Journalisten als Lehrer der Nation?

17 Januar 2017 um 15:51 • 7 Kommentarepermalink

Was will die von Cordt Schnibben und David Schraven geplante Reporter-Fabrik erreichen: das Volk erziehen oder den Journalismus demokratisieren? Ist die Reporter-Fabrik eine Journalistenschule für Bürger oder eine Bürgerschule für Journalisten?

 

Die fabrikmäßige Herstellung von Reportern ist nicht vorgesehen. Nein, die geplante Fabrik soll die Welt zu einem besseren Ort machen:

„Das ist unser Versuch, die aufklärerische, konstruktive, solidarische Vision des Netzes zu verteidigen gegen die dunkle Seite: gegen Hass, Fake-News, Desinformationen und Trash.“

Die Reporter-Fabrik soll die Bevölkerung in eine „redaktionelle Gesellschaft“ verwandeln, in eine lebendige 24/7-Demokratie mit Abermillionen gut ausgebildeter Sender und Empfänger. „Eine Journalistenschule für jedermann“ soll entstehen, angesiedelt irgendwo zwischen Volkshochschule, Volksaufklärung und Volkserziehung. Seit das Internet für ärgerliche Konkurrenz sorgte, entdecken Journalisten ihre Berufung als Medienpädagogen a) weil sie als Journalisten nicht mehr gebraucht werden und b) weil die Lehrer die Medienerziehung in den Schulen offenbar nicht gebacken kriegen.

Aufgabe und Zweck der geplanten Reporter-Fabrik ist daher – laut Eigenwerbung – die Herstellung einer Gesellschaft, in der jede und jeder befähigt ist, eine Nachricht zuverlässig und richtig zu lesen, zu schreiben, zu verstehen, einzuordnen, zu bewerten und gegebenenfalls (hüstel) als Fake-News zu markieren und auszusortieren: guter Journalismus ins Töpfchen, schlechter Journalismus ins Kröpfchen.

 

Wie? Noch ne Journalistenschule?

Nun gibt es bereits ein Übermaß an Journalistenausbildung: In zahllosen Fachhochschul-Studiengängen, Universitätsprojekten, Medienkonzernen, Rundfunkanstalten, Kirchen, Verbänden, Stiftungen, Journalistenschulen und privaten „Was mit Medien“-Akademien verdienen Journalisten als Lehrbeauftragte einen Gutteil des Geldes, das sie mit Journalismus allein nicht mehr erwirtschaften können. Aber offensichtlich reicht das Überangebot noch immer nicht für alle.

„Nie vorher“ heißt es im Charta-ähnlichen Konzept der Reporter-Fabrik, „war die veröffentlichte Meinung vielfältiger. Nie vorher war die veröffentlichte Meinung unqualifizierter“.

Deshalb will die vierte Gewalt (die sich für die vielfältige hält) die fünfte Gewalt (die natürlich die unqualifizierte ist) an die Hand nehmen und eines besseren belehren. Kein Wunder, dass manche Kritiker bereits vermuten, hier wollten etablierte Medienmacher nur ihre kulturelle Hegemonie absichern.

„Es besteht die Gefahr“, heißt es im Konzept, „dass Leser in den sozialen Medien echte und erfundene Nachrichten nicht mehr auseinander halten können und darunter die Glaubwürdigkeit der klassischen und sozialen Medien nachhaltig leidet… Wir wollen mit der Reporterfabrik eine Web-Akademie schaffen, die dazu beiträgt, die Glaubwürdigkeit der veröffentlichten Meinung zu stärken.“

Im Kern soll es also darum gehen, die angeblich nur von den sozialen Medien stark verunsicherten, indoktrinierten oder gar verhetzten Leser so aufzuklären, dass die entstandenen Zweifel nicht auf die klassischen Medien überspringen und deren Glaubwürdigkeit beschädigen.

Geht es der geplanten Reporter-Fabrik also um Bildung oder um Erziehung? Geht es um die Verteidigung der Demokratie oder um die Verteidigung des alten Mediensystems?

