Lutz Hachmeister: „Ich wollte dem Spiegel nicht schaden“

1 August 2016 um 15:24 • 4 Kommentarepermalink

Interview mit Lutz Hachmeister über seine 20-jährige Recherche zum Netzwerk ehemaliger Nazis im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“

 

Dranbleiben, nicht locker lassen – das ist die oberste Devise im Leben eines investigativen Journalisten. Lutz Hachmeister, 56, Filmemacher, Buchautor, Hochschullehrer und ehedem Direktor des Adolf-Grimme-Instituts, ist drangeblieben: Seit er bei den Recherchen zu seiner Habilitationsschrift über den Nazi-Zeitungswissenschaftler Franz Alfred Six auf das seltsame Personal des frühen „Spiegel“ stieß, ließ ihn das Thema nicht mehr los. 2002 veröffentlichte er den Sammelband „Die Herren Journalisten“, 2014 folgte eine Untersuchung des berühmten Spiegel-Interviews mit Martin Heidegger. 2016 streifte er das Thema erneut in seinem Buch über das Machtzentrum Hannover.

Ich habe Lutz Hachmeister zu seiner „Passion“ befragt:

 

Herr Hachmeister, seit 20 Jahren befassen Sie sich mit dem „frühen Spiegel“. Was reizt Sie so an diesem Thema, dass Sie nicht aufhören können damit?

Ich bin, wie viele andere in meiner Generation, durch den „Spiegel“ und die „Frankfurter Rundschau“ publizistisch sozialisiert worden, kaum durch die „Süddeutsche“ oder die FAZ. Und wenn bei einem Blatt wie dem „Spiegel“, das von deutsch-jüdisch-britischen Presseoffizieren konzipiert worden ist, SS-Geheimdienstler in verantwortliche Positionen gelangen konnten, liegt ein Recherche-Interesse auf der Hand, finde ich. Nach der Publikation des „Spiegel“-Kapitels als Exkurs in meiner Habilitationsschrift hat sich die Geschichte im Grunde von selbst fortgeschrieben. Vor allem, seit via „Spiegel Online“ alle alten Artikel und Serien auch mit Stichworten durchsucht werden können. Ich bin da immer wieder auf neue thematische Verknüpfungen und personelle Zusammenhänge gestoßen, die mir zeithistoriographisch interessant erschienen – über die beiden SS-Ressortleiter Mahnke und Wolff hinaus. Hinzu kommt, dass ich zunächst um Sujets wie den Reichstagsbrand einen Bogen gemacht habe, weil mir das Terrain kontaminiert zu sein schien. Dann habe ich doch die Forschungsliteratur zum Reichstagsbrand gelesen, zuletzt das Buch von Benjamin Carter Hett, und habe es dann in das Hannover-Buch eingebaut. Außerdem können Sie schlecht über die Kultur- und Mediengeschichte Hannovers schreiben, ohne auf Rudolf Augstein einzugehen, der ja da geboren wurde. Die Recherchen zu den beiden ersten Jahrzehnten des „Spiegel“ waren übrigens vergleichsweise unaufwändig: jeder hätte im Grunde das Impressum des frühen „Spiegel“ mit Personalakten im Bundesarchiv abgleichen können. Auch „Spiegel“-Redakteure hätten das tun können.

 

Als Sie das erste Mal damit konfrontiert waren, dass ehemalige SS-Hauptsturmführer und SD-Leute herausragende Stellungen im frühen „Spiegel“ innehatten – wie haben Sie da reagiert? Waren Sie schockiert?

Vor der Arbeit an der Habilitation habe ich mich für die konkreten Redaktionszusammenhänge und die Personalstruktur des „Spiegel“ nur schwach interessiert. Ich habe das Blatt eher als Block wahrgenommen – so, wie es der „Spiegel“ ja lange Zeit auch intendiert hat. Dass zwei SS-Offiziere Ressortleiter werden konnten und der ehemalige Gestapo-Chef eine apologetische Serie schreiben durfte, hat mich eher verblüfft als schockiert. Die personellen Kontinuitäten über verschiedene politische Systeme hinweg in der deutschen Publizistik waren ja in groben Zügen bekannt, so dass der „Spiegel“ hier keine Ausnahme ist. Er hat sich aber gerne als solche dargestellt. Mich haben bei der Story – und ich wusste, dass es eine gute Story war – vor allem zwei Sachen frappiert: die fröhlichen doppelten Standards des „Spiegel“, also die Investigationen über andere Leute und Institutionen wegen deren NS-Vergangenheit, während man sich selbst in Ausflüchten und Beschwichtigungen verliert. Und zweitens der sehr enge Zusammenhang von „Spiegel“-Publizistik, BND, Verfassungsschutz und Kriminalpolizei. Das ist beim „Spiegel“ wirklich einzigartig und signifikant.

 

1996 wollten Sie Ihre Recherchen in Manfred Bissingers Zeitung „Die Woche“ veröffentlichen. Als Bissinger nach langem Zögern ablehnte, gingen Sie zur „Zeit“ und anderen wichtigen Blättern der Republik, aber kein Chefredakteur wollte die Geschichte drucken. Warum?

