Die Seeheimer können aufatmen

26 Oktober 2017 um 14:07 • 0 Kommentarepermalink

Die Bedeutung der niedersächsischen Landtagswahl für die Entwicklung des deutschen Parteiensystems wird unterschätzt. Das betrifft rechte wie linke Parteien – und ganz besonders Jamaika und Rot-Rot-Grün. 

 

An Wahlabenden wird viel über Aufholjagden und Rückenwind geredet, analysiert werden die Ergebnisse kaum. Das erledigen die Meinungsforscher dann in den Hinterzimmern der Parteizentralen. Unangenehmes bleibt unter Verschluss. Es könnte Teile der Mitgliedschaft zu sehr verunsichern.

 

Warum hat die SPD die Niedersachsen-Wahl gewonnen?

Schon bei der Bundestagswahl erzielte sie hier mit 27,4 Prozent das beste Ergebnis aller 16 Bundesländer. Bei der Landtagswahl legte sie noch einmal knapp zehn Prozent drauf. Wie ist das zu erklären? Wollten die Bürger die Abstrafung des Kanzlerkandidaten Martin Schulz wieder gutmachen? Übten sie Rache an Angela Merkel für ihre buddha-gleiche Reaktion auf den Denkzettel des 24. September? Alles falsch. Die Regierung Stephan Weils hat eine erfolgreiche, ausgesprochen wirtschaftsfreundliche Politik gemacht. Man könnte Niedersachsen geradezu als Musterbeispiel einer Public-Private-Partnership bezeichnen. Die Jusos der siebziger Jahre hätten diese Symbiose aus Staat und Privatwirtschaft vermutlich „Stamokap“ genannt. Denn an systemrelevanten Konzernen wie VW, Salzgitter, EWE oder Norddeutscher Landesbank ist die öffentliche Hand stark beteiligt. Entscheidungen fallen einvernehmlich und in beiderseitigem Interesse. Dass Stephan Weils Regierungserklärung zum Diesel-Skandal vorher im VW-Vorstand auf ihre Richtigkeit überprüft wurde, ist deshalb vollkommen normal. Der Vorgang wäre nie zum Anlass einer öffentlichen Debatte geworden, wenn nicht gerade Wahlkampf gewesen wäre.

Das Bruttoinlandprodukt Niedersachsens wuchs in den letzten Jahren stetig, der Staatshaushalt kommt 2017 das erste Mal seit 70 Jahren ohne Neuverschuldung aus. Stephan Weil war aber nicht nur ein guter Haushälter, er war auch klug genug, sofort nach seinem Amtsantritt zu erkennen, dass die zunehmende Spaltung des Landes in arme, vernachlässigte Zonen und wohlhabende, bevorzugte „Cluster-Regionen“ nur mit Hilfe einer „integrativen Regionalpolitik“ zu überwinden ist. Also ersetzte er Anfang 2014 die von Christian Wulff abgeschafften vier Regierungsbezirke durch vier „Landesbeauftragte für Regionalentwicklung“ und dockte seine neuen „Kümmerer“ mit Hilfe einer eigens geschaffenen Staatssekretärsstelle unmittelbar an die Staatskanzlei an. Wirtschaftsförderung und Entwicklung des ländlichen Raums wurden so ressortübergreifend „integriert“ und zielgenau auf die Fördertöpfe der EU und des Bundes ausgerichtet. Das spülte rund vier Milliarden Euro ins Land. Wobei klamme Kommunen, die ihren Eigenanteil nicht aufbringen konnten, vom Land großzügig unterstützt wurden. Als ehemaliger Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Hannover demonstrierte Weil damit, dass er die Kommunen als seine (Wähler-) Basis wirklich ernst nimmt. Als nächstes wollte er den staatlichen „Sanierungsstau“ auflösen und 3,5 Milliarden € in die Modernisierung von Universitäten und Krankenhäusern stecken.

