Der Spiegel im Glück oder: Warum der Sieg der Mitarbeiter KG gut für uns ist

14 Dezember 2014 um 11:19 • 3 Kommentarepermalink

Es heißt ja, im Spiegel-Konflikt gehe es vor allem um die Integration von Print und Online. Das ist nicht ganz richtig. Es geht um das Betriebssystem „Mitarbeiter KG“. Auf dem Prüfstand der (Medien-)Gesellschaft steht, ob die Angestellten ihren eigenen Betrieb leiten können.

 

Was wurde wieder gelästert über das führende Nachrichtenmagazin, das die „Breaking News“ nur noch „in eigener Sache“ füttere: Chaostage beim Spiegel, Hauen und Stechen an der Ericusspitze, Mega-Eklat, Feuer unterm Dach, dicke Luft. Was halt so gängig ist an Konflikt-Metaphern in der Berichterstattung über Macht- und Verteilungskämpfe.

Doch was beim Spiegel passiert, ist kein „absurdes Theater“, kein „Chaos“, kein „Niedergang“ und auch keine bloße „Besitzstandswahrung“ – es ist ein wichtiger Emanzipationsversuch. Der Spiegel steht stellvertretend für den Umbruch der ganzen Branche. Denn es zeigt sich immer deutlicher: Die Journalisten der Zukunft müssen ihre Verlage (wohl oder übel) selber führen, sonst werden ihre „Werke“ in den Nischen digitaler Gemischtwarenläden verschütt gehen, irgendwo zwischen Singlebörsen und Tierfutterverkauf, ganz unten bzw. ganz hinten im Regal.

Dass sich der Konflikt gerade beim Spiegel so zuspitzt, ist natürlich kein Zufall. Der journalistische Emanzipationsprozess der Redaktion ist die Spätfolge jener politischen Avantgarde, die das Blatt in den siebziger Jahren zum Kampfboden für die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen „umfunktionieren“ wollte.

 

Das unterschwellige Narrativ der Medienberichterstattung

Damals probte eine Handvoll junger Spiegel-Redakteure den Aufstand gegen den Chef. Mit dem überraschenden Ergebnis, dass Rudolf Augstein – um die Avantgarde zu ärgern und seine tief sitzende Angst vor dem Umsturz zu lindern – die Hälfte seines Unternehmens an die ‚normalen’ (nicht-radikalen) Angestellten verschenkte; ein Schenkungs-Akt, der zwar nicht an die Dimension der Pippinschen Schenkung von 756 heranreichte, aber doch maßgeblich dazu beitrug, dass das Magazin heute im Zentrum der Medienbeobachtung steht.

Es gibt nicht wenige in der Branche, die dem seltsamen Gebilde, das aus dieser Schenkung hervorging, ein baldiges und unrühmliches Ende wünschen, obwohl das Funktionieren dieses Mit- und Selbstbestimmungs-Modells in ihrem eigenen Interesse läge (aber leider ist der Neid auf die Privilegien der anderen meist stärker als die Freude über deren Errungenschaften, vor allem, wenn man selber in prekären Verhältnissen lebt. Die gekündigte Geo-Redakteurin Gabriele Riedle hat diesen Sozialneid kürzlich erst erfahren dürfen.).

Die Mitarbeiter KG, so das unterschwellige Narrativ der Medienberichterstattung über den Spiegel, gefährde die Existenz des Unternehmens, denn ein Kollektiv ersetze nun mal keinen starken Monarchen. Außerdem sei das Kollektiv, dessen Name so harmlos klinge wie Zweckgesellschaft, eine höchst gefährliche Mischung aus Römischer Kurie, Sowjetmacht und Beamtenstaat: verkalkt, strukturkonservativ, elitär und im Herzen reaktionär. Die verschlafen doch jede moderne Entwicklung, vielleicht sogar Buzzfeed und Heftig.co.

Doch das, was beim Spiegel rumort, muss man als schwierigen, nicht immer geradlinigen, oft schlecht kommunizierten Emanzipationsprozess verstehen. Die Angestellten befreien sich – Zug um Zug – aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit und nehmen den Betrieb in die eigenen Hände. Das ist der Kern dessen, was beim Spiegel passiert.