Bissinger hatte mich damals für die „Woche“ als Autor angeheuert, mit einem sehr hohen Honorar – ich habe so 3000, 4000 DM für einen Artikel bekommen, heute unvorstellbar. Und ich dachte, dafür müsste ich schon spektakuläre Artikel liefern. Das gekürzte Kapitel aus der Habilitation fiel für mich in diese Kategorie. Das sah Bissinger zunächst auch so, hatte es aber zur Absicherung an seinen Freund Stefan Aust vom „Spiegel“ geschickt. Das weiß ich von Stefan Aust. Bissinger selbst hat es immer heftig bestritten. Das war im Vorfeld des 50-jährigen „Spiegel“-Jubiläums. Aust hat mir später erzählt, er habe Rudolf Augstein davon zu überzeugen versucht, es im „Spiegel“ selbst zu drucken. Augstein habe das nicht gewollt. Als es bei der „Woche“ über Wochen herumlag – Bissinger sagte, es liege an der Textlänge, er finde einfach keinen Platz dafür – war mir irgendwann klar, dass es da nicht mehr erscheinen würde. Ich habe es dann anderen Blättern angeboten. Der „Zeit“-Chefredakteur Robert Leicht hat mit der verblüffenden Begründung abgesagt, die Geschichte sei spannend, aber wenn die „Zeit“ das drucken würde, würden andere anfangen, über die Vergangenheit der „Zeit“ zu recherchieren. Es gab auch bei anderen Blättern die Angst, eine Art elitejournalistischen Komment zu verletzen. SS-Leute beim „Spiegel“ – das empfanden sie offenbar als zu harte Attacke auf den fragilen Berufsstand des Journalisten insgesamt.

 

Sind Journalisten – wenn es um die eigene Branche geht – „Schisser und Anpasser“, wie die Medienkritikerin Silke Burmester neulich in ihrer „taz“-Kolumne klagte?

Es ist doch wie in anderen Lebenswelten außerhalb des Journalismus: Es gibt generell wenig Leute mit Courage und einem gewissen Schneid. Es gibt außerdem die Befürchtung, irgendwie in die Querulanten-Ecke abgedrängt zu werden, die ich gut nachvollziehen kann. Deshalb habe ich auch versucht, die „Spiegel“-Geschichten ohne moralischen Grundton zu erzählen. Schreiben, was ist, oder in diesem Fall: wie es gewesen ist, wie es ja Augstein von seinen Leuten verlangt hat. Oder als bescheidener „Hüter der Tatsachenwahrheit“, wie es Hannah Arendt einmal formuliert hat. Silke Burmester hat aber recht: die Neigung, sich qualifizierte Medienkritik zu leisten, hat in den Redaktionen und Verlagen spürbar abgenommen, sicherlich auch aufgrund der Marginalisierung der journalistischen Öffentlichkeit überhaupt, im politökonomischen Sinn. In den 1980er Jahren kamen die Medienressorts in Mode, ich konnte ja damals eines beim „Tagesspiegel“ aufbauen. Ich wäre allerdings da auch nach Konflikten mit der Chefredaktion nach zwei Jahren wieder entlassen worden, wenn ich nicht zum Direktor des Grimme-Instituts gewählt worden wäre.

 

Die „taz“ druckte Ihr Stück Ende 1996 – in den nachrichtenarmen Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr.

Das war ein Segen für den Text – ich weiß noch, dass ich um Weihnachten herum, als die Geschichte in der „taz“ erschienen war, in meinem Elternhaus das Radio angemacht habe, und dann kam bei WDR und Deutschlandfunk eine Meldung darüber in den Nachrichten. Es gab eine ziemlich ausführliche dpa-Meldung. Und Sabine Christiansen hat dann zum „Spiegel“-Jubiläum ein Interview mit Augstein gemacht, das mit den NS-Kadern in der „Spiegel“-Redaktion anfing – zur sichtlichen Verblüffung von Augstein. Ich hatte vorher mit ihr telefoniert, wir kannten uns damals ganz gut. Ich war dann noch bei „Willemsens Woche“ im ZDF, zusammen mit Daniel Goldhagen und Gottfried Wagner. Also, rein empirisch gesehen hat die Geschichte ein Millionenpublikum erreicht. Ich war ganz zufrieden mit der Resonanz, vor allem, weil der „Spiegel“ es dann in seinem Jubiläumsheft, allerdings nur mit wenigen verzagten Zeilen, thematisieren musste. Das war der Unterschied zu Otto Köhlers „konkret“-Artikel 1992, der noch leichter zu ignorieren war. Linke Ecke, und so.

 

Auch heute kennen nur wenige Insider diese Spiegel-Geschichte, während die Betroffenen, wenn man sie darauf anspricht, gern sagen: Das ist doch alles längst bekannt! Das waren doch nur wenige Ex-Nazis. Wie reagieren Sie auf solche Argumentationsmuster?

Das ist ein merkwürdiges Phänomen: Man kann ja Texte zur Gründungsgeschichte des „Spiegel“ heute bequem und kostenlos im Netz lesen. Offenbar ist es Augstein doch gelungen, mit seinen Formeln „Sturmgeschütz der Demokratie“ und „im Zweifel links“ ein bestimmtes Image des „Spiegel“ zu zementieren, das mit der Realität des Blattes nur teilweise übereinstimmt. Es stimmt übrigens: Der notorische Rechtsradikale und Franz-Josef-Strauß-Vertraute Kurt Ziesel hatte in seinen Büchern schon in den 1950er und frühen 1960er Jahren zumindest auf die Fälle Wolff und Mahnke hingewiesen. Das hat es dem „Spiegel“ später leichter gemacht, mit „längst bekannt“ zu antworten. Aber natürlich war das meiste nicht bekannt, vor allem die vielen durchaus antjüdischen Texte im frühen „Spiegel“ und die Promotion für die „Organisation Gehlen“ und die alten Kameraden von der Reichskriminalpolizei. Heute würde der „Spiegel“ so auch nicht mehr argumentieren. Da hat sich die Verteidigungslinie verschoben: Auf einmal sind es bedeutende Figuren aus der NS-Intelligenzija, die den „Spiegel“ unterwandert haben. So war es eben auch nicht: Augstein hat sie ja wegen ihres Fachwissens, ihrer personellen Netzwerke und ihrer Arbeitsenergie eingestellt. In Frank Möllers Biographie über den Kölner Verleger Joseph Caspar Witsch (2014) kann man nachlesen, dass das ein offenes Branchengeheimnis war: Witsch spricht 1961 im Briefwechsel mit Golo Mann von „Hitlerjungen Quex“ beim „Spiegel“; Golo Mann antwortet: ‚Dass da heimliche Nazis sitzen, weiss ich längst; vieles, was dort geschieht, ist anders gar nicht zu erklären. Wie Herr Augstein mit diesen Nazis auskommt, warum er sie walten lässt, ist sein Geheimnis‘.“ Nun, heute wissen wir sehr viel mehr darüber.

