Journalisten als Lehrer der Nation?

17 Januar 2017 um 15:51 • 7 Kommentarepermalink

Was will die von Cordt Schnibben und David Schraven geplante Reporter-Fabrik erreichen: das Volk erziehen oder den Journalismus demokratisieren? Ist die Reporter-Fabrik eine Journalistenschule für Bürger oder eine Bürgerschule für Journalisten?

 

Die fabrikmäßige Herstellung von Reportern ist nicht vorgesehen. Nein, die geplante Fabrik soll die Welt zu einem besseren Ort machen:

„Das ist unser Versuch, die aufklärerische, konstruktive, solidarische Vision des Netzes zu verteidigen gegen die dunkle Seite: gegen Hass, Fake-News, Desinformationen und Trash.“

Die Reporter-Fabrik soll die Bevölkerung in eine „redaktionelle Gesellschaft“ verwandeln, in eine lebendige 24/7-Demokratie mit Abermillionen gut ausgebildeter Sender und Empfänger. „Eine Journalistenschule für jedermann“ soll entstehen, angesiedelt irgendwo zwischen Volkshochschule, Volksaufklärung und Volkserziehung. Seit das Internet für ärgerliche Konkurrenz sorgte, entdecken Journalisten ihre Berufung als Medienpädagogen a) weil sie als Journalisten nicht mehr gebraucht werden und b) weil die Lehrer die Medienerziehung in den Schulen offenbar nicht gebacken kriegen.

Aufgabe und Zweck der geplanten Reporter-Fabrik ist daher – laut Eigenwerbung – die Herstellung einer Gesellschaft, in der jede und jeder befähigt ist, eine Nachricht zuverlässig und richtig zu lesen, zu schreiben, zu verstehen, einzuordnen, zu bewerten und gegebenenfalls (hüstel) als Fake-News zu markieren und auszusortieren: guter Journalismus ins Töpfchen, schlechter Journalismus ins Kröpfchen.

 

Wie? Noch ne Journalistenschule?

Nun gibt es bereits ein Übermaß an Journalistenausbildung: In zahllosen Fachhochschul-Studiengängen, Universitätsprojekten, Medienkonzernen, Rundfunkanstalten, Kirchen, Verbänden, Stiftungen, Journalistenschulen und privaten „Was mit Medien“-Akademien verdienen Journalisten als Lehrbeauftragte einen Gutteil des Geldes, das sie mit Journalismus allein nicht mehr erwirtschaften können. Aber offensichtlich reicht das Überangebot noch immer nicht für alle.

„Nie vorher“ heißt es im Charta-ähnlichen Konzept der Reporter-Fabrik, „war die veröffentlichte Meinung vielfältiger. Nie vorher war die veröffentlichte Meinung unqualifizierter“.

Deshalb will die vierte Gewalt (die sich für die vielfältige hält) die fünfte Gewalt (die natürlich die unqualifizierte ist) an die Hand nehmen und eines besseren belehren. Kein Wunder, dass manche Kritiker bereits vermuten, hier wollten etablierte Medienmacher nur ihre kulturelle Hegemonie absichern.

„Es besteht die Gefahr“, heißt es im Konzept, „dass Leser in den sozialen Medien echte und erfundene Nachrichten nicht mehr auseinander halten können und darunter die Glaubwürdigkeit der klassischen und sozialen Medien nachhaltig leidet… Wir wollen mit der Reporterfabrik eine Web-Akademie schaffen, die dazu beiträgt, die Glaubwürdigkeit der veröffentlichten Meinung zu stärken.“

Im Kern soll es also darum gehen, die angeblich nur von den sozialen Medien stark verunsicherten, indoktrinierten oder gar verhetzten Leser so aufzuklären, dass die entstandenen Zweifel nicht auf die klassischen Medien überspringen und deren Glaubwürdigkeit beschädigen.

Geht es der geplanten Reporter-Fabrik also um Bildung oder um Erziehung? Geht es um die Verteidigung der Demokratie oder um die Verteidigung des alten Mediensystems?