So „sturmfest und erdverwachsen“ – wie sich die Niedersachsen in ihrer inoffiziellen Hymne gern geben – präsentierte sich auch der zweite Garant des niedersächsischen Wahlsiegs. Innenminister Boris Pistorius, dessen Karriere der von Weil auffallend ähnelt, bot der CDU durch seine Law-and-Order-Politik wenig Angriffsflächen. Der Ex-Oberbürgermeister von Osnabrück – Spitzname „roter Sheriff“ – traf publikumswirksame Entscheidungen, die ihm auch höchstes Lob von CDU-Innenminister Thomas de Maizière einbrachten. Im Februar erließ Pistorius als erster deutscher Innenminister eine Abschiebeanordnung gegen zwei so genannte Gefährder und focht seine Maßnahme bis zum Bundesverwaltungsgericht durch. Im März verbot er den Verein „Deutschsprachiger Islamkreis Hildesheim“ wegen offensichtlicher Kontakte zur Terrororganisation Islamischer Staat. Dass sich Pistorius auch für die Vorratsdatenspeicherung, für ein europäisches FBI und für die Stärkung des EU-Grenzschutzes aussprach, versteht sich fast von selbst. Um die vermeintlich offene SPD-Flanke „Innere Sicherheit“ im Wahlkampf gänzlich zu schließen, ordnete Stephan Weil dann im September eine Zuzugsbeschränkung für Asylbewerber an. Die Stadt Salzgitter, sagte er, brauche eine „Atempause“, eine Obergrenze der Belastbarkeit sei erreicht. Der Ministerpräsident stellte außerdem 20 Millionen Euro Soforthilfe zur Verfügung.

Salzgitter, das rund 100.000 Einwohner hat, beherbergt inzwischen über 5.700 Flüchtlinge, die Mehrzahl sind Syrer. In einigen Stadtbezirken erreichte die AfD bei der Landtagswahl fast 40 Prozent. Doch die Grünen kritisierten Weils Abschottungs-Maßnahme scharf. Er habe damit einen Präzedenzfall geschaffen. Andere Kommunen würden nun ebenfalls einen Aufnahmestopp beantragen.

 

Warum haben die Grünen so stark verloren?

Die Grünen, die in Weils Regierung vier Minister stellten (Landwirtschaft, Umwelt, Justiz und Wissenschaft), konzentrierten sich ganz auf die Umsetzung der Agrar- und Energiewende. Doch sie hatten den Bauern und Bürgern auf dem Land offenbar zu viel zugemutet, während sie ihre junge gebildete Wählerschaft in den Großstädten zugleich enttäuschen mussten. Die Situation der Grünen ist vertrackt: Ihre Wählerschaft konzentriert sich in den Universitätsstädten Hannover, Göttingen, Hildesheim, Braunschweig, Lüneburg, Osnabrück und Oldenburg, wo sie 2013 über 20 Prozent erzielten. Auf dem platten Land dagegen, in Cloppenburg oder Vechta, wo die Grünen ihre Umweltvorstellungen realisieren müssten, dümpeln sie bei fünf Prozent. Hier wird grüne Politik allenfalls in homöopathischen Dosen akzeptiert. So konnten die Grünen den Ökolandbau in den vergangenen vier Jahren nur von 2,9 auf 3,5 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche steigern.

Wesentlich schneller wächst der Widerstand gegen Windräder, Biogasanlagen und Maiswüsten. Das ist auch kein Wunder. Über 6000 Windräder und 1634 Biogasanlagen überziehen mittlerweile das Land, mit allen negativen Begleiterscheinungen wie Rotorenlärm und Verschattung, Gestank und Verkehr, Vogelsterben und Bienentod. Aber den städtischen Akademikern unter den Grünwählern, die von den unmittelbaren Auswirkungen der Energiewende nur wenig mitbekommen, geht die grüne Wende nicht schnell genug. Sie verlangen mehr Ökoprodukte und Klimaschutz. Und härteres Vorgehen gegen uneinsichtige Bauernverbände. In den Universitätsstädten verloren die Grünen am Wahlsonntag rund ein Drittel ihrer Wählerschaft.

 

Warum schafften es die Linken wieder nicht?

Die Linken litten unter der gleichen Diskrepanz wie die Grünen: Ihre Wähler-Hochburgen liegen in den bürgerlichen Universitätsstädten, während sie die sozialen Brennpunkte kampflos der AfD überlassen. In Salzgitter erreichte die AfD mit 13,7 Prozent ihr bestes Ergebnis, in Delmenhorst bekam sie 10,5 Prozent, in Wilhelmshaven 8,3. Die Linken reden zwar klug über Migration, Armut und soziale Ungleichheit, meiden aber deren Schauplätze oder erreichen die Bewohner solcher Orte nicht mehr. Die niedrigste Wahlbeteiligung gab es nicht zufällig in Delmenhorst, Salzgitter und Wilhelmshaven, während sie in den gutbürgerlichen Stadtteilen von Hannover um mehr als 15 Prozentpunkte darüber lag. Die Milieus der Kandidaten und die Milieus der in den Parteiprogrammen genannten Zielgruppen driften bei der West-Linken auseinander. Bürger mit einfacher Bildung wählten diesmal SPD, CDU oder AfD, Bürger mit höherer Bildung bevorzugten überdurchschnittlich oft FDP, Grüne oder Linke. Hier bilden sich ebenso denk- wie merkwürdige Überschneidungen.

