Die FAZ nach Schirrmacher oder: Wie relevant ist Twitter?

7 Januar 2019 um 16:05 • 2 Kommentarepermalink

Auf Twitter musste die FAZ zuletzt viel Spott ertragen. Doch tapfer und verbissen verteidigt sie ihre Linie gegen die Zumutungen der Moderne.

 

Twitter fördert die Selbstverliebtheit und raubt einem die Zeit. Sein Dauergeplapper ist so überflüssig wie ein Kropf. Diese ‘fundierte Analyse’ erschien als Gast-Beitrag am 11. Juli 2017 im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Eine ‘erfrischende Polemik’ über das, was der Kurznachrichtendienst Twitter in unseren Gesellschaften anrichtet. (Es gibt ja jetzt häufiger „Gast-Beiträge“ und – sehr höflich ausgedrückt – robustere Meinungen in der FAZ).

Geschrieben wurde der ‚Hasspost’ gegen Twitter in Thesenform, wobei die Durchnummerierung der 20 Thesen nur dazu diente, die hin und her mäandernden Gedanken des Autors etwas übersichtlicher zu gestalten.

Natürlich ist es erlaubt, Polemiken gegen Twitter zu verfassen, vor allem, wenn man von Twitter-Nutzern ständig mit gefrusteten oder spöttischen Kommentaren überzogen wird. Doch der veröffentlichte Text des Jura-Professors Eric Posner ist dermaßen hingerotzt, dass ihn Twitter-Nutzer eigentlich hätten veräppeln müssen. Die hatten aber erkennbar keine Lust. Der Text erschien ihnen nicht satisfaktionsfähig (wie so mancher einfach gestrickte “Gastbeitrag” in der FAZ). Das wird deutlich, wenn man den Spieß einmal umdreht und „Twitter“ spaßeshalber durch die „FAZ“ ersetzt.

Erst in der Parodie wird deutlich, wie verbissen und grob die FAZ nach Schirrmacher geworden ist. Der persiflierte Text liest sich dann so:

 

Das richtet die FAZ an:

Über die Kraft der schwarzen Buchstaben

Warum Menschen die FAZ nutzen, was sie sich von ihr versprechen, was sie stattdessen bekommen und was das einzig Gute an der Zeitung ist: Ein Gastbeitrag in 20 Thesen.

 

1. Menschen abonnieren die FAZ aus zwei Gründen: um Vorurteile zu festigen und um Einfluss vorzutäuschen.

2. Die FAZ erfüllt diese Funktionen perfekt. Wer jedoch nach Informationen zu einem bestimmten Thema sucht, dem steht mit der Google-Suche ein effizienterer Weg zur Verfügung. Wer Informationen über aktuelle Ereignisse will, ist mit Twitter besser bedient.

3. Die FAZ bietet dürftige Informationen, weil ihre Meinungsbeiträge meist von der letzten Empörung getrieben und daher überflüssig sind. Die wenigen Artikel, die interessante oder ungewöhnliche Ideen enthalten, gehen im Blatt unter.

4. Die FAZ ist ein ungeeignetes Instrument, um Einfluss auszuüben (siehe Punkt 1)

5. Kein FAZ-Artikel hat jemals irgendjemanden von irgendetwas überzeugt.

6. Der wirkliche Zweck der FAZ ist nicht, den Menschen zu helfen, an Informationen zu gelangen oder Einfluss auszuüben.

7. Der wirkliche Zweck der FAZ ist es, Menschen zu ermöglichen, dort Bestätigungen ihrer Vorurteile zu finden.

8. Die FAZ-Redakteure machen die Zeitung aus einem einzigen, alles beherrschenden Grund: damit sie „geliked“ oder gelobt werden.

9. Wenn FAZ-Redakteure „geliked“ oder gelobt werden, genießen Sie einen Schub des „Glückshormons“ Dopamin.

10. Es ist völlig gleichgültig, warum FAZ-Redakteure „geliked“ oder gelobt werden oder ob die Leser deren Beiträge überhaupt gelesen haben. Die Redakteure sind schlicht berauscht von einer flüchtigen Illusion von Macht.

11. Menschen loben vor allem FAZ-Artikel, die ihre eigenen Überzeugungen bestätigen.

12. Aus diesem Grund ist der effektivste FAZ-Artikel die oberschlaue Version eines Standpunktes, der ohnehin schon von der Mehrheit der FAZ-Leser vertreten wird. Falls es an Cleverness mangelt, tut es Forschheit auch.

13. Der Ton von FAZ-Artikeln ist entweder hochnäsig oder dünkelhaft.

14. Die Mühelosigkeit, mit der ein FAZ-Redakteur einen Dopamin-Schub erhält, hat einen übermäßigen Ausstoß von Meinungsbeiträgen und eine schwächer werdende Leser-Resonanz zur Folge. Deshalb sind FAZ-Redakteure auch so abhängig von ihrer Zeitung. Sie schreiben immer mehr, um ihre Dopamin-Versorgung aufrecht zu erhalten.

15. Unglücklicherweise können Leser auch negativ auf einen Artikel reagieren. Wenn das passiert, fühlt sich das Selbst bedroht, das Stress-Level steigt, der Organismus stellt sich auf Kämpfen oder Blockieren ein, was in beiden Fällen in eine Art infantiler Regression mündet.

16. In der nicht-virtuellen Welt sind erfolgreiche Menschen darauf bedacht, bestimmte Eindrücke aufrechtzuerhalten. Sie vermeiden es beispielsweise, kontroverse Meinungsäußerungen vor Freunden, Kollegen und Fremden abzugeben, es sei denn, es lässt sich nicht vermeiden. Und selbst dann tun sie es auf eine vorsichtige und respektvolle Art und Weise.

17. Als FAZ-Redakteure verhalten sich diese erfolgreichen Menschen aber so, als bestünde ihr Publikum nur aus wenigen, ähnlich denkenden Freunden. Sie vergessen, dass die Gesellschaft aus sehr vielfältigen Gruppen von Menschen besteht, die nicht zwingend bis in jede Einzelheit in Fragen von Politik, Religion, Moral, Metaphysik und Körperhygiene mit ihnen übereinstimmen. Deshalb wird die Veröffentlichung von Meinungsbeiträgen oft zur Quelle von Missverständnissen und gegenseitiger Anfeindung. Das Paradoxe an FAZ-Redakteuren ist, dass sie eigentlich auf der Suche nach Solidarität sind, allerdings fortwährend an ihre Einsamkeit erinnert werden. Glücklicherweise muss man ihre Zeitung nicht lesen.

18. So beschädigen FAZ-Redakteure, ohne es zu merken, das Bild, das sie in der virtuellen Welt pflegen.

19. Der Sinn der Bestätigung, welche die FAZ liefert, verhält sich wie ein Kartoffelchip zu einer kompletten Mahlzeit. Ein Denker der Frankfurter Schule würde sagen, FAZ-Artikel sind zur Ware gewordene Formen des reaktionären Engagements im Spätkapitalismus. Ihr Konsum führt dazu, dass sich die Leser untereinander entfremden, während sie gleichzeitig in eleganten Werbebeilagen versinken.

20. Dabei macht die FAZ nicht einmal Geld für die kapitalistische Klasse. Sie ist ein schwarzes Loch, eine jede vernünftige Debatte zerstörende Papiermasse für alle Beteiligten.

 

Diesen Text hat die FAZ tatsächlich gedruckt, mit dem kleinen, aber entscheidenden Unterschied, dass er sich nicht gegen das eigene Blatt, sondern gegen Twitter richtete: 20 hingeworfene, sich teilweise wiederholende Beleidigungen.