 

Das Netzwerk der Immergleichen

Im 19-köpfigen Kuratorium der Akademie sitzen exakt jene Vertreter, die schon jetzt jede Journalistenpreis-Jury und jedes Podium veredeln, um dort – nebenbei – die vierte Gewalt gegen die fünfte abzugrenzen: Chefredakteure, Verlagsleiter, Medien-Professoren und die übliche Web-Prominenz (diesmal nicht Sascha Lobo, sondern Richard Gutjahr). Das Kuratorium der Fabrik hat die Aufgabe, den Lehrplan der Schule zu genehmigen, wird aber aufgrund der Multipräsenz seiner Mitglieder wenig Einfluss nehmen. Die Leitung wird im Wesentlichen von den beiden „Gründern“ und „Machern“ Cordt Schnibben und David Schraven ausgeübt: der eine ist Leiter des von einer Verlegerstiftung ermöglichten Recherchezentrums Correctiv, der andere Leiter des vom Spiegel unterstützten Reporterforums. Dazu kommen das vom NDR geförderte Netzwerk Recherche und andere einschlägig bekannte Journalisten-Organisationen, deren Vertreter sich untereinander gut kennen und gegenseitig gern einladen.

Inhaltlich wird das Programm der Reporter-Fabrik vor allem aus einer Reihe von Lehrfilmen bestehen. Die Web-Akademie ist eine größtenteils virtuelle Veranstaltung, die zu 90 Prozent im Netz stattfindet und ähnlich einer Fern-Uni betrieben wird. Im Grunde handelt es sich um eine Ausweitung von Schülerzeitungsseminaren auf Erwachsene. Und vermutlich werden sich an der Akademie auch eher Schmalbart– als Breitbart-Interessierte einschreiben. Also Menschen, denen es letztlich um Politik und eine vernünftige politische Auseinandersetzung geht.

 

Eine großartige Idee – wenn man sie richtig liest

Damit sind wir auch schon beim Lob angelangt. Denn unbestreitbar ist die Reporter-Fabrik (trotz ihres irreführenden Namens) eine großartige Zukunftsidee. Diese Fabrik will eine „Schule der Demokratie“ sein, die den gesellschaftlichen und politischen Rollback in autoritäre Zeiten verhindern hilft.

Da trifft es sich ausgezeichnet, dass der in seinem Selbstverständnis angeknackste Journalismus, der lange Zeit in einer Art Elfenbeinturm lebte – reduziert und fokussiert auf die eigene Mittelschicht -, nun den aktivistischen Drang verspürt, in die Gesellschaft hinauszugehen und allen zu demonstrieren: Ich bin einer von Euch. Ich bin euer Mit-Bürger. So wie ihr durch uns zu Bürger-Journalisten werden könnt, so werden wir durch euch zu aktiven Journalisten-Bürgern.

Der schleichenden Auflösung des Journalismus (wie wir ihn kannten) wird endlich ein positiver Aspekt abgerungen. Die Veränderung wird nicht mehr von Ängsten gebremst, sondern optimistisch vorangetrieben. Der Journalismus der Zukunft soll sich aus seiner kommerziellen Umklammerung lösen und zum Ombudsmann der ganzen Gesellschaft werden. Damit durchlebt er einen radikalen Funktionswandel: Der Journalist zieht sich aus den (viel zu groß gewordenen) Medienkonzernen zurück und wird Lehrer, Sozialarbeiter, Berater, öffentlicher Dienst und gemeinnützige Organisation. Er mag zwar als Lehrer einer Reporter-Fabrik weiterhin glauben, dass er die Bürger zu Journalisten „qualifiziert“, doch in Wahrheit „qualifizieren“ ihn diese zum Mit-Bürger.

Hat der Journalist seine Lektion „gelernt“, kann er sich nicht mehr aus der Gesellschaft heraushalten. Er nimmt an ihr teil, auch wenn es vordergründig nur darum gehen mag, die Bürger zu lehren, wie man echte News von Fake-News unterscheidet. Die „Panik im Mittelstand“, die den Journalismus in den vergangenen Jahren zu lähmen begann, könnte ihm nun neues Leben einhauchen.

Das Bestechende der Idee von Cordt Schnibben und David Schraven besteht also nicht darin, verunsicherte Bürger mit den Regeln des Journalismus vertraut zu machen, es besteht darin, verunsicherte Journalisten mit den Lebenswelten der Bürger vertraut zu machen – nachdem der Kontakt zueinander aus Gründen irgendwann abgerissen ist. Insofern könnte die Reporter-Fabrik ein Erneuerungs- und Verjüngungsprogramm für den alt gewordenen Journalismus sein.

In diesem Sinne ist der Fabrik möglichst viel Zulauf zu wünschen.

 

Lesen Sie dazu auch: Panik im Mittelstand oder Wohin driftet der Journalismus?


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