Die Angst der deutschen Journalisten vor dem Aktivismus

6 Januar 2014 um 12:36 • 0 Kommentarepermalink

Ein Gespenst geht um im deutschen Mediengewerbe: der aktivistische Journalist!

 

Nein, eine eigene Meinung macht aus einem Journalisten noch keinen Aktivisten. Zu Aktivisten werden Journalisten in der Regel erst, wenn sie glauben, selbst aktiv gegen eine Entwicklung vorgehen zu müssen. Das ist der Fall, wenn sie sich, andere Personen, eine Gruppe von Menschen oder gar die ganze Gesellschaft in einer Notwehrsituation vermuten.

Aber wer stellt die fest? Der jeweilige Journalist? Der Zeitgeist? Art. 20, Abs. 4 GG? Darf sich ein Journalist (ein Diktum Carl Schmitts abwandelnd) so einfach zum Souverän erklären, der über den Ausnahmezustand entscheidet?

Versuchen wir eine Annäherung, die etwas weniger deutsch ist: Am 10. Dezember diskutierte Carta aus Anlass seines fünfjährigen Bestehens die Frage: „Wie engagiert darf, wie neutral muss Journalismus sein?“ Den Anstoß dazu hatte die Keller-Greenwald-Kontroverse gegeben, die in den USA Ende Oktober für mediales Aufsehen sorgte: Der aktivistische Journalist Glenn Greenwald warf den traditionellen Medien vor, nach 9/11 eine fatale Nähe zur Macht entwickelt zu haben, während Bill Keller, der ehemalige Chefredakteur der New York Times, darauf beharrte, dass Journalisten unter allen Umständen Distanz zum politischen Geschehen wahren müssten (Zur US-Debatte geht es hier entlang, sowie hier, hier, hier und hier).

Ende Dezember kam der Streit dann auch in Deutschlands Leitmedien an. Anlass war die Videobotschaft Glenn Greenwalds beim 30. Chaos Communication Congress in Hamburg. Greenwald machte deutlich, dass er sich durch die Überwachungspraxis der NSA in einem Konflikt befände, und dass er nicht so tun könne, als genüge es, diesen Konflikt neutral und distanziert wie einen Verkehrsunfall zu betrachten. Seither wird in Artikeln, Foren, Tweets und Blogs darüber gestritten, was „aktivistischen Journalismus“ ausmacht, und worin er sich vom „normalen“ Journalismus unterscheidet.

Da wir bei der eingangs erwähnten Carta-Veranstaltung ebenfalls um diese Frage kreisten, und weil aktivistischer Journalismus seither in vielen Beiträgen mit meinungsstarkem Journalismus verwechselt wird, möchte ich meine damaligen Notizen im Folgenden ergänzen:

 

Wie ist es zur aktuellen Trennung in neutralen und aktivistischen Journalismus gekommen?

- Die publizistischen Möglichkeiten, die das Internet bereitstellt, erlaubten erstmals eine breite öffentliche Kritik des traditionellen Journalismus durch die Adressaten des Journalismus selbst, durch politische Aktivisten, durch unabhängige oder dissidente Journalisten. Die Leistungen des traditionellen Journalismus waren nun öffentlich messbar. Gleichzeitig geriet der traditionelle Journalismus durch das Internet unter wirtschaftlichen Druck. Seine komfortable Situation und seine weitere Finanzierung sind seither in Frage gestellt. Beide Entwicklungen haben das Selbstverständnis des Journalismus wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Viele Journalisten sind stark verunsichert. Wie sollen sie auf die neue Situation reagieren?

- Die Vorwürfe an den traditionellen ‚neutralen’ Journalismus lauten: Er sei zu nahe an der politischen Macht, er sei in Konzerne und große Bürokratien eingebunden und dadurch weitgehend kaltgestellt, er habe keinen Biss, er gebe sich mit Oberflächlichkeiten und Nebensächlichkeiten zufrieden, er desorientiere anstatt den Dingen auf den Grund zu gehen, er manipuliere zugunsten bestimmter Interessengruppen, er verhalte sich neutral gegenüber Ungerechtigkeiten, er sei durch Beziehungsgeflechte und Vergünstigungen korrumpiert, er übe die Rolle der Vierten Gewalt nicht mehr aus, er sei so zahm und zahnlos wie ein Bettvorleger. Zu fragen wäre: Bestehen diese Vorwürfe zu Recht? Und: Ist aktivistischer Journalismus das richtige Mittel, um diese Vorwürfe zu entkräften?

- Die Jahrzehnte lang als unumstößlich geltende „Hanns Joachim Friedrichs-Doktrin“ („Ein Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten“) ist durch „aktivistische Journalisten neuen Typs“ wie Glenn Greenwald, Jeremy Scahill, Jacob Appelbaum, Laura Poitras ins Wanken geraten. Diese Journalisten ‚neuen Typs’ gehen aufgrund ihrer Recherchen von einer Gefahren-, Ausnahme- oder Notwehrsituation aus, die den gegenwärtigen Journalismus zur Aufgabe der professionellen Distanz zwinge. Zu fragen wäre daher: Existiert dieser Notstand? Und wenn ja, rechtfertigt er ungewöhnliche journalistische Herangehensweisen? Tritt aktivistischer Journalismus nur zu bestimmten Zeiten auf? Und wird er durch politische Reformen überflüssig?

 

Was ist aktivistischer Journalismus überhaupt?

- Aktivistischen Journalismus gibt es seit der Dreyfus-Affäre in Frankreich (1894) und seit dem Aufkommen der „Muckraker“ in Amerika (Upton Sinclair u.a.), d.h. seit etwa 120 Jahren. (Davor existierten Zeitung und Zeitschrift als Massenmedium noch nicht in nennenswertem Umfang).

- Aktivistischer Journalismus entsteht auf einem bestimmten Nährboden: Was ihn hervorruft und formt, sind wirtschaftliche Krisen, politische Umbruchzeiten, Vorkriegszeiten, Zeiten repressiver Politik, Zeiten des Niedergangs, Zeiten großer sozialer oder zwischenstaatlicher Spannungen, Zeiten forcierter Modernisierung und starker Konzentration von Wirtschaftsmacht.

- Der aktivistische Journalismus wird in der Regel von einzelnen herausragenden Journalisten oder Publizisten verkörpert, neuerdings auch von Gruppen und Netzwerken, welche die Verhältnisse nicht mehr nur beschreiben und interpretieren, sondern auch verändern wollen. Sie nehmen große Risiken, persönliche Nachteile, ja Verfolgung in Kauf; sie kämpfen für politische Ziele oder sie verteidigen politische Errungenschaften und gehen dabei weit über die traditionelle journalistische Aufgabenbestimmung hinaus. Aktivistische Journalisten begnügen sich nicht mit neutralen Beschreibungen „dessen, was ist“, sie streben Gesetzesänderungen, Politikwechsel, ja Umsturz an.

- Journalistische Aktivisten kommen häufig nicht aus dem traditionellen Journalismus, sondern waren bzw. sind zunächst politische Aktivisten, Lehrer, Rechtsanwälte etc. Den Journalismus verstehen sie als Mittel zum Zweck, als eine Handlungs-Option unter vielen.

- Aktivistische Journalisten sind (anders als besorgte traditionelle Journalisten dies darstellen) immer herrschaftskritisch und oppositionell. Seymour M. Hersh würde sagen: Aktivistische Journalisten sind Außenseiter, Outsider.

- Aktivistische Journalisten werfen sich mitten ins Geschehen. Sie verschmelzen mit ihrem Anliegen, bleiben hartnäckig am Thema und wirken dadurch oft glaubwürdiger und für Informanten vertrauenswürdiger. Da sie ihre Person mit einbringen und sich häufig als Protagonisten in den Mittelpunkt ihrer Ermittlungen stellen, gelten sie bei ‚normalen’ Journalisten als egoistisch und selbstverliebt. Nicht selten entwickeln sich aktivistische Journalisten zu Idolen ihrer Zeit.

 

In welcher Tradition steht der aktivistische Journalismus?

Man kann bis heute vier Hochphasen unterscheiden: die Wurzeln um 1900, die Zeit zwischen den Weltkriegen, den Umbruch der 68er-Jahre und die Ära der einzigen Weltmacht.

 

1. Die Wurzeln um 1900:

- In Europa erschüttert 1894 die „Affäre Dreyfus“ die alten Eliten. Der französische Artilleriehauptmann Alfred Dreyfus wird zu Unrecht der Spionage für Deutschland beschuldigt und – wider besseres Wissen (aber auch, weil er Jude ist) – zu fünf Jahren Straflager (eine Art Guantanamo) verurteilt.

Hintergrund: Militärstaat im Staat, Wagenburg der alten Eliten gegen Minderheiten und Mitbestimmung, imperiale Interessen, Antisemitismus.

- Der aktivistische (anarchistische) Journalist Bernard Lazare veröffentlicht 1895 seine Kampfschrift „Ein Justizirrtum“, später (Ende 1897) greift der bekannte Schriftsteller Émile Zola den Fall auf. Am 13. Januar 1898 veröffentlicht Zola in der Zeitung L’Aurore seinen berühmten Offenen Brief an den französischen Staatspräsidenten: „Ich klage an!“ Innerhalb weniger Stunden sind 200.000 Exemplare der Zeitung ausverkauft.

- In Amerika beginnt die Ära der journalistischen „Muckraker“ und des investigativen Journalismus (1900 – 1910).

Hintergrund: Politisch-ökonomische Machtkonzentration durch Kartelle (Trusts) und Branchen-Monopole (Öl, Eisenbahn, Stahl), wachsende soziale Ungleichheit, Korruptions- und Finanz-Skandale.

