uraufgeführt wurden. Wir haben demonstriert, wir haben versucht, den Vietnamkrieg zu verhindern, wir haben versucht, die Macht Springers zu brechen, wir haben versucht, die Verabschiedung der Notstandsgesetze zu verhindern. Wir wollten nicht, dass Deutschland wieder ein reaktionäres Land wird…“

„Ich habe öffentlich angekündigt, wir würden der Reißzahn im Arsch der Mächtigen sein. Der war dann – zugegebenermaßen – ziemlich stumpf. Denn heute ist in Berlin und anderswo auf dem Theater beinahe alles möglich. Wir leben in einer Zeit, die so vernebelt ist, so diffus, dass der Gegner, der Feind, gegen den sich das Theater mit subversiven, provokanten und zugleich aufklärerischen Mitteln zu richten hätte, gar nicht mehr zu erkennen ist… In der Berliner Kulturszene ist heute alles möglich – und zugleich nichts. Selbst wenn sie den Politikern die allerhärtesten Beschimpfungen, Beschuldigungen und Gemeinheiten an den Kopf werfen, es interessiert niemanden, man zuckt mit den Schultern und sagt, diese verrückten Alt-68er und Gut-Menschen… Man nimmt uns nicht mehr ernst. Und das ist fatal für ein kämpferisches Theater, wenn man es einfach aussitzen kann…“

„Natürlich ist meine Rolle von vornherein eine lächerliche und absurde. Natürlich bin ich völlig unzeitgemäß, aber ich bekenne mich inzwischen zum Museum. Das ist doch großartig! Gehen Sie mal in Museen. Warum stehen da 300.000 Leute Schlange, um einen Van Gogh zu sehen? Weil sie etwas suchen, was sie in der Realität nicht mehr finden. Und wenn das so ist, dann bin ich gerne ein lebendiges Museum. Manchmal ist das Museum der Platz, um das Gute zu bewahren. Dann bewahren wir hier das Theater als Feier, das Theater als Platz der Aufklärung und als Fest der Schauspieler, das Theater der Literatur. Dann ist das hier eben etwas ganz Anderes. Hier wird die Literatur nicht vermatscht, hier nehmen sich die Schauspieler ernst, das ist unser Geheimnis und das ist unsere Kraft und unser Erfolg. Dann bin ich eben ein Museumsdirektor, Grüß Gott!“

Das vollständige Interview finden Sie auf der Website des Hamburger Theaterfestivals.


Die Kaffeepadisierung des Journalismus

15 September 2015 um 15:51 • 17 Kommentarepermalink

Erneut setzen Journalisten und Verlage große Hoffnungen auf ein Micropayment-Modell. Diesmal soll Blendle den Online-Journalismus „retten“.

 

Wieder wird ein „Geschäftsmodell“ für Journalismus mit großem Hallo begrüßt. Das Start-Up Blendle mache alles richtig, heißt es: Es lasse den Verlagen die nötige Autonomie bei der Preisgestaltung, es biete wichtige „Lesestücke“ renommierter Medien, die Bedienung des Kiosks sei denkbar einfach, es gebe kuratierende Lotsen, eine ästhetisch ansprechende Benutzeroberfläche und – bei Produktenttäuschung – sogar eine Geld-zurück-Garantie.

Leider gibt es aber (noch) keine nennenswerte Zielgruppe. Und das heißt: Es gibt (noch) kein dringendes Bedürfnis, die zeitraubende und teure Neubündelung entbündelter Inhalte mitzumachen. Bis auf wenige Aficionados (Vielleser und notorische Kioskstöberer) will niemand für einzelne Zeitungsartikel einzelne Kauf-Entscheidungen treffen müssen. Wenn man 100 oder 150 Artikel bequem zum Wundertütenpreis von 2,90 € bekommen kann (in Gestalt einer Zeitung) – warum sollte man dann für einen einzelnen Artikel aus diesem entbündelten Presse-Bündel 75 Cent bezahlen (5 oder 10 Cent wären schon eher nachvollziehbar)?

