Die FAZ nach Schirrmacher oder: Wie relevant ist Twitter?

7 Januar 2019 um 16:05 • 2 Kommentarepermalink

Auf Twitter musste die FAZ zuletzt viel Spott ertragen. Doch tapfer und verbissen verteidigt sie ihre Linie gegen die Zumutungen der Moderne.

 

Twitter fördert die Selbstverliebtheit und raubt einem die Zeit. Sein Dauergeplapper ist so überflüssig wie ein Kropf. Diese ‚fundierte Analyse‘ erschien als Gast-Beitrag am 11. Juli 2017 im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Eine ‚erfrischende Polemik‘ über das, was der Kurznachrichtendienst Twitter in unseren Gesellschaften anrichtet. (Es gibt ja jetzt häufiger „Gast-Beiträge“ und – sehr höflich ausgedrückt – robustere Meinungen in der FAZ).

Geschrieben wurde der ‚Hasspost’ gegen Twitter in Thesenform, wobei die Durchnummerierung der 20 Thesen nur dazu diente, die hin und her mäandernden Gedanken des Autors etwas übersichtlicher zu gestalten.

Natürlich ist es erlaubt, Polemiken gegen Twitter zu verfassen, vor allem, wenn man von Twitter-Nutzern ständig mit gefrusteten oder spöttischen Kommentaren überzogen wird. Doch der veröffentlichte Text des Jura-Professors Eric Posner ist dermaßen hingerotzt, dass ihn Twitter-Nutzer eigentlich hätten veräppeln müssen. Die hatten aber erkennbar keine Lust. Der Text erschien ihnen nicht satisfaktionsfähig (wie so mancher einfach gestrickte „Gastbeitrag“ in der FAZ). Das wird deutlich, wenn man den Spieß einmal umdreht und „Twitter“ spaßeshalber durch die „FAZ“ ersetzt.

Erst in der Parodie wird deutlich, wie verbissen und grob die FAZ nach Schirrmacher geworden ist. Der persiflierte Text liest sich dann so:

 

Das richtet die FAZ an:

Über die Kraft der schwarzen Buchstaben

Warum Menschen die FAZ nutzen, was sie sich von ihr versprechen, was sie stattdessen bekommen und was das einzig Gute an der Zeitung ist: Ein Gastbeitrag in 20 Thesen.

 

1. Menschen abonnieren die FAZ aus zwei Gründen: um Vorurteile zu festigen und um Einfluss vorzutäuschen.

2. Die FAZ erfüllt diese Funktionen perfekt. Wer jedoch nach Informationen zu einem bestimmten Thema sucht, dem steht mit der Google-Suche ein effizienterer Weg zur Verfügung. Wer Informationen über aktuelle Ereignisse will, ist mit Twitter besser bedient.

3. Die FAZ bietet dürftige Informationen, weil ihre Meinungsbeiträge meist von der letzten Empörung getrieben und daher überflüssig sind. Die wenigen Artikel, die interessante oder ungewöhnliche Ideen enthalten, gehen im Blatt unter.

4. Die FAZ ist ein ungeeignetes Instrument, um Einfluss auszuüben (siehe Punkt 1)

5. Kein FAZ-Artikel hat jemals irgendjemanden von irgendetwas überzeugt.

6. Der wirkliche Zweck der FAZ ist nicht, den Menschen zu helfen, an Informationen zu gelangen oder Einfluss auszuüben.

7. Der wirkliche Zweck der FAZ ist es, Menschen zu ermöglichen, dort Bestätigungen ihrer Vorurteile zu finden.

8. Die FAZ-Redakteure machen die Zeitung aus einem einzigen, alles beherrschenden Grund: damit sie „geliked“ oder gelobt werden.

9. Wenn FAZ-Redakteure „geliked“ oder gelobt werden, genießen Sie einen Schub des „Glückshormons“ Dopamin.

10. Es ist völlig gleichgültig, warum FAZ-Redakteure „geliked“ oder gelobt werden oder ob die Leser deren Beiträge überhaupt gelesen haben. Die Redakteure sind schlicht berauscht von einer flüchtigen Illusion von Macht.

11. Menschen loben vor allem FAZ-Artikel, die ihre eigenen Überzeugungen bestätigen.

12. Aus diesem Grund ist der effektivste FAZ-Artikel die oberschlaue Version eines Standpunktes, der ohnehin schon von der Mehrheit der FAZ-Leser vertreten wird. Falls es an Cleverness mangelt, tut es Forschheit auch.

13. Der Ton von FAZ-Artikeln ist entweder hochnäsig oder dünkelhaft.

14. Die Mühelosigkeit, mit der ein FAZ-Redakteur einen Dopamin-Schub erhält, hat einen übermäßigen Ausstoß von Meinungsbeiträgen und eine schwächer werdende Leser-Resonanz zur Folge. Deshalb sind FAZ-Redakteure auch so abhängig von ihrer Zeitung. Sie schreiben immer mehr, um ihre Dopamin-Versorgung aufrecht zu erhalten.