 

Was bedeutet das Ergebnis für Rot-Rot-Grün und Jamaika?

Die Niedersachsen-Wahl hat ganz eindeutig eine konservative, bodenständige SPD gewonnen. Mit über 40 Prozent ist sie in der europäischen Metropolregion Hannover-Braunschweig-Wolfsburg-Göttingen genauso verankert wie an der Nordseeküste. Von Emden bis zur Elbmündung erzielte sie volksparteiwürdige Ergebnisse. Die SPD ist überall dort stark, wo auch VW ist, wo die Industrie gute Geschäfte macht – wie die Salzgitter AG mit der Fertigung und Lieferung von Röhren für Gerhard Schröders und Gazproms Pipeline-Projekt Nordstream, wie Siemens mit der Windturbinen-Produktion in Cuxhaven, wie das ostfriesische Unternehmen Enercon mit der Produktion und dem weltweiten Verkauf von Windkraftanlagen. Über den immer besser ausgelasteten Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven sichert das Bundesland Niedersachsen zudem das wichtige, von Donald Trump bedrohte Geschäft mit Asien. Auch das ist sozialdemokratische Ostpolitik.

Die SPD war der CDU bei dieser Wahl in fast allen Belangen überlegen, sie war die bessere CDU. Das bedeutet aber auch, so bitter es für die linken Hoffnungen sein mag, dass das rot-rot-grüne Wunschprojekt endgültig Geschichte ist. Eine Erneuerung der SPD, wenn sie jemals kommen sollte, wird mit einer Hinwendung zu Rot-rot-grün nichts mehr zu tun haben. Seit Niedersachsen werden die Wahlen wieder in der Mitte gewonnen. Der Seeheimer Kreis kann aufatmen. Viel wahrscheinlicher ist, dass „Die Linke“ sich spaltet – nach dem Muster der AfD. Die Bruchlinien sind bereits sichtbar.

Und die Grünen? Sie opfern Rot-rot-grün für das Trugbild Jamaika. Bereits vor dem Start der Verhandlungen in Berlin signalisiert das Ergebnis von Hannover deutliche Akzeptanzprobleme. Alle Jamaika-Partner büßten Stimmen ein. Die CDU blieb nur dort sturmfest und stark, wo sie ländlich-konservativ und katholisch geprägt ist: in der Gülle- und Nitrat-, Hühner- und Schweinemastgegend um Vechta und Cloppenburg. Dort bekommen AfD, Linke und Grüne kein Bein auf den Boden. Das wird die CSU mit Wohlgefallen registrieren.

Aber auch der Kleinkrieg zwischen FDP und Grünen konnte am Sonntag wieder live besichtigt werden. Im Wahlkampf hatte sich die niedersächsische FDP bewusst auf die vier grünen Minister eingeschossen. Die Liberalen wollen weder eine Agrar- noch eine Verkehrs- noch eine Energiewende. Die CSU wird in dieser Wunde genüsslich herumbohren. Das heißt, Jamaika könnte die Grünen so zerlegen wie die verlorene Hoffnung auf Rot-rot-grün die Linke zu spalten droht. Die SPD könnte die grünen und linken Überreste dann irgendwann aufsammeln.

Dieser Beitrag ist am 18. Oktober 2017 in der Wochenzeitung “der Freitag” erschienen.


Nazis im Bundestag

20 September 2017 um 15:33 • 2 Kommentarepermalink

Kurz vor der Wahl übermannte Vizekanzler Sigmar Gabriel eine Mischung aus Zorn und Wehmut. In einem Interview mit T-Online sagte er, „zum ersten Mal nach 1945“ bestehe die reelle Möglichkeit, dass wieder „echte Nazis“ im Reichstag reden. Hat Gabriel Recht?