 

Das Netzwerk der Immergleichen

Im 19-köpfigen Kuratorium der Akademie sitzen exakt jene Vertreter, die schon jetzt jede Journalistenpreis-Jury und jedes Podium veredeln, um dort – nebenbei – die vierte Gewalt gegen die fünfte abzugrenzen: Chefredakteure, Verlagsleiter, Medien-Professoren und die übliche Web-Prominenz (diesmal nicht Sascha Lobo, sondern Richard Gutjahr). Das Kuratorium der Fabrik hat die Aufgabe, den Lehrplan der Schule zu genehmigen, wird aber aufgrund der Multipräsenz seiner Mitglieder wenig Einfluss nehmen. Die Leitung wird im Wesentlichen von den beiden „Gründern“ und „Machern“ Cordt Schnibben und David Schraven ausgeübt: der eine ist Leiter des von einer Verlegerstiftung ermöglichten Recherchezentrums Correctiv, der andere Leiter des vom Spiegel unterstützten Reporterforums. Dazu kommen das vom NDR geförderte Netzwerk Recherche und andere einschlägig bekannte Journalisten-Organisationen, deren Vertreter sich untereinander gut kennen und gegenseitig gern einladen.

Inhaltlich wird das Programm der Reporter-Fabrik vor allem aus einer Reihe von Lehrfilmen bestehen. Die Web-Akademie ist eine größtenteils virtuelle Veranstaltung, die zu 90 Prozent im Netz stattfindet und ähnlich einer Fern-Uni betrieben wird. Im Grunde handelt es sich um eine Ausweitung von Schülerzeitungsseminaren auf Erwachsene. Und vermutlich werden sich an der Akademie auch eher Schmalbart– als Breitbart-Interessierte einschreiben. Also Menschen, denen es letztlich um Politik und eine vernünftige politische Auseinandersetzung geht.

 

Eine großartige Idee – wenn man sie richtig liest

Damit sind wir auch schon beim Lob angelangt. Denn unbestreitbar ist die Reporter-Fabrik (trotz ihres irreführenden Namens) eine großartige Zukunftsidee. Diese Fabrik will eine „Schule der Demokratie“ sein, die den gesellschaftlichen und politischen Rollback in autoritäre Zeiten verhindern hilft.

Da trifft es sich ausgezeichnet, dass der in seinem Selbstverständnis angeknackste Journalismus, der lange Zeit in einer Art Elfenbeinturm lebte – reduziert und fokussiert auf die eigene Mittelschicht -, nun den aktivistischen Drang verspürt, in die Gesellschaft hinauszugehen und allen zu demonstrieren: Ich bin einer von Euch. Ich bin euer Mit-Bürger. So wie ihr durch uns zu Bürger-Journalisten werden könnt, so werden wir durch euch zu aktiven Journalisten-Bürgern.

Der schleichenden Auflösung des Journalismus (wie wir ihn kannten) wird endlich ein positiver Aspekt abgerungen. Die Veränderung wird nicht mehr von Ängsten gebremst, sondern optimistisch vorangetrieben. Der Journalismus der Zukunft soll sich aus seiner kommerziellen Umklammerung lösen und zum Ombudsmann der ganzen Gesellschaft werden. Damit durchlebt er einen radikalen Funktionswandel: Der Journalist zieht sich aus den (viel zu groß gewordenen) Medienkonzernen zurück und wird Lehrer, Sozialarbeiter, Berater, öffentlicher Dienst und gemeinnützige Organisation. Er mag zwar als Lehrer einer Reporter-Fabrik weiterhin glauben, dass er die Bürger zu Journalisten „qualifiziert“, doch in Wahrheit „qualifizieren“ ihn diese zum Mit-Bürger.

Hat der Journalist seine Lektion „gelernt“, kann er sich nicht mehr aus der Gesellschaft heraushalten. Er nimmt an ihr teil, auch wenn es vordergründig nur darum gehen mag, die Bürger zu lehren, wie man echte News von Fake-News unterscheidet. Die „Panik im Mittelstand“, die den Journalismus in den vergangenen Jahren zu lähmen begann, könnte ihm nun neues Leben einhauchen.

