Neoliberale, hört die Signale!

12 August 2015 um 15:15 • 11 Kommentarepermalink

Syriza und Podemos sind nicht mehr allein. Mit Bernie Sanders & Jeremy Corbyn präsentieren sich erstmals zwei angelsächsische Vertreter des Wind of Change. Zwar glauben die hiesigen Eliten, sie könnten die „Rebellen“ als Witzfiguren und Sonderlinge abstempeln, aber das wird nicht mehr lange funktionieren.

 

Die deutschen Leitmedien, also die „Wahrheitspresse“, würden die Kandidaten am liebsten in die linksextreme Ecke stellen oder als grantelnde Alte in die Theaterloge der großen Politik verbannen – wie Waldorf und Statler in der legendären Muppetshow. Denn Bernie Sanders, der überraschend populäre US-Präsidentschafts-Kandidat aus Vermont, und Jeremy Corbyn, der überraschend populäre Anwärter auf den Vorsitz der britischen Labour-Partei, sind schon 73 und 66 Jahre alt. Seit mehr als 30 Jahren „wettern“ sie gegen eine neoliberale Politik, die die Reichen immer reicher, die Mittelschichten immer ratloser und die Armen immer ärmer macht.

Das ist natürlich unerhört! Die jüngste Ausgabe der Zeit berichtet, dass dem Kandidaten Bernie Sanders die Herzen der gebeutelten Amerikaner zufliegen:

„Zu seinen Auftritten kommen mehr Zuschauer als zu den grell orchestrierten Events aller anderen Präsidentschaftskandidaten. Im Juli sprach er vor 10.000 Menschen in Madison im Bundesstaat Wisconsin, 15.000 waren es wenige Wochen später in Seattle. Mit 28.000 Zuhörern in Portland legte Sanders am Sonntag seinen bislang größten Auftritt hin. Hillary Clinton brachte es in der Eröffnungs-Veranstaltung in New York nur auf schlappe 5.500 Zuschauer.“

Offenbar hören jene Amerikaner, die in den deutschen Leitmedien höchst selten vorkommen, ganz gern die Kritik an „gierigen Milliardären“ und „kriminellen Banken“. Sie finden Sanders moderate politische Positionen – für einen flächendeckenden Mindestlohn, für kostenlose Hochschulausbildung, für staatliche Beschäftigungsprogramme – gar nicht so verkehrt. Das „politische Establishment“ der USA schmähe ihn deshalb als „Sonderling“. So weit der Bericht.

Und was macht die Zeit-Redaktion daraus? Sie übernimmt bereits im Vorspann ihres Beitrags das Urteil des „US-Establishments“ und schreibt im Indikativ, Sanders „ist ein politischer Sonderling“.

 

Die „Freunde“ von der Hamas und irische „Genossen“

Jeremy Corbyn ergeht es ähnlich. Die Website der Tagesschau wählt als Überschrift den inneren Widerspruch „Linker Außenseiter gewinnt Labour-Herzen“. Und die FAZ ernennt Corbyn zum „britischen Tsipras“. Denn die Leitmedien müssen Nachrichten immer so „kuratieren“, dass sie von den Lesern auch richtig verstanden werden. Bei der Tagesschau gehört Corbyn deshalb dem „extrem linken Parteiflügel von Labour“ an („linker Flügel“ genügte der Redaktion offenbar nicht). Der „bärtige, grauhaarige“ Außenseiter löse – ähnlich einem Popstar – eine wahre „Corbynmania“ aus, weil er – Potzdonner – für eine „faire Gesellschaft“ wirbt. Und natürlich überzeugt er die Massen nicht als Politiker, nein, er „surft“ bloß auf einer „Welle der Sympathie“.

Die FAZ – seit Schirrmachers Tod wieder freudig reaktionär – sagt gleich im Vorspann ihres Berichts, wo’s lang geht: „Im Rennen um den Vorsitz der Labour Party führt ein linksradikaler Autogegner, Pazifist und Vegetarier.“ Damit scheint alles gesagt. Aber es kommt noch schlimmer. Corbyn, so die FAZ angewidert, „verachtet“ die Monarchie ebenso wie den Kapitalismus.

„Nie hatte er ein nennenswertes Parteiamt inne – er war der, der auf die provisorische Bühne stieg, wo gerade gegen den Irakkrieg oder Nuklearwaffen protestiert wurde, das Klima gerettet und Blockaden gegen Banken organisiert wurden.

Corbyn gehörte zu den ersten britischen Abgeordneten, die Freiheit für Nelson Mandela forderten, er spann Kontakte von seinen „Freunden“ bei der Hamas bis zu den Sozialisten Venezuelas und nahm besonderen Anteil an der irischen Politik.

Am Dienstag ließ er sich mit dem irischen „Genossen“ Gerry Adams von der links-nationalistischen Sinn Fein im „Portcullis House“, dem Sitz vieler Abgeordneter, fotografieren.“

Solche Absätze, gespickt mit unterschwelligen Verurteilungsbegriffen und feinsinnigen Anführungszeichen, laufen bei der Qualitätszeitung FAZ unter „Bericht“. Man sieht förmlich, wie es den Autor schüttelt. Aber Gott sei Dank kann er noch einen namenlosen Politikberater als unabhängige Quelle zitieren, der Corbyns Anhänger „schlicht ‚Schwachköpfe’“ nennt.

Dieser Corbyn nun „widersetzte sich als einziger Kandidat“ (!) der amtierenden Labour-Vorsitzenden „und stimmte mit 47 Fraktionskollegen vom linken Flügel gegen das Sozialhilfe-Sparprogramm der konservativen Regierung“. Das muss man sich einmal vorstellen: Ein Sozialdemokrat, der es wagt, gegen die Politik der konservativen Regierung zu stimmen!