Was würden die FAZ-Nutzer sagen, wenn eine solche Tirade über die FAZ auf Twitter erschiene? Nicht einmal die unversöhnlichsten FAZ-Kritiker würden begeistert ausrufen: „Brillant! Genau so ist es!“ Denn es wäre eine billige Herabwürdigung der FAZ und ihrer vielen guten Autoren. Doch exakt so platt wird ein Phänomen wie Twitter im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ‘analysiert’.

Eine echte Auseinandersetzung findet nicht statt. Kein Wort über die Funktion von Twitter für die heutige US-Politik, für Politik überhaupt. Kein Wort über die Unzahl von Journalisten, die Twitter als Quelle, Vernetzungs-, Verbreitungs- und Debatteninstrument nutzen. Kein Gespür für die Vielfalt, die sich in den zahllosen Nischen dieses Netzwerks zeigt.

Die neue digitale Öffentlichkeit wird immer nur gereizt und voller Ekel missbilligt – und gleichzeitig eifrig bedient: Der Twitter-Account der FAZ hat mittlerweile 489.000 Follower, weit mehr als das Blatt an gedruckter Auflage erreicht. Nicht wenige FAZ-Autoren twittern begeistert mit.

Es gab Zeiten, da war die Kritik an der Moderne origineller und differenzierter. Auch die konservative.

 

P.S. Dieser Beitrag entstand bereits im Juli 2017, wurde aber zunächst nicht veröffentlicht. Ich zögerte und aktualisierte nur hin und wieder die Verlinkungen. Vielleicht hatte Eric Posner (siehe den heutigen Twitterverzicht von Robert Habeckja doch recht. Dann wieder dachte ich: Vergiss es, der Beitrag Posners sollte ja bloß ein ‘witzig’ formulierter Denkanstoß sein. Andererseits nimmt die “Bedeutung” von Twitter immer weiter zu, nicht zuletzt durch twitternde Politiker und Journalisten. Was denkt ihr? Wie relevant ist Twitter? 

P.P.S: Stefan Schulz (ehemals FAZ) äußert sich in seinem “Talkradio” am 25.1.2019 zur Relevanz von Twitter: “Twitter ist unser Schicksal” 


Darf man investigativen Journalismus kritisieren oder ist das ein Sakrileg?

19 Mai 2016 um 11:55 • 7 Kommentarepermalink

Die #Panamapapers erfahren viel Bewunderung, weil sie so großartig den Journalismus rehabilitieren. Kritische Nachfragen werden da nicht gern gesehen.

 

Es ist doch erstaunlich, wie empfindlich Medien-Elefanten auf Medien-Mäuse reagieren können. Schon ein bisschen Kritik aus winzigen Medienmedien und etwas Gegenwind aus sozialen Netzwerken ist ihnen zu viel. Das 2,6 Terabyte schwere Journalisten-Konsortium der SZ holt dann gereizt (oder gelangweilt) zum Gegenschlag aus – wie Bastian Obermayer und Stefan Plöchinger, die ihre Kritiker per Twitter verspotten oder “Investigativ-Papst” Hans Leyendecker, der den Dreck im Internet gar nicht erst liest und jungen Kollegen rät, die Kritik einfach zu ignorieren.

Sicher, manche „Kritik“ an den Enthüllungen ist absurd, ideologisch motiviert oder schlicht falsch. Bettina Röhl z.B. ist nicht in der Lage, einen Film richtig einzuordnen (sie verwechselt den Offshoreleaks-Scoop von 2013 mit den Panamapapers) und baut darauf eine ganze Theorie auf. Aber sind solche Irrläufer ein Grund, auch bedenkenswerte Kritiken nicht mehr an sich heranzulassen?

Noch beleidigter und gereizter als die Betroffenen reagieren freilich Medienjournalisten auf abweichende Medienjournalisten. Kollegen, die es wagen, die Fleißarbeit der SZ und die pompöse Inszenierung des eingesandten Materials etwas tiefer zu hängen, werden – wie von der Medienjournalistin Ulrike Simon – ganz einfach ausgegrenzt und zum „schlimmsten Feind“ (sic!) des Journalismus erklärt.

Was ist da los in den kritischen Köpfen, wenn Kritik nur noch als Nestbeschmutzung oder Majestätsbeleidigung wahrgenommen wird? Wenn Debatten über investigativen Journalismus nur noch von Jasagern geführt werden dürfen. Wenn das Netzwerk Recherche Kritiker pauschal als verlogene Meckerer abtut.

Stefan Niggemeier hat völlig zu Recht darauf hingewiesen, dass die Debattenfreudigkeit der investigativen Journalisten im Fall #Panamapapers (und nicht nur da!) stark zu wünschen übrig lässt. Doch ich fürchte, sein gut gemeinter Vorschlag, einen Ombudsmann zur Betreuung skeptischer Leser einzuschalten – wie bei der New York Times – wird nicht ausreichen. Eine echte Debatte über die Untiefen des investigativen Journalismus wäre viel sinnvoller.

 

Vier zentrale Kritikpunkte

Die Kritik an den #Panamapapers und ihrer Inszenierung konzentriert sich auf vier zentrale Punkte. Sie betreffen die Quelle, das Material, die Auswertung und das internationale Journalisten-Konsortium.

 

1. Die Quelle

Quellenschutz geht im investigativen Journalismus über alles. Denn er ist die unerlässliche Voraussetzung, um Missstände oder Skandale überhaupt aufdecken zu können. Wären die Journalisten kein „sicherer Hafen“ für Whistleblower, würden sie sich ihre eigene Arbeitsgrundlage entziehen. Oft wollen die kontaktierten Journalisten auch gar nicht so genau wissen, wer ihnen das brisante Material übergeben hat, damit sie unter Druck oder aus Fahrlässigkeit nicht Dinge ausplaudern, die sie besser geheim gehalten hätten. Der Quellenschutz schützt sowohl die Quelle als auch den exklusiven Zugriff der Journalisten auf sie.

Im Lichte der NSA-Enthüllungen (die leider fast schon wieder vergessen sind) bekommt dieses ehrenhafte Verhalten aber eine fragwürdige Komponente. Seit Edward Snowdens Enthüllungen über die weltweiten Zugriffsmöglichkeiten der Geheimdienste auf jedwede elektronische Kommunikation möchte man noch viel dringender wissen, VON WEM das geleakte Material kommt, um die Interessen und Motivlagen eines Whistleblowers besser einschätzen zu können und nicht als Handlanger oder Sprachrohr für unbekannte Interessen zu dienen. Man möchte wissen, ob hier jemand sein Gewissen erleichtert und uneigennützig Missbrauch anzeigt, ob das Ganze ein lukratives Geschäft ist und die Journalisten nur den Abfall bekommen (Stichwort Steuer-CD) oder ob lästige Konkurrenten durch Indiskretion aus dem Weg geräumt werden sollen. All das ist möglich. Wer diese Möglichkeiten ausblendet und Fragen danach für unstatthaft erklärt (oder gar für feindselig), verhält sich reichlich naiv. Snowden selbst hatte dem Guardian das Beispiel eines Schweizer Bankmitarbeiters genannt, der von der CIA angeworben wurde, um dem Geheimdienst anschließend bestimmte Bankdaten zu liefern. Auch der angebliche Whistleblower Hervé Falciani  (#Swissleaks) wandte sich zunächst nicht an die Presse, sondern an Geschäftsleute, Banken und Geheimdienste.

