Monothematischer Journalismus

6 September 2015 um 15:51 • 15 Kommentarepermalink

Ein neuer Trend erfasst die Nachrichtenmedien: Über Tage und Wochen gibt es nur ein einziges Super-Thema. Ist das gut für unser Problemverständnis oder ist es eine autoritäre Bevormundung?

 

Die Entbündelung der Tageszeitung und der klassischen Nachrichtensendung durch das Netz war vor Jahren ein wichtiges Thema in den Debatten über die Zukunft des Journalismus. Redakteure und Verleger beschworen die Gefahr, dass der Medienkonsument bald nur noch das zur Kenntnis nehmen werde, was er eh schon kenne und deshalb gewohnt sei. Also stets das Gleiche. Doch in jüngster Zeit erfährt die Nachrichten-Branche eine thematische Verengung ihrer Angebotsvielfalt, die noch viel dramatischer ist und von den Redaktionen und Verlagen selbst hervorgerufen wird: Die Nachrichten-Medien konzentrieren sich – ähnlich den Empörungswellen in den sozialen Netzwerken – über längere Zeiträume auf ein einziges, markt- und meinungsbeherrschendes Thema. Die Monothematik ist der neueste Trend im Nachrichten-Geschäft.

 

Du musst dich damit beschäftigen!

Zu Beginn des Jahres fing es an mit dem Attentat auf Charlie Hebdo. Einen konzentrierteren Medien-Aufruhr konnte man sich bis dahin kaum vorstellen. Dann folgte der Flugzeugabsturz von Germanwings, anschließend ploppte die NSA wieder auf, dann ging es um den nervenaufreibenden Euro-Poker mit Griechenland (inklusive des Stinkefingers von Varoufakis), schließlich um den Landesverratsvorwurf gegen die Betreiber der Website netzpolitik.org und nun um Flüchtlinge und Einwanderung. Immer geht es dabei um alles oder nichts. Der moralisierende Zeigefinger (bzw. das große WIR) beherrscht die Schlagzeilen und kaum jemandem gelingt es, sich dem jeweiligen Megathema zu entziehen.

Nun ist die Bildung thematischer Schwerpunkte oder gar monothematischer Nachrichtensendungen an sich eine gute Sache. Leser und Zuschauer können sich über Wochen konzentriert mit einem Thema befassen, Journalisten können alle Aspekte und Facetten beleuchten und – gegebenenfalls – vertiefen. Schwerpunkte oder Monothematik signalisieren allergrößte Wichtigkeit: Du musst dich jetzt damit beschäftigen! Du kannst nicht länger daran vorbeigehen! Du darfst nicht neutral bleiben! Dieser Journalismus ist genau das, was die Medienmacher früher vehement ablehnten: aktivistisch. Er will das Volk in Bewegung bringen. Und in der Flüchtlingskrise dieses Sommers scheint die Mobilisierung der Bevölkerung auch gelungen zu sein.

 

Die journalistische Los Wochos-Strategie

Aber was von der jeweiligen Monothematik bleibt hängen? Wer könnte heute noch wiedergeben, um was im Januar gestritten wurde? Und wer weiß, wie es in der Ostukraine weiterging? Sicher: Emotional gab und gibt es jedes Mal eine Riesen-Aufregung, die Regierenden werden aufgescheucht (Angela, mach’ endlich was!) und die Politiker multimedial gezwungen, in den Modus des mitfühlenden Krisenmanagements zu schalten. Wehe den abseits Stehenden, die dann keine symbolische Handlung vorweisen können (Kind streicheln, Heim besuchen)! Die Talkshows diskutieren, die Brennpunkte überschlagen sich, die Kommentatoren überbieten sich gegenseitig. Und dann?