 

In der Schlussphase des Wahlkampfs geben die Kämpfer noch einmal alles. Und so diktierte Vizekanzler und Außenminister Sigmar Gabriel am 11. September (!) T-Online folgende Sätze in den Recorder:

„Es gibt eine Menge Menschen, die den Eindruck haben, dass über ihre Sorgen – Flüchtlinge, innere Sicherheit und die Angst um den Arbeitsplatz – im Wahlkampf nicht geredet wird. Wenn wir Pech haben, senden diese Menschen bei der Wahl ein Signal der Unzufriedenheit, das schlimme Folgen haben wird. Dann haben wir zum ersten Mal nach Ende des Zweiten Weltkriegs im deutschen Reichstag wieder echte Nazis.“

Oberflächlich betrachtet hat Gabriel Recht. Allerdings nur, wenn man seine Bemerkung auf das Gebäude bezieht – nicht auf die Versammlung der Abgeordneten. Das Reichstagsgebäude wird erst seit dem 8. September 1999 für Bundestagssitzungen genutzt. In den Jahrzehnten davor tagte das Parlament in Bonn. Und dort saßen sehr wohl Nazis und Ex-Nazis auf den Abgeordnetenbänken.

 

Vom Naumann-Kreis zur Oberländer-Affäre

Eine Liste ehemaliger NSDAP-Mitglieder verzeichnet allein 86 Bundestagsabgeordnete mit brauner Vergangenheit. Hinzu kommen Kanzler, Minister, Staatssekretäre, Diplomaten, Landtagsabgeordnete, Bürgermeister. Viele der Gelisteten, das muss man konstatieren, waren ‚lediglich’ Karriere-Nazis. Sie traten der NSDAP bei, um im Beruf schneller voranzukommen oder wenigstens keine Nachteile zu erleiden.

Es gab aber auch Ex-Nazis unter den Abgeordneten, die selbst nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches meinten, so weitermachen zu können wie bisher. Sie gründeten zahlreiche rechtsextreme und nationalsozialistisch inspirierte Parteien und Vereinigungen oder hofften, kleinere demokratische Parteien unterwandern zu können.

– In Nordrhein-Westfalen versuchte der so genannte Naumann-Kreis mit Hilfe des FDP-Landtagsabgeordneten Ernst Achenbach, die neu gegründete FDP zu unterwandern. Werner Naumann war in Goebbels Propagandaministerium der letzte Staatssekretär gewesen und zählte zum „Freundeskreis Reichsführer SS“. In Hitlers Testament war er als Nachfolger von Goebbels vorgesehen. Der Essener Rechtsanwalt Ernst Achenbach (der während des Krieges in der deutschen Botschaft in Paris residierte und an Judendeportationen beteiligt war) agierte erfolgreich als Geldbeschaffer der klammen Partei und saß dem Außenpolitischen Ausschuss der FDP vor. Über Achenbach schleuste Naumann eine ganze Reihe alter Nazis in den Partei-Apparat der FDP. So wurde z.B. Wolfgang Diewerge Privatsekretär des nordrhein-westfälischen FDP-Vorsitzenden Friedrich Middelhauve. Vor 1945 hatte Diewerge die Abteilung Rundfunk im Reichspropagandaministerium geleitet. Er war SS-Standartenführer, Reichsredner der NSDAP und Träger des Goldenen NSDAP-Parteiabzeichens. Am 26. August 1950 notierte Naumann über eine Unterredung mit Achenbach in sein Tagebuch:

„Um den Nationalsozialisten unter diesen Umständen trotzdem einen Einfluss auf das politische Geschehen zu ermöglichen, sollen sie in die FDP eintreten, sie unterwandern und ihre Führung in die Hand nehmen.“

Der SPD-Abgeordnete und spätere bayerische DGB-Vorsitzende Max Wönner nannte die FDP 1951 eine „deutschnationale Scharfmacherpartei“, die “in edlem Wettstreit” mit der neonazistischen SRP stehe. Auf ihrem 3. Bundesparteitag 1951 forderte die FDP eine Generalamnestie für „so genannte Kriegsverbrecher“, beim 4. Parteitag 1952 lag den Delegierten ein „Deutsches Programm“ vor, das in wesentlichen Teilen von Ex-Nazis wie dem ehemaligen Chefkommentator des NS-Rundfunks, Hans Fritzsche, von Werner Naumann sowie von den ehemaligen SS-Größen Werner Best und Franz Alfred Six mitverfasst worden war. Auf dem Parteitag erklang Marschmusik, es wehten schwarz-weiß-rote Fahnen. Hätte die britische Besatzungsmacht dem Spuk des Naumann-Kreises nicht Anfang 1953 mit der Verhaftung Naumanns den Garaus gemacht, wer weiß, was aus der NRW-FDP noch geworden wäre. Achenbach vertrat die FDP im deutschen Bundestag bis 1976, danach war er Europa-Abgeordneter.