 

Die Kaffeepadisierung des Journalismus

Okay, es gibt inzwischen auch Kunden, die 70 Kaffee-Pads für 12 Euro kaufen, obwohl sie ein Pfund Kaffee für die Hälfte haben könnten (sie kaufen ihre Pads allerdings noch nicht einzeln). Diese Kunden kaufen vielleicht bei iTunes einzelne Songs, obwohl ein ganzes Album oder eine Flatrate bei Spotify im Verhältnis viel preiswerter wäre. Aber kann man Lebensmittel (die man braucht) oder Lieder (die man immer wieder hören mag) überhaupt mit Journalismus vergleichen? Manche Journalisten wünschen sich das: dass ihre Texte wie Lebensmittel oder Lebensmelodien wären. Doch leider sind die meisten Journalisten nur Journalisten – und schreiben Texte für den Tag.

Ein Einzelkauf wäre nur bei einer ganz bestimmten Sorte von Texten sinnvoll – bei so genannten Longreads (oder Pocketstorys), bei Dossiers, mitreißenden Reportagen, größeren Essays oder Analysen, langen Gesprächen, bei Texten, die abseits des Mainstream entstehen, die aufwändig und exklusiv und originell sind und mehr Bestand haben als ein gewöhnlicher Leitartikel – Texte, die in Richtung Kurzgeschichte, ja schmales Buch gehen. Deren Aufwand soll künftig von der dünnen Schicht der Premium-Leser extra bezahlt werden. Aber ein Bericht über die gestrige Pressekonferenz der Bundesverteidigungsministerin? Oder eine flüchtige Rezension der Uraufführung von Wagners „Lohengrin“? Warum sollten Notizen, die für den Tag und die Zeitung geschrieben sind, als separates ‚Produkt’ noch einmal teuer zweitverwertet werden (und wie viel vom Zusatz-Erlös bekommen eigentlich die Autoren)?

 

Man könnte auch Bücher pro Seite verkaufen

Wie enorm die Erlöse durch Micropayment sind, wissen wir aufgrund der ‚bahnbrechenden Erfolge’ von flattr, kachingle oder LaterPay. Irgendwann ist es selbst dem gutmütigsten Menschen zu mühsam, unablässig Bewertungen und Kauf-Klicks abzugeben (Der Bitcoin-Experte Nick Szabo nannte das „mentale Transaktionskosten“). Presse-Micropayment ist ungefähr so sinnvoll wie der Vorschlag, jede Seite eines E-Books extra zu verkaufen. Per Maus-Klick (der natürlich ganz „einfach“ und „bequem“ ist) könnte man am Ende jeder Seite die nächste Seite für 2 Cent dazukaufen. Manche Seite würde man auch zurückgeben. Und manche Kuratoren würden vielleicht nur die Seiten 38 und 257 empfehlen… Nein, diese Umstandskrämerei kann kein ernsthaftes Geschäftsmodell für Journalismus sein. Es nimmt den Leser zu sehr in Beschlag und gilt nur für Bruchteile des Journalismus. Die Branche würde sich überschätzen, wenn sie die Blendles dieser Welt als Rettung des Journalismus ansähe. Wäre der Einzelverkauf von „hochwertigen“ Presse-Artikeln ein Geschäftsmodell – Amazon hätte es längst in sein Angebot integriert.


Monothematischer Journalismus

6 September 2015 um 15:51 • 15 Kommentarepermalink

Ein neuer Trend erfasst die Nachrichtenmedien: Über Tage und Wochen gibt es nur ein einziges Super-Thema. Ist das gut für unser Problemverständnis oder ist es eine autoritäre Bevormundung?

