Journalisten als Lehrer der Nation?

17 Januar 2017 um 15:51 • 7 Kommentarepermalink

Was will die von Cordt Schnibben und David Schraven geplante Reporter-Fabrik erreichen: das Volk erziehen oder den Journalismus demokratisieren? Ist die Reporter-Fabrik eine Journalistenschule für Bürger oder eine Bürgerschule für Journalisten?

 

Die fabrikmäßige Herstellung von Reportern ist nicht vorgesehen. Nein, die geplante Fabrik soll die Welt zu einem besseren Ort machen:

„Das ist unser Versuch, die aufklärerische, konstruktive, solidarische Vision des Netzes zu verteidigen gegen die dunkle Seite: gegen Hass, Fake-News, Desinformationen und Trash.“

Die Reporter-Fabrik soll die Bevölkerung in eine „redaktionelle Gesellschaft“ verwandeln, in eine lebendige 24/7-Demokratie mit Abermillionen gut ausgebildeter Sender und Empfänger. „Eine Journalistenschule für jedermann“ soll entstehen, angesiedelt irgendwo zwischen Volkshochschule, Volksaufklärung und Volkserziehung. Seit das Internet für ärgerliche Konkurrenz sorgte, entdecken Journalisten ihre Berufung als Medienpädagogen a) weil sie als Journalisten nicht mehr gebraucht werden und b) weil die Lehrer die Medienerziehung in den Schulen offenbar nicht gebacken kriegen.

Aufgabe und Zweck der geplanten Reporter-Fabrik ist daher – laut Eigenwerbung – die Herstellung einer Gesellschaft, in der jede und jeder befähigt ist, eine Nachricht zuverlässig und richtig zu lesen, zu schreiben, zu verstehen, einzuordnen, zu bewerten und gegebenenfalls (hüstel) als Fake-News zu markieren und auszusortieren: guter Journalismus ins Töpfchen, schlechter Journalismus ins Kröpfchen.

 

Wie? Noch ne Journalistenschule?

Nun gibt es bereits ein Übermaß an Journalistenausbildung: In zahllosen Fachhochschul-Studiengängen, Universitätsprojekten, Medienkonzernen, Rundfunkanstalten, Kirchen, Verbänden, Stiftungen, Journalistenschulen und privaten „Was mit Medien“-Akademien verdienen Journalisten als Lehrbeauftragte einen Gutteil des Geldes, das sie mit Journalismus allein nicht mehr erwirtschaften können. Aber offensichtlich reicht das Überangebot noch immer nicht für alle.

„Nie vorher“ heißt es im Charta-ähnlichen Konzept der Reporter-Fabrik, „war die veröffentlichte Meinung vielfältiger. Nie vorher war die veröffentlichte Meinung unqualifizierter“.

Deshalb will die vierte Gewalt (die sich für die vielfältige hält) die fünfte Gewalt (die natürlich die unqualifizierte ist) an die Hand nehmen und eines besseren belehren. Kein Wunder, dass manche Kritiker bereits vermuten, hier wollten etablierte Medienmacher nur ihre kulturelle Hegemonie absichern.

„Es besteht die Gefahr“, heißt es im Konzept, „dass Leser in den sozialen Medien echte und erfundene Nachrichten nicht mehr auseinander halten können und darunter die Glaubwürdigkeit der klassischen und sozialen Medien nachhaltig leidet… Wir wollen mit der Reporterfabrik eine Web-Akademie schaffen, die dazu beiträgt, die Glaubwürdigkeit der veröffentlichten Meinung zu stärken.“

Im Kern soll es also darum gehen, die angeblich nur von den sozialen Medien stark verunsicherten, indoktrinierten oder gar verhetzten Leser so aufzuklären, dass die entstandenen Zweifel nicht auf die klassischen Medien überspringen und deren Glaubwürdigkeit beschädigen.

Geht es der geplanten Reporter-Fabrik also um Bildung oder um Erziehung? Geht es um die Verteidigung der Demokratie oder um die Verteidigung des alten Mediensystems?

 

Das Netzwerk der Immergleichen

Im 19-köpfigen Kuratorium der Akademie sitzen exakt jene Vertreter, die schon jetzt jede Journalistenpreis-Jury und jedes Podium veredeln, um dort – nebenbei – die vierte Gewalt gegen die fünfte abzugrenzen: Chefredakteure, Verlagsleiter, Medien-Professoren und die übliche Web-Prominenz (diesmal nicht Sascha Lobo, sondern Richard Gutjahr). Das Kuratorium der Fabrik hat die Aufgabe, den Lehrplan der Schule zu genehmigen, wird aber aufgrund der Multipräsenz seiner Mitglieder wenig Einfluss nehmen. Die Leitung wird im Wesentlichen von den beiden „Gründern“ und „Machern“ Cordt Schnibben und David Schraven ausgeübt: der eine ist Leiter des von einer Verlegerstiftung ermöglichten Recherchezentrums Correctiv, der andere Leiter des vom Spiegel unterstützten Reporterforums. Dazu kommen das vom NDR geförderte Netzwerk Recherche und andere einschlägig bekannte Journalisten-Organisationen, deren Vertreter sich untereinander gut kennen und gegenseitig gern einladen.

Inhaltlich wird das Programm der Reporter-Fabrik vor allem aus einer Reihe von Lehrfilmen bestehen. Die Web-Akademie ist eine größtenteils virtuelle Veranstaltung, die zu 90 Prozent im Netz stattfindet und ähnlich einer Fern-Uni betrieben wird. Im Grunde handelt es sich um eine Ausweitung von Schülerzeitungsseminaren auf Erwachsene. Und vermutlich werden sich an der Akademie auch eher Schmalbart– als Breitbart-Interessierte einschreiben. Also Menschen, denen es letztlich um Politik und eine vernünftige politische Auseinandersetzung geht.

 

Eine großartige Idee – wenn man sie richtig liest

Damit sind wir auch schon beim Lob angelangt. Denn unbestreitbar ist die Reporter-Fabrik (trotz ihres irreführenden Namens) eine großartige Zukunftsidee. Diese Fabrik will eine „Schule der Demokratie“ sein, die den gesellschaftlichen und politischen Rollback in autoritäre Zeiten verhindern hilft.

Da trifft es sich ausgezeichnet, dass der in seinem Selbstverständnis angeknackste Journalismus, der lange Zeit in einer Art Elfenbeinturm lebte – reduziert und fokussiert auf die eigene Mittelschicht -, nun den aktivistischen Drang verspürt, in die Gesellschaft hinauszugehen und allen zu demonstrieren: Ich bin einer von Euch. Ich bin euer Mit-Bürger. So wie ihr durch uns zu Bürger-Journalisten werden könnt, so werden wir durch euch zu aktiven Journalisten-Bürgern.

Der schleichenden Auflösung des Journalismus (wie wir ihn kannten) wird endlich ein positiver Aspekt abgerungen. Die Veränderung wird nicht mehr von Ängsten gebremst, sondern optimistisch vorangetrieben. Der Journalismus der Zukunft soll sich aus seiner kommerziellen Umklammerung lösen und zum Ombudsmann der ganzen Gesellschaft werden. Damit durchlebt er einen radikalen Funktionswandel: Der Journalist zieht sich aus den (viel zu groß gewordenen) Medienkonzernen zurück und wird Lehrer, Sozialarbeiter, Berater, öffentlicher Dienst und gemeinnützige Organisation. Er mag zwar als Lehrer einer Reporter-Fabrik weiterhin glauben, dass er die Bürger zu Journalisten „qualifiziert“, doch in Wahrheit „qualifizieren“ ihn diese zum Mit-Bürger.

Hat der Journalist seine Lektion „gelernt“, kann er sich nicht mehr aus der Gesellschaft heraushalten. Er nimmt an ihr teil, auch wenn es vordergründig nur darum gehen mag, die Bürger zu lehren, wie man echte News von Fake-News unterscheidet. Die „Panik im Mittelstand“, die den Journalismus in den vergangenen Jahren zu lähmen begann, könnte ihm nun neues Leben einhauchen.

