Netzwerk Recherche – Persönliche Tragik oder strukturelle Blindheit?

5 Juli 2011 um 15:42 7 Kommentare

Die Yellowpress-ähnliche Berichterstattung zur verunglückten Zehn-Jahres-Feier des Netzwerks Recherche zeigt, wie sehr oberflächliche Personalisierung die Analyse von Strukturen verdrängt.

 

Jetzt wissen wir es schwarz auf weiß: Thomas Leif war (wie vor ihm Julian Assange) der Bösewicht. Ganz allein. Er war dominant, übermächtig, schroff, „größenwahnsinnig“, eine One-Man-Show. Niemand konnte ihm in den Arm fallen, denn er war der Zieh- und Übervater, der Lebenswerkschnitzer. Alles war auf ihn zugeschnitten: auf den GODFATHER des investigativen Journalismus (Regieanweisung: Donnergrollen und Blitze im Hintergrund, Leif tritt aus dem Trockennebel und verkündet den Mitgliedern die Zehn Recherche-Gebote).

Doch – oh Schreck (schlotterschlotter) – die armen Schäflein haben das ganze Ausmaß der Überväterei (wie zuvor schon Daniel Domscheit-Berg) zu spät bemerkt! Sind geschockt, entgeistert, überrascht, zerknirscht, enttäuscht… Herrgottnochmal, ist das eine Vorabend-Soap oder was soll dieser klebrige Mix aus „ER war’s!!“ und „Wir verdanken ihm so viel Großartiges!“

Hier stiehlt sich ein ganzer Verein aus der Verantwortung. Hier machen die Mitglieder beide Äuglein zu. Denn jeder, der dem Netzwerk beitritt, kann schon an der Satzung erkennen, wie autoritär dieser Verein strukturiert ist – von Vernetzung keine Spur.

Die Satzung konzentriert alle Entscheidungsmacht auf die beiden Vorsitzenden. Diese Satzung sagt aber auch:

„Der Kassenwart ist für die ordnungsgemäße Kassenführung, Buchung der Einnahmen und Ausgaben, Rechnungslegung und Sicherung des Vereinsvermögens verantwortlich.“

Und:

„Die von der Mitgliederversammlung für zwei Jahre gewählten zwei Prüfer überprüfen die Kassengeschäfte des Vereins auf rechnerische Richtigkeit… Eine Überprüfung hat mindestens einmal im Jahr zu erfolgen; über das Ergebnis ist in der Jahreshauptversammlung zu berichten. “

Was haben die Zuständigen in den vergangenen Jahren berichtet? Gab es kritische Nachfragen?

Investigative Journalisten, die ja berufsmäßige Skeptiker sind, die andernorts Zahlen und Autoritäten hinterfragen und die Verhältnisse durchleuchten – sind in eigener Sache – ja was? Schnulzenschreiber?

Nicht die „Tragik“ des Großen Vorsitzenden gehört ins Rampenlicht, sondern die Struktur des Vereins – und das Verhalten jener, die sich mit der Verstoßung des Großen Vorsitzenden die eigene Unschuld zurückkaufen wollen.

Lesehinweise: taz, sz, fr, faz, welt, spon, jak-blog, meedia, i.ehrensache

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7 Antworten auf Netzwerk Recherche – Persönliche Tragik oder strukturelle Blindheit?

  • 1
    vera says:

    Ohne das Netzwerk Recherche so lange beobachtet zu haben, aber solide in Buchführung: Ja.

  • 2

    Yep! – Ich bin zwar kein Anhänger des Strukturalismus. Aber die ewige Personalisierung geht mir auch auf den Zeiger. Der Neoliberalismus – das ist natürlich Westerwelle. Die Bankster – das ist Ackermann. Der Lobbyismus – das ist Maschmeyer. Der Machismo – das ist Strauss-Kahn. Dabei sind diese Figuren doch höchstens Rollenträger für Prinzipien und Strukturen, die in der Tiefe wirken, um dann auf der Bühne solche Blasen zu werfen. So etwas schreibt sich bloß nicht so süffig, fotogen und ad personam daher.

  • 3
    Tharben says:

    Mir ist Leif aus dieser missratenen ÖR-PR-Sendung in Erinnerung: Quoten, Klicks & Kohle. Selbst für jemanden wie mich, der die ÖR an vielen Stellen für unersetzlich hält (und an vielen anderen für hoffnungslos quotengeil und eng verflochten mit SPD und Union und entsprechend interessengeleitet), war dieses selbstgerechte und tendenziöse Machwerk schwer erträglich.

    @Klaus Jarchow (#2)

    Unter Neoliberalismus hätte ich eher Schröder und die Stones eingeordnet, aber auch nur weil ich Neoliberalisten, die sich soziale Gerechtigkeit auf die Fahnen schreiben, viel schlimmer finde als solche, die bei jedem Versuch vorzutäuschen, es ginge ihnen um die Entlastung kleiner und mittlerer Einkommen, sich fast immer des Schwindelns überführen.

  • 4
    Tharben says:

    Okay, irgendwie widerspreche ich mir fast selbst, merke ich gerade. Mit Fahne, auf der soziale Gerechtigkeit steht, meine ich die rote, nicht die gelbe. Das macht es vielleicht etwas deutlicher.

  • 5

    @ tharben: Die große Inkonsequenz zeigt sich doch schon daran, dass die FDP als ihr Lieblingsprojekt zur Entlastung jetzt den Soli entdeckt hat, dessen Abschaffung nun mal die Reichen sehr viel mehr entlasten wird, als das gewöhnliche Bölkvieh, das sich aber nur allzugern derart verheizen lässt. Das ist übrigens das eigentliche SPD-Problem, dass ihre genuine Anhängerschaft bereitwillig jenen Rattenfängern hinterherläuft – und niemand ‚klärt sie auf‘, schon gar nicht die Medien, und schon ganz und gar nicht die SPD …

  • 6
    Tharben says:

    @Klaus Jarchow (#6)

    So ganz stimmt es nicht, dass die SPD-Wählerschaft von den Mainstreammedien nicht aufgeklärt wird. Nehmen Sie nur mal Christoph Lütgerts Panorama-Reportage über Carsten Maschmeyer, die indirekt für einiges Aufsehen auf dem Jahrestreffen des Netzwerk Recherche gesorgt hat. Und auch wenn der NDR in diesem Zusammenhang nicht alles richtig gemacht hat, dürfte das Bild, auf dem Gerhard Schröder und Carsten Maschmeyer lächelnd zu sehen sind, selbst dem vertrotteltsten SPD-Wähler vor Augen geführt haben, dass das nicht mehr die SPD der kleinen Leute ist, sondern die der großen Vermögen, der Wirtschaftsmächtigen, des Finanzcasinos.

  • 7

    *BWL-Modus an* Die Marketing-Fuzzies in der SPD unter Schröder haben geglaubt, dass sie sich mit einer Relaunch-Strategie ganz neue Marktsegmente erschließen könnten (die ominöse ’neue Mitte‘) – und dabei haben sie doch nur ihre alten Märkte zerstört. *BWL-Modus aus*