Panik im Mittelstand oder: Wohin driftet der Journalismus?

23 September 2014 um 11:55 • 5 Kommentarepermalink

Die Publizistik der Zukunft, sagen jetzt sogar Konservative wie Arnulf Baring, benötige wahrscheinlich Staatsknete. Andere meinen, das Recherchieren solle gemeinnützig werden. Über sich häufende Panikattacken im Journalismus-Diskurs, die neue Liebe zu den Öffentlich-Rechtlichen und eine Rückkehr zu alten Tugenden. Dritter und letzter Teil meiner Serie über den Strukturwandel der Öffentlichkeit.

 

Als ich in den achtziger Jahren Redakteur beim Hamburger Magazin Geo wurde, erzählten mir die älteren Kollegen unglaubliche Storys von ihrem aufregenden und komfortablen Reporterleben in den Siebzigern: Morgens um elf seien sie mit dem Taxi zur Arbeit gefahren und abends um elf mit dem Taxi zur Kneipe wieder nach Hause. Sie hätten auf Reisen in Fünf-Sterne-Hotels übernachtet und wären ganz selbstverständlich Business Class geflogen. Recherchen im Ausland konnten – ohne Weiteres – auf vier oder fünf Wochen ausgedehnt werden, Spesenbelege wurden nicht mit der Lupe geprüft. Als Redakteur trug man handgenähte 600 Mark-Schuhe und die Gesprächspartner bewirtete man in ausgesuchten Restaurants. Denn ein Journalist, sagten die älteren Kollegen, dürfe nicht auftreten wie ein armer Schlucker, er müsse sein Blatt repräsentieren und das Heft der Story in der Hand behalten.

Kein Zweifel, auf diese selbstbewusste, egozentrische und standesdünkelhafte Weise sind herausragende Stücke entstanden. Und man musste nicht einmal Tom Wolfe heißen, um von den großen Magazinen so großzügig ausgestattet zu werden (Verlage waren damals vorwiegend Herrenausstatter!).

Die privilegierte Zeit – nennen wir sie die Komfortphase des Journalismus – dauerte bis Anfang der neunziger Jahre. Mit dem Abflauen der hitzigen Wiedervereinigungskonjunktur und der anschließenden Turbo-Globalisierung begann dann die große Medien-Krise. Alle seit damals in den Beruf eintretenden Generationen (mit Ausnahme der verbeamteten Redakteure in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten) kennen nur diesen einen Zustand – DAUERKRISE: wiederkehrende Sparrunden, fortschreitendes Downsizing, verschlossene Türen, sich festsetzende Zukunftsangst.

Heute müssen Journalisten auf jeder Taxiquittung die Fahrstrecke und den Grund ihrer Fahrt vermerken, sie übernachten in Billighotelketten oder privat, fahren mit der eigenen Bahncard zweiter Klasse, leben tagsüber von Döner und Bratwurst, fliegen ganz selbstverständlich mit Ryanair oder Germanwings, kaufen ihre Schuhe bei Deichmann, sind ihr eigenes Sekretariat und drucken sich die benötigten Tickets an ihren verdreckten Tintenstrahl-Druckern selber aus. Journalisten sind nichts Besonderes mehr. Sie sind Wegwerfware wie andere Lohnarbeiter auch. Ihre Presseausweise rufen an den Museumskassen des Landes nur noch ein mitleidiges Lächeln hervor. Das ist die Lage. Und diese Lage wird sich weiter verschlechtern.

 

Der Strukturwandel der Öffentlichkeit

Schuld daran ist die wachsende Konvergenz zwischen den Internet-Plattformen (Ebay, Amazon, Google, Facebook etc.) und den Presseverlagen. Während Presse-Verlage wie Burda und Springer immer stärker zu Internet-Plattformen mutieren, verwandeln sich umgekehrt Internet-Plattformen immer stärker zu Verlagen. Die Mischformen, die aus der gegenseitigen Durchdringung hervorgehen, werden den Journalismus auf zweifache Weise marginalisieren:

– Wenn etwa Presseverlage ihre Renditen mit dem Verkauf von Katzenfutter oder dem Betrieb von Single-Börsen erwirtschaften (also nicht mehr nur Anzeigen von diesen Firmen drucken), können sie in der Berichterstattung über solche Themen nicht mehr neutral sein. Journalismus und PR werden sich – nicht nur bei der Huffington Post – stärker mischen, ja ununterscheidbar ineinanderfließen. Da Anzeigenkunden heute außerdem über zielgenaue und billige Alternativen zum „Trägermedium Journalismus“ verfügen, werden sie die Machtverschiebung zu ihren Gunsten in allerlei Sonderwünsche ummünzen: Wir schalten nur dann eine Anzeige, wenn das journalistische Umfeld so aussieht, wie wir das wollen. Gegen solche Zumutungen wird sich der Journalismus nicht wehren können, wenn er gleichzeitig seine komfortablen Bedingungen behalten will. Er wird sich anpassen oder in Nischen zurückziehen müssen.

– Entwertet wird der Journalismus aber auch durch eine Kombination von Rationalisierung und Amateurisierung: Viele Redaktionen werden verkleinert oder zusammengelegt, Inhalte werden von Laien und Hilfskräften zugeliefert. Diese ‚Subunternehmer’ verlangen wenig Honorar oder tauschen Arbeit gegen Werbeplätze und Popularitätszuwachs. Rund um die künftigen „Houses of Content“ werden sich „Communities of Interest“ ansiedeln wie Favelas um die Viertel der Reichen.

Verlage und Internet-Plattformen verschmelzen also zu Content verarbeitenden (austauschbaren) Fabriken. Hauptleidtragende dieser Entwicklung werden nicht die freien Journalisten sein, denen es heute schon schlecht genug geht, Hauptleidtragende werden die mittelständischen, mittelprächtigen, dem mittleren Mainstream verhafteten Angestellten-Journalisten sein, die bei Zeitschriften, Privatsendern oder Regionalzeitungen noch so viel Geld verdienen, dass sie sich ein Reihenhäuschen im Grünen leisten können. Ihr Anteil wird am stärksten schrumpfen. Immun gegen das Downsizing der journalistischen Mittelschicht sind lediglich die Mitarbeiter der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und ein Teil jener Journalisten, die für Medien arbeiten, bei denen die Höhe des Verkaufspreises keine entscheidende Rolle spielt. Alle übrigen rutschen in die prekäre Szene der Fließbandproduktionen ab.