Das Bestechende der Idee von Cordt Schnibben und David Schraven besteht also nicht darin, verunsicherte Bürger mit den Regeln des Journalismus vertraut zu machen, es besteht darin, verunsicherte Journalisten mit den Lebenswelten der Bürger vertraut zu machen – nachdem der Kontakt zueinander aus Gründen irgendwann abgerissen ist. Insofern könnte die Reporter-Fabrik ein Erneuerungs- und Verjüngungsprogramm für den alt gewordenen Journalismus sein.

In diesem Sinne ist der Fabrik möglichst viel Zulauf zu wünschen.

 

Lesen Sie dazu auch: Panik im Mittelstand oder Wohin driftet der Journalismus?


Lutz Hachmeister: „Ich wollte dem Spiegel nicht schaden“

1 August 2016 um 15:24 • 2 Kommentarepermalink

Interview mit Lutz Hachmeister über seine 20-jährige Recherche zum Netzwerk ehemaliger Nazis im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“

 

Dranbleiben, nicht locker lassen – das ist die oberste Devise im Leben eines investigativen Journalisten. Lutz Hachmeister, 56, Filmemacher, Buchautor, Hochschullehrer und ehedem Direktor des Adolf-Grimme-Instituts, ist drangeblieben: Seit er bei den Recherchen zu seiner Habilitationsschrift über den Nazi-Zeitungswissenschaftler Franz Alfred Six auf das seltsame Personal des frühen „Spiegel“ stieß, ließ ihn das Thema nicht mehr los. 2002 veröffentlichte er den Sammelband „Die Herren Journalisten“, 2014 folgte eine Untersuchung des berühmten Spiegel-Interviews mit Martin Heidegger. 2016 streifte er das Thema erneut in seinem Buch über das Machtzentrum Hannover.

Ich habe Lutz Hachmeister zu seiner „Passion“ befragt:

 

Herr Hachmeister, seit 20 Jahren befassen Sie sich mit dem „frühen Spiegel“. Was reizt Sie so an diesem Thema, dass Sie nicht aufhören können damit?

Ich bin, wie viele andere in meiner Generation, durch den „Spiegel“ und die „Frankfurter Rundschau“ publizistisch sozialisiert worden, kaum durch die „Süddeutsche“ oder die FAZ. Und wenn bei einem Blatt wie dem „Spiegel“, das von deutsch-jüdisch-britischen Presseoffizieren konzipiert worden ist, SS-Geheimdienstler in verantwortliche Positionen gelangen konnten, liegt ein Recherche-Interesse auf der Hand, finde ich. Nach der Publikation des „Spiegel“-Kapitels als Exkurs in meiner Habilitationsschrift hat sich die Geschichte im Grunde von selbst fortgeschrieben. Vor allem, seit via „Spiegel Online“ alle alten Artikel und Serien auch mit Stichworten durchsucht werden können. Ich bin da immer wieder auf neue thematische Verknüpfungen und personelle Zusammenhänge gestoßen, die mir zeithistoriographisch interessant erschienen – über die beiden SS-Ressortleiter Mahnke und Wolff hinaus. Hinzu kommt, dass ich zunächst um Sujets wie den Reichstagsbrand einen Bogen gemacht habe, weil mir das Terrain kontaminiert zu sein schien. Dann habe ich doch die Forschungsliteratur zum Reichstagsbrand gelesen, zuletzt das Buch von Benjamin Carter Hett, und habe es dann in das Hannover-Buch eingebaut. Außerdem können Sie schlecht über die Kultur- und Mediengeschichte Hannovers schreiben, ohne auf Rudolf Augstein einzugehen, der ja da geboren wurde. Die Recherchen zu den beiden ersten Jahrzehnten des „Spiegel“ waren übrigens vergleichsweise unaufwändig: jeder hätte im Grunde das Impressum des frühen „Spiegel“ mit Personalakten im Bundesarchiv abgleichen können. Auch „Spiegel“-Redakteure hätten das tun können.

 

Als Sie das erste Mal damit konfrontiert waren, dass ehemalige SS-Hauptsturmführer und SD-Leute herausragende Stellungen im frühen „Spiegel“ innehatten – wie haben Sie da reagiert? Waren Sie schockiert?

Vor der Arbeit an der Habilitation habe ich mich für die konkreten Redaktionszusammenhänge und die Personalstruktur des „Spiegel“ nur schwach interessiert. Ich habe das Blatt eher als Block wahrgenommen – so, wie es der „Spiegel“ ja lange Zeit auch intendiert hat. Dass zwei SS-Offiziere Ressortleiter werden konnten und der ehemalige Gestapo-Chef eine apologetische Serie schreiben durfte, hat mich eher verblüfft als schockiert. Die personellen Kontinuitäten über verschiedene politische Systeme hinweg in der deutschen Publizistik waren ja in groben Zügen bekannt, so dass der „Spiegel“ hier keine Ausnahme ist. Er hat sich aber gerne als solche dargestellt. Mich haben bei der Story – und ich wusste, dass es eine gute Story war – vor allem zwei Sachen frappiert: die fröhlichen doppelten Standards des „Spiegel“, also die Investigationen über andere Leute und Institutionen wegen deren NS-Vergangenheit, während man sich selbst in Ausflüchten und Beschwichtigungen verliert. Und zweitens der sehr enge Zusammenhang von „Spiegel“-Publizistik, BND, Verfassungsschutz und Kriminalpolizei. Das ist beim „Spiegel“ wirklich einzigartig und signifikant.

 

1996 wollten Sie Ihre Recherchen in Manfred Bissingers Zeitung „Die Woche“ veröffentlichen. Als Bissinger nach langem Zögern ablehnte, gingen Sie zur „Zeit“ und anderen wichtigen Blättern der Republik, aber kein Chefredakteur wollte die Geschichte drucken. Warum?

Bissinger hatte mich damals für die „Woche“ als Autor angeheuert, mit einem sehr hohen Honorar – ich habe so 3000, 4000 DM für einen Artikel bekommen, heute unvorstellbar. Und ich dachte, dafür müsste ich schon spektakuläre Artikel liefern. Das gekürzte Kapitel aus der Habilitation fiel für mich in diese Kategorie. Das sah Bissinger zunächst auch so, hatte es aber zur Absicherung an seinen Freund Stefan Aust vom „Spiegel“ geschickt. Das weiß ich von Stefan Aust. Bissinger selbst hat es immer heftig bestritten. Das war im Vorfeld des 50-jährigen „Spiegel“-Jubiläums. Aust hat mir später erzählt, er habe Rudolf Augstein davon zu überzeugen versucht, es im „Spiegel“ selbst zu drucken. Augstein habe das nicht gewollt. Als es bei der „Woche“ über Wochen herumlag – Bissinger sagte, es liege an der Textlänge, er finde einfach keinen Platz dafür – war mir irgendwann klar, dass es da nicht mehr erscheinen würde. Ich habe es dann anderen Blättern angeboten. Der „Zeit“-Chefredakteur Robert Leicht hat mit der verblüffenden Begründung abgesagt, die Geschichte sei spannend, aber wenn die „Zeit“ das drucken würde, würden andere anfangen, über die Vergangenheit der „Zeit“ zu recherchieren. Es gab auch bei anderen Blättern die Angst, eine Art elitejournalistischen Komment zu verletzen. SS-Leute beim „Spiegel“ – das empfanden sie offenbar als zu harte Attacke auf den fragilen Berufsstand des Journalisten insgesamt.

 

Sind Journalisten – wenn es um die eigene Branche geht – „Schisser und Anpasser“, wie die Medienkritikerin Silke Burmester neulich in ihrer „taz“-Kolumne klagte?