In Deutschland kann man sich so etwas gar nicht mehr vorstellen.

Update 13.8.: Die Bildzeitung macht Bernie Sanders heute zum gefährlichen „Querulanten“, der österreichische Standard nennt ihn ein „linkes Schreckgespenst“ und die Badische Zeitung vergleicht ihn mit einem „ungemachten Bett“.

Wie schnell sich der mediale Blick auf die linken „Außenseiter“ ändern kann, dokumentiert der Fall Alexis Tsipras. Tsipras gilt inzwischen als alternativlos und als Garant der Stabilität.

Und wie man ohne Schaum vor dem Mund über Jeremy Corbyn berichten kann, beweisen der Freitag und der Guardian.


House of Cards in echt. Der Machtwechsel bei der Washington Post

19 Oktober 2014 um 16:05 • 1 Kommentarpermalink

Nicht nur die Hamburger Verlegerdynastie Jahr beendet ihr ruhmreiches Verlegerdasein, auch die Grahams aus Washington tun es. Was kommt jetzt?

 

Ein Jahr nach dem Verkauf der Washington Post an Amazon-Gründer Jeff Bezos hat Katharine Weymouth, die letzte Verlegerin aus der Graham-Dynastie, das Blatt verlassen. Am 30. September war Übergabetag. Künftig wird die Post verstärkt online ausgeliefert: Wer für schlappe 379 Euro bei Amazon ein Kindle Fire HDX erwirbt, erhält eine Kompaktausgabe der Washington Post gratis dazu – in Form einer vorinstallierten App. Offenbar sind die Abo-Gebühren im Preis des Lesegeräts enthalten.

Amazon-Gründer Jeff Bezos leitet damit nicht nur die erwartete Verschmelzung seines Handelsimperiums mit der schönen neuen Medienwelt ein, er kann seine Interessen nun auch direkt im inneren Machtzirkel Washingtons wirken lassen. Denn als zeitgemäßer Medienmogul beherrscht er – wie die analogen Vorläufer in ihren Glanzzeiten – die komplette Wertschöpfungskette von der Produktion der ‚Breaking News’ über Herstellung und Vertrieb digitaler Medien bis zum Verkauf der Lesegeräte an die Nutzer. Außerdem sitzt er auf einem gewaltigen Datenhaufen, dessen Verwertung das Vorzeigeblatt finanzieren hilft.

Der Austausch der Alt-Verlegerin Katharine Weymouth am 1. Oktober markiert aber auch innenpolitisch einen Wendepunkt. Im Vorgriff auf die US-Präsidentschaftswahlen des Jahres 2016 (und die für die Republikaner wichtigen Zwischenwahlen am 4. November diesen Jahres) schiebt Bezos die Enkelin der berühmten Katharine Graham (die zu Zeiten des Watergate-Skandals Verlegerin war) auf einen bedeutungslosen Beraterposten ab und kürt den Washington-Insider und -Netzwerker Frederick J. Ryan Jr. zu ihrem Nachfolger – einen umtriebigen Anwalt und Geschäftsmann, der dem Polit-Betrieb der Hauptstadt näher steht als es einer Zeitung wie der Washington Post gut tun kann. Ryan gehörte zu den engsten Vertrauten des früheren US-Präsidenten Ronald Reagan. Bis 1995 war er dessen Stabschef im Weißen Haus, doch auch nach dem Ausscheiden Reagans aus dem Präsidenten-Amt bekleidete sein treuer Gefolgsmann allerlei Ehrenämter im Dienste seines Förderers.

Die heute übliche Anschlussverwendung für verdiente Mitarbeiter führte Ryan ins Medienbusiness, ins Herz des Allbritton-Medienhauses, das sich der Beobachtung des Washingtoner Politikbetriebs und des Weißen Hauses (unter besonderer Berücksichtigung republikanischer Interessen) verschrieben hatte. 2007 war Ryan Mitbegründer und Aufbauhelfer der (republikanisch orientierten) Website Politico, eines pfiffigen Online-Ablegers der Washington Post. Ryans gute Kontakte verschafften dem Medienhaus einen lukrativen Werbevertrag mit Goldman Sachs. (Der deutsche Springer-Verlag will jetzt mithelfen, einen Politico-Ableger auch in Brüssel zu etablieren, gewissermaßen als permanente EU-Überwachungsstation.)

Ryans Wechsel zur Washington Post lief ungefähr so ab wie die Deals in der US-Serie „House of Cards“: Während eines „Black-Tie“-Dinners der so genannten Beltway-Elite (das sind jene Politiker und Lobbyisten, die innerhalb des Washingtoner Autobahnrings arbeiten) soll Ryan der Frau des AOL-Gründers Steve Case anvertraut haben, dass er nun gern die Washington Post übernehmen würde, worauf ihm Jean Case, Steves Ehefrau, die Tür zu Jeff Bezos geöffnet habe. Es versteht sich von selbst, dass die Türöffnerin ebenfalls Vertraute eines ehemaligen republikanischen US-Präsidenten ist (George W. Bush) – offiziell leitet sie eine Wohltätigkeitsstiftung (die „Case Foundation“). Claire Underwood lässt grüßen.

Bleibt die Frage: Wie wird Frank Underwood, der in „House of Cards“ den Mehrheitsführer der Demokraten spielt, auf den politischen Positionswechsel der Washington Post reagieren?


Wo bin ich?

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