 

Es fällt auf, dass ihre Bewertungen der Vorgänge beim frühen „Spiegel“ im Laufe der Jahre bitterer und härter wurden.

Ist es so? Ich glaube, der Eindruck entsteht eher, weil man doch feststellen muss, dass rund 30 Redakteure, Mitarbeiter und wichtige Informanten aus der NS/SD-Sphäre in den 1950er und 1960er Jahren beim „Spiegel“ attachiert waren. Es geht also um Netzwerke mit starkem Einfluss auf die Inhalte des Magazins, nicht um zufällige Konstellationen. Da hat der eine den anderen nachgezogen. Die Leute mit NS-Sozialisation waren die stärkste Fraktion im „Spiegel“ – das war mir zu Beginn der Recherchen so nicht klar. Das heißt nicht, um es noch einmal klarzustellen, dass die dem untergangenen „Dritten Reich“ hinterher getrauert oder als Neo-Nazis agiert hätten. Georg Wolff hat sich ja sogar sehr deutlich gegen Augsteins nationalistischen Anti-Adenauer-Kurs positionieren können. Er sollte 1959/60 Chefredakteur des Blattes werden, sein alter Königsberger Studienfreund Mahnke war als Augsteins Bürochef vorgesehen, der Chef vom Dienst, Johannes Matthiesen, war auch ein ehemaliger SS-Untersturmführer. Dann wäre also neben den beiden Wehrmachtsoffizieren Augstein und Becker die gesamte Führungsspitze des Blattes mit ehemaligen SS-Leuten besetzt worden. Erstaunlich.

 

Da die großen deutschen Zeitungen Ihre Recherchen nicht druckten, wichen Sie auf Bücher aus. Sind Buchverleger mutiger als Zeitungsjournalisten?

Der Ursprungs-Aufsatz, der in der „taz“ vorabgedruckt wurde, ist in der bei C.H. Beck veröffentlichten Habilitationsschrift „Der Gegnerforscher“ veröffentlicht worden. Mein Lektor Detlef Felken hat sich da tadellos verhalten, er hat mich nur gefragt, ob ich glaubte, dass das Buch vom „Spiegel“ rezensiert würde. Wir waren uns da schnell einig: eher nicht. In dem Sammelband „Die Herren Journalisten“ gab es eine erweiterte Version des Textes und ein Vorwort zum Phänomen der Elitenbildung im Journalismus. Darauf hat dann, wenn ich mich recht erinnere, Haug von Kuenheim in der „Zeit“ mit einer mauligen Rezension reagiert, so im Tenor: das ist zu wissenschaftlich-unverständlich geschrieben. Dabei hatte ich mich bei einem komplizierten Thema, also der Verflechtung publizistischer und politischer Eliten, durchaus um Verständlichkeit bemüht, mithin versucht, auch das Verständnisniveau von Haug von Kuenheim oder anderer „Zeit“-Redakteure zu treffen. Ist mir offenbar nicht gelungen.

 

Haben Sie bei Ihren Veröffentlichungen jemals Schwierigkeiten gehabt, etwa durch Einsprüche der Rechtsabteilungen der Verlage?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe mich an die Fakten gehalten, dagegen hätte man auch nur schwer juristisch argumentieren können.

 

Wie hat der „Spiegel“ Ihre Bücher behandelt?

Zu „Heideggers Testament“ gab es ein „Spiegel“-Interview mit mir auf einer Seite, dazu einen Kulturaufmacher über Heidegger. Der sehr kompetente und kluge damalige „Spiegel“-Kulturchef Romain Leick hat mich in Berlin besucht, im Medienpolitik-Institut in der Fasanenstrasse, und etwas betrübt gefragt, warum ich dem „Spiegel“ schaden wolle und ob es in meiner Familie einen NS-Hintergrund gebe. Ich hatte zwar einen Großvater, der NSDAP-Mitglied geworden war, nachdem er vorher in der KPD war, aber das habe ich erst sehr spät erfahren, ich kannte ihn kaum, und es hat meine Forschungsmotivation in keiner Weise berührt. Und: nein, ich wollte dem „Spiegel“ nicht schaden, hatte dazu keinen Grund. Es war einfach eine für einen Medienforscher und Zeithistoriker attraktive Geschichte.

 

Warum arbeitet ein „Enthüllungs“-Magazin wie der „Spiegel“ seine Vergangenheit nicht selbst auf oder lässt das von einer Historiker-Kommission besorgen?

Historikerkommissionen sind ja meist Beerdigungsunternehmen, wenn alle direkt Beteiligten tot sind und zu dem jeweiligen Thema das meiste schon erforscht wurde. Davon halte ich nicht so viel. Der „Spiegel“ hat mit gewissem Recht auch darauf verwiesen, dass es ihn im NS-Staat ja noch nicht gab. Wenn ich „Spiegel“-Chefredakteur wäre, hätte ich den ganzen Komplex wahrscheinlich vor geraumer Zeit in einer Titelgeschichte behandelt, und das wär’s dann im Wesentlichen gewesen. Aber zum Glück bin ich nicht „Spiegel“-Chefredakteur.

 

Eine Initiative des „Spiegel“ gab es: Anlässlich des 50. Jahrestages der Spiegelaffäre wurden Sie von der Chefredaktion im September 2012 zu einem Symposion nach Hamburg eingeladen. Ihr Vortrags-Thema hieß: „Der Spiegel vor der Affäre – Sturmgeschütz der Demokratie oder Hort Ewiggestriger?“ War das Ihrer Meinung nach der richtige Rahmen für eine Aufarbeitung der „Spiegel“-Vergangenheit oder hätte es dafür einer eigenen Tagung bedurft?