Es ist doch wie in anderen Lebenswelten außerhalb des Journalismus: Es gibt generell wenig Leute mit Courage und einem gewissen Schneid. Es gibt außerdem die Befürchtung, irgendwie in die Querulanten-Ecke abgedrängt zu werden, die ich gut nachvollziehen kann. Deshalb habe ich auch versucht, die „Spiegel“-Geschichten ohne moralischen Grundton zu erzählen. Schreiben, was ist, oder in diesem Fall: wie es gewesen ist, wie es ja Augstein von seinen Leuten verlangt hat. Oder als bescheidener „Hüter der Tatsachenwahrheit“, wie es Hannah Arendt einmal formuliert hat. Silke Burmester hat aber recht: die Neigung, sich qualifizierte Medienkritik zu leisten, hat in den Redaktionen und Verlagen spürbar abgenommen, sicherlich auch aufgrund der Marginalisierung der journalistischen Öffentlichkeit überhaupt, im politökonomischen Sinn. In den 1980er Jahren kamen die Medienressorts in Mode, ich konnte ja damals eines beim „Tagesspiegel“ aufbauen. Ich wäre allerdings da auch nach Konflikten mit der Chefredaktion nach zwei Jahren wieder entlassen worden, wenn ich nicht zum Direktor des Grimme-Instituts gewählt worden wäre.

 

Die „taz“ druckte Ihr Stück Ende 1996 – in den nachrichtenarmen Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr.

Das war ein Segen für den Text – ich weiß noch, dass ich um Weihnachten herum, als die Geschichte in der „taz“ erschienen war, in meinem Elternhaus das Radio angemacht habe, und dann kam bei WDR und Deutschlandfunk eine Meldung darüber in den Nachrichten. Es gab eine ziemlich ausführliche dpa-Meldung. Und Sabine Christiansen hat dann zum „Spiegel“-Jubiläum ein Interview mit Augstein gemacht, das mit den NS-Kadern in der „Spiegel“-Redaktion anfing – zur sichtlichen Verblüffung von Augstein. Ich hatte vorher mit ihr telefoniert, wir kannten uns damals ganz gut. Ich war dann noch bei „Willemsens Woche“ im ZDF, zusammen mit Daniel Goldhagen und Gottfried Wagner. Also, rein empirisch gesehen hat die Geschichte ein Millionenpublikum erreicht. Ich war ganz zufrieden mit der Resonanz, vor allem, weil der „Spiegel“ es dann in seinem Jubiläumsheft, allerdings nur mit wenigen verzagten Zeilen, thematisieren musste. Das war der Unterschied zu Otto Köhlers „konkret“-Artikel 1992, der noch leichter zu ignorieren war. Linke Ecke, und so.

 

Auch heute kennen nur wenige Insider diese Spiegel-Geschichte, während die Betroffenen, wenn man sie darauf anspricht, gern sagen: Das ist doch alles längst bekannt! Das waren doch nur wenige Ex-Nazis. Wie reagieren Sie auf solche Argumentationsmuster?

Das ist ein merkwürdiges Phänomen: Man kann ja Texte zur Gründungsgeschichte des „Spiegel“ heute bequem und kostenlos im Netz lesen. Offenbar ist es Augstein doch gelungen, mit seinen Formeln „Sturmgeschütz der Demokratie“ und „im Zweifel links“ ein bestimmtes Image des „Spiegel“ zu zementieren, das mit der Realität des Blattes nur teilweise übereinstimmt. Es stimmt übrigens: Der notorische Rechtsradikale und Franz-Josef-Strauß-Vertraute Kurt Ziesel hatte in seinen Büchern schon in den 1950er und frühen 1960er Jahren zumindest auf die Fälle Wolff und Mahnke hingewiesen. Das hat es dem „Spiegel“ später leichter gemacht, mit „längst bekannt“ zu antworten. Aber natürlich war das meiste nicht bekannt, vor allem die vielen durchaus antjüdischen Texte im frühen „Spiegel“ und die Promotion für die „Organisation Gehlen“ und die alten Kameraden von der Reichskriminalpolizei. Heute würde der „Spiegel“ so auch nicht mehr argumentieren. Da hat sich die Verteidigungslinie verschoben: Auf einmal sind es bedeutende Figuren aus der NS-Intelligenzija, die den „Spiegel“ unterwandert haben. So war es eben auch nicht: Augstein hat sie ja wegen ihres Fachwissens, ihrer personellen Netzwerke und ihrer Arbeitsenergie eingestellt. In Frank Möllers Biographie über den Kölner Verleger Joseph Caspar Witsch (2014) kann man nachlesen, dass das ein offenes Branchengeheimnis war: Witsch spricht 1961 im Briefwechsel mit Golo Mann von „Hitlerjungen Quex“ beim „Spiegel“; Golo Mann antwortet: ‚Dass da heimliche Nazis sitzen, weiss ich längst; vieles, was dort geschieht, ist anders gar nicht zu erklären. Wie Herr Augstein mit diesen Nazis auskommt, warum er sie walten lässt, ist sein Geheimnis‘.“ Nun, heute wissen wir sehr viel mehr darüber.

 

Es fällt auf, dass ihre Bewertungen der Vorgänge beim frühen „Spiegel“ im Laufe der Jahre bitterer und härter wurden.

Ist es so? Ich glaube, der Eindruck entsteht eher, weil man doch feststellen muss, dass rund 30 Redakteure, Mitarbeiter und wichtige Informanten aus der NS/SD-Sphäre in den 1950er und 1960er Jahren beim „Spiegel“ attachiert waren. Es geht also um Netzwerke mit starkem Einfluss auf die Inhalte des Magazins, nicht um zufällige Konstellationen. Da hat der eine den anderen nachgezogen. Die Leute mit NS-Sozialisation waren die stärkste Fraktion im „Spiegel“ – das war mir zu Beginn der Recherchen so nicht klar. Das heißt nicht, um es noch einmal klarzustellen, dass die dem untergangenen „Dritten Reich“ hinterher getrauert oder als Neo-Nazis agiert hätten. Georg Wolff hat sich ja sogar sehr deutlich gegen Augsteins nationalistischen Anti-Adenauer-Kurs positionieren können. Er sollte 1959/60 Chefredakteur des Blattes werden, sein alter Königsberger Studienfreund Mahnke war als Augsteins Bürochef vorgesehen, der Chef vom Dienst, Johannes Matthiesen, war auch ein ehemaliger SS-Untersturmführer. Dann wäre also neben den beiden Wehrmachtsoffizieren Augstein und Becker die gesamte Führungsspitze des Blattes mit ehemaligen SS-Leuten besetzt worden. Erstaunlich.

 

Da die großen deutschen Zeitungen Ihre Recherchen nicht druckten, wichen Sie auf Bücher aus. Sind Buchverleger mutiger als Zeitungsjournalisten?

Der Ursprungs-Aufsatz, der in der „taz“ vorabgedruckt wurde, ist in der bei C.H. Beck veröffentlichten Habilitationsschrift „Der Gegnerforscher“ veröffentlicht worden. Mein Lektor Detlef Felken hat sich da tadellos verhalten, er hat mich nur gefragt, ob ich glaubte, dass das Buch vom „Spiegel“ rezensiert würde. Wir waren uns da schnell einig: eher nicht. In dem Sammelband „Die Herren Journalisten“ gab es eine erweiterte Version des Textes und ein Vorwort zum Phänomen der Elitenbildung im Journalismus. Darauf hat dann, wenn ich mich recht erinnere, Haug von Kuenheim in der „Zeit“ mit einer mauligen Rezension reagiert, so im Tenor: das ist zu wissenschaftlich-unverständlich geschrieben. Dabei hatte ich mich bei einem komplizierten Thema, also der Verflechtung publizistischer und politischer Eliten, durchaus um Verständlichkeit bemüht, mithin versucht, auch das Verständnisniveau von Haug von Kuenheim oder anderer „Zeit“-Redakteure zu treffen. Ist mir offenbar nicht gelungen.

 

Haben Sie bei Ihren Veröffentlichungen jemals Schwierigkeiten gehabt, etwa durch Einsprüche der Rechtsabteilungen der Verlage?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe mich an die Fakten gehalten, dagegen hätte man auch nur schwer juristisch argumentieren können.

 

Wie hat der „Spiegel“ Ihre Bücher behandelt?