 

Zwei Wege in die Zukunft

Wer heute immer noch Journalist werden will (und das wollen erstaunlicherweise immer noch viele), wird künftig davon ausgehen können, entweder über Gebühren und Steuern finanziert zu werden oder von Stiftungen, Internet-Plattformen oder Crowdfunding zu leben. Der Journalist der Zukunft wird so im weitesten Sinne dem Öffentlichen Dienst angehören und als Vermittler von Informationen um größtmögliche Neutralität, Ausgewogenheit und Distanz bemüht sein. Oder er wird im Sinne der ihn beauftragenden ‚Gemeinde’ ganz bestimmte Ziele verfolgen und eine neue Form des Partei- und PR-Journalismus etablieren.

Abseits dieser beiden Hauptströmungen wird es eine kleine radikale Minderheit geben, die sich aus journalismusfernen Milieus, Medien-Aussteigern und Medien-Newcomern rekrutiert. Diese Minderheit wird sich als treibende Kraft einer journalistischen Erneuerungsbewegung empfinden. Sie wird unter den erschwerten Bedingungen staatlicher Verfolgung und gesellschaftlicher Ausgrenzung operieren und mal von reichen Philanthropen, mal von subkulturellen Milieus oder oppositionellen Randgruppen getragen. Enthüllungsplattformen wie WikiLeaks und The Intercept, Journalisten wie Glenn Greenwald, Laura Poitras oder Jeremy Scahill sind nur die Vorboten dieses Wandels. Sie verachten den braven Kunstjournalismus, der in Journalistenschulen gelehrt wird und in Journalistenpreisen erstickt. Sie verschreiben sich einem neuen ‚Kampfjournalismus‘, der in Upton Sinclair, Ida Tarbell, Günter Wallraff, Barbara Ehrenreich oder Michael Moore seine Traditionslinien hat.

Für welche Existenzform werden sich die künftigen Journalisten-Generationen entscheiden?

 

Der künftige Mehrheits-Journalismus

Je stärker die Verlage rationalisieren und den Umstieg ins digitale Zeitalter vorbereiten, desto stärker werden die betroffenen Journalisten ein altes Modell zu schätzen wissen, das sie lange und nicht ganz zu Unrecht mit der Erstarrung des Journalismus gleichgesetzt haben. Anders ausgedrückt: Je schlechter die Arbeitsbedingungen bei den Verlagen werden, desto heller werden die Versorgungsleistungen bei ARD und ZDF, ARTE und Deutschlandradio erstrahlen. Der öffentlich-rechtliche Journalismus wird eine ungeahnte Aufwertung erleben, ob in seiner aktuellen Organisationsform (als Anstalt des öffentlichen Rechts) oder als staatliches Stiftungsmodell, im Rahmen einer Kulturflatrate, als Subventionsprojekt (wie in Skandinavien) oder als Genossenschafts-Experiment. Die heftigen Debatten, die in den vergangenen Jahren darüber geführt wurden, teils als Graben-, teils als Glaubenskrieg, kamen zu früh. Erst nach dem Aus der Gruner & JahrWirtschaftsmedien, den Sparrunden bei WAZ, FAZ und DuMont Schauberg, dem SpringerFunkeDeal, der Zentralisierung der Madsack-Blätter, der Spiegel– und SternKrise, der Verramschung berühmter US-Zeitungen und dem Einstieg der Internetkonzerne ins Verlagswesen dämmert es auch den hartleibigsten Verdrängern: die journalistische Mittelschicht erodiert. Nur deshalb ist die Sehnsucht nach öffentlich-rechtlicher Sicherheit und öffentlich-rechtlichem Komfort wieder gewachsen.

Als ich vor einiger Zeit in Hamburg eines der vielen tausend Medien-Panels zur Zukunft des Journalismus besuchte, kam der mit Abstand fröhlichste und zufriedenste Vertreter von einer… öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt. Seine Tätigkeit war nicht nur die angenehmste, sie war auch die journalistisch respektabelste und die finanziell am besten ausgestattete. Als die Podiumsteilnehmer gegen Ende der Veranstaltung gefragt wurden, mit welchem der Mitdiskutanten sie am liebsten tauschen würden, nannten ausnahmslos alle den Vertreter des Österreichischen Rundfunks.

Die Erosion des journalistischen Mittelstands wird so stark sein, dass die längst überfällige Debatte über eine Neuverteilung der Haushaltsabgabe endlich in Gang kommt. Das heißt, die Parteien müssen sich ernsthaft mit der Neuverteilung der Rundfunk-Milliarden befassen. Nur die von der Haushaltsabgabe aufgebrachte Summe kann den Journalismus in seiner ganzen Länge und Breite finanzieren – und zwar nicht nur den Rundfunkjournalismus, sondern jede Form von Journalismus. Erste Integrations-Versuche laufen bereits. Um das Jahr 2030 könnte die Haushaltsabgabe dann die maßgebliche Finanzierungsquelle für Rundfunkanstalten, Qualitätspresse und zertifizierte Internet-Plattformen sein.

Natürlich wird ein Teil der Journalisten auch weiterhin rein privat finanziert werden, nur eben nicht von klassischen Presseverlagen, sondern von Lesergemeinden, Presse-Stiftungen, Mäzenen, Vereinen, Unternehmen, NGOs, Bürgerinitiativen, Parteien usw. Dieser anwaltliche Journalismus ist thematisch klarer fokussiert als ein Generalanzeiger mit seinen klassischen fünf bis sechs Ressorts, er ist aber auch zeitlich an bestimmte Projekte und Ziele gebunden. Er macht im Prinzip „Werbung für eine gute Sache“, für die Sache des jeweiligen Auftraggebers. Da diese Medien in der Regel von Nicht-Journalisten herausgegeben und kontrolliert werden, wird es immer wieder zu Spannungen und Friktionen kommen, die naturgemäß heftiger ausfallen als Konflikte im öffentlich-rechtlichen Mediensystem.