 

Die Entbündelung der Tageszeitung und der klassischen Nachrichtensendung durch das Netz war vor Jahren ein wichtiges Thema in den Debatten über die Zukunft des Journalismus. Redakteure und Verleger beschworen die Gefahr, dass der Medienkonsument bald nur noch das zur Kenntnis nehmen werde, was er eh schon kenne und deshalb gewohnt sei. Also stets das Gleiche. Doch in jüngster Zeit erfährt die Nachrichten-Branche eine thematische Verengung ihrer Angebotsvielfalt, die noch viel dramatischer ist und von den Redaktionen und Verlagen selbst hervorgerufen wird: Die Nachrichten-Medien konzentrieren sich – ähnlich den Empörungswellen in den sozialen Netzwerken – über längere Zeiträume auf ein einziges, markt- und meinungsbeherrschendes Thema. Die Monothematik ist der neueste Trend im Nachrichten-Geschäft.

 

Du musst dich damit beschäftigen!

Zu Beginn des Jahres fing es an mit dem Attentat auf Charlie Hebdo. Einen konzentrierteren Medien-Aufruhr konnte man sich bis dahin kaum vorstellen. Dann folgte der Flugzeugabsturz von Germanwings, anschließend ploppte die NSA wieder auf, dann ging es um den nervenaufreibenden Euro-Poker mit Griechenland (inklusive des Stinkefingers von Varoufakis), schließlich um den Landesverratsvorwurf gegen die Betreiber der Website netzpolitik.org und nun um Flüchtlinge und Einwanderung. Immer geht es dabei um alles oder nichts. Der moralisierende Zeigefinger (bzw. das große WIR) beherrscht die Schlagzeilen und kaum jemandem gelingt es, sich dem jeweiligen Megathema zu entziehen.

Nun ist die Bildung thematischer Schwerpunkte oder gar monothematischer Nachrichtensendungen an sich eine gute Sache. Leser und Zuschauer können sich über Wochen konzentriert mit einem Thema befassen, Journalisten können alle Aspekte und Facetten beleuchten und – gegebenenfalls – vertiefen. Schwerpunkte oder Monothematik signalisieren allergrößte Wichtigkeit: Du musst dich jetzt damit beschäftigen! Du kannst nicht länger daran vorbeigehen! Du darfst nicht neutral bleiben! Dieser Journalismus ist genau das, was die Medienmacher früher vehement ablehnten: aktivistisch. Er will das Volk in Bewegung bringen. Und in der Flüchtlingskrise dieses Sommers scheint die Mobilisierung der Bevölkerung auch gelungen zu sein.

 

Die journalistische Los Wochos-Strategie

Aber was von der jeweiligen Monothematik bleibt hängen? Wer könnte heute noch wiedergeben, um was im Januar gestritten wurde? Und wer weiß, wie es in der Ostukraine weiterging? Sicher: Emotional gab und gibt es jedes Mal eine Riesen-Aufregung, die Regierenden werden aufgescheucht (Angela, mach’ endlich was!) und die Politiker multimedial gezwungen, in den Modus des mitfühlenden Krisenmanagements zu schalten. Wehe den abseits Stehenden, die dann keine symbolische Handlung vorweisen können (Kind streicheln, Heim besuchen)! Die Talkshows diskutieren, die Brennpunkte überschlagen sich, die Kommentatoren überbieten sich gegenseitig. Und dann?

Entweder schlägt ein neues Thema ein wie eine Bombe und verdrängt das alte oder das Publikum verliert das Interesse und beklagt den thematischen Overkill: Was man auch einschaltet, wo man auch hinschaut: Flüchtlingskrise. Davor, nicht minder dominierend, die Euro-Krise, davor NSA total, davor Ostukraine, davor Germanwings, davor Charlie Hebdo. Auch die serielle Monothematik stößt irgendwann an die Grenzen der menschlichen Aufnahmefähigkeit. Zwar können die Nachrichten-Medien durch die erzeugte Emotionalisierungswelle immer wieder hohe Klickraten, hohe Quoten und hohe Kioskverkäufe erzielen, aber die Auswirkungen ihrer riskanten „Los Wochos“-Strategie bedenken sie nicht.