Entweder schlägt ein neues Thema ein wie eine Bombe und verdrängt das alte oder das Publikum verliert das Interesse und beklagt den thematischen Overkill: Was man auch einschaltet, wo man auch hinschaut: Flüchtlingskrise. Davor, nicht minder dominierend, die Euro-Krise, davor NSA total, davor Ostukraine, davor Germanwings, davor Charlie Hebdo. Auch die serielle Monothematik stößt irgendwann an die Grenzen der menschlichen Aufnahmefähigkeit. Zwar können die Nachrichten-Medien durch die erzeugte Emotionalisierungswelle immer wieder hohe Klickraten, hohe Quoten und hohe Kioskverkäufe erzielen, aber die Auswirkungen ihrer riskanten „Los Wochos“-Strategie bedenken sie nicht.

 

Der Sinn von Monothematik

Die serielle Erregung der Menschen durch ein einziges zentrales Superthema und die darauf folgende serielle Löschung (um einem anderen Super-Thema Platz zu machen) muss nicht unbedingt den Mut zum eigenen Handeln beflügeln, sie kann auch den Unmut und die Erschöpfung aufgeregter Gesellschaften steigern. Denn das Publikum hat es nicht in der Hand, den Zeitpunkt zu bestimmen, wann ein aufrüttelndes Monothema medial durch das nächste abgelöst wird. Es muss jede Wende, jedes abrupte Ende mitmachen. Es muss sich fügen: Okay, dann reden wir ab morgen halt nicht mehr über Flüchtlinge, sondern über den Börsencrash in China. Okay, ich hätte zwar gerne noch länger über den Landesverrat diskutiert, aber das Ober-Thema ist jetzt Syrien. Das heißt, die Menschen werden – ob sie es wollen oder nicht – durch den Emotionskindergarten der Medien gejagt und können nicht mehr selbst entscheiden, womit sie sich befassen wollen. Das ist der Sinn von Monothematik! Das ist ihre autoritäre Schattenseite.

Denn moralisierende Kampagnen über Tage und Wochen hinweg sind zwar gut fürs Medien-Geschäft, aber ob die Menschen von der konzentrierten Berichterstattung profitieren, indem sie nun besser Bescheid wissen über Flüchtlinge, Ostukraine, NSA-Überwachung, Griechenland oder den Islamischen Staat, ob sie sich gar aktiv und nachhaltig mit diesen Problemen auseinandersetzen, bleibt offen. Eine medienwissenschaftliche Untersuchung darüber, ob der monothematische Kampagnen-Journalismus tatsächlich mehr Problemverständnis und zivilgesellschaftliches Engagement hervorbringt oder die Gesellschaft eher lähmt, verwirrt und bevormundet, wäre wünschenswert.


Gefühlter Journalismus

1 April 2015 um 11:55 • 17 Kommentarepermalink

Eine Emotionalisierungswelle hat viele Medien erfasst. Sie wollen mehr Gefühl zeigen. Sie wollen mehr aus sich herausgehen. Vier Anmerkungen zur Gemütslage einer verunsicherten Branche.

 

1. Antriggern

Irgendjemand muss den Qualitätstitelmachern gesagt haben, dass sie mit provozierenden Schlagzeilen den Sinkflug ihrer Branche stoppen können.

„Ist Genie männlich?“ titelte die Wochenzeitung Die Zeit am 19. März, um ihre weiblichen Leser anzutriggern. In der gleichen Woche provozierte der Spiegel den Empörungsreflex aller anständigen Demokraten, als er eine fröhlich drein blickende Angela Merkel im Kreise alter Nazis auf der Akropolis zeigte, Titelzeile: „The German Übermacht“. Und kaum war der Airbus von Germanwings in den Alpen zerschellt, machte die Zeit überhastet mit dem „Absturz eines Mythos“ auf und ließ den Kranich im Lufthansa-Logo (geile Idee, das machen wir!) symbolträchtig in den Sinkflug gehen.

Offenbar setzen Deutschlands Medienmacher verstärkt auf Werbeeffekte durch kalkulierte Provokationen. Denn diejenigen, für die solche Aufreger-Titel gemacht werden, reagieren so zuverlässig wie Pawlowsche Hunde.

 

2. Sich gemein machen

Neben der Provokations-Lust (die auch den Talkshows die Aufmerksamkeit ihrer Verächter sichert) ist ein zweites Emotionalisierungs-Phänomen zu beobachten: der von Ereignis zu Ereignis sich steigernde Drang, den Lesern und Zuschauern faktenarm etwas vortrauern (bzw. vorfühlen) zu müssen.