15. Unglücklicherweise können Leser auch negativ auf einen Artikel reagieren. Wenn das passiert, fühlt sich das Selbst bedroht, das Stress-Level steigt, der Organismus stellt sich auf Kämpfen oder Blockieren ein, was in beiden Fällen in eine Art infantiler Regression mündet.

16. In der nicht-virtuellen Welt sind erfolgreiche Menschen darauf bedacht, bestimmte Eindrücke aufrechtzuerhalten. Sie vermeiden es beispielsweise, kontroverse Meinungsäußerungen vor Freunden, Kollegen und Fremden abzugeben, es sei denn, es lässt sich nicht vermeiden. Und selbst dann tun sie es auf eine vorsichtige und respektvolle Art und Weise.

17. Als FAZ-Redakteure verhalten sich diese erfolgreichen Menschen aber so, als bestünde ihr Publikum nur aus wenigen, ähnlich denkenden Freunden. Sie vergessen, dass die Gesellschaft aus sehr vielfältigen Gruppen von Menschen besteht, die nicht zwingend bis in jede Einzelheit in Fragen von Politik, Religion, Moral, Metaphysik und Körperhygiene mit ihnen übereinstimmen. Deshalb wird die Veröffentlichung von Meinungsbeiträgen oft zur Quelle von Missverständnissen und gegenseitiger Anfeindung. Das Paradoxe an FAZ-Redakteuren ist, dass sie eigentlich auf der Suche nach Solidarität sind, allerdings fortwährend an ihre Einsamkeit erinnert werden. Glücklicherweise muss man ihre Zeitung nicht lesen.

18. So beschädigen FAZ-Redakteure, ohne es zu merken, das Bild, das sie in der virtuellen Welt pflegen.

19. Der Sinn der Bestätigung, welche die FAZ liefert, verhält sich wie ein Kartoffelchip zu einer kompletten Mahlzeit. Ein Denker der Frankfurter Schule würde sagen, FAZ-Artikel sind zur Ware gewordene Formen des reaktionären Engagements im Spätkapitalismus. Ihr Konsum führt dazu, dass sich die Leser untereinander entfremden, während sie gleichzeitig in eleganten Werbebeilagen versinken.

20. Dabei macht die FAZ nicht einmal Geld für die kapitalistische Klasse. Sie ist ein schwarzes Loch, eine jede vernünftige Debatte zerstörende Papiermasse für alle Beteiligten.

 

Diesen Text hat die FAZ tatsächlich gedruckt, mit dem kleinen, aber entscheidenden Unterschied, dass er sich nicht gegen das eigene Blatt, sondern gegen Twitter richtete: 20 hingeworfene, sich teilweise wiederholende Beleidigungen.

Was würden die FAZ-Nutzer sagen, wenn eine solche Tirade über die FAZ auf Twitter erschiene? Nicht einmal die unversöhnlichsten FAZ-Kritiker würden begeistert ausrufen: „Brillant! Genau so ist es!“ Denn es wäre eine billige Herabwürdigung der FAZ und ihrer vielen guten Autoren. Doch exakt so platt wird ein Phänomen wie Twitter im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ‚analysiert‘.

Eine echte Auseinandersetzung findet nicht statt. Kein Wort über die Funktion von Twitter für die heutige US-Politik, für Politik überhaupt. Kein Wort über die Unzahl von Journalisten, die Twitter als Quelle, Vernetzungs-, Verbreitungs- und Debatteninstrument nutzen. Kein Gespür für die Vielfalt, die sich in den zahllosen Nischen dieses Netzwerks zeigt.

Die neue digitale Öffentlichkeit wird immer nur gereizt und voller Ekel missbilligt – und gleichzeitig eifrig bedient: Der Twitter-Account der FAZ hat mittlerweile 489.000 Follower, weit mehr als das Blatt an gedruckter Auflage erreicht. Nicht wenige FAZ-Autoren twittern begeistert mit.

Es gab Zeiten, da war die Kritik an der Moderne origineller und differenzierter. Auch die konservative.

 

P.S. Dieser Beitrag entstand bereits im Juli 2017, wurde aber zunächst nicht veröffentlicht. Ich zögerte und aktualisierte nur hin und wieder die Verlinkungen. Vielleicht hatte Eric Posner (siehe den heutigen Twitterverzicht von Robert Habeckja doch recht. Dann wieder dachte ich: Vergiss es, der Beitrag Posners sollte ja bloß ein ‚witzig‘ formulierter Denkanstoß sein. Andererseits nimmt die „Bedeutung“ von Twitter immer weiter zu, nicht zuletzt durch twitternde Politiker und Journalisten. Was denkt ihr? Wie relevant ist Twitter? 