Zwar existiert die Mitarbeiter KG schon seit 1974, aber erst mit dem Tod des Spiegel-Gründers und Übervaters Rudolf Augstein im November 2002 begann sie, ihre faktische Emanzipation tatsächlich wahrzunehmen und praktischen Gebrauch von ihr zu machen. Davor stand sie lediglich auf dem Papier, weil keiner aus den Reihen der KG es wagte, sich gegen den Alten aufzulehnen oder gar eigenmächtig Personalentscheidungen zu treffen. Im Grunde begann der Machtkampf beim Spiegel also erst mit Augsteins Tod. In den Jahren davor bissen die (unschuldig) Emanzipierten lieber – wie Cordt Schnibben – in die Tischkante und schwiegen. Acht Jahre, von 1994 bis 2002, blieb es ruhig. In dieser langen Inkubationsphase entwickelte der journalistische Emanzipationsvirus heimlich seine Kraft.

 

Mit jedem Konflikt wuchs das Selbstbewusstsein der KG

Im Jahre 8 vor Augsteins Tod wurde der Fernsehmann Stefan Aust von Rudolf Augstein zum Chefredakteur berufen – und zwar gegen den Willen der Redaktion. Helmut Markwort hatte gerade das Magazin Focus auf den Markt geworfen und der Spiegel fürchtete Anzeigen- und Auflagenschwund (was in geringem Maße auch eintrat).

Stefan Aust, unterstützt von seinem Mentor Augstein, betrachtete die Spiegel-Redaktion als Gestüt und führte das Blatt entsprechend autoritär. Er war der letzte Chefredakteur, den das Internet noch nicht wirklich bedrohte, deshalb konnte er einigermaßen erfolgreich Auflage machen. Das stieg ihm zu Kopf. Nach Augsteins Tod krönte er sich selbst zum Kaiser, indem er frech verkündete, dass es nun keinen Spiegel-Herausgeber mehr geben könne, da niemand in die großen Schuhe des Gründervaters passe. Diese Aussage wurde ihm übel genommen, insbesondere von der Erbin und Augstein-Tochter Franziska. So viel Selbstüberhöhung passte nicht zu einem republikanischen Blatt.

Kurz darauf begann der Stellungskrieg der Mitarbeiter KG gegen Aust. 2004 gab es erstmals Probleme mit dessen Vertragsverlängerung. Aust hatte einen windkraft-freundlichen Artikel aus dem Blatt gekippt und ihn durch den Titel „Der Windmühlen-Wahn“ ersetzt. Das war dreist. Die Mitarbeiter KG warf ihm daraufhin Qualitätsmängel, schlechten Führungsstil und mangelnde Innovationskraft vor. Aust juckte das nicht.

Während des Wahlkampfs 2005 setzte er sich von der bröckelnden rot-grünen Mehrheit des Basta-Kanzlers und seiner Spiegel-Redaktion ab und ließ offen einen Pro-Merkel-Kurs erkennen. Außerdem wollte er seinen Buddy Gabor Steingart, den damaligen Leiter des Berliner Hauptstadtbüros, als seinen Nachfolger aufbauen. Politischer Nepotismus geht beim Spiegel aber gar nicht.

Die Redaktion fürchtete einen Kurswechsel und stellte sich immer un-verschämter gegen die Aust-Steingart-Connection. Franziska Augstein warf dem Blatt „Geschwätzigkeit“ vor. Erst 2007 folgte der entscheidende Schlag: Die Mitarbeiter KG eröffnete ihrem Zampano Aust, sie werde seinen Vertrag über 2008 hinaus nicht verlängern. Anschließend wurde der langjährige Geschäftsführer und Aust-Intimus Karl Dietrich Seikel auf Betreiben der Mitarbeiter KG entlassen und durch den Gruner & Jahr-Mann Mario Frank ersetzt (der Aust entließ). Zu guter Letzt fiel Austs Kronprinz Gabor Steingart bei der Wahl zur Geschäftsführung der Mitarbeiter KG durch. Von den abgegebenen 327 Stimmen erhielt er gerade mal 69. Die Troika Aust-Seikel-Steingart war damit Geschichte (und die Troika Büchner-Saffe-Blome noch nicht installiert, aber Geschichte ereignet sich ja immer zweimal, einmal als Tragödie und einmal als Farce). Im Februar 2008 wurde Aust in einer Nacht- und Nebelaktion mit sofortiger Wirkung freigestellt. Und weil man die eigene Kraft noch nicht recht glauben mochte, zwickte man sich abermals in den Arm und schickte Mario Frank, den Gruner & Jahr-Mann, gleich hinterher.