– Die rechtskonservative Deutsche Partei (DP) saß ebenfalls im Bundestag und war von 1949 bis 1961 an allen Bundeskabinetten beteiligt (mit ihren Ministern Hellwege, Merkatz und Seebohm). Der rechte Flügel dieser Partei hatte braune Einsprengsel. So löste der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Hedler am 26. November 1949 einen politischen Skandal aus, als er in einem Vortrag Mitglieder des Widerstands als „Volksverräter“ beschimpfte und über die Judenvernichtung schwadronierte:

„Ob das Mittel, die Juden zu vergasen, das gegebene gewesen ist, darüber kann man geteilter Meinung sein. Vielleicht hätte es andere Wege gegeben, sich ihrer zu entledigen.“

Hedler wurde aus der DP-Fraktion ausgeschlossen und wegen Verunglimpfung und übler Nachrede zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Später schloss er sich der Deutschen Reichspartei, der Nationalen Reichspartei und schließlich der rechtsnationalen Partei „Wirtschaftliche Aufbau-Vereinigung“ an.

– Auch die Deutsche Konservative Partei/Deutsche Rechtspartei (DKP-DRP) war in der ersten Legislaturperiode mit fünf Abgeordneten im Bundestag vertreten. Denn in Niedersachsen hatte die DKP-DRP bei der Bundestagswahl die Fünfprozenthürde übersprungen, u.a. weil sie mit der „Gemeinschaft Unabhängiger Deutscher“ (GUD) ein Wahlbündnis eingegangen war. Die GUD wurde von den beiden Rechtsextremisten Fritz Dorls und „Franz Richter“ geführt. Richter hieß in Wirklichkeit Fritz Rößler. Er war vor 1945 Gauhauptstellenleiter der NSDAP in Sachsen und Mitglied der Reichspropagandaleitung der NSDAP. 1950 wechselte er von der DKP-DRP zur Deutschen Reichspartei und schließlich zur offen rechtsextremen Sozialistischen Reichspartei (SRP). 1951 beteiligte er sich in Malmö an der Gründung der faschistischen Europäischen Sozialen Bewegung. Am 20. Februar 1952 wurde Rößler alias Franz Richter enttarnt und während einer Bundestagssitzung festgenommen. Sein Kampfgenosse Fritz Dorls, der neben Rößler ebenfalls für die DKP-DRP im Parlament saß, wurde – wie sein Parteifreund Otto Ernst Remer – Ende 1949 aus der Partei gedrängt. Zusammen mit dem überzeugten Nazi Remer, der entscheidend an der Niederschlagung des Aufstands vom 20. Juli 1944 beteiligt war, gründete Dorls die faschistische Sozialistische Reichspartei, die im Oktober 1952 vom Bundesverfassungsgericht verboten wurde. Bis zu seinem Tod 1997 war Remer an rechtsradikalen Umtrieben beteiligt und wurde mehrfach wegen Volksverhetzung verurteilt. Ein weiterer DKP-DRP-Abgeordneter im ersten deutschen Bundestag war Adolf von Thadden, der 1964 die NPD mitgründete und deren Vorsitzender wurde.

– In Teilen braun angehaucht waren auch die vor allem in Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein erfolgreichen Flüchtlingsparteien „Wirtschaftliche Aufbauvereinigung“ (WAV) und „Gesamtdeutscher Block/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten“ (GB/BHE). Mancher Landtagsabgeordnete des BHE hatte eine dunkle Vergangenheit, Heinrich Hunke etwa (der bereits 1923 der NSDAP beigetreten war, im Dritten Reich Wehrwirtschaftsführer wurde und nach dem Krieg zum inneren Zirkel des rechtsradikalen Naumann-Kreises gehörte) oder Georg Körner (der als Reichsredner der NSDAP fungierte und nach dem Niedergang des BHE zunächst FDP-Mitglied und später Mitglied des NPD-Bundesvorstandes wurde) oder Heinz Reinefarth (der vor 1945 SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Waffen-SS war und als „Henker von Warschau“ half, den Aufstand im Ghetto niederzuschlagen. Nach 1945 wurde er Bürgermeister auf Sylt). Ebenfalls dem BHE gehörte der Bundestagsabgeordnete Theodor Oberländer an. Er wurde 1953 Flüchtlingsminister im Kabinett Adenauer. Mitte der fünfziger Jahre trat er zur CDU über. Das Bekanntwerden seiner Taten in Polen und in der Ukraine während des Zweiten Weltkriegs löste 1960 einen handfesten Skandal aus. Oberländer war schon am Hitlerputsch vom 9. November 1923 beteiligt gewesen, im Dritten Reich war er Mitglied der NS-Gauleitung von Ostpreußen, SA-Obersturmführer, Leiter des NS-Bundes Deutscher Orden und Dozent für Ostfragen beim Außenpolitischen Amt der NSDAP. Trotzdem galt er in der Bundesrepublik nur als „Mitläufer“.

