Wer steckt hinter dem #Strachevideo?

21 Mai 2019 um 14:34 • 1 Kommentarpermalink

Noch immer fehlt ein Bekennerschreiben. Und Spiegel und SZ verraten ihre Quelle nicht. Also schießen die Spekulationen ins Kraut. Am Ende könnte die Geheimniskrämerei den Rechtspopulisten mehr nützen als schaden.

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Armin Wolf, der beliebte Anchorman des Österreichischen Rundfunks, schrieb dieser Tage auf Twitter: „Die zentrale Frage ist nicht, wer das Video produziert hat, sondern was in dem Video zu sehen ist.“ Das ist zweifellos richtig. Allerdings gewinnen im Zeitalter der professionellen Beeinflussungsstrategien auch die Fragen nach den Urhebern und ihren Motiven zunehmend an Relevanz. Denn in Medien- und Leaking-Gesellschaften ist es unerlässlich, dass die Bürger erfahren, wer was wann mit welchem Motiv an die Öffentlichkeit bringt. Diesem Problem müssen sich die Journalisten stellen. Gerade die Investigativ-Journalisten. Sie können nicht länger sagen: Die Quelle spielt keine Rolle, Hauptsache das Material ist echt.

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Vorbild Snowden

SZ und Spiegel kennen die „Quelle“. Der Spiegel schreibt in seiner Ausgabe vom 18. Mai 2019: „Die Quelle ist den Redaktionen bekannt, sie besteht darauf, anonym zu bleiben. Ungeklärt ist, auf wessen Betreiben die FPÖ-Politiker in die Falle gelockt wurden und welches Motiv dahinterstand.“ Diese Zeilen lassen den Schluss zu, dass die Medien-„Quelle“ und die Produzenten des Videos nicht identisch sind. Wären sie identisch, wüssten die Medien, warum die Falle aufgestellt wurde. 

Das bedeutet: Die „Quelle“ im Fall Strache ist nicht so seriös und das Motiv, das Strache-Video zu leaken, ist nicht so ehrenhaft wie bei Edward Snowden, der sich offen zu seinem Leak und seinem Motiv bekannte.

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Falsche Fährte Böhmermann/ZPS

Der Fernseh-Satiriker Jan Böhmermann und das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) wurden in den vergangenen Tagen immer wieder als mögliche Produzenten des Strache-Videos genannt. Beide hätten zweifellos das kreative Potential und die Unverfrorenheit, eine solche „Inszenierung“ zu stemmen, Böhmermann hat es mit #verafake 2016 bewiesen (und er kurvte 2018 tatsächlich mit Freunden auf einer Yacht um Ibiza herum). Auch das Zentrum für Politische Schönheit hat mit seiner „aggressiv-humanistischen“ Höcke-Mahnmal-Aktion 2017 ein politisches Kunststück vollbracht, aber der Anteil Kunst war bei allen Aktionen immer relativ hoch. 

Böhmermann und das ZPS mögen als Adressaten des Strache-Videos eine Rolle gespielt haben, als Urheber scheiden sie aus. Ihr Engagement gegen Rechts hätte es ihnen verboten, das Video so lange zurückzuhalten. Wären sie die Fallensteller für Strache gewesen, hätten sie das Ergebnis umgehend veröffentlicht oder so rasch wie möglich an Investigativjournalisten weitergereicht, um eine Regierungsbeteiligung der FPÖ im Herbst 2017 zu verhindern. Andernfalls würde man ihnen heute vorwerfen, sie hätten die Regierungsbeteiligung der FPÖ 2017 verhindern können und diese einmalige Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen. Damit wären sie bei ihren Anhängern als Zyniker entlarvt und moralisch unten durch. 

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Eine Profiarbeit? Wirklich?