Und wie verhielt es sich bei den Panamapapers? Der Zürcher Tagesanzeiger schrieb bereits im April 2015 über Teile der #Panamapapers, die bei den staatlichen Behörden gelandet waren – verknüpft mit einem aufschlussreichen Porträt jenes Schweizers, der bei Mosack Fonseca “das Internet einführte” und später “aus Gewissensgründen” ausstieg. Trotzdem wird von den Medien so getan, als hätten die Behörden noch nichts in der Hand.

Mit Leaks wird heute enorm viel Geld verdient und zunehmend Politik gemacht. Leaks haben sich zu einem Geschäftsmodell der Aufmerksamkeitsökonomie entwickelt, das über den entscheidenden Unique Selling Point (USP) verfügt. Was die alten “Nachrichtenhändler” noch im Geheimen abwickelten, wird nun auf offener Bühne als mediales Transparenz-Theater aufgeführt: Geheimniskrämer fordern von anderen Offenlegung. Das ist das inhärente Problem aller Whistleblower. Denn sie wären nur dann über jeden Verdacht erhaben, wenn sie sich mutig zu ihrer Tat bekennen würden (wie Chelsea Manning oder Edward Snowden). Nur dann kann sich das Publikum eine eigene Meinung bilden. Nur dann würden stolz geleakte Pläne oder pathetische Manifeste wie das von “John Doe” auf überzeugende Weise persönlich beglaubigt.

Außerdem kann es beim Quellenschutz auch eine dunkle Seite geben, und die heißt Vertuschung. Wer den Fernseh-Dreiteiler über den NSU-Komplex gesehen hat, konnte feststellen, dass die Verfassungsschutzbehörden gegenüber den polizeilichen Ermittlern immer wieder erfolgreich auf Quellenschutz pochten. Der Schutz der Quellen (es ging um den Schutz von V-Männern in der rechten Szene) verzögerte die Aufklärung der NSU-Verbrechen. Der Quellenschutz behinderte die Ermittlungsarbeit. Denn Quellenschutz heißt auch: Verteidigung von Privilegien, Sicherung eines Informationsmonopols. Man hütet den Daten-Schatz, auf dem man sitzt.

Wer berechtigte Fragen nach der Quelle als unstatthaft ablehnt, hat sich gegen Kritik bereits weitgehend immunisiert. Denn gerade nach Edward Snowdens Enthüllungen über die weltweite Abhörpraxis müssen sich investigative Journalisten immer wieder die Frage stellen, wer wann welches Material zu welchen Bedingungen warum wohin schickt. Zu dieser Gretchenfrage des investigativen Leak-Journalismus hat man von den Enthüllern bislang wenig gehört.

 

2. Das Material

Daten-Leaks, die mittlerweile den Umfang von Giga- oder Terabytes annehmen können, verführen die Empfänger offenbar zu der Annahme, sie besäßen das gesamte Material. Schiere Größe bedeutet aber nicht Vollständigkeit. Darauf angesprochen weichen die Enthüller meist auf das Argument aus, das einzige, was für sie zähle, sei die Echtheit des Materials.

Dieses Kriterium ist zweifellos wichtig, aber nicht ausreichend. Man kann auch mit echten Ausschnitten oder Teilmengen lügen. Ein Bildausschnitt kann etwas völlig anderes zeigen als ein Voll-Bild. Das erklärt die teils heftigen Reaktionen auf die ersten Veröffentlichungen der #Panamapapers, die in der höhnischen Frage gipfelten: Wo sind die Amerikaner? Die Kanadier? Die Australier? Und selbst wenn es für solche Lücken plausible Erklärungen geben mag, könnte noch immer gefragt werden: Warum gelangen eigentlich immer nur Datenpakete an Medien, in denen bestimmte Regionen (USA, Kanada, Australien) nicht vorkommen? Wie bei #Offshoreleaks, #Chinaleaks, #Swissleaks, #Luxleaks und nun bei den #Panamapapers. Bloßer Zufall?

Neben der Frage nach der Echtheit des Materials interessiert also vor allem: Wie vollständig sind die anonym zugesandten Daten? Welchen Ausschnitt aus dem Gesamtkomplex zeigen sie? Sind die Daten vielleicht vorher gefiltert worden?

Die bisherigen fünf Leaks präsentieren ja trotz ihrer enormen Datenfülle nur einen kleinen Ausschnitt aus der Steueroasenwelt. Würde morgen die City of London gehackt oder die Steueroase Manhattan, würde sich das Gesamtbild verändern. Kämen die Steueroasen Delaware, Miami oder Las Vegas ins Blickfeld, würde die Tendenz wieder ganz anders ausfallen.

Die Frage nach der Auswahl des Materials ist schon deshalb wichtig, weil die bisherigen Steuer-Leaks zeigten, dass Ermittlungsbehörden und Geheimdienste das an die Medien geleakte Material bereits lange vorher besaßen. Im Falle von #Offshoreleaks (2013) hatten die Steuerbehörden der USA, Großbritanniens und Australiens das Material drei Jahre vor den Medien, nämlich 2010. Bei #Swissleaks war der Zeitvorsprung sogar noch größer: Die französischen Behörden erhielten das Material 2009, die deutschen Behörden bekamen Teile davon 2010 – während der große Medienscoop erst 2015 erfolgte.

Auch hatten die Steuerbehörden im Fall von #Offshoreleaks mit 400 Gigabyte wesentlich mehr Material als die Medien, die sich mit 260 Gigabyte begnügen mussten. Bei den #Panamapapers soll es mit der Datenmenge angeblich umgekehrt sein. Im Februar 2015 (!) berichtete die SZ, “Ermittler aus den USA und anderen Staaten” hätten Panama-Material im Umfang von 80 Gigabyte vorliegen, auch die deutschen Behörden besäßen davon einen kleinen Teil, wofür sie rund eine Million Euro als ‘Belohnung’ gezahlt haben. Deshalb sind die Fragen der Skeptiker berechtigt, ob nicht die Quelle mit den Medien und den Behörden ein doppeltes Spiel treibt, ob die Behörden aufgrund von nationalen Interessen eine Filterung des Materials veranlassen oder ob sie in irgendeiner Weise mit den Medien kooperieren.

Da den Rechtsabteilungen der Presseverlage klar sein dürfte, dass einzelne Journalisten nicht das Recht haben, als selbsternannte Richter und Moralwächter darüber zu entscheiden, wer öffentlich angeprangert und anschließend strafrechtlich verfolgt wird, ist eine Kooperation im Vorfeld von Veröffentlichungen sehr wahrscheinlich. Auch haben die Behörden – insbesondere in Sachen Terrorismusbekämpfung – inzwischen mehr als ein Wörtchen mitzureden, wenn es darum geht, welche Informationen an die Öffentlichkeit gelangen dürfen und welche nicht. Wie sollten Journalisten also ohne vorherigen Abgleich mit den Strafverfolgungsbehörden wissen, welche Geschichten ihnen möglicherweise teure Klagen oder Durchsuchungen einbringen und welche nicht? Da die Offshore-Kunden auf Presse-Anfragen in der Regel nicht reagieren, wäre eine Veröffentlichung ohne vorherige Abklärung des Sachverhalts mit den Behörden ein unkalkulierbares Risiko. Auch Verleger denken bisweilen an Kosten.