Zu „Heideggers Testament“ gab es ein „Spiegel“-Interview mit mir auf einer Seite, dazu einen Kulturaufmacher über Heidegger. Der sehr kompetente und kluge damalige „Spiegel“-Kulturchef Romain Leick hat mich in Berlin besucht, im Medienpolitik-Institut in der Fasanenstrasse, und etwas betrübt gefragt, warum ich dem „Spiegel“ schaden wolle und ob es in meiner Familie einen NS-Hintergrund gebe. Ich hatte zwar einen Großvater, der NSDAP-Mitglied geworden war, nachdem er vorher in der KPD war, aber das habe ich erst sehr spät erfahren, ich kannte ihn kaum, und es hat meine Forschungsmotivation in keiner Weise berührt. Und: nein, ich wollte dem „Spiegel“ nicht schaden, hatte dazu keinen Grund. Es war einfach eine für einen Medienforscher und Zeithistoriker attraktive Geschichte.

 

Warum arbeitet ein „Enthüllungs“-Magazin wie der „Spiegel“ seine Vergangenheit nicht selbst auf oder lässt das von einer Historiker-Kommission besorgen?

Historikerkommissionen sind ja meist Beerdigungsunternehmen, wenn alle direkt Beteiligten tot sind und zu dem jeweiligen Thema das meiste schon erforscht wurde. Davon halte ich nicht so viel. Der „Spiegel“ hat mit gewissem Recht auch darauf verwiesen, dass es ihn im NS-Staat ja noch nicht gab. Wenn ich „Spiegel“-Chefredakteur wäre, hätte ich den ganzen Komplex wahrscheinlich vor geraumer Zeit in einer Titelgeschichte behandelt, und das wär’s dann im Wesentlichen gewesen. Aber zum Glück bin ich nicht „Spiegel“-Chefredakteur.

 

Eine Initiative des „Spiegel“ gab es: Anlässlich des 50. Jahrestages der Spiegelaffäre wurden Sie von der Chefredaktion im September 2012 zu einem Symposion nach Hamburg eingeladen. Ihr Vortrags-Thema hieß: „Der Spiegel vor der Affäre – Sturmgeschütz der Demokratie oder Hort Ewiggestriger?“ War das Ihrer Meinung nach der richtige Rahmen für eine Aufarbeitung der „Spiegel“-Vergangenheit oder hätte es dafür einer eigenen Tagung bedurft?

Nein, das war schon in Ordnung so. Ich habe da, wenn ich das mal trotz der Gravität des Themas so salopp sagen darf, ein paar Schoten mit Textbelegen aus der „Spiegel“-Vergangenheit erzählt, und es gab neben vielen besorgten Gesichtern auch einiges Gelächter. Wie gesagt: es war auch für mich eher eine Revue über vergangene Arbeitsaktivitäten, was nicht heißt, dass einem das eine oder andere auch noch mal neu auffällt.

 

Wie würden Sie sich eine vorbildliche Aufarbeitung durch den „Spiegel“ vorstellen?

In Form einer Dissertation oder Habilitation durch einen recherchefreudigen Kandidaten. Das „Spiegel“-Archiv würde da sicher kooperieren. Ich bin da immer zuvorkommend behandelt worden, nach Augsteins Tod.

 

Gab es Widerstände, Sie ins „Spiegel“-Haus einzuladen?

Nein, soweit ich weiß nicht, es war ja auch eine Gelegenheit, endlich einmal eine gewisse Souveränität in der Selbstreflexion zu zeigen. Allerdings fällt dem Magazin der Umgang mit der eigenen Geschichte immer noch nicht leicht. Als ich dem kurzzeitigen Chefredakteur Wolfgang Büchner das Heidegger-Projekt in Hamburg angekündigt habe, erbleichte er doch sichtlich. So nach dem Motto: warum kommt der schon wieder mit der Geschichte um die Ecke?

 

Will man den Blatt-Gründer vor ungerechtfertigten Anwürfen schützen oder den „Spiegel“-Mythos nicht ohne Not beschädigen lassen?

Letzteres. Ich habe einmal formuliert: der „Spiegel“ war lange Zeit für den Journalismus so etwas wie Krupp für die Stahlindustrie. Eine Trademark für hochherrschaftliche Unberührbarkeit. Die Tendenzen zur Selbstreferenz und zum fast maschinellen Funktionieren waren daher beim „Spiegel“ noch ausgeprägter als bei anderen Medienbetrieben. Das hat ja zum großen Teil auch den Erfolg des Blattes ausgemacht – dieses Offiziersmäßige, das ja schon Ernst Jünger bei Rudolf Augstein beobachtet hat. Das hat sich heute noch etwas relativiert, durch Generations- und Kohortenwandel, auch durch die Fragmentierung des Medienmarktes. Das können sich heutige Studentinnen und Studenten gar nicht mehr vorstellen, wie durchschlagend die publizistische Wirkung des „Spiegel“ jeweils montags war. Das war schon ein Zentralorgan, eine auch politisch sehr mächtige Institution. Das hat mich in der Erforschung politisch-publizistischer Kommunikationen immer interessiert, aber nicht als „Medienwissenschaftler“. Ich bin kein Medienwissenschaftler, auch wenn der „Spiegel“ das immer schreibt. Ich habe das Fach nie studiert und nie darin gelehrt. Mein Studienfach, neben Soziologie und Philosophie, hieß damals noch sehr schön „Publizistik“. Also ein Fach mit höherer Politisierung, im Guten wie im Schlechten.

 

Haben die Journalisten vielleicht Angst, durch „übertriebene“ Aufklärung noch stärker an Bedeutung zu verlieren und die eh schon angeknackste Deutungshoheit ganz einzubüßen?

Ja. Das ist ein wichtiges Motiv, sich mit der jeweils eigenen Institutionengeschichte nicht allzu intensiv zu beschäftigen. Wobei der „Spiegel“ ja vor einiger Zeit einen ehemaligen „Abwehr“-Mann des Dritten Reiches als Spanien-Korrespondenten entdeckt und darüber eine schöne Story gebracht hat. Es geht also.

 

In Verbindung mit dem Thema „Wiederverwendung ehemaliger Nazis“ taucht häufig noch ein zweites, nicht weniger heikles Thema auf: die enge Kooperation von Journalisten und Geheimdiensten. Manche der beschäftigten Ex-Nazis waren zugleich Mitarbeiter des Verfassungsschutzes oder des BND. Ist das ein zusätzlicher Grund, warum das Thema Vergangenheitsbewältigung bei Medienmachern so stark tabuisiert wird?

Das glaube ich eher nicht. Sogar die „Bild“-Zeitung hat sich ja, bis hin zu gerichtlichen Klagen, mit der BND-Vergangenheit von Horst Mahnke, der nach seiner „Spiegel“-Zeit als eine Art Chefideologe zu Axel Springer gewechselt war, beschäftigt. Geheimdienstthemen sind heute attraktiver denn je, für alle Blätter. Allerdings hat sich auch der Springer-Verlag als eine Art BND-Opfer dargestellt, und das stimmt nicht. Mahnke ist ja von Springer auch engagiert worden, um den „Spiegel“ auszukundschaften; seine engen Verbindungen zur Geheimdienst-Sphäre waren in der Branche bekannt. Ich war im vergangenen Sommer selbst in Pullach im BND-Archiv. Einige Akten zu diesem Themenkomplex sind skurrilerweise noch bis 2044 gesperrt – da ist also noch Stoff für kommende Forschergenerationen.

 

Auch in der Spiegelaffäre spielte der BND eine wichtige, noch wenig erforschte Rolle. Wäre dieses Thema nicht ein würdiger Abschluss für Ihre Recherchen zum frühen „Spiegel“?