Zwei Beispiele:

- Ida Minerva Tarbell (ursprünglich Lehrerin) schreibt „The History of the Standard Oil Company“ über den Aufstieg John D. Rockefellers, die Serie erscheint ab 1902 in Mc Clure’s Magazine, dessen Auflage sich dadurch verdoppelt. Das 1904 erscheinende Buch wird ein Megaseller. Es hilft, 1911/12 das Öl-Monopol Rockefellers zu zerschlagen.

- Upton Sinclair (ein Sozialist und politischer Aktivist) schreibt „The Jungle“, eine Reportage über die Arbeitsbedingungen und hygienischen Zustände in der Fleischindustrie Chicagos. Die Reportage erscheint 1905 in der sozialistischen Zeitschrift Appeal to Reason. US-Präsident Theodore Roosevelt nennt Sinclair daraufhin einen Muckraker und sagt: „Überlassen Sie das Regieren des Landes für eine Weile mir!“

 

2. Die Zeit zwischen den Weltkriegen:

Hintergrund: Der aufkommende Faschismus und die Verteidigung der Republik.

- Der aktivistische Journalist Egon Erwin Kisch, berühmt geworden durch seine Enthüllung der Affäre um den Selbstmord des Obersten Redl 1913 (auch eine Spionageaffäre!) sowie als „Rasender Reporter“ im Berlin der zwanziger Jahre, hält beim 1. Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur in Paris 1935 seine berühmte Rede über den Journalismus als „Kunst- und Kampfform“. (Die Kampfform ließen die Kischpreis-Stifter später gern unter den Tisch fallen).

- Leo Lania, zunächst Redakteur der Roten Fahne, später Mitarbeiter von Ossietzkys und Tucholskys Weltbühne, schleicht sich als italienischer Faschist beim Völkischen Beobachter in München ein und publiziert seine Erlebnisse in dem Buch „Die Totengräber Deutschlands“ (1924). Er wird deshalb des Landesverrats angeklagt. Der Berliner Reichstag verabschiedet 1925 sogar eine „Lex Lania“ zum Schutze journalistischer Berufsgeheimnisse.

Kisch und Lania sind Journalisten und aktive Kommunisten.

 

3. Der Umbruch der 68er-Jahre:

Hintergrund: Die unaufgearbeitete Nazizeit, gesellschaftliche Doppelmoral, Notstandsgesetze.

- Der aktivistische Journalist Günter Wallraff wird mit seinen Rollenreportagen bekannt. Er setzt sich für „die da unten“ ein und benutzt bei seiner Arbeit falsche Papiere und falsche Identitäten. Seine Methode ist heftig umstritten, aber überaus erfolgreich.

- Auch andere aktivistische Journalisten schlüpfen in fremde Rollen oder machen ein Thema zu ihrer ureigenen Sache: Gerhard Kromschröder etwa (Rollenreportagen), Jürgen Roth (Mafia, Korruption), Ernst Klee oder der Schweizer Niklaus Meienberg (Nazi-Vergangenheit).

- In Amerika etabliert sich eine neue Generation von Muckrakern: etwa Bob Woodward, Carl Bernstein, Seymour M. Hersh, Barbara Ehrenreich u.a.

 

4. Die Ära der einzigen Weltmacht:

Hintergrund: Das Ende des Kalten Krieges und der „War on Terror“,  Finanzspekulation und Überwachungsstaat.

- In den neunziger Jahren erscheint der Filmemacher Michael Moore auf der Bildfläche. Seine Art, mit der Kamera Aufklärung zu betreiben, wird von Kritikern als Propaganda abgetan. Moores Beispiel folgen eine ganze Reihe von Nachahmern (etwa Morgan Spurlock mit Super Size Me). Diese Filmemacher und Reporter erklären den riskanten Selbstversuch, das Sich-selbst-einer-Sache-aussetzen, zur aktivistischen Methode.   

- Von 2006 an baut Julian Assange gemeinsam mit befreundeten Hackern die Whistleblower-Plattform WikiLeaks auf. Er nennt sich später Chefredakteur und wird wegen seiner radikalen und rücksichtslosen Veröffentlichungspolitik schnell zum Staatsfeind Nr.1. Heute ruft Assange Hacker und Programmierer dazu auf, im Stile Günter Wallraffs Institutionen und Geheimdienste zu infiltrieren, um anschließend über deren Amtsmissbrauch berichten zu können.

- Für aktivistischen Journalismus stehen heute in erster Linie Glenn Greenwald, Laura Poitras, Jeremy Scahill, Amy Goodman, Jacob Appelbaum u.a. Sie operieren wie Widerstands- oder Dissidentengruppen. Die bekannteste aktivistische Journalistin Russlands war die 2006 ermordete Anna Politkowskaja.

 

Heute kommen aktivistische Journalisten nicht mehr so sehr aus Parteien (wie noch in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts), sondern aus NGO-Organisationen, aus Umwelt- und Protestbewegungen (Greenpeace, Attac, Occupy), Entwicklungshilfeprojekten und Bürgerrechts-, Dissidenten- und Menschenrechtsgruppen (Amnesty International, Reporter ohne Grenzen etc.). Das unterscheidet sie von ‚normalen’ Journalisten, deren erste (und einzige) Erfahrung oft die Journalistenschule ist.

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Die Engel fangen an, dumme Fragen zu stellen

27 Dezember 2013 um 12:18 • 0 Kommentarepermalink

Unglaublich, wie dreist der US-Geheimdienst selbst den Vatikan abhörte! In seiner Weihnachtsausgabe enthüllt der Guardian nun exklusiv, wie Gott den Verantwortlichen ins Gewissen redete.

 

Gott war außer sich. Ausgerechnet an Halloween musste ihm sein Abwehrchef Petrus die Nachricht beichten, dass sämtliche Geheimgespräche des Allmächtigen mit dem Heiligen Stuhl von der NSA abgehört worden waren (Gottseidank nur die auf dem Parteihandy).

Daraufhin ließ Gott NSA-Chef Keith Alexander und dessen Geheimdienstdirektor James Clapper ins Himmelreich einbestellen. Man traf sich in der Cloud.

Ein Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes GCHQ, der als Friedensattaché im 4.Stock der Himmelspfortenbotschaft unweit der Himmelreichskanzlei stationiert war, konnte das Gespräch abfangen. Ein Whistleblower namens „Holy Spirit“ sandte anschließend eine Kopie an den Chefredakteur des Guardian.

Wir danken Alan Rusbridger für die freundliche Genehmigung, zeitgleich mit dem Guardian eine visualisierte Fassung des abgehörten Gesprächs wiedergeben zu dürfen.

 

Gott (sichtlich verärgert): You fucking fucking basterds! Ist euch denn gar nichts mehr heilig? (Zu Clapper gewandt) Dein Großvater (Clappers Großvater war Priester) würde dich am liebsten gleich hier oben behalten.

Keith Alexander (schlägt die Hacken zusammen): Sir! Es gab Grund zu der Annahme, dass Benedikts Rücktritt

Gott: Herrgott nochmal!! Ihr… habt… euren Schöpfer… belauscht.

James Clapper* (beflissen): Das Ausspähen ausländischer Spitzenpolitiker ist das Kernziel von Spionage!

Gott (zieht die Augenbrauen hoch): Wir sind Verbündete… Schon vergessen? Wir haben mal einen Bund geschlossen…

Alexander: Wir legen wirklich hohe Maßstäbe an uns selbst an. Egal wo wir operieren.

Gott: Spar dir deine Predigten für die EU-Kommission. Ich will von euch Pfeifen wissen, was dieser gottverdammte Whistleblower über mich in der Hand hat. (Gott zerrt ein weißes Kryptohandy aus seinem Umhang) Ich kann mit dem Scheißding nichts anfangen.

Alexander: Hat Steve Ihnen das aufgeschwatzt?

Gott (seufzend): Er verkauft dir ein iPhone, ohne dass du es merkst. Er fällt allen hier auf den Wecker… (dann zu Clapper gewandt): Seit wann hört ihr mich ab?

Clapper (flüsternd): Als dieses Kind in der Galiläa-Zelle auftauchte und drei Al Kaida-Führer aus dem Morgenland…

Gott (macht eine abwehrende Handbewegung): Ist Vatileaks dabei? Die Schwulenverschwörung? Hat der Kerl die Unterlagen der Vatikanbank? Die ganzen Missbrauchsgeschichten?

Alexander (blickt betreten zu Boden, nickt)

Gott: Die Beichtstühle auch…?

Alexander (nickt noch betretener)

Gott: Die Sauna in Quarto Miglio? Die Darkrooms?

Alexander (nickt am betretendsten)

Gott (schlägt die Hände vors Gesicht): Oh mein Gott!

Alexander: Die Journalisten verstehen doch gar nicht, was sie da sehen.

Gott: Ach nein?

Alexander: Da gibt es viele Fehlinterpretationen.

Gott (zornig): Ihr beiden habt mich mit euren gottverdammten Allmachtsphantasien in diese beschissene Lage gebracht. Petrus sägt am Heiligen Stuhl. Die Engel fangen an, dumme Fragen zu stellen.

Clapper: Ich schwöre hoch und heilig…

Alexander (leise zu Clapper): Ist hier nicht nötig.

Gott (greift in die Cloud, zieht eine Flagge heraus): Das ist das Wappen des Vatikan, ihr Gipsköpfe. Und was seht ihr da? Zwei gekreuzte Schlüssel. Und warum?

Clapper (zuckt mit den Achseln)

Gott: Das sind die Kryptoschlüssel meines Abwehrchefs, ihr Hornochsen. Sie bedeuten: Zugriff von außen… ist… nicht… erlaubt.