Das Bestechende der Idee von Cordt Schnibben und David Schraven besteht also nicht darin, verunsicherte Bürger mit den Regeln des Journalismus vertraut zu machen, es besteht darin, verunsicherte Journalisten mit den Lebenswelten der Bürger vertraut zu machen – nachdem der Kontakt zueinander aus Gründen irgendwann abgerissen ist. Insofern könnte die Reporter-Fabrik ein Erneuerungs- und Verjüngungsprogramm für den alt gewordenen Journalismus sein.

In diesem Sinne ist der Fabrik möglichst viel Zulauf zu wünschen.

 

Lesen Sie dazu auch: Panik im Mittelstand oder Wohin driftet der Journalismus?


Panik im Mittelstand oder: Wohin driftet der Journalismus?

23 September 2014 um 11:55 • 4 Kommentarepermalink

Die Publizistik der Zukunft, sagen jetzt sogar Konservative wie Arnulf Baring, benötige wahrscheinlich Staatsknete. Andere meinen, das Recherchieren solle gemeinnützig werden. Über sich häufende Panikattacken im Journalismus-Diskurs, die neue Liebe zu den Öffentlich-Rechtlichen und eine Rückkehr zu alten Tugenden. Dritter und letzter Teil meiner Serie über den Strukturwandel der Öffentlichkeit.

 

Als ich in den achtziger Jahren Redakteur beim Hamburger Magazin Geo wurde, erzählten mir die älteren Kollegen unglaubliche Storys von ihrem aufregenden und komfortablen Reporterleben in den Siebzigern: Morgens um elf seien sie mit dem Taxi zur Arbeit gefahren und abends um elf mit dem Taxi zur Kneipe wieder nach Hause. Sie hätten auf Reisen in Fünf-Sterne-Hotels übernachtet und wären ganz selbstverständlich Business Class geflogen. Recherchen im Ausland konnten – ohne Weiteres – auf vier oder fünf Wochen ausgedehnt werden, Spesenbelege wurden nicht mit der Lupe geprüft. Als Redakteur trug man handgenähte 600 Mark-Schuhe und die Gesprächspartner bewirtete man in ausgesuchten Restaurants. Denn ein Journalist, sagten die älteren Kollegen, dürfe nicht auftreten wie ein armer Schlucker, er müsse sein Blatt repräsentieren und das Heft der Story in der Hand behalten.

Kein Zweifel, auf diese selbstbewusste, egozentrische und standesdünkelhafte Weise sind herausragende Stücke entstanden. Und man musste nicht einmal Tom Wolfe heißen, um von den großen Magazinen so großzügig ausgestattet zu werden (Verlage waren damals vorwiegend Herrenausstatter!).

Die privilegierte Zeit – nennen wir sie die Komfortphase des Journalismus – dauerte bis Anfang der neunziger Jahre. Mit dem Abflauen der hitzigen Wiedervereinigungskonjunktur und der anschließenden Turbo-Globalisierung begann dann die große Medien-Krise. Alle seit damals in den Beruf eintretenden Generationen (mit Ausnahme der verbeamteten Redakteure in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten) kennen nur diesen einen Zustand – DAUERKRISE: wiederkehrende Sparrunden, fortschreitendes Downsizing, verschlossene Türen, sich festsetzende Zukunftsangst.

Heute müssen Journalisten auf jeder Taxiquittung die Fahrstrecke und den Grund ihrer Fahrt vermerken, sie übernachten in Billighotelketten oder privat, fahren mit der eigenen Bahncard zweiter Klasse, leben tagsüber von Döner und Bratwurst, fliegen ganz selbstverständlich mit Ryanair oder Germanwings, kaufen ihre Schuhe bei Deichmann, sind ihr eigenes Sekretariat und drucken sich die benötigten Tickets an ihren verdreckten Tintenstrahl-Druckern selber aus. Journalisten sind nichts Besonderes mehr. Sie sind Wegwerfware wie andere Lohnarbeiter auch. Ihre Presseausweise rufen an den Museumskassen des Landes nur noch ein mitleidiges Lächeln hervor. Das ist die Lage. Und diese Lage wird sich weiter verschlechtern.

