Ein neues Europa – ganz ohne Briten

26 Juni 2016 um 12:09 0 Kommentare

Die Idee der Europäischen Union wurzelt nicht – wie oft behauptet – in Winston Churchills berühmter Rede von 1946. Denn nicht die Angst vor der Sowjetunion war das ursprüngliche Motiv für den Zusammenschluss Europas, sondern der Widerstand gegen den Faschismus. Daran sollten sich jene erinnern, die nach dem Austritt Großbritanniens den Zerfall der EU herbeireden. 

 

In seiner ersten großen Rede als „Bundespräsident der Herzen“ klagte Joachim Gauck 2013, es fehle der EU ein überzeugender „Gründungsmythos“, zu deutsch: eine wirkmächtige „Erzählung“, die man den nachfolgenden Generationen mit auf den Weg geben könne. Historiker und Leitartikler verweisen dann gern reflexartig auf jene berühmte Rede, die Winston Churchill am 19. September 1946 vor Studenten der Universität Zürich gehalten hat. Sinn und Zweck dieser Rede war die Eindämmung der Sowjetunion. Mit der sowjetischen Gefahr begründete Churchill sein Drängen auf sofortige Bildung der „Vereinigten Staaten von Europa“:

„Wenn wir die Vereinigten Staaten von Europa bilden wollen, so müssen wir es jetzt tun.“

Lange Zeit schien das ein überzeugender Gedanke zu sein. Doch die Sowjetunion ist vor 25 Jahren untergegangen, und so kam der europäischen Idee Churchillscher Prägung das zentrale politische Motiv abhanden. Seither verkommt die EU zum reinen Wachstums-Modell, bürokratisch aufgebläht und lustlos verwaltet von einer politischen Kaste, die zunehmend ein Eigenleben führt. So empfinden es viele Kritiker.

 

Das vergessene Europa-Konzept der Föderalisten

In der unmittelbaren Nachkriegszeit existierte freilich noch eine zweite, nicht weniger interessante „Erzählung“ von Europa, die durch den beginnenden Kalten Krieg (und Churchills Aufsehen erregende Rede) aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt wurde. Die Erinnerung an sie ist heute, angesichts erstarkender „rechtspopulistischer“ Bewegungen, dringender denn je. Diese zweite „Erzählung“ besagt, dass die Idee des vereinten Europa nicht aus der Angst vor der übermächtigen Sowjetunion hervorging, sondern logische Konsequenz des antifaschistischen Widerstands war: Italienische, französische, niederländische und Schweizer Föderalisten verfochten bereits zu Beginn der vierziger Jahre die Idee des europäischen Bundesstaats.

„Europa bauen aus dem Geist des Widerstands“ – das war 1940/41 die politische Leitidee der europäischen Widerstandskämpfer und zugleich die Lösung der Rätselfrage: Wie kann Europa die Herzen der Menschen erreichen? Mit dem Verweis auf die Brüsseler Effizienz ist das nie gelungen. Und auch nicht damit, dass man die europäische Idee geschichtsklitternd erst mit Jean Monnet und Winston Churchills berühmter Rede beginnen lässt.

Der Politologe Frank Niess schildert in seiner wenig beachteten Schrift „Die europäische Idee“, dass das vereinte Europa kein Konzept des Kalten Krieges war, sondern eine moralische Idee, deren Ursprung im anti-totalitären Kampf gründete. Er zeigt, wie diese Idee von Politikern der Nachkriegszeit für ihre Zwecke umfunktioniert wurde. Insbesondere Winston Churchill hat sich den moralischen Schwung der föderal gesinnten Europäer zunutze gemacht und die „Europa-Bewegung von unten“ geschickt ausmanövriert, indem er sie gegen die Sowjetunion in Stellung brachte. Seine berühmte „Rede an die akademische Jugend“ war insofern eine vergiftete Rede: Der ehemalige Kriegspremier stellte sich an die Spitze der Europa-Bewegung, um sie in seinem Sinne zu kanalisieren. Denn die beiden Hauptforderungen der Föderalisten, die Auflösung der Nationalstaaten zugunsten eines europäischen Bundesstaates, und die Einbindung Osteuropas in ein föderales Konzept, wollte der konservative Brite nicht akzeptieren: Das eine hätte das Ende des Empire bedeutet, das andere die westeuropäische Eindämmungspolitik gegenüber der Sowjetunion gefährdet. Der italienische Europapolitiker Altiero Spinelli, einer der Väter der föderalistischen Europabewegung, sprach rückblickend sogar von Churchills „Sabotage“ gegenüber einem freien, selbstbestimmten Europa.

Es ist daher höchste Zeit, die Europäer daran zu erinnern, dass es vor der Restaurierung der europäischen Nationalstaaten neben der liberal-konservativen Europa-„Erzählung“ Winston Churchills noch eine alternative, radikal europäische „Erzählung“ gab, die im September 1946 im schweizerischen Hertenstein geschrieben wurde. Die dort von den versammelten Föderalisten aus 15 Nationen verabschiedeten „zwölf Thesen“ zum künftigen Europa werden nur leider – im Unterschied zu Churchills berühmter Rede – von Politikern, Journalisten und Bundespräsidenten höchst selten erwähnt.

 

Tagged , , , , , , , , , ,

Zur Zeit sind leider keine Kommentare möglich.