Die fantastischen Vier: Zeitgemäße Verrenkungen in Sachen Leserfinanzierung

4 Januar 2015 um 15:15 8 Kommentare

Vier populäre Alternativ-Medien gibt es, die mehr als zehn Jahre durchgehalten haben. Sie verfügen über ein klares Profil, das richtige Sendungsbewusstsein und die nötige Dickfelligkeit. Nun stehen sie an der Wende zur endgültigen Professionalisierung. Ihre Leser(gemeinden) sollen kräftiger spenden.

 

Für ein Geschäftsmodell, das auf Crowdfunding basiert, ist eine gewisse Robustheit vonnöten. Wer sich geniert, in schöner Regelmäßigkeit die eigene Unverzichtbarkeit mit der Drohung zu verbinden, den Griffel bald hinzuschmeißen, ist wahrscheinlich ungeeignet für das Modell einer spendenfinanzierten Gegenöffentlichkeit. Aber der piesackende Dauer-Appell an das schlechte Gewissen der Community hat es z.B. geschafft, die taz 36 Jahre am Leben und im Gespräch zu halten. So lange es nicht zu viele Konkurrenten gibt, die im gleichen Segment etwas Ähnliches probieren oder die Macher irgendwann resignieren, wird der fortwährende Unterstützungs-Appell auch bei den wichtigsten Alternativ-Medien im Netz funktionieren.

 

Das Bildblog (seit 2004)

Weihnachten ist traditionell eine gute Zeit für Spendenaufrufe. Das dachte sich auch die Crew des BILDblog und schockierte ihre Leser im Dezember mit der Ankündigung, die Weihnachtspause diesmal bis Ende Januar auszudehnen. Sollen die Leser mal spüren, auf was sie verzichten müssen, wenn es das BILDblog nicht mehr gibt! Es ist ja eine liebgewordene Gewohnheit, jeden Tag glucksend auf der Website des BILDblogs nachzuschauen, was Bild und Konsorten an haarsträubenden Fehlern, Missgriffen und Falschmeldungen wieder verzapft haben. „Jede Lüge braucht einen Mutigen, der sie zählt“ – so das Motto der verdienten Bildblogger, aber hin und wieder haben es die Macher wohl dick, im Abfall zu wühlen, die Mutigen zu geben und dennoch weiter von der Hand in den Mund leben zu müssen.

„Hinter BILDblog“ schreiben die Verantwortlichen, „stehen keine Unternehmen, Parteien oder Organisationen, sondern die Leute, die für BILDblog.de schreiben. Die viel Zeit und Herzblut in dieses Projekt investieren und ihre Miete bezahlen müssen. Wir sind kein gemeinnütziger Verein, das heißt: Wir können keine Spendenquittungen ausstellen…“ Kurz und gut, die Leser werden eindringlich aufgefordert, „einen Betrag ihrer Wahl zu überweisen“, um das Fortbestehen des BILDblogs zu gewährleisten.

 

Die NachDenkSeiten (seit 2003)

Finanziell etwas solider dürften die NachDenkSeiten dastehen, denn diese Website hat sich ein festes Standbein in einem klar umrissenen Teil der Gesellschaft geschaffen und ist durch Vorträge und Podiumsdiskussionen auch außerhalb des Netzes greifbar und ansprechbar. Überdies trägt ein Teil des Privatvermögens der Macher zur finanziellen Stabilisierung bei.

Dennoch wird auch bei den NachDenkSeiten immer wieder um Spendengelder geworben, da sich das Projekt „zum überwiegenden Teil“ durch einen gemeinnützigen Förderverein mit dem klangvollen Namen „Initiative zur Verbesserung der Qualität der demokratischen Meinungsbildung“ finanziert. Dazu gibt es ein permanentes Fundraising bei der Leserschaft. Schließlich wissen die treuen Nutzer die Geradlinigkeit und politische Zuverlässigkeit ihres Lieblingsportals zu schätzen. Die NachDenkSeiten sind eine „gebündelte Informationsquelle für jene Bürgerinnen und Bürger, die am Mainstream der öffentlichen Meinungsmacher zweifeln und gegen die gängigen Parolen Einspruch anmelden“.

 

netzpolitik.org (seit 2004)

Getreu dem alten Augstein-Motto „Sagen, was ist“ versteht sich die Website netzpolitik.org als „Plattform für digitale Freiheitsrechte.“ Oszillierend zwischen dem Selbstverständnis eines unabhängigen Mediums (wie dem Spiegel) und dem einer kämpferischen NGO (wie Attac) haben die Plattformmacher sichtlich weniger Probleme als ein ‚normales’ Medium, Spenden von Lesern zu erbetteln. Und anders als ein ‚normales’ Medium legt netzpolitik.org auch unaufgefordert und transparent Rechenschaft darüber ab, wofür das eingesammelte Geld verwendet werden soll: netzpolitik.org will seine Kapazitäten ausbauen, stößt aber in Sachen Arbeitsbelastung – wie viele andere Alternativ-Medien – an die Grenzen der Ehrenamtlichkeit (und der Selbstausbeutung).