Nein, das war schon in Ordnung so. Ich habe da, wenn ich das mal trotz der Gravität des Themas so salopp sagen darf, ein paar Schoten mit Textbelegen aus der „Spiegel“-Vergangenheit erzählt, und es gab neben vielen besorgten Gesichtern auch einiges Gelächter. Wie gesagt: es war auch für mich eher eine Revue über vergangene Arbeitsaktivitäten, was nicht heißt, dass einem das eine oder andere auch noch mal neu auffällt.

 

Wie würden Sie sich eine vorbildliche Aufarbeitung durch den „Spiegel“ vorstellen?

In Form einer Dissertation oder Habilitation durch einen recherchefreudigen Kandidaten. Das „Spiegel“-Archiv würde da sicher kooperieren. Ich bin da immer zuvorkommend behandelt worden, nach Augsteins Tod.

 

Gab es Widerstände, Sie ins „Spiegel“-Haus einzuladen?

Nein, soweit ich weiß nicht, es war ja auch eine Gelegenheit, endlich einmal eine gewisse Souveränität in der Selbstreflexion zu zeigen. Allerdings fällt dem Magazin der Umgang mit der eigenen Geschichte immer noch nicht leicht. Als ich dem kurzzeitigen Chefredakteur Wolfgang Büchner das Heidegger-Projekt in Hamburg angekündigt habe, erbleichte er doch sichtlich. So nach dem Motto: warum kommt der schon wieder mit der Geschichte um die Ecke?

 

Will man den Blatt-Gründer vor ungerechtfertigten Anwürfen schützen oder den „Spiegel“-Mythos nicht ohne Not beschädigen lassen?

Letzteres. Ich habe einmal formuliert: der „Spiegel“ war lange Zeit für den Journalismus so etwas wie Krupp für die Stahlindustrie. Eine Trademark für hochherrschaftliche Unberührbarkeit. Die Tendenzen zur Selbstreferenz und zum fast maschinellen Funktionieren waren daher beim „Spiegel“ noch ausgeprägter als bei anderen Medienbetrieben. Das hat ja zum großen Teil auch den Erfolg des Blattes ausgemacht – dieses Offiziersmäßige, das ja schon Ernst Jünger bei Rudolf Augstein beobachtet hat. Das hat sich heute noch etwas relativiert, durch Generations- und Kohortenwandel, auch durch die Fragmentierung des Medienmarktes. Das können sich heutige Studentinnen und Studenten gar nicht mehr vorstellen, wie durchschlagend die publizistische Wirkung des „Spiegel“ jeweils montags war. Das war schon ein Zentralorgan, eine auch politisch sehr mächtige Institution. Das hat mich in der Erforschung politisch-publizistischer Kommunikationen immer interessiert, aber nicht als „Medienwissenschaftler“. Ich bin kein Medienwissenschaftler, auch wenn der „Spiegel“ das immer schreibt. Ich habe das Fach nie studiert und nie darin gelehrt. Mein Studienfach, neben Soziologie und Philosophie, hieß damals noch sehr schön „Publizistik“. Also ein Fach mit höherer Politisierung, im Guten wie im Schlechten.

 

Haben die Journalisten vielleicht Angst, durch „übertriebene“ Aufklärung noch stärker an Bedeutung zu verlieren und die eh schon angeknackste Deutungshoheit ganz einzubüßen?

Ja. Das ist ein wichtiges Motiv, sich mit der jeweils eigenen Institutionengeschichte nicht allzu intensiv zu beschäftigen. Wobei der „Spiegel“ ja vor einiger Zeit einen ehemaligen „Abwehr“-Mann des Dritten Reiches als Spanien-Korrespondenten entdeckt und darüber eine schöne Story gebracht hat. Es geht also.

 

In Verbindung mit dem Thema „Wiederverwendung ehemaliger Nazis“ taucht häufig noch ein zweites, nicht weniger heikles Thema auf: die enge Kooperation von Journalisten und Geheimdiensten. Manche der beschäftigten Ex-Nazis waren zugleich Mitarbeiter des Verfassungsschutzes oder des BND. Ist das ein zusätzlicher Grund, warum das Thema Vergangenheitsbewältigung bei Medienmachern so stark tabuisiert wird?

Das glaube ich eher nicht. Sogar die „Bild“-Zeitung hat sich ja, bis hin zu gerichtlichen Klagen, mit der BND-Vergangenheit von Horst Mahnke, der nach seiner „Spiegel“-Zeit als eine Art Chefideologe zu Axel Springer gewechselt war, beschäftigt. Geheimdienstthemen sind heute attraktiver denn je, für alle Blätter. Allerdings hat sich auch der Springer-Verlag als eine Art BND-Opfer dargestellt, und das stimmt nicht. Mahnke ist ja von Springer auch engagiert worden, um den „Spiegel“ auszukundschaften; seine engen Verbindungen zur Geheimdienst-Sphäre waren in der Branche bekannt. Ich war im vergangenen Sommer selbst in Pullach im BND-Archiv. Einige Akten zu diesem Themenkomplex sind skurrilerweise noch bis 2044 gesperrt – da ist also noch Stoff für kommende Forschergenerationen.

 

Auch in der Spiegelaffäre spielte der BND eine wichtige, noch wenig erforschte Rolle. Wäre dieses Thema nicht ein würdiger Abschluss für Ihre Recherchen zum frühen „Spiegel“?