Verdächtig im Spekulationsspiel „Wer war’s?“ sind natürlich die Geheimdienste. Strache selbst deutet eine solche Lesart an. Auch der Schriftsteller und Enthüllungsjournalist Günter Wallraff vermutet „eine größere Organisation“ hinter der ‚Operation Ibiza’ (das muss freilich kein Geheimdienst sein). Die Welt wähnt (natürlich) ein „Kompromat“ russischer Bauart, der ehemalige BND-Vize Rudolf Adam erklärt in der Zeitschrift Cicero, nur der israelische Mossad sei in der Lage, eine solch komplexe Operation durchzuführen. Der Mossad habe auch ein Motiv: die Bekämpfung antisemitischer Tendenzen in Europa.

Könnte es sich tatsächlich um die Arbeit eines Geheimdienstes handeln? Etwa mit dem Ziel, die beargwöhnte Russland-Connection der FPÖ auffliegen zu lassen und das seit geraumer Zeit vermutete Leck bei den österreichischen Partnerdiensten zu stopfen? Diese Version klingt – zumindest auf den ersten Blick – plausibel, doch die angeblich so perfekte Aktion entspricht nicht ganz den Qualitäts-Standards professioneller Dienste. Würde ein Geheimdienst einen Lockvogel („Aljona Makarowa“) mit einer derart leicht zu durchschauenden Identität versehen? Gudenus und Strache hätten den angeblichen Onkel Igor Makarow einfach per Twitter kontaktieren können. Dann hätten sie erfahren, dass er – als Einzelkind – gar keine Nichte haben kann. Und würde ein hochprofessioneller Geheimdienst eine derart schlechte Tonqualität produzieren? Würde er verräterische Unstimmigkeiten wie schmutzige Fußnägel bei der angeblichen Multi-Millionärin nicht tunlichst vermeiden? Es gibt zwar die Methoden der Honigfalle und andere geheimdienstliche Diskreditierungsstrategien, um unliebsame Personen erpressen, herabwürdigen oder abservieren zu können, aber Heinz-Christian Strache und seine „Buberlpartie“ (Gudenus, Hofer, Kickl, Vilimsky) waren im Juli 2017 noch gar nicht in der Regierung. Sie konnten also noch keine Geheimdienst-Interna nach Russland abfließen lassen. Abhören und Ausforschen sind normale Aluhutarbeit, umfangreiche Theaterinszenierungen dagegen nicht. 

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Warum so spät?

Das Video ist eher ein Überbleibsel aus dem sogenannten „Dirty Campaigning“-Komplex von 2017. Vielleicht so eine Pfeiffer-Sache. Damals im Wahlkampf ist eine Menge aus dem Ruder gelaufen. Es gab Kompetenzstreitigkeiten bis hin zu Handgreiflichkeiten, es gab eine Vielzahl an zwielichtigen „Beratern“, es gab Auseinandersetzungen um Honorarhöhen und unbelegte Ausgaben, es gab überraschende oder auch nur vermutete „gekaufte“ Seitenwechsel. Das Ganze eskalierte just in den Tagen, als das Strache-Video entstanden ist. Es war wohl der berühmte Schritt zu weit. Und wegen der folgenden Turbulenzen (und Enthüllungen) konnte und wollte man das Material nicht mehr verwenden. Es wäre den Leakern im Wahlkampf als üble „Watergate-Aktion“ auf die Füße gefallen.  

Also verschwand das Material erst mal im Giftschrank. In wessen Giftschrank? Manche vermuten, es wurde vom Markt gekauft, quasi als Sicherheit. Vielleicht wurde es Personen angeboten, die im Video genannt werden. Vielleicht sollte es eine Rückversicherung sein für politische oder persönliche Notfälle. Aber was nützt der Besitz eines Computersticks im Zeitalter der grenzenlosen Kopierbarkeit?