Ich hatte immer den Verdacht, dass die ganze Spiegel-Affäre mehr ein geheimdienstliches Spiel war, und mittelbar auf die Netzwerke der SS-Kader zurückzuführen ist, also auf die frühen Kontakte zur „Organisation Gehlen“. Und Gehlen war kein Strauß-Vertrauter. Allerdings ändert das nichts an der Tatsache, dass Augstein für einen Endkampf mit Strauß ins Gefängnis gegangen ist – was er ja schon vorher angekündigt hatte. Also, auch da müsste man noch einmal eine neue Gesamtdarstellung schreiben. Aber, um Gottes willen, nicht ich. Es war über die Jahre ein interessantes Match mit dem „Spiegel“, aus den Reaktionen und Nicht-Reaktionen habe ich viel über die Funktionsweisen des Journalismus gelernt – ein medienkritisches Langzeitprojekt, wenn Sie so wollen. Aber das ist jetzt für mich zu einem Ende gekommen.


Vom Stolz, ein Journalist zu sein

11 Januar 2015 um 15:51 • 14 Kommentarepermalink

Ja, manche Medien haben in den letzten Jahren viel Kritik einstecken müssen. Deshalb nutzen sie jetzt den Pariser Terroranschlag zu einer befreienden Selbstheroisierung. Aber hat der Mord an den Satirikern von Charlie Hebdo wirklich den Journalismus rehabilitiert?

 

Schock, Trauer, Berichterstattung – nach den Terroranschlägen von Paris hätte das eigentlich genügt. Aber dann machte sich etwas Luft, was viele Leitartikler offenbar seit langem umtreibt. Der Anschlag bot ihnen Gelegenheit, den ganzen Frust abzulassen, der sich durch Google, Pegida und zornige Leser aufgestaut hatte. Er bot ihnen die Chance, das zerkratzte Image des Journalismus mit viel Paste zu kitten und neu zu polieren.

Das führte z.B. dazu, dass sich Kollegen für Charlie Hebdo hielten, denen die Pressefreiheit nie so wichtig war, dass sie – unter äußerer Bedrohung oder auch bloß in Erwartung beruflicher Nachteile – rückhaltlos für sie gekämpft hätten. Ich kann mich jedenfalls nicht an Demonstrationen der Chefredakteure für die Pressefreiheit erinnern, als Edward Snowden nachwies, dass ein zentrales Element der Pressefreiheit, der Informantenschutz, von staatlichen Geheimdiensten ausgehebelt wird. Es gab keine gemeinsamen Aufrufe, keine Proteste vor dem Kanzleramt oder den Berliner Botschaften. Und ausgerechnet diese notorisch phlegmatischen Nicht-Kämpfer stilisierten sich nun zu Charlie Hebdo, zu Journalisten, die selbst nach massiven Morddrohungen und Brandanschlägen nicht einknickten.

Gut, hätte man sagen können, sei’s drum, unsere Leitartikler brauchen halt mal etwas (Selbst-)Lob – nach all den schrecklichen inneren Verletzungen, die ihnen die Lügenpresse-Skandierer, Geht-sterben-Rufer und Forentrolle in der Vergangenheit zugefügt haben. Doch dann publizierte Bernd Ulrich, der stellvertretende Chefredakteur der Zeit, einen selbstgefälligen Beitrag unter dem Titel „Der Stolz, Journalist zu sein“. Das hätte er bleiben lassen sollen. Denn die in diesem Text enthaltene Selbstheroisierung und Selbstbeweihräucherung des eigenen Berufsstandes wirkt angesichts der bundesrepublikanischen Medien-Realität so überzogen und – aufgrund der Instrumentalisierung des Attentats für das eigene Gewerbe – so taktlos, dass man das Gesagte unbedingt zurechtrücken muss. Ulrich schreibt:

„In den vergangenen Monaten haben wir uns unablässig mit der Krise unserer Branche beschäftigt, mit Auflagen und Klicks, mit dem Verhältnis von Print und Online, zuletzt auch viel mit dem permanenten Shitstorm gegen die „Lügen- und Mainstreampresse“. Diese Diskussionen waren weder überflüssig noch werden sie nach dem 7. Januar 2015 aufhören. Doch vielleicht hat all das uns vom Wesen unserer Arbeit und der Würde unseres Berufs mitunter abgelenkt. Und von den Gefahren, die damit verbunden sind, nach der Wahrheit zu forschen, seine Meinung zu sagen und der Intoleranz Schmerzen zuzufügen, wie das in drastischer – und man muss jetzt sagen: todesverachtender Weise Charlie Hebdo getan hat. Zeitungen, Nachrichtenportale, Radio und Fernsehen sind die Werkzeuge der Wahrheit und die Medien des großen, immerwährenden Selbstgesprächs unserer demokratischen Gesellschaft, sie verwandeln Aggression in Argumente, Feinde in Gegner, Vorurteile in Urteile, Entfremdung in Bekanntschaft

Mit Verlaub, lieber Bernd Ulrich, aber die mediale „Verwandlung“ von Aggression in Argumente, die Sie hier beschreiben wie eine Abendmahls-Wandlung durch eine Priesterkaste von Journalisten, funktioniert sehr effektiv auch in umgekehrter Richtung: Oft entstehen Vorurteile, Feinde, Entfremdung und Aggression erst durch die mediale „Verwandlung“ von Realitäten. Die Rolle der Massenmedien bei der Erzeugung von Stimmungen dürfte von der Geschichtswissenschaft hinreichend belegt sein. Deshalb sollte man auf Weiheworte wie „Wandlung“ und „Werkzeug der Wahrheit“ lieber verzichten. Der Journalismus mag im Kern ganz okay sein, aber ein Heiland ist er nicht.

 

„Der oft hysterische Kampf gegen die freiheitliche Presse“

Wer darüber hinaus suggeriert, der Lügenpresse-Vorwurf habe etwas mit dem mörderischen Hass auf die Mohammed-Karikaturen in einer französischen Satire-Zeitung zu tun, will uns offenbar in die Irre führen und Kritik, wie böswillig die auch ist, in die Nähe von Terrorismus rücken. Der (unselige) Begriff der Lügenpresse wurde in Deutschland aber nicht wegen satirischer Cartoons reanimiert, er tauchte im Zuge massiver Zweifel an einer objektiven Berichterstattung im Ukraine-Konflikt auf. Offenbar hatten zahlreiche Leser das Gefühl, hier werde in fahrlässiger Weise Kriegs-Stimmung gegen Russland erzeugt („Stoppt Putin jetzt!“).

Soll nun auch Stimmungsmache – weil die Gelegenheit günstig ist – in einen Akt zur Verteidigung der Pressefreiheit uminterpretiert werden? Ist es nicht ziemlich daneben, den Mord an französischen Karikaturisten zu benutzen, um die eigenen Leistungen rückwirkend zu Heldentaten einer freiheitlich gesinnten Presse zu verklären? Ulrich:

„So sehr der Anschlag von Paris uns erschüttert, so sehr wir intern auch über unsere Ängste sprechen, so sehr verspüren wir nun etwas, das sich sonst nur selten einstellt und auch zu normalen Zeiten beileibe kein Thema ist: der Stolz, Journalist zu sein. Die Pariser Untat, aber auch der oft hysterische Kampf gegen die freiheitliche Presse, überhaupt die neuerdings schnell wachsende Intoleranz gegenüber allem Offenen, Widersprüchlichen, Fremden erinnern uns daran, dass die Presse und die Demokratie eben keine feststehenden Institutionen sind, sondern fluide, verletzliche, letztlich auf Vereinbarung und täglicher Übung beruhende Handlungen von Menschen.“

So richtig der Grundgedanke von der Veränderbarkeit der Verhältnisse auch sein mag, so falsch ist die Annahme, hier kämpften die Guten gegen die Bösen. Hier offenbart sich nicht Journalisten-Stolz, sondern Dünkel. Journalisten sollten – schon aus Respekt vor den Satirikern von Charlie Hebdo – den Ball flach halten und nicht so geschwollen über ihre Branche reden. Ich glaube, viele meiner Kollegen mögen das nicht. Wir wissen ziemlich genau, dass WIR nicht die Washington Post waren, die im August 1974 Präsident Nixon zu Fall brachte, und wir wissen auch, trotz aller Solidaritätsbekundungen, dass WIR am 7. Januar 2015 nicht Charlie Hebdo waren. Es ist nicht unsere Aufgabe, nun Arm in Arm mit den Staatsoberhäuptern in Sonntagsreden die Werte der westlichen Demokratie zu besingen, es ist unsere Aufgabe, unseren Job zu machen.