Clapper (strahlend): Wir konnten sie knacken, Sir.

Alexander (nickt): Die Glaubenskongregation des Vatikan hatte um Amtshilfe gebeten. Sie gehören – wie die Briten – zur Triple A, zur „Allianz des Allsehenden Auges“ (One Eye)…

Gott (schüttelt den Kopf): Ihr führt euch auf wie der liebe Gott.

Clapper (beflissen): Das ist unsere Aufgabe.

Alexander (stolz): Wir tun, was wir können.

Gott: Leider Gottes… War Obama unterrichtet?

Clapper (lacht): Von uns nicht.

Gott: Hört ihr ihn etwa nicht ab?

Clapper: Das macht der BND für uns.

Gott: Und?

Clapper (starrt zu Boden)

Alexander (extrem leise): Die Deutschen haben aus Versehen die Festplatten geschreddert.

Gott (in sich zusammensinkend): Was hab’ ich da bloß erschaffen!?

 

*Die Antworten von Clapper und Alexander sind z.T. wörtliche Zitate aus den parlamentarischen Anhörungen der beiden Geheimdienstchefs.


Morozov sagt…

9 Dezember 2013 um 22:08 • 0 Kommentarepermalink

Der Internet-Kritiker Evgeny Morozov wird von Netzaktivisten gern als Spielverderber gesehen. Aber kann man ihn und seine Kritik so einfach abtun? Versuch einer Gegenüberstellung.

 

Morozov sagt: Das Netz ist kapitalistisch und sonst nichts. Es ist das cleverste Instrument des entfesselten Kapitalismus. Mit ihm kann sich der böse Wolf perfekt als lammfrommes Schaf verkleiden, das nur edle Ziele verfolgt und die Welt besser machen will. Gegen diese Sichtweise wehren sich die Netzbewohner mit wütender Bockigkeit. Sie sagen: Unser Netz ist nicht kapitalistisch und es wird auch nie völlig kapitalistisch werden – sonst wären wir ja nicht drin. So lange wir aber drin sind, werden wir uns mit Händen und Füßen dagegen wehren, dass irgendein Hassprediger unser Netz als rein kapitalistisch verleumdet. Wir sind der lebende Beweis, dass das Internet offen, neutral und sympathisch sein kann. Es kommt darauf an, wer es mit welchen Absichten benutzt.

Morozov sagt: Ihr könnt so viel mit den Füßen aufstampfen, wie ihr wollt, es spielt überhaupt keine Rolle. Ihr seid nur die nützlichen Idioten, die dem Neoliberalismus die schwierige Überzeugungsarbeit erleichtern. So lange es Dumme gibt, die ernsthaft glauben, es sei ihr neutrales Netz, ihr technisches Spielzeug, können die superdicken Silicon Valley-Konzerne noch superdicker werden und ihre Profitabsichten ungehindert verfolgen. Die Netzbewohner halten dagegen, dass die Technik ohne ihre Benutzer lediglich eine leere Hülle sei – und die kapitalistische Gier vergebliche Liebesmüh’. Die User könnten jederzeit aufhören, am Netz zu hängen wie ein Junkie an der Nadel. Denn der Kunde ist König. Und Märkte sind Gespräche. Also muss der Kapitalismus die Bedürfnisse der Netzbewohner berücksichtigen. Das Ganze sei ein Geben und Nehmen – und längst nicht so einseitig, wie Morozov es in seinen Horrorgemälden darzustellen pflege.

Morozov sagt: Das kapitalistische Internet habe das Ziel, dem Einzelnen jedes eigenständige Denken zu rauben und an undurchsichtige Algorithmen zu delegieren, die den Mainstream und die erwünschten Normen definieren. Die Dauer-Überflutung mit Informationen, die eine bessere Entscheidungsfindung gewährleisten sollen, blockiere in Wahrheit die Anstrengung des Selberdenkens. Das Risiko werde ersetzt durch die Berechnung, die Verantwortung durch die Fremdbewertung. Die Netzbewohner würden ignorieren, dass die alte Maxime der Aufklärung – je mehr du weißt, desto besser – im Silicon Valley-Zeitalter unter einem Berg von Informationsmüll begraben werde. Die neue Freiheit basiere dagegen auf der Maxime: Je weniger du weißt, desto besser. Erst dann könne man aus eigener Kraft und Herrlichkeit wieder Entscheidungen treffen. Erst dann sei man frei. Auf diese John Wayne-Haltung reagieren die Netzbewohner mit Spott und Verachtung. Sie halten sich durchaus für fähig, aus einem Überangebot das für sie Brauchbare herauszufiltern. Ein Zuviel an Informationen habe noch niemandem geschadet, ein Zuwenig könne Katastrophen auslösen. Der Mensch sei nicht so manipulierbar wie der grimmige und griesgrämige Menschenfeind Morozov annehme. Morozov begehe den unentschuldbaren Fehler, alles, was in der Welt vor sich gehe, auf die Teufel aus dem Silicon Valley zu projizieren. Damit werde er zum Gefangenen seiner eigenen Wahnvorstellung. Er gebe zwar vor, das kapitalistische Internet in seiner ganzen Tiefe zu analysieren, beschreibe aber ausschließlich Oberflächen-Phänomene. Auch seine argumentative Technik sei leicht durchschaubar: Zuerst baue er einen Riesen-Popanz auf, um ihn anschließend unter wildem Geheul effektvoll zerschmettern zu können.

Morozov sagt: Oh, ihr Ahnungslosen! Ihr wisst doch nur, was euch das Netz gnädigerweise zuteilt. Ihr glaubt zu filtern, aber ihr werdet gefiltert. Ihr glaubt, ihr hättet die Joysticks in eurer Hand, aber die Joysticks manipulieren euch. Euer Freiheitsbegriff ist genau so oberflächlich und abgemagert wie eure technizistisch-neutralistische Netztheorie. Ihr betrachtet nur jenen Ausschnitt der Wirklichkeit, den euch die Scheuklappen von Google erlauben. Ihr stellt keine Zusammenhänge her, die über vorgegebene Verlinkungsstrukturen hinausgehen. Ihr dringt mit eurer Technologie-Fixierung nicht mehr zum Kern der Debatte vor: dass die digitale Technik sowohl integraler Bestandteil als auch Ausdruck des kapitalistischen Fortschritts ist. Ihr weigert euch wahrzunehmen, dass der Cyberspace nicht von der übrigen Welt zu trennen ist, ja dass er ohne diese gar nicht gedacht werden kann. Und dass er deshalb genau so kühl und unnachsichtig analysiert werden muss wie der übrige Neoliberalismus.

Gegen diese Kritik wehren sich die Netzbewohner aber nicht mit einer eigenen Analyse, nein, sie reagieren auf das sich bei der Morozov-Lektüre unweigerlich einstellende Gefühl der selbstverschuldeten Unmündigkeit rein impulsiv. Reflexhaft projizieren sie ihren Verdruss auf die Person. Sie sagen, es gehe Morozov immer nur um das eine: sich mit seinen unhaltbaren Thesen in den Vordergrund zu spielen. Dann spucken sie drei Mal verächtlich über die rechte Schulter und verfluchen den Mistkerl.

Siehe auch: Die kalifornische Ideologie und der deutsche Reflex

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Was würde passieren, wenn Edward Snowden Asyl in Deutschland bekäme?

6 November 2013 um 16:32 • 0 Kommentarepermalink

Die deutschen Transatlantiker sind tief besorgt, dass die Snowden-Anhänger die Bevölkerung überzeugen könnten. Also malen sie schon mal die 20 schlimmsten Folgen eines deutschen Snowden-Sonderwegs an die Wand. Im Vertrauen: Es wäre der reinste Horror.

 

Es ist sonnenklar, dass die Amerikaner beinhart reagieren würden, wenn Edward Snowden in Deutschland Asyl bekäme. Die US-Schock-Strategie bestünde aus drakonischen Maßnahmen:

 

1. Alle McDonalds-Filialen in Deutschland würden sofort schließen.

2. Die Deutschen dürften keine amerikanischen TV-Serien mehr kaufen oder ausleihen, insbesondere nicht Homeland, Mad Men, Breaking Bad, 30 Rock, 24, Game of Thrones, Boardwalk Empire, The Walking Dead, How I met your Mother, Dr.House, die Simpsons, The Big Bang Theory, The Office, Taras Welten, Southpark und Family Guy. Nur alte Seinfeld-Folgen dürften – auf Bitten Henryk M. Broders – weiter erworben werden.

3. Alle deutschen Facebook-Nutzer würden gezwungen, auf Vkontakte (Russland) oder Renren (China) umzusteigen.

4. Typische amerikanische Vornamen wie Ed, Dean, Marvin, Jason, Jesper, Kevin, Rico, Dave, Blake, Bill, Ron, Nic, Zac, Mic, Ozzy, Tyson, Emmett, Dexter, Dwayne und Percy bzw. Chelsea, Amy, Kim, Cheyenne, Paris, Peaches-Honeyblossom, Jamie, Mackenzie, Raven, Willow, Cynthia, Charlize, Meagan und Scarlett dürften nicht mehr an deutsche Kinder vergeben werden.

5. Die deutschen Apple-Stores würden nur noch Nicht-Deutschen Zutritt gewähren.

6. Alle Deutschlandkonzerte von Britney Spears, Katy Perry und Mariah Carey würden abgesagt.

7. Andrew B. Denison und Don F. Jordan würden nicht mehr als typisch amerikanische Journalisten für deutsche Talkshows zur Verfügung stehen.