 

Die AfD ist kein Tabubruch

Es ist also keineswegs so, wie Vizekanzler Gabriel behauptet. Es ist nicht „das erste Mal seit 1945“, dass Rechtsradikale, Nazis oder Völkische im Schoß einer rechtskonservativen Partei in den Bundestag einziehen und dort reden dürfen. Viele haben nur vergessen, was im Bundestag früher los war. Erst in den sechziger Jahren konnte sich das Parlament seiner rechten Alt- und Neulasten weitgehend entledigen.

Dass nun im Gewand der rechtskonservativen AfD wieder Nazis in den Bundestag einziehen könnten, ist also alles andere als ein „Tabubruch“. Es ist Ausdruck des Rechtsrucks im Land und erinnert in manchem stark an die fünfziger Jahre. Es sind auch nicht die Parteien, die ihre Repräsentanten in den Bundestag schicken, es sind die Wähler. Und die waren in Deutschland schon immer politisch labil.

Am 19. Januar 1953 – auf dem Höhepunkt des Unterwanderungs-Skandals bei der nordrhein-westfälischen FDP und durch diesen Skandal mit veranlasst – publizierte die amerikanische Besatzungsmacht eine Umfrage, die viele Neudemokraten erschrecken musste. 44 Prozent der Deutschen waren noch immer der Meinung, dass der Nationalsozialismus den Deutschen mehr Gutes als Schlechtes gebracht habe. Und auf die Frage, ob Ex-Nazis in Politik und Wirtschaft wieder die gleichen Chancen haben sollten wie Unbelastete, antworteten 36 Prozent mit Ja. Bei den FDP-Anhängern sollen es 80 Prozent gewesen sein.


Die griechische Querfront

8 Februar 2015 um 18:30 • 1 Kommentarpermalink

In Griechenland bilden Linksradikale und Rechtspopulisten eine nationale Regierung gegen das EU-Establishment. Ein Muster für kommende Konflikte?

 

Lechts und rinks kann man nicht

velwechsern

werch ein illtum!

Ernst Jandl, 1966

 

Die Entscheidung des griechischen Wahlsiegers Syriza, mit der rechtspopulistischen Partei „Die unabhängigen Griechen“ (Anel) eine Regierungskoalition zu bilden, hat bei deutschen Linken und Liberalen Irritationen ausgelöst. Viele sind perplex, andere hoffen noch, einen plausiblen strategischen Grund für diese Entscheidung zu finden, wieder andere meinen, der Beschluss wäre ungefähr so, als würden in Deutschland Linke und AfD gemeinsame Sache machen. Warum verschafft ausgerechnet die Linke den Rechtspopulisten Reputation und Zugang zur Macht? Ist ein solches Bündnis nicht extrem gefährlich?

In Deutschland, wo das Erinnern an den Untergang der Weimarer Republik derartige Bündnisse disqualifiziert, scheint die Antwort eindeutig auszufallen. Hier sorgt ein intensives Bashing dafür, dass protestierende Rechtspopulisten quer durch fast alle Medien zu Unberührbaren erklärt werden, mit denen man nicht einmal reden darf. Sigmar Gabriels Versuch, mit den Sympathisanten von Pegida ins Gespräch zu kommen, wird von linken und konservativen Blättern als “obszön” empfunden.

Dabei hätte auffallen müssen, dass sich bei den Demonstrationen der letzten Monate linke und rechte Motive mischten. Man konnte es an den Transparenten ablesen, aber auch an Wählerwanderungsanalysen und Meinungsumfragen. Es gibt beträchtliche Schnittmengen zwischen Linken- und AfD-Wählern. Seit die traditionellen politischen Lager ihre Bindekraft verloren haben, ist Parteien-Hopping für politisch Heimatlose zu einer Art Volkssport geworden. Wenn die einen nicht für Änderungen sorgen, dann eben die anderen, wenn nicht die Linken, dann die Rechten. Das Potential dieser frei floatenden “Wutbürger” hat sich seit der Finanzkrise verdoppelt und verdreifacht. Einen festen politischen Anschluss scheinen sie nicht mehr zu finden.

