Panik im Mittelstand oder: Wohin driftet der Journalismus?

23 September 2014 um 11:55 • 5 Kommentarepermalink

Die Publizistik der Zukunft, sagen jetzt sogar Konservative wie Arnulf Baring, benötige wahrscheinlich Staatsknete. Andere meinen, das Recherchieren solle gemeinnützig werden. Über sich häufende Panikattacken im Journalismus-Diskurs, die neue Liebe zu den Öffentlich-Rechtlichen und eine Rückkehr zu alten Tugenden. Dritter und letzter Teil meiner Serie über den Strukturwandel der Öffentlichkeit.

 

Als ich in den achtziger Jahren Redakteur beim Hamburger Magazin Geo wurde, erzählten mir die älteren Kollegen unglaubliche Storys von ihrem aufregenden und komfortablen Reporterleben in den Siebzigern: Morgens um elf seien sie mit dem Taxi zur Arbeit gefahren und abends um elf mit dem Taxi zur Kneipe wieder nach Hause. Sie hätten auf Reisen in Fünf-Sterne-Hotels übernachtet und wären ganz selbstverständlich Business Class geflogen. Recherchen im Ausland konnten – ohne Weiteres – auf vier oder fünf Wochen ausgedehnt werden, Spesenbelege wurden nicht mit der Lupe geprüft. Als Redakteur trug man handgenähte 600 Mark-Schuhe und die Gesprächspartner bewirtete man in ausgesuchten Restaurants. Denn ein Journalist, sagten die älteren Kollegen, dürfe nicht auftreten wie ein armer Schlucker, er müsse sein Blatt repräsentieren und das Heft der Story in der Hand behalten.

Kein Zweifel, auf diese selbstbewusste, egozentrische und standesdünkelhafte Weise sind herausragende Stücke entstanden. Und man musste nicht einmal Tom Wolfe heißen, um von den großen Magazinen so großzügig ausgestattet zu werden (Verlage waren damals vorwiegend Herrenausstatter!).

Die privilegierte Zeit – nennen wir sie die Komfortphase des Journalismus – dauerte bis Anfang der neunziger Jahre. Mit dem Abflauen der hitzigen Wiedervereinigungskonjunktur und der anschließenden Turbo-Globalisierung begann dann die große Medien-Krise. Alle seit damals in den Beruf eintretenden Generationen (mit Ausnahme der verbeamteten Redakteure in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten) kennen nur diesen einen Zustand – DAUERKRISE: wiederkehrende Sparrunden, fortschreitendes Downsizing, verschlossene Türen, sich festsetzende Zukunftsangst.

Heute müssen Journalisten auf jeder Taxiquittung die Fahrstrecke und den Grund ihrer Fahrt vermerken, sie übernachten in Billighotelketten oder privat, fahren mit der eigenen Bahncard zweiter Klasse, leben tagsüber von Döner und Bratwurst, fliegen ganz selbstverständlich mit Ryanair oder Germanwings, kaufen ihre Schuhe bei Deichmann, sind ihr eigenes Sekretariat und drucken sich die benötigten Tickets an ihren verdreckten Tintenstrahl-Druckern selber aus. Journalisten sind nichts Besonderes mehr. Sie sind Wegwerfware wie andere Lohnarbeiter auch. Ihre Presseausweise rufen an den Museumskassen des Landes nur noch ein mitleidiges Lächeln hervor. Das ist die Lage. Und diese Lage wird sich weiter verschlechtern.

 

Der Strukturwandel der Öffentlichkeit

Schuld daran ist die wachsende Konvergenz zwischen den Internet-Plattformen (Ebay, Amazon, Google, Facebook etc.) und den Presseverlagen. Während Presse-Verlage wie Burda und Springer immer stärker zu Internet-Plattformen mutieren, verwandeln sich umgekehrt Internet-Plattformen immer stärker zu Verlagen. Die Mischformen, die aus der gegenseitigen Durchdringung hervorgehen, werden den Journalismus auf zweifache Weise marginalisieren:

– Wenn etwa Presseverlage ihre Renditen mit dem Verkauf von Katzenfutter oder dem Betrieb von Single-Börsen erwirtschaften (also nicht mehr nur Anzeigen von diesen Firmen drucken), können sie in der Berichterstattung über solche Themen nicht mehr neutral sein. Journalismus und PR werden sich – nicht nur bei der Huffington Post – stärker mischen, ja ununterscheidbar ineinanderfließen. Da Anzeigenkunden heute außerdem über zielgenaue und billige Alternativen zum „Trägermedium Journalismus“ verfügen, werden sie die Machtverschiebung zu ihren Gunsten in allerlei Sonderwünsche ummünzen: Wir schalten nur dann eine Anzeige, wenn das journalistische Umfeld so aussieht, wie wir das wollen. Gegen solche Zumutungen wird sich der Journalismus nicht wehren können, wenn er gleichzeitig seine komfortablen Bedingungen behalten will. Er wird sich anpassen oder in Nischen zurückziehen müssen.

– Entwertet wird der Journalismus aber auch durch eine Kombination von Rationalisierung und Amateurisierung: Viele Redaktionen werden verkleinert oder zusammengelegt, Inhalte werden von Laien und Hilfskräften zugeliefert. Diese ‚Subunternehmer’ verlangen wenig Honorar oder tauschen Arbeit gegen Werbeplätze und Popularitätszuwachs. Rund um die künftigen „Houses of Content“ werden sich „Communities of Interest“ ansiedeln wie Favelas um die Viertel der Reichen.

Verlage und Internet-Plattformen verschmelzen also zu Content verarbeitenden (austauschbaren) Fabriken. Hauptleidtragende dieser Entwicklung werden nicht die freien Journalisten sein, denen es heute schon schlecht genug geht, Hauptleidtragende werden die mittelständischen, mittelprächtigen, dem mittleren Mainstream verhafteten Angestellten-Journalisten sein, die bei Zeitschriften, Privatsendern oder Regionalzeitungen noch so viel Geld verdienen, dass sie sich ein Reihenhäuschen im Grünen leisten können. Ihr Anteil wird am stärksten schrumpfen. Immun gegen das Downsizing der journalistischen Mittelschicht sind lediglich die Mitarbeiter der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und ein Teil jener Journalisten, die für Medien arbeiten, bei denen die Höhe des Verkaufspreises keine entscheidende Rolle spielt. Alle übrigen rutschen in die prekäre Szene der Fließbandproduktionen ab.

 

Zwei Wege in die Zukunft

Wer heute immer noch Journalist werden will (und das wollen erstaunlicherweise immer noch viele), wird künftig davon ausgehen können, entweder über Gebühren und Steuern finanziert zu werden oder von Stiftungen, Internet-Plattformen oder Crowdfunding zu leben. Der Journalist der Zukunft wird so im weitesten Sinne dem Öffentlichen Dienst angehören und als Vermittler von Informationen um größtmögliche Neutralität, Ausgewogenheit und Distanz bemüht sein. Oder er wird im Sinne der ihn beauftragenden ‚Gemeinde’ ganz bestimmte Ziele verfolgen und eine neue Form des Partei- und PR-Journalismus etablieren.

Abseits dieser beiden Hauptströmungen wird es eine kleine radikale Minderheit geben, die sich aus journalismusfernen Milieus, Medien-Aussteigern und Medien-Newcomern rekrutiert. Diese Minderheit wird sich als treibende Kraft einer journalistischen Erneuerungsbewegung empfinden. Sie wird unter den erschwerten Bedingungen staatlicher Verfolgung und gesellschaftlicher Ausgrenzung operieren und mal von reichen Philanthropen, mal von subkulturellen Milieus oder oppositionellen Randgruppen getragen. Enthüllungsplattformen wie WikiLeaks und The Intercept, Journalisten wie Glenn Greenwald, Laura Poitras oder Jeremy Scahill sind nur die Vorboten dieses Wandels. Sie verachten den braven Kunstjournalismus, der in Journalistenschulen gelehrt wird und in Journalistenpreisen erstickt. Sie verschreiben sich einem neuen ‚Kampfjournalismus‘, der in Upton Sinclair, Ida Tarbell, Günter Wallraff, Barbara Ehrenreich oder Michael Moore seine Traditionslinien hat.