 

Guerilla-Journalismus

Ein winziger, aber nicht zu unterschätzender Teil der Journalisten wird sich – wie oben angedeutet – unter dem Druck der Übergangs-Verhältnisse radikalisieren. Barbara Ehrenreich, die große alte Dame des US-Journalismus, hat vor Jahren eine bewegende und idealistische Rede an die Absolventen ihrer Graduate School of Journalism gehalten. Sie sagte:

„Meine Mitarbeiter haben mir gesagt, ich darf heute nicht zu negativ werden. Ich soll nicht zu schwarz malen. Also sage ich Euch, die ihr die Journalistenschule heute verlassen werdet: Willkommen in einem sterbenden Gewerbe! Willkommen in einer untergehenden Industrie. Im Amerika der Arbeitslosen seid ihr in bester Gesellschaft. Ihr werdet gebraucht. Ich weiß zwar nicht, wo und von wem ihr gebraucht werdet, und ich weiß auch nicht, wer Euch bezahlen soll, aber ich weiß: Man kann uns nicht aufhalten!

Wenn Zeitungen keine Journalisten mehr einstellen, dann gibt es nur eins: Werdet Guerilla-Journalisten! Denn so lange es Geschichten gibt, die erzählt werden müssen, und so lange es Ungerechtigkeiten und Ungereimtheiten gibt, die aufgedeckt und gelöst werden müssen, so lange dürfen wir nicht aufgeben.

Der Journalisten-Beruf ist kein Titel, den man sich ans Revers heften kann, er ist auch kein Zeugnis, das irgendwelche Ansprüche begründet, nein, ein Journalistenschul-Abschluss in Berkeley ist nichts anderes als eine Lizenz zum Kämpfen.“

Ich bin nicht sicher, ob Barbara Ehrenreich beim Abfassen ihrer Rede – sie schrieb sie noch vor der Finanzkrise – ahnte, dass neben dem wirtschaftlichen Downsizing eine zweite Gefahr auf die Journalisten der Zukunft lauern würde: die Gefahr der gesellschaftlichen Ausgrenzung. Seit dem Auftauchen des Phänomens Whistleblower und der Zunahme staatlicher Repressionen gegen „Enthüllungsjournalisten“ wissen wir, dass Staatsbürokratien (autoritäre wie demokratische) im Zweifel gegen die Aufklärungsarbeit von Journalisten und Bloggern zusammenhalten. Der Beruf des Journalisten gerät damit, wie der Reporter Seymour M. Hersh es ausdrückte, in jene „Außenseiter-Rolle“, die er früher, in seinen Anfangsjahren, innehatte. Nicht nur das Schicksal der von Karl Marx redigierten Neuen Rheinischen Zeitung erzählt davon: Im europäischen Revolutionsjahr 1848, als Zeitungen für den Staat noch gefährlich waren und häufig verboten wurden, schrieb die französische Zeitung „Le Salut Public“, die Presse nehme das Erbe der drei anderen Staatsgewalten an, „zu deren Zerstörung sie beigetragen hat“.

Das mag pathetisch und ein wenig anmaßend klingen, aber die Zeit der Ausreden und des journalistischen Komforts ist vorbei. Es wird nun vom Geschick einer neuen Generation von Medien-Unternehmern abhängen, ob die journalistischen Guerilleros sich eines Tages wieder beruhigen – und ob der journalistische Mittelstand sich wieder ein Reihenhäuschen von seiner journalistischen Arbeit wird leisten können.

 

Die bisher erschienenen Beiträge:

Teil 1: Der bequeme Mythos von den angeblich innovationsunfähigen Verlagen (24.6.2012)

Teil 2: Wie aus Internet-Plattformen Verlage werden (27.8.2012)

Diese Beiträge sind ebenfalls abgedruckt in „Medienwandel kompakt 2011 – 2013“, Springer VS Verlag, Wiesbaden 2014.


Der richtige Weg zum demokratischen Orient (IV)

3 Oktober 2011 um 15:24 • 10 Kommentarepermalink

Warum sich amerikanische und europäische Strategie nicht vertragen. Eine vierteilige Serie zum Umbruch in Nordafrika und im Nahen Osten.

 

1. Der Barcelona-Prozess der EU

2. Das US-Konzept vom „Greater Middle East“

3. Der Krieg gegen Libyen

4. Die Zukunft der Region

 

4. Die Zukunft der Region. Warum Europa zum Barcelona-Prozess zurückkehren sollte

Der Krieg gegen Libyen hat zu einer fatalen Verquickung von EU- und US-Strategien geführt. Denn der Barcelona-Prozess der EU und das Greater-Middle-East-Konzept der USA sind grundsätzlich unvereinbar. Ihre Mixtur spaltet Europa – so, wie es Donald Rumsfeld, der ehemalige US-Verteidigungsminister, im Januar 2003 mit seiner Einteilung in schlechte „Alt“-Europäer und gute „Neu“-Europäer versucht hat. Die Mischung der beiden Strategien behindert die Herausbildung einer gemeinsamen EU-Außenpolitik.

Vor allem entzweit sie das deutsch-französische Tandem. In der Libyenfrage war dies überdeutlich. Auf der einen Seite die zögernde Angela Merkel, die nicht auf die Einhaltung der Barcelona-Prinzipien drängte, auf der anderen Seite der auftrumpfende Nicolas Sarkozy, der eilig Kampfflugzeuge (und Spezialeinsatzgruppen) zur Entmachtung Gaddafis nach Libyen schickte.

Das entscheidende Versäumnis der Bundesregierung war es, keine politische Alternative (auf EU-Ebene) zu präsentieren. Der Fehler Sarkozys war es, die antiquierte Supermacht-Strategie der USA einfach zu kopieren. Das heißt: Die gemeinsamen europäischen Ziele wurden einem klein-deutschen bzw. einem klein-französischen Denken geopfert. Und die deutschen Leitmedien klatschten Sarkozy dummerweise Beifall.

Lag die Bundesregierung also falsch, als sie sich im März 2011 im UN-Sicherheitsrat der Stimme enthielt? Ging Deutschland wieder den unseligen anti-westlichen Sonderweg, der über kurz oder lang in die Isolation (oder in die Arme Russlands) führen würde? Nein, der Fehler bestand darin, den europäischen Beschlüssen von Barcelona aus dem Weg zu gehen.

Schon Ex-Außenminister Joschka Fischer (der Westerwelle heftig kritisiert) ist dem Problem ängstlich ausgewichen – bei der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2004. Statt sich zu den europäischen Beschlüssen zu bekennen, erklärte er die Vermischung der beiden unvereinbaren Strategien (friedlicher EU-Barcelona-Prozess auf der einen, gewaltsamer Regime-Wechsel nach US-Vorbild auf der anderen Seite) zum künftigen Gemeinschafts-Programm. Er hoffte wohl, die Strategie der US-Regierung durch diese vorauseilende „Bündnis-Treue“ beeinflussen zu können.