Die KG plädierte nun für eine hausinterne Lösung und beförderte Georg Mascolo und Matthias Müller von Blumencron in die Chefredaktion. Die beiden kannte man schon, das war ein Vorteil, doch irgendwann hatte man auch diese beiden Chefs gefressen (die Revolution frisst ihre Kinder, die schmecken nämlich am besten).

Und weil die Abfolge „externe Lösung-interne Lösung“ so schön war, ließ man die ganze Emanzipations-Veranstaltung noch ein zweites Mal ablaufen, gewissermaßen zur Sicherheit. Zuerst kam die externe Troika Büchner-Saffe-Blome, anschließend das interne Duo Brinkbäumer-Harms. Und jedes Mal agierten Redaktion und KG ein Stück selbstbewusster. Konnten sie 1994 noch gar nicht fassen, dass sie die Macht tatsächlich besaßen, war es 2014 schon ein Akt routinierten Machterhalts (so, als hätten Redaktion und KG das kaltblütige Risikobewusstsein Frank und Claire Underwoods serienmäßig verinnerlicht).

Während draußen alle Medienbeobachter entnervt „Hört auf mit eurer Krise!“ brüllten, brachten drinnen die Spiegel-Angestellten ihr Ding von Unterschriftenliste zu Unterschriftenliste unter Dach und Fach. Nie war die Mitarbeiter KG stärker als heute. Fast genießt sie es, so viele Feinde da draußen zu haben. Der Facebook-Brief Cordt Schnibbens an die Geschassten war ja kein Nachtreten, sondern ein Zeichen der Macht: Wir lassen uns das Geschwätz von oben oder von außen nicht länger bieten. Wir machen den Spiegel, nicht ihr! Fidel Castro, eines der Jugendidole der jetzigen Ressortleiter-Generation, hätte es wohl so ausgedrückt: „Wir werden hier kämpfen, so lange es nötig ist“.

 

Nach der Schenkung ist vor der Schenkung

Eigentlich muss man den Emanzipationsprozess der Mitarbeiter KG bewundern. Es ist eine fast schon märchenhafte Erfolgsgeschichte. Eine der wenigen, die wir aus der betrieblichen Arbeitswelt kennen – deshalb sollten wir nicht herabschauen auf „das Chaos“ beim Spiegel oder besorgt von der „fatalen Eigentümerstruktur“ sprechen, sondern lieber diskutieren, wie der Emanzipationsprozess weitergehen könnte, etwa durch die Einbeziehung von Spiegel Online, die innerbetriebliche Gleichstellung der Spiegel-Frauen (auf allen Ebenen) und die fällige (Gewinn-)Beteiligung der Spiegel-Freien.

Denn eins muss der Mitarbeiter KG doch klar sein: Ihre Macht hat sie nicht aus eigener Kraft erkämpft (das waren andere), sie hat sie geschenkt bekommen. An der Großzügigkeit Rudolf Augsteins muss sich die Mitarbeiter KG heute messen lassen.


Nie wieder zweite Liga! Anmerkungen zum Projekt Krautreporter

21 Mai 2014 um 11:55 • 1 Kommentarpermalink

Auch wenn die Krautreporter den Journalismus nicht neu erfinden werden – ihre Pioniertat könnte die Emanzipation der Online-Medien nachhaltig fördern.

 

Eigentlich ist das Projekt Krautreporter gar kein journalistisches Vorzeigemodell, denn journalistisch vorgezeigt wird ja noch nichts.

Der Wert der Unternehmung liegt vor allem darin, dass es ein verlegerisches Pilotprojekt ist: dass sich 25 oder 28 freie Journalisten zusammentun, um der Verlagswelt zu zeigen, wie ein ‚schlankes Geschäftsmodell’ für ein seriöses Online-Magazin aussehen könnte. Sich das aus der Hand nehmen zu lassen, ist nicht gerade ein Ruhmesblatt für die bestehenden Verlage. Schon deshalb haben die Krautreporter Applaus verdient.

Sie haben mit nicht-materiellen Mitteln, d.h. mit der von ihnen individuell erarbeiteten Beliebtheit und Überzeugungskraft (samt ihren Vernetzungen) die größtmögliche Aufmerksamkeit erzielt: eine ungefähr 2666 Punkt hohe Überschrift auf dem Studiodisplay der Tagesthemen-Nachtausgabe sowie zahllose meist wohlwollende Berichte und Blogbeiträge.