P.P.S: Stefan Schulz (ehemals FAZ) äußert sich in seinem „Talkradio“ am 25.1.2019 zur Relevanz von Twitter: „Twitter ist unser Schicksal“ 


Sechs Anmerkungen zu Schirrmachers neuen linken Freunden

16 August 2011 um 15:06 • 47 Kommentarepermalink

Weil sich die digitale Linke durch einen Beitrag Frank Schirrmachers in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) gebauchpinselt fühlt, ist sie offensichtlich nicht mehr in der Lage, einen Text genau zu lesen und zu analysieren.

 

1. Schon die Überschrift – „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“ – ist eindeutig ein Zitat, also nicht die Meinung des Autors. Schirrmacher zitiert den Thatcheristen Charles Moore, der angesichts der ‚plötzlich’ kaputten britischen Gesellschaft (wer hat sie wohl kaputt gemacht?) so erschrocken ist, dass er die rhetorische Frage stellt, ob der gegenwärtige Finanzkapitalismus vielleicht doch so sei, wie ihn die Linke immer beschreibe. In dieser rhetorischen (d.h. nicht ernst gemeinten) Frage steckt bereits die illusionäre Annahme, es könne außer dem „gegenwärtigen“ noch einen anderen, einen besser verträglichen Finanzkapitalismus geben.

2. Schirrmacher findet natürlich nicht, dass die Linke Recht hat. Er will nur – wie der von ihm zitierte Charles Moore – die Konservativen wachrütteln. Denn die Wut-Revolten (Nordafrika, Nahost, Griechenland, Spanien, Großbritannien) kommen näher. Schirrmacher verweist in seinem Beitrag dann aber lediglich auf Erwin Teufels blauäugige Kritik an der „entwerteten“ CDU und erhebt den als Kanzler in der Wirtschaftskrise (1966/67) gescheiterten Ludwig Erhard zum Leitbild. Dieser Fingerzeig in die Nischen-Vergangenheit der deutschen Nachkriegsjahre wird nicht viel helfen.

3. Die Angst der Konservativen, sie könnten mit den neoliberalen Finanzmarktjongleuren identifiziert und demnächst als „Leerverkäufer“ abgeschlachtet werden, ist die Ur-Angst des Bürgers Thomas Mann vor der Revolution, niedergeschrieben in den immer noch lesenswerten „Bekenntnissen eines Unpolitischen“ (1918). Schirrmacher gibt Thomas Manns (und Charles Moores) Alarmmeldung weiter (und die FAZ-Posaunen von weissgarnix und anderen Blogs schließen sich – wie immer – vorbehaltlos an). In Wirklichkeit nützt Schirrmachers unpolitische Plutokratie-Kritik nur den radikalen und populistischen Rechten: Die Darstellung des Bürgertums als unschuldiges, missbrauchtes Opfer von haltlosen Demokraten und „Mächtigen“ („gekidnappt durch eine sogenannte bürgerliche Politik“) ist Wasser auf deren Mühlen.

4. Charles Moore beschäftigt sich in seinem Artikel ausführlich mit einer angelsächsischen Besonderheit: der Rolle von Rupert Murdochs weltumspannender (und teils mit kriminellen Methoden betriebenen) Vernebelungs- und Verdummungsindustrie. Das wichtige Medienthema verschweigt Schirrmacher gänzlich und kapriziert sich stattdessen auf die angeblich von der Finanzindustrie „ausgeliehenen“ (und nie zurück gegebenen) bürgerlichen Werte. Was für ein bullshit! Es findet bei Schirrmacher keine „Selbstdesillusionierung des bürgerlichen Denkens“ statt, wie er vorgibt, sondern, im Gegenteil, eine gefährliche Illusionierung: der Aufbau der Lebenslüge, das Bürgertum habe mit den wild gewordenen „Finanz-Märkten“ rein gar nichts zu tun.

5. Schirrmachers Artikel ist ein verstecktes Plädoyer für die Rückkehr zur Großen Koalition (um Schlimmeres zu verhüten). So wie andere Erz-Konservative glaubt er nicht, dass sich der Konservativismus in Deutschland durch Mund-zu-Mund-Beatmung mit den Grünen reanimieren ließe. Der Konservativismus, so viel ahnt er, würde durch die Grünen eher ausgesaugt und eines Tages ersetzt. Deshalb wollen echte Konservative auch keine schwarz-grüne Koalition.

6. „Rückkehr“ ist das Wohlfühl-Mantra der konservativen Kritik an der gegenwärtigen Finanzindustrie: Rückkehr zu bürgerlichen Werten, Rückkehr zur Great Society, Rückkehr zu Ludwig Erhard, Rückkehr zum guten alten Kaufmannsgeist (am besten: Rückkehr in Mutters Schoß). Doch es wird keine Rückkehr geben. Deshalb ist Schirrmachers „Kritik“ vor allem eins: hilflos.


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