Heilandisierung & Dämonisierung im Spiegel der Zeit

16 Mai 2017 um 14:34 • 2 Kommentarepermalink

Im Kampf um mehr Aufmerksamkeit neigen auch seriöse Medien zur Trash-Kultur. Sie verwandeln Politiker in Erlöser und Teufel und glauben, ihre Leser auf diese Weise für Politik zu interessieren.

 

Als der Spiegel Ende Januar sein „Sankt Martin“-Cover zur „Schulz-Inthronisierung“ (!) publizierte, dachte ich noch, die Satire-Redaktion der Titanic macht jetzt die Titel beim Hamburger Nachrichtenmagazin. Als die ersten T-Shirts mit Martin Schulz im Che Guevara-Style bei jungen Parteimitgliedern auftauchten, wusste ich, die meinen es ernst. Die spielen nicht Schabernack mit dem neuen „Hoffnungsträger“, sie verbinden Heilserwartungen mit ihrem Kandidaten. Dann tauchte Emmanuel Macron aus den Tiefen des französischen Vorwahlkampfes auf und wieder malten die Medien das Bild eines Erlösers. Besonders in Deutschland.

Natürlich werden die derart hofierten „Retter des Abendlands“ gern pseudo-kritisch-ironisch verpackt. Aber nur im Kleingedruckten. Was zählt, ist der erste Eindruck. Da findet sich etwa in der Zeit unter der Titelzeile „Der Heiland“ ein Bild von Emmanuel Macron mit Heiligenschein und darunter der Satz: „Emmanuel Macron gilt nun als Retter Europas“.

Aber was heißt das: „Er gilt…“? Wo haben die Zeit-Redakteure dieses „gilt“ recherchiert? Haben sie 500 Millionen Europäer gefragt: Ist Macron ein Erlöser? Nein, das haben sie nicht, sie haben sich ihr „gilt“ aus den Fingern gesogen, das heißt, sie haben ihre Einbildung als Tatsache verkauft. Das nennt man Autosuggestion oder Selbsthypnose. Sie glauben, dass die anderen glauben, Macron rette Europa.

 

Plädoyers für den starken Mann – im Guten wie im Bösen

Es gibt aber nicht nur eine Tendenz zur Heilandisierung von Politikern, es gibt auch den gegenläufigen Trend: die zwanghafte Dämonisierung. Putin, Trump, Erdogan, Orban, Le Pen oder Gauland werden medial zu Teufeln gemacht, zu Superschurken oder Katastrophenkometen, die die Erde („wie WIR sie kennen“) zerstören wollen. Gut und Böse, Christ und Antichrist teilen sich – im schnellen Wechsel – die Hauptrollen in diesem populistischen Medien-Kino und machen uns zu (freiwilligen oder unfreiwilligen?) Teilhabern einer medialen Trash- und Schock-Kultur.

Könnte sich die Politik dem Zwang zur Hyperpersonalisierung überhaupt entziehen? Oder müssen die Politiker die ihnen einmal zugewiesenen Helden- oder Versager-Rollen annehmen und „engagiert“ zu Ende spielen? Sicher ist nur: Die mediale Verkürzung politischer Prozesse auf Erlöser- und Zerstörerfiguren ist riskant. Weil damit die Rückkehr des autoritären Charakters in die Politik nicht bloß gefördert, sondern buchstäblich gefordert wird. Weil die Reduzierung auf den Zweikampf und das Kopf-an-Kopf-Rennen die Inhalte in den Hintergrund drängt. Weil die Überforderung und die moralische Vernichtung der aufgebauten „Helden“ und „Schurken“ zu folgenschweren Reaktionen führen kann.

Der mediale „Kampf gegen die Populisten“ scheint auf paradoxe Weise zu wirken: Die Medien übernehmen populistische Methoden.


Netzwerk Recherche – Persönliche Tragik oder strukturelle Blindheit?

5 Juli 2011 um 15:42 • 7 Kommentarepermalink

Die Yellowpress-ähnliche Berichterstattung zur verunglückten Zehn-Jahres-Feier des Netzwerks Recherche zeigt, wie sehr oberflächliche Personalisierung die Analyse von Strukturen verdrängt.

 

Jetzt wissen wir es schwarz auf weiß: Thomas Leif war (wie vor ihm Julian Assange) der Bösewicht. Ganz allein. Er war dominant, übermächtig, schroff, „größenwahnsinnig“, eine One-Man-Show. Niemand konnte ihm in den Arm fallen, denn er war der Zieh- und Übervater, der Lebenswerkschnitzer. Alles war auf ihn zugeschnitten: auf den GODFATHER des investigativen Journalismus (Regieanweisung: Donnergrollen und Blitze im Hintergrund, Leif tritt aus dem Trockennebel und verkündet den Mitgliedern die Zehn Recherche-Gebote).

Doch – oh Schreck (schlotterschlotter) – die armen Schäflein haben das ganze Ausmaß der Überväterei (wie zuvor schon Daniel Domscheit-Berg) zu spät bemerkt! Sind geschockt, entgeistert, überrascht, zerknirscht, enttäuscht… Herrgottnochmal, ist das eine Vorabend-Soap oder was soll dieser klebrige Mix aus „ER war’s!!“ und „Wir verdanken ihm so viel Großartiges!“

Hier stiehlt sich ein ganzer Verein aus der Verantwortung. Hier machen die Mitglieder beide Äuglein zu. Denn jeder, der dem Netzwerk beitritt, kann schon an der Satzung erkennen, wie autoritär dieser Verein strukturiert ist – von Vernetzung keine Spur.

Die Satzung konzentriert alle Entscheidungsmacht auf die beiden Vorsitzenden. Diese Satzung sagt aber auch:

„Der Kassenwart ist für die ordnungsgemäße Kassenführung, Buchung der Einnahmen und Ausgaben, Rechnungslegung und Sicherung des Vereinsvermögens verantwortlich.“

Und:

„Die von der Mitgliederversammlung für zwei Jahre gewählten zwei Prüfer überprüfen die Kassengeschäfte des Vereins auf rechnerische Richtigkeit… Eine Überprüfung hat mindestens einmal im Jahr zu erfolgen; über das Ergebnis ist in der Jahreshauptversammlung zu berichten. “

Was haben die Zuständigen in den vergangenen Jahren berichtet? Gab es kritische Nachfragen?

Investigative Journalisten, die ja berufsmäßige Skeptiker sind, die andernorts Zahlen und Autoritäten hinterfragen und die Verhältnisse durchleuchten – sind in eigener Sache – ja was? Schnulzenschreiber?

Nicht die „Tragik“ des Großen Vorsitzenden gehört ins Rampenlicht, sondern die Struktur des Vereins – und das Verhalten jener, die sich mit der Verstoßung des Großen Vorsitzenden die eigene Unschuld zurückkaufen wollen.

Lesehinweise: taz, sz, fr, faz, welt, spon, jak-blog, meedia, i.ehrensache


Wo bin ich?

You are currently browsing entries tagged with Personalisierung at Wolfgang Michal.