Ich hatte immer den Verdacht, dass die ganze Spiegel-Affäre mehr ein geheimdienstliches Spiel war, und mittelbar auf die Netzwerke der SS-Kader zurückzuführen ist, also auf die frühen Kontakte zur „Organisation Gehlen“. Und Gehlen war kein Strauß-Vertrauter. Allerdings ändert das nichts an der Tatsache, dass Augstein für einen Endkampf mit Strauß ins Gefängnis gegangen ist – was er ja schon vorher angekündigt hatte. Also, auch da müsste man noch einmal eine neue Gesamtdarstellung schreiben. Aber, um Gottes willen, nicht ich. Es war über die Jahre ein interessantes Match mit dem „Spiegel“, aus den Reaktionen und Nicht-Reaktionen habe ich viel über die Funktionsweisen des Journalismus gelernt – ein medienkritisches Langzeitprojekt, wenn Sie so wollen. Aber das ist jetzt für mich zu einem Ende gekommen.


Der Spiegel im Glück oder: Warum der Sieg der Mitarbeiter KG gut für uns ist

14 Dezember 2014 um 11:19 • 3 Kommentarepermalink

Es heißt ja, im Spiegel-Konflikt gehe es vor allem um die Integration von Print und Online. Das ist nicht ganz richtig. Es geht um das Betriebssystem „Mitarbeiter KG“. Auf dem Prüfstand der (Medien-)Gesellschaft steht, ob die Angestellten ihren eigenen Betrieb leiten können.

 

Was wurde wieder gelästert über das führende Nachrichtenmagazin, das die „Breaking News“ nur noch „in eigener Sache“ füttere: Chaostage beim Spiegel, Hauen und Stechen an der Ericusspitze, Mega-Eklat, Feuer unterm Dach, dicke Luft. Was halt so gängig ist an Konflikt-Metaphern in der Berichterstattung über Macht- und Verteilungskämpfe.

Doch was beim Spiegel passiert, ist kein „absurdes Theater“, kein „Chaos“, kein „Niedergang“ und auch keine bloße „Besitzstandswahrung“ – es ist ein wichtiger Emanzipationsversuch. Der Spiegel steht stellvertretend für den Umbruch der ganzen Branche. Denn es zeigt sich immer deutlicher: Die Journalisten der Zukunft müssen ihre Verlage (wohl oder übel) selber führen, sonst werden ihre „Werke“ in den Nischen digitaler Gemischtwarenläden verschütt gehen, irgendwo zwischen Singlebörsen und Tierfutterverkauf, ganz unten bzw. ganz hinten im Regal.

Dass sich der Konflikt gerade beim Spiegel so zuspitzt, ist natürlich kein Zufall. Der journalistische Emanzipationsprozess der Redaktion ist die Spätfolge jener politischen Avantgarde, die das Blatt in den siebziger Jahren zum Kampfboden für die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen „umfunktionieren“ wollte.

 

Das unterschwellige Narrativ der Medienberichterstattung

Damals probte eine Handvoll junger Spiegel-Redakteure den Aufstand gegen den Chef. Mit dem überraschenden Ergebnis, dass Rudolf Augstein – um die Avantgarde zu ärgern und seine tief sitzende Angst vor dem Umsturz zu lindern – die Hälfte seines Unternehmens an die ‚normalen’ (nicht-radikalen) Angestellten verschenkte; ein Schenkungs-Akt, der zwar nicht an die Dimension der Pippinschen Schenkung von 756 heranreichte, aber doch maßgeblich dazu beitrug, dass das Magazin heute im Zentrum der Medienbeobachtung steht.

Es gibt nicht wenige in der Branche, die dem seltsamen Gebilde, das aus dieser Schenkung hervorging, ein baldiges und unrühmliches Ende wünschen, obwohl das Funktionieren dieses Mit- und Selbstbestimmungs-Modells in ihrem eigenen Interesse läge (aber leider ist der Neid auf die Privilegien der anderen meist stärker als die Freude über deren Errungenschaften, vor allem, wenn man selber in prekären Verhältnissen lebt. Die gekündigte Geo-Redakteurin Gabriele Riedle hat diesen Sozialneid kürzlich erst erfahren dürfen.).

Die Mitarbeiter KG, so das unterschwellige Narrativ der Medienberichterstattung über den Spiegel, gefährde die Existenz des Unternehmens, denn ein Kollektiv ersetze nun mal keinen starken Monarchen. Außerdem sei das Kollektiv, dessen Name so harmlos klinge wie Zweckgesellschaft, eine höchst gefährliche Mischung aus Römischer Kurie, Sowjetmacht und Beamtenstaat: verkalkt, strukturkonservativ, elitär und im Herzen reaktionär. Die verschlafen doch jede moderne Entwicklung, vielleicht sogar Buzzfeed und Heftig.co.

Doch das, was beim Spiegel rumort, muss man als schwierigen, nicht immer geradlinigen, oft schlecht kommunizierten Emanzipationsprozess verstehen. Die Angestellten befreien sich – Zug um Zug – aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit und nehmen den Betrieb in die eigenen Hände. Das ist der Kern dessen, was beim Spiegel passiert.

Zwar existiert die Mitarbeiter KG schon seit 1974, aber erst mit dem Tod des Spiegel-Gründers und Übervaters Rudolf Augstein im November 2002 begann sie, ihre faktische Emanzipation tatsächlich wahrzunehmen und praktischen Gebrauch von ihr zu machen. Davor stand sie lediglich auf dem Papier, weil keiner aus den Reihen der KG es wagte, sich gegen den Alten aufzulehnen oder gar eigenmächtig Personalentscheidungen zu treffen. Im Grunde begann der Machtkampf beim Spiegel also erst mit Augsteins Tod. In den Jahren davor bissen die (unschuldig) Emanzipierten lieber – wie Cordt Schnibben – in die Tischkante und schwiegen. Acht Jahre, von 1994 bis 2002, blieb es ruhig. In dieser langen Inkubationsphase entwickelte der journalistische Emanzipationsvirus heimlich seine Kraft.