Der Journalismus ertrinkt in einem Meer von Texten

20 Februar 2013 um 12:18 • 0 Kommentarepermalink

Jeder kann sich hierzulande Journalist nennen. Denn der Beruf ist nicht geschützt. Also sollte die Journalistenausbildung reformiert und gestrafft werden, damit das Berufsbild nicht vollends verwässert.

 

Für jede Debatte ist es nützlich, zunächst die Begriffe zu klären. Was verstehen wir unter Journalismus? Ganz sicher nicht alles, was irgendwo gedruckt erscheint, und auch nicht alles, was heute in so genannten Periodika – in Zeitungen und Zeitschriften – zu lesen ist. Man braucht ja nur ein paar Stunden in einem größeren Bahnhofskiosk zu verbringen (was ich gelegentlich tue), um sich die gegenwärtige Überproduktion von Texten vor Augen zu führen.

Wenn es hoch kommt, macht Journalismus vielleicht fünf Prozent des in Kiosken Angebotenen aus. Und ich meine mit den restlichen 95 Prozent keineswegs nur das Garnelen- oder das iMac-Magazin, die Strickanleitung, die Schachzeitung oder das „Dicke-Titten“-Heftchen; ich meine auch den Großteil dessen, was heute in den Tageszeitungen steht. Auch hier fällt das meiste unter die Rubrik „Nice to have“: Nett, aber nicht notwendig (um das böse Wort „überflüssig“ zu vermeiden). Selbst in den so genannten Qualitätszeitungen dürften mehr als 50 Prozent des Inhalts aus Service- und Nutzwert-Texten bestehen – und auch hier meine ich keineswegs nur die offensichtliche PR der Reise-, Technik-, Automobil-, Ernährungs- oder Finanzdienstbeilagen, sondern auch den Großteil der ‚journalistischen’ Ressorts.

Um diese zielgruppenorientierten, in der Regel nicht-journalistischen Texte (die oft genug hervorragend geschrieben sind) müssen wir uns, wenn wir über die Krise des Journalismus nachdenken, keine Sorgen machen. Exakt diese Texte sind es aber, die den eigentlichen Journalismus gefährden, weil sie leicht und im Überfluss produziert werden können.

 

Die Marktpreise fallen ins Bodenlose

Die durch den gegenwärtigen Erzähl-, Meinungs- und Soft’journalismus’ erzeugte Überproduktionskrise (zu der in gewisser Weise auch der vorliegende Text gehört) sorgt dafür, dass die Marktpreise für Texte ins Bodenlose fallen und professionellen Journalismus unmöglich machen: Es ist der Überfluss an Texten, der die Krise des Journalismus verursacht.

Wenn also im Nachfolgenden von der „Rettung des Journalismus“ gesprochen wird, dann ist ausschließlich jener schmale Sektor gemeint, den man mit einiger Berechtigung Journalismus nennen darf: die professionelle Beobachtung, Ermittlung, Darstellung und Diskussion des aktuellen und relevanten Geschehens in Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft. Also jene Arbeit, die zur „Herstellung einer demokratischen Öffentlichkeit“ notwendig ist.

Dieser, hohen Rechercheaufwand und nachhaltige Kompetenzerwerbung voraussetzende Journalismus (der zum Leidwesen seiner Finanziers aber nur wenig „Output“ generiert), ist aus dreierlei Gründen gefährdet:

– Erstens, weil die Werbung treibende Industrie das bislang notwendige Trägermedium „Zeitung“ oder „Zeitschrift“ nicht mehr benötigt, um die potentielle Kundschaft massenhaft zu erreichen. Also sinken die Menge der geschalteten Anzeigen und die Höhe der Anzeigenpreise rapide. Die Vertriebserlöse können das entstehende Minus nicht ausgleichen.

– Zweitens erzeugen die Vermachtung und die Vernetzung der Medienindustrie zahlreiche Abhängigkeiten und Rücksichtnahmen, die es den Verantwortlichen in den Verlagen ratsam erscheinen lassen, Journalismus immer häufiger durch bloße Texte zu ersetzen.

– Und drittens produziert das immer noch wachsende Heer des Medienprekariats eine Unzahl dieser leicht und preiswert herzustellenden Erzähl- und Nutzwert-Texte.

 

Der Ausbildungswildwuchs muss beschnitten werden

An den beiden erstgenannten Phänomenen kann der Journalismus wenig ändern. Den dritten Punkt könnte er aber beeinflussen: Würden künftig nicht mehr so viele junge Menschen in einen mittlerweile total unübersichtlichen Dschungel von ‚journalistischen’ Möchtegern-Ausbildungs-Institutionen gelockt, und wäre es nicht so überaus reizvoll und leicht, irgendwelche Texte als Füllmaterial für Verlags-Plattformen und Zeitungen zu produzieren, gäbe es auch keine den Journalismus erdrückende Überproduktionskrise.

Anstatt jedoch an diesem Punkt anzusetzen und beherzt auszumisten, steigt die Zahl der privaten und öffentlichen Kurse, Studiengänge und Sommerakademien, in denen oft „Journalisten“, die selbst keinerlei Journalismus produzieren, angehende Journalisten im Journalismus auszubilden meinen, immer weiter an. Was den von Manufakturen zu Fließbandproduzenten aufgestiegenen Verlagskonglomeraten nur recht sein kann. Selbst die Journalisten-Organisationen freuen sich heute über jedes neue Mitglied, egal, ob es nun Journalismus macht oder einfach nur Texte produziert.

Der überaus erfolgreiche Simulations-„Journalismus“, der mit dem eigentlichen Journalismus nur noch am Rande zu tun hat (aber hervorragend geschrieben sein kann), ist spottbillig, weil in rauen Mengen verfügbar. Mit ihm kann man Zeitungsseiten todsicher „vollmachen“ und trotz gesunkener Anzeigenpreise und Zeitungskrise noch immer schöne Profite einfahren.

Crosspost von The European (Der Text ist dort im Rahmen einer Serie zur „Zukunft des Journalismus“ erschienen) 


Vati war der Beste. Die neue Liebe der Journalisten zu Helmut Kohl

25 September 2012 um 15:24 • Kommentare deaktiviert für Vati war der Beste. Die neue Liebe der Journalisten zu Helmut Kohlpermalink

Am 1. Oktober feiert die Republik „30 Jahre Kanzlerschaft Helmut Kohl“. Streng genommen regierte der Alte ja „nur“ 16 Jahre, aber wenn sich selbst Linksliberale an ihm besoffen schreiben, kann man schon mal Fünfe grade sein lassen. Oder?

 

Helmut Kohl – „betrogen, getäuscht, isoliert“. So titelt, um Zuneigung buhlend – der Spiegel in dieser Woche. Die Ausschmückungsfeierlichkeiten der Kohlschen Kanzlerschaft haben begonnen, und all die dummen Birnenverächter, die ihm so lange skeptisch und kopfschüttelnd gegenüberstanden, ziehen nun reumütig und mit tiefem Knicks den Hut.

Tun sie es, weil sie den Mantel der Gechichte spüren wollen, oder tun sie es, weil sie der regierenden „Fremden aus Anderland“ (Höhler über Merkel) einen freundlichen Klaps erteilen wollen: Ändere deine verdammte Europa-Politik! Mach es wie er!

Es ist ein durchsichtiges Manöver, den alten Kohl nun zum verkannten und ausgegrenzten Bismarck zu stilisieren, der trotzig und beleidigt in seinem dunklen Sachsenwald hockt. Man lobt und preist ihn, um Angela Merkel mit der Lobhudelei ein wenig dissen zu können. Wahrscheinlich war es auch nicht Gorbatschow, sondern Kohl, der das neue Europa – allen Bedenken zum Trotz – aus einer Rippe seines Leibes geschnitten hat.