8. Die geplanten Hollywood-Blockbuster Avatar 2, 3 und 4, Stirb Langsam 6, Bad Boys 3, Star Wars Episode VII und Terminator 5 dürften in Deutschland nicht gezeigt werden.

9. Die HuffPost Deutschland würde aus Protest jeden Tag mit einer leeren Seite erscheinen.

10. Alle Direkt-Flüge von Deutschland in die USA würden über Guantanamo umgeleitet, was die Reisezeit auf bis zu drei Jahre verlängern könnte.

11. Erdnussbutter und Marshmallow-Creme würden über Nacht aus deutschen Supermarktregalen verschwinden.

12. Amerikaner, die bislang die Marken BMW, Porsche oder Mercedes bevorzugten, würden auf Dongfeng, Chery oder Quoros umsteigen.

13. Die Abo-Preise für das Wall Street Journal, den New Yorker, die New York Times, Esquire, The Atlantic, Time, Vanity Fair, Rolling Stone, Fortune, MAD, Macworld, American Scientist, Sports Illustrated, Wired, In Style, Vogue, National Geographic, Official Xbox Magazine, UFO Magazine, Bird Talk, Hustler, Foreign Affairs und The American Philatelist würden für Bestellungen aus Deutschland stark angehoben.

14. Dirk Nowitzki würde von den Dallas Mavericks an die Würzburg Baskets verkauft.

15. Der Film-Oscar für den besten ausländischen Schwarzweißfilm in Überlänge würde doch nicht an „Die andere Heimat“ von Edgar Reitz vergeben.

16. Beim 54. Deutsch-Amerikanischen Freundschaftsfest in Berlin würden Doppel-Looping-Bahn, Break Dance-Karussell, Crazy Mouse-Achterbahn, Auto Scooter, Florida-Eis und Hot Dogs von den Amerikanern demonstrativ durch Halma, Brio-Eisenbahn und Reiswaffeln ersetzt.

17. Jürgen Klinsmann, Thomas Gottschalk und Florida-Rolf würden aus Florida nach Deutschland abgeschoben.

18. Deutsche Kids dürften folgende Markenklamotten nicht mehr erwerben: Tommy Hilfiger-Hosen, Old Navy-Shirts, Tory Burch-Flip-Flops, American Eagle-Hoodies, J Crew-Bags, USA Rebel Basecaps, Guess-Jeans, Jack Wolfskin-Parkas, Levis-Jacken, Nike-Sneakers und Converse-Chucks.

19. Henry Kissinger würde seine Jahreskarte für den Fußballclub SpVgg Greuther Fürth öffentlich an Wladimir Putin verschenken.

20. Die US-Computerspiel-Industrie würde die Deutschland-Lizenzen für folgende Spiele zurückziehen: Grand Theft Auto, World of Warcraft, Medal of Honor, Diablo, Half-Life, Counter-Strike, Battlefield, Star Wars, Dead Space, Dragon Age, Doom, BioShock, Call of Duty, Age of Empires und FIFA.

 

P.S. Nicht ganz so schlimm wie die vorstehenden Folgen, aber immer noch relativ unangenehm: Die NSA würde jeden Tag ein anderes abgehörtes Gespräch deutscher Pro-Snowden-Politiker an Bild, BamS, WamS, SZ, NDR, Spiegel, Focus, Report München, Titanic oder heuteshow leaken.


Netzpolitik: Das Ende der Kindheit

2 Oktober 2013 um 14:52 • 1 Kommentarpermalink

Im Netz hat der Ausgang der Bundestagswahl wenig Begeisterung hervorgerufen. Nun wird heftig diskutiert, warum man so wenig Einfluss hat. Die Niederlage könnte ein Weckruf sein.

 

Kurz nach der Bundestagswahl hat Michael Seemann in seinem Beitrag „Netzpolitik. Das Ende einer Ära“ die Netzpolitik in ihrer jetzigen Konzeption für tot erklärt und gefragt: „Haben wir versagt: organisatorisch, ideologisch, personell?“ Niemand, so Seemann, müsse die Netzpolitiker noch ernst nehmen, denn sie hätten es nicht geschafft, über die eigene Filterbubble hinaus in die Gesellschaft hineinzuwirken. Seemanns Klage mündet in den resignierenden (und provozierenden) Satz, der Deutsche Ruderverein habe vermutlich einen größeren Einfluss auf die Bundestagswahl gehabt als „die Netzgemeinde“.

Das mag schon sein. Und gewiss wird es auch jetzt wieder zahlreiche Kommentatoren geben, die nichts Besseres zu tun haben, als sich am unscharfen Begriff der Netzgemeinde abzuarbeiten oder auf andere Weise abzulenken. Seemanns Diagnose ändert das nicht. Auch ich habe im vergangenen Jahr auf die nachlassende Kraft der Netzbewegten und die Kurzatmigkeit vieler Protestbewegungen hingewiesen. Nach der Wahl versuchten Richard Gutjahr, Sascha Lobo, Markus Beckedahl, Gunnar Sohn, Felix Schwenzel, Patricia Cammarata und Thorsten Breustedt den tiefen Fall der Netzpolitik zu ergründen und Ursachenforschung zu betreiben. Ich werde also den Teufel tun und Seemanns grimmigen Abriss des Niedergangs für abwegig erklären. Er hat ja im Grunde Recht. Allerdings würde ich nicht vom „Ende einer Ära“ sprechen, sondern nur vom Ende einer frühen Entwicklungsphase. Der Begriff Ära verweist nämlich schon auf die fatale Neigung vieler Netzbewegter, die eigene Rolle und Bedeutung zu überschätzen.

Seemann fordert dazu auf, die Fehler der Vergangenheit kritisch zu analysieren. Er spart allerdings einen Faktor aus, der vieles, was früher gut war, heute als Irrtum erscheinen lässt: Die Ideologie des Internets, d.h. die Bewertung des Internets durch bestimmte Gruppen, hat sich 2013 entscheidend verändert.

 

Die neue Heimatlosigkeit

Niemand kann heute daran vorbeigehen, dass die negative Bewertung, die das Internet in vielen Medien und weiten Gesellschaftskreisen seit langem überreichlich erfährt, 2013 auch Teile der Netzbewegten infiziert hat. Die Stimmung drehte von Himmelhoch-jauchzend auf Zu-Tode-betrübt. Das „Paradies Internet“ wurde durch die Jagd auf WikiLeaks, die Übermacht der amerikanischen Internetgiganten und die Enthüllungen Edward Snowdens zur „Hölle der Verfolgung und Überwachung“ uminterpretiert (siehe Evgeny Morozov). Diese totale Umwertung hat den Netzbewegten ein bis dato unbekanntes Gefühl beschert: das Gefühl der Heimatlosigkeit. Wo früher fast zärtlich von „Netzbewohnern“ gesprochen wurde, zeigt sich nun kalte Obdachlosigkeit. Zum unbekannten CDU-Wähler gesellt sich das fremd gewordene Netz. Schon deshalb kann die „naive“ Netzpolitik der Nuller-Jahre nicht mit dem desillusionierten Zustand von heute verglichen werden.

 

Falsche Bündnis-Partner

Viele Medien haben den Negativ-Kurs gegenüber „dem Internet“ mit ganzer Kraft unterstützt. Hier konnten sie ihre langjährigen direkten Konkurrenten Google, Facebook, Apple usw. empfindlich treffen und politisch korrekt dämonisieren. Die Netzbewegten und die von den Netzbewegten lange Zeit in Grund und Boden kritisierten „Alt-Medien“ befanden sich 2013 plötzlich auf derselben Seite. Brüderlich teilte man jedes Salamischeibchen der Snowdenschen Enthüllungen. Doch am Ende waren die Netzbewegten von der Informationspolitik der „Alt-Medien“ abhängig und politisch kastriert. Denn trotz ihres Enthüllungs-Furors blieben die klassischen Medien lammfromm. Von vierter Gewalt keine Spur. Kein Chefredakteur forderte ein Amtsenthebungsverfahren gegen Angela Merkel wegen Verletzung ihres Amtseids. Kein Chefredakteur rief zur Umzingelung der Parteizentralen auf. Jakob Augsteins Streitschrift „Sabotage“, das einzige Wutbürgerbuch eines amtierenden Chefredakteurs, das gezielt über herkömmliche Protestformen hinausdachte, wurde von den Leitmedien als verunglückte Bohème-Phantasie eines reichen Spinners verrissen.

Auch Thorsten Breustedt weist auf den Umstand hin, dass sich die Netzpolitik von den Medien gefangen nehmen ließ; dass sich die Netzbewegten lieber an deren Beliebtheits-Ranking orientierten als eine eigene Plattform aufzubauen. Dadurch war man den Konjunkturschwankungen der Medien auf Gedeih und Verderb ausgeliefert; man konnte ihnen keinen unabhängigen Diskurs entgegensetzen. Aufgrund ihrer Medienfixierung kam den Netzbewegten auch nie der leiseste Gedanke, sich mit ihrer Thematik an die Kirchen und Gewerkschaften zu wenden. Die Klasse der Kreativen hatte man ja im Zuge falscher Frontstellungen (Urheberrecht!) bereits vergrault.

 

Weiterwursteln ersetzt keine fundierte Theorie

Die historischen Subjekte der Netzpolitik, die sich in den letzten Jahren herausgebildet haben, die Piratenpartei, verschiedene Pressure Groups wie die Digitale Gesellschaft und andere NGOs, Beratungsorganisationen wie der CCC, die Enquete-Expertokratie und einige Partei-Arbeitskreise, politische Blogger und Whistleblower unterlagen fast alle dieser Medien- und Talkshow-Abhängigkeit.