Für welche Existenzform werden sich die künftigen Journalisten-Generationen entscheiden?

 

Der künftige Mehrheits-Journalismus

Je stärker die Verlage rationalisieren und den Umstieg ins digitale Zeitalter vorbereiten, desto stärker werden die betroffenen Journalisten ein altes Modell zu schätzen wissen, das sie lange und nicht ganz zu Unrecht mit der Erstarrung des Journalismus gleichgesetzt haben. Anders ausgedrückt: Je schlechter die Arbeitsbedingungen bei den Verlagen werden, desto heller werden die Versorgungsleistungen bei ARD und ZDF, ARTE und Deutschlandradio erstrahlen. Der öffentlich-rechtliche Journalismus wird eine ungeahnte Aufwertung erleben, ob in seiner aktuellen Organisationsform (als Anstalt des öffentlichen Rechts) oder als staatliches Stiftungsmodell, im Rahmen einer Kulturflatrate, als Subventionsprojekt (wie in Skandinavien) oder als Genossenschafts-Experiment. Die heftigen Debatten, die in den vergangenen Jahren darüber geführt wurden, teils als Graben-, teils als Glaubenskrieg, kamen zu früh. Erst nach dem Aus der Gruner & JahrWirtschaftsmedien, den Sparrunden bei WAZ, FAZ und DuMont Schauberg, dem SpringerFunkeDeal, der Zentralisierung der Madsack-Blätter, der Spiegel– und SternKrise, der Verramschung berühmter US-Zeitungen und dem Einstieg der Internetkonzerne ins Verlagswesen dämmert es auch den hartleibigsten Verdrängern: die journalistische Mittelschicht erodiert. Nur deshalb ist die Sehnsucht nach öffentlich-rechtlicher Sicherheit und öffentlich-rechtlichem Komfort wieder gewachsen.

Als ich vor einiger Zeit in Hamburg eines der vielen tausend Medien-Panels zur Zukunft des Journalismus besuchte, kam der mit Abstand fröhlichste und zufriedenste Vertreter von einer… öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt. Seine Tätigkeit war nicht nur die angenehmste, sie war auch die journalistisch respektabelste und die finanziell am besten ausgestattete. Als die Podiumsteilnehmer gegen Ende der Veranstaltung gefragt wurden, mit welchem der Mitdiskutanten sie am liebsten tauschen würden, nannten ausnahmslos alle den Vertreter des Österreichischen Rundfunks.

Die Erosion des journalistischen Mittelstands wird so stark sein, dass die längst überfällige Debatte über eine Neuverteilung der Haushaltsabgabe endlich in Gang kommt. Das heißt, die Parteien müssen sich ernsthaft mit der Neuverteilung der Rundfunk-Milliarden befassen. Nur die von der Haushaltsabgabe aufgebrachte Summe kann den Journalismus in seiner ganzen Länge und Breite finanzieren – und zwar nicht nur den Rundfunkjournalismus, sondern jede Form von Journalismus. Erste Integrations-Versuche laufen bereits. Um das Jahr 2030 könnte die Haushaltsabgabe dann die maßgebliche Finanzierungsquelle für Rundfunkanstalten, Qualitätspresse und zertifizierte Internet-Plattformen sein.

Natürlich wird ein Teil der Journalisten auch weiterhin rein privat finanziert werden, nur eben nicht von klassischen Presseverlagen, sondern von Lesergemeinden, Presse-Stiftungen, Mäzenen, Vereinen, Unternehmen, NGOs, Bürgerinitiativen, Parteien usw. Dieser anwaltliche Journalismus ist thematisch klarer fokussiert als ein Generalanzeiger mit seinen klassischen fünf bis sechs Ressorts, er ist aber auch zeitlich an bestimmte Projekte und Ziele gebunden. Er macht im Prinzip „Werbung für eine gute Sache“, für die Sache des jeweiligen Auftraggebers. Da diese Medien in der Regel von Nicht-Journalisten herausgegeben und kontrolliert werden, wird es immer wieder zu Spannungen und Friktionen kommen, die naturgemäß heftiger ausfallen als Konflikte im öffentlich-rechtlichen Mediensystem.