Für sozialdemokratische Parteien (wie die SPD oder die Linke) ist das ein größeres Problem als für die CDU. Das hat der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel ganz richtig erkannt. Die konservativen Parteien mögen durch Syriza und Podemos einige Prozentpunkte verlieren, doch die Sozialdemokraten werden regelrecht dezimiert – siehe den Bedeutungsverlust der PSOE in Spanien oder den Absturz der Pasok in Griechenland. Bei den französischen Wahlen 2017 wird sich endgültig zeigen, wie tief dieser Vertrauensverlust geht.

 

Die letzten Populisten machen das Licht aus

Als Oskar Lafontaine noch die Richtung in der Partei Die Linke vorgab, hat er es – wie Jean-Luc Mélenchon in Frankreich – verstanden, durch populistische Reden und die Betonung des nationalen Selbstbestimmungsrechts auch unzufriedene Rechte (insbesondere in Ostdeutschland) anzusprechen und an die Linke zu binden. Seit Lafontaine aus der Bundespolitik ausgeschieden ist, wandern diese Stimmen aber wieder ins rechte Lager – ohne dort fest verankert zu sein.

Auch Albrecht Müller von den Nachdenkseiten, ein treuer Anhänger Willy Brandts, der ganz gewiss über mehr politische Erfahrung verfügt als die moralisch schnell empörte Enkelgeneration, sieht Berührungspunkte zwischen Rechten und Linken, und will sich nicht vorschreiben lassen, mit wem er redet. Zum Schrecken seiner politischen Freunde unterstützt er die „Friedenswinter“-Kampagne der rechten „Verschwörungstheoretiker“ um Ken Jebsen, die in Putins nationalistischer Politik mehr politische Vernunft entdecken als im globalen US-Feldzug „gegen den Terror“ oder im ökonomischen Blindflug des Finanzkapitals.

Warum sich heute so mancher Linke zur AfD hingezogen fühlt, beschrieb vor einiger Zeit der Blogger Stephan Ewald in einem Interview mit Jan Falk. Wenn die eigenen Leute schweigen und sich angesichts himmelschreiender Zustände bedeckt halten, geht man eben zu denen, die sich trauen, den Mund aufmachen und laut zu protestieren. Wenn im eigenen politischen Sektor (etwa der Sozialdemokratie oder der Linken) nichts los ist, muss man notgedrungen zu den Rechten gehen – eine Haltung, die man früher als politischen Verrat gebrandmarkt oder als Todsünde wider die eigene politische Solidität und Glaubwürdigkeit verstanden hätte. Heute ist der Zorn so groß, dass man eher diejenigen als Verräter betrachtet, die passiv an der eigenen Trägheit festhalten und ein Leben lang die gleiche Partei wählen. Heute ist der Wähler eine Ich-AG und muss sich täglich neu erfinden. Lechts oder rinks – was spielt das noch für eine Rolle?

 

Syriza und der Front National

Auch in umgekehrter Richtung funktioniert das Wechselspiel. Der Griechenland-Kenner Niels Kadritzke schilderte unlängst, wie sich Marine Le Pen, die Vorsitzende des französischen Front National, in den griechischen Wahlkampf einmischte. Gegenüber Le Monde erklärte sie: Wäre ich Griechin, würde ich Syriza wählen. Und zwar wegen des gemeinsamen Kampfes „gegen den europäischen Totalitarismus und seine Komplizen, die Finanzmärkte”.

Das heißt: Nicht mehr gemeinsame Überzeugungen oder Werte bilden die Grundlage politischen Verhaltens, sondern gemeinsame Gegner. Das ist die Philosophie des Klassenkampfs, des Freund-Feind-Denkens oder des Bürgerkriegs, ein Denken, das für politische Sammlungsbewegungen typisch ist. Sie drehen den alten, vom Staat alimentierten Parteien, die nur noch verwalten und repräsentieren, eine Nase. Es geht – sagen die Bewegten – nicht mehr um links oder rechts, sondern um oben oder unten.

Wenn etwa die berühmten „99 Prozent“ der Occupy-Bewegung gegen das Finanz-Establisment aufstehen (wie demnächst gegen die EZB), kann man getrost davon ausgehen, dass ihr Wutpotential politisch nicht homogen ist, sondern eine wilde Mischung aus linken, liberalen, konservativen, anarchistischen und rechten Positionen darstellt. Es zeichnet Sammlungs-Bewegungen gerade aus, dass sie weitgehend unstrukturiert und politisch “breit aufgestellt” sind. So war es in den achtziger Jahren bei der polnischen Solidarnosc-Bewegung, so war es im Arabischen Frühling. Die Anhänger der islamistischen Muslim-Bruderschaft, liberale Demokraten und linke Studenten hatten das gleiche Ziel: den Sturz der Regierung.

