Wie die Medien zu Parteien wurden

2 März 2017 um 14:34 • 7 Kommentarepermalink

Beobachterposition? Distanz? Neutralität? Das war mal. Heute sehen sich viele Journalisten als unerschrockene Kämpfer für das Gute. Die Medien sind zu Parteien geworden – aus nachvollziehbaren Gründen.

 

Es fing eigentlich ganz harmlos an. Das Internet war noch klein und verspielt und wirkte irgendwie ungefährlich. Zum Spaß kabbelten sich ein paar Journalisten mit „Bloggern“, die frech behaupteten, sie seien so wichtig wie Journalisten.

Dann tauchten die Piraten auf. Sie wollten das Mediensystem aus den Angeln heben, indem sie das Urheberrecht, die Existenz-Grundlage des Mediensystems, in Frage stellten. Als die Piraten in die Parlamente einzogen und in bundesweiten Umfragen zwölf Prozent erreichten, wurde es richtig ungemütlich. Das Mediensystem fing an, sich mit einseitiger Berichterstattung gegen seine ‚Feinde’ zu wehren.

Auch Google und Facebook rüttelten immer unverfrorener an der Monopolstellung der Medien. Blogger, Twitterer und Chatter, die frei Schnauze reden konnten, konkurrierten mit herkömmlichen Meinungsmachern, Enthüllungsplattformen konkurrierten mit traditionellen Reportern, YouTube-Stars konkurrierten mit der gewohnten Fernsehunterhaltung.

Unter dem Einfluss der Konkurrenten wurde die Berichterstattung immer häufiger zur Interessenpolitik in eigener Sache. Ob beim Leistungsschutzrecht oder bei den Auseinandersetzungen um die Verwertungsgesellschaften: Man scheute sich nicht, in den eigenen Medien Partei für die eigenen Interessen zu ergreifen, während die Interessen der anderen verschwiegen oder schlecht geredet wurden. Nicht, dass Randthemen wie das Leistungsschutzrecht wirklich wichtig gewesen wären, aber sie zeigten, wie freie Medien sich verhalten, wenn es um ihre Pfründe geht. Ob Piraten, Blogger, Google oder Facebook: Die Konkurrenten der alteingesessenen Medien hatten nichts zu lachen. Jeden Tag gab es Breitseiten gegen sie. Die Medien nannten es „kritische Berichterstattung“.

 

Wer uns nicht liest, gefährdet die Demokratie!

Dann krochen die Lügenpresse-Rufer aus der rechten Ecke, Fake News und Hate Speech bedrohten die Stellung und das Ansehen der Medien und die aufkommenden Populisten verachteten sie als Teil einer „volksfremden“ Elitenherrschaft. Die Medien machten sich nun pausenlos selbst zum Thema. Sie empörten sich über unberechtigte Zurück- und Zurechtweisungen und erklärten jedem, der es nicht hören wollte, dass der Schutz der Bürger vor Fake-News, Hate Speech und Populismus ihre vornehmste Aufgabe sei, dass Lügenpresse-Rufer Hohlköpfe seien und man selbst nicht zur Elite zähle, sondern Eliten gewissenhaft kontrolliere. Die Medien begannen eine Art Überzeugungs-Wahlkampf in eigener Sache. Sie verkündeten: Wer uns nicht wählt (= liest = kauft), der gefährdet die Demokratie. Nur wer uns vertraut, kann auch ein guter Demokrat sein.

Wie recht sie doch hatten! Kaum war der neue US-Präsident im Amt, erklärte er die angesehensten Medien seines Landes zu „Volksfeinden“ und versprach seinen Anhängern einen Heiligen Krieg gegen sie. Den Medien blieb also nichts anderes übrig, als die eigene Situation von nun an zur beherrschenden Nachricht zu machen und öffentlich für die ‚Partei des Journalismus‘ zu kämpfen.