 

Mit jedem Konflikt wuchs das Selbstbewusstsein der KG

Im Jahre 8 vor Augsteins Tod wurde der Fernsehmann Stefan Aust von Rudolf Augstein zum Chefredakteur berufen – und zwar gegen den Willen der Redaktion. Helmut Markwort hatte gerade das Magazin Focus auf den Markt geworfen und der Spiegel fürchtete Anzeigen- und Auflagenschwund (was in geringem Maße auch eintrat).

Stefan Aust, unterstützt von seinem Mentor Augstein, betrachtete die Spiegel-Redaktion als Gestüt und führte das Blatt entsprechend autoritär. Er war der letzte Chefredakteur, den das Internet noch nicht wirklich bedrohte, deshalb konnte er einigermaßen erfolgreich Auflage machen. Das stieg ihm zu Kopf. Nach Augsteins Tod krönte er sich selbst zum Kaiser, indem er frech verkündete, dass es nun keinen Spiegel-Herausgeber mehr geben könne, da niemand in die großen Schuhe des Gründervaters passe. Diese Aussage wurde ihm übel genommen, insbesondere von der Erbin und Augstein-Tochter Franziska. So viel Selbstüberhöhung passte nicht zu einem republikanischen Blatt.

Kurz darauf begann der Stellungskrieg der Mitarbeiter KG gegen Aust. 2004 gab es erstmals Probleme mit dessen Vertragsverlängerung. Aust hatte einen windkraft-freundlichen Artikel aus dem Blatt gekippt und ihn durch den Titel „Der Windmühlen-Wahn“ ersetzt. Das war dreist. Die Mitarbeiter KG warf ihm daraufhin Qualitätsmängel, schlechten Führungsstil und mangelnde Innovationskraft vor. Aust juckte das nicht.

Während des Wahlkampfs 2005 setzte er sich von der bröckelnden rot-grünen Mehrheit des Basta-Kanzlers und seiner Spiegel-Redaktion ab und ließ offen einen Pro-Merkel-Kurs erkennen. Außerdem wollte er seinen Buddy Gabor Steingart, den damaligen Leiter des Berliner Hauptstadtbüros, als seinen Nachfolger aufbauen. Politischer Nepotismus geht beim Spiegel aber gar nicht.

Die Redaktion fürchtete einen Kurswechsel und stellte sich immer un-verschämter gegen die Aust-Steingart-Connection. Franziska Augstein warf dem Blatt „Geschwätzigkeit“ vor. Erst 2007 folgte der entscheidende Schlag: Die Mitarbeiter KG eröffnete ihrem Zampano Aust, sie werde seinen Vertrag über 2008 hinaus nicht verlängern. Anschließend wurde der langjährige Geschäftsführer und Aust-Intimus Karl Dietrich Seikel auf Betreiben der Mitarbeiter KG entlassen und durch den Gruner & Jahr-Mann Mario Frank ersetzt (der Aust entließ). Zu guter Letzt fiel Austs Kronprinz Gabor Steingart bei der Wahl zur Geschäftsführung der Mitarbeiter KG durch. Von den abgegebenen 327 Stimmen erhielt er gerade mal 69. Die Troika Aust-Seikel-Steingart war damit Geschichte (und die Troika Büchner-Saffe-Blome noch nicht installiert, aber Geschichte ereignet sich ja immer zweimal, einmal als Tragödie und einmal als Farce). Im Februar 2008 wurde Aust in einer Nacht- und Nebelaktion mit sofortiger Wirkung freigestellt. Und weil man die eigene Kraft noch nicht recht glauben mochte, zwickte man sich abermals in den Arm und schickte Mario Frank, den Gruner & Jahr-Mann, gleich hinterher.

Die KG plädierte nun für eine hausinterne Lösung und beförderte Georg Mascolo und Matthias Müller von Blumencron in die Chefredaktion. Die beiden kannte man schon, das war ein Vorteil, doch irgendwann hatte man auch diese beiden Chefs gefressen (die Revolution frisst ihre Kinder, die schmecken nämlich am besten).

Und weil die Abfolge „externe Lösung-interne Lösung“ so schön war, ließ man die ganze Emanzipations-Veranstaltung noch ein zweites Mal ablaufen, gewissermaßen zur Sicherheit. Zuerst kam die externe Troika Büchner-Saffe-Blome, anschließend das interne Duo Brinkbäumer-Harms. Und jedes Mal agierten Redaktion und KG ein Stück selbstbewusster. Konnten sie 1994 noch gar nicht fassen, dass sie die Macht tatsächlich besaßen, war es 2014 schon ein Akt routinierten Machterhalts (so, als hätten Redaktion und KG das kaltblütige Risikobewusstsein Frank und Claire Underwoods serienmäßig verinnerlicht).

Während draußen alle Medienbeobachter entnervt „Hört auf mit eurer Krise!“ brüllten, brachten drinnen die Spiegel-Angestellten ihr Ding von Unterschriftenliste zu Unterschriftenliste unter Dach und Fach. Nie war die Mitarbeiter KG stärker als heute. Fast genießt sie es, so viele Feinde da draußen zu haben. Der Facebook-Brief Cordt Schnibbens an die Geschassten war ja kein Nachtreten, sondern ein Zeichen der Macht: Wir lassen uns das Geschwätz von oben oder von außen nicht länger bieten. Wir machen den Spiegel, nicht ihr! Fidel Castro, eines der Jugendidole der jetzigen Ressortleiter-Generation, hätte es wohl so ausgedrückt: „Wir werden hier kämpfen, so lange es nötig ist“.

