Rückt die FAZ nach links? Oder gibt das Feuilleton nur den Klassen-Clown?

8 Dezember 2011 um 11:28 • 49 Kommentarepermalink

Viele rätseln derzeit über den partiellen “Linkskurs” des konservativen Leitmediums. Vor allem der forsche Antikapitalismus im Feuilleton wirkt auf manche berauschend. Wird die Frankfurter Redaktion zum Zentrum der deutschen Occupy-Bewegung oder ist alles nur Schall und Rauch?

 

Frank Schirrmacher, der umtriebigste unter den FAZ-Herausgebern, hört bekanntlich das Gras wachsen. Und ich beginne zu glauben, dass er es sogar raucht. Überhaupt halte ich es für möglich, dass im Feuilleton der FAZ kollektiv jene Hortensien geraucht werden, die bei uns im Norden zu Tausenden aus den Einfamilienhaus-Gärten geklaut werden. Heide-Gras soll ja das politische Bewusstsein erweitern.

Mit einem Bewusstseins-Flash fing es in Frankfurt an. Mitten in der Krise, als sich die Empörten gerade auf den Marktplätzen der westlichen Finanzmetropolen (London, New York) zusammen zu rotten begannen, griff Frank Schirrmacher den luziden Gedanken eines britischen Konservativen auf, der mit britischem Understatement die rhetorische Frage gestellt hatte, ob die Linke mit ihren Kapitalismusanalysen nicht vielleicht doch recht gehabt habe.

Schirrmacher nahm die Scheinfrage Charles Moores ernst und konstruierte daraus einen typisch deutschen Gegensatz: den Gegensatz zwischen dem gutwilligen deutschen Bürgertum, das in seiner Naivität von den internationalen Spekulanten über den Tisch gezogen worden sei, und den böswilligen Finanzhaien, die die edlen Werte des Bürgertums für ihre fiesen Zwecke missbraucht hätten.

 

Eine berauschende Feuilleton-Rebellion  

Schirrmachers Text “Ich beginne zu glauben…” war ein genialer Debatten-Impuls, der im Netz – wo heute seine größten Fanboys sitzen – enormes Aufsehen erregte. Und Schirrmacher erklärte sein Statement hinterher nicht etwa zerknirscht zu einem Hysterie-bedingten „Ausrutscher“, nein, er setzte seinen Piraten-Kurs in der FAZ konsequent fort und präsentierte eine saftige Kapitalismuskritik nach der anderen. „Demokratie ist Ramsch“, schrieb er zornig über das politische Handling der Griechenlandkrise, und der Philosoph Jürgen Habermas sekundierte mit einer grundlegenden Kritik der antidemokratischen Europapolitik.

Schirrmacher ließ nicht locker. Er erteilte klugen und originellen Analytikern wie Jens Becker, Wolfgang Streeck, Michael Hudson und David Graeber das Wort („Die nächste Stufe der Finanzkrise“, „Was sind Schulden?“, „Und vergib uns unsere Schulden“ “Der Krieg der Banken gegen das Volk”). Er ließ die Analytiker sorgfältig herausarbeiten, dass Kreditgeber und Demokraten nicht immer die gleichen Interessen verfolgen, ja dass der Erfolg der einen oft die Niederlage der anderen war.

Überhaupt hielt sich nahm das Feuilleton nun kein ungerolltes Blatt mehr vor in den Mund: Schirrmacher lobte überschwänglich die Piratenpartei („Die Revolution der Piraten“) und verfluchte die Staatstrojaner-Politik der schwarz-gelben Bundesregierung („Außer Kontrolle“). Sein Kollege Nils Minkmar, frisch gebackener Feuilletonchef ab 2012, forderte im Zuge der Aufarbeitung des rechten Terrors gar die Abschaffung der unnützen Geheimdienste („Hauptsache, es macht peng!“). Albrecht Müller, der Gründer der NachDenkSeiten, schrieb über “die Lüge von der Systemrelevanz”, und die lange Zeit als Betonkommunistin ausgegrenzte Sahra Wagenknecht schlägt heute Wege aus der Krise vor, die eine Verstaatlichung und Zerschlagung von Banken mit einbeziehen (“Schluss mit Mephistos Umverteilung!”). Ist das FAZ-Feuilleton selbst “außer Kontrolle”?