 

Der Sinn von Monothematik

Die serielle Erregung der Menschen durch ein einziges zentrales Superthema und die darauf folgende serielle Löschung (um einem anderen Super-Thema Platz zu machen) muss nicht unbedingt den Mut zum eigenen Handeln beflügeln, sie kann auch den Unmut und die Erschöpfung aufgeregter Gesellschaften steigern. Denn das Publikum hat es nicht in der Hand, den Zeitpunkt zu bestimmen, wann ein aufrüttelndes Monothema medial durch das nächste abgelöst wird. Es muss jede Wende, jedes abrupte Ende mitmachen. Es muss sich fügen: Okay, dann reden wir ab morgen halt nicht mehr über Flüchtlinge, sondern über den Börsencrash in China. Okay, ich hätte zwar gerne noch länger über den Landesverrat diskutiert, aber das Ober-Thema ist jetzt Syrien. Das heißt, die Menschen werden – ob sie es wollen oder nicht – durch den Emotionskindergarten der Medien gejagt und können nicht mehr selbst entscheiden, womit sie sich befassen wollen. Das ist der Sinn von Monothematik! Das ist ihre autoritäre Schattenseite.

Denn moralisierende Kampagnen über Tage und Wochen hinweg sind zwar gut fürs Medien-Geschäft, aber ob die Menschen von der konzentrierten Berichterstattung profitieren, indem sie nun besser Bescheid wissen über Flüchtlinge, Ostukraine, NSA-Überwachung, Griechenland oder den Islamischen Staat, ob sie sich gar aktiv und nachhaltig mit diesen Problemen auseinandersetzen, bleibt offen. Eine medienwissenschaftliche Untersuchung darüber, ob der monothematische Kampagnen-Journalismus tatsächlich mehr Problemverständnis und zivilgesellschaftliches Engagement hervorbringt oder die Gesellschaft eher lähmt, verwirrt und bevormundet, wäre wünschenswert.


Warum Sachsen?

25 August 2015 um 15:15 • 0 Kommentarepermalink

Sind Sachsen denn schlechtere Menschen? Nein, natürlich nicht. Aber die Fremdenfeindlichkeit im Osten Deutschlands hat eine spezifische Tradition, die weit vor die Naziherrschaft zurückreicht.

 

„Warum Sachsen?“ fragte die FAZ am 20. August und wiederholte diese Frage gleich noch mal im Vorspann ihres Artikels:

„Der Protest gegen Asylbewerber und Flüchtlinge entlädt sich in Sachsen heftiger als in anderen Bundesländern – dabei muss das Bundesland im Osten vergleichsweise wenige Flüchtlinge aufnehmen. Woher kommt der Hass?“

Die Antwort, die der Sachsen-Korrespondent der FAZ seinen Lesern gibt, lautet zusammengefasst etwa so: Die Verheerungen der Kollektivwirtschaft der DDR sowie der nachfolgende ökonomisch brutale Anschluss Sachsens an die Bundesrepublik seien schuld. Die gesellschaftlichen Bindekräfte seien dadurch verloren gegangen. Eine Million Sachsen würden heute als Arbeitsmigranten in den Westen pendeln oder seien schon in den Westen geflüchtet. Arbeitslose und Alte fühlten sich allein gelassen. Die Behörden und politischen Institutionen seien durchweg von Westlern besetzt. All dies führe „zu einem tiefempfundenen Fremdheitsgefühl im eigenen Land.“

Da ist natürlich etwas dran, aber die spezifischen „Probleme“ des Ostens mit der Fremdheit (auch der Spiegel stellt sich diese Frage und weiß keine Antwort) gab es schon vor der DDR: Seit der Reichsgründung von 1871 wurde die Ostgrenze Deutschlands in besonderer Weise ideologisch aufgeladen. Von dort „drohten“ die „Menschenfluten“, die allerlei Ängste auslösten und – auch von den damaligen Eliten – als Gefahr für die „noch fragile deutsche Identität“ wahrgenommen wurden.