Allerdings erinnerten sich manche Skeptiker auch des Beginns dieser Entwicklung: als es den Medien eher um die Sicherung ihrer Interessen gegen die aufkommende Konkurrenz ging, so dass die mit der Populismusgefahr einsetzende Überhöhung der eigenen Arbeit – „Wir sind die Garanten der Demokratie!“ – nicht bei allen ohne weiteres glaubwürdig erschien. Manche Medien hatten auch jeden Sinn dafür verloren, dass ein Großteil der Bürger die Nichtteilnahme eines US-Präsidenten an einem Korrespondenten-Dinner in Washington nicht ganz so skandalös findet wie die New York Times, ja dass die Teilnahme an einem solchen Korrespondentendinner vielleicht auch ein Beleg für die allzu große Nähe von Medien und Politik sein könnte. Auch das Gejammer über den Ausschluss einiger Medien von Hintergrundgesprächen im Weißen Haus überdeckte nur die Tatsache, dass die betroffenen Medien gegen die Praxis ihrer früheren Bevorzugung im Weißen Haus nichts einzuwenden hatten. Das nährte den Verdacht, dass die Medien jede Äußerung Trumps gnadenlos für die Steigerung ihrer Bedeutung ausschlachten würden. Sie wollten nicht bloß ihren Job machen (wie es ihnen der Satiriker Jon Stewart nahelegte), sie wollten auch noch ständig gelobt und bestaunt werden dafür.

 

Der Siegeszug des aktivistischen Journalismus

Von Trump in eine bestimmte Ecke gestellt („You are Fakenews!“) übernahmen die angegriffenen Medien alle ‚üblen’ Gewohnheiten, die sie früher am Internet scharf kritisierten. Ihre Kommentare wurden radikaler, roher und bissiger, kleine Enthüllungen wurden zu Super-Scoops aufgeblasen und Provokationen waren ein fester Bestandteil des journalistischen Unterhaltungsprogramms. Die Methode Holzhammer garantierte einfach mehr Aufmerksamkeit. In einer Zeit, in der Facebook-Algorithmen, Medienhäuser von Automobilunternehmen, Präsidenten-Tweets und Medien-NGOs wie Correctiv den Journalismus zu übernehmen trachteten, mussten die alteingesessenen Medien sehen, wo sie blieben. Also begannen sie, die Grenzen, die sie sich selbst einst gesetzt hatten, zu überschreiten. Aus Berichterstattern wurden Aktivisten.

Der aktivistische Journalismus, der bei traditionellen Medienmachern vor wenigen Jahren noch Abscheu und Empörung (oder berufsethische Bedenken) hervorgerufen hatte, ist inzwischen Mainstream geworden. Reportern, Leitartiklern und Kolumnisten ist die kämpferische Haltung in Fleisch und Blut übergegangen. Vehement (oft auf Effekt hin getrimmt) kritisieren sie den bösen Populismus der anderen – mit unverkennbar populistischen Mitteln. Sie teilen ihr Publikum – wie der Populismus – in Freund und Feind. Sie grenzen Andersdenkende aus, erklären sie zu Idioten und Stümpern, übertrumpfen sich mit alarmistischen Dystopien, pumpen Nichtigkeiten zu Skandalen auf und betreiben mit größter Lust die Arbeit der Zuspitzung (was man an der Entwicklung der Spiegel-Cover gut ablesen kann).

 

Politik und Medien haben die Rollen getauscht

So wurden die großen Medien, die ‚dem Internet’ vor Jahren noch erzählten, was guter und verantwortungsvoller Journalismus ist (nämlich professionelle Zurückhaltung), im Verlauf eines knappen Jahrzehnts zu Parteien, die für die gute Sache kämpfen – so wie politische Parteien, Internet-Konzerne oder NGOs seit jeher für sich in Anspruch nehmen, für die gute Sache zu kämpfen: To Make The World A Better Place.