Nun könnte man einwenden, in der Früh-Phase der Aufklärung über netzpolitische Themen sei das die einzig richtige Strategie gewesen. Aber diese Medien-Orientierung förderte leider nur das oberflächliche Lanz’sche „Herumlabern“ und hinderte die Protagonisten an der Ausbildung einer tragfähigen und diskussionswürdigen „Theorie des digitalen Kapitalismus“. Diese Theorie – die sich mit den Folgen der digitalen Revolution und der Rolle, die die historischen Subjekte in ihr spielen können, auseinandersetzen müsste (Frank Schirrmacher hat dies kürzlich angemahnt, SPD-Vordenker Peter Glotz hatte schon 1999 darauf hingewiesen) – darf freilich nicht verwechselt werden mit der Ideologie des pragmatischen Weiterwurstelns, in die sich viele Netzbewegte zurückgezogen haben.

 

Dröge Expertokratie

Dieses „Weiter so“, das die Kritiker der Regierung oft und gerne vorwerfen, betreiben die Netzpolitiker nämlich selbst – ohne dass es ihnen bewusst zu werden scheint. Bereits wenige Tage nach der Bundestagswahl gaben zwei Netz-Kenner von Spiegel Online die neue alte Marschrichtung vor und listeten auf, welche netzpolitischen Themen jetzt auf der Tagesordnung stünden. Sie nannten die Aufarbeitung des NSA-Skandals, die Vorratsdatenspeicherung, den Breitbandausbau und die Netzneutralität. Markus Beckedahl fügte noch die Ausarbeitung einer Europäischen Datenschutzgrundverordnung hinzu. Drei dieser Themen – Vorratsdatenspeicherung, Netzneutralität und Datenschutzrichtlinie – werden nicht in Berlin, sondern in Brüssel entschieden. Doch das Problem ist gar nicht so sehr der Ort, auf den sich die Netzbewegten konzentrieren sollten – viel entscheidender ist die Frage, ob das bevorzugte Mittel der Wahl, die expertokratische Lobbyarbeit, wirklich die richtige Strategie für eine junge Bewegung ist.

Gerade bei den so genannten Sachthemen wäre eine Änderung der Strategie dringend erforderlich. Denn der typisch deutsche Hang zur Expertokratie führt schnurstracks in die nächste Filter-Bubble. Egal, ob man nun lang und breit über Kontrollverlust doziert oder über europäische Datenschutzgrundverordnungsrichtlinien, man bleibt auf der technizistischen Sprach-Ebene eines Telekom-Ingenieurs oder eines EU-finanzierten Projektleiters in irgendeinem universitären Post-Media-Lab. Auch im Mund von Digital Natives klingen Netzneutralität und Breitbandausbau nicht betörender als kommunale Regenwasserkanalerneuerung oder Festnetzanschluss. Bei vielen „Sachthemen“ wird heute die Chance vertan, eine verständliche, nicht-elitäre Sprache zu entwickeln. Denn der von Felix Schwenzel zum Kronzeugen einer „Mir doch egal“-Haltung erhobene Rhön-Bauer wird von der Digitalisierung genauso erfasst werden wie der piratige Altbaunerd in Berlin-Friedrichshain. Für beide geht es um „Gleiches Recht für alle“, um „Schutz der Privatsphäre“, um den freien Zugang zu alten Apfelsorten. Um Themen, die auch Digital Immigrants verstehen. Das bedeutet, dass die Netzbewegten das sie umhüllende „Netz“ endlich ablegen müssen wie ein schlüpfendes Küken seine Eierschalen.

 

Politik als Beruf

Der Eintritt in die realen Welten der Rhönbauern und der unbekannten CDU-Wählerinnen bedeutet allerdings auch, dass man sich bewusst für oder gegen das Politikmachen entscheiden muss. Vielen Netzbewegten fehlt bislang das Zeug zum political animal. Sie sind eher Medienmenschen als Politiker, eher Gäste als Gestalter von Politik. Man kann sich natürlich weiter über die Philipp Mißfelders und Asgar Hevelings begöschen, aber als politische Netzwerker sind diese allemal ausgefuchster als Piraten, Blogger und digitale Pressesprecher.

Dass eine Marina Weisband mitten im Höhenflug ihrer Piratenpartei aussteigt und lieber Tweets aus ihrem Poesiealbum verschickt; dass ein Sascha Lobo lieber Kolumnen bei Spiegel Online verfasst als sich an die Spitze der Bewegung zu stellen; dass die CCC-Sprecher lieber Unternehmen beraten oder FAZ-Artikel verfassen als Politik zu gestalten – das kann man ihnen nicht vorwerfen, das muss letztlich jeder für sich selbst entscheiden. Wenn sich die Besten (die Sympathieträger!) absentieren oder in behaglichere Nischen zurückziehen, kommen eben Leute an die Spitze, die es nicht so gut können. Dann muss man sich mit politischer Einflusslosigkeit bescheiden.

Doch zur Ehrenrettung der schwankenden Ich-weiß-nicht-so-recht-ob-ich-Politiker-sein-soll-Generation sollte auch daran erinnert werden, dass die digitale Revolution für die meisten Menschen in der Bundesrepublik noch immer Neuland ist. Auch die erste industrielle Revolution (beginnend um 1840 mit dem Eisenbahnbau = analoges Breitband) brauchte zwei, drei Jahrzehnte, um (ab 1860) große Parteien hervorzubringen, die diese Umwälzung gestalten wollten.

Alles, was heute unter Netzpolitik läuft, ist deshalb nur Vorläufertum, Frühform, Avantgarde. Auch die Piratenpartei ist nur eine Episode, ein Vorprogramm für größere politische Organisationen. Selbst wenn sie sich auflösen würde, wäre das keine politische Katastrophe. Im Gegenteil: als Versuch und Experimentierfeld ist sie so wertvoll wie ein kleines Steak. Denn erst wenn die digitale Revolution die deutsche Gesellschaft mental wie ökonomisch durchdrungen hat, wird Netzpolitik wirklich Einfluss gewinnen.

Im Vorteil ist, wer sich frühzeitig damit auseinandersetzt.


Stillstand

23 September 2013 um 0:39 • 3 Kommentarepermalink

Die Medien hatten einen superspannenden Wahlabend versprochen. Das Ergebnis spricht eher für politischen Stillstand.

 

Eines der besten Kulturmagazine ist „Tracks“ auf ARTE. Samstagnacht brachten sie eine Sendung über die Prokrastinations-Bewegung, und mit dabei war ein unerhört einfühlsamer Bericht über den Dude-ismus, jene “am langsamsten wachsende Religion der Welt“, die sich dem fernöstlichen Daoismus verwandt fühlt. Der Dude-ismus vereint die friedliche, über die ganze Welt verstreute Anhängerschar des Dude.

Der „Dude“ – im Kultfilm „The Big Lebowski“ dargestellt von Jeff Bridges – ist ein aus der Zeit gefallener Hippie, der die passende Lebensform für sich gefunden hat und diese nur widerstrebend verlässt, wenn ihm jemand auf seinen Teppich pisst. In Thailand residiert sogar ein „Dudely Lama“, der sich – wie der Dude im Film – in Bademantel, Badelatschen und Shorts die erforderlichen Zutaten für seinen White Russian besorgt. In Amerika gibt es Gemeinden, die sämtliche Szenen des heiligen Films immer wieder nachspielen, und deren Mitglieder so aussehen wie der Dude oder seine Freunde Walter Sobchak („Don’t roll on shabbes“) und Donny.

Der Dude verkörpert mehr als ein Lebensgefühl. Er hat die Politik aus seinem Leben ausgesperrt. Als Ex-Mitglied der „Seattle Seven“ konnte er mit der Reagan- und Bush-Ära einfach nichts mehr anfangen.

Ich glaube, nach dem Wahlabend des 22. September wird der Dude-ismus auch in Deutschland Fuß fassen. Es scheint sich um die einzige Lebensform zu handeln, die einem derartigen Wahlergebnis gewachsen ist. Man möchte nur noch bowlen, einen Joint rauchen und in einem Ford Gran Torino „Lookin out my backdoor“ hören.

Das Ergebnis der Bundestagswahl fühlt sich an, als würde die Zeit eingefroren. Als würde ein vierjähriger Winter bevorstehen, den man nur überstehen kann, wenn man jeden Abend den Film „The Big Lebowski“ ansieht. 2017 können wir vielleicht weitermachen, wo wir 2013 aufgehört haben.

Besonders schade ist, dass die CDU die absolute Mehrheit knapp verfehlt hat. Denn das bedeutet, dass die SPD wieder nicht von Steinbrück und Steinmeier lassen kann. Es wird keinen Neuanfang geben. Also stellen wir vorsorglich die Uhren auf 2005 zurück, verstreuen die Asche der FDP und gehen bowlen.

 


Die gekränkte Demokratie

12 August 2013 um 12:55 • 1 Kommentarpermalink

Die Deutschen reagieren – zu Recht – besonders heftig auf Snowdens Enthüllungen. Das Misstrauen ihrer Verbündeten empört und kränkt sie. Sie fragen sich: Warum trauen uns „unsere Freunde“ nicht über den Weg? 

 

Auf der Weltkarte der NSA-Überwachung ist Deutschland gelb eingefärbt. So gelb wie China. Nur Indien, Pakistan, Iran und Ägypten werden noch stärker überwacht als Deutschland. Alle europäischen Länder – außer Deutschland – sind grün eingefärbt. Grün bedeutet: harmlos. Diese Länder werden nur schwach überwacht. „Die große Schnüffel-Karte“ (die beim Spiegel übrigens anders aussieht als bei der Bildzeitung) ist eine ungeheure Kränkung. Denn wenn ein Musterschüler schlecht behandelt wird, geht die Verletzung besonders tief.