– Der Historiker, Politiker und Publizist Heinrich von Treitschke sah die fragile nationale Identität der Deutschen in seiner 1880 veröffentlichten antisemitischen Streitschrift „Ein Wort über unser Judentum“ von einer „Schar strebsamer hosenverkaufender Jünglinge“ bedroht, „die Jahr für Jahr aus der unerschöpflichen polnischen Wiege über die deutsche Ostgrenze drängen“ und „deren Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen (!) beherrschen sollen.“

– Die Pegida von damals führte der aus der sächsischen Provinz stammende christlich-soziale Hofprediger Adolf Stoecker an, der als einer der Erstunterzeichner der fatalen „Antisemitenpetition“ gegen die aus dem Osten herein drängenden Juden polemisierte. Diese stellten eine Gefahr für das deutsche Volkstum dar. Auch der Bund der Landwirte, der Alldeutsche Verband, der Ostmarkenverein und viele Burschenschaften schürten die Ängste vor der Überfremdung und der Überflutung aus dem Osten. So kam es in den Jahren 1885 bis 1887 zu Massenausweisungen von Juden und Polen und zu einer (vorübergehenden) Abriegelung der Ostgrenze für Zuwanderer.

– 1905 schrieb die Kölnische Zeitung: „Wir müssen unsere Grenze, wenn es uns mit unserer Germanisierungspolitik überhaupt ernst ist, wenn wir den folgerichtigen Willen haben, in unseren Ostmarken nicht das Germanentum noch mehr als bisher von fremden Volksbestandteilen überfluten zu lassen, mit fester Hand gegen die Zuwanderung politisch und wirtschaftlich nicht vorteilhafter Elemente schützen.“

Dabei war es mit der realen Zuwanderung der „nicht vorteilhaften Elemente“ gar nicht so weit her. Von den über fünf Millionen Menschen, die zwischen 1880 und 1914 vor allem aus Russland (Kongresspolen) und Österreich-Ungarn (Galizien) zu den Seehäfen Hamburg und Bremen wollten, um von dort nach Amerika auszuwandern, ließen sich nur etwa 80.000 tatsächlich in Ostdeutschland nieder. Etwa die Hälfte der Durchreisenden waren Juden, die in ihren Herkunftsländern von Ausgrenzung, Armut, Gettoisierung und antisemitischen Pogromen bedroht waren und oft allein wegen ihres ungewohnten Aussehens (Kaftan, Schläfenlocken, Bärte) heftige Ablehnung bei den Deutschen hervorriefen. Die von der seinerzeitigen Pegida beschworene „Ostjudengefahr“, die das „Abendland bedrohte“, war auch damals vor allem ein eingebildetes Problem.

Real anwesend waren hingegen die zu Hunderttausenden ins Land kommenden (vorwiegend polnischen) Saison- und Wanderarbeiter. Seit den 1890er Jahren, als in Deutschland eine fast 20 Jahre währende Hochkonjunktur einsetzte, trafen an der Ostgrenze zwei Migrantengruppen zusammen: zum einen die bereits erwähnten Transitreisenden, die nach Amerika auswandern wollten, zum anderen die Saison- und Wanderarbeiter, die auf den riesigen Gütern der ostelbischen Junker, im Kanalbau oder in den Ziegeleien zu Dumpinglöhnen arbeiteten. Letztere wurden (weil billig und willig) von den Junkern und Industriellen ausdrücklich willkommen geheißen, von den einheimischen Arbeitern aber als lohndrückende Konkurrenz betrachtet, die überdies die oft mühsam erkämpften besseren Arbeitsbedingungen wieder aushebelten und sich als Streikbrecher einsetzen ließen.