Kurz vor Weihnachten wurde daher eine weitere Finanzierungsrunde eingeläutet. „Dank der finanziellen Unterstützung unserer Leserinnen und Leser sowie größerer Spender wie dem Chaos Computer Club können wir unsere Redaktion vergrößern. Derzeit sind wir zu dritt auf 2,5 Stellen. Ab Januar können wir eine weitere Stelle schaffen, die zunächst als Halbzeitstelle ausgeschrieben ist. Möglicherweise können wir das auch aufstocken, je nach Spendeneingang im Dezember.“ So legt man die Verantwortung für die weitere Entwicklung in die Spenderhände der Leser.

 

Die Achse des Guten (seit 2004)

Der erfolgreiche Kraftakt der Krautreporter, insbesondere die Höhe der erlösten Gelder, hat viele Webseiten-Betreiber im vergangenen Jahr ermutigt, etwas Ähnliches zu versuchen und einen Mix aus Community, Abo und Spende anzubieten. Nach den Krautreportern (die momentan etwas unter Druck stehen) geht jetzt Die Achse des Guten auf Crowdfunding-Kurs. Sie nennt ihr Abo allerdings nicht „Mitgliedschaft“ in einer Community, sondern Patenschaft. Das klingt etwas altmodischer und paternalistischer, passt aber wohl besser zu den Bedürfnissen dieser speziellen Leserschaft. Mit fünf Euro im Monat ist man als Pate oder Patin dabei. 5000 Unterstützer will die Achse mindestens gewinnen, um dem Guten in der Welt endlich zum Sieg zu verhelfen.

 

Die vier genannten Beispiele zeigen, dass sich kleine, beharrlich arbeitende und profilscharfe Alternativ-Medien mit einer reinen Gemeindefinanzierung durchaus über Wasser halten können. Dass sie Geschäftsanzeigen nicht unbedingt benötigen. Die eigene Unabhängigkeit wird dabei untrennbar mit der Erwartungshaltung (und der Solidarität) der Leser verknüpft. So haben es die vier geschafft, zu unverwechselbaren „Marken“ zu werden. Doch die starke Community-Abhängigkeit birgt auch Risiken. Shitstorm-Angst und Selbstzensur liegen nahe beieinander. Ob die fantastischen Vier es schaffen, die von den Lesern gewährten Almosen eines Tages in stabile Abonnements umzuwandeln, steht noch dahin. Sollten sie weiter wachsen wollen, müssen sie es.

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8 Antworten auf Die fantastischen Vier: Zeitgemäße Verrenkungen in Sachen Leserfinanzierung

  • 1

    Dass sich Crowdfunding oder eine kontinuierliche Finanzierung aus der „Crowd“ als nachhaltiges Geschäftsmodell im Journalismus (und Literaturbereich) erweist, bezweifle ich sehr. Die aktuellen Beispiele zeigen mir nur, dass eine solidarische Community gerne mal „spendet“, jedoch kaum an den Ergebnissen aktives Interesse zeigt. Das wird bei Crowd finanzierten Büchern offensichtlich (Beispiele Dirk von Gehlen, Eine neue Version ist verfügbar, oder Seemanns „Das neue Spiel“.) Habe hierzu mein Resümee „Geld oder Lesen!“ verfasst: http://thomasbrasch.wordpress.com/2014/03/17/geld-oder-lesen/. Journalistische Geschäftsmodelle, die sich nur aus ihrer Nutzerschaft finanzieren, funktionieren schon seit mehr als 100 Jahren nicht. Nur wer exklusive, wertgeschätzte und gewinnbringende Informationen liefern kann, wird dafür vom Leser/Empfänger eventuell ausreichend honoriert. Doch die Zusammenfassung von Nachrichten, deren Analysen und journalistische Meinungen dazu werden vom Leser nie aufwandsadäquat wertgeschätzt. Journalismus lebte seit Jahrzehnte immer von der Alimentierung durch die Werbung und nicht von der Honorierung durch die Leser. Und dieses Modell der Werbefinanzierung bröckelt nicht nur durch die Medienumbrüche, sondern auch aufgrund berechtigter Skepsis einer preisadäquaten Werbewirkung.