In einer programmatischen (und leicht verzweifelt klingenden) Rede schlug er den in München anwesenden US-Militärs vor, EU- und US-Strategie künftig miteinander zu verknüpfen:

„Der Dialog, den die NATO mit den Mittelmeerstaaten führt, und der Barcelona-Prozess der Europäischen Union könnten sich gegenseitig verstärken und ergänzen, indem sie ihre Arbeiten eng miteinander abstimmen und zu einem neuen EU/NATO-Mittelmeerprozess verknüpfen… Eine solche Initiative könnte den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens eine völlig neue Perspektive eröffnen: eine verstärkte Zusammenarbeit und enge Partnerschaft in Sicherheit, Politik, Wirtschaft, Recht, Kultur und Zivilgesellschaft.“

Grundlage dieses neuen „EU/NATO-Mittelmeerprozesses“ sollten die Berichte und Reformvorschläge sein, die arabische Wissenschaftler unter der Leitung des Ägypters Nader Fergany für die UN-Entwicklungsorganisation UNDP erarbeitet hatten. Allerdings, so Fischer, müssten sich die Teilnehmer der NATO-EU-Gemeinschaftsinitiative zu wirtschaftlicher Zusammenarbeit, zur Bekämpfung des Terrorismus, zur Achtung der Menschenrechte und zum Gewaltverzicht verpflichten.

Genau hier aber – beim Gewaltverzicht – lag das unüberwindbare Problem, und so kam der von Fischer vorgeschlagene „gemeinsame Mittelmeer-Prozess der NATO und der Europäischen Union“ nicht in Gang. Im Gegenteil: Die EU wurde von der Bush-Regierung massiv bedrängt, sich gefälligst unterzuordnen.

 

Das Nein von 2003 wurde nicht durchgehalten

Fischers Nachfolger steckt im gleichen Dilemma. Auch Westerwelle würde die beiden Strategien gern miteinander verknüpfen – wenn es denn ginge. Es geht aber nicht. Heraus kommt immer nur Halbes, nichts Ganzes. Westerwelles Enthaltung im UN-Sicherheitsrat in der Causa Libyen entsprach also der bisherigen „Linie“ der Bundesregierung: alle Seiten zufrieden stellen zu wollen, aber letztlich alle Seiten durch diese „Nicht-Fisch-nicht-Fleisch“-Haltung zu verärgern.

Und dies führt uns zum eigentlichen Problem: Die EU wird nie einen eigenen außenpolitischen Weg finden, wenn sie nicht grundsätzlich klarstellt (und sei es im Konflikt), welche Strategien mit ihren Prinzipien vereinbar sind und welche nicht. Ein opportunistisches Herumeiern in dieser Frage hilft weder dem europäischen Einigungsprozess noch der angestrebten Kooperation mit den Staaten südlich und östlich des Mittelmeers.

Der Politikwissenschaftler Volker Perthes, Direktor der eher konservativen Stiftung Wissenschaft und Politik, hat schon im Juni 2004 – nach Fischers Rede bei der Münchner Sicherheitskonferenz – die grundsätzliche Differenz zwischen EU- und US-Strategie herausgearbeitet:

„In der transatlantischen Debatte geht das europäische Verständnis stärker davon aus, dass Demokratisierung kein linearer, sondern ein langwieriger und komplexer Prozess ist: Kämpfe, Widersprüche und Rückschläge gehören dazu. Ein wenig verallgemeinernd lassen sich die Unterschiede zwischen amerikanischen und europäischen Ansätzen wie folgt beschreiben: Während die USA bestrebt sind, Regime, die sich westlichen Interessen in der Region widersetzen, unter Hinweis auf ihre Demokratiedefizite mit Straf- und Zwangsmaßnahmen bis hin zum von außen erzwungenen Regimewechsel zu bedrohen, sollte europäische Politik versuchen, reformfreudige Kräfte innerhalb der betreffenden Staaten zu unterstützen und existierende Regime durch Dialog, Hilfe und sanfte Konditionalisierung auf einen Reformweg zu bringen.“

Leider hat man sich hierzulande angewöhnt, den europäischen Ansatz unreflektiert als feige zu bezeichnen, ja ihn als Appeasement-Politik zu denunzieren. Europas Friedens-Politiker sollten sich davon nicht irre machen lassen. Der europäische Ansatz ist der richtige Weg zum demokratischen Orient.

Ende

 

Bisher erschienen:

1. Der Barcelona-Prozess der EU oder: Der friedliche Demokratisierungsversuch

2. Das US-Konzept vom „Greater Middle East“ oder: Der gewaltsame Demokratisierungsversuch

3. Der Krieg gegen Libyen oder: Verfällt Europa einem neuen Kolonialismus?

 


Der richtige Weg zum demokratischen Orient (III)

29 September 2011 um 10:56 • 7 Kommentarepermalink

Warum sich amerikanische und europäische Strategie nicht vertragen. Eine vierteilige Serie zum Umbruch in Nordafrika und im Nahen Osten.

 

1. Der Barcelona-Prozess der EU

2. Das US-Konzept vom „Greater Middle East“

3. Der Krieg gegen Libyen

4. Die Zukunft der Region

 

3. Der Krieg gegen Libyen oder: Verfällt Europa einem neuen Kolonialismus?

Libyen ist ein Präzedenzfall, für die Afrikanische wie für die Europäische Union. Auf beiden Seiten hat die Gemeinschaftspolitik versagt. Wie konnte es dazu kommen?

Jahrhunderte lang war Libyen nur eine Provinz des Osmanischen Reichs, dann – nach dem türkisch-italienischen Krieg von 1911/12 – eine italienische Kolonie: ein Kunstgebilde aus drei sehr unterschiedlich geprägten Regionen. 1943, im Zweiten Weltkrieg, wurde Libyen von den Westmächten Frankreich und Großbritannien besetzt und 1951 in die Unabhängigkeit „entlassen“. Einige Jahre später fand man in Libyen Öl. Öl von bester Qualität. Doch Libyens König Idris, ein Mann des 19. Jahrhunderts, konnte mit dem Reichtum des Landes wenig anfangen. Die sozialen Verhältnisse während seiner Herrschaftszeit blieben rückständig, ja feudal.