Der Ökonom August Sartorius von Waltershausen schrieb 1903: „Die genannten Arbeiten sind anstrengend, vielfach die Gesundheit aufreibend, oft schmutzig und widerlich und werden daher in denjenigen Gebieten, wo die Arbeiterschaft verweichlicht oder bequem geworden ist und vermöge ihrer politischen Selbstherrlichkeit einen Anspruch auf leichtere Arbeit zu haben glaubt, gern abgelehnt, wenn sich nur irgendeine angenehmere Arbeit finden lässt“.

In den Ostprovinzen (wo drei Viertel der Saisonarbeiter tätig waren) kam es daraufhin – aus Furcht vor einer „Polonisierung“ des deutschen Kaiserreichs (ein von dem Soziologen Max Weber in die Debatte eingeführter Kampfbegriff) – zu einer restriktiven Abwehrpolitik mit allerlei Schikanen gegenüber den polnischen Wanderarbeitern.

Also, warum Sachsen? Weil die Folgen der politischen Rückständigkeit und der wachsenden Ungleichheit in der entstehenden Weltwirtschaft zuerst auf den deutschen Osten trafen. Die Traditionslinien der damaligen Argumentation sind – politisch wie ideologisch – noch heute virulent.

 

Schon etwas älter, aber immer noch bestens geeignet zum Nachlesen: Deutsche im Ausland, Fremde in Deutschland, Migration in Geschichte und Gegenwart, hrsg. von Klaus J. Bade, C.H.Beck-Verlag, München 1992;


Neoliberale, hört die Signale!

12 August 2015 um 15:15 • 11 Kommentarepermalink

Syriza und Podemos sind nicht mehr allein. Mit Bernie Sanders & Jeremy Corbyn präsentieren sich erstmals zwei angelsächsische Vertreter des Wind of Change. Zwar glauben die hiesigen Eliten, sie könnten die „Rebellen“ als Witzfiguren und Sonderlinge abstempeln, aber das wird nicht mehr lange funktionieren.

 

Die deutschen Leitmedien, also die „Wahrheitspresse“, würden die Kandidaten am liebsten in die linksextreme Ecke stellen oder als grantelnde Alte in die Theaterloge der großen Politik verbannen – wie Waldorf und Statler in der legendären Muppetshow. Denn Bernie Sanders, der überraschend populäre US-Präsidentschafts-Kandidat aus Vermont, und Jeremy Corbyn, der überraschend populäre Anwärter auf den Vorsitz der britischen Labour-Partei, sind schon 73 und 66 Jahre alt. Seit mehr als 30 Jahren „wettern“ sie gegen eine neoliberale Politik, die die Reichen immer reicher, die Mittelschichten immer ratloser und die Armen immer ärmer macht.

Das ist natürlich unerhört! Die jüngste Ausgabe der Zeit berichtet, dass dem Kandidaten Bernie Sanders die Herzen der gebeutelten Amerikaner zufliegen:

„Zu seinen Auftritten kommen mehr Zuschauer als zu den grell orchestrierten Events aller anderen Präsidentschaftskandidaten. Im Juli sprach er vor 10.000 Menschen in Madison im Bundesstaat Wisconsin, 15.000 waren es wenige Wochen später in Seattle. Mit 28.000 Zuhörern in Portland legte Sanders am Sonntag seinen bislang größten Auftritt hin. Hillary Clinton brachte es in der Eröffnungs-Veranstaltung in New York nur auf schlappe 5.500 Zuschauer.“

Offenbar hören jene Amerikaner, die in den deutschen Leitmedien höchst selten vorkommen, ganz gern die Kritik an „gierigen Milliardären“ und „kriminellen Banken“. Sie finden Sanders moderate politische Positionen – für einen flächendeckenden Mindestlohn, für kostenlose Hochschulausbildung, für staatliche Beschäftigungsprogramme – gar nicht so verkehrt. Das „politische Establishment“ der USA schmähe ihn deshalb als „Sonderling“. So weit der Bericht.