Für Verlagsmanager ist das Modell Krautreporter deshalb fast interessanter als für Journalisten: Sie müssen nicht einen müden Euro investieren, um herauszufinden, unter welchen Voraussetzungen ein Projekt Abonnenten gewinnen kann, ohne als Gegenleistung schon ein fertiges Produkt anbieten zu müssen, und sie brauchen das Modell – wenn es denn zustande kommt – nur noch anzupassen und zu optimieren.

 

„Wir sind keine Journalistenkommune“

Sollte die Zielmarke von 15.000 Abonnenten knapp verfehlt werden, könnte auch ein „Business Angel“ aus der Branche, ein medienaffiner Risiko-Investor oder ein Internet-Unternehmer den fehlenden Betrag zuschießen. Andere Unternehmer halten sich als Hobby Fußballvereine (Red Bull Leipzig, TSG Hoffenheim), warum also nicht mal ein Online-Magazin unterstützen? Eine Fehlinvestition wäre das nicht.

Bleiben wir noch ein bisschen bei der Fußball-Analogie: Die Krautreporter könnten den Journalistentransfermarkt für Onliner grundlegend verändern. Aus einem Journalisten-Pool wie dem Krautreporter-Kader könnten künftig die Nachwuchsjournalisten für die größeren „Player“ kommen. Das war lange Zeit das Vorrecht der taz, und vielleicht hat man in der Rudi Dutschke-Straße auch deshalb so spitz auf die Krautreporter reagiert, weil man die mögliche Konkurrenz insgeheim spürte. Krautreporter ist – wie der Tagesspiegel erkannte – das zeitgemäße Gegenmodell zur inzwischen etwas angegrauten taz.

Alexander von Streit, der designierte Chefredakteur, gegenüber Lousy Pennies:

„Wir sind keine Journalistenkommune und kein Gruppenblog, in den jeder was einstellt und sein Kanäle bespielt. Es gibt redaktionelle Strukturen, eine Kernredaktion, die alle Organisationsarbeit leisten wird und aus mir und drei bis vier festen Leuten besteht. Wir werden ein Büro in Berlin haben, aber auch sehr viel virtuell per Skype und über gemeinsame Dokumente machen.

Wer entscheidet über die Inhalte?

Die Autoren werden sehr viel Freiheit haben und den Hauptinput liefern. Die Redaktion wird Feedback und Ratschläge geben. Aber es braucht eine klare Steuerung und jemanden, der entscheidet, was auf die Seite kommt – und das auch mit den Autoren ausficht. Das bin ich.“

 

Einmal pro Woche eine Bestleistung abrufen

Während sich die taz in den siebziger Jahren aus der Nischengesellschaft Westberlin und den damaligen sozialen Bewegungen (Öko, Frieden, Frauen) herausmendelte und sich – entsprechend dem eigenen Anspruch – als Genossenschaftskollektiv organisierte, entsteht das Projekt Krautreporter vor dem materiellen und geistigen Hintergrund einer durchkapitalisierten und individualisierten Selbstvermarkter- und Spieler-Welt. Als „Kollektiv neuen Typs“ erinnert Krautreporter deshalb mehr an einen ‚schlank’ gemanagten Fußballclub als an ein alternatives Medium: Ein kleines Trainer-, Manager- und Präsidiumsteam (das den Fußball liebt, aber nicht unbedingt selber spielen muss) sucht sich auf dem Spielermarkt eine geeignete Mann(!)schaft aus unterschiedlichen Spieler-Persönlichkeiten zusammen (Ausputzer, Arbeiter, Stürmerstars). Den Fans (bei der taz waren es noch Genossen) bietet man eine immaterielle Teilhabe gegen Cash. Die geistige Nähe zur Fußballwelt erklärt möglicherweise auch die (unbeabsichtigte) Männerlastigkeit des Starter-Teams.

Bezeichnend ist, dass beim Projekt Krautreporter kein inhaltliches Thema im Vordergrund steht. Man will nicht die Welt verändern, sondern das nächste Spiel gewinnen, und das heißt: Man will erfolgreich sein. Der gemeinsame Grundtenor lautet: Nie wieder zweite Liga! Jeder soll auf seiner Position ein Mal pro Woche seine Bestleistung abrufen, um den ersehnten Aufstieg zu sichern. Oder, um die Analogie zum Fußball auf die Spitze zu treiben: Jeder in dieser Mannschaft muss, „im leistungssportlichen Sinne“ bereit sein, „füreinander zu sterben“ (so Bayern-Sportdirektor Matthias Sammer vor dem DFB-Pokalfinale zu den Spielern).

