Ein Rettungsschirm für Suhrkamp

29 Mai 2013 um 17:40 • 0 Kommentarepermalink

Aufmacher, Leitartikel und Titelfoto kamen bei SZ und FAZ am vergangenen Dienstag direkt aus dem Feuilleton. Das ist extrem selten. Aber schließlich geht es um Suhrkamp, „Deutschlands berühmtesten Verlag“.

 

Dass sich die Unterschiede zwischen digitaler und analoger Medienwelt verwischen, wird zwar hin und wieder behauptet, ist aber ein Gerücht. Denn leider (oder Gottseidank) ist es so, dass sich die digitale Kultur mehr für das neueste Smartphone-Gadget von Apple interessiert, während die analoge Kultur mit Inbrunst ihren Suhrkamp-Tick pflegt.

Die riesige Aufmerksamkeit für den bei Suhrkamp stattfindenden, nicht ganz loriot-freien Machtkampf zwischen den Geschlechtern tangiert insbesondere die Jugendleseerfahrungen einer ganzen Generation leitender Redakteure, die noch immer berauscht sind von den intensiven Regenbogenfarben der edition suhrkamp. Und die Enkel dieser Redakteure werden sich wohl eher über die seltsam antiquierten Wischbewegungen ihrer Eltern auf irgendwelchen gläsernen Displays beömmeln und Suhrcamp für ein historisch interessantes Treffen von Netzbegeisterten halten.

 

Die Suhrkampkultur(kampfgeschichte)

Suhrkamp ist nun mal das intellektuelle Woodstock der 68er; als jener legendäre Verlag von Jimi Hendrix (Bertolt Brecht) und Janis Joplin (Jürgen Habermas) die Sounds von „Star Spangled Banner“ und „Mercedes Benz“ miteinander verband. Oh Lord would you buy me… Vor allem deshalb leiden die Älteren seit Jahren ganz furchtbar unter dem Streit jener Gesellschafter, die das geistige und materielle Erbe des großen Siegfried Unseld zu verschleudern trachten.

Die Story, die uns erzählt wird, geht ungefähr so: Da gibt es auf der einen Seite die böse Witwe, die einen Teil des erwirtschafteten Geldes in die repräsentative Ausstattung einer Berliner Villa steckte, um ihren Autoren das Lebensgefühl zu vermitteln, auf einem gewissen Level begehrt zu sein. Und da gibt es auf der anderen Seite den bösen Bildhauer-Enkel, der die Witwe aus ihrem Haus werfen will, weil sie das Geld hinter seinem Rücken zum Fenster hinauswirft und die Auszahlung von Gewinnen hintertreibt.

Beide Lesarten haben etwas für und etwas gegen sich, weshalb man sich nun in den Qualitätsmedien dazu entschlossen hat, ein geistig-kulturelles Schutzschirmverfahren aus Feuilletonbeiträgen für Suhrkamp zu eröffnen. Man will den traditionsreichen Verlag vor seinen Eigentümern retten – und eventuell einen neutralen Dritten als weißen Ritter präsentieren.

 

(K)ein ganz normaler Gesellschafterkonflikt

Worum geht’s? Zum einen geht es um die Ausschüttung von Gewinnen an die Gesellschafter. Der Verkauf der Frankfurter Liegenschaften hat dem Verlag im Jahr 2010 einen außerordentlichen Gewinn beschert. Hans Barlach möchte seinen Gewinnanteil (2,2 Millionen) ausbezahlt bekommen. So sieht es auch die Abmachung vor. Das Frankfurter Landgericht hat Barlach am 20. März Recht gegeben.

Zum anderen geht es um Ausgaben. Ulla Unseld-Berkéwicz, die Mehrheitsgesellschafterin, die auch gleichzeitig Geschäftsführerin des Verlages ist, hatte den Umzug von Frankfurt nach Berlin vorangetrieben. Verlagsgelder flossen dabei auch in die Ausstattung einer Berliner Villa, die Frau Berkéwicz privat bewohnt, aber in Teilen an den Verlag vermietet. Die Kosten dafür sind beträchtlich. Das Gericht errechnete eine Gesamtsumme von 561.000 €. Aber der eigentliche Knackpunkt ist wohl der, dass die Mehrheitsgesellschafterin diese Maßnahmen ohne Zustimmung des Minderheitsgesellschafters veranlasst hat. Barlach fühlte sich übergangen und wollte die Geschäftsführerin deshalb hinausschmeißen. Auch in diesem Konflikt, in dem es um die Pflichten von Geschäftsführern geht, hat Barlach am 10. Dezember 2012 in erster Instanz vor dem Berliner Landgericht Recht bekommen.

In beiden Fällen soll aber noch weiter geklagt werden. Eine Einigung ist nicht in Sicht.