Und was macht die Zeit-Redaktion daraus? Sie übernimmt bereits im Vorspann ihres Beitrags das Urteil des “US-Establishments” und schreibt im Indikativ, Sanders „ist ein politischer Sonderling“.

 

Die „Freunde“ von der Hamas und irische “Genossen”

Jeremy Corbyn ergeht es ähnlich. Die Website der Tagesschau wählt als Überschrift den inneren Widerspruch „Linker Außenseiter gewinnt Labour-Herzen“. Und die FAZ ernennt Corbyn zum „britischen Tsipras“. Denn die Leitmedien müssen Nachrichten immer so „kuratieren“, dass sie von den Lesern auch richtig verstanden werden. Bei der Tagesschau gehört Corbyn deshalb dem „extrem linken Parteiflügel von Labour“ an („linker Flügel“ genügte der Redaktion offenbar nicht). Der „bärtige, grauhaarige“ Außenseiter löse – ähnlich einem Popstar – eine wahre „Corbynmania“ aus, weil er – Potzdonner – für eine „faire Gesellschaft“ wirbt. Und natürlich überzeugt er die Massen nicht als Politiker, nein, er „surft“ bloß auf einer „Welle der Sympathie“.

Die FAZ – seit Schirrmachers Tod wieder freudig reaktionär – sagt gleich im Vorspann ihres Berichts, wo’s lang geht: „Im Rennen um den Vorsitz der Labour Party führt ein linksradikaler Autogegner, Pazifist und Vegetarier.“ Damit scheint alles gesagt. Aber es kommt noch schlimmer. Corbyn, so die FAZ angewidert, „verachtet“ die Monarchie ebenso wie den Kapitalismus.

„Nie hatte er ein nennenswertes Parteiamt inne – er war der, der auf die provisorische Bühne stieg, wo gerade gegen den Irakkrieg oder Nuklearwaffen protestiert wurde, das Klima gerettet und Blockaden gegen Banken organisiert wurden.

Corbyn gehörte zu den ersten britischen Abgeordneten, die Freiheit für Nelson Mandela forderten, er spann Kontakte von seinen „Freunden“ bei der Hamas bis zu den Sozialisten Venezuelas und nahm besonderen Anteil an der irischen Politik.

Am Dienstag ließ er sich mit dem irischen „Genossen“ Gerry Adams von der links-nationalistischen Sinn Fein im „Portcullis House“, dem Sitz vieler Abgeordneter, fotografieren.“

Solche Absätze, gespickt mit unterschwelligen Verurteilungsbegriffen und feinsinnigen Anführungszeichen, laufen bei der Qualitätszeitung FAZ unter „Bericht“. Man sieht förmlich, wie es den Autor schüttelt. Aber Gott sei Dank kann er noch einen namenlosen Politikberater als unabhängige Quelle zitieren, der Corbyns Anhänger „schlicht ‚Schwachköpfe’“ nennt.

Dieser Corbyn nun „widersetzte sich als einziger Kandidat“ (!) der amtierenden Labour-Vorsitzenden „und stimmte mit 47 Fraktionskollegen vom linken Flügel gegen das Sozialhilfe-Sparprogramm der konservativen Regierung“. Das muss man sich einmal vorstellen: Ein Sozialdemokrat, der es wagt, gegen die Politik der konservativen Regierung zu stimmen!

In Deutschland kann man sich so etwas gar nicht mehr vorstellen.

Update 13.8.: Die Bildzeitung macht Bernie Sanders heute zum gefährlichen “Querulanten”, der österreichische Standard nennt ihn ein “linkes Schreckgespenst” und die Badische Zeitung vergleicht ihn mit einem “ungemachten Bett”.

Wie schnell sich der mediale Blick auf die linken “Außenseiter” ändern kann, dokumentiert der Fall Alexis Tsipras. Tsipras gilt inzwischen als alternativlos und als Garant der Stabilität.