 

Guerilla-Journalismus

Ein winziger, aber nicht zu unterschätzender Teil der Journalisten wird sich – wie oben angedeutet – unter dem Druck der Übergangs-Verhältnisse radikalisieren. Barbara Ehrenreich, die große alte Dame des US-Journalismus, hat vor Jahren eine bewegende und idealistische Rede an die Absolventen ihrer Graduate School of Journalism gehalten. Sie sagte:

„Meine Mitarbeiter haben mir gesagt, ich darf heute nicht zu negativ werden. Ich soll nicht zu schwarz malen. Also sage ich Euch, die ihr die Journalistenschule heute verlassen werdet: Willkommen in einem sterbenden Gewerbe! Willkommen in einer untergehenden Industrie. Im Amerika der Arbeitslosen seid ihr in bester Gesellschaft. Ihr werdet gebraucht. Ich weiß zwar nicht, wo und von wem ihr gebraucht werdet, und ich weiß auch nicht, wer Euch bezahlen soll, aber ich weiß: Man kann uns nicht aufhalten!

Wenn Zeitungen keine Journalisten mehr einstellen, dann gibt es nur eins: Werdet Guerilla-Journalisten! Denn so lange es Geschichten gibt, die erzählt werden müssen, und so lange es Ungerechtigkeiten und Ungereimtheiten gibt, die aufgedeckt und gelöst werden müssen, so lange dürfen wir nicht aufgeben.

Der Journalisten-Beruf ist kein Titel, den man sich ans Revers heften kann, er ist auch kein Zeugnis, das irgendwelche Ansprüche begründet, nein, ein Journalistenschul-Abschluss in Berkeley ist nichts anderes als eine Lizenz zum Kämpfen.“

Ich bin nicht sicher, ob Barbara Ehrenreich beim Abfassen ihrer Rede – sie schrieb sie noch vor der Finanzkrise – ahnte, dass neben dem wirtschaftlichen Downsizing eine zweite Gefahr auf die Journalisten der Zukunft lauern würde: die Gefahr der gesellschaftlichen Ausgrenzung. Seit dem Auftauchen des Phänomens Whistleblower und der Zunahme staatlicher Repressionen gegen „Enthüllungsjournalisten“ wissen wir, dass Staatsbürokratien (autoritäre wie demokratische) im Zweifel gegen die Aufklärungsarbeit von Journalisten und Bloggern zusammenhalten. Der Beruf des Journalisten gerät damit, wie der Reporter Seymour M. Hersh es ausdrückte, in jene „Außenseiter-Rolle“, die er früher, in seinen Anfangsjahren, innehatte. Nicht nur das Schicksal der von Karl Marx redigierten Neuen Rheinischen Zeitung erzählt davon: Im europäischen Revolutionsjahr 1848, als Zeitungen für den Staat noch gefährlich waren und häufig verboten wurden, schrieb die französische Zeitung „Le Salut Public“, die Presse nehme das Erbe der drei anderen Staatsgewalten an, „zu deren Zerstörung sie beigetragen hat“.

Das mag pathetisch und ein wenig anmaßend klingen, aber die Zeit der Ausreden und des journalistischen Komforts ist vorbei. Es wird nun vom Geschick einer neuen Generation von Medien-Unternehmern abhängen, ob die journalistischen Guerilleros sich eines Tages wieder beruhigen – und ob der journalistische Mittelstand sich wieder ein Reihenhäuschen von seiner journalistischen Arbeit wird leisten können.

 

Die bisher erschienenen Beiträge:

Teil 1: Der bequeme Mythos von den angeblich innovationsunfähigen Verlagen (24.6.2012)

Teil 2: Wie aus Internet-Plattformen Verlage werden (27.8.2012)

Diese Beiträge sind ebenfalls abgedruckt in „Medienwandel kompakt 2011 – 2013“, Springer VS Verlag, Wiesbaden 2014.


Rückt die FAZ nach links? Oder gibt das Feuilleton nur den Klassen-Clown?