    Für den Wegfall der Werbeeinnahmen gibt es bislang kein alternatives Geschäftsmodell und ich erwarte auch keines, welches die Vielfalt der journalistischen Medien aufrecht erhalten kann. Wir sollten uns eingestehen, dass sich die vergangene Medienvielfalt dem Luxus einer sehr ineffizienten Werbewirtschaft verdankte.

  • 2

    @Thomas Brasch Ein Teil des Journalismus wird sich künftig ähnlich wie NGOs finanzieren (regelmäßiger Spendenappell, konkrete Spendenereignisse), deshalb kann man das Geschäftsmodell der Vergangenheit nicht unbedingt in die Zukunft verlängern und sagen, wenn die Werbung wegfällt, fällt auch ein Großteil des Journalismus weg. Veränderungen wird es aber geben. Auch veränderte Abhängigkeiten. Die künftigen Entwicklungsstränge habe ich hier beschrieben: http://is.gd/RkK8ns

  • 3

    Seit diesem Artikel, auf den ich in meinem Blog verwiesen hatte, verfolge ich diesen Blog gerne. Was die journalistische Vielfalt betrifft, bin ich weniger skeptisch. Nur wird der Hauptberuf „Journalist“ ebenso selten sein, wie Schriftsteller. Die Frage, die ich nicht beantworten kann, ist, ob nebenberufliche Journalisten uns ausreichen werden, um die gewünschte Tiefe und Breite an Information und Analysen zu erhalten. Eine staatliche und privat mäzenatische Finanzierung wird nicht ausreichen, um die heutige Anzahl an Journalisten, ihre Redaktionen und sonstigen Overheads zu finanzieren.

    Einem jungem Menschen, der heute noch ernsthaft dem Ausbildungswunsch „Journalist“ nachgeht, unterstelle ich schon eine gewisse Weltfremdheit. Sie bestätigte sich auch bei einem Blogbeitrag von Stephan Porombka, der jetzt leider nicht mehr öffentlich ist. Vielleicht gibt er Ihnen jedoch noch mal Einblick. Es lohnt sich: http://www.stephanporombka.de/keine-kritiken-schreiben-entwurf-fuer-ein-neues-trainingsbuch-mit-dem-man-lernt-wie-man-eine-literaturkritik-in-der-netzkultur-betreibt-die-sich-nicht-melancholisch-nach-der-vergangenheit-sehnt-s/

  • 4
    hardy says:

    darf ich ein klitzekleines bißchen essig in den wein kippen?

    ich würde für drei deiner vier nach reiflicher überlegung nicht und für eine ad hoc schon mal gar nicht spenden, weil ich die eine für einen häßlichen kropf und einen auswuchs halte und die anderen nach so langer zeit für so überflüssig wie einen kropf halte.

    es ist ja nett, wenn sich die betreiber in ihren durchaus ehrenwerten tätichkeiten für „wichtig“ halten … aber gemessen an der wirkung sich als eben so überflüssig wie besagter kropf entpuppen.

    hat wirklich irgendeine dieser seiten irgendetwas nachhaltig verändert? oder müssen wir nicht vielmehr feststellen, daß eben genau das – eine änderung – nicht eingetreten ist. die BLÖD schreibt immer noch den selben dreck, die regierung macht sich immer noch die netzpolitischen gesetze, die sie irgendwie für sinnvoll hält und naja, die krautreporter werden am ende als die lektüre eines interessierten aber hetmetischen kreises entpuppen.

    das einzige ergebnis, daß ich erkennen kann, ist, daß der mitbegründer des BILDBlogs mittlerweile wie eine lose canon über deck rollt und sich zum politisch indifferenten mülleimerpicker entwickelt, für den ich – bei all seinen verdiensten – im grunde mittlerweile nur noch verachtung übrig habe, weil er zum straßenbelag geworden ist, über den pegida spaziert und ihren „lügenpresse“-mischmasch geradezu befördert.

    das sehe ich haargenau so wie der kommentator „infame karikatur“

    http://www.stefan-niggemeier.de/blog/20077/zeitungsverleger-instrumentalisieren-charlie-hebdo-anschlag-fuer-kampf-gegen-pegida/#comment-1513386

    na danke. jedenfalls nichts, wofür ich mein geld raustun würde. da kann ich gleich für pegida spenden udn muss nicht den weg gehen, der selbstgefälligkeit erst den bart zu kraulen.

    irgendwie denke ich, daß die von dir genannten blogs dinosaurier in einem hamsterrad sind und ihr zeitiges absterben vielleicht den weg freimachen könnte für neue modelle, die vielleicht wirklich etwas nachhaltiges erreichen könnten. im moment sind sie eher kreischmaschinchen, jeden tag eine neue sau durch’s dorf, mülleimerpickerei bei den angeblich so verachteten „großen“ des gewerbes.

    aber, das ist nur meine kleine defätistische sicht auf die dinge …

  • 5
    hardy says:

    args, tätichkeit ist natürlich zu peinlich …

  • 6

    @hardy Vielleicht erwartest du etwas viel, und nach den Pariser Anschlägen wird es das Konzept Gegenöffentlichkeit sicher noch schwerer haben. Den wenigen, die durchhalten, Nicht-Wirksamkeit vorzuwerfen, ist falsch, unwirksam sind nur die, die gar nichts tun.