Der Inhalt des Projekts Krautreporter ist also der Aufstieg. Er soll – und das ist das Bewundernswerte – aus eigener Kraft erfolgen, ohne großen Verwaltungsapparat, nur mit Hilfe der eigenen Fankurve.

 

Name-dropping

Ungeklärt ist noch, wie sich durch bloße Addition von 25 zusammentelefonierten Individualisten eine Mannschaft (eine Redaktion) bilden soll, wer im Kader die Leistungsträger sein werden und wer die Kapitänsbinde trägt. Das hängt vom Geschick des Trainerteams ab und vom Willen der „Stars“, das eigene Ego dem gemeinsamen Aufstiegsprojekt unterzuordnen. Verfolgt jeder nebenher weiter seine eigene Karriere, wird das kaum gelingen.

Print-Journalisten (denen die Eitelkeit ebenfalls nicht fremd ist, die aber die lästige Selbstvermarktung nicht so nötig haben) bemängeln am Krautreporter-Projekt vor allem dessen Zentrierung auf Spieler-Persönlichkeiten. Nicht das Gemeinschaftsprodukt würde in den Vordergrund gerückt (es gab bislang z.B. keine Probeausgabe des Magazins), im Mittelpunkt stehen allein die am Projekt beteiligten Journalisten (der Name drückt es ja aus). Das führt z.B. dazu, dass gestandene Print-Journalisten (wie Christoph Koch) beim name-dropping in den Medienmagazinen deutlich schlechter wegkommen als jene, deren Namen man „aus dem Internet“ irgendwie kennt, die aber – rein journalistisch gesehen – noch nicht allzu viel geleistet haben. Hier eine sichere Balance zu finden, wird für die Trainer-, Manager- und Präsidiumstroika nicht einfach werden, aber eine überzeugende Alternative zur Spieler-Zentriertheit ist angesichts des online-typischen Autoren-Journalismus nicht auszumachen.

Die Gefahr jedenfalls, nach den ersten Großanstrengungen nur noch eine Kolumnensammlung zu verwalten, besteht durchaus.

 

Es bildet sich ein Blogger-Markt

Durch die überraschende Dimension des Projekts – im Vergleich zu den erhofften 900.000 Euro Startkapital waren alle bisherigen Versuche, unterschiedliche Spieler-Persönlichkeiten unter einen gemeinsamen Online-Hut zu bringen, kleinere Vorübungen – könnte sich erstmals ein ernst zu nehmender Blogger-Markt mit entsprechenden Marktwerten und Ablösesummen bilden. Das spüren wohl auch die Kritiker, die jetzt nörgelnd auf der Ersatzbank sitzen oder nicht ins Team gewählt wurden (keine Sorge, es soll weitere Zukäufe geben). Doch die Fokussierung auf den Spieler- und Trainermarkt – nicht auf den Inhalt – macht das Projekt auch fragil, filterbabbelig und leicht angreifbar. Die Beteiligten werden eine hohe Frustrationstoleranz brauchen.

Vielleicht ist Krautreporter aber gerade wegen seiner Inhalts-Neutralität ein ideales Werbemittel, um den Online-Journalismus aus seiner Verbannung in die zweite Liga zu befreien und ihm mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung zu verschaffen (Konkurrenz belebt das Geschäft). Krautreporter wäre dann sozusagen die evolutionär benötigte Zwischenetappe, um die Emanzipation der Onliner überhaupt auf den Weg zu bringen. Allein durch die bloße Existenz des Modells könnte vielen boulevard-genervten Online-Journalisten in den etablierten Medien das Rückgrat gestärkt werden.

Hoffen wir, dass der FC Krautreporter die Liga gehörig aufmischt.

 

P.S. Am 13. Juni um 13:15 Uhr (also am Schlusstag des Crowdfundings!) diskutiere ich mit Krautreporter-Initiator Sebastian Esser beim Reporter-Workshop das Thema: Wie wir arbeiten, wie wir arbeiten wollen. Ort: Spiegel-Verlag Hamburg, Ericusspitze 1. 


Wo bin ich?

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