Also kann den Verlag eigentlich nur ein weißer Ritter befrieden. Ein Großverlag könnte einsteigen und sich Suhrkamp als Trophäe in seine Kunst-Vitrine stellen. Ein Mäzen könnte Geld geben. Wobei das Misstrauen auf allen Seiten groß ist, dass es sich bei dem angekündigten weißen Ritter um einen Strohmann der einen oder der anderen Seite handelt. Umgekehrt könnten die Gesellschafter ihrerseits als Strohmänner für einen noch unbekannten Investor fungieren, der bereits im Hintergrund auf seine Chance wartet. Es wird viel gemunkelt.

 

Alles hat seine Zeit – nur Suhrkamp nicht

Nur eine Frage stellt man sich in den Feuilletons aufgrund der vorhandenen Sentimentalitäten („Das linke Herz der alten Bundesrepublik“) nicht: Ob wir den Suhrkamp-Verlag überhaupt noch brauchen. Systemrelevant ist er jedenfalls nicht. Sein Wert wird auf 20 Millionen Euro geschätzt. Einen Großteil seiner Gewinne verdankt er der legendären Backlist, die an deutschen Gymnasien weiter hoch im Kurs steht. Doch die Urheberrechts-Schutzfristen für die Werke Bertolt Brechts und Hermann Hesses laufen in 13 bzw. 19 Jahren aus.

Der Suhrkamp Verlag wurde in der Nachkriegszeit gegründet und hat in den sechziger und siebziger Jahren die intellektuellen Debatten geprägt. Mit der Bibliothek Suhrkamp, der Theaterreihe Spectaculum, der edition suhrkamp, dem Kursbuch und den suhrkamp taschenbüchern (wissenschaft) hat er Pionierarbeit geleistet. Aber jedes Medienunternehmen hat seine Zeit. Auch für Buchverlage gibt es keine Ewigkeitsgarantie.

Crosspost


Rückt die FAZ nach links? Oder gibt das Feuilleton nur den Klassen-Clown?

8 Dezember 2011 um 11:28 • 49 Kommentarepermalink

Viele rätseln derzeit über den partiellen “Linkskurs” des konservativen Leitmediums. Vor allem der forsche Antikapitalismus im Feuilleton wirkt auf manche berauschend. Wird die Frankfurter Redaktion zum Zentrum der deutschen Occupy-Bewegung oder ist alles nur Schall und Rauch?

 

Frank Schirrmacher, der umtriebigste unter den FAZ-Herausgebern, hört bekanntlich das Gras wachsen. Und ich beginne zu glauben, dass er es sogar raucht. Überhaupt halte ich es für möglich, dass im Feuilleton der FAZ kollektiv jene Hortensien geraucht werden, die bei uns im Norden zu Tausenden aus den Einfamilienhaus-Gärten geklaut werden. Heide-Gras soll ja das politische Bewusstsein erweitern.

Mit einem Bewusstseins-Flash fing es in Frankfurt an. Mitten in der Krise, als sich die Empörten gerade auf den Marktplätzen der westlichen Finanzmetropolen (London, New York) zusammen zu rotten begannen, griff Frank Schirrmacher den luziden Gedanken eines britischen Konservativen auf, der mit britischem Understatement die rhetorische Frage gestellt hatte, ob die Linke mit ihren Kapitalismusanalysen nicht vielleicht doch recht gehabt habe.

Schirrmacher nahm die Scheinfrage Charles Moores ernst und konstruierte daraus einen typisch deutschen Gegensatz: den Gegensatz zwischen dem gutwilligen deutschen Bürgertum, das in seiner Naivität von den internationalen Spekulanten über den Tisch gezogen worden sei, und den böswilligen Finanzhaien, die die edlen Werte des Bürgertums für ihre fiesen Zwecke missbraucht hätten.

 

Eine berauschende Feuilleton-Rebellion  

Schirrmachers Text “Ich beginne zu glauben…” war ein genialer Debatten-Impuls, der im Netz – wo heute seine größten Fanboys sitzen – enormes Aufsehen erregte. Und Schirrmacher erklärte sein Statement hinterher nicht etwa zerknirscht zu einem Hysterie-bedingten „Ausrutscher“, nein, er setzte seinen Piraten-Kurs in der FAZ konsequent fort und präsentierte eine saftige Kapitalismuskritik nach der anderen. „Demokratie ist Ramsch“, schrieb er zornig über das politische Handling der Griechenlandkrise, und der Philosoph Jürgen Habermas sekundierte mit einer grundlegenden Kritik der antidemokratischen Europapolitik.

Schirrmacher ließ nicht locker. Er erteilte klugen und originellen Analytikern wie Jens Becker, Wolfgang Streeck, Michael Hudson und David Graeber das Wort („Die nächste Stufe der Finanzkrise“, „Was sind Schulden?“, „Und vergib uns unsere Schulden“ “Der Krieg der Banken gegen das Volk”). Er ließ die Analytiker sorgfältig herausarbeiten, dass Kreditgeber und Demokraten nicht immer die gleichen Interessen verfolgen, ja dass der Erfolg der einen oft die Niederlage der anderen war.