Es löst deshalb ein begreifliches Stirnrunzeln aus, wenn investigative Journalisten das hohe Lied des unbeugsamen staatsfernen Journalismus singen. Auch zu Beginn der #Offshoreleaks-Enthüllungen hatte es ja stolz geheißen, die Medien würden ihre Unterlagen niemals an die Strafverfolgungsbehörden herausgeben. Die hatten die Unterlagen aber längst ausgewertet und konnten den Medien deshalb gelassen und völlig neidlos ihren „Scoop“ gönnen. Die Behörden wären wohl sehr viel weniger gelassen gewesen, wenn die investigativen Journalisten durch ihre höflichen Anfragen die schlafenden Hunde der Steuerhinterzieher, Geldwäscher und Terroristenhelfer geweckt und die Behörden anschließend leere Konten und verwischte Spuren vorgefunden hätten. Auch hinsichtlich dieses Aspekts könnte ein wenig mehr Transparenz (und weniger zur Schau gestellte Naivität) auf Seiten der Journalisten nicht schaden.

 

3. Die Auswertung

Am meisten gestört hat die Kritiker wohl die pompöse Selbst-Inszenierung des „investigativen Journalismus“. Glaubt man Hans Leyendecker, so müssen die Epochen der Menschheitsgeschichte möglicherweise neu eingeteilt werden: in eine Zeit vor und eine Zeit nach dem großen Panama-Leak. Die enthüllte Datenmenge, so die SZ, würde „700.000 Bibeln“ füllen. Bei so vielen Anleihen an die christliche Heilsgeschichte ist es fast ein Wunder, dass die Süddeutsche Zeitung nicht auch den Panama-Kanal geteilt hat wie einst Moses das Rote Meer.

Die Beweihräucherung der eigenen Arbeit – und wäre sie noch so verdienstvoll (ihr Wert wird hier auch nicht bestritten) – haben viele als überzogen empfunden. Zu schrill. Zu selbstverliebt. Zu großes Orchester. Darüber könnte man vielleicht milde hinwegsehen, schließlich handelt es sich bei den meisten der involvierten Medien um gewinnorientierte Betriebe, denen man PR in eigener Sache nicht verdenken kann. Journalismus muss finanziert werden, also hängt man seine Referenzen an die große Glocke.

Problematischer ist schon, wie der Scoop inszeniert wurde – nämlich als plattes Helden-und-Schurken-Stück, dessen schlichte Moral durch die comic-artige Illustration noch unterstrichen wurde. Die Helden-Inszenierung des Journalismus und die Schurken-Inszenierung der Enthüllten bedienten jenen populistischen Reflex, der zum Erstarken rechter Anti-Establishment-Parteien beiträgt. Während die SZ den Populismus bestimmter Parteien im Feuilleton scharf kritisiert, produziert sie ihn per Enthüllungsaufmachung selbst. Und obwohl die beteiligten Journalisten stets betonen, dass es ihnen vor allem um die Aufdeckung von Strukturen gehe (die spätestens seit #Offshoreleaks bekannt sind), setzen sie erneut auf „populäre“ Einzelgeschichten über Politiker aus so genannten Schurkenstaaten, auf Prominente und auf das Gebaren reicher Clans aus dem Osten und Süden. Wer noch einmal bestätigt haben wollte, dass die da oben machen, was sie wollen, bekam es nun ein weiteres Mal (das fünfte Mal!) bestätigt.

„Mossack Fonseca“, schrieb kürzlich Costas Efimeras auf der Website ThePressProject, „is not a bad element of the system but an element of a bad system“. Die in den Zeitungen präsentierten Schurkenstücke überdecken aber die banale Normalität der internationalen Finanzarchitektur und machen sie zu etwas Verruchtem. Sie suggerieren, dass das Geldverstecken eine besonders fiese Marotte von Bösewichtern wie Putin oder Assad sei. Da für den Journalismus – berufsbedingt – das „Geschichten erzählen“ wichtiger ist als die Systemanalyse, erfährt man – leider – wenig über die ganz normalen Praktiken transnationaler Konzerne. Deren „Transfer Pricing“ (Gewinne in Steueroasen verschieben, Verluste in Hochsteuerländern machen) richtet weit mehr Schaden an als ein David Cameron mit seiner ‚gigantischen’ Offshore-Beteiligung in Höhe von sage und schreibe 38.000 Euro. Solche Skandalgeschichten erinnern ein wenig an das Bobby-Car von Christian Wulff.

 

4. Das Kartell

Der Hamburger Journalistik-Professor Volker Lilienthal ist der Meinung, in den generalstabsmäßig geplanten Veröffentlichungs-Aktionen des ICIJ zeige sich, was Journalismus unter den Bedingungen der Globalisierung leisten könne. Nur internationale Kooperation, nur die Power von vielen, nur eine zentrale Vermarktung könne den weltweit vernetzten Mächtigen auf Augenhöhe und mit dem nötigen Wumms begegnen. Insofern trage das ICIJ wie niemand sonst zur Rettung des bedrohten Geschäftsmodells Journalismus bei. Diesem Argument kann man sehr viel abgewinnen, nur sollte es nicht die zentrale Aufgabe des Journalismus sein, Geschäftsmodelle zu retten.

Andere betonen, die internationale Kooperation sei eine Demokratie- und Entwicklungshilfe für gefährdete Journalisten in Diktaturen, in Ländern, in denen der Journalismus westlicher Prägung noch in den Kinderschuhen stecke und über wenig Schutz und Mittel verfüge. Man leiste hier quasi eine ähnliche Demokratisierungsarbeit wie die zu den finanziellen Unterstützern des ICIJ zählende George Soros-Stiftung. Auch dieses Argument hat vieles für sich. Die aufgebaute internationale Kooperation ist wahrscheinlich die großartigste Leistung der im ICIJ zusammengeschlossenen investigativen Journalisten. Trotzdem muss auch hier etwas Wasser in den Wein gegossen werden.

Was z.B. wäre, wenn beim nächsten oder übernächsten Leak schon 2500 Journalisten in 190 Ländern mit 500 Medien beteiligt wären und 100 Terabyte Daten zentral vom ICIJ in Washington gesteuert würden? Kann ein Thema dann von nicht beteiligten Medien überhaupt noch nach eigenen Maßstäben gewichtet werden oder sind sie künftig auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, die Sichtweise, die Einordnung und die inhärenten PR-Interessen des marktbeherrschenden Konsortiums zu übernehmen? Wir erleben ja jetzt schon, wie jeder Recherchepups automatisch zum Aufmacher der Tagesschau wird, und wie ein einmal in Gang gesetztes Zitierkartell der beteiligten Medien sich gegenseitig stützt. Irgendwann wird es keinen investigativen Journalisten mehr geben, der die ständige “Wir waren die ersten, die alles aufgedeckt haben!”-Angeberei des ICIJ kritisch hinterfragt.

Bereits der nationale Rechercheverbund der Leitmedien WDR, NDR und SZ prägt in zunehmender Penetranz die heimische Nachrichtenagenda. Das macht den Medienmarkt nicht etwa vielfältiger, sondern ärmer. Denn solche Recherche-Verbünde verschärfen den Konzentrationsprozess. Sollte es irgendwann kein kritisches Correctiv mehr geben, könnte es passieren, dass kleine Meldungen nach Belieben gepuscht und politisch instrumentalisiert werden. Es würde dann niemanden mehr geben, der vernehmbar dazwischenruft: Habt ihr keine anderen Sorgen?

Wikileaks nannte sich einmal in stolzer Selbstüberschätzung „der erste Geheimdienst des Volkes“. Aber auch das Medien-Kartell des ICIJ, dem man – ähnlich wie dem Rotary Club – nur durch Empfehlung anderer Mitglieder beitreten kann, wird einem Orden von Eingeweihten immer ähnlicher, von der bedeutungsschwangeren Geheimniskrämerei (mit von der übrigen Redaktion abgeschotteten Redaktionsräumen) über abgestufte Zugriffsrechte auf die Daten bis hin zur Selbst-Immunisierung gegen Kritik von außen.

