Wolfgang Michal
Umbrüche & Entwicklungen

FlashForward – Wie Fotografen in 10 Jahren arbeiten werden

3. Jun 2011, 0:12

Das neue Freelens-Magazin befasst sich mit der Zukunft der Fotografie. Ganz konkret und sehr digital. Und praktisch undercover

Für die neueste Ausgabe des Freelens-Magazins (Nr.31) durfte ich acht Fotografen porträtieren: vier Frauen und vier Männer. Jede/r von ihnen arbeitet in einem speziellen Segment der Fotografie und hat sich ein eigenes Geschäftsmodell geschaffen. Es sind:

Friederike Prantl, Fotoscout
Marc Gable, Fotoforensiker
Michael Best, Guerilla-Fotograf
Aimee Sonnleitner, Taxi-Fotografin
Robert Körper, Echtzeit-Fotograf
Martin Rollo, Jobbörsen-Fotograf
Lisbeth Melander, Hof-Fotografin
Annie Wolfowitz, Starfotografin

Die Porträtierten schildern, woher sie kommen, was sie tun, wie der digitale Wandel ihr Berufsleben umstürzte, und wie sie schließlich ihre unverwechselbare „Marke“ entwickelten. Alle acht sind detailliert beschrieben, und die Hamburger Fotografin Melanie Dreysse hat sie doppelseitig in Szene gesetzt. Eine schöne Teamarbeit.

Anschließend aber gab es Ärger. Fotografen, die zufällig auf die Geschichte stießen, wollten Kontakt zu den beschriebenen Kollegen aufnehmen. Sie googelten deren Namen, konnten aber nichts finden. Sämtliche Web- und E-Mail-Adressen, die das Heft enthält, führten ins digitale Nirwana. Verärgert schrieben Fotografen, da hätten Autor und Redaktion ja wohl ziemlichen Mist gebaut. Und baten um „die richtigen“ Adressen.

Ein schöneres Lob kann man eigentlich nicht bekommen.

Denn Freelens hat mit diesem Heft ein Experiment gewagt. Chefredakteur Manfred Scharnberg hat ein Magazin aus der Zukunft für die Gegenwart gemacht. Sehr klein und unscheinbar steht das Erscheinungsdatum auf dem Cover: „Zweites Quartal 2021“. Keine Erklärung, keine Titelzeile, kein Hinweis. Auch Scharnbergs Editorial beginnt ganz normal: „2021 ist geprägt von einem Schlagwort: Automatic Generated Content…“ Das ganze Heft ist aus dieser „Flash Forward“-Perspektive verfasst. Und es ist – nebenbei – das erste deutschsprachige Magazin, das Videofilme nicht mehr auf CD beilegt, sondern über Internet-Browser direkt aus den abgedruckten Fotos abrufbar macht.

Magazin-Cover
Magazin Nr.31 – mit Undercover-Cover

Nun könnte man einwenden: Zehn Jahre sind nur ein Klacks. Doch im umwälzenden Digitalisierungsprozess erscheint manchen schon eine Dekade wie eine Ära. Und so liegen realistische Einschätzung und satirische Zuspitzung, glaubhafte Entwicklung und Science Fiction in diesem Heft immer nahe beieinander. Michalis Pantelouris hat eine pfiffige Reportage über „Networth“ geschrieben, über Menschen, die unverschuldet aus dem Netz gefallen (und damit wertlos) sind, und nun alles daran setzen, mit Hilfe eines Agenten wieder hineinzukommen. Christoph Schaden beschreibt die Wellness-Oase N.E.V.E.R.S.E.E.N, in welcher Pixelgeschädigte in völliger Bilderlosigkeit relaxen können; Hannes Jung & Felix Schmitt sichten Gewinner und Verlierer der Digitalisierung, Christof Siemes porträtiert den Fotografen Henrik Spohler, der uns „futuristische“ Einblicke in die schöne neue Welt gewährt, Rechtsanwalt Dirk Feldmann analysiert das neue Recht am eigenen Tier-Bild, Stephan Weichert beschreibt die Slow-Media-Verfechter June O’Sullivan und Levi Zimmermann, Michael Klein-Reitzenstein begleitet den Streetview-Archäologen Michael Wolf durch die weitläufigen Archive der Firma Google, und Manfred Scharnberg schildert den Trend zur Zertifizierung von Digicams, um die Überschwemmung des Marktes mit digital bearbeiteten Lügenbildern endlich eindämmen zu können. Und schon merkt man: Diese Zukunft hat längst begonnen.

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1 Kommentar

  1. Woher bekomm ich’s? HABEN!

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Wer steckt hinter dem #Strachevideo?

Noch immer fehlt ein Bekennerschreiben. Und Spiegel und SZ verraten ihre Quelle nicht. Also schießen die Spekulationen ins Kraut. Am Ende könnte die Geheimniskrämerei den Rechtspopulisten mehr nützen als schaden.