8 Dezember 2011 um 11:28 • 49 Kommentarepermalink

Viele rätseln derzeit über den partiellen „Linkskurs“ des konservativen Leitmediums. Vor allem der forsche Antikapitalismus im Feuilleton wirkt auf manche berauschend. Wird die Frankfurter Redaktion zum Zentrum der deutschen Occupy-Bewegung oder ist alles nur Schall und Rauch?

 

Frank Schirrmacher, der umtriebigste unter den FAZ-Herausgebern, hört bekanntlich das Gras wachsen. Und ich beginne zu glauben, dass er es sogar raucht. Überhaupt halte ich es für möglich, dass im Feuilleton der FAZ kollektiv jene Hortensien geraucht werden, die bei uns im Norden zu Tausenden aus den Einfamilienhaus-Gärten geklaut werden. Heide-Gras soll ja das politische Bewusstsein erweitern.

Mit einem Bewusstseins-Flash fing es in Frankfurt an. Mitten in der Krise, als sich die Empörten gerade auf den Marktplätzen der westlichen Finanzmetropolen (London, New York) zusammen zu rotten begannen, griff Frank Schirrmacher den luziden Gedanken eines britischen Konservativen auf, der mit britischem Understatement die rhetorische Frage gestellt hatte, ob die Linke mit ihren Kapitalismusanalysen nicht vielleicht doch recht gehabt habe.

Schirrmacher nahm die Scheinfrage Charles Moores ernst und konstruierte daraus einen typisch deutschen Gegensatz: den Gegensatz zwischen dem gutwilligen deutschen Bürgertum, das in seiner Naivität von den internationalen Spekulanten über den Tisch gezogen worden sei, und den böswilligen Finanzhaien, die die edlen Werte des Bürgertums für ihre fiesen Zwecke missbraucht hätten.

 

Eine berauschende Feuilleton-Rebellion

Schirrmachers Text „Ich beginne zu glauben…“ war ein genialer Debatten-Impuls, der im Netz – wo heute seine größten Fanboys sitzen – enormes Aufsehen erregte. Und Schirrmacher erklärte sein Statement hinterher nicht etwa zerknirscht zu einem Hysterie-bedingten „Ausrutscher“, nein, er setzte seinen Piraten-Kurs in der FAZ konsequent fort und präsentierte eine saftige Kapitalismuskritik nach der anderen. „Demokratie ist Ramsch“, schrieb er zornig über das politische Handling der Griechenlandkrise, und der Philosoph Jürgen Habermas sekundierte mit einer grundlegenden Kritik der antidemokratischen Europapolitik.

Schirrmacher ließ nicht locker. Er erteilte klugen und originellen Analytikern wie Jens Becker, Wolfgang Streeck, Michael Hudson und David Graeber das Wort („Die nächste Stufe der Finanzkrise“, „Was sind Schulden?“, „Und vergib uns unsere Schulden“ „Der Krieg der Banken gegen das Volk“). Er ließ die Analytiker sorgfältig herausarbeiten, dass Kreditgeber und Demokraten nicht immer die gleichen Interessen verfolgen, ja dass der Erfolg der einen oft die Niederlage der anderen war.

Überhaupt hielt sich nahm das Feuilleton nun kein ungerolltes Blatt mehr vor in den Mund: Schirrmacher lobte überschwänglich die Piratenpartei („Die Revolution der Piraten“) und verfluchte die Staatstrojaner-Politik der schwarz-gelben Bundesregierung („Außer Kontrolle“). Sein Kollege Nils Minkmar, frisch gebackener Feuilletonchef ab 2012, forderte im Zuge der Aufarbeitung des rechten Terrors gar die Abschaffung der unnützen Geheimdienste („Hauptsache, es macht peng!“). Albrecht Müller, der Gründer der NachDenkSeiten, schrieb über „die Lüge von der Systemrelevanz“, und die lange Zeit als Betonkommunistin ausgegrenzte Sahra Wagenknecht schlägt heute Wege aus der Krise vor, die eine Verstaatlichung und Zerschlagung von Banken mit einbeziehen („Schluss mit Mephistos Umverteilung!“). Ist das FAZ-Feuilleton selbst „außer Kontrolle“?