Ist in der Welt etwas passiert, das uns nahe gehen soll, erscheinen diese Medien mit Trauerrand und schwarzen Schleifchen, und die Moderatoren und Nachrichtensprecherinnen ändern – passend zum Anlass – ihre Stimmlage und Mimik. Behutsam bereiten sie ihre Zuschauer darauf vor, dass sie jetzt ganz, ganz tapfer sein müssen.

So wird aus Journalisten und Zuschauern eine Schicksalscommunity, und es ist völlig gleichgültig, ob der Anlass dafür ein Krieg, ein Amoklauf, ein Terroranschlag, ein Unglück, eine Naturkatastrophe oder nur das jährliche Hochwasser ist. Wie auf Kommando schalten die Medien dann auf Dauerberieselung mit dem einzig verbliebenen Thema, vor allem wenn es nichts anderes zu berichten gibt als die eigene Beklommenheit.

Der Trend zur Gewichtung der Nachrichten nach ihrer Emotionalisierungsfähigkeit (und nicht nach ihrer politischen Relevanz) könnte als Zeichen einer neuen journalistischen Demut gelesen werden. Man will sich – anders als früher – auf seine Leser und Zuschauer tatsächlich einlassen. Man will sich mit ihnen gemein machen. Schließlich sind viele im Urlaub mit Billigfluglinien unterwegs, und das ist es, was auf der nach oben offenen Betroffenheitsskala zählt.

Eine der Folgen dieser Entwicklung ist, dass bei schweren Unglücken oder Anschlägen nicht mehr nur die angereisten Politiker, sondern auch die Reporter und Nachrichtenmoderatorinnen mit ihren Gedanken „zuerst bei den Angehörigen“ sind, und sich Journalisten plötzlich ähnlich „fassungslos“, „erschüttert“ und „entsetzt“ über die „furchtbaren“ Ereignisse zeigen wie die Politiker.

Diese ‚Vermenschlichung‘ des Berufsjournalisten (der in älteren Filmen meist noch als abgefuckter Zyniker dargestellt wird) ist für viele Kollegen eine positive Erfahrung. Warum sollen Journalisten nicht zeigen dürfen, dass sie Menschen sind, die mit anderen mit-fühlen? Dieses Bedürfnis nach Solidarisierung und Identifizierung war bereits nach dem Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo zu beobachten. Da nannten selbst die kaltschnäuzigsten Überbringer der Nachrichten die Ereignisse, über die sie berichteten, „unvorstellbar“ und bekundeten öffentlich ihr Mitgefühl und ihre Ohnmachts-Gefühle. Aber der gefühlte Journalismus hat neben seinen hellen auch ein paar dunkle Seiten. Und die treten mit jedem neuen „furchtbaren“ Ereignis deutlicher hervor.

„Das Grauen hat eine neue Dimension“ leitete die Moderatorin einen ARD-Brennpunkt zum Absturz der Germanwings-Maschine ein. „Es ist eine unfassbare Tat, die unser Vorstellungsvermögen übersteigt“ – so die Bildzeitung (und nicht nur sie) in einem Aufmacher. Das Reden von der „Unvorstellbarkeit“ der Ereignisse erfüllt dabei einen doppelten Zweck: Zum einen heizt die emotionale Distanzierung vom Geschehen (ich will mir das nicht vorstellen) das Verlangen der Leser und Zuschauer nach Bildern erst recht an (sie wollen sich „das Unvorstellbare“ ja vorstellen können, nicht zuletzt deshalb kaufen sie Medien), zum anderen bekundet die emotionale Distanzierung eine enge Verbindung zum Publikum, indem sie sagt: ich empfinde wie ihr, ich will mir das nicht vorstellen. Das Ergebnis ist eine Kanalisierung der Gefühle in die Richtung, die vom Medium bzw. vom Reporter vorgegeben wird.