Wenn linksliberale Journalisten den Altkanzler jetzt zum größten Staatsmann unter allen Bundeskanzlern hochjubeln, dann soll damit wohl auch die Generosität einer freien Linken demonstriert werden. Schließlich hat Sahra Wagenknecht damit angefangen, als sie den guten Ludwig Erhard aus dem Vorratskeller der CDU holte und ein wenig entstaubte.

Aber ist das nötig? Brauchen wir die große Koalition jetzt auch im Denken?

Die Gnade der späten Geburt bringt es mit sich, dass die in den späten sechziger Jahren Geborenen die erste Hälfte der „Ära Kohl“ nicht sonderlich bewusst erlebt haben. Also erinnern sie sich auch nicht so deutlich an die bleiernen Jahre, an den geistig-moralischen Stillstand, an NATO-Nachrüstung, Flick-Affäre und Atomkraft-Lügen nach Tschernobyl. Vielleicht erinnern sie sich nicht einmal an den Kanzler der Treuhand und der vereinten Bimbes-Republik, der von Geldbeschaffung viel, von Makro-Ökonomie dagegen wenig verstand.

Ich freue mich deshalb schon jetzt auf die Feierlichkeiten zum Spiegel-Thema „30 Jahre Kanzlerschaft Merkel“. Der Spiegel, das Sturmgeschütz der Demokratie – dann geführt von Jakob Augstein – wird sicher wieder mit einer steilen These aufwarten. Mit welcher? Nun, „Betrogen, getäuscht, isoliert – die Tragödie der Angela Merkel“ kommt der Sache schon ziemlich nahe.

Crosspost


Zwölf hoffentlich finale Thesen zur Zukunft des Journalismus

10 Juli 2011 um 13:44 • 17 Kommentarepermalink

Die Medien-Debatte dreht sich im Kreis. Eine gewisse Müdigkeit in der Argumentation ist nicht zu übersehen. Sanftes Plädoyer für eine Denk- und Debattenpause.

 

Ja doch, ich bewundere alle Kollegen, die sich ernsthafte Gedanken um die Zukunft des Journalismus machen. Aber – ehrlich gesagt – ich kann’s auch nicht mehr hören! Es kommt nicht mehr viel Neues. Hier – zusammengefasst – der aktuelle Stand der Erkenntnisse:

1. Der Journalismus der Zukunft wird den gegenwärtigen Journalismus eines Tages ablösen.

2. Zukunftsfähig wird Journalismus nur dann, wenn er die Gegenwart nicht als Bedrohung empfindet.

3. Journalisten, die heute nicht vernetzt sind, werden morgen in den Netzen nicht vorkommen.

4. Alle Untersuchungen deuten darauf hin, dass die Leser der Zukunft auch tatsächlich die künftigen Leser sind.

5. Die zunehmende Abwendung von den heutigen Medien bedeutet nicht, dass die Zuwendung zu den künftigen Medien nicht zunehmen wird.

6. Im Kampf um die Aufmerksamkeit werden sich Journalisten und Leser mehr anstrengen müssen.

7. Mit der wachsenden Orientierungslosigkeit der Journalisten wächst auch die Navigationsfreude der Leser. Und umgekehrt.

8. Die Nähe zum Geschehen wird die Distanz zu den Lesern bestimmen. Und umgekehrt.

9. Rückkopplungseffekte machen den Journalismus der Zukunft erst dialogfähig.

10. Leser und Journalisten werden immer häufiger die Rollen tauschen. Beide werden deshalb die Frage beantworten müssen: Was macht das mit uns?

11. Die Nachfrage nach Qualitäts-Angeboten wird künftig von der Bereitschaft abhängen, Qualitäts-Angebote auch tatsächlich nachzufragen.

12. Wer den Journalismus der Zukunft finanzieren wird, ist noch nicht raus.

Diese 12 Thesen sind selbstverständlich unbeschränkt einsetzbar, podiums- und massenkompatibel – und schmücken jeden weiteren Workshop, jedes Panel und jede Keynote zum Thema. Aber sind sie die ständige Wiederholung wirklich wert?

P.S. Denen, die trotzdem weiter über die Zukunft des Journalismus nachdenken wollen, möchte ich den ersten Satz des Wikipedia-Eintrags zur „Geschichte des Journalismus“ empfehlen (der eigentlich völlig ausreicht):

„Der Journalismus hat sich im Laufe seiner mehr als 2000 Jahre währenden Geschichte jeweils der neuesten Technologien bedient.“


Das Netzwerk und der Drückerkönig

21 Mai 2011 um 19:55 • 4 Kommentarepermalink

Unter dem Motto „Sisyphos war ein glücklicher Mensch“ feiert das Netzwerk Recherche Anfang Juli sein zehnjähriges Bestehen. Die Festrede hält Günter Grass. „Stargast“ Carsten Maschmeyer sagte sein Kommen wieder ab.

 

Prof. Dr. Thomas Leif und seine Mitstreiter haben in nur zehn Jahren ein Journalisten-Imperium aufgebaut, das einen wirklich staunen lässt. Aus dem kleinen Verein „Netzwerk Recherche“ ist eine einflussreiche NGO mit nahezu gouvernementalen Zügen geworden, eine Führungsakademie für Journalistik. Spötter bezeichnen das Netzwerk auch als Großloge des ritterlichen Journalismus“.

Jedes Jahr vor der Sommerpause präsentiert der Chefreporter des SWR, Thomas Leif, auf dem Gelände des NDR im Hamburger Norden ein Programm, das den Veranstaltern der Henri NannenShow gut zu Gesicht stehen würde und den Machern der legendären Reporter-Workshops im Spiegel-Hochhaus großen Respekt abfordert.

An Debatten über Qualitäts-Journalismus herrscht also kein Mangel in Deutschland. Doch beim Netzwerk Recherche treten die Qualitäten so geballt und ehrfurchtgebietend auf, dass Lokalreporter wohl zu der Formel greifen würden: „…alles, was Rang und Namen hat“. Hier wird auf hohem Niveau genetzwerkt und die Tagungen sind fast so perfekt organisiert wie der Düsseldorfer ESC. Wer den Vorsitzenden Thomas Leif noch als ‚CEO‘ der „deutschen jugendpresse e.V.“ erlebt hat, wird auch nichts anderes erwarten.

Einige der Referenten sind mittlerweile sogar selbst Gegenstand der Berichterstattung: Sabine Rückert etwa mit ihrem überbordenden Engagement im Kachelmann-Prozess, Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo als ungewohnter Hardliner bei der Aberkennung des Egon Erwin Kisch-Preises, oder WikiLeaks-Aussteiger Daniel Domscheit-Berg als ewiger Ankündiger von Openleaks.

 

Der Mythos von Sisyphos als Journalisten-Selbstbild

Das Jubiläums-Programm 2011 steht unter dem pathetischen, leicht abgewandelten Motto des Philosophen Albert Camus: „Sisyphos war ein glücklicher Mensch“. Übertragen auf Journalisten soll das heißen: Man muss sich den Rechercheur als einen glücklichen Menschen vorstellen (ja, so viel Mythos vom Journalisten war selten!).

Im Programm-Flyer zur Veranstaltung wirbt der Altsender NDR mit dem Satztryptichon „Journalismus braucht Recherche. Und Sendeplätze. Die haben wir.“ Altkanzler Helmut Schmidt lächelt weise aus einer Banken-Anzeige für einen Journalistenpreis. Altskeptiker Martin Walser steuert das ganzheitliche Motto des Programms bei: „Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr.“ Und Altnobelpreisträger Günter Grass wird „zur Lage des Journalismus“ ein paar mahnende (oder auch segnende) Worte sprechen. Am Abend wird dann gefeiert: 10 Jahre Netzwerk Recherche = “10 Jahre Sisyphos-Arbeit mit Kollateralnutzen“. Aber auch „50 Jahre Panorama“ werden gefeiert. Womit wir bei einem heiklen Thema wären.