Irritiert und beglückt über die neuen radikalen Verbündeten aus der alten bräsigen Papier-Welt reagierten viele Leser auf Twitter, Facebook und in Blogs geradezu euphorisch. Jeder möchte wissen, was im Feuilleton geraucht wird. Es scheint gute Qualität zu sein.

Aber ist die rauschhafte Revolte der „Kultur-Fuzzis“ gegen den leitartikelnden Mainstream des eigenen Blattes überhaupt durchzuhalten? Werden die anderen Ressorts begeistert mitkiffen oder irgendwann doch den Antidrogen-Kommissar für den harten Entzug bestellen (wie seinerzeit beim Entfernen des unkontrollierbar gewordenen ZEIT-Feuilletonchefs Fritz Jöthe Raddatz)? Oder geht der Trip ganz von selbst wieder vorbei?

Ich erinnere mich, dass der Klassenclown meiner Schulzeit eines Tages, als er vorn an der Tafel stehend etwas erklären sollte, kurzerhand die Kreide nahm und sie durchs geöffnete Fenster aus dem dritten Stock in den Schulhof warf. Die Unterrichtsstunde musste abgebrochen werden, der Klassenclown war der Held des Tages. Er arbeitet heute als Dozent an einer Katholischen Universität in Bayern.

Mitte der achtziger Jahre, als ich bei der sozialdemokratischen Wochenzeitung Vorwärts das Kultur-Ressort leitete (und mich nebenbei auf der Seite 3 und im Wochenthema austoben durfte), ließ ich dort lauter Leute zu Wort kommen, die einer rot-grünen Zusammenarbeit das Wort redeten: prominente Schriftsteller, Musiker, Regisseure, Professoren, Friedensbewegte. Die SPD hatte die Formation rot-grün damals noch mit einem Tabu belegt. Und so kam eines Tages eine Abgesandte des Vorwärts-Herausgebers Egon Bahr in mein Büro und sagte: Wolfgang, ich glaube, du schreibst dich aus dem Blatt hinaus. Was dann auch wirklich so kam.

 

Schreibt sich Frank Schirrmacher aus der FAZ hinaus?

Legt es der führende intellektuelle Kopf der FAZ also darauf an, das Politik- und das Wirtschaftsressort gegen sich aufzubringen? Will er dem Blatt eine Wende verpassen? Hat er schon eine zweite Karriere im Hinterkopf? Oder schmeißt er nur die Kreide aus dem Fenster, um für etwas Unterhaltung und Abwechslung in der Krise zu sorgen?

Schirrmacher hat, das nährt meine noch nicht ganz weichen wollende Skepsis, bereits auf so vielen Trends und Themen gesurft – und die Wellen dafür zum Teil selbst erzeugt -, dass mir ein Bruch mit der streng konservativen FAZ-Kultur kaum vorstellbar erscheint. Bislang tolerieren die anderen Ressorts, von ein paar Sticheleien abgesehen, Schirrmachers Eskapaden generös – so lange er im Rahmen der Leser-Blatt-Bindung eine wichtige Zielgruppe im Netz erschließt, die in 20 Jahren treue und brave FAZ-Abonnenten auf dem iPad sein sollen. Vermutlich liebt er genau dieses Schillernde und Ambivalente und vorausschauend Fürsorgliche seiner Rolle. Er tanzt den Seinen (den Konservativen) auf der Nase herum und meint es doch nur gut mit ihnen.

 

Update 13.12.: Der Konflikt zwischen Feuilleton und Wirtschaftsteil der FAZ wird jetzt auch offen im Blatt ausgetragen. Otmar Issing, ehemaliges Direktoriumsmitglied der EZB, sieht in Schirrmachers Kurs eine Feuilleton-„Kampagne“: Unter dem Titel „Der Weg in die Knechtschaft“ heißt es bei Issing: „Dieser Befund macht es den Kritikern leicht, die Politik in den Fängen des Finanzsektors zu sehen. Das Feuilleton der F.A.Z. scheint geradezu eine Kampagne unter diesem Motto zu führen.“ 


Wo bin ich?

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