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Der geeignete Zeitpunkt

Ab 2018 begann das Video herumzugeistern, nun als Gespenst des Populismus. Der Wiener Wochenzeitung Falter wurde das „Material“ avisiert – nach Angaben des Chefredakteurs Florian Klenk etwa vor einem Jahr. Die SZ erfuhr vor einigen Monaten davon, auch einige Satiriker und Künstler wurden offenbar ‚eingeweiht’. Aber der Anbieter wollte Geld sehen. Viel Geld. Die Sache dümpelte dahin. Und dann plötzlich klappte der Deal. Warum ausgerechnet jetzt? 

Die Nähe zum EU-Wahltermin spielte angeblich keine Rolle. So die Vertreter der Medien. Aber das ist barer Unsinn. Wir erinnern uns, wie sehr sich Journalisten (auch der SZ) darüber aufregten, dass WikiLeaks die E-Mails von Hillary Clinton im Oktober 2016 unmittelbar vor der US-Wahl veröffentlichte. Timing ist beim Leaken extrem wichtig. Für Absender wie Empfänger. Der lahme Europawahlkampf konnte mit dem Strache-Video interessant gemacht werden, aufgewertet zur Schicksals-Entscheidung zwischen Populisten und Demokraten. Man musste das Material nur – wie Strache es im Video nennt – „vom Ausland her spielen“. Der Zeitpunkt war günstig. 

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Follow the Money!

Spiegel und SZ versichern, für das Video sei kein Geld geflossen. Das wird – was die Medien angeht – zutreffen. Doch der Anbieter könnte auch von einem Dritten bezahlt worden sein (bei manchen Steueroasen-Leaks lief das so). Über einen ‚neutralen’ Mittelsmann und eine „abenteuerlich“ inszenierte Übergabe (hier können die künstlerischen Fähigkeiten gewisser Leute gefragt gewesen sein) gelangten die Computersticks dann im Mai an die Medien. Dass ein Mäzen, ein Philanthrop oder ein verärgerter Geschäftsmann bei der Entlohnung des Video-Anbieters aushalf, ist nicht ganz unwahrscheinlich. 

Die Fragen, die sich den Ermittlern deshalb stellen, lauten: Wer aus dem schmutzigen Wahlkampf von 2017 ist heute in Geldnot? Wer hat noch persönliche oder materielle Rechnungen offen? Wer könnte das Video bezahlt und den Medien überlassen haben? Follow the money! Die Spekulationen werden auf jeden Fall weitergehen.

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Das Dilemma des Quellenschutzes

Behalten Spiegel und SZ ihr Wissen über „die Quelle“ für sich, handeln sie als Journalisten richtig und als Mitarbeiter eines kommerziellen Medienunternehmens ökonomisch sinnvoll. Ihr Verhalten könnte der FPÖ aber letztlich nützen. So lange die Urheber und die Auftraggeber „im Dunkeln“ bleiben, hat die FPÖ gut munkeln. Sie kann die Opfer- und Verschwörungskarte spielen und das Ganze als „politisches Attentat“, als „perfide Geheimdienst-Falle“, als „Dolchstoß“ oder als was auch immer im kommenden Wahlkampf verkaufen. Die Journalistin Barbara Tóth von der Wiener Wochenzeitung Falter meint: „Die Erzählung von der Verschwörung – möglicherweise mit Hilfe internationaler Geheimdienste – verfängt in Österreich bereits massiv“. Um das dunkle Geraune, das den Inhalt des Videos bereits zu überdecken droht, zu verhindern, ist es in Medien- und Leaking-Gesellschaften wie unseren notwendig, die Bürger wissen zu lassen, wer was in welcher Form und wann mit welcher Absicht an die Öffentlichkeit lanciert. Edward Snowden hat das erkannt. Günter Wallraff zum Strache-Coup: „Ich würde mir wünschen, dass diejenigen, die das bewerkstelligt haben, sich zu erkennen geben.“


Wo bin ich?

Sie befinden sich im Archiv Mai 2019 im Blog von Wolfgang Michal.