Es gab Ärger! Ausgerechnet im Vorfeld der Jubiläums-Tagung, und ausgerechnet beim gastgebenden NDR. Das Politmagazin Panorama war verärgert darüber, dass ihm das Netzwerk Recherche mitten in einer sisyphoshaften Arbeit in den Rücken fiel. Christoph Lütgert, NDR-Chefreporter von 1993 bis 2010, Autor zahlreicher Panorama-Beiträge und prominentes Mitglied des Netzwerks, musste sich von Netzwerk Recherche-Vorstand Markus Grill eine Diva schelten lassen, weil er es gewagt hatte, Kritik an der Programmplanung des Netzwerks zu üben.

Bei der Jubiläumsveranstaltung sollte nämlich Carsten Maschmeyer auftreten, ein einflussreicher Sponsor und Unternehmer. Der aus kleinen Verhältnissen stammende, mit allen PR-Wassern gewaschene Selfmademan aus Hannover hatte als „Finanzoptimierer“ ein Vermögen mit den Ersparnissen kleiner Leute gemacht. Seine ehemalige Firma, der „Allgemeine Wirtschaftsdienst“ (AWD) hatte für Banken und Versicherungen Fonds und Policen vertickt, die nicht immer das hielten, was die AWD-Berater versprochen hatten. Kunden, die infolgedessen ihre Ersparnisse verloren, fordern vom AWD Entschädigung.

Ins Gerede geriet Maschmeyer aber auch wegen seiner auffälligen Kontakte „in die hohe Politik“. So hatte er Gerhard Schröders Kanzlerkandidatur 1998 mit großen Zeitungsanzeigen unterstützt (um, wie er verlauten ließ, Oskar Lafontaine und einen „extremen Linksrutsch“ zu verhindern). Ob Schröder oder Wulff, Riester oder Rürup – Maschmeyer bewirtete sie alle. Die „Autorität“ und die „Seriosität“ seiner Gäste – insbesondere ihr Bekanntheitsgrad – waren gut fürs Geschäft.

In diesen Modder aus Geschäft & Politik griff eines Tages der NDR. Im September 2010 sendete die ARD den PanoramaBeitrag „Abzocker Maschmeyer: Liebling der Politik, Freund des Bundespräsidenten“. Von nun an ließ Panorama nicht mehr locker. Im Stil des Dokumentarfilmers Michael Moore hefteten sich Christoph Lütgert und sein Team an die Fersen Maschmeyers – um ihn zu einer spontanen Aussage vor der Kamera zu verleiten. Maschmeyer aber fühlte sich von den Journalisten verfolgt. Gegen eine für den 12. Januar 2011 angekündigte NDR-Dokumentation („Der Drückerkönig und die Politik“) ließ er schon im Vorfeld grobes Geschütz auffahren. VIP-Anwalt Matthias Prinz verschickte Schriftsätze von 61 Seiten Länge an die Chefredakteure und Intendanten der ARD; danach konnte der Film nur mit erheblichen „Schwärzungen“ über den Sender gehen. Einen Blogbeitrag, den Lütgert am Tag der Sendung veröffentlichte, kommentierten fast 700 Leser.

 

Ist journalistische Verbissenheit bloß ein privater Tick?

Am 28. April 2011 legte Panorama nach. Lütgert und Maschmeyer hatten sich nun fest ineinander verbissen. Aber verbissen (und subjektiv) sollen gute Reportagen ja sein. Da war es logisch, dass die Macher des Netzwerks Recherche das Thema auf ihrer Jubiläumstagung behandelt wissen wollten. Sie schlugen Carsten Maschmeyer vor, ein öffentliches Streitgespräch mit Christoph Lütgert zu führen. Maschmeyer lehnte jedoch ab. Mit dem (voreingenommenen) Herrn Lütgert wolle er auf keinen Fall reden.

Um die Zugnummer Maschmeyer für die Jubiläums-Tagung zu retten, boten die Netzwerker dem umstrittenen Unternehmer schließlich einen anderen Gesprächspartner an: den Spiegel-Reporter Markus Grill. Auch der hatte schon über Maschmeyer geschrieben. Und – oh Wunder – Maschmeyer akzeptierte. Alle Beteiligten waren glücklich.

Nicht ganz. Der düpierte Reporter Christoph Lütgert war über seine plötzliche Ausladung (durch den eigenen Verein!) dermaßen erbost, dass er den Fall in die Öffentlichkeit trug und mit seinem Vereinsaustritt drohte. Vorstandsmitglied Markus Grill wollte Lütgerts helle Empörung nicht verstehen und goss weiteres Öl ins Feuer: Er meinte, der erfahrene Chefreporter könne ja, wenn er unbedingt wolle, aus dem Publikum heraus seine kritischen Fragen an Maschmeyer stellen. Im übrigen könne das Netzwerk seine kostbare Zeit nicht damit verschwenden, „ständig Diven zu besänftigen.“

Diesen Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen (und Carsten Maschmeyer hat dazu auch genüsslich Stellung genommen): Ein Spiegel-Reporter empfiehlt dem ehemaligen und langjährigen Chefreporter des NDR, er möge sich in den Räumen seines Heimatsenders unters Publikum mischen und von dort aus seine Zwischenfragen stellen. So viel Arroganz und Unkollegialität brachte schließlich die komplette Panorama-Redaktion auf die Palme:

„Da der Konflikt um die Jahrestagung und die Panorama-Recherchen zu Carsten Maschmeyer … in der Öffentlichkeit als eine Art Privatangelegenheit unseres Autoren Christoph Lütgert hingestellt werden, bezieht die Redaktion Stellung. Die viele Monate andauernden Recherchen zu den Geschäftspraktiken und politischen Beziehungen von Carsten Maschmeyer wurden von einem großen Team von Rechercheuren und Redakteuren geleistet. Bis zuletzt hat Carsten Maschmeyer Panorama trotz wiederholter Anfragen jegliches Interview verweigert.

In der Folge der Panorama-Berichterstattung kam es einerseits zu umfangreicher Berichterstattung in anderen Medien – von denen einige auch Interviews mit Maschmeyer führen konnten – und andererseits  zu einem heftigen Konflikt zwischen Carsten Maschmeyer und der Panorama-Redaktion. Dieser Konflikt gipfelte darin, dass Carsten Maschmeyer eine strafrechtliche Verfolgung unseres Reporters und Redaktionsmitgliedes Christoph Lütgert prüfen ließ.

Nun soll gerade dieser Konflikt wesentlicher Gegenstand eines Streitgesprächs mit Carsten Maschmeyer im Rahmen der Jahrestagung „netzwerk recherche“ werden. Daher erscheint uns eine gleichberechtigte Teilnahme an der Diskussion auf der Tagung unabdingbar. Den Panorama-Kollegen haben die Veranstalter aber nur eine Rolle als Fragesteller aus dem Publikum zugedacht, nachdem Carsten Maschmeyer es abgelehnt hatte, mit Christoph Lütgert auf der Bühne zu diskutieren. Wir bitten um Verständnis, dass wir eine solche Anordnung nicht für akzeptabel halten.“

Blieb als einigermaßen vertretbarer Kompromiss nur ein Dreier-Gespräch mit Grill, Lütgert und Maschmeyer auf offener Bühne. Doch Maschmeyer war klug genug, die Veranstaltung von sich aus abzusagen. Er habe viel gelernt, ließ er süffisant wissen, über „die Wirkmechanismen in Teilen des deutschen Journalismus“.

Das Netzwerk Recherche hat nun Gelegenheit, statt des Maschmeyer-Gesprächs die Frage zu erörtern, ob kollegiales Verhalten investigativen Journalismus eher fördert oder hemmt.

(Update 28.6.: Markus Grill legt Wert auf die Feststellung, dass nicht er es gewesen sei, der Christoph Lütgert geraten habe, sich ins Publikum zu setzen und von dort aus an dem geplanten Streitgespräch teilzunehmen. Turi2 hatte dies am 16. Mai unwidersprochen so gemeldet).


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