Wolfgang Michal
Umbrüche & Entwicklungen

Irene als Sirene

29. Aug 2011, 12:54

Der Verängstigungsjournalismus gewinnt langsam die Oberhand. Wetter- und Börsenberichte geraten zum täglichen ABC-Alarm.

Wieder versuchen die Medien, ihren Sensations-Alarmismus selbst dann noch ins Ziel zu retten, wenn längst klar ist, dass die „Nachrichten“ heillos übertrieben waren. Die Süddeutsche Zeitung schreibt heute unter ihr sturmgraues Aufmacherbild von New York (aufgenommen von der – noch fahrenden – Staten Island Ferry):

„Der gewaltige Wirbelsturm hatte auf seinem Zug entlang der US-Ostküste so viel an Kraft verloren, dass die Behörden ihn am Sonntag vom Hurrikan zum Tropensturm herabstuften. Doch seine Wucht reichte noch aus, das Leben in der Metropole weitgehend lahmzulegen. Straßen wurden überflutet, Tunnel gesperrt, U-Bahnen und Busse fuhren nicht mehr, Tausende Flüge fielen aus.

Wenn die Dinge nicht ganz so kommen, wie man in sich steigernder Hysterie (+++ Liveticker +++ Liveticker +++) tagelang herumspekuliert, dann werden die Fakten halt umgedreht. Dann war es die Folge des Sturms, dass der komplette New Yorker Verkehr lahm gelegt wurde, obwohl es in Wirklichkeit umgekehrt war. Der Verkehr wurde vorsorglich lahmgelegt, weil die Experten, die Politiker und die Medientrompeten rund um die Uhr vor dem Weltuntergang gewarnt hatten.

Natürlich ist es immer besser, vorsorglich zu warnen. Aber die Hype-Spirale dreht sich bei vielen „Nachrichten“ (meist sind es ja nur Vermutungen) immer schneller, ob es nun um Schweinegrippe geht oder um Libyen, um Kursschwankungen oder um Wirbelstürme, um den Islam oder um ganz normale Wettervorhersagen. Jeder Regenschauer wird inzwischen zum STARKREGEN MIT ORKANARTIGEN BÖEN und XY Liter Wasser pro Quadratmeter aufgemotzt. Wetterkarten mit Regenradar-Videosimulationen inklusive Gummistiefelreportagen und Börsenliveticker mit „Einbrüchen“ und „Abstürzen“ von wahnsinnigen 1,5 Prozent liefern sich ein mediales Kopf-an-Kopf-Rennen um die blödeste Dramatisierung.

Und anschließend ziehen dann die Essayisten dieser Medien die übertriebene Ängstlichkeit und den lächerlichen Sicherheitsfanatismus der heutigen Eltern durch den Kakao.

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  1. Tinbrain » Irene NYC - [...] wenn der große Sturm ausblieb – und stattdessen der Verängstigungsjournalismus an Stärke gewonnen hat: Zwei junge Filmemacher aus Manhattan…
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Noch immer fehlt ein Bekennerschreiben. Und Spiegel und SZ verraten ihre Quelle nicht. Also schießen die Spekulationen ins Kraut. Am Ende könnte die Geheimniskrämerei den Rechtspopulisten mehr nützen als schaden.