Irritiert und beglückt über die neuen radikalen Verbündeten aus der alten bräsigen Papier-Welt reagierten viele Leser auf Twitter, Facebook und in Blogs geradezu euphorisch. Jeder möchte wissen, was im Feuilleton geraucht wird. Es scheint gute Qualität zu sein.

Aber ist die rauschhafte Revolte der “Kultur-Fuzzis” gegen den leitartikelnden Mainstream des eigenen Blattes überhaupt durchzuhalten? Werden die anderen Ressorts begeistert mitkiffen oder irgendwann doch den Antidrogen-Kommissar für den harten Entzug bestellen (wie seinerzeit beim Entfernen des unkontrollierbar gewordenen ZEIT-Feuilletonchefs Fritz Jöthe Raddatz)? Oder geht der Trip ganz von selbst wieder vorbei?

Ich erinnere mich, dass der Klassenclown meiner Schulzeit eines Tages, als er vorn an der Tafel stehend etwas erklären sollte, kurzerhand die Kreide nahm und sie durchs geöffnete Fenster aus dem dritten Stock in den Schulhof warf. Die Unterrichtsstunde musste abgebrochen werden, der Klassenclown war der Held des Tages. Er arbeitet heute als Dozent an einer Katholischen Universität in Bayern.

Mitte der achtziger Jahre, als ich bei der sozialdemokratischen Wochenzeitung Vorwärts das Kultur-Ressort leitete (und mich nebenbei auf der Seite 3 und im Wochenthema austoben durfte), ließ ich dort lauter Leute zu Wort kommen, die einer rot-grünen Zusammenarbeit das Wort redeten: prominente Schriftsteller, Musiker, Regisseure, Professoren, Friedensbewegte. Die SPD hatte die Formation rot-grün damals noch mit einem Tabu belegt. Und so kam eines Tages eine Abgesandte des Vorwärts-Herausgebers Egon Bahr in mein Büro und sagte: Wolfgang, ich glaube, du schreibst dich aus dem Blatt hinaus. Was dann auch wirklich so kam.

 

Schreibt sich Frank Schirrmacher aus der FAZ hinaus?

Legt es der führende intellektuelle Kopf der FAZ also darauf an, das Politik- und das Wirtschaftsressort gegen sich aufzubringen? Will er dem Blatt eine Wende verpassen? Hat er schon eine zweite Karriere im Hinterkopf? Oder schmeißt er nur die Kreide aus dem Fenster, um für etwas Unterhaltung und Abwechslung in der Krise zu sorgen?

Schirrmacher hat, das nährt meine noch nicht ganz weichen wollende Skepsis, bereits auf so vielen Trends und Themen gesurft – und die Wellen dafür zum Teil selbst erzeugt -, dass mir ein Bruch mit der streng konservativen FAZ-Kultur kaum vorstellbar erscheint. Bislang tolerieren die anderen Ressorts, von ein paar Sticheleien abgesehen, Schirrmachers Eskapaden generös – so lange er im Rahmen der Leser-Blatt-Bindung eine wichtige Zielgruppe im Netz erschließt, die in 20 Jahren treue und brave FAZ-Abonnenten auf dem iPad sein sollen. Vermutlich liebt er genau dieses Schillernde und Ambivalente und vorausschauend Fürsorgliche seiner Rolle. Er tanzt den Seinen (den Konservativen) auf der Nase herum und meint es doch nur gut mit ihnen.

 

Update 13.12.: Der Konflikt zwischen Feuilleton und Wirtschaftsteil der FAZ wird jetzt auch offen im Blatt ausgetragen. Otmar Issing, ehemaliges Direktoriumsmitglied der EZB, sieht in Schirrmachers Kurs eine Feuilleton-“Kampagne”: Unter dem Titel “Der Weg in die Knechtschaft” heißt es bei Issing: “Dieser Befund macht es den Kritikern leicht, die Politik in den Fängen des Finanzsektors zu sehen. Das Feuilleton der F.A.Z. scheint geradezu eine Kampagne unter diesem Motto zu führen.” 