Dagegen putschte am 1. September 1969 der 27-jährige Oberst Muammar al-Gaddafi und verwandelte das Land in eine moderne Öl-Diktatur. Doch Gaddafi wollte nicht nur Öl an den Westen verkaufen wie die anderen arabischen Potentaten, er wollte – wie sein Vorbild Gamal Abdel Nasser – der Impulsgeber für die arabischen und afrikanischen Einheits-Bestrebungen sein. Er variierte Nassers „Drei-Kreise-Theorie“, die Islam, arabische Kultur und Afrika ideologisch und politisch miteinander verschmelzen sollte.

1977 rief Gaddafi die islamisch-sozialistische Volksrepublik aus – die „Große Sozialistische Libysch-Arabische Volks-Dschamahirija“. Er verstaatlichte die westliche Erdölindustrie und machte Libyen (laut UNO) zum höchstentwickelten Staat in ganz Afrika. Er führte den kostenlosen Schulbesuch ein, die kostenlose medizinische Versorgung, verordnete Mindestlöhne, subventionierte Grundnahrungsmittel, legte Wohnungsbauprogramme auf und ließ gigantische Wasserversorgungsprojekte planen – etwa das „Great Man Made River Project“, das nicht nur die Dattel- und Olivenhaine des Landes, sondern auch die großen Städte mit ausreichend Trinkwasser versorgen sollte.

Libyen verfügte durch die Einnahmen aus dem Öl- und Gasverkauf über einen ausgeglichenen Staatshaushalt. Es hatte keine nennenswerten Schulden, das geringste Wohlstandsgefälle aller afrikanischen Länder, leistete sich die Finanzierung von Untergrundbewegungen in vielen Teilen der Welt („Revolutionsexport“), und galt – wie Kuba mit seinem legendären Führer Fidel Castro – auch in westlichen linken Kreisen „als Stachel im Fleisch des Imperialismus“. Als die rote Mao-Bibel schon zu zerfleddern begann, fanden die linksextremen Reste der Studentenbewegung im „grünen Buch“ des Revolutionsführers Gaddafi ein geistiges Auffangbecken und einen würdigen Nachfolger. Denn Libyen schien irgendwie „anders“ zu sein. Es eröffnete den politisch Unbehausten einen weiteren „Dritten Weg“ zwischen den festgefahrenen Blöcken des Kalten Krieges.

Dann kam die ideologische Zeitenwende des Jahres 1980 – mit Ronald Reagans triumphalem Wahlsieg, dem Einmarsch der Russen in Afghanistan und dem Ende der alten Entspannungspolitik. Das sowjetische Imperium kollabierte und schlug in seinem Todeskampf verzweifelt um sich. Auch Libyen, das mit der Sowjetunion verbündet war, radikalisierte seine Politik – und geriet darüber ins Abseits. Westliche Regierungen – vor allem die USA und Großbritannien – verdächtigten Gaddafi, den internationalen Terrorismus zu fördern. Es folgten militärische Attacken, Anschläge und „ernste Vorfälle“ auf beiden Seiten:

1981 schossen US-Militärs zwei libysche Kampfjets über der Großen Syrte direkt vor Gaddafis Haustür ab.

1984 wurde eine britische Polizistin bei einer Anti-Gaddafi-Demonstration in London hinterrücks erschossen. Man vermutete den Attentäter in der libyschen Botschaft.

1986 explodierte eine Bombe in der Berliner Diskothek LaBelle, die vor allem von US-Soldaten besucht wurde (3 Tote, viele Verletzte).

Zehn Tage später bombardierten US-Kampfflugzeuge die libyschen Städte Tripolis und Bengasi (40 Tote).

1988 ließ ein Bombenattentat eine vollbesetzte PanAm-Maschine über dem schottischen Lockerbie abstürzen (270 Tote). Libyen galt wieder als Drahtzieher.

1989 stürzte ein französisches Flugzeug über dem Niger ab (170 Tote). Auch hier fiel der Verdacht auf Libyen.

Und 1990, im Zweiten Golfkrieg, stellte sich Libyen – zusammen mit der PLO – demonstrativ auf die Seite des Irak.

Zwar hatte US-Präsident Ronald Reagan die Handelsbeziehungen zu Libyen bereits 1986 gekappt und libysche Vermögen auf US-Konten eingefroren, doch 1992/93 wurden diese Maßnahmen noch verschärft: Der UN-Sicherheitsrat verhängte Sanktionen gegen Libyen. Dadurch konnte das Land nicht am 1995 beginnenden Barcelona-Prozess der EU teilnehmen. Libyen galt als „Paria“ der internationalen Gemeinschaft, als „Schurkenstaat“. Erst um die Jahrtausendwende zeichnete sich eine Entspannung in diesem Konflikt ab, denn die Sanktionen des Westens zeigten Wirkung. Der Diktator musste gegen die schleichende Wirtschaftskrise im eigenen Land etwas unternehmen.

Im Sommer 2000 halfen Gaddafi-Millionen bei einer spektakulären Geiselbefreiung auf den Philippinen. 2001 verurteilte Gaddafi die Terroranschläge auf das World Trade Center in New York. Und Libyen zahlte, nachdem es die Verantwortung (nicht aber die Schuld) für den Lockerbie-Anschlag übernommen hatte, 2,7 Milliarden Dollar Entschädigung an die Familien der Opfer.

Gaddafi war nun ein wichtiger Verbündeter im „Kampf gegen den Terror“ (sein Geheimdienst versorgte die Geheimdienste der USA und Großbritannien mit Informationen über islamistische Gruppen und die IRA). Am 12. September 2003 wurden die UN-Sanktionen gegen das Land deshalb aufgehoben. Und Libyen machte dem Westen weitere Avancen. Öffentlichkeitswirksam erklärte Gaddafi den Verzicht auf Massenvernichtungswaffen und unterzeichnete das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag (das unangemeldete Kontrollen der Internationalen Atomenergie-Kommission in libyschen Anlagen erlaubte).

 

Alle wollen plötzlich mit Gaddafi ins Geschäft kommen

Nun war der Weg frei für eine neue Ära der Kooperation zwischen Libyen und dem freien Westen. 2004 besuchte Tony Blair als erster westlicher Staatschef Revolutionsführer Muammar el-Gaddafi in Libyen, die USA beendeten ihr Handelsembargo und nahmen die diplomatischen Beziehungen wieder auf. Die EU stoppte das seit 1986 geltende Waffenembargo und lud Gaddafi nach Brüssel ein.

Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder reiste zu Gaddafis Beduinenzelt (und zur Firma Wintershall in die libysche Wüste) – 25 Wirtschaftsführer im Schlepptau, die alle auf lukrative Aufträge hofften. Siemens, MAN, ThyssenKrupp und viele andere sollten die in der Sanktionszeit verrottete libysche Infrastruktur grundlegend erneuern. Überdies hoffte Schröder, das Land in den europäischen Barcelona-Prozess integrieren zu können.

Gaddafi wurde jetzt überall hofiert. Als Verbündeter im Kampf gegen den Terror, als Groß-Investor (in der europäischen Finanzkrise), als Lieferant exzellenten Öls, als Beschützer der europäischen Südgrenze vor illegalen Einwanderern. Silvio Berlusconi und Nicolas Sarkozy warben ebenso gurrend um die Gunst des afro-arabischen „Exzentrikers“ wie US-Außenministerin Condoleezza Rice und später Barack Obama – beim G8-Gipfel im Juli 2009 in Italien. Das Thema Menschenrechte oder die Behandlung der Gefangenen spielte bei all diesen Treffen keine Rolle.

Am 1. September 2009 konnte der „Operettenkaiser“ Afrikas sein 40-jähriges Dienst-Jubiläum feiern. Als Mäzen und Präsident der Afrikanischen Union (AU) war er auf dem Gipfel seines Ruhms und seiner internationalen Anerkennung.

Dann folgte der jähe Absturz. Der im Dezember 2010 in Tunesien aufblühende arabische Frühling griff blitzschnell auf das benachbarte Libyen über. Am 15. Februar 2011 erhoben sich im Ostteil des Landes die ersten Rebellen. 42 Jahre nach dem Sturz von König Idris durch den „linken“ Gaddafi sahen die Senussi ihre Chance auf Revanche in Reichweite. Im Windschatten des arabischen Frühlings wollten sie wieder an die Macht gelangen.

Und der Westen? Er unterstützte den gewaltsamen Regime-Change. Am 27. Februar beschloss der UN-Sicherheitsrat ein Waffenembargo und fror die libyschen Vermögen ein. Am gleichen Tag gründete sich – unter dem Schutz der französischen Regierung – der Nationale Übergangsrat, der Gaddafi ablösen wollte.

Am 5. März begannen die Rebellen den offenen Bürgerkrieg, am 17. März beschloss der UN-Sicherheitsrat zu ihrem Schutz eine Flugverbotszone sowie die Generalerlaubnis für alle Länder, in Libyen nach eigenem Gutdünken zu intervenieren. Zwei Tage später begannen die Westmächte Frankreich, Großbritannien und die USA mit ihren Luftschlägen gegen Gaddafis Armee. Die EU als Organisation mit ihrer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) war abgemeldet.

Und die Mittelmeer-Union? Der Barcelona-Prozess? Alles Geschwätz von gestern. Frankreich setzte auf Alleingang und gewaltsamen Umsturz, und rückte seine nationalen Interessen in den Mittelpunkt. Es kopierte damit praktisch die US-Strategie. Die Grande Nation wollte ihr traditionelles Einflussgebiet in Afrika ungeschmälert erhalten: Zwischen Frankreich und die frankophonen Länder im Maghreb sollten sich weder EU-Interessen noch US-Militärbasen drängen können.

Damit zeigte der Militär-Einsatz in Libyen – stärker noch als der Krieg im Irak – den wahren Zustand der westlichen Allianz. Zwar klebte das Wörtchen NATO noch auf allen Aktionen, doch längst ging jeder große Mitgliedsstaat der westlichen „Wertegemeinschaft“ seine eigenen nationalen Wege. Der gemeinsame, auf Gewaltverzicht basierende Ansatz, den der Barcelona-Prozess der EU einmal verkörperte, löst sich nun in bilaterale „Geschäfte“ auf. Jeder wird mit Argusaugen darüber wachen, wer künftig welches Stück vom afrikanischen Kuchen abbekommt. Der Libyen-Krieg hat ein neues „Scramble for Africa“ eröffnet.

Deshalb ist Libyen ein Präzedenzfall. Afrika ohne seinen „Schutzherrn“ und Chefideologen Gaddafi – den manche Herrscher Afrikas auch „König der Könige“ nannten – liegt jetzt da wie eine Torte, die darauf wartet, verspeist zu werden.

 

Nächste Folge:

4. Die Zukunft der Region. Warum Europa zum Barcelona-Prozess zurückkehren sollte

 

Bislang erschienen:

1. Der Barcelona-Prozess der EU oder: Der friedliche Demokratisierungsversuch

2. Das US-Konzept vom „Greater Middle East“ oder: Der gewaltsame Demokratisierungsversuch



Der richtige Weg zum demokratischen Orient (II)

15 September 2011 um 10:47 • 2 Kommentarepermalink

Warum sich amerikanische und europäische Strategie nicht vertragen. Eine vierteilige Serie zum Umbruch in Nordafrika und im Nahen Osten.

 

1. Der Barcelona-Prozess der EU

2. Das US-Konzept vom „Greater Middle East“

3. Der Krieg gegen Libyen

4. Die Zukunft der Region

 

2. Das US-Konzept vom Greater Middle East oder: Der gewaltsame Demokratisierungsversuch

Mit dem Beginn der zweiten Intifada der Palästinenser im Herbst 2000 und dem Terror-Anschlag auf das World Trade Center im September 2001 hatten sich die Hoffnungen auf eine friedliche Demokratisierung der Region vorerst erledigt.

Der Westen verfiel wieder in seine alte Cäsaren-Haltung: Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt. US-Präsident George W. Bush rief die Welt zum „Kampf gegen den Terror“, und viele westliche Regierungen (nicht: Bevölkerungen!) folgten. Die US-Regierung erfand einen Kriegsgrund gegen den Irak („Massenvernichtungswaffen“) und erklärte den Sturz Saddam Husseins zum Schlüssel für die Demokratisierung der gesamten Region.

Der „Regime-Change“ – seit vielen Jahren schon angestrebt und nun endlich in Reichweite – sollte mit militärischen Mitteln eingeleitet und abgesichert werden. Nur einige Skeptiker aus „Old Europe“ (Deutschland, Frankreich, Belgien) hielten trotzig an ihrem zivilen Auftrag fest.