Es ist deshalb kein Wunder, dass Donald Trumps „Chefideologe“ Steve Bannon die US-Leitmedien als politische „Opposition“ identifiziert hat. Die Medien, nicht die Demokratische Partei, seien die eigentliche „Oppositionspartei“. Sie verkörpern, laut Bannon, das liberale, globalistische, elitäre, säkularisierte und anti-nationale Weltbürgertum, das dem „hart arbeitenden“ Mittelstand, der tief in der christlichen Kultur der amerikanischen Provinz verwurzelt ist, schadet. Diese „Partei“ (die Hillary-Obama-Jubelpartei) will Bannon mit allen Mitteln bekämpfen.

Die Medien ihrerseits nehmen die neue Rolle als Kampfpartei der universellen Menschenrechte mit Begeisterung an. Sie spüren, dass ihnen die Polarisierung – trotz der Gefahren, die damit verbunden sind – viele neue Anhänger zutreibt und wirtschaftlich nützt. Die New York Times etwa konnte die Zahl ihrer Abonnenten nach Trumps Wahlerfolg erheblich steigern.

Auf paradoxe Weise hat Trumps Medienhass so den schleichenden Bedeutungsverlust der Medien gestoppt. Politik und Medien scheinen sogar ihre Rollen zu tauschen: Während sich die Parteien immer stärker zu hochprofessionellen Medienunternehmen entwickeln, die ihre „Erzählungen“ (Narrative) möglichst geschickt auf allen Plattformen für ihre jeweiligen Zielgruppen ausspielen wollen (ganz unabhängig von der später tatsächlich praktizierten Politik), werden die Medienunternehmen – wie in ihrer heroischen Frühzeit – zu politisch-idealistischen Kampfgruppen, die die Richtung der Politik bestimmen wollen und können.

Das ist nicht die schlechteste Entwicklung (aber man sollte sie weiter kritisch beobachten).

Lesen Sie dazu auch den Beitrag über die Entstehungsgeschichte des modernen Journalismus: Wie ein paar Aktivisten den modernen Journalismus erfanden


Neoliberale, hört die Signale!

12 August 2015 um 15:15 • 11 Kommentarepermalink

Syriza und Podemos sind nicht mehr allein. Mit Bernie Sanders & Jeremy Corbyn präsentieren sich erstmals zwei angelsächsische Vertreter des Wind of Change. Zwar glauben die hiesigen Eliten, sie könnten die „Rebellen“ als Witzfiguren und Sonderlinge abstempeln, aber das wird nicht mehr lange funktionieren.

 

Die deutschen Leitmedien, also die „Wahrheitspresse“, würden die Kandidaten am liebsten in die linksextreme Ecke stellen oder als grantelnde Alte in die Theaterloge der großen Politik verbannen – wie Waldorf und Statler in der legendären Muppetshow. Denn Bernie Sanders, der überraschend populäre US-Präsidentschafts-Kandidat aus Vermont, und Jeremy Corbyn, der überraschend populäre Anwärter auf den Vorsitz der britischen Labour-Partei, sind schon 73 und 66 Jahre alt. Seit mehr als 30 Jahren „wettern“ sie gegen eine neoliberale Politik, die die Reichen immer reicher, die Mittelschichten immer ratloser und die Armen immer ärmer macht.

Das ist natürlich unerhört! Die jüngste Ausgabe der Zeit berichtet, dass dem Kandidaten Bernie Sanders die Herzen der gebeutelten Amerikaner zufliegen:

„Zu seinen Auftritten kommen mehr Zuschauer als zu den grell orchestrierten Events aller anderen Präsidentschaftskandidaten. Im Juli sprach er vor 10.000 Menschen in Madison im Bundesstaat Wisconsin, 15.000 waren es wenige Wochen später in Seattle. Mit 28.000 Zuhörern in Portland legte Sanders am Sonntag seinen bislang größten Auftritt hin. Hillary Clinton brachte es in der Eröffnungs-Veranstaltung in New York nur auf schlappe 5.500 Zuschauer.“

Offenbar hören jene Amerikaner, die in den deutschen Leitmedien höchst selten vorkommen, ganz gern die Kritik an „gierigen Milliardären“ und „kriminellen Banken“. Sie finden Sanders moderate politische Positionen – für einen flächendeckenden Mindestlohn, für kostenlose Hochschulausbildung, für staatliche Beschäftigungsprogramme – gar nicht so verkehrt. Das „politische Establishment“ der USA schmähe ihn deshalb als „Sonderling“. So weit der Bericht.