Ein solches Kartell könnte Enthüllungen zentralisieren oder diese über die gemeinsame Austausch-Plattform kontrollieren – und irgendwann Politik machen. Insofern sind die skeptischen Fragen nach den Akteuren, ihrer Zusammenarbeit und ihrer Finanzierung unbedingt notwendig. Eine Plattform wie Wikileaks kritisiert das ICIJ ja nicht nur wegen des von manchen Journalisten unterstellten Futterneids – hier prallen zwei sehr unterschiedlich motivierte Gatekeeping-Modelle aufeinander, und es gibt auf beiden Seiten Stärken und Schwächen. Es ist im Leben ja selten so, dass die einen hundertprozentig Recht haben und die anderen hundertprozentig Unrecht.

Wie schrieb kürzlich der unbekannte Whistleblower “John Doe”: “Ein Anfang wäre, endlich die richtigen Fragen zu stellen”.


Wozu überhaupt noch Medienkritik?

21 Januar 2016 um 11:19 • 11 Kommentarepermalink

Mit der Medienkritik steht es nicht zum Besten. Sie arbeitet sich an Nebensächlichkeiten ab, neigt zu sarkastischer Nörgelei und zweifelt an ihrer Bedeutung. Das müsste nicht sein.

 

Nach den großen Medienaufwallungen des ersten Halbjahres 2015 (Charlie Hebdo und Germanwings) schrieb der wohl bekannteste deutsche Medienjournalist, Stefan Niggemeier, einen nachdenklichen und selbstkritischen Beitrag über das „folgenlose“ Schaulaufen der Medienkritiker in ihren Hamsterrädchen. Immer wieder, so Niggemeier, äußerten Medienkritiker die gleiche Kritik, ohne dass sich an den Medien etwas ändere. Und der Journalist Alan Posener schrieb sarkastisch: „Es ist schlimm genug, Journalist zu sein. Aber Medienjournalist! Von dem Kakao muss man nicht auch noch trinken.“

Offenbar wird die journalistische Spezialdisziplin Medienkritik von den Medien-Machern als belanglos, ja als weltfremd empfunden. Und da sie außer einigen Expertenkreisen und Filterbubbles niemanden erreicht, müssen die Medien ihre Kritiker auch nicht besonders ernst nehmen. Hinzu kommt, dass die Gesellschaftskritik, die gern das große Ganze im Blick hat, ihre kleine Schwester Medienkritik oft verächtlich „selbstreferentiell“ nennt, obwohl sie wissen müsste, dass die Kritik seit der Aufklärung nie etwas anderes war als das „Reden einer Gesellschaft über sich selbst“.

 

Anzeichen von Resignation

Die Ignoranz der Medienmacher und die Arroganz der Welterklärer wären für die Medienkritik vielleicht noch verkraftbar. Aber im vergangenen Jahr geriet sie auch in den eigenen Reihen in Erklärungsnot. Am 29. März 2015 schrieb der Fernsehkritiker Hans Hoff angesichts der medialen Ausbeutung der Germanwings-Katastrophe, man könne als Medienjournalist eigentlich nur noch hinschmeißen:

„Ich möchte mich verabschieden vom Journalismus. Er war mir jahrzehntelang ein treuer Weggefährte. Er gab mir Halt, er zimmerte mir Leitplanken, die dafür sorgten, dass ich nicht vom Weg abkam. Ich konnte mich geborgen fühlen als Journalist, aufgehoben in einem Ordnungssystem, das für Werte stand. Zu diesen Werten bekannte sich die Mehrheit meiner Kollegen, weshalb ich es als ehrenhaft empfand, mich als Journalist bezeichnen zu dürfen.

Das ist vorbei. Nicht erst seit den Ereignissen der vergangenen Woche. Es ist schon länger vorbei. Ich hätte das schon lange sehen können, aber ich wollte es nicht wahrhaben. Der Journalismus, so wie ich ihn kennen- und schätzen gelernt habe, existiert nicht mehr. Journalismus ist nurmehr ein hohles Gefäß, in das jeder füllt, was er mag oder was er meint, im Auftrag seiner Nutzer einfüllen zu müssen…“

Am gleichen Tag konstatierte Stefan Niggemeier, die Medienkritik sei zu einem leeren Ritual verkommen:

„Das Erste ist das zwischen Müdigkeit und Verzweiflung schwankende Gefühl eines Medienkritikers, wie sinnlos sein Tun ist. Mitansehen zu müssen, wie all das an der Berichterstattung, was schon nach der letzten Katastrophe und der vorletzten als problematisch erkannt worden ist, wieder passiert; wie alle Fehler und Grenzüberschreitungen immer wieder von Neuem gemacht werden müssen; wie jeder Appell zur Zurückhaltung, zur Vorsicht, scheinbar wirkungslos verhallt ist. Es ist anscheinend auch egal, ob sich gerade erst herausgestellt hat, dass man sich am Tag zuvor hoffnungslos verspekuliert hat – man rennt nun ohne Innehalten mit demselben Schwung in die neue Richtung…

…Hinzu kommt noch der Eindruck, selbst Teil eines Rituals zu sein: So wie zu jeder Katastrophe das Ausschlachten des Opferleids durch die „Bild“-Zeitung gehört, so gehört auch die Empörung darüber durch Medienkritiker dazu. Man ist Teil des ganzen Erregungs- und Empörungszyklus, spielt seine Rolle, berechenbar, erwartbar, womöglich entbehrlich…

„Die Entrüstung über journalistische Fehlleistungen wird Teil der Aufführung“, schreibt der Münchner Medienethik-Professor Alexander Filipović auf den Seiten des Netzwerkes Medienethik: „Medienkritik im Modus der Empörung oder Verachtung ist nicht hilfreich. Sie wird damit selbst zum Element einer von ihr kritisierten Medienwelt.“

Die Feststellung des Medienethik-Professors trifft freilich nicht nur auf den „Modus der Empörung“ zu, sie kennzeichnet das generelle Problem der Medienkritik: Diese kommt über das Stadium des Hofnarren nicht hinaus. Sie führt eine Nischenexistenz und hat sich in dieser Nische eingerichtet. Als nörgelnde Couch-Potatos leiden die Medienkritiker an der wachsenden Diskrepanz zwischen der rapide zunehmenden Bedeutung der Medien und der offensichtlichen Irrelevanz ihrer Kritik. Während die Medien den Alltag der Menschen heute rund um die Uhr begleiten und jegliche Erfahrung von „Welt“ und „Realität“ immer stärker medienvermittelt ist, konnte die Medienkritik mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten und ist zur Fußnote in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung geworden.

Es wäre also überfällig, die Medienkritik aus ihrer selbstverschuldeten Nischenexistenz zu befreien und endlich zur großen Gesellschaftskritik zu machen. Doch ohne bewusste Anknüpfung an die historische Tradition von Kritik und ohne selbstkritische Betrachtung der eigenen Profession wird das nicht gelingen.

 

Der Ast, auf dem die Medienkritiker sitzen

In der Geschichte der Medienkritik gab und gibt es immer wieder herausragende Figuren, von Karl Kraus bis Heinrich Böll, von Noam Chomsky bis Neil Postman, von Oliver Kalkofe bis Jan Böhmermann. Aber das sind singuläre Erscheinungen, während die Mehrzahl der heutigen Medienkritiker aus freien Journalisten besteht, die von jener Branche leben müssen, die sie tagtäglich kritisieren. Das macht sie zu pragmatischen und sehr geschickt taktierenden Überlebenskünstlern.