 

Der Strukturwandel der Öffentlichkeit

Schuld daran ist die wachsende Konvergenz zwischen den Internet-Plattformen (Ebay, Amazon, Google, Facebook etc.) und den Presseverlagen. Während Presse-Verlage wie Burda und Springer immer stärker zu Internet-Plattformen mutieren, verwandeln sich umgekehrt Internet-Plattformen immer stärker zu Verlagen. Die Mischformen, die aus der gegenseitigen Durchdringung hervorgehen, werden den Journalismus auf zweifache Weise marginalisieren:

– Wenn etwa Presseverlage ihre Renditen mit dem Verkauf von Katzenfutter oder dem Betrieb von Single-Börsen erwirtschaften (also nicht mehr nur Anzeigen von diesen Firmen drucken), können sie in der Berichterstattung über solche Themen nicht mehr neutral sein. Journalismus und PR werden sich – nicht nur bei der Huffington Post – stärker mischen, ja ununterscheidbar ineinanderfließen. Da Anzeigenkunden heute außerdem über zielgenaue und billige Alternativen zum „Trägermedium Journalismus“ verfügen, werden sie die Machtverschiebung zu ihren Gunsten in allerlei Sonderwünsche ummünzen: Wir schalten nur dann eine Anzeige, wenn das journalistische Umfeld so aussieht, wie wir das wollen. Gegen solche Zumutungen wird sich der Journalismus nicht wehren können, wenn er gleichzeitig seine komfortablen Bedingungen behalten will. Er wird sich anpassen oder in Nischen zurückziehen müssen.

– Entwertet wird der Journalismus aber auch durch eine Kombination von Rationalisierung und Amateurisierung: Viele Redaktionen werden verkleinert oder zusammengelegt, Inhalte werden von Laien und Hilfskräften zugeliefert. Diese ‚Subunternehmer’ verlangen wenig Honorar oder tauschen Arbeit gegen Werbeplätze und Popularitätszuwachs. Rund um die künftigen „Houses of Content“ werden sich „Communities of Interest“ ansiedeln wie Favelas um die Viertel der Reichen.

Verlage und Internet-Plattformen verschmelzen also zu Content verarbeitenden (austauschbaren) Fabriken. Hauptleidtragende dieser Entwicklung werden nicht die freien Journalisten sein, denen es heute schon schlecht genug geht, Hauptleidtragende werden die mittelständischen, mittelprächtigen, dem mittleren Mainstream verhafteten Angestellten-Journalisten sein, die bei Zeitschriften, Privatsendern oder Regionalzeitungen noch so viel Geld verdienen, dass sie sich ein Reihenhäuschen im Grünen leisten können. Ihr Anteil wird am stärksten schrumpfen. Immun gegen das Downsizing der journalistischen Mittelschicht sind lediglich die Mitarbeiter der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und ein Teil jener Journalisten, die für Medien arbeiten, bei denen die Höhe des Verkaufspreises keine entscheidende Rolle spielt. Alle übrigen rutschen in die prekäre Szene der Fließbandproduktionen ab.

 

Zwei Wege in die Zukunft

Wer heute immer noch Journalist werden will (und das wollen erstaunlicherweise immer noch viele), wird künftig davon ausgehen können, entweder über Gebühren und Steuern finanziert zu werden oder von Stiftungen, Internet-Plattformen oder Crowdfunding zu leben. Der Journalist der Zukunft wird so im weitesten Sinne dem Öffentlichen Dienst angehören und als Vermittler von Informationen um größtmögliche Neutralität, Ausgewogenheit und Distanz bemüht sein. Oder er wird im Sinne der ihn beauftragenden ‚Gemeinde’ ganz bestimmte Ziele verfolgen und eine neue Form des Partei- und PR-Journalismus etablieren.