Die Deutschen als die Treuesten der Treuen tragen jetzt eine elektronische Fußfessel Marke NSA. Als wären sie „Sittlichkeitsverbrecher“, die sich ein Mal am Tag bei ihrem Sozialbetreuer melden müssen.

Darüber hinaus erfährt das ganze Land eine nationale Demütigung. Ausgerechnet wir Deutschen, die wir die Re-Education durchlaufen und die Demokratie praktisch auswendig gelernt haben, erfahren nun, dass Deutschland als Staat nicht wirklich souverän ist. Dass uns Briten und Amerikaner (und vermutlich auch Franzosen) lückenlos überwachen dürfen.

Warum tun sie das?

 

Der lange Arm der Geschichte

Es gibt ein paar historische Gründe, die man nicht vom Tisch wischen kann. Amerikanische und britische Sicherheitsberater befürchten zum Beispiel immer, dass die Deutschen wieder einen Sonderweg gehen könnten. Auch wenn wir „unseren Freunden“ hundert Mal versichern, dass wir inzwischen so westlich geworden sind wie Johnny Cash oder 50 Cent – ihre Geheimdienste glauben es einfach nicht. Sie denken an den uneingeschränkten U-Boot-Krieg von 1917, an Rapallo, an den Hitler-Stalin-Pakt, an deutsch-russische Deals.

Zbigniew Brzezinski, der wichtigste außenpolitische Berater Jimmy Carters, sah in der möglichen „eurasischen“ Kooperation (Europa & Asien) die große Zukunfts-Gefahr für Amerikas Vorherrschaft. Maggie Thatcher warnte bis zuletzt vor einem wieder erstarkten Deutschland in der Mitte Europas, denn mit der deutschen Vereinigung würde das bewährte britische „Teile und Herrsche“-Prinzip in Kontinentaleuropa nicht mehr funktionieren. Logische Folge: Man musste die Deutschen überwachen. Und da der BND eine amerikanische Schöpfung ist, war das auch gar nicht so schwer. (Wie stark die Überwachung durch die West-Alliierten zwischen 1949 und 1989 war, kann man bei Joseph Foschepoth nachlesen).

Natürlich ist der islamistische Terrorismus heute nicht der einzige Grund für die Spitzelei. Die EU ist für die britisch-amerikanische Industrie zu einer mächtigen Konkurrenz aufgestiegen. Man will in Washington oder London frühzeitig wissen, was kontinentaleuropäische Firmen wie EADS oder Siemens oder Rheinmetall vorhaben, welche Maschinen oder Produkte sie an wen verkaufen, welche „Schurkenstaaten“ von deutschen Mittelständlern mit Spezialchemie, Elektronikteilen oder Waffen versorgt werden. Ja okay, man verschafft sich durch Wirtschaftsspionage natürlich auch Wettbewerbsvorteile. Aber sollen Amerikaner und Briten zusehen, wie deutsche Firmen an China, Libyen, Syrien, Irak oder Iran verdienen? Solche Geschäfte will man – im Zweifel – doch lieber selber machen.

Unsere Nato-Verbündeten wissen auch, in welchen Teilen der Welt das Ansehen Deutschlands besonders hoch ist. Die Deutschen verfügen aufgrund der beiden Weltkriege über traditionell gute Beziehungen zu anti-britisch oder anti-amerikanisch eingestellten Staaten. Überall, wo es britische Kolonien gab oder amerikanische „Militärhilfe“, hört man als Deutscher noch heute die erstaunlichsten Ansichten über Deutschland („Beckenbauer gut!“, „Hitler gut!!“).

Das kaiserliche Deutschland hat Lenin im Ersten Weltkrieg im verplombten Güterzug von Zürich nach Russland expediert, damit er dort die russische Revolution anzetteln kann. Aber nicht nur in Russland und im Kaukasus – in vielen Ländern von Afghanistan bis Persien, von China bis Indien hat Deutschland einst nationale Revolten gegen Großbritannien inszeniert, mit Terror, Sabotage, Banküberfällen, Aufständen und allem, was dazugehört. Das ist in den Hauptstädten so unvergessen wie Hitlers Barbarei. Und wenn eine deutsche Regierung heute – aus guten Gründen – einen Krieg der Willigen gegen den Irak ablehnt oder bei einer Libyen-Resolution im Weltsicherheitsrat mit China und Russland stimmt, dann spitzen die irritierten Westmächte – im wahrsten Sinne des Wortes – ihre großen Ohren.

Sie haben auch nicht vergessen, wo die intellektuellen Wurzeln des Antisemitismus und des Antiamerikanismus liegen. Die deutsche Rechte und die deutsche Linke stehen deshalb unter besonderer Beobachtung, auch wenn uns Deutschen das übertrieben und hin und wieder paranoid erscheint, und uns manche ärgerliche Gleichsetzung oder Analogie die Haare zu Berge stehen lässt.

Aus all diesen Gründen – und weil in Deutschland lange Zeit die Systemgrenze verlief – wurden die west-deutschen Geheimdienste nach 1945 eng an die west-alliierten Dienste gebunden. Mit Billigung aller west-deutschen Regierungen. Aber die Zeiten ändern sich.

 

Nur durch Widerstand können wir beweisen, dass wir Demokraten sind

Nichts von alledem rechtfertigt heute die Totalüberwachung unserer privaten Kommunikation. Demonstrationen und Proteste sind darauf die richtige Antwort. Würden die Deutschen die kränkende und ehrverletzende Behandlung durch die westlichen Geheimdienste widerstandslos hinnehmen, wäre das ein untrügliches Alarmzeichen. Dann müssten unsere britischen und amerikanischen Freunde tatsächlich annehmen, dass es in Deutschland nicht genügend Demokraten gibt.

Diesem Verdacht sollten wir uns auf keinen Fall aussetzen.

 

Siehe auch meinen Beitrag “Die Kränkung der Demokraten” in der FAZ


Warum Prism der Koalition nicht schadet und der Opposition nichts nützt

23 Juli 2013 um 11:37 • 1 Kommentarpermalink

Manche glauben ja, der NSA-Skandal wäre Steinbrücks letzte Chance auf einen Wahlsieg im September. Das ist gut gemeinter Unsinn. Die Konfliktlinie verläuft mitten durch die Opposition.

 

1.

An den sicherheitsorientierten Wählern von Union und FDP, aber auch an der stillen Reserve der Nichtwähler geht die Empörungswelle weitgehend vorbei. Der aufgeregte Diskurs über die Grundrechte bleibt ein Thema des neuen Mittelstands: der städtischen Angestelltenschaft, des digitalen Prekariats, der versprengten Reste des Bildungs-Bürgertums. Die Empörung verbleibt in der eigenen Filter-Bubble.

Kaum Interesse am Thema zeigen das ländliche Kleinbürgertum, die Bauern, die Beamtenschaft, die Freiberufler, das Wirtschaftsbürgertum, der alte Mittelstand (das Wählerreservoir von Union und FDP). Auch die Klasse der Reichen, deren Steueroasen vor kurzem enthüllt wurden, hält sich – da kompromittiert – eher fern.

 

2.

Es geht beim Abhör-Skandal nicht ums eigene Portemonnaie. Es geht um ideelle Werte: um Freiheit und Selbstbestimmung in der Demokratie. Eine Opposition, die das begreiflich machen möchte, muss den Freiheitsbegriff, ja den Freiheitsdrang selbst verkörpern. Doch schaut man sich das Bundestags-Personal an – was sieht man da? Auf den fiktiven Wahlkampf-T-Shirts der Oppositions-Abgeordneten steht schätzungsweise 270 Mal „It’s the economy, stupid!“ und nur 20 Mal „Free Bradley Manning!“

 

3.

Die politische Kraft, die der Regierung hätte gefährlich werden können, weil sie aus dem Reservoir von FDP und CDU schöpft, die „Alternative für Deutschland“ (AfD), ist durch den Abhörskandal aus dem Blickfeld des öffentlichen Interesses verschwunden. Der Abhörskandal ist nicht ihr Thema. Mit Bürgerrechten außerhalb von Euro-Rettungsschirmen können die AfD-Professoren wenig anfangen. Das Thema nationale Souveränität ist ihnen offenbar nur wichtig, wenn es um Steuergeld geht. Deshalb nützt der Abhörskandal indirekt der Stabilisierung der CDU.

 

4.

Über kurz oder lang wird das Thema nicht die Regierung, sondern die Opposition spalten. Denn das Motiv, sich ernsthaft zu engagieren, ist dort extrem unterschiedlich ausgeprägt. Die zornigen Bürgerrechtsaktivisten, die im Netz sozialisiert wurden, werden die rot-grüne Unentschlossenheit bald bemerken. Da allen Beteiligten klar ist, dass jenseits verbaler Protestnoten nur Großdemonstrationen, Boykotts und Blockaden etwas ändern, wird sich die Spreu bald vom Weizen trennen. Linke und Piraten werden zu Protesten aufrufen, Grüne und SPD werden versuchen, die Aufregung zu kanalisieren.

 

5.

Für die Spaltung der Opposition spricht auch ein historisches Vorbild: die Debatte um die Notstandsgesetze. Diese Debatte zerriss nicht etwa die Konservativen, sie zerriss das linke Milieu – am Ende sogar die regierende SPD. Bei der Abstimmung am 30. Mai 1968 votierten 53 von 202 SPD-Abgeordneten mit Nein, drei Viertel mit Ja.

 

6.

