Wolfgang Michal
Umbrüche & Entwicklungen

Wer steckt hinter Anonymous?

9. Nov 2011, 10:47

Der für den 5. November angekündigte „Sprengstoffanschlag“ auf das Internet-Parlament Facebook hat nicht stattgefunden. König Jakob I. Zuckerberg darf weiter regieren. Und auch in Mexiko wurden die Handlanger des Drogenkartells Los Zetas nicht verraten. Stattdessen reden wir etwas mehr über Anonymous. 

Was die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit und die Selbstdarstellung digitaler Superhelden betrifft, so hat die Hackergruppe Anonymous die Plattform Wikileaks am vergangenen Wochenende endgültig abgelöst. Zwei spektakuläre Aktionsankündigungen haben dafür genügt:

Der angebliche Plan, am 5. November (dem 406. Jahrestag des missglückten Sprengstoffattentats auf das englische Parlament) das soziale Netzwerk Facebook „plattzumachen“, sowie:

Der angebliche Plan, 75 Handlanger der mexikanischen Verbrecherorganisation Los Zetas im Internet zu veröffentlichen, falls ein von Los Zetas angeblich festgehaltenes Anonymous-Mitglied nicht bis zum 5. November freikommt.

Beide Aktionen wurden am 5. November enttarnt bzw. abgesagt. Für die erste Drohung, so hieß es, sei ein durchgeknallter Einzelkämpfer verantwortlich gewesen, der von Anonymous „nicht autorisiert“ gewesen sei; die zweite Drohung habe man nicht wahrmachen müssen, weil der Entführte rechtzeitig freigelassen worden sei.

An diese Erklärungen schließen sich einige Fragen an: Warum wurde mit dem Dementi in Sachen Facebook bis zum 5. November gewartet, obwohl man die wahren Hintergründe ja schon früher hätte offenlegen können? Warum hat man sich entschlossen, bei einem angeblichen Trittbrettfahrer noch ein bisschen Trittbrett zu fahren?

Und was ist mit den angeblich vorhandenen E-Mail-Dokumenten über die Kollaborateure des mexikanischen Drogenkartells? Wurden diese Daten vernichtet, verkauft, in einen Tresor gepackt, der New York Times zur Prüfung vorgelegt oder den Spezialeinheiten der Drogenbekämpfung überlassen? Anders gefragt: Gab es die Daten überhaupt? Und welche Lehre soll das Publikum aus einer zwar öffentlichen, aber völlig intransparenten Erpressungsaktion ziehen? Steckt vielleicht ein Martin Sonneborn dahinter?

In der taz ließ sich kurz vor dem 5. November ein angebliches Mitglied des „anarchistischen Kollektivs“ schriftlich (und anonym) interviewen, aber mehr als großspuriges Geraune mit einigen Anarcho-Sprüchen kam nicht heraus. Während Malte Welding für das Verhalten und die Sprache der Anonymous-Leute ein gewisses Verständnis zeigt, fragt das Essener Blog Feynsinn sichtlich verärgert: Was soll „dieser Anonymous-Quatsch“?

Bis heute ist wenig über die personelle Zusammensetzung, die Arbeitsweise und die Zielsetzung von Anonymous bekannt.

„Anfangs als Spaßbewegung aus dem Imageboard 4chan hervorgegangen, trat Anonymous seit 2008 mit Protestaktionen für die Redefreiheit, die Unabhängigkeit des Internets und gegen verschiedene Organisationen, darunter Scientology, staatliche Behörden, global agierende Konzerne und Urheberrechtsgesellschaften in Erscheinung.“ (Quelle: Wikipedia)

Ein politisches Muster ist bei der Auswahl der Angriffsziele noch nicht zu erkennen. Je öfter das Masken-Label für Hacker-Aktionen verwendet wird, desto schwerer fällt Außenstehenden eine fundierte Einschätzung. Denn erfolgreiche Hacker werden von vielen Seiten gejagt, kopiert, umworben, infiltriert und bisweilen umgedreht. Die Szene ist diffus und geheimnisvoll, und sie genießt diesen Status (oder bläst ihn zum eigenen Vergnügen ein bisschen auf). Letztlich arbeitet auch ein selbsternannter „Geheimdienst des Volkes“ wie ein Geheimdienst. Die Absichten der Handelnden liegen nicht immer offen zutage. Bradley Manning, der mutmaßliche Informant von WikiLeaks, hat das bei seinen Chats mit dem Hacker Adriano Lamo schmerzlich erfahren müssen. Wer wann und warum für wen arbeitet, bleibt weitgehend im Dunkeln.

„Im Juli 2011 wurden bei 35 Razzien in den USA 14, in den Niederlanden vier und in Großbritannien ein mutmaßlicher Anonymous-Aktivist festgesetzt. 35 zusätzliche Haftbefehle wurden vom FBI ausgestellt.“ (Quelle: Wikipedia)

Niemand weiß also, wer heute unter dem Namen Anonymous operiert – und auf wessen Rechnung; welche regionalen Zellen „echt“ sind und welche ein Fake. Nur wenige Mitglieder wie der Journalist Barret Brown haben öffentlich ihr Gesicht gezeigt. Meist ist das Heraustreten aus der Anonymität ein Zeichen des Niedergangs. Barret Brown unterzeichnete – laut Gawker – vor kurzem einen lukrativen Buchvertrag. Sowohl der Titel des Werks („Inside…“) als auch die Begründung des Ausstiegs aus der Hacker-Gruppe (mangelnde Qualitätskontrolle bei Anonymous) ähneln auf frappierende Weise dem Abgang Daniel Domscheit-Bergs bei WikiLeaks.

So wiederholt sich auch die Netz-Geschichte als Farce. Denn die Werbung, die Anonymous in eigener Sache veranstaltet hat, kam diesmal (Los Zetas/Facebook) ganz ohne Ergebnisse aus. Der Auflage des angekündigten Enthüllungsbuchs wird das trotzdem nicht schaden. Und auch nicht dem Enthüllungsfilm „Anonymous“ von Roland Emmerich, der in genau jener Zeit spielt, als Guy Fawkes das englische Parlament und König Jakob I. in die Luft sprengen wollte.

Update 10.11.: Der Online-Ableger der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) kritisiert heute einen SPON-Bericht über mögliche Anonymous-Aktivitäten in Mexiko: „Daher sind auch Berichte wie ein aktueller von Spiegel.de mit Vorsicht zu genießen.“ 

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