Abseits dieser beiden Hauptströmungen wird es eine kleine radikale Minderheit geben, die sich aus journalismusfernen Milieus, Medien-Aussteigern und Medien-Newcomern rekrutiert. Diese Minderheit wird sich als treibende Kraft einer journalistischen Erneuerungsbewegung empfinden. Sie wird unter den erschwerten Bedingungen staatlicher Verfolgung und gesellschaftlicher Ausgrenzung operieren und mal von reichen Philanthropen, mal von subkulturellen Milieus oder oppositionellen Randgruppen getragen. Enthüllungsplattformen wie WikiLeaks und The Intercept, Journalisten wie Glenn Greenwald, Laura Poitras oder Jeremy Scahill sind nur die Vorboten dieses Wandels. Sie verachten den braven Kunstjournalismus, der in Journalistenschulen gelehrt wird und in Journalistenpreisen erstickt. Sie verschreiben sich einem neuen ‚Kampfjournalismus‘, der in Upton Sinclair, Ida Tarbell, Günter Wallraff, Barbara Ehrenreich oder Michael Moore seine Traditionslinien hat.

Für welche Existenzform werden sich die künftigen Journalisten-Generationen entscheiden?

 

Der künftige Mehrheits-Journalismus

Je stärker die Verlage rationalisieren und den Umstieg ins digitale Zeitalter vorbereiten, desto stärker werden die betroffenen Journalisten ein altes Modell zu schätzen wissen, das sie lange und nicht ganz zu Unrecht mit der Erstarrung des Journalismus gleichgesetzt haben. Anders ausgedrückt: Je schlechter die Arbeitsbedingungen bei den Verlagen werden, desto heller werden die Versorgungsleistungen bei ARD und ZDF, ARTE und Deutschlandradio erstrahlen. Der öffentlich-rechtliche Journalismus wird eine ungeahnte Aufwertung erleben, ob in seiner aktuellen Organisationsform (als Anstalt des öffentlichen Rechts) oder als staatliches Stiftungsmodell, im Rahmen einer Kulturflatrate, als Subventionsprojekt (wie in Skandinavien) oder als Genossenschafts-Experiment. Die heftigen Debatten, die in den vergangenen Jahren darüber geführt wurden, teils als Graben-, teils als Glaubenskrieg, kamen zu früh. Erst nach dem Aus der Gruner & JahrWirtschaftsmedien, den Sparrunden bei WAZ, FAZ und DuMont Schauberg, dem SpringerFunkeDeal, der Zentralisierung der Madsack-Blätter, der Spiegel– und SternKrise, der Verramschung berühmter US-Zeitungen und dem Einstieg der Internetkonzerne ins Verlagswesen dämmert es auch den hartleibigsten Verdrängern: die journalistische Mittelschicht erodiert. Nur deshalb ist die Sehnsucht nach öffentlich-rechtlicher Sicherheit und öffentlich-rechtlichem Komfort wieder gewachsen.

Als ich vor einiger Zeit in Hamburg eines der vielen tausend Medien-Panels zur Zukunft des Journalismus besuchte, kam der mit Abstand fröhlichste und zufriedenste Vertreter von einer… öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt. Seine Tätigkeit war nicht nur die angenehmste, sie war auch die journalistisch respektabelste und die finanziell am besten ausgestattete. Als die Podiumsteilnehmer gegen Ende der Veranstaltung gefragt wurden, mit welchem der Mitdiskutanten sie am liebsten tauschen würden, nannten ausnahmslos alle den Vertreter des Österreichischen Rundfunks.

Die Erosion des journalistischen Mittelstands wird so stark sein, dass die längst überfällige Debatte über eine Neuverteilung der Haushaltsabgabe endlich in Gang kommt. Das heißt, die Parteien müssen sich ernsthaft mit der Neuverteilung der Rundfunk-Milliarden befassen. Nur die von der Haushaltsabgabe aufgebrachte Summe kann den Journalismus in seiner ganzen Länge und Breite finanzieren – und zwar nicht nur den Rundfunkjournalismus, sondern jede Form von Journalismus. Erste Integrations-Versuche laufen bereits. Um das Jahr 2030 könnte die Haushaltsabgabe dann die maßgebliche Finanzierungsquelle für Rundfunkanstalten, Qualitätspresse und zertifizierte Internet-Plattformen sein.