 

Nach der Schenkung ist vor der Schenkung

Eigentlich muss man den Emanzipationsprozess der Mitarbeiter KG bewundern. Es ist eine fast schon märchenhafte Erfolgsgeschichte. Eine der wenigen, die wir aus der betrieblichen Arbeitswelt kennen – deshalb sollten wir nicht herabschauen auf „das Chaos“ beim Spiegel oder besorgt von der „fatalen Eigentümerstruktur“ sprechen, sondern lieber diskutieren, wie der Emanzipationsprozess weitergehen könnte, etwa durch die Einbeziehung von Spiegel Online, die innerbetriebliche Gleichstellung der Spiegel-Frauen (auf allen Ebenen) und die fällige (Gewinn-)Beteiligung der Spiegel-Freien.

Denn eins muss der Mitarbeiter KG doch klar sein: Ihre Macht hat sie nicht aus eigener Kraft erkämpft (das waren andere), sie hat sie geschenkt bekommen. An der Großzügigkeit Rudolf Augsteins muss sich die Mitarbeiter KG heute messen lassen.


Im Zweifel link oder: Wie der Spiegel einmal ein Auge zudrückte

28 Juli 2014 um 10:29 • 0 Kommentarepermalink

In Christian Wulffs Buch gibt es eine klitzekleine Stelle, die das edle Selbstbild mancher Investigativ-Journalisten ein wenig ankratzen könnte.

 

Es herrscht allenthalben Kopfschütteln bei den maßgeblichen Journalisten des Landes über Christian Wulffs penetranten Versuch, Rolle und Moral der Presse in Frage zu stellen. Sein Buch „Ganz oben, ganz unten“ wurde deshalb wahlweise als Rechtfertigungsschrift oder als wehleidiges Machwerk abgetan. Sich von der Bildzeitung ins Amt schreiben lassen und dann Tränen vergießen über den medialen Jagdeifer – das geht gar nicht.

Passend zu diesen Einschätzungen hatte der Spiegel eine Titelstory platziert, über deren Entstehungs- und Vermarktungsgeschichte Ulrike Simon und Stefan Niggemeier schon das Nötige gesagt haben. Eine kleine Sache bleibt in dem Spiegel-Gespräch allerdings unerwähnt. Sie findet sich in Wulffs Buch auf den Seiten 241 und 242. Dort schreibt der ehemalige Bundespräsident über eine – seiner Meinung nach – befremdliche Kooperationsbereitschaft der Staatskanzlei in Hannover gegenüber einem nassforschen und nachforschenden Spiegel-Redakteur.

Um die folgende Passage aus dem Buch verstehen zu können, muss man wissen, dass der weithin unbekannte David McAllister (CDU) als regierender niedersächsischer Ministerpräsident  gerade einen schwierigen Landtagswahlkampf zu absolvieren hatte. Wulff schreibt:

„Warum sich die Staatskanzlei insbesondere gegenüber dem Spiegel so kooperativ erwies, erschloss sich mir erst im Herbst 2012, als ich Kenntnis erhielt von der Mail eines Spiegel-Redakteurs an den stellvertretenden Regierungssprecher. Zunächst wurden die üblichen Verdächtigungen aufgelistet… Dann kam der Spiegel-Redakteur zur Sache. Er bitte ‚noch einmal wohlwollend zu prüfen’, ob er nicht doch Einblick in den ‚Aktenordner der nicht strafrechtlich relevanten Unterlagen’ nehmen dürfe. Sollte die Akteneinsicht gewährt werden, sichere er zu, dass der Bericht ‚sich keinesfalls gegen die aktuelle Landesregierung richten wird.’ Der letzte Absatz der Mail machte dann unmissverständlich klar, was gemeint war: ‚Vielen Dank auch noch einmal für die Unterlagen über den von McAllister geliehenen VW Golf. Ich habe inzwischen zwar recherchiert, dass der von Herrn Ministerpräsident gezahlte Preis deutlich unter den marktüblichen Konditionen der bekannten Leihwagen-Unternehmen liegt. Derzeit plant der Spiegel allerdings keine Veröffentlichung, weil ich mich um wichtigere Dinge kümmern muss – wie die Causa Wulff.’“

„So etwas“, folgert Wulff, „nennen manche eine Nötigung.“

Doch vielleicht sollten wir es – weniger moralisch – einen Deal nennen, einen Deal jenseits der Aufklärungspflicht eines Nachrichtenmagazins. Dieser Deal lautet: Gibst du mir den erbetenen Aktenordner, lasse ich den problematischen Leihwagen-Rabatt deines Ministerpräsidenten unter den Tisch fallen.

Weil der Spiegel eine mutmaßliche Vorteilsannahme unbedingt aufdecken will, deckt er eine andere mutmaßliche Vorteilsannahme gnädig zu? Ist das nun gerissen oder ein Fall für Maybrit Illner?

Siehe auch: Wulff muss weg!! Über die moralische Radikalisierung der Öffentlichkeit


Die unterschwellige Botschaft der Printmedien: Hört auf, uns zu lesen!

29 November 2012 um 13:53 • 0 Kommentarepermalink

Auf langen Zugfahrten lese ich gern in abgehangenen SPIEGEL-Exemplaren. In der Petraeus-Ausgabe vom 19. November sind mir besonders die Anzeigen aufgefallen. Es gibt in ihnen nur einen einzigen Leser von Gedrucktem zu sehen. Einen Bundeswehr-Soldaten.

 

Von den knapp 59 Seiten Anzeigen in diesem 176 Seiten starken Spiegel-Heft („Die Petraeus-Affäre“, Nr.47/2012) sind über 14 Seiten allein mit Eigenwerbung für Spiegel-Produkte belegt (so viel zur Anzeigenkrise!). Natürlich gibt es auch Werbung für Uhren (für sehr viel Uhren!), für Autos, Reisen, Wein und Versicherungen, aber die Mehrheit der Anzeigen im Spiegel wirbt kurioserweise für… andere Medien (so viel zum selbstreferentiellen System).