Der gefühlte Journalismus denkt also nicht in erster Linie in Wahrheitskategorien (Was ist passiert?), er denkt betreuungs- und kundenorientiert: Wie nehme ich meine Leser und Zuschauer mit in dieses Grauen? Wie führe ich sie sicher durch all das Elend? Am besten, ich nehme sie an die Hand. Das heißt: Das Leitbild des gefühlten Journalismus ist nicht der mündige, sondern der unmündige Bürger (und genau dagegen regt sich so heftiger Protest im Netz). 

Unmündige Bürger werden geführt, nicht informiert. „Nur über Emotionalität“, so B.Z.-Chefredakteur Peter Huth nach dem Absturz der Germanwings-Maschine, „kann man eine solche Katastrophe vermitteln“. Also müssen Leser- bzw. Zuschauernähe geradezu zwanghaft produziert werden: Kann das, was da passiert ist, auch vor deiner Haustür passieren? Wie kannst du die ersten Anzeichen einer Depression erkennen? Wie öffnet man doppelt gesicherte Flugzeugtüren? Dutzende von Talkshows mit zahllosen Betroffenen und Experten spekulieren und beichten dann um die Wette. Und schon nächste Woche könnte die nächste „unvorstellbare“ Katastrophe passieren, die „uns“ wieder einige Tage lang empathisch (oder apathisch) vor „Entsetzen“ werden lässt und die vorhergehende Katastrophe mit den gleichen Worthülsen („unfassbar“, „unvorstellbar“) aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt.

Wichtig ist dem gefühlten Journalismus nämlich vor allem, Leser und Zuschauer emotional zu beschäftigen und sie in tiefer Besorgnis zu wiegen. Scheitert der Euro? Breitet sich Ebola aus? Gibt es Krieg in Europa? Michael Moores auf die USA gemünzte These, die Aufgabe heutiger Massenmedien sei es, die Gesellschaft in ständiger Angst zu halten, wird hier und heute verwirklicht. Jedes Unglück, jedes Attentat, jedes Unwetter, jede Terrordrohung wird zur existenziellen Verunsicherung, der man nur mit mehr Sicherheit und ständiger Selbstprüfung entkommen kann.

Der gefühlte Journalismus verwendet vor allem das vereinnahmende „Wir“. „Wir alle“ sind dann in Schlagzeilen, Leitartikeln und Talkshows „entsetzt“ und „fassungslos“, denn das „Unfassbare“ übersteigt „unser Vorstellungsvermögen“. Natürlich glauben professionelle Journalisten, die so schreiben oder reden, ihr Verbrüderungs-„Wir“ helfe den Zuschauern und Lesern bei der Verarbeitung ihrer Gefühle. Aber sie versetzen sich eben nicht in die realen Zuschauer und Leser, sondern in ihre Idealvorstellung von ihnen, und das heißt, sie sprechen und senden im Grunde zu Ihresgleichen. Sie produzieren das Wunschbild einer großen Fühlgemeinschaft, einer Community – und glauben allen Ernstes, eine moralisch überfrachtete Kundenbindung sei das Gleiche wie eine Community auf Twitter oder Facebook.

Ist den Journalisten dieser Wandel bewusst? Was bleibt vom hehren Grundsatz der wertfreien Informationsvermittlung für mündige Bürger, wenn selbst ein Nachrichtenmagazin wie der Spiegel sich bemüßigt fühlt, normierende Betroffenheitsvokabeln wie „fürchterlich“ und „unerträglich“ in seine Berichts-Vorspänne einzubauen oder wenn die SZ – ohne dass ein Nachrichtenredakteur eingreift – auf der ersten Seite meldet, „der Vater“ der ARD-Sendung Musikantenstadl sei gestorben? Die an solchen Kleinigkeiten ablesbare Verwandlung ‚cooler’ Informationsvermittlung in gefühlige Seelenkneterei hätte den „Vater“ der Tagesthemen, Hanns Joachim Friedrichs (dessen Todestag sich gerade zum 20. Male jährte), mit Sicherheit aufstöhnen lassen.

„SPIEGEL: Hat es Sie gestört, daß man als Nachrichtenmoderator ständig den Tod präsentieren muß?