Erschwerend kommt hinzu, dass das angestrebte Projekt Rot-Grün keine weiße Weste mehr hat. Es wäre lachhaft, zu behaupten, dass die Regierenden von 1998 bis 2005 nichts über das Ausmaß der Geheimdienst-Zusammenarbeit gewusst haben. Bereits wenige Tage nach ihrem Regierungsantritt waren Schröder und Fischer in den Kosovokrieg involviert. Aber auch, als der US-Kampf gegen den Terror in Paranoia umschlug, haben SPD und Grüne weiter geschwiegen. Die SPD schwieg bis 2009. Das heißt: Wenn es hart auf hart kommt, wenn Beschlüsse gefasst werden sollen gegen die Kontrollwut der Bündnispartner, werden SPD und Grüne wieder brav mit CDU und FDP stimmen.

 

7.

Gegen die Notstandsgesetze hatten sich 1968 Studenten, Intellektuelle, Teile der Gewerkschaften, Teile der SPD und – ja! – die komplette FDP verbündet. Heute ist die FDP in Sachen Freiheit ein Totalausfall, die Intellektuellen haben sich zurückgezogen und der von Michael Sommer entpolitisierte DGB hält sich aus politischen Debatten heraus. Auch die Stimmung ist lange nicht so aufgewühlt wie damals. Vier Wochen vor der Verabschiedung der Notstandsgesetze war Rudi Dutschke bei einem Attentat schwer verletzt worden.

 

8.

Die Journalisten, die sich jetzt in Leitartikeln empören, werden wahrscheinlich die ersten sein, die kneifen. Denn auch bei ihnen hat das transatlantische Bündnis redaktionellen Vorrang vor nationaler Freiheit und Souveränität. Insofern heucheln uns Bild, Bams und Glotze etwas vor. Wenn es ernst wird, werden sie die Bürgerrechtsbewegung spalten – in einen guten und in einen bösen Teil.

 

9.

Eine Mobilisierung zur Verteidigung der Grundrechte wird auch dadurch erschwert, dass in Sachen Überwachung kein Supergau wie in Fukushima stattgefunden hat, sondern nur eine Enthüllung ‚ungefährlicher’, ja ‚folgenloser’ Praktiken. Niemand spürt bisher am eigenen Leib, was eine Missachtung von Grundrechten bedeutet. Alarmrufe und Phantasien à la 1984 reichen nicht aus. Es gibt bislang keinen Ort, an dem sich eine Protestbewegung kristallisieren könnte. Der Transitbereich des Flughafens Scheremetjewo ist dafür ungeeignet.

 

10.

Den deutschen Bürgerrechtsaktivisten fehlen die Köpfe. Edward Snowden, Bradley Manning oder Julian Assange sind nicht greifbar. Und die relativen „Größen“ der deutschen „Netzgemeinde“ trauen sich eine Führungsaufgabe nicht zu.

 

Crosspost


Es gibt keine vierte Gewalt. Es gibt nur Medien

25 Juni 2013 um 13:17 • 0 Kommentarepermalink

Öffentlichkeit und Transparenz erscheinen als letzte Flausen einer pubertierenden Postdemokratie. Alles soll immer öffentlicher und transparenter werden. Nur ändern tut sich nichts.

 

Kai Biermann schrieb kürzlich in der ZEIT einen einfühlsamen Bericht über den Whistleblower Edward Snowden, der die globalen Überwachungspraktiken des amerikanischen Militärgeheimdienstes NSA enttarnt hatte. Jeden Satz in diesem Text möchte man unterstreichen. Oder sagen wir: Fast jeden. Denn ein Satz in Biermanns „Plädoyer für mehr Öffentlichkeit“ klingt eher wie eine Pflichtübung, hingeschrieben, ohne viel darüber nachzudenken. Er lautet:

„In demokratischen Gesellschaften ist es die Öffentlichkeit, die beim Korrigieren von Fehlentwicklungen helfen kann.“

Dass ein Journalist die Bedeutung seines eigenen Gewerbes hoch einschätzt, ist verzeihlich und nicht weiter verwunderlich. Medien haben – so lehrt es schon der Politikunterricht – die unersetzliche Aufgabe, beim Korrigieren von Fehlentwicklungen zu helfen. Auch auf Medienkongressen oder in Diskussionen über den Qualitäts-Journalismus wird die Aufgabe der vierten Gewalt so definiert. Die Medien sind unser Freund und Helfer. Die Medien sind die vierte Gewalt.

Moralisch gesehen ist das richtig. Nur leider wird diese Zuschreibung nicht von Fakten untermauert. Jeder, der einigermaßen aufmerksam in die Welt blickt, wird feststellen müssen, dass die Überwachungsmaschinerien über viele Jahrzehnte in einer ganz und gar demokratischen Gesellschaft groß geworden sind. Also in einer Gesellschaft, in der die Öffentlichkeit Fehlentwicklungen angeblich korrigiert. Doch die Fehlentwicklungen der Geheimdienst-Schnüffelei wurden keineswegs korrigiert, sondern trotz aller “Enthüllungen” ausgeweitet. Es wurden zwar kritische Fragen und ein paar scharfe Kommentare formuliert, aber hinterher wurde fleißig weiter spioniert.

Oder werden nach den vielen unschuldigen Opfern von Drohnenangriffen jetzt keine Drohnen mehr für völkerrechtwidrige und staatsterroristische Angriffe benutzt? Ist das Geheimgefängnis Guantanamo endgültig geschlossen worden? Sind die suspendierten Bürgerrechte wieder in Kraft?

Hat die Öffentlichkeit in irgendeiner Weise geholfen, die Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte zu korrigieren – von der Finanzkrise bis zu den militärischen Interventionen? Hat OccupyWallstreet die Wallstreet korrigieren können? Oder hat die Berichterstattung über OccupyWallstreet nicht eher die soziale Bewegung korrigiert? Sind es nicht die Medien, die noch jede Protestbewegung zerreden, entpolitisieren und spalten? Und sich dann vor Langeweile abwenden?

 

Ergebniskontrolle? Fehlanzeige

Hat die Öffentlichkeit jemals darauf BESTANDEN (das wäre der springende Punkt, wenn man von vierter Gewalt redet!), dass Fehlentwicklungen korrigiert werden? Hat sie nach den WikiLeaks-Enthüllungen über die Willkürherrschaft von Söldnerarmeen und Spezialkommandos auf Korrekturen BEHARRT? Hat sie die Fehlentwicklungen in den Folterkellern und Militärgefängnissen korrigieren helfen? Hat sie mitgeholfen, die Verantwortlichen im Pentagon in einer ecuadorianischen Botschaft in London festzusetzen? Oder hat sie doch lieber mitgeholfen, WikiLeaks zu demontieren?

Müssen die Öffentlichkeitsarbeiter heute nicht eingestehen, dass die Öffentlichkeit ein zahnloser Tiger ist? Ein Bettvorleger vor den King Size-Betten der Macht?

Wurden die Fehlentwicklungen bei den Investmentbanken und Versicherungen korrigiert? Wurden die Steueroasen ausgetrocknet? Welche Korrekturen gibt es nach der weltweiten Enthüllungsserie namens offshoreleaks?

Wurden die Fehlentwicklungen bei der Vergabe von Rüstungsaufträgen korrigiert oder die horrende Geldverschwendung bei zivilen Großprojekten? Nein. Es kümmert die Medien einen Scheißdreck, ob eine Korrektur tatsächlich stattfindet. Es gibt bis heute keine Ergebniskontrolle in den Medien für das, was man hochtrabend vierte Gewalt nennt. Keine Redaktion muss sich und anderen Rechenschaft darüber ablegen, was sie im Sinne der vierten Gewalt geleistet hat. Kein Presserat, kein Mediendisput, kein Netzwerk kümmert sich darum. Wo haben Medien Fehlentwicklungen korrigieren können? Okay, es werden Minister gestürzt. Aber wenn das alles ist, was Journalisten können, dann Gute Nacht. Minister stürzen kann heute jeder kleine “Blogger auf Hartz IV-Niveau”.

Die Medien spielen ihre „Leaks“ wie Trümpfe aus. Der zu Ruhm und Ehre gekommene Datenjournalismus protzt mit seinen Gigybytes. Und was ist passiert? Die Reichen sind reicher und die Armen sind ärmer geworden. Vermutlich könnte der Datenjournalismus die globalen Besitzverhältnisse in einer Excel-Tabelle ausbreiten, die so groß ist wie das Steinhuder Meer; am Ende würden Leitartikler, Wetterfrösche, Glossenschreiber und Klatschkolumnisten doch wieder alles relativieren. Medien sind ungeheuer geschickt darin, Aufreger zu dosieren. Sie nennen es gelungene Mischung. Jede Zeitschrift, jedes heute journal ist so eine gelungene Mischung.

Es stimmt schon: Der Journalismus ist deutlich „aggressiver“ geworden. Nicht in eigener Sache, aber in fremden Angelegenheiten. Er prangert hemmungslos an und enthüllt, investigiert und skandalisiert. Überschriften sind heutzutage fetter und grausamer und frecher, Bilder unverschämter. In jeder x-beliebigen Qualitätszeitung schreien uns die Ungerechtigkeiten und Zumutungen nur so ins Gesicht. Aber was davon wird korrigiert durch jene ominöse vierte Gewalt? Versteuern die multinationalen Konzerne jetzt ihre exorbitanten Gewinne? Wird die Europa-Politik von den Bürgern bestimmt? Ist Stuttgart 21 vom Tisch? Hat die Trauer nach dem Amoklauf von Newtown den Verkauf halbautomatischer Waffen gestoppt? Nein, mehr Öffentlichkeit führt nur zur Radikalisierung und Verfeinerung der Veröffentlichungstechniken, zu einer Art Skandalisierungs-Wettbewerb.