Die Militärstrategie der USA schien (zunächst) tatsächlich effektiver zu sein als der auf Kooperation, Ausgleich und Entwicklung basierende Barcelona-Prozess. Bereits im Frühjahr 2003 waren Afghanistan und der Irak „befreit“. Jetzt stellte sich die Frage: Wie weiter? Wie sollte die Freiheit in der Region befestigt und ausgedehnt werden? Die Koalition der Willigen hatte ja nur einen ersten Pflock eingeschlagen, durch dessen „swing“ – so die Vorstellung der US-Regierung – alle weiteren Despoten umfallen würden wie Dominosteine. Aus Angst, dass es ihnen genau so ergehen könnte wie Saddam.

Dieses Brachial-Konzept bezeichnete US-Präsident George W. Bush in einer Ansprache vor der Stiftung National Endowment for Democracy (NED) am 6. November 2003 als „Vorwärtsstrategie der Freiheit“. Die Befreiung der Völker aller Kontinente sei die Mission Amerikas seit dem Ersten Weltkrieg:

„In the trenches of World War I, through a two-front war in the 1940s, the difficult battles of Korea and Vietnam, and in missions of rescue and liberation on nearly every continent, Americans have amply displayed our willingness to sacrifice for liberty… Our commitment to democracy is also tested in the Middle East, which is my focus today, and must be a focus of American policy for decades (!) to come. In many nations of the Middle East — countries of great strategic importance — democracy has not yet taken root. And the questions arise: Are the peoples of the Middle East somehow beyond the reach of liberty? Are millions of men and women and children condemned by history or culture to live in despotism? Are they alone never to know freedom, and never even to have a choice in the matter? I, for one, do not believe it. I believe every person has the ability and the right to be free.“

In seiner vielbeachteten Rede kündigte George W. Bush aber nicht nur die Fortsetzung der Reaganschen Ostpolitik an, er annoncierte auch einen jahrzehntelangen amerikanischen Opfergang für die Demokratie im Nahen Osten (= Heiliger Krieg). Eine von außen kommende Initiative in Gestalt der US-Marines sollte also die Einführung der Demokratie in den islamischen Ländern erleichtern (wobei Bush die Golfmonarchien, Saudi-Arabien und Marokko offenbar ausklammerte).

Anfang 2004 erreichte das missionarische Konzept vom „Opfergang für die Freiheit“ auch Europa. Bei der Münchner Sicherheitskonferenz (bei welcher Außenminister Joschka Fischer ein Jahr zuvor noch sein „I am not convinced!“ in Richtung der Irak-Kriegs-Befürworter gekrächzt hatte), brachten die US-Vertreter die renitenten Europäer auf Linie. US-Senator Richard Lugar, Vorsitzender des Senats-Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten, referierte zum Thema „NATO and the Greater Middle East“: Die Demokratisierung des Orients sollte ein Gemeinschaftsprojekt der NATO werden. Denn nur eine gut bewaffnete Wertegemeinschaft sei in der Lage, diesen „Großraum“ dauerhaft zu „stabilisieren“.

Das NATO-Konzept bot der US-Regierung zwei entscheidende Vorteile: Erstens hatte die NATO auf diese Weise wieder eine wichtige Aufgabe, und zweitens konnten die – aus unterschiedlichen Gründen – so skeptischen NATO-Mitglieder Deutschland und Frankreich nun politisch und finanziell (ein)gebunden werden. Denn gewaltsame „Demokratisierung“ ist ein kostspieliges Unterfangen, wie man heute an den vielen Milliarden Dollar ablesen kann, die in die Region fließen müssen (z.B. zur Finanzierung korrupter Eliten).

Als Alternative zum Barcelona-Prozess der EU implementierte die US-Regierung auch gleich ein eigenes Zivil-Programm, die Middle East Partnership Initiative (MEPI), die nach offizieller Lesart besonders den Frauen und Jugendlichen in der Region zugute kommen sollte. Und wie schon beim Barcelona-Prozess existieren auch hier drei thematische „Körbe“: 1. die Förderung der Demokratie (= Good Governance), 2. der Aufbau einer Wissensgesellschaft und 3. der Ausbau der ökonomischen Potenziale. Das Programm wurde mit 129 Millionen Dollar ausgestattet und war damit wesentlich großzügiger dotiert als die „Mittelmeerunion“ der EU. Auch handelten die USA ohne jeden Zeitverzug. Bereits im Herbst 2004 konnte das erste regionale Verbindungsbüro der Partnerschafts-Initiative in Tunis eröffnet werden. Die USA waren damit lange vor der Revolution am richtigen Ort.

Die EU-Strategen sahen zu und taten – nichts. Sie ließen sogar zu, dass durch die Verknüpfung des Barcelona-Prozesses mit der US-Strategie zur „Befreiung der Völker“ das zarte Pflänzchen einer gemeinsamen europäischen Außenpolitik nachhaltig beschädigt wurde – wie sich im Libyen-Krieg sieben Jahre später herausstellen sollte. Frankreich, die Grande Nation, warf aus Selbstüberschätzung (und vielleicht auch wegen der möglichen US-Konkurrenz im traditionell französischen Einflussgebiet Nordafrika) die EU-Barcelona-Prinzipien über Bord, und wagte den Alleingang. Und Deutschland? Die deutsche Regierung zögerte zunächst, und hielt sich dann aus allem heraus. In der Libyen-Krise spielte die EU als Gemeinschaft keine tragende Rolle mehr. Sie überließ die Politik wieder den traditionellen „Großmächten“ des 19. und 20. Jahrhunderts.

 

Die nächsten Folgen:

3. Der Krieg gegen Libyen oder: Verfällt Europa einem neuen Kolonialismus?

4. Die Zukunft der Region. Warum Europa zum Barcelona-Prozess zurückkehren sollte

 

Bisher erschienen:

1. Der Barcelona-Prozess der EU oder: Der friedliche Demokratisierungsversuch

 


Der richtige Weg zum demokratischen Orient (I)

13 September 2011 um 15:15 • 3 Kommentarepermalink

Warum sich amerikanische und europäische Strategie nicht vertragen. Eine vierteilige Serie zum Umbruch in Nordafrika und im Nahen Osten.