Natürlich wird ein Teil der Journalisten auch weiterhin rein privat finanziert werden, nur eben nicht von klassischen Presseverlagen, sondern von Lesergemeinden, Presse-Stiftungen, Mäzenen, Vereinen, Unternehmen, NGOs, Bürgerinitiativen, Parteien usw. Dieser anwaltliche Journalismus ist thematisch klarer fokussiert als ein Generalanzeiger mit seinen klassischen fünf bis sechs Ressorts, er ist aber auch zeitlich an bestimmte Projekte und Ziele gebunden. Er macht im Prinzip „Werbung für eine gute Sache“, für die Sache des jeweiligen Auftraggebers. Da diese Medien in der Regel von Nicht-Journalisten herausgegeben und kontrolliert werden, wird es immer wieder zu Spannungen und Friktionen kommen, die naturgemäß heftiger ausfallen als Konflikte im öffentlich-rechtlichen Mediensystem.

 

Guerilla-Journalismus

Ein winziger, aber nicht zu unterschätzender Teil der Journalisten wird sich – wie oben angedeutet – unter dem Druck der Übergangs-Verhältnisse radikalisieren. Barbara Ehrenreich, die große alte Dame des US-Journalismus, hat vor Jahren eine bewegende und idealistische Rede an die Absolventen ihrer Graduate School of Journalism gehalten. Sie sagte:

„Meine Mitarbeiter haben mir gesagt, ich darf heute nicht zu negativ werden. Ich soll nicht zu schwarz malen. Also sage ich Euch, die ihr die Journalistenschule heute verlassen werdet: Willkommen in einem sterbenden Gewerbe! Willkommen in einer untergehenden Industrie. Im Amerika der Arbeitslosen seid ihr in bester Gesellschaft. Ihr werdet gebraucht. Ich weiß zwar nicht, wo und von wem ihr gebraucht werdet, und ich weiß auch nicht, wer Euch bezahlen soll, aber ich weiß: Man kann uns nicht aufhalten!

Wenn Zeitungen keine Journalisten mehr einstellen, dann gibt es nur eins: Werdet Guerilla-Journalisten! Denn so lange es Geschichten gibt, die erzählt werden müssen, und so lange es Ungerechtigkeiten und Ungereimtheiten gibt, die aufgedeckt und gelöst werden müssen, so lange dürfen wir nicht aufgeben.

Der Journalisten-Beruf ist kein Titel, den man sich ans Revers heften kann, er ist auch kein Zeugnis, das irgendwelche Ansprüche begründet, nein, ein Journalistenschul-Abschluss in Berkeley ist nichts anderes als eine Lizenz zum Kämpfen.“

Ich bin nicht sicher, ob Barbara Ehrenreich beim Abfassen ihrer Rede – sie schrieb sie noch vor der Finanzkrise – ahnte, dass neben dem wirtschaftlichen Downsizing eine zweite Gefahr auf die Journalisten der Zukunft lauern würde: die Gefahr der gesellschaftlichen Ausgrenzung. Seit dem Auftauchen des Phänomens Whistleblower und der Zunahme staatlicher Repressionen gegen „Enthüllungsjournalisten“ wissen wir, dass Staatsbürokratien (autoritäre wie demokratische) im Zweifel gegen die Aufklärungsarbeit von Journalisten und Bloggern zusammenhalten. Der Beruf des Journalisten gerät damit, wie der Reporter Seymour M. Hersh es ausdrückte, in jene „Außenseiter-Rolle“, die er früher, in seinen Anfangsjahren, innehatte. Nicht nur das Schicksal der von Karl Marx redigierten Neuen Rheinischen Zeitung erzählt davon: Im europäischen Revolutionsjahr 1848, als Zeitungen für den Staat noch gefährlich waren und häufig verboten wurden, schrieb die französische Zeitung „Le Salut Public“, die Presse nehme das Erbe der drei anderen Staatsgewalten an, „zu deren Zerstörung sie beigetragen hat“.