Und was macht die Zeit-Redaktion daraus? Sie übernimmt bereits im Vorspann ihres Beitrags das Urteil des „US-Establishments“ und schreibt im Indikativ, Sanders „ist ein politischer Sonderling“.

 

Die „Freunde“ von der Hamas und irische „Genossen“

Jeremy Corbyn ergeht es ähnlich. Die Website der Tagesschau wählt als Überschrift den inneren Widerspruch „Linker Außenseiter gewinnt Labour-Herzen“. Und die FAZ ernennt Corbyn zum „britischen Tsipras“. Denn die Leitmedien müssen Nachrichten immer so „kuratieren“, dass sie von den Lesern auch richtig verstanden werden. Bei der Tagesschau gehört Corbyn deshalb dem „extrem linken Parteiflügel von Labour“ an („linker Flügel“ genügte der Redaktion offenbar nicht). Der „bärtige, grauhaarige“ Außenseiter löse – ähnlich einem Popstar – eine wahre „Corbynmania“ aus, weil er – Potzdonner – für eine „faire Gesellschaft“ wirbt. Und natürlich überzeugt er die Massen nicht als Politiker, nein, er „surft“ bloß auf einer „Welle der Sympathie“.

Die FAZ – seit Schirrmachers Tod wieder freudig reaktionär – sagt gleich im Vorspann ihres Berichts, wo’s lang geht: „Im Rennen um den Vorsitz der Labour Party führt ein linksradikaler Autogegner, Pazifist und Vegetarier.“ Damit scheint alles gesagt. Aber es kommt noch schlimmer. Corbyn, so die FAZ angewidert, „verachtet“ die Monarchie ebenso wie den Kapitalismus.

„Nie hatte er ein nennenswertes Parteiamt inne – er war der, der auf die provisorische Bühne stieg, wo gerade gegen den Irakkrieg oder Nuklearwaffen protestiert wurde, das Klima gerettet und Blockaden gegen Banken organisiert wurden.

Corbyn gehörte zu den ersten britischen Abgeordneten, die Freiheit für Nelson Mandela forderten, er spann Kontakte von seinen „Freunden“ bei der Hamas bis zu den Sozialisten Venezuelas und nahm besonderen Anteil an der irischen Politik.

Am Dienstag ließ er sich mit dem irischen „Genossen“ Gerry Adams von der links-nationalistischen Sinn Fein im „Portcullis House“, dem Sitz vieler Abgeordneter, fotografieren.“

Solche Absätze, gespickt mit unterschwelligen Verurteilungsbegriffen und feinsinnigen Anführungszeichen, laufen bei der Qualitätszeitung FAZ unter „Bericht“. Man sieht förmlich, wie es den Autor schüttelt. Aber Gott sei Dank kann er noch einen namenlosen Politikberater als unabhängige Quelle zitieren, der Corbyns Anhänger „schlicht ‚Schwachköpfe’“ nennt.

Dieser Corbyn nun „widersetzte sich als einziger Kandidat“ (!) der amtierenden Labour-Vorsitzenden „und stimmte mit 47 Fraktionskollegen vom linken Flügel gegen das Sozialhilfe-Sparprogramm der konservativen Regierung“. Das muss man sich einmal vorstellen: Ein Sozialdemokrat, der es wagt, gegen die Politik der konservativen Regierung zu stimmen!

In Deutschland kann man sich so etwas gar nicht mehr vorstellen.

Update 13.8.: Die Bildzeitung macht Bernie Sanders heute zum gefährlichen „Querulanten“, der österreichische Standard nennt ihn ein „linkes Schreckgespenst“ und die Badische Zeitung vergleicht ihn mit einem „ungemachten Bett“.