 

1. Der Barcelona-Prozess der EU

2. Das US-Konzept vom „Greater Middle East“

3. Der Krieg gegen Libyen

4. Die Zukunft der Region

 

1. Der Barcelona-Prozess der EU oder: Der friedliche Demokratisierungsversuch

Als es losging in Tunesien, im Dezember 2010, zeigten sich viele Politiker und Medien des Westens völlig überrascht. Diesen spontanen Aufbruch in die Freiheit hatten sie nicht erwartet. Doch der Aufbruch war gewollt und von langer Hand vorbereitet. Er war die logische Konsequenz der offiziellen und von jedermann einsehbaren Strategie des Westens, den Orient zu demokratisieren.

Diese Politik begann mit der weltpolitischen Wende des Jahres 1989. In der (über)großen Euphorie der Umbruchjahre von 1989 bis 1991 wurde der kühne Plan geboren, nach dem Osten nun auch den Süden in den demokratischen Weltmarkt zu integrieren. In Europa gab es – im Unterschied zu den USA – für eine solche Strategie auch ein erfolgreiches Vorbild: die KSZE, die „Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“, die sich aus der Brandtschen Ostpolitik entwickelt und die Wende in Osteuropa mit vorbereitet hatte.

Nach der Ostflanke der EU sollte nun also deren Südflanke demokratisiert werden. Und weil der Umsturz 1989 zu einer deutlichen Machterweiterung Deutschlands innerhalb der EU geführt hatte, sollte Frankreich die Führung im Süden übernehmen.

Um den ambitionierten Umwälzungs-Prozess aber überhaupt einleiten zu können, war eine Annäherung der Konflikt-Parteien im „eigentlichen“ Nahostkonflikt Voraussetzung: Israel und die Palästinenser mussten sich irgendwie auf eine friedliche Koexistenz verständigen. Und tatsächlich: Mit den zwischen 1993 und 1995 erzielten Abkommen (Oslo I, Gaza-Jericho-Abkommen, Oslo II) schien das größte Hindernis für eine Demokratisierung des Orients beseitigt zu sein.

Im November 1995 konnten die Staatschefs der EU die so genannte „Euro-Mediterrane Partnerschaft“ (EMP) in Barcelona aus der Taufe heben. Ihr Ziel war es, einen gemeinsamen Raum des Friedens, der Stabilität und des Wohlstands mit allen südlichen und östlichen Mittelmeeranrainern zu schaffen. Und wie schon zwei Jahrzehnte zuvor beim Helsinki-Prozess der KSZE  teilte man die zu bewältigenden Aufgaben in drei „Körbe“ ein: Korb I regelte die politische und die Sicherheitspartnerschaft, Korb II die Wirtschafts- und Finanzpartnerschaft, Korb III die Partnerschaft im kulturellen, sozialen und menschlichen Bereich. Gemeinsames normatives Ziel aller drei Körbe war die Demokratisierung der gesamten Region – von der Achtung der Menschenrechte über die Reduzierung des Wohlstandsgefälles bis hin zur Förderung von Zivilgesellschaften.

Doch unmittelbar nach dem Ende der hoffnungsvollen Barcelona-Konferenz geriet der Nahost-Friedensprozess ins Stocken. Insbesondere die beiden israelischen Falken Ariel Sharon und Benjamin Netanjahu störten jeden Ansatz für einen friedlichen Ausgleich. Endgültig scheiterte der Oslo-Friedensprozess dann im Jahr 2000 in Camp David, als sich PLO-Führer Jassir Arafat und Israels Premierminister Ehud Barak nicht auf eine Fortsetzung der Verhandlungen einigen konnten.

Der Konflikt verschärfte sich durch die im September 2000 beginnende zweite Intifada der Palästinenser (mit fast 5000 Toten) und durch die Terroranschläge auf das World Trade Center im September 2001 (mit fast 3000 Toten). Der anschließende „Kreuzzug gegen den Terror“, der vom Zaun gebrochene Krieg gegen den Irak und der Druck der USA auf die europäischen Staaten, sich der „Kriegs-Koalition der Willigen“ anzuschließen, brachten den Barcelona-Friedensprozess schließlich zum Erliegen. Die Südpolitik der EU zerbröselte und blieb wirtschaftlich, politisch und zivilgesellschaftlich hinter den (großen) Erwartungen der Mittelmeer-Bevölkerungen zurück. Kooperationen gab es nur auf Sparflamme. Die versprochene gemeinsame Entwicklung der Region fand nicht statt.

Dann kam Sarkozy. Frankreichs neuer Staatspräsident wollte die Größe seines Landes (und seine eigene Bedeutung als Staatschef) durch die Neubelebung des Barcelona-Prozesses demonstrieren. Unter großem Zeremoniell ließ er am 13. Juli 2008 die „Union für das Mittelmeer“ gründen: 43 Außenminister unterzeichneten in Paris feierlich die Gründungsakte. Obwohl der Friedensprozess im Nahen Osten immer noch auf Eis lag, obwohl Deutschlands Skepsis überwog, und obwohl die Mittelmeer-Union ohne große Rücksprache mit den Partnerländern in Nordafrika installiert worden war, schien sich wieder etwas zu bewegen „in Richtung Barcelona“.

Allerdings ziemlich stotternd. Vor allem Libyens Staatschef Gaddafi beklagte die Spaltung der Arabischen Liga und der Afrikanischen Union durch Europas Einmischungspolitik, Israel unterminierte die Arbeit der Mittelmeerunion durch immer neue Militäroperationen, und der nach vielen Verzögerungen endlich ins Amt eingesetzte Generalsekretär der Mittelmeer-Union, Ahmed Masadeh, erklärte im Zuge des beginnenden Aufstands in Tunesien und Ägypten im Januar 2011 seinen Rücktritt. Er sei unzufrieden, ließ er verlauten, mit der mangelnden Fähigkeit der Union, ihre Ziele vor Ort umzusetzen. Den großen Worten der Mittelmeer-Union würden leider keine Taten folgen.

So ist es bis heute geblieben.

 

 

Die nächsten Folgen:

2. Das US-Konzept vom „Greater Middle East“ oder: Der gewaltsame Demokratisierungsversuch

3. Der Krieg gegen Libyen oder: Verfällt Europa einem neuen Kolonialismus?

4. Die Zukunft der Region. Warum Europa zum Barcelona-Prozess zurückkehren sollte



Wo bin ich?

You are currently browsing entries tagged with Serie at Wolfgang Michal.