Zwar werden Medienkritiker von Kollegen hin und wieder als Ketzer und Nestbeschmutzer beschimpft oder – von ihren Fans – als Helden und Moralisten verehrt, doch im Grunde unterliegen sie ähnlichen Arbeitsbedingungen wie die von ihnen Kritisierten. Nur die moralische Sonderrolle (die selbst gewählte Wächter- und Richterfunktion) hebt sie von diesen ab. Das macht den Beruf des Medienkritikers anziehend und suspekt zugleich: Schnell ist dann in Kollegenkreisen von einem „übergroßen Ego“ die Rede, von Journalisten-Eitelkeit oder unstillbarem Geltungstrieb. Denn Medienkritiker finden sich in einer ähnlichen Doppelrolle wie Whistleblower: Sie ‚verraten’ ihre Kollegen und pochen zugleich auf hohe ethische Standards. Dieses Verhalten macht sie zu Außenseitern. Wehe, sie leisten sich einen Fehltritt!

Ihre moralische Exponiertheit verleitet die Medienkritiker zu einer klugen Balance – wie sie für Hofnarren charakteristisch ist. Zum einen arbeiten sie mit besonderer Sorgfalt, zum anderen erzwingt das Kritisieren von Kollegen (und potentiellen Arbeitgebern) individuelle Kosten-Nutzen-Rechnungen. Mit wem verdirbt man es sich besser nicht, wem möchte man gefallen oder einen Gefallen tun? Der Übergang von der journalistischen Sorgfalt zur Sorge um die eigene berufliche Existenz ist fließend und für Leser und Zuschauer schwer durchschaubar. So kritisieren Medienkritiker Medien, in denen sie selbst veröffentlichen (wollen), in der Regel nicht. Überdies gilt in der Branche das ungeschriebene Gesetz: „In der Zeitung nichts über die Zeitung“ (das ist einer der Gründe, warum die Medienseiten in den Zeitungen so fernsehlastig sind). Ein (skurriler) Ausweg aus diesem Dilemma könnte sein, Medienkritik an branchenferne Berufe zu delegieren, an Aussteiger und Outsider, an Verkäuferinnen oder Dachdecker. Doch selbst wenn die Medienkritik gänzlich unabhängig vom Gewerbe wäre, bliebe die Frage: Wo sollen Medienkritiker denn veröffentlichen?

Im Zeitalter der Aufklärung war das noch kein Problem. Das von der Kritik genutzte Medium war selbst ein Teil der Kritik, ja buchstäblich ihr Ausdruck: Denn Bücher, Übersetzungen, Druckereien, Flugblätter zählten zu jenem neumodischen Teufelswerk, das die Kirche, um ihre Macht zu sichern, unbedingt verhindern wollte. Kirchenkritiker nutzten für ihre Kritik also gerade nicht die Kirchenkanzel (während Medienkritiker ausgerechnet die kritisierten Medien als Plattform ihrer Kritik benutzen wollen) – sie nutzten etwas völlig Neues. Unabhängige Medienkritik bräuchte also ein Transportmittel, das sich von den herkömmlichen Medien radikal unterscheidet.

Bis vor wenigen Jahren glaubte man, dieses Gegen-Mittel sei das Internet. Und anfangs war die Euphorie der Medienkritiker auch berechtigt. Doch von der einstigen Hoffnung ist wenig geblieben. Unabhängige Projekte halten sich nur mühsam über Wasser. Die idealistischen Watchblogger der Frühzeit sind müde oder kehren reumütig und dankbar in den Schoß der traditionellen Medien zurück. Dazu kommt, dass die großen Internet-Konzerne zunehmend mit den Altmedien kooperieren und eines Tages mit ihnen verschmelzen werden. Die spektakuläre Übernahme der Washington Post durch Amazon-Gründer Jeff Bezos war nur ein Vorspiel. Wie und wo sich unabhängige Medienkritik wirksam äußern könnte, bleibt also eine offene Frage.

 

Der ewige Wettlauf zwischen Hase und Igel

Die traditionellen Medien beschäftigen und bezahlen ihre Medienkritiker aber nicht nur wie Hofnarren, sie bestimmen auch deren Agenda. Kaum ein Medienkritiker setzt eigene Themen – vielmehr hecheln sie den Themen nach, die von den Medien gesetzt werden. Das führt zu der absurden Situation, dass in dem Augenblick, in dem Medienkritiker mit ihren tiefergehenden Analysen beginnen, das Thema meist schon wieder durch ein neues abgelöst ist. Ist ein Thema aber erst einmal „durch“ (NSA, Griechenland, Landesverrat, Flüchtlinge, Köln), hören auch die Kritiker auf zu kritisieren. So geht es im Schweinsgalopp von Katastrophe zu Skandal, von Enthüllung zu Unglück, von Terroranschlag zu Minister-Fehlverhalten. Stets tauchen neue Ereignisse auf, die beliebig zu Katastrophen, Skandalen oder Enthüllungen aufgepumpt werden können. Medienkritik, die hier am Ball bleiben möchte, hat es schwer. Und so verfällt sie dem allgemeinen Herdentrieb und giert in gleicher Weise nach Aufmerksamkeit wie die Kritisierten, frei nach dem Diktum: Nichts ist so alt wie die Medienkritik von gestern.

Der immerwährende Wettlauf zwischen den Medien und der Medienkritik ist von letzterer nicht zu gewinnen. Die Frustration über diesen Zustand äußert sich dann in kleinlicher Nörgelei und Pedanterie, in moralischer Schelte und sarkastischer Schmähkritik – eher selten in „ausgeruhter“ Analyse. Die vom Dauer-Wettlauf erschöpften Kritiker konzentrieren sich in ihrer Not auf erregungs-sichere Nebensächlichkeiten: auf Geschmacklosigkeiten aller Art, auf falsches Benehmen oder tadelnswerte Vergleiche. Damit folgt die Medienkritik – wie hypnotisiert – jenen an- und abschwellenden Empörungszyklen, die sie eigentlich kritisieren müsste. Das macht auch die besten Medienkritiker irgendwann übellaunig – oder so verliebt in die eigenen Pointen, dass die Unterhaltung der Fans zum alleinigen Zweck der Medienkritik verkommt („Ich hol schon mal Popcorn“) .

 

Die Kraftlosigkeit des positiven Denkens

Weil ein Teil der Medienkritiker aber klug genug ist, die genannten Dilemmata zu erkennen, konzentrieren sie sich neuerdings auf die Frage eines funktionierenden Geschäftsmodells für Medienkritik. Das ist nicht nur logisch, sondern auch konsequent. Doch die fast schon gebetsmühlenhaft vorgebrachte Forderung nach „Paid Content“ führt nicht etwa zu der bitter nötigen Grundsatzdebatte über die Verteilung von Geld und Macht im Mediengeschäft, nein, die Dauerdiskussion über die leidige Refinanzierungsfrage ersetzt mittlerweile große Teile der Medienkritik. Bei den in der Branche so beliebten Debatten über die Zukunft des Journalismus kann man die erstaunliche Beobachtung machen, dass die Medienkritiker mehr über Geld reden als die Medienmacher. Und die Frage, ob der von ihnen präsentierte „Content“ auch „snackable“ genug sei, beschäftigt die Medienkritiker fast stärker als die Verlagsgeschäftsführer. Sie denken nicht nur in den Kategorien von Werbe- und Marketingfachleuten, sie benutzen auch deren Verkäufer-Vokabular und geraten dabei in die Falle des ‚constructive criticism’: Sie kritisieren die Produkte der Verlage nur noch mit dem Ziel, diese „etwas besser zu machen“.