Und wie man ohne Schaum vor dem Mund über Jeremy Corbyn berichten kann, beweisen der Freitag und der Guardian.


Wie Europa wirklich entsteht

13 Juli 2015 um 15:51 • 11 Kommentarepermalink

Noch vor Jahren klagten unsere Vordenker, Europa sei ein kaltes Elitenprojekt, das nur die Eliten interessiere. Doch plötzlich wollen alle mitquatschen. Und das ist gut so.

 

In einem bemerkenswerten Interview sagte der Chefhistoriker der Mächtigen, Herfried Münkler, heute morgen, Europa werde als Elitenprojekt fortgeführt – „oder es wird scheitern“. Würden Krethi (ein Grieche!) und Plethi überall mitreden dürfen, wüchsen nur die zentrifugalen Kräfte, die das schöne Projekt am Ende zerreißen. Doch genau dieses Risiko des Scheiterns ist das Ingrediens, das aus dem einst kalten Thema Europa ein politisch heiß umstrittenes macht.

Noch nie haben die Probleme eines einzelnen Landes die Bevölkerungen anderer Länder so stark interessiert wie heute. Mit dem Wahlsieg der Syriza-Bewegung ist Bewegung ins europäische Haus gekommen. Die Inneneinrichtung Europas wird nicht mehr allein den Eliten überlassen. Im griechischen Referendum konnten wir einen ersten zaghaften Ansatz zur Formulierung einer Alternative erkennen. Und durch das Referendum erlebten wir erstmals eine Solidarisierung (und Polarisierung) der Menschen quer zu den europäischen Nationalstaaten: Auf den Straßen von Irland bis Italien feierten die Verteidiger der griechischen „Nein“-Politik ihre Helden; an den Stammtischen von München bis Riga regierten die Anhänger der harten Linie gegen die „Verschwender“ des Südens. Zum ersten Mal gab es in der EU so etwas wie eine innereuropäische Auseinandersetzung, zum ersten Mal gab es zwei politische Lager, die sich konfrontativ gegenüber standen. Für die Verfechter der alten Europapolitik der Eliten (etwa die Brüsseler Apparatschiks Martin Schulz oder Rolf-Dieter Krause) war das ein Graus, für diejenigen, die die sozial blinde Politik der großen Koalition in Brüssel satt haben, war es eine Erlösung. Syriza – das muss man der aus der Not geborenen Bewegung lassen – hat den Nationalstaatsbewohnern das vereinte Europa näher gebracht als jede bisherige Alt-Partei (einschließlich den Grünen). Syriza hat das Projekt Europa aus seinem Dornröschenschlaf geweckt.

Ein solches Projekt kann nicht von oben installiert werden, wie dies in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch möglich schien. Sollte dieser veraltete Politik-Ansatz jedoch weiterhin versucht werden – und dafür spricht das „Einigungspaket“ des Europa-Gipfels vom Sonntag – wird der Aufstand der Griechen nur der Anfang der kommenden Aufstände gewesen sein. Nicht die Bevölkerungen müssen ausgetauscht werden, die Politik in Brüssel und in den nationalen Hauptstädten muss eine grundlegend andere werden. Es ist ein Trugschluss zu glauben, die Griechen hätten sich mit der Einigung von Sonntag wieder nur Zeit gekauft, nein, es ist die Troika, es sind die durch die Troika vertretenen Sonder-Interessen, die sich immer weitere Zeit kaufen. Der Konflikt selbst bleibt ungelöst.

Der nächste Aufstand wird deshalb dramatischer ausfallen als der jetzige, der übernächste könnte in einen Bürgerkrieg münden. Wer die Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika studiert, wird sehen, dass auch dieses Projekt nicht von heute auf morgen auf dem Papier entstanden ist, sondern nach harten Auseinandersetzungen im Rahmen eines ökonomisch-politischen Nord-Süd-Konflikts.