    Im Übrigen ist z.B. die Auflage der Bildzeitung von 5 auf 2,4 Mio. gesunken.

  • 7
    hardy says:

    danke für den hinweis mit der auflage, auch wenn ich nicht glaube, daß das dem BILDBlog geschuldet ist. die nichtwirksamkeit ergibt sich für mich zb. aus dem letzten wahlergebnis und zum nichtstun fällt mir spontan eher ein, daß die großen ein großes publikum anziehen, den kleinen damit das leben schwer machen und mit der verantwortung eben nicht adäquat umgehen. ich jedenfalls ärgere mich gerade schwarz über die selbstverliebte gockelei. es gibt da draussen sicher ein paar kluge köpfe, die nicht gesehen werden, weil sich flausch eben besser verkauft als entschleunigung.

    und hey, natürlich erwarte ich viel bei dem anspruch, der sich aus der aufmerksamkeit der vielen ergibt. ich befürchte aber, was jede chance auf wirksamkeit vernichtet hat, waren die zu großen egos der akteure und ihr mangel am vrständnis dessen, was ich „bindungskräfte der gesellschaft“ nenne. „die“ presse ist jedenfalls nicht nur das, was aus den mülltonnen gezerrt wird. ich befürchte,

    „wir“ haben da den ast abgesägt, auf dem wir mal saßen und bei der ganzen nutzlosen skandalisiererei, die nur das negative kennt und das positive, bindende schlicht unterschlägt, das gelände eher verseucht als gedüngt.

    wie du jetzt den anschlag auf charlie hebdo mit der deutchen gegenöffentlichkeit zusammenbringst, ist mir rätselhaft. ich glaube, ich habe mein erstes exemplar in den 70ern gekauft, weil ich das eher in die reihe von „echo des savannes“, über „circus“, „echo des savannes“ bis hín zu „metal hurlant“ sah, also als ausdruck einer bédé (bandes déssinés) subkultur, die in den 68ern fußte.

    das eigentliche magazin damals hieß ja auch noch schlicht „charlie“, wobei „hebdo“ sich dann eher dadurch auszeichnete, daß es die dinge publik machte (wie etwa die diamanten bokassas für chirac zb), die in der presse frankreichs, die immer sehr mit den regierenden verbandelt war, nicht zu lesen waren.

    „hebdo“ war weniger bekannt für seine karikaturen als für seine (auch für einen frankophilen deutschen oft sehr unzugänglichen, wie ich gestehe) skandalösen „petitessen“ der franz. gesellschaft. das mit den karikaturen wird nur hier so wahrgenommen, weil mal wieder jede menge leute über ein thema schreiben, die keine ahnung haben, was ein paar kilometer jenseits der grenze passiert (geht nicht gegen dich, ich weiss nicht, wie groß deine bédé sammlung ist, meine ist jedenfalls seit mitte der 70er konstant mit jedem urlaub gewachsen 😉 ).

    ich kann in den deutschen blogs jedenfalls kein pedant erkennen. da liegen kulurell welten dazwischen.

    und, nur um das nicht zu untrschlagen: „gegenöffentlichkeit“ materialisiert sich gerade als produkt des versagens der deitschen blogszene und ihrer neigung, alles zu bashen, was man nicht versteht. „unsere“ art von öffentlichkeit hat sich jedenfalls eher darin erschöpft, dinge von empört bis sarkastisch zu kommentieren. das hat, imho, stark zu dem beigetragen, was sich da in dresden auf der straße manifestiert, die ewige skandalisierung hat jedenfalls eher denen futter gegeben, die sich in ihrer abneigung gegen die „bindungsräfte“ bestätigt fühlten.

    kann man so gerade auch bei niggi in den kommentaren ganz gut beobachten. eher nachdenkliche stimmen wie die der „infamen karikatur“ haben in dem lärm jedenfalls keine chance, ein nachdenken und eine selbstkritik zu befördern.

    wie gesagt: ich bin da eher abgeneigt, egos im hamsterrad ohne die fähigkeit zur kritischen selbstreflektion zu fördern.

    finde mir einen, der zusammenführt und ich bin an bord …

  • 8
    hardy says:

    args, das zweite echo des savannes hätte ein „fluide glacial“ werden sollen.