 

Steile, aber folgenlose Kommentare 

Nach jeder Katastrophe, nach jedem technischen Versagen, nach jedem Finanzdesaster, nach jedem Gewaltakt, nach jedem Missbrauchsskandal werden die gleichen Fragen gestellt, die gleichen Schwüre geleistet, wird in tausend Kommentaren Umkehr gepredigt. Dann rattern für einige Tage die analogen und digitalen Gebetsmühlen. Journalisten werden zu Experten, bepreist und in Talkshows herumgereicht. Aber worauf setzt Japan zwei Jahre nach der Katastrophe von Fukushima? Auf Atomkraft! Das ist uns kein Teelöffelchen Empörung mehr wert.

Der Hochwasserschutz, der nach der Oderflut vor elf Jahren entstehen sollte, ist nicht gebaut worden. Hat jemand NACHGEFRAGT? Der nächste Tsunami wird erneut die Frage nach der unverantwortlichen Küstenbebauung aufwerfen, so wie das nächste Erdbeben wieder die gemeingefährliche Billigbauweise korrupter Baulöwen anprangern wird und der nächste Amoklauf wieder den Ruf nach einer Verschärfung der Waffengesetze „laut werden lässt“. Der nächste Lebensmittelskandal wird erneut Zehn-Punkte-Pläne zur besseren Kontrolle hervorbringen, und der nächste Abrechnungsbetrug bei den Krankenkassen und der nächste Organspendeskandal natürlich auch.

Wir werden dann wieder tolle Graphiken präsentiert bekommen, wie unsere Lebensmittel in Europa herumgefahren, umetikettiert und verschoben werden, wir werden en detail die Mechanismen der Organtransplantation kennenlernen. Und anschließend wieder vergessen. Natürlich werden auch die nächste Elbphilharmonie und der nächste Großflughafen wieder zehn Mal so teuer werden wie geplant. Die Regierung wird weiter unbrauchbaren Militärschrott in Milliardenhöhe bei den Rüstungsfirmen bestellen und die Pharmaindustrie wird erneut überflüssige Grippeimpfstoffe für Hunderte von Millionen Euro an die Regierungen verkaufen. Haben die Medien geholfen, Fehlentwicklungen zu korrigieren?

Sie schreiben bloß drüber. Unbestechlich, integer, gutwillig. Ein bisschen sensationsgierig. Denn sie leben in ihrem kleinen Luhmannschen Subsystem. Und am Ende – wenn das politische Personal ausgewechselt ist – rufen sie die Gesellschaft zur Mäßigung auf und flechten den Neuen im Amt neue Kränze aus Vorschusslorbeeren. 100 Tage Schonfrist. Das Übliche. Zwar stürzt jeder zweite Verteidigungsminister über einen Skandal, aber die Einflusslobbys im Beschaffungswesen bleiben die gleichen.

Der Whistleblower Edward Snowden hat vor kurzem gesagt, das Schlimmste, was er befürchte, sei, dass seine Enthüllungen einfach verpuffen, und dass alles immer so weiter geht. Genau das ist das Problem. Es gibt keine vierte Gewalt. Es gibt nur Medien.

Crosspost


Ein Rettungsschirm für Suhrkamp

29 Mai 2013 um 17:40 • 0 Kommentarepermalink

Aufmacher, Leitartikel und Titelfoto kamen bei SZ und FAZ am vergangenen Dienstag direkt aus dem Feuilleton. Das ist extrem selten. Aber schließlich geht es um Suhrkamp, „Deutschlands berühmtesten Verlag“.

 

Dass sich die Unterschiede zwischen digitaler und analoger Medienwelt verwischen, wird zwar hin und wieder behauptet, ist aber ein Gerücht. Denn leider (oder Gottseidank) ist es so, dass sich die digitale Kultur mehr für das neueste Smartphone-Gadget von Apple interessiert, während die analoge Kultur mit Inbrunst ihren Suhrkamp-Tick pflegt.

Die riesige Aufmerksamkeit für den bei Suhrkamp stattfindenden, nicht ganz loriot-freien Machtkampf zwischen den Geschlechtern tangiert insbesondere die Jugendleseerfahrungen einer ganzen Generation leitender Redakteure, die noch immer berauscht sind von den intensiven Regenbogenfarben der edition suhrkamp. Und die Enkel dieser Redakteure werden sich wohl eher über die seltsam antiquierten Wischbewegungen ihrer Eltern auf irgendwelchen gläsernen Displays beömmeln und Suhrcamp für ein historisch interessantes Treffen von Netzbegeisterten halten.

 

Die Suhrkampkultur(kampfgeschichte)

Suhrkamp ist nun mal das intellektuelle Woodstock der 68er; als jener legendäre Verlag von Jimi Hendrix (Bertolt Brecht) und Janis Joplin (Jürgen Habermas) die Sounds von „Star Spangled Banner“ und „Mercedes Benz“ miteinander verband. Oh Lord would you buy me… Vor allem deshalb leiden die Älteren seit Jahren ganz furchtbar unter dem Streit jener Gesellschafter, die das geistige und materielle Erbe des großen Siegfried Unseld zu verschleudern trachten.

Die Story, die uns erzählt wird, geht ungefähr so: Da gibt es auf der einen Seite die böse Witwe, die einen Teil des erwirtschafteten Geldes in die repräsentative Ausstattung einer Berliner Villa steckte, um ihren Autoren das Lebensgefühl zu vermitteln, auf einem gewissen Level begehrt zu sein. Und da gibt es auf der anderen Seite den bösen Bildhauer-Enkel, der die Witwe aus ihrem Haus werfen will, weil sie das Geld hinter seinem Rücken zum Fenster hinauswirft und die Auszahlung von Gewinnen hintertreibt.

Beide Lesarten haben etwas für und etwas gegen sich, weshalb man sich nun in den Qualitätsmedien dazu entschlossen hat, ein geistig-kulturelles Schutzschirmverfahren aus Feuilletonbeiträgen für Suhrkamp zu eröffnen. Man will den traditionsreichen Verlag vor seinen Eigentümern retten – und eventuell einen neutralen Dritten als weißen Ritter präsentieren.

 

(K)ein ganz normaler Gesellschafterkonflikt

Worum geht’s? Zum einen geht es um die Ausschüttung von Gewinnen an die Gesellschafter. Der Verkauf der Frankfurter Liegenschaften hat dem Verlag im Jahr 2010 einen außerordentlichen Gewinn beschert. Hans Barlach möchte seinen Gewinnanteil (2,2 Millionen) ausbezahlt bekommen. So sieht es auch die Abmachung vor. Das Frankfurter Landgericht hat Barlach am 20. März Recht gegeben.

Zum anderen geht es um Ausgaben. Ulla Unseld-Berkéwicz, die Mehrheitsgesellschafterin, die auch gleichzeitig Geschäftsführerin des Verlages ist, hatte den Umzug von Frankfurt nach Berlin vorangetrieben. Verlagsgelder flossen dabei auch in die Ausstattung einer Berliner Villa, die Frau Berkéwicz privat bewohnt, aber in Teilen an den Verlag vermietet. Die Kosten dafür sind beträchtlich. Das Gericht errechnete eine Gesamtsumme von 561.000 €. Aber der eigentliche Knackpunkt ist wohl der, dass die Mehrheitsgesellschafterin diese Maßnahmen ohne Zustimmung des Minderheitsgesellschafters veranlasst hat. Barlach fühlte sich übergangen und wollte die Geschäftsführerin deshalb hinausschmeißen. Auch in diesem Konflikt, in dem es um die Pflichten von Geschäftsführern geht, hat Barlach am 10. Dezember 2012 in erster Instanz vor dem Berliner Landgericht Recht bekommen.

In beiden Fällen soll aber noch weiter geklagt werden. Eine Einigung ist nicht in Sicht.

Also kann den Verlag eigentlich nur ein weißer Ritter befrieden. Ein Großverlag könnte einsteigen und sich Suhrkamp als Trophäe in seine Kunst-Vitrine stellen. Ein Mäzen könnte Geld geben. Wobei das Misstrauen auf allen Seiten groß ist, dass es sich bei dem angekündigten weißen Ritter um einen Strohmann der einen oder der anderen Seite handelt. Umgekehrt könnten die Gesellschafter ihrerseits als Strohmänner für einen noch unbekannten Investor fungieren, der bereits im Hintergrund auf seine Chance wartet. Es wird viel gemunkelt.

 

Alles hat seine Zeit – nur Suhrkamp nicht

Nur eine Frage stellt man sich in den Feuilletons aufgrund der vorhandenen Sentimentalitäten („Das linke Herz der alten Bundesrepublik“) nicht: Ob wir den Suhrkamp-Verlag überhaupt noch brauchen. Systemrelevant ist er jedenfalls nicht. Sein Wert wird auf 20 Millionen Euro geschätzt. Einen Großteil seiner Gewinne verdankt er der legendären Backlist, die an deutschen Gymnasien weiter hoch im Kurs steht. Doch die Urheberrechts-Schutzfristen für die Werke Bertolt Brechts und Hermann Hesses laufen in 13 bzw. 19 Jahren aus.

Der Suhrkamp Verlag wurde in der Nachkriegszeit gegründet und hat in den sechziger und siebziger Jahren die intellektuellen Debatten geprägt. Mit der Bibliothek Suhrkamp, der Theaterreihe Spectaculum, der edition suhrkamp, dem Kursbuch und den suhrkamp taschenbüchern (wissenschaft) hat er Pionierarbeit geleistet. Aber jedes Medienunternehmen hat seine Zeit. Auch für Buchverlage gibt es keine Ewigkeitsgarantie.

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