Das mag pathetisch und ein wenig anmaßend klingen, aber die Zeit der Ausreden und des journalistischen Komforts ist vorbei. Es wird nun vom Geschick einer neuen Generation von Medien-Unternehmern abhängen, ob die journalistischen Guerilleros sich eines Tages wieder beruhigen – und ob der journalistische Mittelstand sich wieder ein Reihenhäuschen von seiner journalistischen Arbeit wird leisten können.

 

Die bisher erschienenen Beiträge:

Teil 1: Der bequeme Mythos von den angeblich innovationsunfähigen Verlagen (24.6.2012)

Teil 2: Wie aus Internet-Plattformen Verlage werden (27.8.2012)

Diese Beiträge sind ebenfalls abgedruckt in „Medienwandel kompakt 2011 – 2013“, Springer VS Verlag, Wiesbaden 2014.


Die unterschwellige Botschaft der Printmedien: Hört auf, uns zu lesen!

29 November 2012 um 13:53 • 0 Kommentarepermalink

Auf langen Zugfahrten lese ich gern in abgehangenen SPIEGEL-Exemplaren. In der Petraeus-Ausgabe vom 19. November sind mir besonders die Anzeigen aufgefallen. Es gibt in ihnen nur einen einzigen Leser von Gedrucktem zu sehen. Einen Bundeswehr-Soldaten.

 

Von den knapp 59 Seiten Anzeigen in diesem 176 Seiten starken Spiegel-Heft („Die Petraeus-Affäre“, Nr.47/2012) sind über 14 Seiten allein mit Eigenwerbung für Spiegel-Produkte belegt (so viel zur Anzeigenkrise!). Natürlich gibt es auch Werbung für Uhren (für sehr viel Uhren!), für Autos, Reisen, Wein und Versicherungen, aber die Mehrheit der Anzeigen im Spiegel wirbt kurioserweise für… andere Medien (so viel zum selbstreferentiellen System).

In den Anzeigen des untersuchten Spiegel-Heftes sind insgesamt 17 iPads, 8 Smart- oder iPhones und 5 Laptops zu sehen – ohne dass die Firma Apple auch nur eine einzige Werbung dafür schalten musste (so viel zum Ärger über die böse „Gratis-Mentalität“).

Blättern wir das Heft einmal durch:

Seite 4: Eine ganze Seite für das Internet-Kaufhaus MeinPaket.de. Zu sehen sind in einer Einkaufstüte: ein Verstärker, ein Lautsprecher, ein Controller für eine Spielekonsole, ein Monitor. Um die Tüte herum gruppieren sich vier junge Männer mit: a) einem Tablet b) einer TV-Fernbedienung c) Kopfhörern und d) einem Controller für eine Spielekonsole.

Seite 9: Eine ganze Seite Werbung für die Commerzbank. Zu sehen: eine Joggerin mit Smartphone-Kopfhörern in den Ohren.

Seite 23: EIGENWERBUNG. Eine Drittel-Seite für die digitale iPad/iPhone-Ausgabe des Spiegel. Zu sehen: ein iPad.

Seite 33: Werbung für Turkish Airlines. Zu sehen: Passagiere mit einem iPad, einer TV-Fernbedienung, einem Controller für eine Spielekonsole.

Seite 34: Zweidrittel-Seite Werbung für das neue iPad mit Retina Display. Zu sehen: zwei iPads.

Seite 41: EIGENWERBUNG für den Kinder-Spiegel.

Seite 47-51: EIGENWERBUNG für das neue Wissensmagazin „New Scientist“. Auf der Seite mit dem Bestellcoupon blicken 4 Kinder neugierig in einen Laptop. Thema: Online-Unterricht.

Seite 61: TA Triumph-Adler. Zu sehen sind Kopiergeräte und ein iPhone.

Seite 75: Werbung für die ZDF-Sendung „Der neue deutsche Bildungstest“ mit Jörg Pilawa.