Unter Vollnarkose oder: Schirrmacher und die Folgen

25 August 2011 um 11:28 • 6 Kommentarepermalink

Nach der Befreiung von den Nazis waren ja alle Widerstandskämpfer. In Libyen hat es nie Gaddafi-Anhänger gegeben, und nach dem moralischen Zusammenbruch des Neoliberalismus hat ihn jeder Bürger schon immer (in seinem Innersten) verabscheut.

 

Was in konservativen Leitmedien derzeit abgeht, ist eine klassische Absetzbewegung: die eilfertige Distanzierung des „guten Bürgertums“ von all dem Bösen, das die Welt und die Börsen da draußen in Atem hält. Während die ausgedörrte Linke frohlockt und sich dankbar zeigt, dass der politische Gegner einsieht, ein Leben lang an etwas Falsches geglaubt zu haben, geht es den Konservativen doch eher um die Erlangung der benötigten Persilscheine – so kurz vor dem befürchteten Kladderadatsch. In panischer Bußfertigkeit stehlen sich die Anhänger des “Systems” aus ihrer Verantwortung, indem sie behaupten, sie hätten von allem nichts gewusst. Erst jetzt, 30 Jahre nach Thatcher und Reagan, begreifen sie, wie gierig und unanständig dieser Kapitalismus doch ist.

So kalt beurteilen Hartherzige (wie ich) die große Wende im konservativen Denken. Andere geben mehr Kredit, und ihr Vertrauensvorschuss ehrt sie: Die SZ, die taz und der Freitag glauben, dass sich im konservativen Weltbild tatsächlich etwas Fundamentales verändert. Sie verweisen darauf, dass der Wandel fast täglich eine überraschende Fortsetzung erfährt: in der FAZ („Die Zuwächse der letzten 30 Jahre kamen nur den Wohlhabenden zugute“), in der FAS („Wir verteilen von arm zu reich“), im Spiegel („Die zerstörerische Macht der Finanzmärkte“), in der Zeit und im Tagesspiegel („Die Welt ist aus den Fugen“), ja praktisch in allen bedeutenden bürgerlich-liberalen Medien.

Was aber lernen die Konservativen jetzt von der Linken? Die Kampagne. Gut dosiert, nachhaltig und in staunenswerter Offenheit werden wir in den kommenden Monaten (bis zum Parteitag der CDU) die De- und Re-Konstruktion des Bürgerlich-Konservativen in allen Facetten bewundern dürfen. Nicht nur in gedruckter Form, auch in den ab September auf uns niedergehenden Talkshows der Jauch, Will, Plasberg, Illner und Panzer. Die edle Neudefinition des Gutbürgerlichen (in Verbindung mit seiner Reinwaschung von der neoliberalen Vergangenheit) wird das Megathema des deutschen Herbstes.

Es wird Bekenntnisse hageln von augustinischem Ausmaß: Ja, ich bin konservativ, ich habe Fehler gemacht, ich bin blind gewesen, aber dann habe ich die Linke kennengelernt und sie hat mein Leben verändert. Der berühmte Satz des italienischen Fürsten Salina (in Luchino Viscontis Film „Der Leopard“) wird ausgiebig zitiert werden: „Es muss sich alles ändern, wenn alles so bleiben soll, wie es ist.“

Und die Linke? Nun ja, die Linke könnte hinter dieser Debatte, die sie so gierig begrüßt wie ein Verdurstender die Fata Morgana, verschwinden. Man wird ihr ein paar wehmütige Aufsätze widmen – wie Arno Widmann in der FR („Wenn die unten nicht mehr wollen“). Man wird ihre Diagnosefähigkeit preisen und anschließend beglückt feststellen, dass die Konservativen jetzt so offen und sozial geworden sind, dass man die Saurier-Linke getrost vergessen kann. Das diskutierende Bürgertum wird sich auf die Linke setzen und sie mit moralischen Entlüftungen narkotisieren.

 

Dieser Beitrag ist zuerst im “Freitag” erschienen.


Wo bin ich?

You are currently browsing entries tagged with Bürgertum at Wolfgang Michal.