“Nur der ist zur Kritik berechtigt, der eine Aufgabe besser lösen kann.”

Das ist ein Satz, der aus dem technikbesessenen Silicon Valley stammen könnte. Doch in Wahrheit hat ihn Adolf Hitler 1934 gesagt, als er sich anschickte, seine innerparteilichen Kritiker auszuschalten.

Die Vorliebe für „konstruktive Kritik“ (und die Angst vor dem Negativen) ist keineswegs Diktatoren-typisch. Auch christliche Denker wie Norman Vincent Peale, der über „die Kraft des positiven Denkens“ einen phänomenalen Bestseller schrieb, unterscheiden gern zwischen aufbauender und niederreißender Kritik: “Wir müssen immer zwei Arten von Kritik unterscheiden: die wohlwollende, aufbauende, taktvolle und die schroffe, ätzende, gehässige.”

Dass nun auch die Medienkritik immer häufiger das Positive in der Medienkritik vermisst, hängt möglicherweise mit dem Aufkommen des unternehmerischen Denkens zusammen, das seit einigen Jahren unter prekär lebenden „freien“ Autoren grassiert. Als Anhänger des „entrepreneurial journalism“ träumen sie davon, irgendwann ein eigenes kleines Medien-Geschäft zu haben. Doch ein eigener Betrieb – darauf verweist Giovanni di Lorenzo im Gespräch mit dem Medienunternehmer Stefan Niggemeier – ändert auch den Blick auf die Sachzwänge des Medienbetriebs: von der Notwendigkeit, immer genügend Aufmerksamkeit beim Zielpublikum zu erregen bis zu den Einzelheiten der Abo-Preisgestaltung für die erhoffte Zielgruppe. So entkommen die Medienkritiker zwar mit etwas Glück dem leidigen Hofnarrenstatus, kehren aber als freiwilliger oder unfreiwilliger Teil des Medien-Beratungsgeschäfts auf die Bühne zurück.

 

Medienkritik als neue Religionskritik?

Die Resignation der professionellen Medienkritik war wohl am deutlichsten im vergangenen Jahr in Sachsen zu spüren. Die dortige Protestbewegung Pegida hatte es verstanden, die von der Medienkritik hinterlassene Lücke mit billigen und platten „Lügenpresse“-Rufen zu füllen. Da eine rationale und unerschrockene Auseinandersetzung mit der eigenen Medienindustrie fehlt (von den verdienstvollen Bemühungen einiger Stiftungen einmal abgesehen), konnte eine kleine Gruppe von Empörten die Medienkritik auf ihr Stammtischniveau herunterziehen. Und siehe da: Während die herkömmliche Medienkritik aufgrund ihrer geringen Reichweite, ihrer Sprunghaftigkeit und ihrer Verzettelung in Nebensächlichkeiten höchstens noch ein Lächeln oder ein Gähnen bei den Medien-Machern auszulösen vermag, waren Verleger und führende Journalisten über die Dresdner Lügenpresse-Parolen tief erschrocken. Das ist ein Alarmzeichen, aber nicht nur für die Medien, sondern vor allem für den Zustand der Medienkritik – und darüber müsste eine Debatte einsetzen. Aber wo? Auf den Medienseiten der Zeitungen und Magazine, wo der eh schon reduzierte Platz dafür gebraucht wird, um den nächsten Tatort, die letzte Talkshow oder die neueste Netflix-Serie zu besprechen? In den erschöpften Watch-Blogs? In der heute-show? Es scheint fast so, als gebe es für Medienkritik, die über ein dumpfes (oder spitzes) Unwohlsein hinausgeht, keinen hinreichenden Grund mehr, keine Aufgabe und keine Perspektive. Oder müssen die Kritiker nur einen Schritt zurücktreten, um wieder einen größeren Zeitraum zu überblicken und Traditionen zu entdecken, an die man anknüpfen könnte?

Kritik als eine rationale Form der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit ist als Disziplin entstanden, als Wissenschaft und Religion, die über Jahrhunderte eine Einheit bildeten, Ende des 17. Jahrhunderts durch die beharrliche Arbeit der Aufklärer voneinander getrennt wurden. Die Herausbildung des Instruments Kritik als neuartiger Untersuchungs- und Beurteilungsmethode der Wirklichkeit war aber beileibe kein Selbstläufer, sondern das Resultat einer überaus hart geführten Auseinandersetzung mit der Kirche, welche das Denken und Fühlen der Gesellschaften bis dahin bestimmt hatte. Vielleicht kann sich eine ernst zu nehmende Medienkritik erst in einer ähnlich hart geführten Auseinandersetzung mit der Medienindustrie herausbilden.

Denn heute sind es die Medien (und die Wissenschaft), nicht mehr die Kirchen, die die ‚Glaubensbekenntnisse’ der säkularen Gesellschaften verbreiten, verhandeln und formen. Überspitzt gesagt: Leitartikel und Kolumnen sind die Kirchenkanzeln der Moderne. Und die permanente Unglücks-, Katastrophen- und Terror-Berichterstattung der Medien bietet einen veritablen Ersatz für die im Mittelalter von der Kirche erzeugte Höllenangst. Die Medien sind es, die uns Medien-Gläubige täglich daran erinnern, dass morgen alles zu Ende sein könnte, dass die Welt um uns herum aus den Fugen gerät. Hat das mediale Schüren solcher Ängste nicht die gleiche psychologische Wirkung (oder Funktion) wie die latente Strafandrohung durch eine strenge Religion? Und könnte dies nicht zu der Überlegung führen, dass die Medienkritik für das Zeitalter der Postmoderne das werden müsste, was die Kritik der Religion für das Zeitalter der Aufklärung war (Karl Marx: „Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik“)?

 

Hachmeisters Liste

Eine Medienkritik, die sich ihrer Herkunft bewusst wäre, müsste die heute dominante Medienindustrie als Charakteristikum postdemokratischer Herrschaft begreifen anstatt weiter naiv an die verklärende Erzählung zu glauben, die Medien seien dazu da, die Mächtigen zu kontrollieren. Das mag in den Anfängen ein Motiv gewesen sein und in einigen Redaktionszirkeln auch tatsächlich funktionieren, aber so wie die Kirche im Laufe der Jahrhunderte von einer verfolgten Außenseiter-Gemeinde (und trotz mancher Bettelorden und häretischen Abspaltungen) zu einem tragenden Pfeiler der „Allianz aus Thron und Altar“ wurde, so entwickeln sich die immer größer werdenden Medienkonglomerate zu tragenden Pfeilern der Postdemokratien. Sie geben zwar vor, die weltliche Macht zu kontrollieren, sind aber längst zu deren unverzichtbaren Stützen geworden – man muss nur die von Lutz Hachmeisters Institut für Medien- und Kommunikationspolitik jährlich herausgegebene Liste der 100 weltgrößten Medienunternehmen zur Kenntnis nehmen. Mit einem phänomenalen Jahresumsatz von 622 Milliarden Euro bilden diese Konzerne heute eine Markt- und Meinungsmacht, die derjenigen der Kirche im Mittelalter durchaus nahe kommt.