Seite 79: Eine ganze Seite für das Nokia Smartphone Lumia 920.

Seite 89: Eine ganze Seite für den neuen Bang & Olufsen-Fernsehapparat Beovision 11.

Seite 103: EIGENWERBUNG für den Kultur-Spiegel. Auf einer Drittel-Seite wird die neue hochkarätige DVD-Serie Rockpalast vorgestellt.

Seite 109: Ganzseitige Werbung für das neue Windows Smartphone von htc.

Seite 111: Ganze Seite für SAP.

Seite 112: Eine Drittel-Seite Werbung für eine Radiosendung von NDR Kultur.

Seite 113: EIGENWERBUNG für den Karriere-Spiegel im Hörsaal.

Seite 116-117: Eine Doppelseite der Telekom. Zu sehen sind zwei junge Frauen mit einem iPad, auf dem wiederum die Onlineausgabe der „Welt“ zu sehen ist.

Seite 125: EIGENWERBUNG für den Kultur-Spiegel. Vorgestellt werden auf einer Drittelseite die großen Kinomomente auf DVD.

Seite 126-127: Doppelseite Spiegel-EIGENWERBUNG mit Aboprämien, darunter das iPad 4 und das iPad mini.

Seite 133: Zweidrittel-Seite EIGENWERBUNG für das Spiegel-Buch „Billionenpoker“.

Seite 137: Ganze Seite für IBM IT-Lösungen.

Seite 145: Ganze Seite für das Dell Ultrabook (Laptop).

Seite 151: EIGENWERBUNG. Eine Seite für das Manager Magazin und seine Digital-Ausgabe. Zu sehen: ein iPad.

Seite 153: Ganze Seite EIGENWERBUNG für das Spiegel-Kurzabo. Unter den Werbegeschenken nichts Gedrucktes.

Seite 154: Eine Drittelseite EIGENWERBUNG für den Harvard Business Manager und seine digitale Ausgabe. Zu sehen: ein iPad.

Seite 155: Ganze Seite Werbung für die digitale Ausgabe der Süddeutschen Zeitung, abgebildet sind ein Laptop und ein iPad.

Seite 156: Ganze Seite für die Ausgabe der „Welt“. Zu sehen ist ein „Leser“, der einen Laptop in der Hand hält.

Seite 161: Ganze Seite für das Handelsblatt.

Seite 162: Ganze Seite für die ARD-Themenwoche.

Seite 167: Eine ganze Seite EIGENWERBUNG für das Spiegel-Studentenabo. Unter den Werbegeschenken wieder nix zu lesen.

Seite 170: Eine Drittel-Seite EIGENWERBUNG für das Spiegel-Streitgespräch mit Hinweis auf den Livestream.

Seite 171: Eine ganze Seite für die digitale Ausgabe der FAZ. Zu sehen sind zwei iPads und ein iPhone.

Spiegel-Rückseite 176: Werbung für 1&1-DSL Internet- und Telefon-Flatrate.

Zur Ehrenrettung des Lesens muss man konstatieren, dass auf Seite 10 ein Mann ein geschlossenes Buch in der Hand hält und auf Seite 33 eine Frau eine Zeitschrift auf ihrem Schoß liegen hat (ohne allerdings darin zu lesen). Auf Seite 112 kann man einen Stapel Bücher an einem menschenleeren Strand liegen sehen (Strandgut?) und auf den Seiten 131 und 133 wird für zwei Bücher geworben. Die eigentliche Überraschung findet sich aber auf Seite 119: Dort studiert ein Bundeswehrsoldat in Uniform in einer Bibliothek intensiv in einem Buch! Er ist der einzige Leser von Gedrucktem in der gesamten Werbung des Heftes. Und auch bei den Werbegeschenken für Spiegel-Produkte gibt es nichts Gedrucktes – nur Kaffeebecher, Taschen, Uhren, Fahrradschlösser oder Glaswaagen.

Ich denke, die Printmedien sind schon weiter als sie es selber ahnen. Sie haben sich aufgegeben.

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