In den Anzeigen des untersuchten Spiegel-Heftes sind insgesamt 17 iPads, 8 Smart- oder iPhones und 5 Laptops zu sehen – ohne dass die Firma Apple auch nur eine einzige Werbung dafür schalten musste (so viel zum Ärger über die böse „Gratis-Mentalität“).

Blättern wir das Heft einmal durch:

Seite 4: Eine ganze Seite für das Internet-Kaufhaus MeinPaket.de. Zu sehen sind in einer Einkaufstüte: ein Verstärker, ein Lautsprecher, ein Controller für eine Spielekonsole, ein Monitor. Um die Tüte herum gruppieren sich vier junge Männer mit: a) einem Tablet b) einer TV-Fernbedienung c) Kopfhörern und d) einem Controller für eine Spielekonsole.

Seite 9: Eine ganze Seite Werbung für die Commerzbank. Zu sehen: eine Joggerin mit Smartphone-Kopfhörern in den Ohren.

Seite 23: EIGENWERBUNG. Eine Drittel-Seite für die digitale iPad/iPhone-Ausgabe des Spiegel. Zu sehen: ein iPad.

Seite 33: Werbung für Turkish Airlines. Zu sehen: Passagiere mit einem iPad, einer TV-Fernbedienung, einem Controller für eine Spielekonsole.

Seite 34: Zweidrittel-Seite Werbung für das neue iPad mit Retina Display. Zu sehen: zwei iPads.

Seite 41: EIGENWERBUNG für den Kinder-Spiegel.

Seite 47-51: EIGENWERBUNG für das neue Wissensmagazin „New Scientist“. Auf der Seite mit dem Bestellcoupon blicken 4 Kinder neugierig in einen Laptop. Thema: Online-Unterricht.

Seite 61: TA Triumph-Adler. Zu sehen sind Kopiergeräte und ein iPhone.

Seite 75: Werbung für die ZDF-Sendung „Der neue deutsche Bildungstest“ mit Jörg Pilawa.

Seite 79: Eine ganze Seite für das Nokia Smartphone Lumia 920.

Seite 89: Eine ganze Seite für den neuen Bang & Olufsen-Fernsehapparat Beovision 11.

Seite 103: EIGENWERBUNG für den Kultur-Spiegel. Auf einer Drittel-Seite wird die neue hochkarätige DVD-Serie Rockpalast vorgestellt.

Seite 109: Ganzseitige Werbung für das neue Windows Smartphone von htc.

Seite 111: Ganze Seite für SAP.

Seite 112: Eine Drittel-Seite Werbung für eine Radiosendung von NDR Kultur.

Seite 113: EIGENWERBUNG für den Karriere-Spiegel im Hörsaal.

Seite 116-117: Eine Doppelseite der Telekom. Zu sehen sind zwei junge Frauen mit einem iPad, auf dem wiederum die Onlineausgabe der „Welt“ zu sehen ist.

Seite 125: EIGENWERBUNG für den Kultur-Spiegel. Vorgestellt werden auf einer Drittelseite die großen Kinomomente auf DVD.

Seite 126-127: Doppelseite Spiegel-EIGENWERBUNG mit Aboprämien, darunter das iPad 4 und das iPad mini.

Seite 133: Zweidrittel-Seite EIGENWERBUNG für das Spiegel-Buch „Billionenpoker“.

Seite 137: Ganze Seite für IBM IT-Lösungen.

Seite 145: Ganze Seite für das Dell Ultrabook (Laptop).

Seite 151: EIGENWERBUNG. Eine Seite für das Manager Magazin und seine Digital-Ausgabe. Zu sehen: ein iPad.

Seite 153: Ganze Seite EIGENWERBUNG für das Spiegel-Kurzabo. Unter den Werbegeschenken nichts Gedrucktes.

Seite 154: Eine Drittelseite EIGENWERBUNG für den Harvard Business Manager und seine digitale Ausgabe. Zu sehen: ein iPad.

Seite 155: Ganze Seite Werbung für die digitale Ausgabe der Süddeutschen Zeitung, abgebildet sind ein Laptop und ein iPad.

Seite 156: Ganze Seite für die Ausgabe der „Welt“. Zu sehen ist ein „Leser“, der einen Laptop in der Hand hält.

Seite 161: Ganze Seite für das Handelsblatt.

Seite 162: Ganze Seite für die ARD-Themenwoche.

Seite 167: Eine ganze Seite EIGENWERBUNG für das Spiegel-Studentenabo. Unter den Werbegeschenken wieder nix zu lesen.

Seite 170: Eine Drittel-Seite EIGENWERBUNG für das Spiegel-Streitgespräch mit Hinweis auf den Livestream.

Seite 171: Eine ganze Seite für die digitale Ausgabe der FAZ. Zu sehen sind zwei iPads und ein iPhone.

Spiegel-Rückseite 176: Werbung für 1&1-DSL Internet- und Telefon-Flatrate.

Zur Ehrenrettung des Lesens muss man konstatieren, dass auf Seite 10 ein Mann ein geschlossenes Buch in der Hand hält und auf Seite 33 eine Frau eine Zeitschrift auf ihrem Schoß liegen hat (ohne allerdings darin zu lesen). Auf Seite 112 kann man einen Stapel Bücher an einem menschenleeren Strand liegen sehen (Strandgut?) und auf den Seiten 131 und 133 wird für zwei Bücher geworben. Die eigentliche Überraschung findet sich aber auf Seite 119: Dort studiert ein Bundeswehrsoldat in Uniform in einer Bibliothek intensiv in einem Buch! Er ist der einzige Leser von Gedrucktem in der gesamten Werbung des Heftes. Und auch bei den Werbegeschenken für Spiegel-Produkte gibt es nichts Gedrucktes – nur Kaffeebecher, Taschen, Uhren, Fahrradschlösser oder Glaswaagen.

Ich denke, die Printmedien sind schon weiter als sie es selber ahnen. Sie haben sich aufgegeben.

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