Wie schnell sich der mediale Blick auf die linken „Außenseiter“ ändern kann, dokumentiert der Fall Alexis Tsipras. Tsipras gilt inzwischen als alternativlos und als Garant der Stabilität.

Und wie man ohne Schaum vor dem Mund über Jeremy Corbyn berichten kann, beweisen der Freitag und der Guardian.


Der Journalismus und das Juncker-Phänomen

29 Juni 2014 um 12:27 • 1 Kommentarpermalink

Die Europapolitik, die uns die Medien vermitteln, besteht aus einer Endlosschleife von Politikern, die aus Limousinen steigen und in Gebäuden verschwinden. 

 

Wenn man Bekannte oder Kollegen fragt, was die Briten eigentlich inhaltlich gegen Jean-Claude Juncker vorzubringen hatten, überlegen sie erst mal lange und zucken dann mit den Schultern. Sie wissen es nicht.

Klar, der britische Premier David Cameron wollte den Luxemburger Juncker verhindern, so viel weiß man, es stand ja in den Zeitungen, aber mehr stand da auch nicht. Es hieß, dass es ein Tauziehen gibt, dass hinter den Kulissen gerungen wird, dass „die Machtarithmetik“ stimmen muss – und im Fernsehen stiegen wichtige Leute aus schwarzen Limousinen und verschwanden lächelnd oder winkend hinter hohen Türen.

Warum wollte David Cameron Jean-Claude Juncker verhindern? Weil Juncker eine konkurrierende Steueroase vertritt? Weil er den Briten den Finanzplatz streitig macht? Nein, das war es augenscheinlich nicht. Juncker, hieß es in vielen Kommentaren, sei halt ein europäischer Dino, ein Europäer „durch und durch“. Was sollte das heißen? Dass es besser gewesen wäre, einen Europäer zu nehmen, der weniger „durch“ ist?

Die Kommentatoren in den großen Zeitungen gaben auf die eigentliche Frage keine konkrete Antwort, sie machten nur Andeutungen und kolportierten Gerüchte. Der Juncker sei faul und müde und habe ein Alkoholproblem.

Eigentlich, dachte ich, müssten die Europa-Experten ihren Lesern und Zuschauern doch erklären, warum der Juncker um so vieles schlechter sein würde als der Pole Donald Tusk oder die Französin Christine Lagarde. Aber diese Alternativen wurden nie inhaltlich unterfüttert, es wurde nur ad personam und machtarithmetisch geraunt und von Widerständen und politischen Rücksichten gesprochen. Widerstand wogegen? Welche konkreten Interessen würde Junckers Wahl denn tangieren?

Zwar hatten einige Zeitungen (vor allem die transatlantisch gesinnten) schon frühzeitig begonnen, Stimmung gegen Juncker zu machen und dessen Eignung in Zweifel gezogen, aber herausgekommen sind dabei nur diffuse dunkle Beiträge wie der von Matthias Krupa im Februar in der Wochenzeitung Die Zeit: Da wurde räsoniert, dass Juncker zu alt und ein Mann von gestern sei. Im ganzen Beitrag kein einziges inhaltliches Argument. Donald Tusk und Christine Lagarde wurden als positive Alternativen benannt, obwohl beide der gleichen Generation angehören wie Juncker. Warum ihre Politik „frischer“ und „neuer“ gewesen wäre als die von Juncker, blieb Krupas dunkles Geheimnis. Vermutlich wusste er es selber nicht. Oder er wollte seine Kenntnisse nicht mit den Lesern teilen.

So ging das über Wochen. Es wurden fleißig Artikel geschrieben, wer wann mit wem bei welcher Gelegenheit zusammentraf, aber es gab nichts, woraus man hätte entnehmen können, was den Personalkonflikt inhaltlich ausmacht. Will Juncker eine Europa-Steuer für Londoner Banken einführen? Will er die Ukraine auf Distanz halten? Plädiert er für Eurobonds? Will er die euro-skeptischen Parteien verbieten? Stellt er den südeuropäischen Krisenländern Hilfen zum Schuldenabbau in Aussicht? Hat er ein Konjunkturprogramm gegen Jugendarbeitslosigkeit in der Schublade? Will er die Geheimdienste an die Kandare nehmen oder das Freihandelsabkommen TTIP verhindern? Nein, wir wissen nur, dass er vielen zu europäisch ist.