Friedrichs: Nee, das hat mich nie gestört. Solche Skrupel sind mir fremd. Also, wer das nicht will, wer die Seele der Welt nicht zeigen will, in welcher Form auch immer, der wird als Journalist zeitlebens seine Schwierigkeiten haben. Aber ich hab‘ es gemacht, und ich hab‘ es fast ohne Bewegung gemacht, weil du das anders nämlich gar nicht machen kannst. Das hab‘ ich in meinen fünf Jahren bei der BBC in London gelernt: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.“

Heute würden Journalisten, die Gefühlsregungen bei Nachrichtenmoderatoren als unprofessionell bezeichnen, wahrscheinlich herzlos genannt.

 

3. Aufschaukeln

Es sind paradoxerweise gerade die empörungsbereiten Menschen in den „sozialen Medien“, die den Medienprofis auf die emotionalen Sprünge geholfen haben. Nur weil in Foren und auf digitalen Plattformen viele Kommentatoren überempfindlich und überkorrekt auf jeden Medien-Fauxpas, jedes Daneben-Benehmen und jede gefühlte Geschmacklosigkeit reagieren und diese mit wütenden Kommentaren kuratieren weiter verbreiten, konnten clevere Medienmacher überhaupt auf die Idee kommen, dass gefühliges Empörungs-Schreiben ungeheuer viral und verkaufsfördernd sein kann. Ein Stinkefinger ist für das moderne Aufmerksamkeits-Marketing (bei Twitter oder Facebook) unter Umständen geeigneter als ein G 7-Gipfel oder ein NSU-Ausschuss. Eine Jauch-Talkshow kann ebenso heftige Reaktionen auslösen wie eine Verzichtserklärung beim ESC-Wettbewerb oder eine falsche Bildunterzeile in der gelben Post. Der Shitstorm ist zum Medien-Indikator für das Publikums-Interesse geworden. Selbst Qualitätsmedien kommen nicht mehr darum herum.

Unter dem Einfluss der Empörten haben aber nicht nur die professionellen Medien, sondern auch die professionellen Medienkritiker ihre Maßstäbe verloren (und der Verlust scheint ihnen gerade erst aufzufallen). Seit die mediale Gewichtung des Weltgeschehens nicht mehr nach Relevanzkriterien erfolgt, sondern dem Boulevardprinzip unterliegt, gilt auch für viele Medienkritiker die Opportunitätsregel: Nur was aufregt, greifen wir auf.

„Netztypische Aufschaukelungsphänomene“ hat der Neurowissenschaftler und Netztheoretiker Peter Kruse 2010 die so entstehenden Formen der kurzzeitigen Emotionalisierung genannt. Er meinte jene Geschwätzigkeits-Schübe, die mit der realen Bedeutung eines Themas wenig zu tun haben, aber beliebige Anlässe so triggern, dass sich ein Soziotop, eine Filterblase, eine Community in Hysterie hochschaukeln kann. Die klassischen Vernunft-Medien haben den Mechanismus jetzt übernommen und versuchen, von den „netztypischen“ Aufschaukelungsphänomenen zu profitieren.

 

4. Die Sau rauslassen

Der Erfolg der rechtspopulistischen Bewegung Pegida (aber auch der Erfolg der linksradikalen Bewegung Syriza) machte vielen etablierten Medienmachern erst klar, wie wirkungsvoll das bloße Draufhauen („Lügenpresse“) oder das Anrufen des gesunden Menschenverstandes sein kann. Ende Januar erschien in der Zeit Bernd Ulrichs und Matthias Geis’ vielbeachtete Grundsatzrede „Ausweitung der Kampfzone“, die manche Medienkritiker als Selbstkritik der Wochenzeitung lasen. Es war aber keine zerknirschte Selbstkritik, sondern eine Art Selbstermächtigung zu mehr Tacheles reden, mehr Polarisierung, mehr Mut zur „Nicht-Korrektheit“ im eigenen Medium. Die beiden Zeit-Autoren forderten quasi von sich selbst: Schluss mit der „sterilen“ und „gefühlsarmen“ „Konsensgesellschaft“ und ihrem verschämten Toleranzgetue! Schluss mit der Langweiler-Ausgewogenheit und der trockenen Vernünftelei! Schluss mit dem Gutmenschen-Gesäusel und seinem intoleranten Ausgrenzen des gesunden Volksempfindens! Hier einige Auszüge aus dem Artikel (Unterstreichungen von mir):