Überhaupt hielt sich nahm das Feuilleton nun kein ungerolltes Blatt mehr vor in den Mund: Schirrmacher lobte überschwänglich die Piratenpartei („Die Revolution der Piraten“) und verfluchte die Staatstrojaner-Politik der schwarz-gelben Bundesregierung („Außer Kontrolle“). Sein Kollege Nils Minkmar, frisch gebackener Feuilletonchef ab 2012, forderte im Zuge der Aufarbeitung des rechten Terrors gar die Abschaffung der unnützen Geheimdienste („Hauptsache, es macht peng!“). Albrecht Müller, der Gründer der NachDenkSeiten, schrieb über “die Lüge von der Systemrelevanz”, und die lange Zeit als Betonkommunistin ausgegrenzte Sahra Wagenknecht schlägt heute Wege aus der Krise vor, die eine Verstaatlichung und Zerschlagung von Banken mit einbeziehen (“Schluss mit Mephistos Umverteilung!”). Ist das FAZ-Feuilleton selbst “außer Kontrolle”?

Irritiert und beglückt über die neuen radikalen Verbündeten aus der alten bräsigen Papier-Welt reagierten viele Leser auf Twitter, Facebook und in Blogs geradezu euphorisch. Jeder möchte wissen, was im Feuilleton geraucht wird. Es scheint gute Qualität zu sein.

Aber ist die rauschhafte Revolte der “Kultur-Fuzzis” gegen den leitartikelnden Mainstream des eigenen Blattes überhaupt durchzuhalten? Werden die anderen Ressorts begeistert mitkiffen oder irgendwann doch den Antidrogen-Kommissar für den harten Entzug bestellen (wie seinerzeit beim Entfernen des unkontrollierbar gewordenen ZEIT-Feuilletonchefs Fritz Jöthe Raddatz)? Oder geht der Trip ganz von selbst wieder vorbei?

Ich erinnere mich, dass der Klassenclown meiner Schulzeit eines Tages, als er vorn an der Tafel stehend etwas erklären sollte, kurzerhand die Kreide nahm und sie durchs geöffnete Fenster aus dem dritten Stock in den Schulhof warf. Die Unterrichtsstunde musste abgebrochen werden, der Klassenclown war der Held des Tages. Er arbeitet heute als Dozent an einer Katholischen Universität in Bayern.

Mitte der achtziger Jahre, als ich bei der sozialdemokratischen Wochenzeitung Vorwärts das Kultur-Ressort leitete (und mich nebenbei auf der Seite 3 und im Wochenthema austoben durfte), ließ ich dort lauter Leute zu Wort kommen, die einer rot-grünen Zusammenarbeit das Wort redeten: prominente Schriftsteller, Musiker, Regisseure, Professoren, Friedensbewegte. Die SPD hatte die Formation rot-grün damals noch mit einem Tabu belegt. Und so kam eines Tages eine Abgesandte des Vorwärts-Herausgebers Egon Bahr in mein Büro und sagte: Wolfgang, ich glaube, du schreibst dich aus dem Blatt hinaus. Was dann auch wirklich so kam.

 

Schreibt sich Frank Schirrmacher aus der FAZ hinaus?

Legt es der führende intellektuelle Kopf der FAZ also darauf an, das Politik- und das Wirtschaftsressort gegen sich aufzubringen? Will er dem Blatt eine Wende verpassen? Hat er schon eine zweite Karriere im Hinterkopf? Oder schmeißt er nur die Kreide aus dem Fenster, um für etwas Unterhaltung und Abwechslung in der Krise zu sorgen?

Schirrmacher hat, das nährt meine noch nicht ganz weichen wollende Skepsis, bereits auf so vielen Trends und Themen gesurft – und die Wellen dafür zum Teil selbst erzeugt -, dass mir ein Bruch mit der streng konservativen FAZ-Kultur kaum vorstellbar erscheint. Bislang tolerieren die anderen Ressorts, von ein paar Sticheleien abgesehen, Schirrmachers Eskapaden generös – so lange er im Rahmen der Leser-Blatt-Bindung eine wichtige Zielgruppe im Netz erschließt, die in 20 Jahren treue und brave FAZ-Abonnenten auf dem iPad sein sollen. Vermutlich liebt er genau dieses Schillernde und Ambivalente und vorausschauend Fürsorgliche seiner Rolle. Er tanzt den Seinen (den Konservativen) auf der Nase herum und meint es doch nur gut mit ihnen.

 

Update 13.12.: Der Konflikt zwischen Feuilleton und Wirtschaftsteil der FAZ wird jetzt auch offen im Blatt ausgetragen. Otmar Issing, ehemaliges Direktoriumsmitglied der EZB, sieht in Schirrmachers Kurs eine Feuilleton-“Kampagne”: Unter dem Titel “Der Weg in die Knechtschaft” heißt es bei Issing: “Dieser Befund macht es den Kritikern leicht, die Politik in den Fängen des Finanzsektors zu sehen. Das Feuilleton der F.A.Z. scheint geradezu eine Kampagne unter diesem Motto zu führen.” 


Wo bin ich?

You are currently browsing entries tagged with Feuilleton at Wolfgang Michal.