In der Juncker-Sache wurde in einem Ausmaß undeutlich, nebulös und uneigentlich berichtet, dass es schon an Journalismusverweigerung grenzt. Zu Lasten der Leser und Zuschauer wurde hier die hohe Kunst nichtssagender Berichterstattung gepflegt, die in Brüsseler Diplomatenkreisen einige Sympathien genießen mag, aber „draußen im Lande“ kein Mensch versteht. Europa wurde nicht transparent, sondern verschleiert. Oder wissen Sie, um was es im Juncker-Streit gegangen ist?


Netzwerk Recherche – Persönliche Tragik oder strukturelle Blindheit?

5 Juli 2011 um 15:42 • 7 Kommentarepermalink

Die Yellowpress-ähnliche Berichterstattung zur verunglückten Zehn-Jahres-Feier des Netzwerks Recherche zeigt, wie sehr oberflächliche Personalisierung die Analyse von Strukturen verdrängt.

 

Jetzt wissen wir es schwarz auf weiß: Thomas Leif war (wie vor ihm Julian Assange) der Bösewicht. Ganz allein. Er war dominant, übermächtig, schroff, „größenwahnsinnig“, eine One-Man-Show. Niemand konnte ihm in den Arm fallen, denn er war der Zieh- und Übervater, der Lebenswerkschnitzer. Alles war auf ihn zugeschnitten: auf den GODFATHER des investigativen Journalismus (Regieanweisung: Donnergrollen und Blitze im Hintergrund, Leif tritt aus dem Trockennebel und verkündet den Mitgliedern die Zehn Recherche-Gebote).

Doch – oh Schreck (schlotterschlotter) – die armen Schäflein haben das ganze Ausmaß der Überväterei (wie zuvor schon Daniel Domscheit-Berg) zu spät bemerkt! Sind geschockt, entgeistert, überrascht, zerknirscht, enttäuscht… Herrgottnochmal, ist das eine Vorabend-Soap oder was soll dieser klebrige Mix aus „ER war’s!!“ und „Wir verdanken ihm so viel Großartiges!“

Hier stiehlt sich ein ganzer Verein aus der Verantwortung. Hier machen die Mitglieder beide Äuglein zu. Denn jeder, der dem Netzwerk beitritt, kann schon an der Satzung erkennen, wie autoritär dieser Verein strukturiert ist – von Vernetzung keine Spur.

Die Satzung konzentriert alle Entscheidungsmacht auf die beiden Vorsitzenden. Diese Satzung sagt aber auch:

„Der Kassenwart ist für die ordnungsgemäße Kassenführung, Buchung der Einnahmen und Ausgaben, Rechnungslegung und Sicherung des Vereinsvermögens verantwortlich.“

Und:

„Die von der Mitgliederversammlung für zwei Jahre gewählten zwei Prüfer überprüfen die Kassengeschäfte des Vereins auf rechnerische Richtigkeit… Eine Überprüfung hat mindestens einmal im Jahr zu erfolgen; über das Ergebnis ist in der Jahreshauptversammlung zu berichten. “

Was haben die Zuständigen in den vergangenen Jahren berichtet? Gab es kritische Nachfragen?

Investigative Journalisten, die ja berufsmäßige Skeptiker sind, die andernorts Zahlen und Autoritäten hinterfragen und die Verhältnisse durchleuchten – sind in eigener Sache – ja was? Schnulzenschreiber?

Nicht die „Tragik“ des Großen Vorsitzenden gehört ins Rampenlicht, sondern die Struktur des Vereins – und das Verhalten jener, die sich mit der Verstoßung des Großen Vorsitzenden die eigene Unschuld zurückkaufen wollen.

Lesehinweise: taz, sz, fr, faz, welt, spon, jak-blog, meedia, i.ehrensache


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