Auch Syriza ist eine Sammlungsbewegung. Sie hat ein ganz bestimmtes Ziel vor Augen: die Befreiung Griechenlands aus der „Knechtschaft“ der EU und der Banken. Für dieses nationale Ziel vergisst sie alle ideologischen Unterschiede. Ja sie hofft, auf dem Weg zum nationalen Ziel auch jene Gruppierungen integrieren zu können, deren gesellschaftspolitische Ziele ganz woanders liegen. Ob diese Einverleibung gelingt oder ob sich die Sammlungsbewegung die Brandstifter damit erst recht ins Haus holt, ist eine offene Frage.

Von griechischer Warte mag es so aussehen, als hole sich der selbstbewusste Wolf Tsipras zur Stabilisierung der innenpolitischen Situation ein harmloses rechtes Schaf ins Haus, doch Skeptiker fürchten – mit Blick auf Dresden und Frankreich – dass das Schaf Syriza mit der Aufnahme eines rechtspopulistischen Wolfs in die Regierung einen Präzedenzfall für Europa schafft.


Alle für Mutti

22 Januar 2015 um 11:19 • 4 Kommentarepermalink

Das breite Bündnis der Demokraten gegen Pegida und AfD hat einen kleinen Nebeneffekt: Es stärkt die CDU.

 

Natürlich ist jeder vernünftige Mensch instinktiv gegen eine Bewegung, die „das Abendland“ retten möchte. Denn seit 100 Jahren wissen wir: Es fängt immer mit der „Rettung des Abendlandes“ an – und endet dann blutig vor Moskau, Tobruk oder in der Normandie.

Der an diesem Erfahrungswissen geschulte deutsche Alarmismus treibt deshalb zu Recht viele Gegendemonstranten auf die Straße. Aber die Vehemenz, mit der auch viele Vertreter des Establishments mitmischen, überrascht. Plötzlich steht man mit Bild, mit der großen Koalition, mit Arbeitgeberverbänden auf derselben Seite der Barrikade. Alle republikanisch vereint gegen DIE. WIR sind Charlie, wir sind Papst, wir marschieren gemeinsam gegen das Böseda. Wie auf dem wahrhaft historischen Foto von der Pariser Großdemonstration. Unsere Medien lügen nicht.

Es gibt also – und das ist sehr zu begrüßen – einen republikanischen Grundkonsens, hinter den niemand, der noch bei Verstand ist, zurück will. Auch unsere Eliten haben aus der Geschichte gelernt. Wer das bezweifelt, gilt als einsamer Spielverderber, Altlinker, Verschwörungstheoretiker und kommt bestimmt aus dem Internet.

 

Wer Mutti angreift, kriegt eins mit der Faust!

Trotzdem sollte man weiter nachfragen: Warum die Bildzeitung? Ist es allein der Kampf gegen Rassismus, Intoleranz und braune Pest, der sie so beherzt auf Pegida eindreschen lässt – obwohl sie doch gestern noch Thilo Sarrazin lobte und den Islam gern als Kammer des Schreckens vorführt? Gibt es vielleicht noch weitere Gründe, warum Pegida in Grund und Boden verdammt wird? Profanere Gründe?

Das Motiv hinter den Pegida-Schmähungen der Etablierten könnte auch lauten: Merkel muss Kanzlerin bleiben! Wer Mutti angreift, kriegt eins mit der Faust!! Würde rechts von der CDU eine 12-Prozent-Partei entstehen, wäre es vorbei mit ihrer Mehrheit. Dann könnte die CDU das Schicksal der SPD erleiden. Dann wäre selbst eine „große Koalition“ aus zwei 25-Prozent-Parteien nicht mehr ausreichend stabil. Und politische Instabilität können die deutschen Eliten – angesichts der Entwicklungen im Süden und Osten Europas – nicht gebrauchen. Also müssen Pegida und AfD rechtzeitig gestoppt werden. Auf sie mit Gebrüll!

Was nach außen so wunderbar aussieht wie eine solidarische „Verteidigung der Demokratie“ gegen ihre Verächter, ist nebenbei ein geschickter Schachzug für den Machterhalt der Regierung Merkel. Die Bildzeitung ist ja nicht blöd.


Wo bin ich?

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