Eine Medienkritik, die über das Bekritteln falscher Bildunterschriften in der Gelben Post hinausgeht, müsste also zuallererst an dieser veränderten Realität ansetzen – einer Veränderung, die der Aktivist und Journalist Glenn Greenwald in seinem Buch „Die globale Überwachung“ so beschreibt:

„Früher galten echte Journalisten als die Außenseiter schlechthin. Viele, die diesen Beruf ergriffen, wollten sich eher den Mächtigen widersetzen als ihnen dienen, und nicht nur auf theoretischer Ebene, sondern auch mit ihrer ganzen Person. Die Wahl des Journalistenberufs war praktisch eine Garantie dafür, das Dasein eines Außenseiters zu führen: Reporter verdienten wenig, hatten kein hohes gesellschaftliches Ansehen und galten meist als zwielichtig.

Das ist heute ganz anders. Mit dem Aufkauf von Medienunternehmen durch die größten Konzerne der Welt wurden die meisten Medienstars zu hoch bezahlten Angestellten, die sich nicht von anderen Mitarbeitern gleichen Ranges unterscheiden. Sie offerieren der Öffentlichkeit Medienerzeugnisse im Namen ihres Unternehmens, als handelte es sich um Bankdienstleistungen oder Finanzprodukte. Ihre berufliche Laufbahn wird von den Parametern bestimmt, die nun einmal in einem solchen Umfeld zum Erfolg führen, also davon, inwiefern sie die Konzernchefs zufriedenstellen und den Interessen des Unternehmens dienen.“ (S.330)

Eine Medienkritik, die diese Veränderungen ausblendet, wird in der Hofnarren-Rolle gefangen bleiben oder bestenfalls nützliche Berater- und Korrekturdienste für Konzerne leisten.


Morozov sagt…

9 Dezember 2013 um 22:08 • 0 Kommentarepermalink

Der Internet-Kritiker Evgeny Morozov wird von Netzaktivisten gern als Spielverderber gesehen. Aber kann man ihn und seine Kritik so einfach abtun? Versuch einer Gegenüberstellung.

 

Morozov sagt: Das Netz ist kapitalistisch und sonst nichts. Es ist das cleverste Instrument des entfesselten Kapitalismus. Mit ihm kann sich der böse Wolf perfekt als lammfrommes Schaf verkleiden, das nur edle Ziele verfolgt und die Welt besser machen will. Gegen diese Sichtweise wehren sich die Netzbewohner mit wütender Bockigkeit. Sie sagen: Unser Netz ist nicht kapitalistisch und es wird auch nie völlig kapitalistisch werden – sonst wären wir ja nicht drin. So lange wir aber drin sind, werden wir uns mit Händen und Füßen dagegen wehren, dass irgendein Hassprediger unser Netz als rein kapitalistisch verleumdet. Wir sind der lebende Beweis, dass das Internet offen, neutral und sympathisch sein kann. Es kommt darauf an, wer es mit welchen Absichten benutzt.

Morozov sagt: Ihr könnt so viel mit den Füßen aufstampfen, wie ihr wollt, es spielt überhaupt keine Rolle. Ihr seid nur die nützlichen Idioten, die dem Neoliberalismus die schwierige Überzeugungsarbeit erleichtern. So lange es Dumme gibt, die ernsthaft glauben, es sei ihr neutrales Netz, ihr technisches Spielzeug, können die superdicken Silicon Valley-Konzerne noch superdicker werden und ihre Profitabsichten ungehindert verfolgen. Die Netzbewohner halten dagegen, dass die Technik ohne ihre Benutzer lediglich eine leere Hülle sei – und die kapitalistische Gier vergebliche Liebesmüh’. Die User könnten jederzeit aufhören, am Netz zu hängen wie ein Junkie an der Nadel. Denn der Kunde ist König. Und Märkte sind Gespräche. Also muss der Kapitalismus die Bedürfnisse der Netzbewohner berücksichtigen. Das Ganze sei ein Geben und Nehmen – und längst nicht so einseitig, wie Morozov es in seinen Horrorgemälden darzustellen pflege.

Morozov sagt: Das kapitalistische Internet habe das Ziel, dem Einzelnen jedes eigenständige Denken zu rauben und an undurchsichtige Algorithmen zu delegieren, die den Mainstream und die erwünschten Normen definieren. Die Dauer-Überflutung mit Informationen, die eine bessere Entscheidungsfindung gewährleisten sollen, blockiere in Wahrheit die Anstrengung des Selberdenkens. Das Risiko werde ersetzt durch die Berechnung, die Verantwortung durch die Fremdbewertung. Die Netzbewohner würden ignorieren, dass die alte Maxime der Aufklärung – je mehr du weißt, desto besser – im Silicon Valley-Zeitalter unter einem Berg von Informationsmüll begraben werde. Die neue Freiheit basiere dagegen auf der Maxime: Je weniger du weißt, desto besser. Erst dann könne man aus eigener Kraft und Herrlichkeit wieder Entscheidungen treffen. Erst dann sei man frei. Auf diese John Wayne-Haltung reagieren die Netzbewohner mit Spott und Verachtung. Sie halten sich durchaus für fähig, aus einem Überangebot das für sie Brauchbare herauszufiltern. Ein Zuviel an Informationen habe noch niemandem geschadet, ein Zuwenig könne Katastrophen auslösen. Der Mensch sei nicht so manipulierbar wie der grimmige und griesgrämige Menschenfeind Morozov annehme. Morozov begehe den unentschuldbaren Fehler, alles, was in der Welt vor sich gehe, auf die Teufel aus dem Silicon Valley zu projizieren. Damit werde er zum Gefangenen seiner eigenen Wahnvorstellung. Er gebe zwar vor, das kapitalistische Internet in seiner ganzen Tiefe zu analysieren, beschreibe aber ausschließlich Oberflächen-Phänomene. Auch seine argumentative Technik sei leicht durchschaubar: Zuerst baue er einen Riesen-Popanz auf, um ihn anschließend unter wildem Geheul effektvoll zerschmettern zu können.

Morozov sagt: Oh, ihr Ahnungslosen! Ihr wisst doch nur, was euch das Netz gnädigerweise zuteilt. Ihr glaubt zu filtern, aber ihr werdet gefiltert. Ihr glaubt, ihr hättet die Joysticks in eurer Hand, aber die Joysticks manipulieren euch. Euer Freiheitsbegriff ist genau so oberflächlich und abgemagert wie eure technizistisch-neutralistische Netztheorie. Ihr betrachtet nur jenen Ausschnitt der Wirklichkeit, den euch die Scheuklappen von Google erlauben. Ihr stellt keine Zusammenhänge her, die über vorgegebene Verlinkungsstrukturen hinausgehen. Ihr dringt mit eurer Technologie-Fixierung nicht mehr zum Kern der Debatte vor: dass die digitale Technik sowohl integraler Bestandteil als auch Ausdruck des kapitalistischen Fortschritts ist. Ihr weigert euch wahrzunehmen, dass der Cyberspace nicht von der übrigen Welt zu trennen ist, ja dass er ohne diese gar nicht gedacht werden kann. Und dass er deshalb genau so kühl und unnachsichtig analysiert werden muss wie der übrige Neoliberalismus.

Gegen diese Kritik wehren sich die Netzbewohner aber nicht mit einer eigenen Analyse, nein, sie reagieren auf das sich bei der Morozov-Lektüre unweigerlich einstellende Gefühl der selbstverschuldeten Unmündigkeit rein impulsiv. Reflexhaft projizieren sie ihren Verdruss auf die Person. Sie sagen, es gehe Morozov immer nur um das eine: sich mit seinen unhaltbaren Thesen in den Vordergrund zu spielen. Dann spucken sie drei Mal verächtlich über die rechte Schulter und verfluchen den Mistkerl.

Siehe auch: Die kalifornische Ideologie und der deutsche Reflex

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