„In diesem Land geht es den meisten Menschen gut, gemessen an manchen europäischen Nachbarn könnte man sogar sagen: obszön gut. Aus allen Krisen gingen die Deutschen gestärkt hervor. Zudem verfügt das Land über die netteste, normalste und sachlichste politische Klasse der Welt (Skandinavien vielleicht ausgenommen), die Medien sind ein relativer Traum von Seriosität und Anstand. Und als diese wunderbare Konsensgesellschaft zuletzt von Pegida und den Attentaten in Paris gefordert wurde, da zerbrach sie nicht etwa, nein, sie baute sich zu ungeahnter Schönheit, Breite und Entschiedenheit auf. Alle umarmten den Islam oder zumindest die Muslime; die Kanzlerin trat mehrfach (!) äußerst entschlossen auf und verbaute ihrer Partei jedwede Annäherung an rechtspopulistische Bewegungen; selbst die Bild-Zeitung, eigentlich das Zentralorgan der niederen Motive, zeigte gegen Pegida und AfD klare Kante; und Zigtausende Bürger gingen gegen Fremdenfeindlichkeit auf die Straße…

Ist nun alles wieder gut, hat die Konsensgesellschaft gewonnen? Nein, nicht die Bewegung der dunklen Kräfte hat ihren Zenit überschritten, sondern die Konsensgesellschaft

Der SPD etwa gelingt es nicht, auch nur ein Prozentpünktchen von den Linken zurückzuerobern, obwohl sie nun wirklich wieder sozialdemokratischer geworden ist und obwohl Gregor Gysi den grassierenden Linksradikalismus seiner Partei nicht eindämmt, sondern nur verwaltet. Die Integrationskraft nach links (oder was man früher so nannte) ist also nahe null. Und nach rechts? Die Union hat zuletzt ein paar tapfere Versuche gestartet, wenigstens ein bisschen ausländerfeindlich und islamkritisch zu sein. Doch der Vorschlag der CSU, Migranten sollten zu Hause Deutsch sprechen, wurde binnen weniger Stunden via Twitter und Facebook in Spott ertränkt und eiligst zurückgezogen. Und die Distanzierung von Merkels Islam-Satz sieht dann in der CDU so aus, dass Volker Kauder oder Stanislaw Tillich sagen, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, wohl aber die Muslime. Mit dem feinsinnigen Unterschied zwischen Muslimen und Islam holt man gewiss keinen AfDler und keinen Pegidisten zurück. Die Union hat die Ansprache für das Ressentiment verloren…

Zu alledem sind Polemik und Aggressivität fast völlig aus der politischen Sphäre verschwunden… Die Demokratie in Deutschland hat sich von einem wutverarbeitenden zu einem wutverweigernden Betrieb gewandelt

Da ist viel Trauer über die eigene Wutunterdrückung zu spüren. Der ganze Text liest sich wie ein Aufbegehren gegen das althergebrachte Berufs-Ethos, Journalisten müssten in der Berichterstattung die eigenen Gefühle zurückstellen und stets ‚ausgewogen’ und ‚neutral’ bleiben.

Durch die Hintertür drängt jetzt herein, was in der Debatte über den „aktivistischen Journalismus“ noch vehement zurückgewiesen wurde – das wachsende Bedürfnis etablierter Journalisten, in die Vollen gehen zu dürfen, die lästige Zurückhaltung aufzugeben und eine Polarisierung, wenn schon nicht aus innerster Überzeugung, so doch wenigstens publikumswirksam zu simulieren (siehe Punkt 1). Der journalistische Mittelstand radikalisiert sich. Und nicht nur der Boulevard, auch die Qualitätsmedien wollen die Sau rauslassen.

Siehe auch: Panik im Mittelstand oder: Wohin driftet der Journalismus? 

 


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